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Marie-Claire

Marguerite Audoux: Marie-Claire - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorMarguerite Audoux
titleMarie-Claire
publisherRütten & Loening
printrun1. Auflage
year1963
translatorOlga Wohlbrück
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160909
projectid41b8711a
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Erster Teil

Eines Tages kamen viele Leute zu uns. Die Männer traten ein wie in eine Kirche, und die Frauen bekreuzigten sich, wenn sie wieder weggingen.

Ich schlich mich in das Zimmer meiner Eltern und war sehr erstaunt, neben dem Bett meiner Mutter eine große brennende Kerze zu sehen. Mein Vater beugte sich über das Fußende des Bettes, um meine Mutter zu betrachten, die mit über der Brust gefalteten Händen schlief.

Unsere Nachbarin, Mutter Colas, behielt uns den ganzen Tag bei sich. Zu allen Frauen, die unsere Wohnung wieder verließen, sagte sie:

»Sie wissen ja, sie wollte ihre Kinder nicht küssen.«

Die Frauen schneuzten sich, als sie uns ansahen, und Mutter Colas fügte hinzu:

»Solche Krankheiten, die machen böse.«

An den folgenden Tagen trugen wir Kleider mit großen schwarzen und weißen Karos.

Mutter Colas gab uns zu essen und schickte uns zum Spielen auf die Felder. Meine Schwester, die schon groß war, kroch in die Hecken, kletterte auf die Bäume, wühlte im Schlamm, und wenn sie abends heimkehrte, hatte sie die Taschen voll von Getier aller Art, das mir Angst einjagte und über das Mutter Colas in Zorn geriet.

Ich hatte vor allem einen großen Widerwillen gegen Regenwürmer. Diese roten und beweglichen Dinger flößten mir einen namenlosen Abscheu ein, und wenn ich aus Versehen einmal einen von ihnen zertrat, fühlte ich lang anhaltende Ekelschauer. An Tagen, an denen ich Seitenstechen hatte, verbot Mutter Colas meiner Schwester fortzugehen. Aber meine Schwester langweilte sich und wollte mich trotzdem mitnehmen. Dann holte sie stets ihre Regenwürmer hervor, die sich in ihren Händen ringelten, und näherte sie dabei meinem Gesicht. Sogleich sagte ich, daß ich keine Schmerzen mehr hätte, und ließ mich mit auf die Felder schleppen.

Einmal warf sie mir eine Handvoll Würmer auf mein Kleid. Ich wich so unvermittelt zurück, daß ich in einen Kessel mit heißem Wasser fiel. Mutter Colas jammerte, während sie mich auszog. Ich hatte mir nicht viel getan; sie versprach meiner Schwester eine tüchtige Tracht Prügel, und da die Schornsteinfeger gerade an unserem Hause vorbeigingen, rief sie sie und sagte, sie sollten meine Schwester mitnehmen.

Alle drei traten mit ihren Leinen und Beuteln ein; meine Schwester schrie und bat um Verzeihung, und ich schämte mich sehr, weil ich ganz nackt war.

*

Mein Vater nahm uns oft an einen Ort mit, wo viele Männer versammelt waren und Wein tranken. Er stellte mich mitten zwischen die Gläser, um mich das Klagelied der Genoveva von Brabant vorsingen zu lassen. All diese Männer lachten, herzten mich und wollten mir Wein zu trinken geben.

Es war immer schon Nacht, wenn wir heimkehrten. Mein Vater ging mit großen schwankenden Schritten; oft wäre er beinahe gefallen. Manchmal fing er ganz laut zu weinen an und sagte, man habe sein Haus vertauscht. Dann begann meine Schwester zu schreien, und obwohl es Nacht war, war es doch immer sie, die schließlich unser Haus wiederfand.

Eines Morgens überschüttete uns Mutter Colas mit Vorwürfen; sie sagte, daß wir Unglückskinder seien, daß sie uns nichts mehr zu essen geben würde und daß wir uns zu unserem Vater scheren könnten, der wer weiß wohin gegangen war. Als sich ihr Zorn gelegt hatte, gab sie uns zu essen wie immer; aber bald danach ließ sie uns in Vater Chicons zweirädrigen Karren steigen, der voller Stroh und Kornsäcke war. Ich wurde hinten in eine Art Nest zwischen die Säcke gesetzt. Der Karren kippte nach hinten, und bei jedem Stoß rutschte ich auf das Stroh.

Während der ganzen Fahrt hatte ich sehr große Angst; bei jedem Abrutschen glaubte ich, der Karren würde mich verlieren oder die Säcke würden auf mich stürzen.

Wir hielten vor einem Gasthof. Eine Frau hieß uns absteigen, schüttelte das Stroh aus unseren Kleidern und gab uns Milch zu trinken. Während sie uns streichelte, sagte sie zu Vater Chicon:

»Sie glauben also, daß der Vater sie nehmen will?«

Vater Chicon schüttelte den Kopf und klopfte seine Pfeife an der Tischkante aus; er verzog seine dicken Lippen und antwortete:

»Er ist vielleicht schon weit weg. Girards Sohn sagte mir, er hätte ihn auf der Landstraße nach Paris getroffen.«

Vater Chicon führte uns dann in ein schönes Haus, das eine Freitreppe mit vielen Stufen hatte.

Er unterhielt sich lange mit einem Herrn, der mit weitausholenden Gebärden von den Frankreichwanderschaftsverbänden redete. Der Herr legte mir die Hand auf den Kopf und wiederholte mehrere Male:

»Er hatte mir nicht gesagt, daß er Kinder hat.«

Ich begriff, daß er von meinem Vater sprach, und ich wollte ihn sehen. Der Herr blickte mich an, ohne zu antworten; dann fragte er Vater Chicon:

»Wie alt ist denn diese hier?«

»Sie geht ins Fünfte«, sagte der Alte.

Währenddessen spielte meine Schwester auf den Stufen mit einer kleinen Katze.

Der Karren brachte uns zu Mutter Colas zurück, die uns brummend empfing und uns herumschubste. Einige Tage später fuhren wir mit der Eisenbahn, und am selben Abend waren wir in einem großen Haus, in dem es viele kleine Mädchen gab.

Schwester Gabrielle trennte uns sofort voneinander. Sie sagte, meine Schwester sei groß genug, um in die Mittelklasse zu kommen, während ich bei den Kleinen bleiben sollte.

Schwester Gabrielle war ganz klein, alt, mager und ging gebückt; sie hatte die Aufsicht über den Schlafsaal und das Refektorium. Im Schlafsaal strich sie mit ihrem ausgemergelten und harten Arm zwischen unseren Nachthemden und den Laken lang, um sich zu überzeugen, ob wir sauber waren; und diejenigen, deren Laken feucht waren, schlug sie zu einer festgesetzten Stunde mit der Rute.

Im Refektorium bereitete sie in einer riesigen gelben Schüssel den Salat zu.

Sie streifte die Ärmel bis zu den Schultern zurück und vergrub ihre schwarzen und knorrigen Arme immer wieder im Salat, und wenn sie sie wieder herauszog, waren sie ganz glänzend und voll kleiner Tröpfchen und erinnerten mich an regennasse, abgestorbene Zweige.

*

Ich fand sofort eine Freundin.

Ich sah sie mit frechem Gesicht und watschelndem Gang auf mich zukommen.

Sie war kaum größer als die Bank, auf der ich saß. Sie stützte sich ganz ungeniert mit den Ellbogen auf mich und sagte zu mir:

»Warum spielst du nicht?«

Ich antwortete, daß ich Seitenstechen hätte.

»Ach ja«, antwortete sie, »deine Mama war schwindsüchtig, und Schwester Gabrielle hat gesagt, du würdest bald sterben.«

Sie kletterte auf die Bank und setzte sich so, daß ihre kurzen Beine unter ihr verschwanden; dann fragte sie mich nach meinem Namen, meinem Alter, erzählte mir, daß sie Ismérie heiße, daß sie älter sei als ich und daß der Arzt gesagt habe, sie würde nicht mehr wachsen. Sie erzählte mir auch, daß die Klassenlehrerin Schwester Marie-Aimée heiße, daß sie sehr böse sei und die Schwätzerinnen hart bestrafe.

Plötzlich sprang sie runter und rief:

»Augustine!«

Ihre Stimme glich der eines Jungen, und ihre Beine waren ein wenig krumm.

Am Ende der Freistunde sah ich sie auf Augustines Rücken, die sie von einer Schulter auf die andere schaukelte, als wolle sie sie abwerfen. Als Ismérie an mir vorüberkam, rief sie mir mit ihrer lauten Stimme zu:

»Du wirst mich doch auch tragen, nicht wahr?«

Bald darauf machte ich Augustines Bekanntschaft.

*

Das Augenleiden, das ich hatte, verschlimmerte sich. Nachts klebten meine Augenlider zusammen, so daß ich völlig blind war, bis sie mir jemand auswusch. Augustine war beauftragt worden, mich in die Krankenstube zu führen. Jeden Morgen holte sie mich aus dem kleinen Schlafsaal ab. Ich hörte sie schon kommen, wenn sie an der Tür war. Das Ganze dauerte nicht lange: sie faßte mich an der Hand und zog mich ebenso schnell mit sich fort, wie sie gekommen war, ohne sich darum zu kümmern, ob ich mich an den Betten stieß.

In Windeseile liefen wir durch die Korridore und stürzten wie eine Lawine die beiden Stockwerke hinab. Ab und zu berührten meine Füße eine Stufe; mir war es immer, als fiele ich ins Leere; Augustine hatte eine starke Hand, die mich festhielt.

Um ins Krankenzimmer zu gelangen, mußte man erst hinter der Kapelle und dann an einem kleinen, ganz weißen Haus vorbei. Dort verdoppelten wir unsere Geschwindigkeit.

Eines Tages, als ich nicht mehr weiterkonnte, sank ich in die Knie; Augustine brachte mich mit einem Klaps auf den Kopf wieder auf die Beine, wobei sie sagte:

»Beeil dich doch, wir sind vor dem Leichenhaus!«

Seitdem warnte sie mich jeden Tag, wenn wir vor dem Leichenhaus waren, aus Angst, ich könnte wieder fallen.

Angst hatte ich vor allem vor Augustines Angst. Da sie so schnell lief, mußte dort Gefahr sein. Ich kam immer in Schweiß gebadet und ganz atemlos im Krankenzimmer an; irgend jemand schubste mich auf einen kleinen Stuhl, und wenn man begann, mir die Augen auszuwaschen, war mein Seitenstechen längst vergangen.

Augustine führte mich auch in Schwester Marie-Aimées Klasse. Sie sagte mit erkünstelt schüchterner Stimme:

»Schwester, hier ist die Neue.«

Ich machte mich auf ein barsches Wort gefaßt, aber Schwester Marie-Aimée lächelte mir zu, umarmte mich ein paarmal und sagte:

»Du bist zu klein, um auf einer Bank zu sitzen. Ich werde dir hier einen Platz geben.«

Und sie setzte mich auf eine Fußbank unter ihrem Pult.

Wie schön war es dort, unter dem Pult! Wie liebkoste die Wärme ihrer Baumwollröcke meinen an den Holz- und Steintreppen ganz blaugeschlagenen Körper!

Oft stellten sich zwei Füße rechts und links neben meine Fußbank, und ich fand mich eng von zwei kraftvollen, warmen Beinen umschlossen. Eine tastende Hand drückte meinen Kopf zwischen den Knien auf die Röcke, und unter dieser sanften Hand und auf diesem warmen Kopfkissen schlief ich ein.

