Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Georg Freiherr von Ompteda >

Margret und Ossana

Georg Freiherr von Ompteda: Margret und Ossana - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Freiherr von Ompteda
titleMargret und Ossana
publisherVerlag von Friedrich Rothbarth/Leipzig
year1937
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidee9c1dc2
created20061230
Schließen

Navigation:

Erstes Kapitel

Graf Meinhardt zu Aich spähte zum Fenster des Abteils hinaus. Da – zwei Gestalten, ein junges Mädchen in Schwarz, daneben ein Ulan, dem aus dem Mantel die drei Kragensterne des Rittmeisters lugten. Im Augenblick darauf umarmten sich die Geschwister. Das Henrietterl, wie Gräfin Henriette zu Aich genannt wurde, untergehakt, ging er dem Ausgange zu, während der Offizier sich um das Gepäck kümmerte.

»Das Telegramm kam zu spät. Unter einer Woche kann man von Amerika nicht herüberkommen! Und nun, wo Papa nicht mehr ist, scheint's mir doch, als wären diese ganzen – wie lange ist es? – sieben Jahre ein Unsinn gewesen. Aber er hat's so gewollt, ich hab' nicht anders können! Wie geht dir's Henrietterl?«

Sie sah ihn an mit ihren ewig lächelnden Augen: »Ah, sehr gut!«

Er kehrte zu seinem Vater zurück: »Der arme Papa, hat er sich denn gequält?«

»Nein, wie man hört, nicht.«

»Bist denn nicht dabei gewesen?«

»Es geschah zu plötzlich. Er hatte ja schon einen Schlaganfall gehabt, nun kam der Herzschlag noch hinzu.« »Und der Poldi?«

»Ah, der ist ja erst zur Beerdigung gekommen!« »Aber du hast den Papa doch noch gesehen?« »Ossana ist mit mir hin.«

Graf Meinhardt blieb stehen: »Wie ist denn seine Frau?«

»Der Papa war ja schon unten am Friedhof!« »Also auf der Rochusburg bist nicht gewesen?« Ihre Augen flammten: »Wo denkst denn hin?« Als sie im Fiaker saßen, zu dritt, sagte der Älteste, indem er den Hut hob und sich bei der ungewohnten Wärme des Märztages die Stirn tupfte: »Ich fahr' heut nachmittag hinauf.« »Das muß das erste sein.« »Sagen wir das zweite. Erst geh' ich zum Friedhof.«

Auf der Fahrt zum Palasthotel sprach der Rittmeister mit seiner Schwester über allerlei Veränderungen, die in Meran, in den Jahren, da auch er nicht in der Heimat gewesen, vor sich gegangen waren: Neubauten, Pflanzungen, Platzerweiterungen, Läden. Graf Meinhardt blieb stumm. Sie bogen aus der Habsburgerstraße beim Theater über die Passer. Drüben sahen sie die Promenade mit ihren alten, noch winterkahlen Bäumen, unter denen in der Sonne die Menschen auf und ab schritten oder saßen. Während sie beim leisen Rauschen des Wassers am Riesenkasten des »Grand Hotel Meraner Hof« hinfuhren, klangen die Weisen des Kurorchesters herüber. Die beiden anderen plauschten. Meinhardt starrte auf das alte Städtchen da drüben mit seinem neuen Kleide von Kuranlagen und Hotels, auf das köstliche Gemisch bäuerisch-bürgerlich verträumten Mittelalters und neuesten Fremdenbetriebes, darüber am Küchelberg stand wie ein mächtiger Wächter aus der Römerzeit der Pulverturm.

Während Graf Meinhardt sich umkleidete, wartete das Henrietterl in der Halle des Hotels, doch das Umziehen dauerte lange, die Brüder halten einander viel zu sagen.

