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Paul Scheerbart: Marduk - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
booktitleDer alte Orient
authorPaul Scheerbart
year1999
publisheredition text + kritik
addressMünchen
isbn3-88377-589-4
titleMarduk
pages18-44
created20010721
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Paul Scheerbart

Marduk

Assyrische Burg-Novelette

Lautlos war die Nacht. – Und alle Sterne des Himmels funkelten hoch über der großen Stadt Ninive. Auf dem Marktplatz standen viele Bogenschützen und blickten zum Himmel empor und sahen nach einem Stern, der heller funkelte als die andern – sie sahen zum Stern Marduk hin mit hochgezogenen Augenbrauen.

Und der Eunuch Zirukin sprach leise zu den Bogenschützen, die ihn umstanden:

»Ihr könnt mir's glauben: der große Planet dort oben steht in der günstigsten Stellung im Sternbilde der Widder. Große Dinge bereiten sich vor. Ihr werdet Glück haben, wenn ihr nach Babylon kommt. Ihr werdet siegreich sein und viel erobern. Das sagen alle Priester in den Tempeln. Ich hab's gehört mit meinen Ohren.«

Und mit starren Augen zog der Eunuch Zirukin geheimnisvolle Kreise mit dem rechten Zeigefinger durch die Luft.

»Ihr werdet«, fuhr er fort, »unserm großen König Sargon dem Zweiten Sieg bringen. Geht mit Marduk. Reitet mit Marduk, dem Herrn der Götter, durch die dunkle Nacht.«

»Sieg!« murmelten die Bogenschützen.

Und »Sieg!« riefen dann alle siebenmal. Und auch die Fernerstehenden riefen »Sieg!« – es klang dumpf. Auch die Krieger, die die Pferde hielten, riefen »Sieg«! – und dabei starrten alle den großen Planeten Marduk an.

Dann hörte man vom Westtore her wildes Rossegetrappel. Andere Reiter kamen mit Fackeln. In ihrer Mitte der Oberfeldherr Nadinaplu.

Die Bogenschützen sprangen auf ihre Pferde und ritten dem Oberfeldherrn Nadinaplu entgegen.

Danach sprengten alle zusammen – an die dreitausend Man – durchs Osttor von Ninive hinaus in die Sternennacht.

Babylon

Währenddem saß in Babylon der Oberpriester Nabuseto auf der obersten Dachterrasse des Marduktempels. Und neben ihm saß der König von Babylon, der große Mardukbaliddin. Der König rollte mit den Augen nach rechts und nach links, daß das Weiße neben dem Augapfel im dunklen Gesicht hell aufleuchtete. Mit der Rechten kraulte sich der König im schwarzen, feingekräuselten Vollbart. Tiefe Falten waren zwischen den buschigen Augenbrauen.

»Ich bin Marduk«, sagte er düster, »der große Gott Babylons. Und ich kämpfe schon neun Jahre gegen diesen Mann aus Ninive. Das Gold wird mir knapp. Die Babylonier sind schlaff und helfen mir nicht, trotzdem ich's schon durch meinen Namen so deutlich gesagt habe, daß ich der Gott Marduk bin.«

»Du hast es«, erwiderte Nabuseto, »eben zu deutlich gesagt. Das wirkt nicht. Du hast unsre Gegner unterschätzt. Wir waren gleich dagegen. Der Mann aus Ninive hat genauer auf die Worte seiner Priester geachtet und war nicht so deutlich; er nannte sich Sargon – Sargon der Zweite! Und jeder denkt dabei an den großen König Sargon von Agade. Der lebte vor zwei Jahrtausenden und war selbstverständlich auch Gott Marduk. Aber beachte: es ist das nicht so deutlich gesagt, daß sich Sargon der Zweite auch in erster Linie für den Gott Marduk hält. Man empfindet diese Zurückhaltung wohltuend. Und – er hat viel Gold und kann alle seine Leute reich beschenken. Laß deine Priester für dich sorgen, traue ihnen mehr zu. Wir sind hier im Tempel des Marduk, und ich bin der Oberpriester des Tempels. Vergiß nicht, den großen Gott, dessen Ebenbild du bist, anzubeten. Dort oben am Himmel steht sein Stern.«

Da warfen sich die beiden auf den Fliesenboden und berührten siebenmal mit der Stirn die Fliesen und beteten lange zu Marduk, dem großen Herrn der Götter.