Wenn ich aufwachte, verwandelte sich das Kopfkissen in einen Tisch. Dieselbe Hand legte zerbröckeltes Backwerk, kleine Zuckerstückchen und Bonbons darauf.

Um mich herum hörte ich das Leben weitergehen.

Eine Stimme weinte:

»Nein, Schwester, ich bin es nicht!«

Andere Stimmen überschrien sie:

»Doch, Schwester, sie ist es!«

Über meinem Kopf gebot eine volle und warme Stimme Ruhe. Gleichzeitig schlug mehrmals ein Lineal auf das Pult; die Schläge hallten in meiner Höhle wider und machten großen Lärm.

Manchmal geriet alles in Bewegung. Die Füße zogen sich von meiner Fußbank zurück, und ich sah, wie sich ein weißer Brustschleier, ein kleines Kinn, winzige spitze Zähne und schließlich zwei zärtliche Augen, die mir Vertrauen einflößten, über mein Nest beugten.

*

Sobald mein Augenleiden geheilt war, wurde dem Naschwerk eine Fibel hinzugefügt. Es war ein kleines Büchlein mit Bildern neben den Wörtern. Oft betrachtete ich eine große Erdbeere, die ich mir beinahe ebenso groß vorstellte wie ein Milchbrötchen.

Als es in der Klasse nicht mehr kalt war, setzte mich Schwester Marie-Aimée auf eine Bank zwischen Ismérie und Marie Renaud, die auch meine Bettnachbarinnen waren. Von Zeit zu Zeit erlaubte sie mir, wieder in meine geliebte Höhle zu kommen, wo ich Märchenbücher vorfand, über denen ich die Zeit vergaß.

Eines Morgens zog mich Ismérie ganz geheimnisvoll beiseite, um mir mitzuteilen, daß Schwester Marie-Aimée die Klasse nicht mehr behalten würde, da sie Schwester Gabrielles Platz im Schlafsaal und im Refektorium einnehmen sollte. Sie sagte mir nicht, woher sie das wußte, aber sie war darüber ganz bekümmert.

Sie liebte Schwester Gabrielle sehr, die sie stets wie ein kleines Kind behandelte; »diese Schwester Aimée« dagegen, wie sie sie verächtlich nannte, wenn sie sicher war, nur von uns gehört zu werden, konnte sie nicht leiden.

Sie sagte auch, daß Schwester Marie-Aimée ihr nicht erlauben würde, uns auf den Rücken zu klettern, und daß man sich über sie nicht würde lustig machen können wie über Schwester Gabrielle, die die Treppen ganz schief hinaufging.

Abends nach dem Gebet sagte uns Schwester Gabrielle, daß sie fortginge. Sie umarmte uns alle, wobei sie bei den Kleinsten anfing. Beim Hinaufgehen in den Schlafsaal herrschte ein großes Durcheinander: die Großen tuschelten und empörten sich schon im voraus gegen diese Schwester Marie-Aimée, und die Kleinen plärrten wie beim Nahen einer Gefahr.

Ismérie, die ich auf meinem Rücken trug, weinte laut, ihre kleinen Finger würgten mich ein wenig, und ihre Tränen tropften auf meinen Hals.

Niemand dachte daran, über Schwester Gabrielle zu lachen, die mühsam hinaufstieg und unermüdlich »Seht, seht!« machte, ohne daß der Lärm abnahm.

Auch das Kindermädchen vom kleinen Schlafsaal weinte; es schüttelte mich ein wenig, als es mich auszog, und sagte:

»Du bist sicher zufrieden, daß du deine Schwester Marie-Aimée bekommst.«

Wir nannten sie Schwester Esther.

Von den drei Kindermädchen, die wir hatten, mochte ich sie am liebsten. Sie war ein wenig brummig, aber sie hatte uns sehr gern.

Nachts weckte sie diejenigen, die schlechte Angewohnheiten hatten, um ihnen am nächsten Tage die Rute zu ersparen. Wenn ich hustete, stand sie auf und steckte mir tastend ein Stück angefeuchteten Zucker in den Mund. Oft hatte sie mich auch, wenn ich ganz erstarrt in meinem Bett lag, in das ihrige geholt, um mich zu erwärmen.

*

Ganz geräuschlos betraten wir am folgenden Tage das Refektorium. Die Kindermädchen befahlen uns, stehenzubleiben; mehrere von den Großen hielten sich sehr gerade und setzten eine stolze Miene auf. Schwester Justine stand bescheiden und traurig am Ende des Tisches, während Schwester Néron, die wie ein Gendarm aussah, unaufhörlich im Refektorium hin und her ging.

Sie blickte öfter nach der Wanduhr, wobei sie geringschätzig die Achseln zuckte.

Schwester Marie-Aimée trat ein und ließ die Tür hinter sich offen; sie erschien mir größer mit der weißen Schürze und den weißen Ärmeln. Sie ging ganz langsam und schaute alle an. Der Rosenkranz, der ihr von der Hüfte herabhing, machte ein leises Geräusch, und der untere Teil ihres Rockes wogte ein wenig hin und her. Sie stieg die Stufen zu ihrem Podium hinauf und forderte uns durch eine Handbewegung auf, uns zu setzen.

Am Nachmittag führte sie uns ins Freie. Es war sehr heiß. Ich setzte mich neben sie auf eine Anhöhe. Sie las in einem Buch und warf ab und zu einen Blick auf die kleinen Mädchen, die uns zu Füßen auf einem Feld spielten. Lange betrachtete sie die untergehende Sonne, und sie sagte immer wieder:

»Wie schön das ist! Wie schön das ist!«

Am selben Abend verschwanden die Ruten aus dem kleinen Schlafsaal, und im Refektorium wurde der Salat mit langen Rührscheiten umgerührt. Sonst veränderte sich nichts. Von neun bis zwölf Uhr hatten wir Unterricht, und nachmittags kernten wir für einen Ölhändler Nüsse aus.

Die größeren Mädchen klopften sie mit einem Hammer auf, und die kleineren trennten die Nußkerne von den Schalen. Es war streng verboten, davon zu essen, und außerdem war das auch gar nicht leicht: es fand sich immer ein neidisches Leckermäulchen, das einen verpetzte.

Schwester Esther sah uns in den Mund. Manchmal faßte sie eine unverbesserliche Naschkatze. Sie sah sie dann mit großen Augen an, gab ihr einen Klaps und sagte:

»Ich behalte dich im Auge!«

Zu einigen von uns hatte Schwester Esther großes Vertrauen. Sie ließ uns vorkommen und tat so, als wollte sie uns in den Mund schauen; doch dann sagte sie lachend:

»Mach deinen Schnabel zu!«

Ich hatte oft Lust, von den Nüssen zu naschen, aber wenn ich an die guten Augen Schwester Esthers dachte, errötete ich bei dem Gedanken, ihr Vertrauen zu täuschen.

Schließlich wurde das Verlangen so stark, daß ich an nichts anderes mehr dachte. Tagelang suchte ich nach einer Möglichkeit, von den Nüssen naschen zu können, ohne mich erwischen zu lassen. Ich versuchte, einige in meinen Ärmeln zu verstecken; aber ich war so ungeschickt, daß ich sie sofort wieder verlor; und dann überkam mich das Verlangen, ganz, ganz viele zu essen. Mir schien, ich hätte einen ganzen Sack voll davon aufessen können.

Eines Tages fand ich endlich eine Gelegenheit. Schwester Esther, die uns in den Schlafsaal führte, glitt auf einer Nußschale aus und ließ ihre Lampe fallen, die dabei auslöschte. Und da ich gerade neben einer vollen Wanne stand, nahm ich eine Handvoll Nüsse heraus und versteckte sie in meiner Tasche.

Sobald alle im Bett lagen, holte ich die Nüsse aus meiner Tasche, steckte den Kopf unter die Decke und stopfte sie mir in den Mund. Aber sogleich schien es mir, als höre der ganze Schlafsaal das Geräusch meiner Kinnbacken. Und so vorsichtig und langsam ich auch knabberte, das Geräusch pochte in meinen Ohren wie die Schläge eines Paukenschlegels. Schwester Esther erhob sich; sie zündete die Lampe an, beugte sich herab und sah unter die Betten.

Als sie neben mir stand, blickte ich sie erschrocken an. Sie sagte ganz leise:

»Du schläfst nicht?«

Dann suchte sie weiter. Sie ging bis ans Ende des Schlafsaals, öffnete die Tür und schloß sie wieder; aber kaum hatte sie sich wieder hingelegt und die Lampe gelöscht, klickte der Türdrücker, als ob die Tür geöffnet würde.

Schwester Esther zündete abermals die Lampe an und sagte:

»Das ist aber zu stark! Die Katze kann doch nicht ganz allein die Tür aufmachen!«

Mir schien, als hätte sie Angst; ich hörte, wie sie sich im Bett herumwälzte, und plötzlich begann sie zu schreien:

»Mein Gott, mein Gott!«

Ismérie fragte sie, was sie hätte. Sie sagte, eine Hand hätte der Katze die Tür geöffnet, und eben hätte sie einen starken Luftzug auf ihrem Gesicht gespürt.

Im Halbdunkel sah man die ein wenig geöffnete Tür. Ich war sehr erschrocken. Ich glaubte, daß mich der Teufel holen käme. Eine Zeitlang hörte man nichts mehr. Schwester Esther fragte, ob nicht eine von uns aufstehen und die Lampe auslöschen wolle, obwohl sie gar nicht weit von ihrem Bett stand. Niemand antwortete. Da rief sie mich. Ich erhob mich, während sie sagte:

»Dir, die du so brav bist, werden die Gespenster nichts tun.«

Sie schwieg in dem Augenblick, als ich die Lampe auspustete. Plötzlich sah ich Tausende leuchtender Punkte und spürte eine große Kälte auf den Wangen. Ich vermutete unter den Betten grüne Drachen mit flammenden Rachen. Ich fühlte ihre Klauen an meinen Füßen, und rund um meinen Kopf zuckten Lichter. Ich mußte mich schnell setzen, und als ich mein Bett erreicht hatte, glaubte ich steif und fest, daß ich keine Füße mehr hätte. Als ich mich davon zu überzeugen wagte, merkte ich, daß sie eiskalt waren. Ich nahm sie in meine Hände, und so schlief ich schließlich ein.

Am Morgen fand Schwester Esther die Katze auf einem Bett neben der Tür.

Sie hatte während der Nacht ihre Jungen zur Welt gebracht.

Man hinterbrachte die Geschichte Schwester Marie-Aimée. Sie meinte, daß sich die Katze sicher bis zum Türknauf hochgeangelt und so die Tür geöffnet habe. Aber die Sache wurde niemals recht aufgeklärt, und die Kleinen tuschelten noch lange darüber.

*

In der folgenden Woche zogen alle, die acht Jahre alt waren, in den großen Schlafsaal hinunter.

Mein Bett stand neben einem Fenster, ganz nahe bei Schwester Marie-Aimées Zimmer.

Marie Renaud und Ismérie blieben meine Nachbarinnen. Oft kam Schwester Marie-Aimée, wenn wir schon im Bett lagen, und setzte sich an mein Fenster. Sie nahm meine Hand und streichelte sie, während sie hinaussah.

