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Gutenberg > Helene Hübener >

Maria und Lisa

Helene Hübener: Maria und Lisa - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorHelene Hübener
titleMaria und Lisa
publisherChristliche Verlagsanstalt Konstanz
yearo.J.
printrun49.-56. Tausend der Gesamtausgabe
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131217
projectid50b887b6
wgs9110
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Beginn eines Tagebuches

am 16. Juli

»Liebes Kind, nimm dir irgendeine Arbeit vor, das Ferienleben bringt sowieso viele Stunden des Nichtstuns mit sich«, sagte meine Mutter gestern, die nie sehen kann, wenn ihre Tochter unbeschäftigt dasitzt.

»Was soll ich nur tun, Mutter«, gab ich zur Antwort. »Zum Essen gehen wir in den ›Goldenen Stern‹; die Zimmer werden vom Personal besorgt, immer Handarbeit ist langweilig.«

Da sah mein Vater von der Zeitung auf und warf dazwischen: »Schreibe doch ein Tagebuch, Annchen. Erzähle deine kleinen Erlebnisse, und im Winter, wenn's draußen schneit und stürmt, und wir behaglich in unserem großen Wohnzimmer sitzen, da liest du Eltern und Geschwistern vor, was du geschrieben hast.« Die Mutter nickte mir lächelnd zu, ich aber war so erstaunt, diesen Vorschlag von meinem Vater zu hören, daß ich erst gar nichts sagen konnte, obwohl ich die Idee herrlich fand.

Es war ein lieblicher Ort, in einem weiten, von Bergen begrenzten Tal gelegen, wo mein Vater, der an nervösem Kopfschmerz litt, Ruhe und Erholung suchte und durch Stahlbäder seine Nerven kräftigte. Meine Mutter war zur Pflege mitgegangen, und ich? Ja, ich sollte den Eltern wohl zur Erheiterung dienen, denn ich bin gern lustig und oft leider zu allerhand übermütigen Streichen aufgelegt. Ich glaube, ich schwatze den Eltern oft zu viel, darum wünschen sie, daß ich mich eine Zeitlang still beschäftige. Wenn ich nun nicht reden kann, soll's die Feder für mich tun.

Also, kaum hatte ich Vaters Vorschlag gehört, eilte ich schon aus der Tür und lief talabwärts, immer die Straße entlang. Dort wußte ich einen Buchbinderladen, in dem ich ja finden mußte, was ich suchte. Schon viele Ansichtskarten hatte ich mir hier geholt, meine Freundinnen und Bekannten mußten ja Grüße aus dem Bade haben. Heute wählte ich nun ein dickes schwarz gebundenes Heft.

»Ist recht viel Papier drin?« hatte ich schon zweimal gefragt und die Finger prüfend hindurchgleiten lassen.

»Mindestens zehn Bogen«, versicherte Herr Munde, und seine kleine redselige Frau fügte hinzu: »Haben Sie denn noch Schulaufgaben zu machen?«

Ich wurde dunkelrot über diese Zumutung und sagte ein wenig beleidigt: »Wo denken Sie hin, Frau Munde; ich bin doch längst konfirmiert, war im Juni schon sechzehn Jahre, da geht man doch nicht mehr zur Schule!«

»Entschuldigen Sie nur, Fräulein!«

»Sie können es ja gerne wissen«, fuhr ich besänftigt fort, »ich will ein Tagebuch schreiben, dazu brauche ich das viele Papier!«

»O, ein Tagebuch!« flüsterte eine Stimme hinter mir. Als ich mich umschaue, steht ein junges, unbekanntes Mädchen da, das das Buch in meiner Hand mit großem Interesse ansieht. Vielleicht kauft es sich auch eins, dachte ich und verließ, nachdem ich bezahlt hatte, den Laden, sah aber noch, daß es mir mit großen, verwunderten Augen nachblickte. Nun erst merkte ich, daß ich ohne Hut und Handschuhe gelaufen war, und erst gestern hat Mutti mich ermahnt, immer daran zu denken, daß ich jetzt ein erwachsenes Mädchen sei. Die Idee mit dem Tagebuch hatte mich so eingenommen, daß ich so davongelaufen war. Es kamen mir gerade eine Menge Herren und Damen entgegen; es war mir peinlich, an ihnen vorüber zu müssen.

»Wenn nur Mutti nichts merkt«, dachte ich, aber natürlich – sie sah aus dem Fenster, als ich wiederkam, und schüttelte den Kopf. Wenn sie mich traurig ansieht oder mit dem Kopf schüttelt, das geht oft tiefer als lange Strafpredigten. Heute lächelte sie dabei, dann ist es in der Regel nicht so bös gemeint. Meine Mutter ist sehr gut, ich liebe sie über alles, es ist wohl recht und billig, daß ich zuerst von den Eltern erzähle, daß ich sage, wer sie sind und wo sie wohnen.