»Poldi, hast du den Papa auch nicht mehr gesehen?«

Der zuckte mit einer gewissen Leichtfertigkeit die Achseln: »Nachdem ich nicht gerufen worden bin? übrigens, Meinhardt, warum hätte denn der Papa nicht wieder heiraten sollen, nachdem er sich so einsam gefühlt hat?«

»Das Henrietterl war doch da!«

»Schau, die ist damals noch ein Kind gewesen, und kein liebes grad'! Du weißt doch die Szenen, die's mit ihr gegeben hat. Wenn er ein paar Jahr gewartet hätt', hätt' man's ihm vielleicht nicht übel genommen; freilich zu heiraten, nachdem die Mutter kaum drei Monat tot war –«

Graf Meinhardt zog den Rock an, vergrub die Hände in den Taschen und blieb – einen Kopf größer als der schlanke, fadendünne Rittmeister – breit und stark vor ihm stehen:

»Wenn ich nur damals dagewesen wär'! So was schriftlich machen, das ist nix. Aber, Teifel nochmal, wenn man in Indien sitzt, kann man nicht am andern Tag in Tirol sein, und ich bin doch damals beim Generalkonsulat in Kalkutta gewesen. Das ist das Fürchterliche am Tod, daß man nichts mehr gutmachen kann. Vielleicht ist auch bei uns viel Schuld gewesen, grab' bei mir! Ich hält' ja den Papa um Verzeihung gebeten. So oder so hätten wir uns gewiß versöhnt. Vor einer Woche noch waren alle Möglichkeiten, und ich hab' gedacht, die Jahre werden ja doch einmal die Versöhnung bringen! Und jetzt? Zu spät! Unsere liebe Mutter hat immer gesagt: Zum Haß ist Zeit, Liebe verlangt Gegenwart.«

Graf Meinhardt schwieg. Der Rittmeister ließ erst die nötige Pause verstreichen, die er, mehr Daseins- und Oberflächenmensch, doch für schicklich hielt, dann rief er in ganz anderem Tone:

»Aber das Henrietterl wartet!«

Graf Meinhardt wollte allein auf den Friedhof gehen. So lieb er die Geschwister hatte, er empfand das Bedürfnis, sich mit seinem Herzen und dem Gedächtnis an jenen, der ihm über zwanzig Jahre ein herzensguter Vater gewesen, allein auseinanderzusetzen.

Die paar Schritte vom Palasthotel zum alten katholischen Friedhof ging er zu Fuß. Nayspur im Nonstal, wo einst die Aich begraben worden, war schon seit Geschlechtern in anderem Besitz. Auf der Rochusburg, die eine Ältermutter in die Ehe gebracht, lagen nur sie und ihr Gemahl. Die Aich aber ruhten seit der Zeit auf dem Maiser Friedhofe. Er trat durch das Säulentor und ging zwischen den Gräberreihen hin, zum letzten Bette seines Vaters.

Vor dem riesigen Marmorkreuz an der Friedhofmauer zog er mit kurzem Lippengebet den Hut, aber zur Sammlung konnte er nicht kommen. Äußerlichkeiten fielen ihm auf: die Grabplatte war beschädigt; man sah noch die helle Bruchstelle von einem abgesprengten Stück – vielleicht als sie vor ein paar Tagen erst abgenommen worden, um den Sarg des Vaters hinunterzulassen, neben den seiner ersten Frau. Und mit einem Male schoß es Graf Meinhardt durch den Kopf: War es nicht erstaunlich, daß die zweite ihren Mann, der ihretwegen mit seiner Familie gebrochen hatte, hier neben der ersten Frau ruhen ließ, wo für sie einmal kein Platz mehr sein würde? Oder hatte sie keinen Widerspruch erheben können?

Alle Stimmung war dahin. Ein Lippengebet wieder, und er ging langsam davon. Im Vorüberschreiten las er ein paar Grabsteine. Namen aus seiner Kindheit dunkelten da auf den Platten, halb verwischt von Jahren und Wetter: »Edler von Rasen zum Neuenturm« – »Altbürgermeister Dr. Thaddäus Ladurner«, der grausliche Brummbär? Und die »vielbetrauerte Witwe Maria Trenkwalder?« Sie war ja schon, als Meinhardt ein Knabe gewesen, hornalt! Aber dort »Filomena Unterweger«, die Bauerntochter vom Stafflerhof, die er als Bub einst heimführen wollte, und ein Vierteljahr darauf glühte sein Herz doch schon für eine andere? Alte Zeiten! Seltsames, kurzes Menschenleben!