Eines Nachts war in der Nachbarschaft ein großes Feuer ausgebrochen. Der ganze Schlafsaal war hell erleuchtet. Schwester Marie-Aimée öffnete das Fenster ganz weit, dann rüttelte sie mich und sagte:

»Wach auf, komm, sieh dir das Feuer an!«

Sie nahm mich in ihre Arme und fuhr mir mit der Hand übers Gesicht, um mich wach zu machen, wobei sie wiederholte:

»Komm, sieh dir das Feuer an! Sieh doch, wie schön das ist!«

Ich wollte aber so gern weiterschlafen, daß ich meinen Kopf auf ihre Schulter sinken ließ. Da gab sie mir eine tüchtige Ohrfeige und nannte mich ein dummes kleines Tier. Diesmal wachte ich auf und begann zu weinen. Sie nahm mich wieder in die Arme, setzte sich und wiegte mich, wobei sie mich an sich preßte.

Sie näherte ihren Kopf dem Fenster. Ihr Gesicht war wie durchsichtig, und in ihren Augen stand ein tiefes Leuchten.

Ismérie wäre es am liebsten gewesen, wenn Schwester Marie-Aimée niemals ans Fenster gekommen wäre; das hinderte sie am Schwatzen. Sie hatte immer etwas zu erzählen, und ihre Stimme war so laut, daß man sie am anderen Ende des Schlafsaals hörte.

Schwester Marie-Aimée pflegte zu sagen:

»Ismérie spricht schon wieder!«

Worauf Ismérie stets antwortete:

»Schwester Marie-Aimée knurrt schon wieder.«

Ich war verblüfft über ihre Kühnheit. Ich glaubte, daß Schwester Marie-Aimée nur so tue, als höre sie es nicht.

Doch eines Tages sagte sie zu ihr:

»Ich verbiete dir zu antworten, du Zwerg!«

Ismérie schrie:

»Breimaul!«

Das war ein Ausdruck, den wir untereinander gebrauchten und der etwa besagte: Na, du kannst lange reden!

Schwester Marie-Aimée stürzte nach der Klopfpeitsche. Ich zitterte für den kleinen Körper Isméries, doch diese warf sich flach auf den Boden, strampelte und krümmte sich, wobei sie seltsame Schreie von sich gab. Schwester Marie-Aimée stieß sie voller Ekel mit dem Fuß beiseite; sie schleuderte die Peitsche weit weg und sagte:

»Was für eine scheußliche kleine Kreatur!«

Seitdem vermied sie es, Ismérie anzusehen, und sie schien ihre Frechheiten nicht zu hören. Gleichwohl verbot sie uns streng, sie auf unserem Rücken zu tragen. Doch das hinderte Ismérie nicht, wie ein Affe von hinten an mir hochzuklettern. Ich hatte nicht den Mut, sie zurückzustoßen, und so bückte ich mich denn ein wenig und ließ sie es sich auf meinem Rücken bequem machen.

Das geschah vor allem immer dann, wenn wir in den Schlafsaal hinaufgingen. Es fiel ihr sehr schwer, die Treppen zu steigen, sie lachte selbst darüber und sagte, daß sie sie wie ein Huhn hinaufwackle.

Da Schwester Marie-Aimée immer voranging, suchte ich mich unter den letzten zu halten. Manchmal drehte sie sich jäh um; dann glitt Ismérie mit einer erstaunlichen Schnelligkeit und Geschicklichkeit an mir herunter.

Ich schämte mich immer ein bißchen unter Schwester Marie-Aimées Blick, und Ismérie sagte dann stets zu mir:

»Da siehst du, wie dumm du bist, du hast dich schon wieder erwischen lassen.«

Es war ihr niemals gelungen, auf Marie Renaud zu klettern, weil diese sie stets zurückstieß mit der Begründung, sie nutze unsere Kleider ab und beschmutze sie.

*

Im Gegensatz zu Ismérie, die ein Plappermäulchen war, schwatzte Marie Renaud niemals.

Sie half mir jeden Morgen mein Bett machen; sorgfältig strich sie mit den Händen über die Bettücher, um die Falten zu glätten; doch sie lehnte hartnäckig ab, wenn auch ich ihr helfen wollte, ihres zu machen, und behauptete, ich würde die Bettücher ganz gleich wie zusammenlegen. Ich war immer höchst erstaunt, wenn ich sah, daß ihr Bett beim Aufstehen gar nicht in Unordnung war.

Schließlich gestand sie mir, daß sie ihr Laken und ihre Bettdecke mit Nadeln an der Matratze feststecke. Sie hatte eine Menge kleiner Verstecke, die voll von allen möglichen Dingen waren. Bei Tisch aß sie stets einen Rest des Nachtischs vom Vortage; der neue blieb in ihrer Tasche; sie liebkoste ihn, und ab und zu naschte sie ein bißchen davon. Oft sah ich sie in der einen oder anderen Ecke sitzen und Spitzen klöppeln.

Ihre größte Freude war es, zu bürsten, zu fälteln und Ordnung zu schaffen; und dank ihr waren auch meine Schuhe immer gut gewichst und mein Sonntagskleid sorgsam gefältelt.

Das währte bis zu dem Tage, da wir ein neues Kindermädchen bekamen, das Madeleine hieß. Sie merkte bald, daß die gute Ordnung in meinen Sachen nicht mein Verdienst war. Sie schrie gleich los, nannte mich eine Zierpuppe, eine große Faulenzerin und sagte, ich ließe mich wie ein vornehmes Fräulein bedienen und es sei schmachvoll, die arme Marie Renaud, die nicht für zwei Heller Leben in sich hätte, für mich arbeiten zu lassen. Schwester Néron stimmte ihr bei, sagte, daß ich hochmütig sei, daß ich mich über alle Welt erhaben glaubte, daß ich niemals etwas machte wie die anderen, ja daß man hier noch niemals so ein Mädchen wie mich gesehen hätte und daß ich überhaupt völlig aus dem Rahmen fiele.

Sie schrien beide zugleich, wobei sie sich über mich beugten.

Ich dachte an zwei kreischende Feen, eine schwarze und eine weiße: Schwester Néron so groß und schwarz, und Madeleine so blond und frisch, mit ihren schwellenden geöffneten Lippen, den weit auseinanderstehenden Zähnen und der breiten, dicken Zunge, die den Speichel erst im Mund bewegte und dann zu einem Mundwinkel hinausstieß.

Schwester Néron hob die Hand gegen mich und sagte:

»Wirst du wohl die Augen niederschlagen!«

Und als sie sich entfernten, fügte sie hinzu:

»Sie beschämt einen, wenn sie einen so ansieht.«

Ich wußte seit langem, daß Schwester Néron einem Stier ähnelte, aber ich konnte absolut nicht herausfinden, mit was für einem Tier Madeleine Ähnlichkeit hatte. Ich dachte tagelang darüber nach und ging in meinem Kopf die Namen aller Tiere durch, die ich kannte; schließlich gab ich es auf.

Sie war dick und bog sich beim Gehen in den Hüften; sie hatte eine durchdringende Stimme, die alle überraschte.

Sie bat darum, in der Kapelle singen zu dürfen, aber da sie die Kirchenlieder nicht kannte, beauftragte Schwester Marie-Aimée mich, sie ihr beizubringen.

Marie Renaud konnte wieder mit dem Ausbürsten und Fälteln meiner Kleider beginnen, ohne daß es jemand zu bemerken schien. Sie war so froh darüber, daß sie mir eine Sicherheitsnadel schenkte, damit ich mein Taschentuch feststecken konnte, das ich stets verlor. Zwei Tage später hatte ich Nadel und Taschentuch verloren.

Oh, dieses Taschentuch, was für ein schrecklicher Alpdruck! Noch jetzt packt mich die Angst, wenn ich daran denke. Jahre hindurch verlor ich regelmäßig ein Taschentuch in der Woche.

Schwester Marie-Aimée pflegte uns für das schmutzige Taschentuch, das wir vor ihr auf die Erde warfen, ein sauberes zu geben. Ich dachte immer erst in diesem Augenblick daran; dann kehrte ich alle meine Taschen um; ich rannte wie eine Wahnsinnige durch die Schlafsäle, die Korridore, bis hinauf zum Boden; ich suchte überall. Mein Gott! Wenn ich doch bloß ein Taschentuch fände!

Wenn ich am Muttergottesbild vorbeikam, faltete ich inbrünstig die Hände.

»Wunderbare Mutter, laß mich ein Taschentuch finden!«

Aber ich fand keins, und ich ging wieder hinab, rot, außer Atem, beschämt, und ich wagte nicht, das zu nehmen, welches mir Schwester Marie-Aimée reichte.

Ich hörte schon im voraus den wohlverdienten Vorwurf. An Tagen, da ich keine Vorwürfe zu hören bekam, sah ich eine krause Stirn, erzürnte Augen, die mich lange verfolgten, ohne von mir abzulassen. Ich war vor Scham so niedergedrückt, daß ich kaum die Füße heben konnte. Ich ging ganz steif, ohne den Körper zu bewegen; und trotzdem verlor ich mein Taschentuch wieder.

Madeleine sah mich mit geheuchelt mitleidiger Miene an, und sie konnte es sich nicht immer verkneifen, mir zu sagen, daß ich eine harte Strafe verdiente.

Sie schien sehr an Schwester Marie-Aimée zu hängen; sie bediente sie aufmerksam, und beim leisesten Vorwurf brach sie in Tränen aus.

Sie bekam regelrechte Schluchzanfälle, die Schwester Marie-Aimée besänftigte, indem sie ihr die Wangen streichelte. Dann lachte und weinte sie zugleich. Wenn sie die Schultern bewegte, sah man ihren weißen Hals, was Schwester Néron zu der Bemerkung veranlaßte, sie sehe aus wie eine Katze.

*

Schwester Néron ging eines Tages nach einem heftigen Auftritt fort. Mitten beim Frühstück, als gerade große Ruhe herrschte, schrie sie plötzlich:

»Ja, ich will gehen, und ich werde gehen!«

Als Schwester Marie-Aimée sie ganz erstaunt ansah, bot sie ihr die Stirn, senkte dann den Kopf, schüttelte ihn, warf ihn wieder hoch und schrie noch lauter, daß sie es sich nicht länger gefallen lasse, von einer Rotznase kommandiert zu werden, jawohl, von einer Rotznase.

Sie war, rückwärts gehend, bei der Tür angelangt; sie öffnete sie, schüttelte wild den Kopf, streckte, bevor sie verschwand, ihren starken Arm nach Schwester Marie-Aimée aus und sagte mit tiefer Verachtung:

»Und so was ist noch nicht mal fünfundzwanzig!«

Einige kleine Mädchen waren erschrocken, andere fingen an zu lachen. Madeleine bekam einen richtigen Nervenschock; sie warf sich vor Schwester Marie-Aimée auf die Knie, umklammerte ihre Beine und küßte ihr Kleid. Sie nahm ihre Hände und rieb sie an ihrem großen feuchten Mund; und bei alledem stieß sie Schreie aus, als wäre eine furchtbare Katastrophe geschehen.

Schwester Marie-Aimée konnte sich gar nicht von ihr losmachen; schließlich wurde sie böse. Da fiel Madeleine ohnmächtig auf den Rücken.

Während ihr Schwester Marie-Aimée das Kleid aufhakte, machte sie ein Zeichen zu uns herüber. Ich glaubte, daß sie meine Hilfe brauche, und lief hin. Aber sie schickte mich zurück.

»Nein, nicht du, Marie Renaud.«

Sie händigte ihr die Schlüssel ein, und obwohl Marie Renaud Schwester Marie-Aimées Zimmer niemals betreten hatte, fand sie sofort das gewünschte Fläschchen.