Die Sargonsburg

Zwei Meilen nordöstlich von Ninive, am Fuße des Gebirges Musri, lag die große Sargonsburg, in der der König Sargon residierte. Mächtige Wälle umgaben die Burg. Und hinter den Wällen ragten viele Tempel hoch empor. Und viele Paläste lagen neben den Tempeln. Und viele glasierte Ziegel glänzten von den Tempeln und Palästen in den Farben der fünf Planeten – im Goldtone der Sonne und im Silbertone des Mondes.

Auf einem Hügel in der Mitte des weiten Burghofes stand das kolossale Standbild des Isdubar – viereinhalb Meter hoch – in der Linken hielt er einen zappelnden Löwen – wie eine Mutter ein ungezogenes Kind hält – in der Rechten hielt er ein großes Schwert. Sein Bart war fein gekräuselt – wie's Sitte ist in Ninive und Babylon.

Der ganze Burghof war mit glasierten Ziegeln belegt. Und die waren bunt wie Teppiche. Auf den Dachterrassen standen viele Hofbeamte, Eunuchen und Priester.

Unten ging's treppauf und treppab. Und viele Krieger mit Harnisch und Helm gingen da umher. Auch Rosse wurden herumgeführt.

Und Haremsdamen wurden in Sänften schnell von den Sklaven vorübergetragen – treppauf und treppab.

Von der Dachterrasse des königlichen Palastes aus konnte man den Tigris in der Ferne sehen.

Und von der Dachterrasse des Assurtempels aus konnte man das Wasser des großen Zab sehen, der ein Nebenfluß des Tigris ist.

Vom Tempel des Nebo aus sah man nur die umliegenden Baulichkeiten.

Vom Tempel des Marduk aus sah man nur den großen Himmel mit den ewigen Sternen.

Das Frühstück

Kurz vor Sonnenaufgang lag der König Sargon der Zweite in dem größten seiner Paläste auf einem breiten Diwan und ließ sich die schwarzen Bart- und Haupthaare kräuseln. Der Eunuch Zirukin tat das eigenhändig mit Eifer und Sorgfalt; fünf Sklaven machten ihm die Brennscheren heiß, rieben die Pomaden in kupfernen Tiegeln und schärften die großen Scheren auf kleinen Schleifsteinen.

Der König lag in einem großen Sommerhause, das sich auf einer Dachterrasse befand. Nur nach Osten war das Haus offen. Aber diese offene Seite war von einem dichten Fadennetz überspannt, so daß Fliegen und Bienen nicht hinein konnten. Diese schwärmten über einem kleinen Rosengarten, der vor dem Sommerhause einen wundervollen Duft zum Himmel ausströmte.

Und der König blickte ins weite Land gen Osten.

Alles war still. Zirukin gab seinen Sklaven nur durch Fingerzeichen die Befehle.

Und im Hintergrunde des Gemachs rösteten die Küchensklaven frisches Lammfleisch.

Ein kleines Stück wurde auf eine kleine Goldschale gelegt und dem König an langer Stange feierlich dargereicht. Der König spießte das Fleisch mit einem Knochendolch auf und führte es vorsichtig pustend zum Munde, während Zirukin die Stirnlocke kräuselte. Am Griff des Knochendolches saßen fünf Türkise – in verschiedener Größe und ausgezackt – die Planeten darstellend.

Die Sonne ging auf.

