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Marie Verwahnen

Joseph von Lauff: Marie Verwahnen - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorJoseph von Lauff
titleMarie Verwahnen
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I.

Johannes van Melle

Die anbrechende Nacht kroch grau in grau über die Landschaft. Über der Weidenkoppel jenseits des Rheines lag ein schmaler, langgestreckter Streifen wächsernen Lichtes, der allmählich zusammenschrumpfte und an Helligkeit abnahm. Wie abgezirkelte Bälle standen die Schattenrisse der Kopfweiden am jenseitigen Ufer und ließen ihre Spiegelbilder von dem fahlbeleuchteten Rheinwasser verschlucken, das langsam und breit in seinem flachen Strombett vorübergurgelte. Scharfumgrenzte Lichter standen unbeweglich über der ziehenden Fläche. –

Es war ein warmer Sommerabend. Knarrend holperte mein Gefährt über den mächtigen Stromdeich, dessen weitausgelegte Flanken das Wiesentief des Binnenlandes bei Überschwemmungsgefahr zu sichern hatten. Wie ein langgestrecktes Ungetüm und fast in schnurgerader Richtung lief diese massige Schutzwehr das Ufer entlang, um in eine kleine niederrheinische Stadt zu münden, deren verschwommene Turmsilhouette sich schon geraume Zeit vor meinen Blicken emporhob. Trotz der werdenden Nacht schwebte eine eigentümliche Dämmerhelle über Rhein und Flachland, die auch die ferner gelegenen Gegenstände deutlich vor Augen führte. Ab und zu tönte Hundegebell. Die große Stille verschlang es. –

Eine nicht zu beherrschende Sehnsucht hatte mich in diese Gegend getrieben. Hier war heimischer Boden. Weiter stromaufwärts und in der Nähe der kleinen Stadt, die sich mittlerweile in ein undurchdringliches Düster gehüllt hatte, lag meine engere Heimat. Ich kam von dorther und stand nunmehr im Begriff, einen Jugendfreund aufzusuchen, der, seiner väterlichen Scholle getreu, als Arzt in dem verlorenen Rheinnest praktizierte, dem ich seit einer Stunde in meinem schwankenden Halbverdeck entgegenrüttelte. Gemeinsam hatten wir unseren humanistischen Studien obgelegen, gemeinsam die Miseren des Abiturientenexamens durchkostet und dann uns geschieden. Jahre waren dahingegangen. Sechzehn Jahre, reich an Freuden und Hoffnungen, lagen hinter mir und ließen mich in Ungewißheit über die ferneren Schicksale des in sich gekehrten und eigentümlichen Freundes und Menschen aus verklungenen Tagen. Daß er die Universitäten Würzburg und München bezogen und an letzterer sein Staatsexamen magna cum laude bestanden hatte, war mir zufällig zu Ohren gekommen; daß das Wesen des Absonderlichen sein späteres Dasein umhüllte, konnte ich mir zusammenreimen – dann aber war die große Leere, das tiefe Schweigen über uns hereingebrochen, bis etwa vor Monatsfrist die bedeutendsten Tagesblätter des In- und Auslandes den Namen Johannes van Melle mit einer Entdeckung in Verbindung brachten, die auf medizinischem Gebiet als epochemachend anzusehen war. Ohne Reklame, still und geräuschlos, aber siegesgewiß hatte das glücklich gezeitigte Produkt eines emsig schaffenden Geistes es zuwege gebracht, die für mich und alle Welt so gut wie verschollene Persönlichkeit eines merkwürdigen und vereinsamten Menschen in die grelle Beleuchtung eines elektrischen Scheinwerfers zu stellen – und da solches geschah, begannen in meiner Seele leise Saiten zu klingen. –

Der Turmkoloß kam wieder in Sicht. Hinter seiner massigen Profilierung schob sich ein intensives Licht vor, auf dessen Fläche die Zacken und Schrägen des klobigen Bauwerks wie aufgenagelt erschienen. Es lag etwas Ungefüges, Trotziges, Herausforderndes in der ganzen Erscheinung, in welcher ich das Harte und Unbeugsame im Charakter der dortigen Menschen wiederzuerkennen glaubte, eine Erkenntnis, die verstärkt wurde beim Anblick des ruhig ziehenden Stromes und der majestätischen Öde des Tieflandes, die jetzt unter dem Mond lagen wie Giganten in schwerfälliger Eigenart.