Mein Vater ist Besitzer eines schönen Gutes im Flachlande, das zwischen Hügeln, Buchenwäldern und Seen gelegen ist. Es ist ganz anders dort als hier zwischen den Bergen, aber ich freue mich sehr, eine Gebirgsgegend kennenzulernen. Es ist gewiß gut, wenn man einmal aus seiner Heimat herauskommt, man bleibt nicht so einseitig, sagt Mutter. Vater ist ein tüchtiger Landwirt, jedoch beschäftigt er sich auch wissenschaftlich viel. Er hat zuerst Jura studiert; wie es gekommen, daß er Gutsbesitzer geworden ist, weiß ich auch nicht. Ich glaube, es hängt mit seiner Gesundheit zusammen. Er leidet häufig an nervösem Kopfschmerz; wenn es morgens heißt: »Vater hat seine Kopfschmerzen«, da ist immer ein großer Schreck im Hause, denn dann ist er gewöhnlich sehr verstimmt und kann oft recht heftig werden. Man muß sich furchtbar in acht nehmen, daß man nichts Dummes macht, muß womöglich den ganzen Tag auf den Fußspitzen gehen, muß die Türen ganz leise auf- und zumachen, darf nicht singen, nicht niesen, man darf eigentlich gar nichts. Aber zum Glück kommt es jetzt schon viel seltener vor; die Bäder, die er schon im vorigen Jahr genommen, haben ihm sehr wohl getan. Im übrigen ist er ein guter Vater, den wir alle sehr liebhaben; man sagt, ich sei sein Liebling. Ich selbst kann es nicht finden, denn streng genug ist er; wir haben große Ehrfurcht vor ihm, wie auch alle seine Leute.

Meine Mutter ist in meinen Augen die vollkommenste Frau, die es auf der Welt gibt. Sie ist immer noch sehr hübsch, obwohl sie schon neununddreißig Jahre alt ist. Sie hat ein feines Gesicht, ihre schönen blauen Augen leuchten immer freundlich, ihr blonder Scheitel sieht so goldig aus, dabei hat sie eine stattliche Figur. Meine Eltern sind beide schlank und groß. Mutter wird von allen Leuten sehr geliebt, ich wüßte niemand, der meine Mutter nicht gern hätte. Die Leute in unserem Dorf sagen: »Sie ist so gut wie ein Engel.« Doch so etwas mag Mutter nicht hören. Gewiß ist aber, daß sie immer sanftmütig und freundlich ist. Ich habe sie noch nie zornig gesehen, und das ist gewiß gut, denn wenn Vater seine Kopfschmerzen hat, könnte es sonst mitunter schlecht ablaufen.

Heute morgen, als ich aus meinem Zimmer kam, um mit den Eltern Kaffee zu trinken, hielt Vater einen Brief in die Höhe und rief: »Kleine!«, so nennt er mich vorzugsweise gern, obwohl ich meiner Mutter schon bis an die Nasenspitze reiche, »Kleine«, sagte er, »freue dich, morgen kommen deine Brüder.« Ich jubelte laut bei dieser Nachricht, denn es war bis jetzt noch nicht entschieden, ob sie die Ferien auf unserem Gut verleben sollten oder hier. Schließlich hat Vater bestimmt, sie sollten hieherkommen. Die Eltern wollen doch auch etwas von ihren Kindern haben, wenn sie sie schon so früh in die Stadt in Pension geben müssen. Sie wohnen bei ein paar alten, ehrwürdigen Damen und besuchen das Gymnasium; sie freuen sich immer sehr, wenn es in den Ferien nach Hause geht. Diesmal mußten die Eltern nun gerade im Juli ins Bad reisen, was Vater auch der Ernte wegen nicht paßte, aber sein Befinden war so, daß der Arzt wünschte, er möchte sobald als möglich gehen. Wir haben einen tüchtigen Inspektor, der schon lange auf dem Gut ist; Vater kann ihm alles anvertrauen, wenn er auch am liebsten selbst die Oberaufsicht führt. Doch ich komme wieder von den Brüdern ab. Meine Brüder sind im ganzen gute Jungen. Matthias kugelrund mit einem frischen Gesicht und blauen Augen. Christian ist schlanker, hat ein längliches Gesicht und sieht mehr dem Vater ähnlich, der ganz dunkel ist. Matthias, der ältere, ist vierzehn Jahre alt, Christian zwölf. Sie bringen gewöhnlich gute Zeugnisse mit nach Hause. Wir drei sind sehr gute Freunde; wenn sie nicht da sind, bin ich nur ein halber Mensch, also wird jeder begreifen, wie groß meine Freude ist, daß die Jungen morgen erwartet werden. Nun kann ich mit ihnen durch die Wälder streifen oder auf den Bergen herumklettern, kann mit ihnen Entdeckungsreisen machen. Jetzt heißt es immer: »Allein gehen darfst du nicht«, oder: »Warte, bis wir auch spazieren gehen.« Zuweilen möchte man unzufrieden sein, daß man ein Mädchen ist; die Jungen haben viel mehr Freiheit.

Als ich dann ruhiger wurde – wenn ich mich freue, mache ich gewöhnlich viel Lärm dabei –, sah meine Mutter mich freundlich an und sagte: »Wenn die Jungen da sind, habe ich eine Überraschung für euch, freue dich nur immer, es ist etwas sehr Schönes. Gesagt wird aber noch nichts.«

Nun riet ich von einem zum andern, bis Vater sagte: »Nun ist's genug, jetzt zeige einmal, daß du Geduld hast und warten kannst.« Da mußte ich stille sein, aber innerlich wirbelte es durcheinander. Alles Mögliche und Unmögliche stellte ich mir vor, bis die Wirtin kam, um das Kaffeegeschirr zu holen, und Mutter sagte mir, ich solle helfen. Dann nahm Vater sein Bad und mußte sich eine Stunde legen. Mutter las ihm vor, und ich ging in mein Stübchen, um mein Tagebuch zu beginnen. Es macht doch sehr viel Spaß, alle Erlebnisse aufzuschreiben. Ich denke mir, wenn ich alt bin, wird es mir eine besondere Freude sein, meine Jugenderinnerungen zu lesen.

 

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