Die Rosen dufteten.

Die Bienen summten.

Und ein Sklave brachte eine Tontafel mit Keilschrift.

Es war ein Bericht des Oberfeldherrn Nadinaplu, der in Babylonien die Dörfer in Schrecken setzte und die Umgegend von Babylon ausplünderte. Drei Zentner reines Gold sandte der Oberfeldherr in die Sargonsburg.

Der König sagte leise:

»Ein größeres Stück Lammfleisch.«

Geheimnisvoller Briefwechsel

Kaufleute kamen aus Babylon zur Sargonsburg und brachten Wein in Schläuchen und Lapislazuli in ledernen Beuteln. Einer von diesen Kaufleuten sprach lange mit Zirukin, dem Haarkräusler des Königs.

Und während die beiden sprachen, drückte der Kaufmann dem Zirukin ein Stück Ton in die Hand, das geformt war wie ein Stück Seife. Auf diesem Ton stand in Keilschrift:

»König Mardukbaliddin sprach zu seinem Schatzmeister: Nimm alles Gold, das du in meinen Palästen findest, und bring's nach Theben im Ägypterlande. Dort wird man dir das Gold für mich verwahren. Der König von Ägypten ist mein Freund. In Babylon ist kein Gold mehr. Sargon, der König, der mich fortwährend bedrängt, möge mit Ägypten Krieg führen, wenn er immer noch nach dem babylonischen Golde lüstern ist.«

Kein Siegel war unter diesem Schreiben. Zirukin las es in seiner Felsgrotte vor seinem großen Dachgarten. Er wußte: das Schreiben kam von seinem Onkel – dem Oberpriester Nabuseto. Der Eunuch nahm sofort ein Stück feuchten Ton und ritzte darauf in Keilschrift folgende Sätze:

»Dreihundert Zentner Gold hat Nadinaplu erbeutet. Der Schatzmeister des Königs Mardukbaliddin ist also mit seinem Golde nicht bis Theben durchgedrungen. In der Sargonsburg werden alle Tempel vergoldet.«

Dieses Schreiben ließ der Eunuch rasch brennen und gab's dem Kaufmann schweigend mit einem Goldstück für Nabuseto, seinen Oheim – den Oberpriester des Marduktempels zu Babylon.

Nabuseto schüttelte, als er das las, den Kopf und sagte zum König:

»Dreihundert Zentner Gold soll Nadinaplu in den Dörfern vor Babylon erbeutet haben. Nicht dreißig Zentner sind da zu finden. Sollte der Assyrer geheime Fundstätten entdeckt haben?«

Geflügelte Sonnen

Zirukin hatte seinem König Sargon dem Zweiten schon zweimal das Leben in der Schlacht gerettet. Und er war seinem Könige treu ergeben und unterhielt nur mit seinem Oheim den geheimnisvollen Briefwechsel, um zu wissen, was die Feinde taten und welcher Art die Gefahren sein könnten, die seinen König bedrohten.

Nabuseto in Babylon wußte, daß sein Neffe in der Sargonsburg auch nicht so eifrig bemüht war, die Wahrheit zu reden. Das tat an den Höfen und in den Tempeln keiner. Und doch erfuhr man auch durch Lügenberichte, wenn man sie korrigieren konnte, immerhin etwas.

Und so nahm Nabuseto doch an, daß Nadinaplu sehr wohl eine größere Masse Goldes erbeutet haben konnte; schon dreißig Zentner erschienen dem Oberpriester ungeheuerlich viel. Nach Ägypten war natürlich niemals Gold gesandt. Aber der Oberpriester leitete jetzt die Politik, und er bediente sich dabei vieler Spione. Einige von diesen sollten in der Umgegend von Babylon nachforschen nach neuen Fundstätten. Überall, wo gegraben wurde, sollten sie dabei sein.