Mit stoischem Gleichmut paffte der Kutscher seinen Rippchentabak aus der irdenen Pfeife. Es war heimisch Gewächs, was da in blauen Wölkchen hinauszog und meine Stirne umnebelte.

Ein großer Nachtfalter taumelte vorüber. Er querte den Deich und schwebte geraume Zeit über einer schwarzen Wasserlache, die, an der Binnenseite des Dammes gelegen, wie ein dunkles und geheimnisvolles Auge nach oben stierte. Stumm, gespenstisch und die Phantasie zauberisch umstrickend, ein sammetglänzender Heliotrop, ruhte der Kolk unter der nächtlichen Helle und nahm die Sinne gefangen. Inmitten der Fläche stieg ein grelleuchtender Punkt auf. Weiß, keusch und rein, wie die Farbe des Kleides, das die kleinen Mädchen am Fronleichnamstage tragen, schwamm sein Licht auf der unbeweglichen Tiefe, die die Blätterfülle des hellen Punktes schauernd zu tragen schien. Es war der vollentfaltete Kelch einer Wasserrose – und mir war es so, als wenn aus dieser Blume das Mysterium eines Menschenherzens sich löste, als müßte eine Stimme ertönen, die da spräche: »Ziehe die Schuhe von Deinen Füßen, denn die Stelle, wo Du stehst, ist heilig.«

»Heilig!« klang es um mich her.

Ich hatte selber gesprochen.

Teich und Wasserrose verschwanden. Sie tauchten in die flüssige, silberlichte Folie des Geländes. –

Zwei dunstige Feueraugen lagen fern auf der Mitte des Deiches. Bei unserem Näherkommen nahmen sie eine scharfe Umgrenzung an und wurden wie auf Stielen höher gehoben. Jetzt konnte ich sie deutlich erkennen. Es waren zwei Straßenlaternen mit mattleuchtendem Öldocht, die den Eingang zum Städtchen flankierten. Stoßend ging jetzt das alte Gefährt über das holperige Pflaster, aber noch immer mußte ich der geheimnisvollen Blume gedenken da draußen im Flachland. Die Straßen lagen fast menschenleer; nur vereinzelte Leute saßen hemdärmelig vor den niedrigen Häusern und genossen die angenehme Luft des laulichen Sommerabends. Wäscheblau-weiß und krapprot angekalkte Giebelfronten zogen langsam vorüber. Nirgendwo ein auffallendes und unliebsames Geräusch. Nur in der Wirtschaft ›Zum goldenen Anker‹ machte sich das scharfe Ketschen von Billardkugeln bemerkbar. Das war alles! – Wir hatten die Hauptstraße passiert.

»Na, nu weiter!« klang es vom Bock her.

Behäbig drehte sich der Kutscher um seine schwerfällige Achse, wobei er an der Schirmmütze rückte und den tönernen Pfeifenstummel stumpfen Blickes in den linken Mundwinkel beförderte.

»Heda!«

Im Türrahmen eines kleinen Hauses stand ein verhutzelter Mann in Zipfelmütze und Holzschuhen.

»Wo wohnt hier der Doktor Johannes van Melle?«

»Großer Markt Nummer fünf, neben der katholischen Kirche.«

»Danke.«

»Har – üh!«

Die Schatten der wiederanziehenden Pferde haspelten weiter und bewegten sich auf dem beleuchteten Pflaster wie gigantische Spinnen mit zappelnden Stelzbeinen.

