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Marino Faliero - Doge von Venedig

George Gordon Noël Byron: Marino Faliero - Doge von Venedig - Kapitel 4
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typedrama
authorGeorge Byron
titleMarino Faliero - Doge von Venedig
publisherVerlag von Phillip Reclam jun.
seriesLord Byrons sämtliche Werke
volumeDritter Band
translatorAdolf Seubert
correctorreuters@abc.de
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Erster Akt

Erster Auftritt.

Vorsaal im Dogenpalast.

Pietro tritt im Gespräch mit Battista herein.

Pietro. Der Bote ist noch nicht zurück?

Battista. Noch nicht!
Ich sandte öfter, wie Ihr mir befahlt;
Doch immer noch beräth die Signoria.
Sie streitet lange über Steno's Strafe.

Pietro. Zu lange, meint der Doge.

Battista. Wie erträgt
Er dieses Aufschubs Pein?

Pietro. Mit Ungeduld!

An seinem Dogenschreibtisch sitzt er, den
Ein großer Schriftenkram des Staates deckt:
Bittschriften, Meldungen, Erlasse, Akten,
Aufschubbefehle, Richtersprüche – kurz
Er scheint ganz aufgegangen in dem Amt;
Doch wenn er eine Thüre gehen hört,
Etwas, das wie ein Schritt, der nahet, schallt,
Das Murmeln einer Stimme – blitzt sein Aug'
Uno er fährt auf von seinem Stuhl, hält inn'
Und setzt sich wieder, heftet neu den Blick
Auf ein Decret. Doch sah ich wol, daß er
Kein Blatt gewendet seit der letzten Stunde.

Battista. Es heißt, er sei sehr aufgebracht. Es war
Von Steno auch ein schlechter Spaß, so grob
Ihn zu beleidigen.

Pietro. Jawol, wenn er
Ein armer Teufel wär'! Doch Steno ist
Ein Nobile und keck und flott und stolz.

Battista. So glaubt Ihr wol, er werd' nicht hart gestraft?

Pietro. Es wär' genug, würd' er gerecht gestraft.
Doch unsre Sache ist es nicht, den Spruch
Der Vierzig schon im Voraus zu bekritteln.

Battista. Da kommt er ja! – Wie ist's, Vincenzo?

Vincenzo tritt auf.

Vincenzo. Nun!
Das Urtheil ist gefällt, jedoch bis jetzt
Noch unbekannt. Ich sah es selbst, wie grad'
Der Präsident sein Siegel drückte auf
Das Pergament, das jener Vierzig Spruch
Dem Dogen bringt, und eile, ihm's zu künden. (Alle ab.)

Zweiter Auftritt.

Gemach des Dogen.

Marino Faliero. Bertuccia Faltern.

Bertaccio Faliero. Sie müssen Euch Gerechtigkeit gewähren!

Doge. Wir die Avogadori thaten – ja!
Als meine Klage an die Vierzig sie
Gesandt, damit er dort durch seines Gleichen,
Sein eigen Tribunal gerichtet würd'!

Bertuccio Faliero. Die werden schwerlich ihn beschützen können:
Ein solch' Vergehn kränkt jede Obrigkeit.

Doge. Kennt Ihr Venedig nicht? Die Vierzig nicht?
Doch gleich wird man's ja sehn.

Bertuocio Fallera (zu dem eintretenden Vincenzo.) Was gibt es Neu's?

Vincenzo. Ich bin beauftragt, Seiner Hoheit kund
Zu thun, daß seinen Spruch erlassen hat
Der Hof, und nach durchlauf'nem Formengang
Zu Füßen ihn dem Dogen legen wird.
Zugleich begrüßen jene Vierzig Euch
Als Haupt der Republik und bitten Euch,
Den Ausdruck zu genehm'gen ihrer Pflicht.

Doge. Ja! sie sind äußerst pflichtgetreu und stets
Demüthiglich! Ihr sagt, das Urtheil sei
Gefällt?

Vincenzo. So ist es, Hoheit! Als man mich
Hereinrief, siegelt' es der Präsident,
Damit kein Augenblick verloren ging,
Um nicht dem Haupte nur der Republik,
Nein, auch dem Kläger, die ja beide Eins,
Die schuld'ge Mittheilung davon zu machen.

Bertuccio Faliero. Habt Ihr aus irgend einem Umstand wol
Den Inhalt ihres Urtheilsspruchs errathen?

Vincenzo. Nein, Herr! Ihr wißt ja, wie geheimnißvoll
Die Richter in Venedig sind.

Bertuccio Faliero. Wol wahr,
Doch gibt es immer was, das schließen läßt,
Wenn feine Nase, scharfes Auge spürt:
Ein Flüstern, Murmeln, eine Miene selbst,
Die ernster oder wen'ger ernst sich zeigt.
Die Vierzig sind doch immer Menschen nur,
Sehr ehrenwerthe, weise und gerechte,
Ich geb' es zu, und so geheimnißvoll
Fast wie das Grab, zu dem sie Manchen schon
Verdammt; jedoch trotz alle Dem kann man
Aus ihren Mienen, wenigstens der Jungen,
Mit einem scharfen Blick, mit einem Blick,
Wie Eurer ist, Vincenzo! einen Spruch,
Noch eh' er ausgesprochen, sattsam lesen.

Vincenzo. Man schickte gleich mich weg, Signor, so daß
Ich keine Zeit bekam, zu merken, was
Sich in den Mienen dieser Herrn begab;
Auch ließ mich meine Stellung, nahe bei
Dem Angeklagten, Michel Steno, nicht –

Doge (heftig.) Und wie sah Er aus? Das berichtet mir.