Er stand am Ausgang. Ein weißhaariges Weib drückte, über ein Grab gebeugt, mit dürren Armen, an denen die Adern wie Stränge lagen, die Erde fest. Im Vorübergehen las Graf Meinhardt den Namen: »Freifrau Durazzi von Paternell«, und sofort klang es ihm weiter in den Ohren: »geborene Katzenpecken von Pergamatsch.«

Da standen vor seinen Augen die Durazzi, bei denen das Henrietterl nun das achte Jahr schon weilte, seitdem es wegen der zweiten Frau die Rochusburg verlassen. Er sah die Schwestern vor sich in halblangen Kleidern, noch eckig, kindlich aneinander gelehnt, wie sie ihn anblickten und in erwachender Jungfräulichkeit die Augen niederschlugen. Die lustige Ossana mit ihrem klangvollen Namen, ursprünglich das »Ossana« (Hosianna) der Schrift. Der alte Baron Durazzi hatte ihn den Familienpapieren entlehnt, darin er abends, die Hornbrille vor den Augen, vergangene Herrlichkeit seines Geschlechtes aufleben ließ. Margret war verschlossen, ernst und still. Und in dem Heimatlosigkeitsgefühl, das heute des Heimgekehrten Herz erzittern ließ, erschien es ihm wie ein Ruhepunkt, das alte Göllan da drüben, mit seiner efeuumsponnenen Nordwand, mit dem engen Wirtschaftshof, mit der gewiß schon seit Jahrhunderten schief geneigten Treppe, die unter dem Säulendach emporführte in den weiträumigen Flur.

Da beeilte er seine Schritte, als warteten seiner die lieben Jugendgespielinnen: gleich wollten sie hinüberfahren, gleich! Er schüttelte den Gedanken ab an das Grab, und seine Seele sprach: »Ich komme wieder zu dir, Vater, wenn alle Mißtöne verklungen sind.«

Da empfing ihn auch schon der weiße, langgestreckte, neumodische Hotelbau mit den großen Spiegelscheiben. An den Palmenbeeten davor standen ein paar modisch gekleidete Damen, deren kräftige Aussprache die Norddeutschen verriet. Kurgäste, aus einer anderen Welt als die Grafen Aich von und zu Nayspur und die Freiherren Durazzi von Paternell und die Katzenpecken von Pergamatsch ...

Graf Meinhardt fragte: »Wollen wir gleich nach Göllan?«

Aus alter Gewohnheit dachte er daran, einen Wagen zu bestellen, doch die Schwester meinte: »Mit der Tram sind wir viel schneller dort.«

»Ach ja. jetzt ist ja alles anders!« Am Ruffinplatz stiegen die Geschwister ein. Durch Untermais sausten sie, an in der Südensonne schon leise wieder grünenden Wiesen zwischen Obstbäumen hin über die Etsch. Graf Meinhardt nannte dem Henrietterl die Namen aller Ortschaften und Ansitze, auf die sie selbst, die nie ihre Heimat verlassen, nicht zu achten gelernt, als ob er sie eben erst entdecke.