»Prr!«

Wir waren zur Stelle. Ein stattliches Haus im Mansardenstil, mit Freitreppe und grünen Jalousien lag vor mir. Nachdem ich den Kutscher abgelohnt hatte, zog ich die Klingel. Unangenehm und grell, wie die keifende Stimme eines Frauenzimmers, zitterte und kreischte der langgezogene Ton durch die weiten Korridore der geräumigen Wohnung. Von allen Ecken und Enden kam das Echo zurück. Selbst von den Gängen des oberen Stockwerks hallte das Geklingel wie unter dem Einfluß eines geheimnisvollen Resonanzbodens wider. Dann verstummte es plötzlich.

Ein peinliches Gefühl ergriff mich, eine Art von Beklemmung, die sich bis zu einem physischen Schmerz in der Herzgegend steigerte, als die Tür sich öffnete und der weiche, sehnsüchtige Klang einer sanftgestrichenen Geige aus dem Innern hervordrang.

Eine kleine Frau mit stechenden Augen, gefälteter Spitzenhaube und ganz in Schwarz gekleidet stand vor mir. Fast gleichzeitig hob sie einen Messingleuchter in die Höhe, dessen Unschlittkerze mir einen unliebsamen und grellen Schein ins Gesicht warf. Der Blick der Alten war scharf und fixierend. Er hatte etwas Unheimliches an sich – aber äußerst besänftigend tönten die schmelzenden Kantilenen aus dem rechts gelegenen Zimmer herüber.

»Ist vielleicht der Herr Doktor Johannes van Melle ...«

»Ach, du Herr Jeses! – die Landpraxis ...«

»Ich stelle keine Anforderungen an seine Kunst,« fiel ich erläuternd ein, »ich möchte ihm nur die Hand schütteln; ein alter Bekannter ...«

»Hm!« machte die Alte, »dann muß ich leider bedauern. Der Herr Doktor haben Befehl gegeben ... Wissen Sie nämlich ... Ach, so! – was ich sagen wollte ... Sie sind ja ein guter Bekannter, aber der Herr Doktor hat wieder seinen heiligen Abend.«

»Was heißt das?«

Mit halbgeschlossenen Lidern betrachtete mich das verschrobene Weibchen. An Stelle des Stechenden in den Blicken war eine melancholische Weichheit getreten. Und wieder die sanfte Kantilene von eben, die allmählich den Charakter des Heiteren verlor und sich in eine ergreifende Klage verwandelte. Die Geige flehte, weinte, schluchzte.

Ich stand wie gebannt.

»Hören Sie das, mein Herr,« sagte die nunmehr geschwätzig werdende Alte, »hören Sie das, mein Herr? Das drückt einem das Herz ab, wenn man so etwas vernimmt in den heiligen Nächten. Nun begreifen Sie doch ...?«

»Nicht ganz, werte Frau.«

»Nicht? – Ach, so! – Sie können's ja auch gar nicht begreifen. Die Sache hat nämlich folgende Bewandtnis. Alljährlich, wenn die Zeit der Wasserrosen ist, wenn sie da draußen schwimmen und so eigentümlich gen Himmel blicken, dann sind für den Herrn Doktor die heiligen Nächte gekommen. Dann geigt er den ganzen Abend. Dann muß er spielen – kann nicht anders – dann drückt ihm eine fremde Gewalt die Geige in die Hand, dann muß er spielen, der Aermste, immer nur spielen – spielen, spielen ... Ach, du Herr Jeses ...!«

Sie glaubte schon zu viel gesagt zu haben, denn ihre Augen nahmen wieder den stechenden Blick an, krochen in ihre Höhlen zurück und musterten mich von Kopf bis zu Füßen.