Vincenzo. Nun, ruhig, nicht betrübt. Er schien ergeben,
Was immer auch sein Urtheil möchte sein.
Doch seht, da bringt man Euch den Spruch!

Der Secretär der Vierzig tritt ein.

Secretär. Der Vierzig hohes Tribunal entbeut
Ehrfurcht und Heil dem Dogen Faliero,
Venedigs höchster Obrigkeit, und bittet,
Daß Seine Hoheit les' und gut befinde
Den Spruch, den über Michel Steno, den
Patrizier, es gefällt, der wegen des
Vergehns ward angeklagt, das nebst der Strafe
In dem Berichte hier enthalten ist.

Doge. Zieht euch zurück und wartet draußen.

(Der Secretär und Vincenzo treten ab.)

Nimm!
Die Zeichen schwimmen mir wie Nebel vor
Dem Aug', ich kann sie fest nicht halten.

Bertuccio Faliero. Ruh'!
Faßt, theurer Oheim, Euch! Was zittert Ihr?
Es fällt gewiß nach Eurem Wunsche aus.

Doge. Mach' fort!

Bertuccio Faliero (liest). »Einstimmig ward beschlossen heut'
Im Rath, daß Michel Steno, der – wie selbst
Er zugestanden – in der letzten Nacht
Des Carnevals den Dogensessel mit
Den Worten frech beschrieb« –

Doge. Willst etwa du
Sie wiederkäun? Du, ein Faliero selbst,
Dich wälzen in der Schande unsres Hauses,
Das man in seinem Haupt beschimpft, dem Fürsten
Des einzigen Venedig? – Fort! den Spruch!

Bertuccio Faliero. Verzeihung, lieber Oheim! Ich gehorche:
(Liest.) »Daß Michel Steno einen Monat lang
In strenger Haft gehalten werden soll« –

Doge. Nun weiter, weiter!

Bertuccio Faliero. Es ist aus.

Doge. Was sagst
Du? Aus?! – Ja träum' ich denn? – Das ist nicht wahr!
Gib das Papier! (Reißt ihm das Papier aus der Hand und liest:)
»– Beschlossen heut' im Rath,
Daß Michel Steno« – – Neffe, deinen Arm!

Bertuccio Faliero. Faßt Euch! nur Ruh'! Dies unvorhergeseh'ne –
Ich will nach Beistand gehn.

Doge. Halt, Neffe! Bleib!
'S ist schon vorbei!

Bertuccio Faliero. Ich muß wol Recht Euch geben:
Der Spruch ist für die Schmähung allzu leicht.
Nicht ehrenwerth von jenen Vierzig ist's,
So nied're Strafe für was anzusetzen,
Das eine schwere Kränkung war für Euch,
Und selbst für sie als Eure ersten Räthe.
Doch ist die Sache drum noch nicht verloren,
Noch einmal könnt' an sie ihr appelliren,
Könnt' auch an die Avogadori gehn,
Die, sehn sie jetzo, daß kein Recht Euch ward,
Gewiß den vorher abgelehnten Fall
Zu Händen nehmen und den kecken Frevler
Jetzt richten werden nach Gerechtigkeit.
Seid Ihr nicht auch der Ansicht, lieber Ohm? –
Warum in Euch gekehrt? – Ihr hört mich nicht. –
Ich bitt' Euch, hört!

Doge (wirft die Dogenmütze zu Boden und will sie mit Füßen treten, wird aber von seinem Neffen zurückgehalten). O nähm' der Sarazen
San Marco's Stadt! So wollt' ich huld'gen ihm!

Bertuccio Faliero. Um's Himmels, aller Heil'gen willen, Ohm!

Doge. Hinweg! o wär' der Genuese hier!
O stünd' der Ungar, den bei Zara ich
Darniederwarf, jetzt vor dem Dogenschloß!

Bertuccio Faliero. Venedig's Doge sollte so nicht sprechen.

Doge. Venedig's Doge! Wer ist Doge hier?
Ich möcht' ihn sehn, daß er mir Recht verschaffe.

Bertuccio Faliero. Wenn Amt und Pflicht und Würde Ihr vergeßt,
Gedenkt der Mannespflicht, und laßt Euch nicht
Hinreißen von der Leidenschaft. Ein Doge –

Doge (unterbricht ihn). 'S gibt keinen mehr! Es ist ein Wort!
nein, nicht
Einmal! Zum schnöden Sprichwort ward's! So heißt
Von nun an ein verachteter Gesell,
Ein vielgeschmähter, hilflos armer Wicht!
Wer fruchtlos bei dem Einen fleht um Brod,
Trifft bei dem Andern doch ein milder Herz.
Wer aber da, wo Recht man finden soll,
Kein Recht erhält, ist ärmer als der Bettler,
Der abgewiesen ward: er ist ein Sklave!
Und das bin ich von dieser Stunde an,
Bist du, ist unser ganzes Haus! Der Lump
Wird mit den Fingern höhnisch auf uns deuten,
Der stolze Edelmann mag nach uns spein.
Wo finden Hilfe wir?

Bertuccio Faliero. In dem Gesetz,
Mein Fürst!