Im Schatten des Marlinger Berges leuchteten Höfe aus den Weingärten, und weite Kalvilleanlagen dehnten sich über weißen Stützmauern hin. Herren- und Geschäftsordnung verkündend gegen die unregelmäßig eingehaltenen Gründe der Bauern. Nun kam, vor dem vom Schlosse Braunsberg überragten Lana, der alte Ansitz Göllan in Sicht mit seinem zeitgedunkelten Holzziegeldach. Wie sie den Fußweg, dessen Stufen aus einstigen Bauteilen gebildet waren, hinaufstiegen, ward der halbe Zerfall sichtbar. Der Rundbogen des Tores war gesprungen, ein Teil der Zinnen abgedeckt, der Mörtel von der Witterung zerfressen. Durch den gotischen Treppengiebel des Hauses ging, vom zierlich gekuppelten romanischen Fenster aus, ein klaffender Riß. Reich geschmiedete Fensterkörbe in dem unteren Geschoß verrieten versunkene Herrlichkeit. Ein breiter Erker ragte auf gewaltigen Kragsteinen an der Hausecke vor, und Graf Meinhardt sah die alten Wappenscheiben hinter neuzeitlichen Fenstergläsern hängen. An der ganzen Hofseite bis zum nahen Wirtschaftsgebäude hinüber stützten Säulen das überstehende Dach. Dort lag der dunkle Eingang zur Torggel: noch immer hing die gotische Tür schief in den Angeln, als würde sie, gerade gerichtet, das Jugendbild zerstören, das Meinhardt im Gedächtnis trug. Und da führte auch die ausgetretene Treppe mit den breiten Hausteinstufen hinan, von der schon der Knabe nicht begriffen, wie sie eigentlich den Gesetzen der Schwere standhielt. Mit ein paar Sprüngen war er den beiden anderen voraus und stand oben vor dem Tor, an dem rechts und links zwei marmorne Rundbänke, poliert durch langen Gebrauch, vorsprangen. Neben dem alten geschmiedeten Glockenzuge, der, in ein Wirrsal von Drähten auslaufend, über den Hof und zum ersten Stock hinauf ging, fand sich der Druckknopf einer elektrischen Klingel schief angeschraubt. Ein kleiner, glattrasierter Mann im grauen Rock mit Zornknöpfen und grünem Kragen erschien. Doch das Henrietterl war schon vorausgelaufen in den gewölbten Flur, wo in regelmäßigen Abständen niedrige Türen mit schmiedeeisernen Klinken die gemeißelten Wände unterbrachen. Die Gräfin rief fröhlich: »Der Onkel läßt bitten!«

Dann verschwand sie im Zimmer, und man hörte sie sagen: »Ja, der Meinhardt auch.«

Sie traten ein. Der große, etwas niedrige Raum trug über alter Vertäfelung einen tapetennachahmenden Anstrich. Von der Decke, aus dem Leibe einer auf Wolken schwebenden Putte, hing ein Bronzelüster herab, der in eine mächtige, glänzende Kugel auslief. Von den Wänden schauten Familienbilder. Ihre Leinwand, vielleicht seit hundert Jahren nicht nachgespannt, schlug Wellen. Ein Lehnstuhl wartete am Fenster, mit breiten Backen den Müden zu empfangen, während am Sofaplatz den Tisch steiflehnige Sessel umstanden, so hoch, daß vor den meisten Fußbänke träumten. Um den bunt bemalten Renaissance-Kachelofen, auf gelben, wild dreinschauenden Löwen ruhend, lief eine Holzbank. Im ersten Augenblick schien nur das Henrietterl im Zimmer zu sein, bis von einem eingelegten Schreibtisch, an dessen heruntergeklappter Platte er gesessen, ein alter Herr sich erhob. Sein schneeweißer Bart war am Kinn ausrasiert, ein paar lebenslustige blaue Äuglein blinzelten den beiden Grafen Aich entgegen: »Aber schau, Meinhardt, ist das a Freud'! Na ja, der Papa – aber daß du zu spät gekommen bist ... Und da ist ja der Poldi! Laßt ihr euch auch wieder einmal anschaun? Schau, schau, Rittmeister? Der Stern ist ganz neu. Ja, ja, das ist ein Stolz, wenn man avanciert. So nun setzt's euch her und bleibt's nit wieder jahrlang aus! Du bist wohl lang gefahren. Meinhardt, von Amerika?«

»Zehn Tage!«

Der alte Baron zog ihn beiseite: »Ja, ja, 's ist traurig, so heimkehren. Aber hier find'st du immer ein Heim. Willst bei uns wohnen? Ich laß dir gleich ein Zimmer richten. Elegant nicht, aber du liebst ja alte Sachen. I mag auch das Neue nit leiden!«

Graf Meinhardt dankte: sie wohnten schon drüben im Hotel, und er müsse auch morgen hinauf nach der Rochusburg. Sie hatten sich gesetzt, im Kreise um den eingelegten Tisch, auf dem eine Zinnschüssel voll eingekniffener Besuchskarten stand.