*

Madeleine erholte sich sehr rasch, und da sie jetzt den Platz Schwester Nérons einnahm, bekam sie Macht. Schwester Marie-Aimée gegenüber blieb sie schüchtern und untertänig; aber dafür hielt sie sich an uns schadlos und keifte bei jeder Gelegenheit, daß sie unsere Aufseherin und nicht unser Kindermädchen sei.

An dem Tage, als sie ohnmächtig geworden war, hatte ich ihre Brust gesehen, und sie war mir so schön erschienen, wie ich mir dergleichen noch niemals vorgestellt hatte.

Aber ich fand Madeleine dumm und machte mir nichts aus ihren Ermahnungen. Das brachte sie hoch; sie überschüttete mich mit Schimpfworten, und am Ende behandelte sie mich stets wie eine Prinzessin.

Sie konnte es nicht ertragen, daß Schwester Marie-Aimée mir zugetan war; und wenn sie sah, daß sie mich küßte, wurde sie rot vor Ärger.

Ich wurde allmählich größer und war bei ziemlich guter Gesundheit. Schwester Marie-Aimée sagte, sie sei stolz auf mich. Wenn sie mich küßte, preßte sie mich so fest an sich, daß sie mir weh tat. Dann legte sie mir stets sanft ihre Finger auf die Stirn und sagte:

»Mein kleines Mädchen! Mein kleines Kind!«

Während der Freistunden blieb ich oft bei ihr sitzen. Ich hörte ihr zu, wenn sie vorlas: sie las mit tiefer und durchdringender Stimme, und wenn die Personen ihr gar zu sehr mißfielen, klappte sie heftig das Buch zu und beteiligte sich an unseren Spielen.

Sie hätte mich gern ganz makellos gesehen. Oft wiederholte sie:

»Ich will, daß du vollkommen bist, hörst du? Vollkommen!«

Eines Tages glaubte sie, ich hätte gelogen.

Wir hatten drei Kühe, die manchmal auf einer Wiese weideten, auf der eine riesige Kastanie stand. Die weiße Kuh war bösartig, und wir hatten Angst vor ihr, weil sie schon ein kleines Mädchen getreten hatte.

An jenem Tage sah ich die beiden roten Kühe und, direkt unter dem Kastanienbaum, eine schöne schwarze Kuh. Ich sagte zu Ismérie:

»Guck mal, man hat die weiße Kuh umgetauscht, wohl weil sie bösartig war.«

Ismérie, die schlechter Laune war, begann zu schreien und behauptete, ich machte mich immer über die anderen lustig und wolle ihnen Sachen einreden, die es gar nicht gäbe.

Ich zeigte ihr die Kuh; sie behauptete steif und fest, daß es die weiße, und ich, daß es eine schwarze sei.

Schwester Marie-Aimée hörte uns. Sie schien außer sich zu sein, als sie sagte:

»Wie kannst du behaupten, daß diese Kuh schwarz ist?«

In diesem Augenblick wechselte die Kuh ihren Platz; jetzt sah sie schwarz-weiß aus, und ich begriff, daß mich der Schatten der Kastanie irregeführt hatte. Ich war so verwirrt, daß ich keine Antwort fand; ich wußte nicht, wie ich die Sache erklären sollte.

Schwester Marie-Aimée schüttelte mich heftig.

»Warum hast du gelogen? Los, antworte! Warum hast du gelogen?«

Ich antwortete, daß ich es nicht wüßte.

Sie schickte mich zur Strafe in den Schuppen und versicherte mir, daß ich nur Brot und Wasser bekommen würde.

Da ich nicht gelogen hatte, ließ mich die Strafe kalt.

Im Schuppen standen nur alte Schränke und allerlei Gartengeräte. Ich kletterte überall herum, und bald saß ich auf dem höchsten Schrank.

Ich war zehn Jahre alt, und ich war das erstemal allein. Ich empfand eine gewisse Befriedigung dabei. Während ich mit den Beinen baumelte, stellte ich mir eine ganze unsichtbare Welt vor: Ein alter Schrank mit rostigen Beschlägen wurde zum Eingang eines prächtigen Palastes. Ich war ein kleines verlassenes Mädchen auf einem Berge; eine schöne Dame, die wie eine Fee gekleidet war, hatte mich erblickt und kam mich holen; wundervolle Hunde liefen vor ihr her; sie waren fast bei mir angelangt, als ich vor dem eisenbeschlagenen Schrank Schwester Marie-Aimée stehen sah, die sich nach allen Seiten umblickte.

Ich wußte nicht, daß ich auf einem Möbelstück saß; ich glaubte mich noch auf dem Berge und war nur ärgerlich, daß mit Schwester Marie-Aimées Kommen der ganze Palast mit all seinen Personen verschwunden war.

Sie entdeckte mich durch meine baumelnden Beine, und ich bemerkte im gleichen Augenblick wie sie, daß ich auf einem Schrank saß.

Sie blieb einen Moment stehen und sah zu mir herauf; dann holte sie ein Stück Brot, ein Endchen Wurst und eine kleine Flasche Wein aus ihrer Schürzentasche, zeigte mir eines nach dem anderen und sagte mit ärgerlicher Stimme:

»Das sollte für dich sein, nun gut, wie du willst!«

Sie steckte alles wieder in die Tasche und ging.

Einen Augenblick später brachte mir Madeleine Brot und Wasser, und ich blieb bis zum Abend im Schuppen.

*

Seit einiger Zeit war Schwester Marie-Aimée traurig; sie spielte nicht mehr mit uns; oft vergaß sie sogar unsere Essenszeit. Madeleine schickte mich in die Kapelle, wo ich sie suchen sollte und wo ich sie auch immer fand: auf den Knien liegend, das Gesicht in den Händen verborgen.

Ich mußte sie am Kleid zupfen, um mich bemerkbar zu machen. Mehrmals kam es mir vor, als hätte sie geweint; aber aus Angst, sie zu erzürnen, wagte ich nicht, sie anzusehen. Sie schien ganz versunken zu sein, und wenn man sie ansprach, antwortete sie barsch nur mit Ja oder Nein.

Dennoch beschäftigte sie sich eifrig mit einem kleinen Fest, das wir alljährlich zu Ostern veranstalteten. Sie ließ Kuchen kommen, die sie dann auf einem Tisch anrichtete und mit einem weißen Tuch bedeckte, um die Leckermäuler nicht zu sehr in Versuchung zu führen.

Das Mittagessen verlief unter lautem Schwatzen, da wir an Festtagen die Erlaubnis hatten, uns zu unterhalten. Schwester Marie-Aimée hatte uns mit ihrem gutmütigen Lächeln die Speisen vorgelegt und dabei für jede ein gutes Wort gefunden.

Sie wollte gerade die Kuchen verteilen und ließ sich von Madeleine helfen, das Tuch herunterzunehmen, das sie bedeckte. In diesem Augenblick sprang die Katze, die darunter gesessen hatte, zu Boden und entwischte. Schwester Marie-Aimée und Madeleine stießen ein langgezogenes »Ah!« aus, dann schrie Madeleine:

»Dieses dreckige Vieh, alle Kuchen hat es angeknabbert!«

Schwester Marie-Aimée konnte die Katze nicht leiden. Einen Augenblick blieb sie reglos stehen, dann rannte sie nach einem Stock und stürzte sich auf das Tier.

Das war ein furchtbarer Wettlauf: die toll gewordene Katze sprang nach allen Seiten und entging so dem Stock, der daher bloß auf Bänke und Wände schlug. All die kleinen Mädchen retteten sich, von Angst gepackt, nach der Tür. Schwester Marie-Aimée brachte sie mit einem Wort zum Stehen.

»Niemand geht hinaus!«

Sie hatte ein Gesicht, das ich nicht an ihr kannte: ihre zusammengepreßten Lippen, ihre Wangen, die ebenso weiß waren wie ihre Haube, und ihre funkensprühenden Augen schienen mir so entsetzlich, daß ich mein Gesicht in den Armen verbarg.

Gegen meinen Willen schaute ich von neuem zu. Die Verfolgung ging weiter: Schwester Marie-Aimée lief schweigend, mit erhobenem Stock; ihre Lippen waren geöffnet, und man sah ihre kleinen, spitzen Zähne. Sie lief kreuz und quer, sprang über die Bänke und stieg auf die Tische, wobei sie hastig ihre Röcke raffte. In dem Augenblick, als sie die Katze beinahe erwischt hätte, machte diese einen furchtbaren Satz und krallte sich ganz oben an einen Fenstervorhang.

Madeleine, die Schwester Marie-Aimée mit Bewegungen wie ein junger, ein wenig tolpatschiger Hund gefolgt war, wollte einen längeren Stock holen, aber Schwester Marie-Aimée hielt sie mit einer Handbewegung zurück und sagte:

»Sie hat gut daran getan, sich zu retten!«

Schwester Justine, die neben mir stand, sagte, indem sie sich die Augen zuhielt:

»Oh, ist das schmachvoll, ist das schmachvoll!«

Auch ich fand, daß das schmachvoll war; mich überkam ein gewisses Gefühl der Mißachtung für Schwester Marie-Aimée, die ich immer für makellos gehalten hatte. Ich verglich diese Szene mit einer anderen, die sich eines Tages während eines schweren Gewitters abgespielt hatte. Wie erhaben über all das war mir an jenem Tage Schwester Marie-Aimée vorgekommen. Ich sah sie wieder auf der Bank stehen: ruhig schloß sie das Fenster, wobei sie ihre schönen Arme hob, so daß die langen Ärmel bis auf die Schultern zurückfielen, und während wir durch die Blitze und die heftigen Windstöße verängstigt waren, sagte sie mit ruhiger Stimme:

»Ja aber, das ist ja der reinste Orkan!«

Jetzt rief Schwester Marie-Aimée die kleinen Mädchen wieder in die Saalmitte zurück. Sie öffnete die Tür ganz weit, und die Katze entwischte mit drei Sätzen.

*

Am Nachmittag war ich sehr erstaunt, daß der Vespergottesdienst nicht von unserem alten Pfarrer abgehalten wurde.

Der Neue hier war groß und stark. Er sang mit kräftiger und abgehackter Stimme. Den ganzen Abend wurde von ihm gesprochen. Madeleine meinte, daß er ein schöner Mann sei, und Schwester Marie-Aimée fand, daß er zwar eine junge Stimme habe, die Worte aber wie ein Greis ausspreche. Sie sagte auch noch, er habe einen jugendlichen und vornehmen Gang.

Als er uns zwei oder drei Tage später einen Besuch abstattete, sah ich, daß er weiße Haare hatte, die sich oberhalb seines Halses ringelten, und daß seine Augen und seine Brauen ganz schwarz waren.

Er verlangte diejenigen zu sehen, die sich auf den Katechismusunterricht vorbereiteten, und er wollte den Namen jeder einzelnen wissen. Schwester Marie-Aimée antwortete für mich. Sie sagte, wobei sie mir die Hand auf den Kopf legte:

»Diese hier, das ist unsere Marie-Claire.«

Ismérie näherte sich ebenfalls. Er betrachtete sie mit großer Neugierde, ließ sie sich umdrehen und ein paar Schritte gehen; er verglich ihre Figur mit der eines dreijährigen Kindes; und als er Schwester Marie-Aimée fragte, ob sie intelligent sei, fuhr Ismérie jäh herum und sagte, daß sie weniger einfältig sei als die anderen.