Doge (unterbricht ihn). Ihr seht, was es vermag. Nur beim
Gesetz hab' Hilfe ich gesucht. Nicht Rache,
Genugthuung nur sucht' ich beim Gesetz;
Berief die Richter nur nach dem Gesetz,
Bat meine Untergeb'nen – ich, der Fürst! –
Die Männer, die zum Herrscher mich gemacht
Und so ein doppelt Recht mir gaben, so
Zu thun. Das Recht des Rangs, der Wahl, des Bluts
Verdienst's, des Alters, diese Narben hier,
Mein graues Haar, so manche Müh' und Noth,
Gefahr und Pein von achtzig Jahren fast,
Mein Blut und Schweiß, sie lagen in der Schale
Und in der andern der gemeinste Schimpf,
Die gröbste Kränkung, das verächtlichste
Vergehn, ein frecher, geiler, hitziger
Patrizier, – und in die Luft geschnellt!
Ist das zu tragen, he?

Bertuccio Faliero. Das sag' ich nicht.
Wenn ein erneuter Anruf scheitern sollte,
So finden wir wol andre Mittel noch.

Doge. Ein neuer Anruf? Bist mein Neffe du?
Ein Sprosse du von der Faliero Stamm?
Des Dogen Neffe? von dem Fürstenblut,
Das drei Mal schon Venedig Dogen gab?
Doch du hast Recht! Jetzt gilt's demüthig sein.

Bertuccio Faliero. Ihr seid zu aufgeregt, mein Fürst und Ohm!
Ich geb' es zu: der Schimpf war grob, und gröblich
Ward keine Strafe ihm, wie sich geziemt;
Doch Eure Wuth schießt übers Ziel hinaus.
Wenn man uns Unrecht that, so fordern wir
Gerechtigkeit; wird sie verweigert, nun,
So nehmen wir sie selbst. Doch alles Das
Kann ja in Ruh' geschehn. Die tiefe Rache
Ist tiefsten Schweigens Kind. Ich zähle kaum
Den dritten Theil erst Eurer hohen Jahre,
Ich liebe unser Haus, ich ehre Euch,
Des Hauses Haupt und meiner Jugend Hüter.
Doch wenn ich Euern Schmerz verstehen kann
Und halb auch theile Euern Zorn, erschreckt
Mich's doch, Euch wie die Adria empört
Zu schaun, wenn über alle Schranken weg
Sie stürmt und in die Lüfte speit den Schaum.

Doge. Ich sage dir – muß ich dir sagen, was
Dein Vater ohne Wort verstanden hätt'?
Hast du denn keinen Sinn für eine Qual,
Die innen auf die Folter spannt? Hast du
Denn weder Seel', noch Stolz, noch Leidenschaft,
Noch tiefes Ehrgefühl?

Bertuccio Faliero. Zum ersten Mal
Wird meine Ehre angezweifelt und –
Zum letzten Mal, wenn es ein Andrer that!

Doge. Du kennst die ganze Schmähung dieses Schufts,
Des feigen, geilen, schmeichlerischen Wichts,
Der seinen Stachel in der Giftschrift ließ,
Und der – o Gott! der Ehre meines Weibs,
Dem nächsten, liebsten Theil der Mannesehre
Den schnöden Fleck anhing, der nun von Mund
Zu Mund im wüsten Pöbel läuft, verbrämt
Mit grobem Zusatz, ekelhaftem Witz,
Unzücht'gem Spaß; indeß der Nobile
In fein'rer Weise drüber spottet, scherzt,
Geschichtchen flüstert und den Lug belächelt,
Der mich zu seines Gleichen machen soll,
Zum höf'schen Hahnrei, der geduldig – ja
Vielleicht mit Stolz sogar die Schande trägt.

Bertuccio Faliero. Gleichwol war's Lüge, und Ihr wußtet das,
Und Jedermann –

Doge. Der hohe Römer sprach:
»Auch nicht verdächt'gen darf man Cäsars Weib!«
Und er verstieß sie, Neffe!

Bertuccio Faliero. Wol! Doch damals –

Doge. Kann, was ein Römer nicht ertragen wollt',
Ein Venetianer Fürst erdulden? Hör!
Der alte Dandolo schlug einst die Krone
Des großen Cäsars aus, und trug die Mütze
Des Herzogs stolz, die ich mit Füßen trat,
Weil sie entwürdigt ist.

Bertuccio Faliero. Ja, ja! so ist's.

Doge. Es ist, es ist! – Ich suchte es nicht heim
An jener Reinen, die man angeschwärzt,
Weil einen Greis zum Manne sie erwählt,
Der lange ihres Vaters Freund gewesen
Und ihres Hauses Schutz; als ob das Herz
Des Weibs nur Jugendlust und glattes Kinn
Nur lieben könnt'. Ich suchte drum an ihr
Des Schurken Niederträchtigkeit nicht heim,
Ich heischte für sein Haupt nur meines Lands
Gerechtigkeit, die man dem Letzten schuldet,
Der eine Frau hat, deren Treu ihm werth,
Und eine Heimat, deren Herd ihm lieb,
Und einen Namen, dessen Ehr' ihm Alles,
Wenn der verfluchte Hauch der Spötterei
Und der Verleumdung sie beschmutzt.

Bertuccio Faliero. Und was
Habt als gerechte Strafe Ihr erhofft?

Doge. Den Tod! – Bin ich nicht Oberhaupt des Staats?
Ward nicht der Thron beschimpft, und lächerlich
Im Aug' des Volkes, das mich achten soll,
Gemacht? Ward ich als Gatte nicht entehrt?
Als Mann verletzt, als Fürst geschmäht, beschimpft?
War eine Läst'rung dieser Art nicht halb
Ein Hochverrat? Und dieser Bube lebt!
Hätt' mit dem Makel statt des Dogen Thron
Er eines Bauern niedern Stuhl beschmutzt,
Die Schwelle hätt' sein Blut gesehn, der Kerl
Hätt' ihn sofort erdolcht!