Der alte Herr nahm rechts Meinhardts, links Poldis Hand:

»Ich hab' kein' Sohn, ich alter Esel sitz' da mit lauter Weibsbildern beinand. Aber wenn i schon ein paar Söhn' haben sollt', euch möcht i gleich!«

Doch im selben Augenblick lehnte er sich in seinen Stuhl zurück, faltete die Hände und drehte die Daumen. In der Tür erschienen zwei schwarze Köpfe mit dunklen, glänzenden Augen unter den weißen Stirnen. Wo waren die kleinen, schämigen Mädchen von einst, halbwüchsig mit kurzen Kleidern? Zwei junge Damen standen da, ruhig und selbstverständlich. Ohne die Augen niederzuschlagen, gingen sie dem Jugendfreund entgegen. Ossana, die ältere, streckte ihm die Hand hin. Dann auch Margret, die jüngere, dunkler noch, aber die Züge nicht ganz so regelmäßig. Der Rittmeister ward ein wenig wärmer begrüßt, denn sie hatten ihn vor ein paar Jahren wenigstens einmal wiedergesehen.

Das Henrietterl bat erstaunt: »Wollt ihr euch nit du sagen?«

Meinhardt betrachtete die mädchenhafte Gestalt, die eben eingetreten, in ihrem einfachen fußfreien Kleide. Er war so in Gedanken, daß er nicht antwortete, bis der alte Baron Margret bei der Hand, den Grafen beim Arm nahm und rief:

»Keine Müdigkeit vorschützen – gebt's euch a Busserl!«

Das schlanke dunkle Mädchen fiel, vom Vater hinübergerissen, Meinhardt beinahe in die Arme. Auch die andere Tochter trieb er mit dem Sohne seines einstigen Freundes zusammen. Doch zu einem Kusse kam es nicht. Der Rittmeister dagegen ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen, und sein Schnurrbart berührte nacheinander die Wangen der Mädchen.

Meinhardt sagte zu Margret Durazzi: »Also darf ich von der Verwandtschaft Gebrauch machen?«

»Natürlich!«

Und doch blieben sie ein wenig steif voreinander stehen. Er betrachtete Margret noch immer. Unter Ossanas dunklen Lidern schoß ein Blick zu ihm, dem das Schwarz der Kleidung zu dem Blond seines Haares so gut stand. Inzwischen war das Henrietterl verschwunden, die Jause zu bestellen. Man setzte sich, und während der Rittmeister sich mit Ossana unterhielt, glitt Meinhardts Auge wieder über Margrets vielleicht ein wenig zu magere Gestalt mit dem engen Gürtel, um den, genau wie bei ihrer Schwester, die goldene Uhrkette gelegt war: »Wie hast du dich – ich darf ja du sagen – verändert! Ich hätt' euch nicht wieder erkannt, so groß seid ihr geworden und so schön.«

Es zuckte um ihre Augenbrauen gleich Ärger; doch mit seiner ganzen Natürlichkeit, der Schmeicheln fern lag, fuhr er fort:

»Man sieht ja ganz anders, wenn man so lang' in einer fremden Welt gewesen ist. Und doch ist's mir hier noch so vertraut, als ob ich erst gestern fortgegangen wär'. Ich hab' langen Urlaub. Den ersten, seit ich in Washington als Sekretär bin.«

Der alte Baron drohte mit dem Finger: »Jetzt bleibst aber da!«

Meinhardts Auge streifte Margret, als müsse von ihr eine Ermutigung dazu kommen. Doch sie schob den kleinen spitzen Schuh vor, kehrte ihn zur Seite und betrachtete die Sohle. So antwortete er nur zögernd:

»Vielleicht...« Dann mit plötzlichem Entschlusse: »Ich sollt' eigentlich den Abschied nehmen.«

Margret rührte sich nicht; Ossanas schwarze Augen waren auf ihn gerichtet. Aber sofort wandte sie sich wieder ab, um mit dem Henrietterl zu sprechen. Nun setzte Meinhardt dem alten Baron auseinander, es gäbe gewiß so viel zu ordnen beim Antritt des großen Besitzes, daß es freilich wohl das beste sei, hier zu bleiben. Dabei drehte er sich um und blickte zum Fenster hinaus auf die besonnten Hänge, über denen gerade das weiße Gemäuer der Rochusburg jenseits des Tales aufleuchtete:

»Ich hab' manchmal Heimweh gehabt, und wenn ich das jetzt wieder seh' nach den ewigen brandigen traurigen Londoner Nebeln, nach der fremden Pracht in Indien, nach dem schauerlichen Winter in Amerika, wo dann wieder die Sommerhitze viel schlimmer ist als hier bei uns, ach ...«

Baron Durazzi meinte nachdenklich: »Abschied nehmen ist schnell g'schehen! Ich wollt', ich hätt' weiter gedient.«

Er sah sich gewohnheitsmäßig um, als sei das schon eine gewagte Behauptung, die beanstandet werden könnte. Der Rittmeister hatte sich eine Zigarette angezündet; eine dicke Rauchwolke von sich blasend, meinte er: »A bissel eng ist's schon da! Immer die gleichen Leut'!«

Und es klang, als sei er weit in der Welt herumgekommen, während er doch seine ganze Dienstzeit in elenden galizischen und ungarischen Nestern verbracht hatte.

Graf Meinhardt trat mit dem alten Baron ans Fenster und blickte wieder zur Rochusburg hinüber, deren Fensterscheiben eben blitzten, als hieße es: »Ja, die Sonne, diese schöne Sonne, und unsere lieben Tiroler Berge.«

Der Rittmeister kam zu ihnen. Baron Durazzi sah sich um. Seine Töchter waren verschwunden. So legte er die Hände auf seiner jungen Wahlverwandten Schultern: »Na, was sagt's ihr denn zu euren Kusinen?«

Der Rittmeister strich sich mit den vom ewigen Zigarettenrauchen gelblichen Fingern den kleinen Schnurrbart: »Sehr fesch!«

Der alte Herr krümmte die haarige, alterssommersprossige Hand, an der der Ehering saß, nach innen und tupfte sich auf die Brust:

»Nachdem ich der Vater bin!«

Dann aber rief er ins Nebenzimmer durch die offene Tür: »Wie steht's mit der Jause?«

»Sofort, Papa!«

»Also schnell, Margret!«

»Die Margret ist nit da!«

»Na dann du, Ossana!«

Und zu seinem Besuch gewandt: »Ich weiß nie, ob die Margret spricht oder die Ossana.«

Der Rittmeister meinte: »Sie schauen sich auch sonst so ähnlich wie ein Ei dem andern.«

Graf Meinhardt machte ein erstauntes Gesicht. Da kam auch schon der Diener mit dem Teebrett. Henrietterl und Ossana folgten, mit geröstetem Brot und Butter.

Dann wurde Tee getrunken. Auf dem Sofa saß das Henrietterl zwischen den Schwestern, Graf Meinhardt neben Margret. Während sie sich von ihm von Amerika erzählen ließ, war sie immer bedacht, auch einmal ein Wort mit dem Rittmeister zu tauschen. Ossana aber bog sich über das Henrietterl vor, um Graf Meinhardt zuzuhören. Man spürte aus seinen Worten, wie der Gedanke an den Tod des Vaters ihn nicht los ließ, während des Rittmeisters leichtere Art Leben und Sterben hinnahm etwa gleich einem Garnisonwechsel, der Vorteile oder Nachteile bieten könnte.