Er fing an zu lachen, und ich sah, daß seine Zähne sehr weiß waren. Wenn er sprach, machte er eine Bewegung nach vorn, als wolle er seine Worte wieder einfangen, die ihm gegen seinen Willen zu entschlüpfen schienen.

Schwester Marie-Aimée geleitete ihn bis zur Pforte des großen Hofes. Sonst pflegte sie die Besucher nur bis zur Saaltür zu begleiten.

Sie nahm ihren Platz auf dem Podium wieder ein, und nach einer Weile sagte sie, ohne jemanden anzusehen:

»Das ist wirklich ein sehr vornehmer Mann.«

Unser neuer Pfarrer wohnte in einem kleinen Häuschen dicht bei der Kapelle. Abends ging er in den Lindenalleen spazieren. Er kam ganz nahe an dem Rasenplatz vorbei, auf dem wir spielten, und er grüßte Schwester Marie-Aimée jedesmal mit einer tiefen Verbeugung.

Jeden Donnerstagnachmittag kam er uns besuchen: er setzte sich, lehnte sich in seinem Stuhl zurück, schlug die Beine übereinander und erzählte uns Geschichten. Er war sehr heiter, und Schwester Marie-Aimée sagte, er könne herzlich lachen.

Manchmal war Schwester Marie-Aimée leidend; dann besuchte sie der Herr Pfarrer oben in ihrem Zimmer.

Man sah Madeleine mit einer Teekanne und zwei Tassen vorbeigehen; sie glühte und war sehr geschäftig.

Als der Sommer vorbei war, kam uns der Herr Pfarrer nach dem Abendessen besuchen und verbrachte den Abend mit uns.

Punkt neun Uhr verließ er uns; und Schwester Marie-Aimée begleitete ihn stets auf den Korridor hinaus, bis zur großen Pforte.

*

Er war schon ein Jahr bei uns, und ich hatte mich immer noch nicht daran gewöhnen können, ihm zu beichten. Oft betrachtete er mich mit einem Lächeln, das mich glauben ließ, er erinnere sich meiner Sünden.

Wir gingen an ganz bestimmten Tagen zur Beichte, und zwar eine nach der anderen; wenn nur noch ein oder zwei Mädchen vor mir waren, begann ich zu zittern. Mein Herz schlug heftig, und ich bekam Magenkrämpfe, die mir den Atem benahmen.

War die Reihe dann an mir, erhob ich mich mit zitternden Beinen; in meinem Kopf summte es, und meine Wangen waren ganz kalt. Ich fiel im Beichtstuhl auf die Knie, und die murmelnde und scheinbar weit entfernte Stimme des Herrn Pfarrers flößte mir wieder ein wenig Vertrauen ein. Aber er mußte mir immer helfen, mich meiner Sünden zu erinnern, sonst hätte ich wohl die Hälfte vergessen.

Am Ende der Beichte fragte er mich stets nach meinem Namen. Ich hätte gern einen anderen gesagt, aber während ich daran dachte, entschlüpfte der meinige schon meinem Mund.

Der Tag der Erstkommunion rückte näher. Sie sollte im Mai stattfinden, und man begann schon mit den Vorbereitungen.

Schwester Marie-Aimée komponierte neue Kirchenlieder, so auch eine Art Lobgesang auf den Herrn Pfarrer.

Vierzehn Tage vor der heiligen Handlung trennte man uns von den anderen. Wir verbrachten all unsere Zeit im Gebet.

Madeleine sollte unsere Andacht überwachen, aber es kam mehr als einmal vor, daß sie sie störte, indem sie sich mit der einen oder der anderen herumstritt.

Meine Gefährtin hieß Sophie.

Sie war nicht zänkisch, und wir gingen stets allen Streitereien aus dem Wege. Wir sprachen von ernsten Dingen. Ich gestand ihr meine Abneigung gegen die Beichte und wie sehr mir davor bangte, schlecht zu kommunizieren.

Sie war sehr fromm und begriff nichts von meiner Furcht. Sie fand, daß ich nicht gottesfürchtig genug sei, und sie hatte bemerkt, daß ich während des Betens gewöhnlich einschlief.

Sie ihrerseits gestand mir, daß sie große Furcht vor dem Tode hätte; sie sprach mit ängstlicher und flüsternder Stimme davon.

Ihre Augen waren beinahe grün, und ihr Haar war so schön, daß Schwester Marie-Aimée es ihr niemals hatte abschneiden wollen wie den anderen kleinen Mädchen.

Endlich war der große Tag da.

Meine Generalbeichte war gar nicht so schlimm gewesen. Ich hatte danach beinahe dasselbe Gefühl wie nach einem frischen Bad. Ich fühlte mich ganz sauber.

Doch als ich die Hostie empfing, zitterte ich so sehr, daß ein Stück an meinen Zähnen hängenblieb. Vor meinen Augen flimmerte es, und mir schien, als senke sich ein schwarzer Vorhang vor mir herab. Ich glaubte die Stimme Schwester Marie-Aimées zu erkennen, die mich fragte:

»Bist du krank?«

Ganz dunkel war mir noch bewußt, daß sie mich zu meinem Betstuhl führte, daß sie mir meine Kerze in die Hand gab und sagte:

»Halte sie ganz fest.«

Die Kehle war mir so zugeschnürt, daß ich nicht imstande war zu schlucken, und ich fühlte, wie mir eine Flüssigkeit aus dem Mund herauslief.

Da packte mich eine wahnsinnige Angst, denn Madeleine hatte uns ja gewarnt, auf die Hostie zu beißen, weil dann das Blut Christi aus unserem Munde fließen werde, ohne daß etwas es aufhalten könne.

Schwester Marie-Aimée wischte mir das Gesicht ab und sagte ganz leise:

»Paß doch auf, hörst du! Bist du krank?«

Der Druck auf meine Kehle ließ nach, und jäh schluckte ich die mit Speichel vermischte Hostie hinunter.

Dann wagte ich, das Blut auf meinem Kleid zu betrachten, aber ich sah nur einen kleinen Fleck, wie ihn auch ein Wassertropfen hätte hervorrufen können.

Ich führte mein Taschentuch an die Lippen und wischte mir die Zunge ab: auch an meinem Taschentuch war kein Blut.

Ich war mir all dessen zwar nicht ganz sicher, aber als man uns zum Singen aufstehen hieß, versuchte ich mit den anderen zu singen.

Als uns der Herr Pfarrer im Laufe des Tages besuchen kam, erzählte ihm Schwester Marie-Aimée, daß ich während der Kommunion beinahe ohnmächtig geworden wäre. Er hob meinen Kopf, sah mir fest in die Augen, fing dann an zu lachen und sagte, ich sei ein überempfindliches kleines Mädchen.

*

Sobald wir die Erstkommunion empfangen hatten, gingen wir nicht mehr in die Schule. Schwester Justine lehrte uns, wie man Wäsche näht. Wir machten Hauben für die Bäuerinnen. Das war nicht sehr schwer, und da es etwas Neues war, arbeitete ich mit Feuereifer.

Schwester Justine erklärte, daß ich eine sehr gute Weißnäherin werden würde. Schwester Marie-Aimée umarmte mich und sagte:

»Wenn du nur deine Faulheit überwinden könntest!«

Aber als ich mehrere Hauben fertiggestellt hatte und immer wieder von vorn anfangen mußte, gewann meine Faulheit schnell wieder die Oberhand. Ich langweilte mich und konnte mich doch nicht entschließen zu arbeiten.

Ich hätte stundenlang so dasitzen und den anderen beim Arbeiten zuschauen können, ohne mich zu rühren.

Marie Renaud nähte schweigend; sie machte so kleine und enge Stiche, daß man wirklich gute Augen haben mußte, um sie zu sehen.

Ismérie summte beim Nähen vor sich hin, ohne Furcht vor Ermahnungen.

Die einen nähten mit gebeugtem Rücken, krauser Stirn und feuchten Fingern, zwischen denen die Nadeln knirschten; andere nähten langsam, sorgfältig, ohne Müdigkeit oder Langeweile, und zählten ganz leise die Stiche.

So wie diese hätte ich auch sein mögen! Im Innern grollte ich mir selbst, und einige Minuten lang machte ich es ihnen nach.

Doch das geringste Geräusch lenkte mich ab, und schließlich hörte oder sah ich dem zu, was sich um mich herum abspielte. Madeleine sagte, daß ich immerfort in die Luft guckte.

Ich verbrachte meine ganze Zeit damit, mir Nadeln vorzustellen, die von ganz allein nähen.

Lange Zeit hatte ich die Hoffnung, daß eine nur mir sichtbare freundliche kleine Alte aus dem großen Kamin heraustreten und meine Haube ganz schnell nähen würde.

Schließlich wurde ich abgestumpft gegen die Vorwürfe. Schwester Marie-Aimée wußte nicht mehr, wie sie mich ermutigen oder bestrafen sollte.

Eines Tages beschloß sie, mich zweimal täglich ganz laut vorlesen zu lassen. Das war eine große Freude für mich; ich fand, daß diese Stunde des Vorlesens nie schnell genug herankam, und ich bedauerte es immer, wenn ich das Buch schließen mußte.

*

Nach der Lektüre ließ Schwester Marie-Aimée die verkrüppelte Colette vorsingen.

Sie sang immer dieselben Lieder, aber ihre Stimme war so schön, daß man nicht müde wurde, ihr zuzuhören. Sie sang einfach, ohne ihre Arbeit ruhen zu lassen, und bewegte nur ein wenig den Kopf.

Schwester Justine, die die Lebensgeschichte jeder einzelnen kannte, erzählte, daß Colette, als sie noch ganz klein war, mit zerschmetterten Beinen hierhergebracht worden war.

Jetzt war sie zwanzig Jahre alt: Mühselig bewegte sie sich an zwei Stöcken fort; aus Angst, wie eine alte Frau zu wirken, wollte sie keine Krücken nehmen.

Während der Freistunden sah ich sie immer allein auf einer Bank sitzen. Sie reckte sich unaufhörlich, wobei sie sich zurückwarf. Die Pupillen ihrer schwarzen Augen waren so groß, daß man das Weiße fast nicht sah.

Ich fühlte mich zu ihr hingezogen; ich hätte gern ihre Freundin sein wollen. Sie schien sehr stolz zu sein, und wenn ich ihr einen kleinen Dienst erwies, hatte sie eine besondere Art, »Danke, Kleine« zu mir zu sagen, die mich sofort wieder an meine zwölf Jahre erinnerte.

Madeleine machte ein geheimnisvolles Gesicht, als sie mir sagte, daß es streng verboten sei, allein mit Colette zu sprechen; und als ich wissen wollte warum, verwirrte sie sich in eine lange und komplizierte Geschichte, aus der ich keineswegs klug wurde.

Ich wandte mich an Schwester Justine, die sich ebenso zierte, mir zu sagen, daß man sehr schlecht von Colette sprach und daß ein kleines Mädchen wie ich ihr nicht zu nahe kommen durfte.

Ich konnte niemals verstehen warum. Ich beobachtete sie oft und bemerkte, daß jedesmal, wenn eine von den Großen ihr den Arm bot, um sie ein Stück spazierenzuführen, sofort drei oder vier andere dazukamen, die mit ihr plauderten und lachten.

Ich glaubte, daß sie keine Freundin hatte. Ein großes Mitleid mit ihr vertiefte noch das Gefühl, das mich zu ihr hinzog, und eines Tages, als die Großen sie im Stich ließen, bot ich ihr meinen Arm, um sie um den Rasenplatz herumzuführen.