Bertuccio Faliero. Er hat gelebt,
Eh' diese Sonne sinkt! Beruh'ge dich
Und laß mich machen nur.

Doge. Halt, Neffe, halt!
Das hätte gestern noch genügt; doch heut'
Fühl' keinen Zorn ich mehr auf diesen Mann.

Bertuccio Faliero. Wie? Ist denn die Beleid'gung nicht verdoppelt,
Seit er so schmählich losgesprochen ward?
Nein, schlimmer noch! sie ward ja anerkannt
Und dennoch bleibt er ungestraft.

Doge. Jawol
Ward sie verdoppelt, aber nicht durch ihn.
Die Vierzig haben einen Monat Haft
Bestimmt. Den Vierzig müssen wir gehorchen.

Bertuccio Faliero. Gehorchen, ihnen? die doch selbst die Pflicht
Versagt, die ihrem Herrn sie schuldig sind?

Doge. Gottlob! Du merkst es also endlich, Knabe!
Ob ich nur Bürger, der sein Recht verfolgt,
Ob ich der Herrscher, der es heischen kann,
Sie haben Beider Rechte mich beraubt
(Denn auch der Herrscher ist hier Bürger ja).
Trotz all Dem sollst dem Steno du kein Haar
Auf seinem Haupte krümmen – lang trägt er's
Nicht mehr.

Bertuccio Faliero. Nicht einen halben Tag mehr, hättst
Du mir die Art und Weise überlassen
Und ruhig mich gehört. Es fiel mir ja
Nicht ein, daß es so hingehn sollt' dem Schuft.
Aufhalten wollt' ich nur der Leidenschaft
Erguß, damit wir sichrer schafften Rath,
Wie aus dem Weg man ihn –

Doge. Nein! er muß leben,
Jetzt wenigstens! Ein so gemeines Leben
Zu opfern, wär' jetzt nichts. Im Alterthum
Bracht' man gewisser That ein Einzelopfer,
Doch große Sühnen heischten Hekatomben.

Bertuccio Faliero. Dein Wunsch ist mir Befehl. Doch gern bewies
Ich dir, wie nahe meinem Herzen stets
Die Ehre unsres Hauses ging und geht.

Doge. Sei unbesorgt, es kommt die Zeit, der Ort,
Wo du's beweisen kannst. Indessen sei
Du nicht so hitzig wie ich war. Ich schäm'
Jetzt meines eig'nen Zornes mich; ich bitte,
Verzeihe mir.

Bertuccio Faliero. Das ist mein Oheim wieder!
Der General, der Staatsmann und das Haupt
Der Republik, der Herrscher seiner selbst!
Ich mußt' mich wundern, als in Eurer Wuth
Ihr trotz dem grauen Kopf die Klugheit so
Vergessen konntet, war der Anlaß auch –

Doge. Ja diesen Anlaß überlegt Euch wohl,
Vergeßt ihn nicht. Wenn Ihr Euch niederlegt,
So mög' er schwarz vor Euern Träumen stehn,
Und wenn der Morgen kehrt, Euch wie ein bös
Gewölk an einem Sommer-Festestag
Die Sonn' verdecken. So wird mir es sein!
Doch sagt nichts, thut nichts! überlaßt mir Alles,
Wir werden viel zu thun bekommen, und
Auch Ihr sollt eine Rolle dabei haben.
Nun aber geht; ich muß allein jetzt sein.

Bertuccio Faliero (nimmt die Dogenmütze vom Boden und legt sie auf den Tisch). Ich bitt' Euch, eh' ich geh, daß Ihr, was Ihr
Mit Füßen tratet, wieder nehmt, bis Ihr
In eine Krone es verwandeln könnt.
Nun nehm' ich Abschied und ersuche Euch,
In allen Stücken fest auf mich zu zählen:
Als Euern nah'n und treuen Anverwandten
Und ebenso ergebnen Unterthan. (Bertuccio Faliero ab.)

Doge. Leb' wohl, mein würd'ger Neffe! (ergreift die Dogenmütze)
hohle Nuß!
Mit allen Dornen einer Kron' besetzt,
Doch ohne daß du der beschimpften Stirne
Des Königs Macht und Majestät verleihst!
Du eitler, güld'ner und entehrter Tand!
Ich setz' dich heute auf wie ein Visir. (Setzt sie auf.)
Wie schmerzt die Stirne unter dir! Die Schläfe
Klopft fiebrisch unter deiner schnöden Last.
Kann ich dich nicht zum Diademe wandeln?
Kann den Briarens-Scepter ich nicht brechen,
Womit der hunderthändige Senat
Hier herrscht, das Volk zu Nichts, den Fürsten selbst
Zur Puppe macht? Nicht minder Schwieriges
Hab' ich ja schon gethan, für sie gethan,
Die also mir gelohnt. Kann ich's der Brut
Nicht geben heim? O hätt' ich nur ein Jahr,
Nur einen Tag der vollen Jugendkraft,
Als noch mein Körper meiner Seele diente,
Wie seinem Herrn das edle Roß, ich würf'
Mich unter sie und brauchte wenig Hilfe,
Um die geschwoll'nen Herren hinzustürzen!
So aber muß ich umschaun mich nach Armen,
Die dienen diesem grauen Haupt. Doch soll's
Ersinnen einen solchen Plan, daß das
Geschäft nicht zu herkulisch wird, wenn auch
Chaotisch erst noch die Gedanken brüten.
Schon ist die Phantasie am Werk und hält
Die schlafenden Gebilde an das Licht,
Daß prüfend der Verstand darunter wähle.
Von Truppen sind nur wenig in– – (Vincenzo tritt auf.)