»Nun werden Sie doch begriffen haben, mein Herr?«

»Ich habe verstanden.«

»Na, denn also!«

Ich war durch die kategorische Art der Abweisung etwas verdutzt, faßte mich aber und stand gerade im Begriff, mit energischen Gegenvorstellungen zu dienen, als das Weibchen sich aufreckte, ein kaum merkliches Zeichen machte, die Augen aufriß und langsam die Worte hersagte: »Jetzt kommt es, mein Herr.«

Der dumpfe Ton, in dem sie das sagte, hatte etwas Feierliches, Gespenstisches, Niedagewesenes, so daß es mir fröstelnd und kalt durch alle Glieder rieselte. Gleichzeitig erschallte ein dämonisches Gelächter aus dem Zimmer zur Rechten. Mit einer schneidenden Dissonanz brach das Spiel ab.

»Was ist denn das?«

Die Tür rechts wurde aufgerissen. Ein hagerer, langaufgeschossener, nach vorn gebeugter Mann, die Geige in der Linken, den Fiedelbogen in der Rechten, salopp, aber tiefschwarz und vornehm gekleidet, mit niedrigen Vatermördern und geknotetem Halstuch trat in den Hausflur. Das Gesicht war bleich, ehern, bartlos. Mit gekniffenen Lippen, das Haar verwirrt, unter den buschigen Brauen verschleierte Blicke – so stand er etliche Schritte vor mir. Die neue Erscheinung übte einen faszinierenden Einfluß aus. Ein packendes Fluidum, eine magische Kraft schien von ihr auszugehen. Ich hatte das Gefühl eines elektrischen Schlages.

»Johannes ...!«

Der Angerufene prallte ordentlich zurück. Er mußte die Stimme erkannt haben.

Ich sah noch, wie er die Arme breitete, ich sah das blendende Weiß seiner durchgeistigten Hände und das zuckende Feuer, welches in der Tiefe seiner Augen brannte – dann ruhten wir Brust an Brust. Seine Seele, sein ganzes inneres Wesen durchströmte mich – und unbewußt, aber wie durch eine magische Kraft hervorgezaubert, trat mir wieder die bleiche Wasserrose vor Augen.

In dieser Umarmung wurden Jahre überbrückt. Wir verstanden uns und fühlten: wir waren die alten.

»Sechzehn Jahre!« flüsterte Johannes van Melle.

Eine große Stille entstand; nur die Alte räusperte sich und meinte: »Soll ich Licht bringen, Herr Doktor?«

Dieser sah sie lächelnd an: »Licht in der heiligen Nacht? – Nein, aber eine Flasche Forster-Traminer.«

Hierauf führte er mich in sein Arbeitszimmer und legte Geige und Fiedelbogen beiseite. Ich weiß nicht, wie es kam, aber auch hier drängte sich mir wieder etwas Beklemmendes auf, dessen ich nicht Herr werden konnte. Der Mond stand mit seiner vollen Scheibe mitten in der oberen Hälfte des Fensters. Kreidige Lichter, mit dem intensiven Schimmer von Kobaltbläue getempert, lagen auf Tisch und Bücherregalen und zitterten über schwerfällige Möbel von verjährter Pracht und düsterem Aussehen.

Johannes van Melle trat in diese grelle Beleuchtung. Er schien unter dem magischen Einfluß zu wachsen, und mir war es so, als wenn ihn ein kaum merkliches, aber dennoch auf- und niederzüngelndes magnetisches Licht umbüschelte, das stetig an Helligkeit zunahm. Ich gebe zu, daß mich Täuschung umfing; meine Nerven waren erregt, und dennoch lag kein besonderer Grund vor, die vorliegende Erscheinung mit skeptischen Augen zu betrachten. Schweigend wies Johannes van Melle auf einen altmodischen Sessel mit Rückenlehne. Die Bewegung seiner schneeweißen Hand hatte eine zwingende Kraft. Ich folgte willenlos. Er selbst blieb stehen.