Ich stand ein wenig schüchtern vor ihr. Ich fühlte, daß sie nicht ablehnen würde.

Sie sah mich fest an, dann sagte sie:

»Du weißt, daß das verboten ist?«

Ich nickte bejahend.

Sie machte eine Kopfbewegung und sah mich noch einmal fest an.

»Und du hast keine Angst, bestraft zu werden?«

Ich schüttelte den Kopf.

Mich überkam ein großes Verlangen zu weinen, das mir die Kehle zuschnürte. Ich half ihr aufstehen. Sie stützte sich mit einer Hand auf einen Stock, und trotzdem lastete sie mit ihrem ganzen Gewicht auf mir.

Ich begriff, wie schwer ihr das Gehen fiel. Während des Spaziergangs redete sie kein Wort mit mir, aber als ich sie wieder zu ihrer Bank zurückgeführt hatte, blickte sie mich an und sagte:

»Danke, Marie-Claire.«

Als mich Schwester Justine bei Colette sah, hob sie die Arme zum Himmel und bekreuzigte sich.

Am anderen Ende des Rasenplatzes keifte Madeleine und drohte mir mit der Faust.

*

Am Abend bemerkte ich wohl, daß Schwester Marie-Aimée wußte, was ich getan hatte, aber sie machte mir keinen Vorwurf.

Während der folgenden Freistunde zog sie mich auf ihren Fußschemel nieder; sie nahm meinen Kopf in ihre beiden Hände und neigte sich über mich. Sie sagte nichts zu mir, aber ihre Augen tauchten in mein ganzes Gesicht: mir schien es, als sei ich ganz von ihren Augen eingehüllt. Ich verspürte dabei fast eine Wärme und fühlte mich sehr wohl. Sie küßte mich lange auf die Stirn, dann lächelte sie mir zu und sagte:

»Geh, du bist meine schöne weiße Lilie.«

Ich fand sie so schön mit ihren in verschiedenen Farben schillernden Augen, daß ich zu ihr sagte:

»Auch Sie, meine Mutter, auch Sie sind eine schöne Blume.«

Mit leichtem Ton antwortete sie:

»Ja, aber ich zähle nicht mehr zu den Lilien.«

Dann fragte sie mich unvermittelt:

»Du liebst also Ismérie nicht mehr?«

»Doch, meine Mutter.«

»Ach, und Colette?«

»Ich liebe sie auch.«

Sie stieß mich zurück.

»O du! Du liebst alle Welt!«

*

Fast täglich bot ich Colette meinen Arm.

Sie sprach mit mir nur, um irgendeine Bemerkung über die eine oder die andere zu machen.

Wenn ich mich neben sie setzte, betrachtete sie mich neugierig; sie fand, daß ich drollig aussähe.

Eines Tages fragte sie mich, ob ich sie hübsch fände. Sofort erinnerte ich mich, daß Schwester Marie-Aimée gesagt hatte, sie sei schwarz wie ein Maulwurf.

Ich sah jedoch, daß sie eine hohe Stirn und große Augen hatte und daß das übrige Gesicht ganz winzig war. Ich weiß nicht, warum ich, als ich sie betrachtete, an einen tiefen und schwarzen Brunnen dachte, der voll heißen Wassers war.

Nein, ich fand sie nicht hübsch! Aber das wagte ich ihr nicht zu sagen, weil sie ein Krüppel war, und so antwortete ich, daß sie noch viel hübscher wäre, wenn sie eine weiße Haut hätte.

Ganz allmählich wurde ich ihre Freundin.

Sie vertraute mir an, daß sie hoffe, von hier fortzugehen, um sich zu verheiraten wie die große Nina, die uns jeden Sonntag mit ihrem Kind besuchen kam.

Sie klopfte mir auf den Arm und sagte:

»Siehst du, ich, ich muß heiraten.«

Sie reckte sich weit, wobei sie ihren ganzen Körper vorstreckte.

Es gab Tage, an denen sie so tiefbekümmert weinte, daß ich ihr nichts zu sagen wußte.

Sie betrachtete ihre ganz verkrüppelten Beine, und es klang wie ein Seufzer, wenn sie sagte:

»Es müßte schon ein Wunder geschehen, damit ich hier herauskomme.«

Plötzlich kam mir der Gedanke, die Heilige Muttergottes könne dieses Wunder vollbringen.

Colette fand die Sache ganz einfach.

Sie wunderte sich, daß sie noch niemals daran gedacht hatte: es war ja nur gerecht, daß sie Beine wie alle anderen bekam!

Sie wollte sich sofort damit befassen.

Sie erklärte mir, daß sie dazu mehrere junge Mädchen brauche, die eine Neuntageandacht abhalten müßten, daß wir, um uns von unseren Sünden reinzuwaschen, zur Kommunion gehen würden und daß wir neun Tage lang nicht aufhören dürften zu beten, um der Gnade teilhaftig zu werden.

Das alles mußte ganz heimlich vor sich gehen.

Es wurde beschlossen, daß meine Freundin Sophie wegen ihrer großen Frömmigkeit eine der Unseren sein sollte. Colette übernahm es, mit einigen Großen, die ein gutes Herz hatten, darüber zu sprechen.

Zwei Tage später war alles abgemacht.

Colette sollte fasten und neun Tage lang Buße tun. Am zehnten Tag, einem Sonntag, würde sie wie gewöhnlich kommunizieren und sich dabei auf ihren Stock und den Arm einer von uns stützen; wenn sie die Hostie dann empfangen hätte, würde sie das Gelübde ablegen, ihre Kinder in der Liebe zur Heiligen Muttergottes zu erziehen; dann würde sie sich kerzengerade erheben und mit ihrer prachtvollen Stimme das Tedeum anstimmen, in das wir im Chor einfallen sollten.

Während dieser neun Tage betete ich mit einer Inbrunst, die ich bisher niemals gekannt hatte. Die gewöhnlichen Gebete schienen mir platt. Ich sagte die Litaneien zu Ehren der Muttergottes vor mich hin; ich wählte die schönsten Lobgebete aus und wiederholte sie, ohne zu ermüden.

»Morgenstern, heile Colette.«

Das erstemal lag ich so lange auf den Knien, daß Schwester Marie-Aimée mich ausschimpfen kam.

Niemand bemerkte die kleinen Zeichen, die wir uns gaben, und die Neuntageandacht ging in größter Heimlichkeit zu Ende.

*

Colette war sehr blaß, als sie zur Messe kam; ihre Wangen waren noch eingefallener als sonst. Sie hielt die Augen gesenkt, und ihre Lider waren ganz violett.

Ich glaubte, daß dies das Ende ihres Martyriums sei, und eine tiefe Freude hob mich hoch über mich empor.

Dicht neben mir blickte mich von einem Bild herab eine in ein weites weißes Gewand gehüllte Muttergottes an und lächelte mir zu, und in einem Aufwallen all meines Glaubens schrie mein Denken ihr zu:

»Spiegel der Gerechtigkeit, heile Colette!«

In dem festen Willen, meine Gedanken nicht abzulenken, preßte ich die Hände an die Schläfen und wiederholte immer wieder:

»Spiegel der Gerechtigkeit, heile Colette!«

Jetzt ging Colette zur Kommunion. Ihr Stock machte ein leises, hartes Geräusch auf den Steinfliesen.

Als sie niedergekniet war, ging ihre Begleiterin mit dem Stock wieder zurück, so sicher war sie, daß sie ihn nicht mehr brauchen würde.

Es war bejammernswert.

Colette versuchte sich aufzurichten und fiel wieder auf die Knie zurück. Ihre Hand tastete nach dem Stock, und da sie ihn nicht fand, machte sie eine erneute Anstrengung, um aufzustehen.

Sie klammerte sich an die Kommunionbank und hängte sich an den Arm einer Schwester, die neben ihr kommunizierte; dann schwankte sie und stürzte hin, wobei sie die Schwester mitriß.

Zwei von uns eilten hin und schleiften die arme Colette bis zu ihrer Bank.

Und doch hoffte ich noch, und bis zum Schluß der Messe wartete ich auf das Tedeum.

Sobald es mir möglich war, lief ich zu Colette.

Sie war von Großen umgeben, die sie zu trösten versuchten, indem sie ihr rieten, sich für immer Gott zu weihen. Sie weinte leise vor sich hin, ohne Erschütterung, mit ein wenig vorgebeugtem Kopf, und ihre Tränen tropften auf ihre gefalteten Hände.

Ich kniete vor ihr nieder, und als sie mich ansah, sagte ich zu ihr:

»Vielleicht kann man sich auch als Krüppel verheiraten.«

Die Geschichte mit Colette war bald im ganzen Haus bekannt; es herrschte eine allgemeine Traurigkeit, die den Spielen alles allzu Lärmende nahm. Ismérie glaubte mir eine große Neuigkeit mitzuteilen, als sie mir die Sache erzählte.

Meine Gefährtin Sophie sagte mir, man müsse sich dem Willen der Heiligen Muttergottes unterwerfen, da sie besser wisse als wir, was für das Glück Colettes gut sei.

*

Ich hätte gern gewußt, ob Schwester Marie-Aimée etwas erfahren hatte. Ich sah sie erst am Nachmittag, als wir spazierengingen. Sie sah nicht traurig aus; man hätte eher meinen können, sie sei zufrieden; niemals war sie mir so hübsch vorgekommen. Ihr ganzes Gesicht strahlte.

Während des Spazierganges merkte ich, daß sie lief, als hätte sie etwas aufgewühlt. Ich erinnerte mich nicht, sie jemals so laufen gesehen zu haben. Ihr Schleier umflatterte ein wenig ihre Schultern, und ihr Brustschleier verbarg nicht vollständig ihren Hals.

Sie gab überhaupt nicht auf uns acht; sie sah nichts; und doch hätte man meinen können, daß sie etwas sähe. Ab und zu lächelte sie, als antworte sie einer Stimme, die im Innern zu ihr sprach.

Nach dem Abendbrot sah ich sie auf einer alten Bank sitzen, die unter einer großen Linde stand. Der Herr Pfarrer saß neben ihr, mit dem Rücken an den Baum gelehnt.

Sie sahen sehr ernst aus.

Ich glaubte, sie sprächen von Colette, und blieb ein paar Schritte entfernt von ihnen stehen.

Schwester Marie-Aimée sagte, als ob sie auf eine Frage antwortete:

»Ja, mit fünfzehn Jahren.«

Der Herr Pfarrer sagte:

»Mit fünfzehn Jahren fühlt man sich noch nicht berufen.«

Ich hörte nicht, was Schwester Marie-Aimée antwortete, aber der Herr Pfarrer fuhr fort:

»Mit fünfzehn Jahren fühlt man sich zu allem berufen. Eine liebevolle oder gleichgültige Geste genügt, einen von seinem Wege abzubringen oder zu ermutigen weiterzugehen.«

Er machte eine Pause und sagte dann leiser:

»Ihre Eltern haben große Schuld auf sich geladen.«

Schwester Marie-Aimée antwortete:

»Ich bereue nichts.«

Sie verharrten lange, ohne zu sprechen; dann hob Schwester Marie-Aimée wie bei einer Ermahnung den Finger und sagte:

»Trotz allem, überall und immer!«

Der Herr Pfarrer streckte lachend ein wenig die Hand vor und sagte ebenfalls:

»Trotz allem, überall und immer!«

Plötzlich verkündete die Glocke, daß es Schlafenszeit war, und der Herr Pfarrer verschwand in den Lindenalleen.