Die Mädchen hatten sich Zigaretten angesteckt, nur Margret rauchte nicht. Allmählich kam man einander näher, der Tee mit Anbieten, Danken, Nehmen verknüpfte, und es war, als ob die Tabakwolken gemütlich die Geister einten. Immer wieder kehrten die Gedanken zur Rochusburg zurück. Graf Meinhardt hatte ja alles, was in diesen Jahren vorgegangen, nur brieflich erlebt. Er meinte, es sei bitter, daß er aus Selbstachtung im Hotel wohnen müsse, dem Tratsch und Klatsch der beschäftigungslosen Menschen eines Kurortes ausgesetzt, wahrend dort oben sein väterliches Schloß lag. Und noch einmal erzählte er alles, was geschehen. Wie der Papa ihn gewissermaßen um Rat gefragt, ob er die zweite Heirat wagen solle, und der Sohn ihm in aller Ehrerbietung das Gedächtnis an die verstorbene Mutter wachgerufen. Wie der Papa das dann übelgenommen und der Sohn in einer unseligen Anwandlung von Gereiztheit ihm nichts schuldig geblieben, bis der Briefverkehr mit einem Bruch geendet, während vielleicht bei einer kurzen Aussprache Auge in Auge alles sich hätte regeln lassen.

Aus Meinhardts Worten zitterte ein verwundetes Herz, der Poldi dagegen erklärte, ihm sei das alles Wurscht. Wurscht war jedes dritte Wort, als ob er auf die ganze Welt pfiffe. Nun ereiferte sich auch das Henrietterl, zum erstenmal im Zusammenhang den Gang der Ereignisse erzählend, die sie aus Rochusburg getrieben: »Schau, Meinhardt, du hast mir immer zugeredet in deinen Briefen, ich soll bleiben. Aber hab' i nit immer an die liebe Mama denken müssen, wenn die Fremde da sitzt? Und in alles hat sie sich hineinmischen wollen. Ich hätt' nit rauchen sollen, und nit allein nach Meran hinunterlaufen. Und der Unterricht bei dem englischen Fräulein hat ihr auch nit gepaßt. Ich müßt' in ein Pensionat. Mein Gott, wenn das die selige Mutter gewußt hätt'! Fort sollt' ich, damit sie allein regieren könnt'! Na, das war schon nit mehr zum Aushalten! Und wie sie dann grob worden ist ... sie war schon ekelhaft ... da bin i halt eines Tages nach Göllan kommen und hab' erklärt, i geh' nit wieder fort. Tante Angiolina hat mich zwar nit behalten woll'n, aber ich hab' g'sagt, eher geh' ich ins Wasser. Ja, wirklich, das hab' ich g'sagt.«

Der alte Baron schüttelte den Kopf: »Und da wird die Tante dir gesagt haben, daß das saudumme Gedanken sind, sich das Leben nehmen wollen. Recht hat sie, die Tante, wenn sie auch die Frömmigkeit a bisserl übertreibt, denn am End' hat man auch Pflichten auf der Welt und nicht nur für den Himmel, nachdem sie nit einmal weiß, wie lang' sie wird im Fegfeuer sitzen müssen.«

Plötzlich klang eine Stimme. Graf Meinhardt sah zuerst Ossana an, gewahrte aber dann, daß Margret sprach: »Lieber Papa, ich weiß, daß es nicht an der Tochter ist, dir Vorhaltungen zu machen, aber ich möcht' doch fragen, warum grad' die Mama so lang' im Fegfeuer sein soll?«

Der alte Baron lachte: »Ja, ja, schon gut! Natürlich kommt sie in den Himmel.«

Die junge Gräfin rief, eine Salzstange in der Hand, mit der sie ihre Bewegungen begleitete:

»'s ist wirklich so gewesen, Meinhardt, daß ich 's nit hab' aushalten können. Jedenfalls bin ich nit wiederkommen. Und die Tante hat mich hierbehalten.«