Um mich über das Sonderliche und Peinliche in der ganzen Situation hinwegzusetzen, rieb ich meine fröstelnden Hände zusammen und meinte: »Du bist glücklich, Johannes.«

»Glücklich?! – Warum?«

Er sprach es mit einer schauerlichen Betonung.

»Nun, ich dächte,« wagte ich schüchtern einzuwerfen, »Deine Erfolge lassen es doch berechtigt erscheinen, einer derartigen Vermutung Raum zu geben. Deine Entdeckungen auf gynäkologischem Gebiet beherrschen die fachwissenschaftlichen Blätter, füllen die Spalten der Tagespresse, bilden den Gesprächsstoff in den medizinischen Kreisen, und, falls alle Zeichen nicht trügen, dürften sie geeignet sein, Dir in nicht allzu ferner Zeit einen akademischen Lehrstuhl zu sichern. Das ist eben die nackte Tatsache, die logische Folgerung Deiner Mühe und Arbeit, das nicht hinwegzuleugnende Fazit emsiger Forschung – und, Du magst wollen oder nicht, an dieser bestehenden Sachlage läßt sich nun einmal nicht rütteln und deuteln, mein Junge.«

Ich suchte einen jovialen Ton anzuschlagen, allein die erhoffte Wirkung blieb aus.

»Und wenn es so wäre,« keuchte Johannes van Melle, »was soll das, was beweist das hinsichtlich Deiner aufgestellten Prämisse?«

»Aber Johannes ...!« Eine gebieterische, unnachahmliche Handbewegung ließ mich verstummen. Die Augen meines Partners weiteten sich geisterhaft.

»Gut,« fuhr er fort, »durch mein ewiges Sinnen, Grübeln und Denken habe ich der leidenden Menschheit einen gewissen Dienst erwiesen – aber dieses Sinnen, Grübeln und Forschen entsprang nicht aus Liebe zur Sache, es war das gebieterische Muß einer krankhaften Psyche, die notwendige Folgerung eines verfehlten, vereinsamten Lebens und die krampfhafte Sucht, ein drohendes Etwas in meiner Brust, in meinem Fühlen und Denken niederzuschlagen und zu übertäuben, was mir nun schon seit Jahren das Dasein vergiftet. – Nein, nein, nein – und abermals nein! – Hier ist etwas zerrissen in mir, schon seit Jahren zerrissen ...«

Er tat den Rock auseinander und schlug mit der geballten Faust auf die Brust: »Hier sitzt das nun schon Monde um Monde, schon Jahre um Jahre und versucht, einem Gefäße und Nerven zu sprengen. Ich kann's nicht verwinden – und dabei glücklich sein?! – Hahahaha ..!«

Ein schauerliches Gelächter, das Gelächter von eben, durchhallte die Stube: »Nein, nein, nein! – Für mich sind die Rosen von Pästum verblüht, und Wasserrosen, kalte, bleiche Wasserrosen sind an ihre Stelle getreten. Sieh dorthin!«

Doktor Johannes van Melle wandte sich.

»Sieh dorthin!« gebot er noch einmal.

Wie unter dem Zwange einer Hypnose stehend, folgte ich mechanisch der gegebenen Anweisung.

Der Mond war weiter gerückt. Jetzt erst bemerkte ich ein niedriges, dreibeiniges Tischchen, auf dem ein langgezogenes, musivisches Glasgefäß stand. Es war von einer grünlich phosphoreszierenden Färbung. Geschlängelt und kraftstrotzend hing der saftige Stiel einer Wasserrose in einer leuchtenden Flüssigkeit, während der prächtig entfaltete Kelch der schneeweißen Blume den oberen Rand des Gefäßes bedeckte. Ueber Glas und Blütenkelch hing ein Pastellbild in düsterem Rahmen.

Ich trat näher.