Noch lange danach wiederholte ich mir die Worte, die ich gehört hatte; aber ich konnte sie niemals mit Colettes Geschichte in Einklang bringen.

*

Colette rechnete nicht mehr auf ein Wunder, um von hier fortzukommen; und dennoch konnte sie sich nicht darein fügen, in diesem Hause zu bleiben.

Als sie ihre Altersgenossinnen eine nach der anderen das Haus verlassen sah, begann sie sich aufzulehnen. Sie wollte nicht mehr zur Beichte und zur Kommunion gehen; zur Messe ging sie, weil sie dort sang und weil sie die Musik liebte.

Ich blieb oft bei ihr, um sie zu trösten.

Sie erklärte mir, daß heiraten die Liebe bedeute.

*

Schwester Marie-Aimée, die seit einiger Zeit leidend war, wurde ernstlich krank.

Madeleine pflegte sie aufopferungsvoll und sprang mit uns ganz willkürlich um. Sie hatte es besonders auf mich abgesehen, und wenn sie merkte, daß ich des Nähens überdrüssig war, sagte sie, wobei sie sich bemühte, eine hochmütige Miene aufzusetzen:

»Da dem gnädigen Fräulein das Nähen nun einmal nicht zusagt, braucht es nur den Besen zu nehmen.«

Eines Sonntags verfiel sie darauf, mich während der Messe die Treppen reinigen zu lassen. Es war Januar; eine feuchte Kälte, die aus den Korridoren kam, stieg von den Stufen auf und drang durch mein Kleid.

Ich fegte mit aller Kraft, um warm zu werden.

Die Klänge des Harmoniums wehten aus der Kapelle bis zu mir herüber; von Zeit zu Zeit erkannte ich die schrille und durchdringende Stimme Madeleines und die abgehackten Worte des Herrn Pfarrers.

Ich folgte dem Gang der Messe nach den Liedern. Da erhob sich plötzlich die Stimme Colettes; sie war stark und klar; sie schwoll an, übertönte die Klänge des Harmoniums, deckte alles andere zu und schwang sich dann hoch über die Linden, über die Häuser, höher als der Glockenturm empor.

Ein tiefer Schauer überlief mich dabei, und als sich die Stimme wieder ein wenig zitternd herabsenkte, als sie wieder in die Kirche zurückgekehrt war und von den Klängen des Harmoniums erstickt wurde, begann ich zu schluchzen wie ein ganz kleines Mädchen. Dann drang die spitze Stimme Madeleines von neuem herüber, und ich fegte aus Leibeskräften, als sollte mein Besen diese Stimme wegfegen, die mir so sehr mißfiel.

*

Am selben Tage ließ mich Schwester Marie-Aimée zu sich rufen. Seit reichlich zwei Monaten hatte sie ihr Zimmer nicht verlassen. Nun ging es ihr schon ein wenig besser, aber ich bemerkte, daß ihre Augen allen Glanz verloren hatten. Sie erinnerten mich an einen beinahe verblaßten Regenbogen.

Sie ließ mich all die kleinen drolligen Geschichten erzählen, die sich zugetragen hatten; sie versuchte beim Zuhören zu lächeln, doch nur ein Mundwinkel verzog sich leicht. Sie fragte mich auch, ob ich sie schreien gehört hätte.

O ja, ich hatte sie gehört; es war während ihrer Krankheit. Sie hatte mitten in der Nacht so fürchterliche Schreie ausgestoßen, daß der ganze Schlafsaal davon erwacht war. Madeleine lief hin und her. Man hörte sie mit Wasser hantieren. Und als ich sie fragte, was Schwester Marie-Aimée hätte, gab sie mir im Vorüberlaufen nur kurz zur Antwort:

»Schmerzen!«

Ich dachte sofort daran, daß Schwester Justine auch Schmerzen hatte, aber niemals hatte sie so geschrien; und ich stellte mir vor, daß Schwester Marie-Aimées Beine dreimal so geschwollen sein mußten wie die Schwester Justines.

Die Schreie waren stärker geworden. Einer war so entsetzlich gewesen, daß es schien, als sei er direkt aus ihrem Innern gekommen. Danach hatte man einige Klagelaute gehört und dann nichts mehr.

Nach einer Weile war Madeleine gekommen und hatte etwas zu Marie Renaud gesagt. Diese hatte sich sofort angezogen, und ich hatte sie hinuntergehen hören.

Kurz darauf war sie mit dem Herrn Pfarrer zurückgekommen. Er war eiligst in Schwester Marie-Aimées Zimmer gegangen, und Madeleine hatte die Tür schnell wieder hinter ihm zugemacht.

Er war nicht lange geblieben, doch er war viel langsamer wieder gegangen, als er gekommen war. Er hielt den Kopf gesenkt, und mit der rechten Hand hatte er einen Zipfel seines Mantels über den linken Arm geschlagen, als wolle er etwas Kostbares beschützen.

Ich glaubte, daß er die heiligen Sakramente wieder zurücktrug, und wagte nicht, ihn zu fragen, ob Schwester Marie-Aimée gestorben sei.

Ich hatte den Faustschlag nicht vergessen, den mir Madeleine versetzt hatte, als ich mich kurz zuvor an ihren Rock klammerte. Sie hatte mich zurückgestoßen und dabei sehr leise und sehr schnell gesagt: »Es geht ihr besser.«

Als Schwester Marie-Aimée wieder gesund war, legte Madeleine ihr anmaßendes Wesen ab, und alles ging wieder seinen gewohnten Gang.

*

Ich hatte immer noch denselben Widerwillen gegen das Nähen, und Schwester Marie-Aimée begann sich Sorgen zu machen.

Sie sprach darüber in meiner Gegenwart mit der Schwester des Herrn Pfarrers, einem älteren Fräulein mit langem Gesicht und großen, bleichen Augen. Sie hieß Fräulein Maximilienne.

Schwester Marie-Aimée sagte, wie sehr sie über meine Zukunft beunruhigt sei; sie fand, daß ich alles sehr leicht begreife, aber daß mich keinerlei Näharbeit interessiere. Sie hatte seit langem bemerkt, daß ich gern lernte. Daraufhin hatte sie Erkundigungen eingezogen, ob ich nicht irgendwelche entfernten Verwandten hätte, die sich um mich kümmern könnten. Aber ich hatte nur eine alte Verwandte, die bereits meine Schwester adoptiert hatte und sich weigerte, sich auch noch mit mir zu befassen.

Fräulein Maximilienne erbot sich, mich in ihr Modegeschäft zu nehmen, und der Herr Pfarrer meinte, daß dies ein sehr guter Gedanke sei; er fügte hinzu, daß es ihm sogar Vergnügen machen würde, zweimal wöchentlich dorthin zu kommen, um mich ein wenig zu unterrichten. Schwester Marie-Aimée schien wirklich glücklich zu sein. Sie wußte gar nicht, wie sie ihrer Dankbarkeit Ausdruck geben sollte.

Es wurde beschlossen, daß ich in Fräulein Maximiliennes Geschäft eintreten sollte, sobald der Herr Pfarrer von einer Reise nach Rom zurück sei, die er unternehmen mußte. Schwester Marie-Aimée begann, sich mit meiner Ausstattung zu beschäftigen, und Fräulein Maximilienne sollte zur Oberin gehen, um ihre Erlaubnis einzuholen.

Der Gedanke, daß die Oberin sich mit mir befassen würde, war mir recht unbehaglich. Immer wieder mußte ich an den bösen Blick denken, den sie zu uns herüberwarf, wenn sie an der alten Bank vorbeiging, auf der der Herr Pfarrer zu sitzen pflegte.

Daher erwartete ich ungeduldig die Antwort, die sie Fräulein Maximilienne geben würde.

Der Herr Pfarrer war vor einer Woche abgereist, und Schwester Marie-Aimée unterhielt sich jeden Tag mit mir über meine neue Beschäftigung. Sie sagte mir, wie froh sie sein würde, wenn sie mich sonntags immer sehen könnte. Sie gab mir tausend Ermahnungen und allerlei Ratschläge für meine Gesundheit.

*

Eines Morgens ließ mich die Oberin rufen. Als ich bei ihr eintrat, sah ich sie in einem großen roten Lehnstuhl sitzen. Gespenstergeschichten, die ich hatte über sie erzählen hören, fielen mir wieder ein; und als ich sie so ganz schwarz inmitten all dieses Rots sitzen sah, verglich ich sie mit einer riesigen Mohnblume, die in einem Keller gewachsen war.

Sie hob und senkte mehrmals die Lider. Ihr Lächeln kam einer Beleidigung gleich. Ich fühlte, daß ich tief errötete, und trotzdem wandte ich die Augen nicht ab.

Sie lächelte ein wenig höhnisch und sagte:

»Sie wissen, warum ich Sie rufen ließ?«

Ich antwortete, daß ich glaubte, sie wolle wegen Fräulein Maximilienne mit mir sprechen.

Und wieder lächelte sie höhnisch.

»Ach ja, Fräulein Maximilienne. Nun, schlagen Sie sich das aus dem Kopf. Wir haben beschlossen, Sie auf einem Pachthof in der Sologne unterzubringen.«

Sie kniff die Augen zusammen, als sie zu mir sagte:

»Sie sollen Schäferin werden, mein Fräulein!«

Und nachdrücklich fügte sie hinzu:

»Sie werden Schafe hüten.«

Ich antwortete ganz schlicht:

»Gut, meine Mutter.«

Sie erhob sich aus der Tiefe ihres Lehnstuhls und fragte:

»Wissen Sie, was das heißt, Schafe hüten?«

Ich antwortete, daß ich schon Schäferinnen auf den Feldern gesehen hätte.

Sie näherte ihr gelbes Gesicht dem meinen und fuhr fort:

»Sie werden die Ställe ausmisten müssen. Das riecht sehr schlecht. Und die Schäferinnen sind unsaubere Mädchen. Und dann müssen Sie auch bei den Arbeiten auf dem Hof helfen; man wird Ihnen beibringen, wie man die Kühe melkt und die Schweine füttert.«

Sie sprach sehr laut, als fürchtete sie, nicht verstanden zu werden.

Ich antwortete wie vorher:

»Gut, meine Mutter.«

Auf die Armlehnen ihres Stuhles gestützt, richtete sie sich hoch auf; dann sah sie mich mit ihren glänzenden Augen durchdringend an und begann von neuem:

»Sie sind also nicht stolz?«

Ich lächelte mit gleichgültiger Miene.

»Nein, meine Mutter.«

Sie schien äußerst erstaunt zu sein; als ich aber immer weiter gleichgültig lächelte, wurde ihre Stimme etwas weicher, als sie zu mir sagte:

»Wirklich, mein Kind? Ich habe immer geglaubt, Sie wären hochmütig.«

Sie sank in ihren Lehnstuhl zurück, verbarg die Augen hinter den Lidern und begann mit monotoner Stimme zu sprechen, wie wenn sie ihre Gebete murmelte; sie sagte, daß man seinen Vorgesetzten gehorchen müsse, daß man niemals seine Pflichten gegenüber der Religion versäumen dürfe und daß die Pächterin mich am Vorabend des Johannistages abholen käme.

Ich verließ sie mit Gefühlen, die ich nicht auszudrücken vermochte. Am meisten fürchtete ich aber, Schwester Marie-Aimée Schmerz zu bereiten. Wie sollte ich ihr das sagen?