Vincenzo. Ein Mann
Steht draußen, gnäd'ger Herr, und bittet um
Gehör– –

Doge. Ich bin nicht wohl, kann Niemand sehn,
Selbst 'nen Patrizier nicht. Er möge an
Den Rath sich wenden.

Vincenzo. Gut! Ich will's ihm sagen.
Es kann nicht von Bedeutung sein; 's ist ein
Plebejer nur, Galeerenmeister, glaub' ich.

Doge. Wie? ein Galeerenmeister sagt Ihr? nicht?
Das ist, denk' ich, ein Diener ja des Staats?
Laßt ihn herein: es kann den Dienst betreffen. (Vincenzo ab.)
Dem Biedermann will auf den Zahn ich fühlen.
Ich weiß, dies Volk ist mißvergnügt, und zwar
Mit Recht, seit Sapienza's bösem Tag,
Wo Genua siegte. Und ein weit'rer Grund
Ist der, daß es im Staat nichts gilt und in
Der Stadt noch weniger, daß Alle nur
Maschinen sind, der Lust der Herrn zu dienen.
Den Truppen ward der oft versproch'ne Sold
Lang nicht bezahlt, sie murren drob und hoffen,
Daß bald ein Wechsel ihnen Vortheil bringe.
Sie würden sich durch Plünd'rung zahlen lassen.
Jedoch die Pfaffen, fürcht' ich, mögen nicht
Sich anreihn mir; sie hassen mich, seit ich,
Durch sein Getrödel ohne Maß erregt,
Den säum'gen Bischof von Treviso Eine geschichtliche Thatsache. Siehe Marin Sanuto's Leben der Dogen. schlug,
Um zu beschleun'gen seinen heil'gen Gang.
Doch mögen gleichwol sie gewonnen werden,
Zum wenigsten ihr Haupt in Rom, wenn ich,
Ein Zugeständniß mach', das zeitgemäß.
Vor Allem aber muß ich mich beeilen!
Der Abend meines Lebens dämmert schon
Und läßt mir wenig Zeit. Könnt' ich Venedig
Befrein, das mir gescheh'ne Unrecht rächen,
So hätt' ich lang genug gelebt, und schliefe
Am Tag darauf bei meinen Vätern gern.
Doch wird mir Solches nicht, dann wäre besser,
Es lägen sechzig von den achtzig Jahren
Längst da, wo einst – wie bald, das scheert mich nicht! –
Die ganze Zahl vermodern wird; ja besser,
Sie blühten niemals mir, als daß sie mich
So weit gebracht, wie diese Erztyrannen
Mich gerne hätten. Ueberlegen wir:
Verfügbar sind drei Tausend Mann, die zu –

Vincenzo und Israel Bertuccio treten ein.

Vincenzo. Wenn Eurer Hoheit es gefällig wär'!
Der Mann, von dem ich sprach, ist hier, Euch um
Gehör zu flehn.

Doge. Laß uns allein, Vincenzo! (Vincenzo ab.)
Kommt näher, Herr! – Ihr wollt?

Israel. Genugthuung!

Doge. Von wem?

Israel. Von Gott, vom Dogen.

Doge. Ach, mein Freund!
Da sucht Ihr sie bei denen Zwei gerad',
Die heut zu Tag' am wenigsten hier gelten.
Ihr werdet besser an den Rath Euch wenden.

Israel. Das wär' umsonst: der mich beleidigt hat,
Sitzt selbst darin.

Doge. Du hast hier Blut am Mund;
Wie kam's dahin?

Israel. 'S ist meins! Das erste nicht,
Das für Venedig ich vergoß, jedoch
Das erste wol durch Venezianer Hand.
Mich schlug ein Nobile!

Doge. Und lebt er noch?

Israel. Nicht lang – wenn ich nicht hoffen dürft' und hoffte,
Daß Ihr, mein Fürst, der Ihr ja selbst Soldat,
Dem helfen wollt, dem Disciplin und das
Gesetz Venedigs nicht verstatten, selbst
Zu helfen sich. Wo aber nicht – ich sag'
Nichts mehr.

Doge. Doch würdet Ihr was thun, nicht wahr?

Israel. Ich bin ein Mann, mein Fürst.

Doge. Und der ist's auch,
Der Euch so schlug?

Israel. Man nennt ihn so: noch mehr,
Ein Edelmann, zum wenigsten dahier.
Doch da er schnöd' vergaß, daß ich ein Mann,
Und mich behandelt wie ein Vieh, könnt' leicht
Das Vieh – was man vom Wurm sagt – werden.

Doge. Sagt:
Wie heißt er und was ist er?

Israel. Barbaro.

Doge. Was gab den Anlaß oder Vorwand her?

Israel. Ich bin der Vorstand unsres Arsenals
Und eben jetzt bemüht, gewisse Schiffe,
Die von den Genuesen vorig's Jahr
Schwer mitgenommen, wieder herzustellen.
Heut' nun erschien der edle Barbaro
Und schmähte mich, weil unsre Handwerksleute
Statt einem nicht'gen Auftrag seines Hauses
Flugs nachzugehn, des Staates Arbeit thaten.
Ich wagt's, die Leute zu entschuldigen.
Da hob er seine Hand – und seht mein Blut!
Das erste Mal, daß es in Schande floß.

Doge. Wie lang' habt Ihr gedient?

Israel. So lang', daß ich
Mich der Belag'rung Zara's wohl entsinne.
Ich kämpfte unter dem Gen'ral, der dort
Die Ungarn schlug, jetzt Doge Faliero.