Das taghelle Mondlicht ließ auch die subtilsten Dinge auf dem mittelgroßen Bildwerk erkennen. Ein wunderbarer Mädchenkopf in visionärer Verzückung, würdig der durchgeistigten Tiefe eines Gabriel Max, sah mich aus dem nachgedunkelten Rahmen an. In dem wachsbleichen Antlitz spiegelte sich die alle verschlungenen Fäden des Seelenlebens auflösende Kraft einer Hellseherin wider, gepaart mit dem unwiderstehlichen Zauber einer berückenden Schönheit. Ihre Augen waren nicht von dieser Welt, aber irgendwo waren sie mir schon begegnet im Leben.

Mit einem fragenden Blick wandte ich mich an Doktor Johannes – da: leise wurde an die Tür geklopft.

Er überhörte das Klopfen, aber sein Aussehen war grausig. Er hatte wieder Geige und Fiedelbogen ergriffen, und während ich sprachlos diesen Begebenheiten eine Deutung abzugewinnen suchte, zogen Töne von eigentümlicher Klangfarbe meinem horchenden Geiste vorüber. Schmerz, Haß, Liebe und Verachtung, Poesie und Entsagung – alles war in diesem schmelzenden, schreienden, weinenden Tongefüge vereinigt, und dabei raunte er hastig: »Das allein ist ein Mittel, wenn auch nur ein Palliativmittel, gegen den entsetzlichen Dämon. – Marie ...! – Marie ...!«

Unwillkürlich mußte ich wieder das Bild über der bleichen Wasserrose betrachten, und ich konnte den Zwangsgedanken nicht los werden, schon einmal diesem seltsamen Wesen begegnet zu sein. Da war es mir plötzlich, als ob sich die Nebel zerteilten ...

Ein Andante erklang: es war das zauberische Andante aus Mozarts Es-Dur-Sinfonie, und wie es leise verzitterte, da hatte ich auch die Lösung hinsichtlich des schönen Mädchens gefunden.

»Johannes – das ist ja ...«

Mit einem jähen, gellenden Riß brach das Spiel ab.

»Endlich verstehst Du!«

»Das ist ja dieselbe,« sprach ich mit abgerissenen Lauten, »dieselbe wie auf der unscheinbaren Photographie, die Du mir vor Jahren zeigtest, als wir nach Beendigung unserer Gymnasialstudien uns trennten.«

»Dieselbe,« sagte Doktor Johannes van Melle.

Seine Stimme war heiser. »Dieselbe, dieselbe!« wiederholte er mit gräulicher Betonung, wobei er mit dem Bogen auf den Resonanzboden klopfte.

»Und die da?«

»Gabriel Max hat sie in Pastell übersetzt.«

»Und was ist aus ihr geworden?« fragte ich kleinlaut.

»Das ist es ja eben – das ist es ja eben!« schrie der Doktor mit häßlicher Stimme. »Sie ist ja tot!« und zum dritten Male ertönte das schauerliche Gelächter, das ich vorhin auf dem Hausflur vernommen hatte.

»Und was bedeutet die Wasserrose?«

»Das ist die Seele der Verstorbenen, die auf dem Wasser schwimmt,« sagte er ruhig.

Er atmete tief auf.

Ich entsetzte mich. Sollte hier der Wahnsinn seine Klauen eingeschlagen haben?

Er schien meine Gedanken zu erraten. Er lächelte und deutete auf den Sessel, den ich kurz zuvor innegehabt hatte.

»Willst Du hören?« fragte er nach einigem Schweigen.

»Ich höre.«

Es wurde zum anderen an die Tür geklopft.

»Herein!«

Der Forster-Traminer kam. Die erste Flasche.

Doktor Johannes van Melle richtete sich hoch auf. Die gefalteten Hände ließ er herabhängen. Sie hatten im Mondlicht einen Schimmer, der an Marmor erinnerte. Mit einem tiefen Seufzer ließ er sich dicht am Fenster nieder, dann sprach er: »So höre.«

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