Baron Durazzi blickte nach der Uhr:

»Aber nun muß doch die Mama endlich heimkehren; der Rosenkranz ist doch aus.« Graf Meinhardt erhob sich:

»Wir können leider nicht länger warten, es wird schon bald Nacht, und wir müssen zum Essen im Hotel sein. Ein wenig die Papiere durchschauen muß ich auch noch, daß ich morgen früh, wenn ich mit dem Advokaten rede, orientiert bin.«

Der alte Herr, der, seitdem er den Abschied genommen, auf dem Ansitz seiner Familie in weichem Nichtstun die Jahre verbrachte, konnte solchen Eifer nicht begreifen.

Durch die Weingärten gaben die vier bis zur Haltestelle der elektrischen Tram den Scheidenden das Geleit. Der Rittmeister ging mit den Mädchen voraus, und bei dem bummelnden Gang, der ihm eigen war, streiften seine Schultern ab und zu die der Kusinen.

Drüben die Obermaiser Moränenhalde hinan glitzerte Licht an Licht, während in den noch nicht ganz dunkeln Himmel das zerklüftete Haupt des Ifinger seine breite Spitze schnitt. Im Passeier leuchteten matt schneebedeckte Berghänge, zur Linken ragte hoch oben in feierlichem Schweigen die steile Zackenmauer von der Mutspitze bis zum Tschigat.

Graf Meinhardt blieb mit dem alten Herrn stehen: »Unser Landl ist doch schön! Und den Papa hab' ich nicht mehr gesehen.«

Der alte Baron, den grünen Steirerhut ins Gesicht gesetzt, schob den Arm in den seines Begleiters. Während sie die Steinplatten zwischen den Nebenlauben niederschritten, sagte er: »Nur nit immer traurige Gedanken. Das Leben ist jammervoll genug!«

Und er machte ein ernstes Gesicht, als ob der untätige Mann unter des Daseins Last zusammenzubrechen drohte. Doch im gleichen Augenblick rief er schon wieder: »Setz' dich nur net zu zeitig hier fest. Denk' an mich! Ja, damals bei den Kaiserulanen, das war eine Zeit! Und die drei Jahr in Wien!«

Er ließ den andern los, straffte die Arme abwechselnd rechts und links, dann nahm er den Hut mit dem breiten grünen Band vom Kopf, und während er ihn vor dem Gesicht zwischen den Fingerspitzen ein paarmal langsam drehen ließ, summte er: »Mei Bluat geht so lufti, so leicht wia der Wind ...«

In der Ferne hörte man ein Surren; gegen Lana blitzten farbige Lichter auf. Die Mädchen unten schrien:

»Die Tram! Die Tram! Schnell, schnell!«

Nun gab es einen überstürzten Abschied, den der Rittmeister benutzte, um Margret und Ossana abermals vetterlich mit dem Schnurrbart die Wange Zu streicheln. Meinhardt streckte ihnen nur die Hand hin.

Noch ein: »Grüßt Tante Angiolina!« und die beiden rannten spornstreichs hinunter, um gerade noch die Tram zu erwischen. Den dunklen Gestalten drüben im Weingarten, die schon mit dem Erdreich verschwammen, winkten sie noch lange ein Lebewohl zu.

Die Mädchen gingen miteinander. Das Henrietterl eingehakt zwischen den Schwestern. Der alte Baron stieg langsamer hinterdrein. Die kleine Gräfin fragte:

»Na, wie g'fallt euch denn der Meinhardt?«

Ossana sagte: »So schön groß hätt' ich ihn mir nimmer vorgestellt!«

Margret schwieg. Sie wandte sich um, wo der Vater bliebe. Gegen den blendenden Lichterschein von Meran und Mais dort drüben sahen sie ihn im ersten Augenblick nicht. Sie hörten nur durch die Nacht das Lied, womit er seinen Gang begleitete: »Mei Bluat geht so lufti, so leicht wia der Wind – –«

 Kapitel 2 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.