Doge. So sind Kam'raden wir! Mein Dogenkleid
Ist neu, und Ihr wart schon zum Haupt ernannt
Des Arsenals, eh' ich von Rom gekehrt,
So daß Ihr mir nicht zu Gesichte kamt.
Wer hat Euch angestellt?

Israel. Der letzte Doge.
Mein alt Kommando als Galeerenmeister
Behielt ich bei. Mein neues Amt ward mir
Als Lohn für ein Paar Narben zugetheilt,
Wie Euer Vorfahr gnädig mir bemerkte.
Ich ahnte damals nicht, daß dieser Lohn
Als Flehenden zu Dem, der Jenem folgt',
Mich führen würd', zumal in solchem Fall.

Doge. Ist die Verletzung schwer?

Israel. Ja unheilbar
In meinem Selbstgefühl.

Doge. Sprecht ganz Euch aus,
Und fürchtet nichts. Was wollt beginnen Ihr.
Da Ihr so schwer verletzt, um an dem Mann
Zu rächen Euch?

Israel. Was ich nicht nennen kann
Und doch vollbringen will.

Doge. Und warum dann
Kamt Ihr zu mir?

Israel. Gerechtigkeit zu fordern,
Weil mein Gen'ral der Doge ist, der es
Nicht dulden wird, daß Veteranen man
Also mit Füßen tritt. Denn saß ein And'rer
Als Ihr, Faliero, auf dem Dogenthron,
Dies Blut wär' längst durch andres Blut gewaschen.

Doge. Gerechtigkeit wollt Ihr von mir – von mir?
Venedigs Dogen? Die kann ich nicht geben,
Kann sie ja nicht erhalten für mich selbst.
Vor einer Stunde erst ward feierlich
Sie mir versagt.

Israel. Was meinet Eure Hoheit?

Doge. Daß Steno nur vier Wochen Haft erhält.

Israel. Der Mensch, der es gewagt, den Dogenstuhl
Mit jener schnöden Phrase zu beschmutzen,
Die schandhaft schlug an jedes Bürgers Ohr?

Doge. Sie hat wol auch durch's Arsenal getönt
Im gleichen Klang mit eurer Hämmer Schlag?
Ein guter Spaß dem heitern Handwerksmann,
Ein Rundgesang zum Ruderknarren gar,
Im wüsten Munde der Galeerensklaven,
Der sich, wenn er sein lustig Lied sang, freute,
Daß kein beschimpfter Greis er wie der Doge?

Israel. Ist's möglich? Steno nur vier Wochen Haft?
Nicht mehr?

Doge. Ihr habt gehört, wie mich der Mensch
Geschmäht, jetzt kennt Ihr seine Strafe auch.
Sucht Ihr noch immer Hilfe jetzt bei mir?
Geht zu den Vierzig, die ob Michel Steno
Den Spruch gethan; sie werden sicherlich
Dasselbe thun bei Barbaro.

Israel. O dürft'
Ich Ausdruck geben dem Gefühl!

Doge. Thut's nur!
Nicht schwerer kann gekränkt das meine werden.

Israel. Mit Einem Wort denn: nur von Euch hängt's ab,
Zu strafen und zu rächen – nicht etwa
Mein kleines Unrecht, denn was ist ein Schlag,
So schmählich er auch sei, für Unsereins? –
Nein! Die an Eurem Rang geübte Schmach
Und an Euch selbst.

Doge. Ihr überschätzt, was ich
Vermag: ein Scheinbild nur ist meine Macht;
Die Mütze hier ist keine Königskrone,
Und dies Gewand könnt' gleiches Mitleid heischen
Wie eines Bettlers Lumpenkleid, ja mehr!
Denn eines Bettlers Kleid ist sein, doch dies
Der armen Puppe nur, geliehn, die in
Dem Hermelin trotz aller Herrlichkeit
Nur eines Bettlers arme Rolle spielt.

Israel. Und möchtest du wol unser König sein?

Doge. Ja, wenn das Volk ein glückliches dann würd'.

Israel. Möchtst du der Souverän Venedigs sein?

Doge. Ja, wenn das Volk die Souveränetät
Mit mir dann theilt, daß beide wir nicht mehr
Die Sklaven wären dieser übermächt'gen
Aristokrat'schen Hyder, die, voll Gift,
Das Gift der Pest gehaucht hat in uns Alle.

Israel. Doch wurdest du als Nobile geboren
Und hast als solcher auch gelebt?

Doge. Ich ward
Zur bösen Stund als solcher einst geboren,
Denn die Geburt trug mich zum Dogenstuhl
Und auch zur Schmach. Doch lebt' und wirkte ich
Mehr als Soldat: Venedig diente ich,
Dem Volk, nicht dem Senat. Venedigs Glück
War stets mein Lohn, und meine eigne Ehre.
Ich focht und blutete, ich führte Heere
Und hab' gesiegt, hab' als Gesandter Frieden
Geschlossen oft, und oft ihn auch gestört,
Wie es der Vortheil unsres Landes brachte;
Hab' Land und See im Dienste viel durchkreuzt
Bei sechzig Jahr' lang, für Venedig stets,
Das meine Väter, das mich selbst geboren;
Und Lohn genug erschien es mir, wenn ich
Die theuern Thürme von der Ferne wieder
Aus den Lagunen sich erheben sah.
Doch hab' ich nie für eine Coterie,
Partei und Sekte, Blut und Schweiß vergossen.
Und fragt Ihr mich, warum ich all Das that?
Befragt den Pelikan, warum die Brust
Er selbst sich aufreißt? Hätt' er eine Stimme,
Er sagt': er that's für alle seine Jungen.