Ich hatte kaum Zeit zum Überlegen. Sie erwartete mich an der Tür zu unserem Korridor. Sie faßte mich bei den Schultern, neigte sich zu mir herab und fragte:

»Nun?«

Ihr Blick war unruhig und forderte Antwort. Ich sagte schnell:

»Sie will nicht, und ich soll Schäferin werden.«

Schwester Marie-Aimée verstand nicht und runzelte die Brauen.

»Wieso Schäferin?«

Ich antwortete ganz schnell:

»Sie hat einen Platz auf einem Pachthof für mich gefunden, und dann soll ich die Kühe melken und die Schweine füttern.«

Schwester Marie-Aimée stieß mich so heftig zurück, daß ich an die Wand schlug.

Sie stürzte zur Tür; ich glaubte, sie wolle zur Oberin; aber einen Augenblick später kam sie wieder zurück und begann, mit großen Schritten im Korridor auf und ab zu gehen. Sie ballte die Fäuste und stampfte mit dem Fuß auf; sie war wütend auf sich selbst und atmete heftig. Dann lehnte sie sich an die Wand, ließ wie entmutigt die Arme herabhängen und sagte mit einer Stimme, die von weither zu kommen schien:

»Sie rächt sich, ja, sie rächt sich!«

Sie kam wieder auf mich zu, ergriff liebevoll meine Hände und fragte:

»Du hast ihr also nicht gesagt, daß du nicht willst? Du hast nicht gebeten, zu Fräulein Maximilienne gehen zu dürfen?«

Ich schüttelte verneinend den Kopf und erzählte der Reihe nach und mit denselben Worten alles, was die Oberin zu mir gesagt hatte.

Sie hörte mir zu, ohne mich zu unterbrechen. Dann befahl sie mir, meinen Kameradinnen gegenüber zu schweigen. Sie hoffte wohl, daß sich alles regeln würde, sobald der Herr Pfarrer zurück sei.

*

Am folgenden Sonntag, als wir uns gerade aufstellten, um zur Messe zu gehen, stürzte Madeleine mit erhobenen Händen wie eine Irre in den Saal und schrie:

»Der Herr Pfarrer ist tot!«

Und sie warf sich quer über den Tisch, der ganz in ihrer Nähe stand.

Aller Lärm verstummte, wir liefen zu Madeleine, die schrille Schreie ausstieß. Wir wollten alles wissen. Aber sie wälzte sich auf dem Tisch hin und her und stöhnte verzweifelt:

»Er ist tot, er ist tot!«

Ich dachte an nichts. Ich wußte nicht einmal, ob ich Schmerz darüber empfand, aber die ganze Messe hindurch dröhnte die Stimme Madeleines wie eine Glocke in meinen Ohren.

An diesem Tag war keine Rede von Spazierengehen; selbst die Kleinsten verhielten sich ruhig. Ich machte mich auf die Suche nach Schwester Marie-Aimée. Sie hatte dem Gottesdienst nicht beigewohnt, und durch Marie Renaud wußte ich, daß sie nicht krank war.

Ich fand sie im Refektorium. Sie saß auf ihrem Podium, ihr Kopf lag seitlich auf dem Tisch, und ihre Arme hingen am Stuhl herunter.

Ich setzte mich ziemlich weit entfernt von ihr hin, und als ich ihre so düsteren Klagen hörte, begann ich ebenfalls zu schluchzen, wobei ich das Gesicht in den Händen verbarg. Aber das dauerte nicht lange, ich fühlte recht gut, daß ich keinen Schmerz empfand. Ich versuchte aber trotzdem zu weinen, doch es war mir unmöglich, auch nur noch eine einzige Träne zu vergießen. Ich schämte mich ein bißchen vor mir selbst, weil ich glaubte, man müsse weinen, wenn jemand stirbt. Und da ich fürchtete, Schwester Marie-Aimée könne meinen, ich sei herzlos, wagte ich nicht, die Hände vom Gesicht zu nehmen.

Jetzt hörte ich sie weinen. Ihre langgezogenen Klagen erinnerten mich an den Wind, der im Winter im großen Kamin heulte. Sie schwollen an und verhauchten leise, es war, als wolle sie ein Lied komponieren. Dann prallten sie aufeinander, sprangen entzwei und endeten in tiefen und zitternden Tönen.

Kurz vor dem Mittagessen kam Madeleine ins Refektorium. Sie führte Schwester Marie-Aimée weg, wobei sie sie behutsam stützte.

Abends erzählte sie uns dann, daß der Herr Pfarrer in Rom gestorben sei und daß man ihn hierher überführen werde, damit er in der Familiengruft beigesetzt werden könne.

*

Am nächsten Tag beschäftigte sich Schwester Marie-Aimée wie gewöhnlich mit uns. Sie weinte nicht mehr, aber sie duldete nicht, daß man sie ansprach. Beim Gehen blickte sie zu Boden, und sie schien mich ganz vergessen zu haben.

Und dabei war ich nur noch einen Tag hier. Nach dem, was mir die Oberin gesagt hatte, sollte mich die Pächterin am nächsten Tage abholen kommen, denn tags darauf war der Johannistag.

Als Schwester Marie-Aimée am Abend nach dem Gebet das »Herr, nimm die Verbannten in deinen Schutz und hilf den Gefangenen« gesprochen hatte, fügte sie mit lauter Stimme hinzu:

»Sprechen wir jetzt ein Gebet für eine eurer Kameradinnen, die in die Welt hinausgeht.«

Ich begriff sofort, daß es sich um mich handelte, und ich hielt mich für ebenso beklagenswert wie die Verbannten und Gefangenen.

An diesem Abend war es mir unmöglich einzuschlafen. Ich wußte, daß ich am folgenden Morgen abreisen würde; aber ich wußte nicht, was die Sologne war. Ich stellte mir eine sehr weit entfernte Gegend vor, wo es nur blumige Ebenen gab. Ich sah mich als Hüterin einer Herde schöner weißer Schafe, und ich hatte zwei Hunde zur Seite, die nur auf ein Zeichen warteten, um die Tiere zusammenzutreiben. Ich hätte es Schwester Marie-Aimée nicht zu sagen gewagt: aber in diesem Augenblick war ich lieber Schäferin als Ladenmädchen.

Ismérie, die laut neben mir schnarchte, lenkte meine Gedanken zu meinen Kameradinnen zurück.

Die Nacht war so hell, daß ich deutlich alle Betten sah. Ich betrachtete sie, eines nach dem anderen, und verweilte ein wenig bei denen, die ich liebte. Mir beinahe gegenüber sah ich die herrlichen Haare meiner Gefährtin Sophie: sie breiteten sich auf dem Kopfkissen aus und ließen ihr Bett noch heller erscheinen. Etwas weiter weg standen die Betten von Chemineau, der Hochmütigen, und ihrer jüngeren Schwester, Chemineau, der Dummen. Chemineau, die Hochmütige, hatte eine hohe weiße und glatte Stirn und große, sanfte Augen. Sie verteidigte sich niemals, wenn man sie eines Fehlers beschuldigte. Sie zuckte die Achseln und blickte verächtlich um sich.

Schwester Marie-Aimée pflegte zu sagen, daß ihr Gewissen ebenso rein sei wie ihre Stirn.

Chemineau, die Dumme, war einen Kopf größer als ihre Schwester. Ihre borstigen Haare hingen ihr beinahe bis zu den Augenbrauen herab; sie hatte eckige Schultern und breite Hüften. Wir nannten sie den Wachhund ihrer Schwester.

Und ganz dort unten am anderen Ende des Schlafsaales lag Colette.

Sie glaubte immer noch, daß ich zu Fräulein Maximilienne ginge. Sie war davon überzeugt, daß ich mich sehr jung verheiraten würde, und sie hatte mir das Versprechen abgenommen, sie holen zu kommen, sobald ich verheiratet sei.

Meine Gedanken kreisten lange um sie. Dann sah ich zum Fenster hin: Die Schatten der Linden reichten bis an mein Bett. Ich bildete mir ein, sie kämen, um Abschied zu nehmen, und lächelte ihnen zu.

Hinter den Linden sah ich die Krankenstube; sie schien sich immer weiter zu entfernen, und ihre kleinen Fenster ließen mich an kranke Augen denken.

Auch dort verweilte ich – Schwester Agathes wegen. Sie war so fröhlich und so gut, daß die kleinen Mädchen immer lachten, wenn sie sie auszankte.

Sie war es, die die Verbände anlegte.

Wenn wir wegen eines Wehwehchens am Finger zu ihr gingen, empfing sie uns stets mit Scherzworten. Und je nachdem, ob wir genäschig oder eitel waren, versprach sie uns etwas Süßes oder ein Band, auf das sie mit einer unbestimmten Kopfbewegung hindeutete. Und während unser Blick die Süßigkeit oder das Band suchte, war das Wehwehchen auch schon aufgeschnitten, ausgewaschen und verbunden.

Ich erinnere mich einer Frostbeule, die ich am Fuß hatte und die nicht heilen wollte. Eines Morgens sagte Schwester Agathe mit ernster Miene zu mir:

»Hör zu, ich werde dir etwas Göttliches darauflegen, und wenn dein Fuß in drei Tagen nicht heil ist, wird man ihn dir abnehmen müssen.«

Und so vermied ich drei Tage lang zu laufen, um dieses göttliche Ding, das auf meinem Fuß lag, nicht zu verschieben. Ich hielt es für ein Stückchen Holz vom Kreuze Christi oder für ein Zipfelchen vom Schleier der Muttergottes.

Am dritten Tag war mein Fuß vollständig geheilt, und als ich Schwester Agathe nach dem Namen dieses wunderbaren Heilmittels fragte, antwortete sie mir mit einem schalkhaften Lächeln:

»Dummchen, das war eine Salbe von Arthur Divain Wortspiel. Die beiden französischen Wörter »divin« (göttlich) und »Divain« (ein Name) werden trotz der unterschiedlichen Schreibung gleich ausgesprochen. Wenn man den Satz »quelque chose de Divain« (etwas von Divain) nur hört und nicht geschrieben sieht, kann man annehmen, es handle sich um den Satz »quelque chose de divin« (etwas Göttliches).

*

Die Nacht war schon weit vorgerückt, als ich einschlief, und vom frühen Morgen an wartete ich auf die Pächterin. Ich wünschte, daß sie käme, und hatte doch Angst, sie kommen zu sehen.

Jedesmal, wenn jemand die Tür öffnete, hob Schwester Marie-Aimée jäh den Kopf.

Wir beendeten gerade das Mittagessen, als die Pförtnerin fragen kam, ob ich zur Abfahrt bereit sei.

Schwester Marie-Aimée schickte sie zurück und sagte, ich sei gleich fertig.

Sie erhob sich und machte mir ein Zeichen, ihr zu folgen. Sie half mir beim Anziehen, übergab mir ein kleines Wäschebündel und sagte plötzlich:

»Morgen überführt man ihn hierher, und du bist nicht mehr da.«

Sie sah mir in die Augen und fuhr fort:

»Schwöre mir, daß du jeden Abend ein De profundis für ihn beten wirst.«

Ich schwor es.

Dann preßte sie mich heftig an ihre Brust und flüchtete in ihr Zimmer. Ich hörte noch, wie sie sagte:

»Oh, das ist zuviel, mein Gott, das ist zuviel!«

Ich überquerte ganz allein den Hof, und die Pächterin, die mich erwartete, nahm mich sogleich mit sich fort.

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