Israel. Doch machten sie zum Dogen dich.

Doge. Jawol!
Ich suchte nicht drum nach. Die goldne Fessel,
Sie harrte mein, als von der röm'schen Sendung
Ich heimgekehrt, und da ich weder Müh'
Und Last noch Dienste jemals ausgeschlagen,
Die für den Staat zu thun, lehnt' ich auch den
Nicht ab, der für den höchsten galt und doch
Der niedrigste im Thun und Dulden war.
Dein Schimpf bezeugt's, da ich so wenig dir,
Mein Sohn, kann Recht verschaffen wie mir selbst.

Israel. Ihr könntet Beides, wolltet Ihr es nur.
Viel Tausend gibt es hier, gleich sehr gedrückt,
Sie warten auf ein Zeichen nur. – Wollt Ihr's
Uns geben, Herr?

Doge. In Räthseln sprecht Ihr mir.

Israel. Ich löse sie auf meines Kopfs Gefahr.
Wollt Ihr mir leihen ein geduldig Ohr?

Doge. Sprecht, Freund!

Israel. Nicht du allein, noch ich bin hier
Beschimpft, mißbraucht, verachtet und zertreten,
Das ganze Volk empfindet schwer, wie es
Mißhandelt wird: die fremden Krieger in
Dem Solde des Senats sind lange nicht
Bezahlt; der eingebor'ne Seemann und
Die städt'sche Wache fühlet ebenso.
Wer ist darunter, dessen Bruder, Freund,
Deß Weib und Kind von den Patriziern
Nicht Schimpf und Druck und Kränkung litt? Auch hat
Die schlimme Fehde gegen Genua,
Die mit Plebejer Blute ward genährt
Und mit dem Geld, das sauer wir verdient,
Den Groll noch mehr entflammt, so daß – doch ich
Vergesse, daß mit diesen Worten ich
Vielleicht mir schon mein Todesurtheil sprach.

Doge. Und fürchtest du, nach dem, was du erlittst,
Den Tod? Dann schweig' und lebe fort, und laß
Von denen schlagen dich, für die dein Blut
Du gabst –

Israel. Nein! ich will sprechen, folg' daraus
Was will, und wenn Venedigs Doge zum
Angeber wird; fällt nur die Schmach auf ihn
Und auch der Schaden, denn weit mehr als ich
Verlör' er selbst.

Doge. Von mir fürcht' nichts. Heraus
Damit!

Israel. So wisse denn, daß eine Schaar
Von tapfern treuen Herzen insgeheim
Sich schon getroffen und verschworen hat.
Das' sind die Männer, die schon Manches durch-
Gemacht und denen das Geschick Venedigs
Gar nahe geht, und zwar mit vollem Recht,
Denn unter allen Himmeln haben sie
Ihm ja gedient; und wie vom fremden Feind
Sie's einst befreit, so möchten sie's von dem
Jetzt thun, den es in seinen Mauern hegt.
Sie sind nicht zahlreich, doch zu wenig nicht
Für ihren großen Zweck. Sie haben Waffen,
Und Geld und Muth und treues Hoffen, und
Geduld!

Doge. Weshalb dann zögern sie?

Israel. Sie harren
Der rechten Stunde nur.

Doge (bei Seite). Und diese Stunde
Soll bald die Glocke von San Marco Die Glocke von San Marco durfte nur auf Befehl des Dogen geläutet werden. Eine der Veranlassungen, dieses Alarmsignal zu geben, bot das Erscheinen einer genuesischen Flotte vor den Lagunen. schlagen.

Israel. Ich gab mein Leben, meine Ehr' und all
Mein irdisch Hoffen nun in deine Macht,
Doch in der Zuversicht, daß Kränkungen
Wie unsre, die dem gleichen Quell entflossen,
Auch ein gemeinsam Rachewerk erzeugen.
Wenn dies der Fall, so werde unser Haupt
Und später unser Souverän!

Doge. Wie viel
Seid ihr?

Israel. Darauf geb' ich nicht Antwort, bis
Ich Antwort hab'.

Doge. Wie, Mann? Ihr droht mir?

Israel. Nein!
Ich sage meine Meinung nur. Mich selbst
Verrieth ich dir, doch keine Folter gibt's
In den geheimnisvollen Todtenkammern
Hier unten tief, in des Palastes Kellern,
Noch in den Schreckenszellen unterm Dach
Von Blei, die auch nur Einen Namen mir
Entriss'. Umsonst wär Pozzo und Piombo!
Blut könnten sie entpressen mir, doch nie
Ein Wort. Die Seufzerbrück' passirt' ich froh,
Mein Seufzer wäre ja der letzte dann,
Deß Echo über jener styg'schen Welle tönte,
Die zwischen Mördern und Gemordeten
Des Kerkers und Palastes Mauern wäscht,
Es blieben Männer hinter mir, die mein
Gedächten und mich rächten!

Doge. Doch, wenn so
Gewaltig Eure Macht und Ziel, warum
Kommt Ihr zu mir und heischt Gerechtigkeit,
Da Ihr bald selbst Euch Recht verschaffen könnt?

Israel. Weil Einer, der die Obrigkeit um Schutz
Ansteht, zu dieser Obrigkeit Vertraun
Und Unterwerfung zeigt, und nicht wohl in
Verdacht geräth, daß er sie stürzen wolle.
Wenn allzu demuthsvoll ich diesen Schlag
Ertrug, so hätte eine finstre Stirn'
Und ausgestoß'ne Drohung leicht zum Ziel
Der Inquisition der Vierzig mich
Gemacht. Doch laute Klage, spricht sie auch
Sich zornig aus, erregt nicht eben Furcht,
Noch weniger Verdacht. – Und außerdem
Hatt' ich noch einen Grund.

Doge. Und welchen denn?

Israel. Es hieß, der Doge sei sehr aufgebracht.
Daß die Avogadori jenen Fall
Mit Michel Steno an die Vierzig gaben.
Ich hatte unter Euch gedient und wußte,
Daß schwer gekränkt Ihr müßtet sein, da Ihr
Zu jenen Geistern zählt, die Gut's und Böses
Vergelten zehenfach. Es war mein Wunsch,
Euch auf den Zahn zu fühlen und zur Rache
Zu reizen Euch. Nun wißt Ihr Alles! Daß
Ich Wahrheit sprach, bezeugt mein Wagniß Euch.

Doge. Ihr wagtet viel! Doch das muß Jeder thun,
Der Viel gewinnen will. In Einem soll
Euch Antwort nicht entgehn: was Ihr mir heut'
Vertraut, ist sicher hier.

Israel. Und ist das Alles?

Doge. Ei wenn nicht Alles Ihr mir anvertraut,
Welch' weit're Antwort wollt Ihr noch von mir?

Israel. Ich möchte, daß Ihr Dem vertraut, der Euch
Sein Leben setzt zum Pfand.

Doge. Ich muß den Plan,
Muß Namen, Zahl auch kennen, dann wird bald
Verdoppelt diese sein, gereift, verstärkt
Die ersteren.

Israel. Wir sind schon stark genug;
Um Euch allein noch ist es uns zu thun.

Doge. So macht mit Euern Häuptern mich bekannt.

Israel. Das soll geschehn, wenn förmlich Ihr gelobt,
Die Treu zu halten, die wir Euch geloben.

Doge. Wann? Wo?

Israel. Heut' Nacht bring' zwei der Führer ich
Zu Euch. Gefährlich wär' 'ne größre Zahl.

Doge. Gemach! Ich muß es überlegen noch.
Wie wär's, wenn den Palast ich ließ und, selbst.
In Eure Mitte mich begab'?

Israel. Doch mußt
Allein du nahn.

Doge. Mit meinem Neffen nur.

Israel. Mit deinem Sohn selbst nicht.

Doge. Unglücklicher!
Du wagst's zu nennen meinen Sohn! Er fiel
Bei Sapienza für dies schnöde Volk.
O lebte er und wär' ich selber Staub!
O lebte er, eh' ich zu Staube werd'!
Dann brauchte ich die zweifelhafte Hilfe
Der Fremden nicht.

Israel. Doch werden diese Fremden,
Die dir so zweifelhaft, gleichwol auf dich
Mit kindlichem Gefühle schaun, wofern
Du gegen sie nur Vaters Treue übst.

Doge. Der Würfel liegt. – Wo ist der Sammelplatz?

Israel. Um Mitternacht werd' ich allein, maskirt
An dem von Euch bestimmten Orte sein,
Euch zu erwarten und dahin zu führen,
Wo unsre Huldigung Euch werden soll,
Und über unsern Plan Ihr urtheiln mögt.

Doge. Um welche Stunde haben wir den Mond?

Israel. Erst spät! Doch dick und neblig ist die Luft,
Sirocco weht.

Doge. Gut denn! um Mitternacht
Soll' bei dem Dom, wo meine Väter schlafen,
Der nach Giovanni heißt und Paolo,
Euch eine Gondel, Eine Gondel ist kein gewöhnliches Boot; sie läßt sich ebenso leicht (natürlich nur nicht so schnell) mit einem wie mit zwei Rudern bewegen. Und Ersteres geschieht oft, wenn es sich um ein Geheimniß handelt; seit dem Herunterkommen Venedigs auch aus Sparsamkeit. die ein Ruder führt,
In dem Kanal, der nahe bei, erwarten.
Dort stellt Euch ein.

Israel. Ich werd' nicht fehlen.

Doge. Jetzt
Zieht Euch zurück.

Israel. Fest hoffend, Eure Hoheit
Komm' nicht mehr ab von ihrem großen Ziel,
Nehm' Abschied ich, mein Fürst. (Israel Bertuccio ab.)

Doge. Um Mitternacht
Bei San Giovanni denn und Paolo,
Wo meine edeln Väter ruhn, will ich –
Nun was? – im Finstern halten einen Rath
Mit niedern Schuften zu des Staates Sturz!
Und werden meine großen Väter nicht
Aus dem Gewölbe steigen, wo zwei Dogen,
Die mir vorangegangen, ruhn, und mich
Zu sich hinunterreißen? Könnten sie's!!
Dann ruhte ich in Ehren bei Geehrten.
Ach ihrer darf ich nicht gedenken! Nein!
Nur Derer, die des Namens unwerth mich
Gemacht, der doch so edel war, so brav,
Als irgend eines Römerconsuls nur.
Doch will ich ihm den alten Glanz, den er
In unsrer Staatsgeschichte trug, zurück
Durch süße Rache bringen, die an Allem,
Was schlecht hier in Venedig ist, ich nehme,
Will Freiheit wieder allen Andern schenken,
Wo nicht, den Namen schwarz und preisgegeben
Verleumderischer Zunge hinterlassen,
Die Den, dem's Glück nicht wollte, nie verschont,
Und Cäsar oder Catilina schätzt
Nach des Verdienstes Prüfstein – dem Erfolg!

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