Zur Sargonsburg sandte der Oberpriester abermals eine Karawane, unter denen zwei Leute zu Zirukin gehen mußten mit neuen Tontafeln.

Nabuseto war neugierig.

Zirukin aber war schlauer als sein Oheim; er sagte ruhig zu den Spionen:

»Seht ihr dort am Assurtempel auf den blau glasierten Ziegeln geflügelte Sonnen? Zählt sie! Es sind siebenmal sieben Sonnen. Und alle sind jetzt neu vergoldet. Das erzählt meinem Oheim.«

Als das der Oheim in Babylon hörte, glaubte er fest daran, daß Nadinaplu mindestens hundert Zentner in einer geheimen Fundstätte erbeutet habe.

Der König in der Sänfte

Bald danach stand in der Sargonsburg, als die Sonne grade unterging mit roten Wolken, der Bildhauer Samasdan neben dem Oberpriester Balatu. Sie standen auf einer Terrasse hinter einem Lorbeergebüsch.

Samasdan, auch ein Priester des Marduktempels, war drei Jahre in Ägypten gewesen und soeben zurückgekehrt. Er sagte leise:

»Die großen Pyramiden haben fünf Spitzen und fünf Flächen, da wir fünf Planeten am Himmel sehen. Die geflügelte Sonne ist Symbol des Gottes Horus, bei uns Symbol Assurs. Der herrschende Priester und König im Ägypterlande sitzt und klemmt die Knie aneinander – er will den Geist der Massen beherrschen.«

»Der König kommt!« sagte leise Balatu.

Und beide blickten hinunter auf den großen Platz vor dem Königspalaste, der mit rot-, blau- und grünglasierten Ziegeln belegt war – wie mit einem Teppich. Und von zwanzig Sklaven wurde der König in einer Sänfte vorübergetragen.

Aber König Sargon der Zweite stand in der Sänfte.

Ausschreitend stand der König da.

»Ah«, sagte der Bildhauer Samasdan, »das ist nicht Ägypten. Aber wie der König steht! Das ist auch beherrschend – die Masse beherrschend durch den niedertretenden Schritt. Das ist assyrische Majestät.«

»Er fühlt«, sagte Balatu, »den Gott Marduk in sich mächtig. Diese Majestät kommt von dem großen Gott Marduk – wird in Sargon immer lebendiger werden.«

Der König stand auf einer Holzplatte, die dicht über dem Boden gehalten wurde. Die Tragstangen befanden sich höher, hielten das Mittelgestell rechtwinklig.

Die Sklaven standen plötzlich still.

Die Sonne ging unter.

Der König stieg rasch von der Holzplatte auf den glasierten Ziegelboden und ging, weit ausschreitend, durch die Eingangspforte seines Palastes.

Der Thronfolger und die Skulptur

Als König Sargon wieder mal auf der Jagd war – im Gebirge Musri, da brachte der Thronfolger eines Morgens die ganze Sargonsburg in Bewegung.

Zu des Königs Vezier Beletir rief er in sehr befehlshaberischem Tone:

»Ich weiß sehr wohl, daß es in der Nähe von Ninive noch mehr Skulpturen gibt als auf der Sargonsburg. Der Vater ist im Gebirge und kommt erst nach einigen Tagen wieder. Ich bin ja erst zwölf Jahre alt, aber ich weiß auch, daß ich Sinacherib, der Thronfolger, bin. Beletir, widersprich mir nicht! Laß zwanzig Streitwagen rüsten. Von der Palastwache sollen mich hundert Mann zu Pferde begleiten. Bring mir den Bildhauer Samasdan. Ich will mit dir, Beletir, in einer Stunde abreisen – über Ninive zum Südwestpalast, wo die alten Könige Assyriens thronten. Dort – die Skulpturen! Samasdan herbringen!«

Beletir murmelte zwischen den Zähnen:

»Diese Kinderwarterei! Ich habe die Verantwortung und darf mich nicht widersetzen. Passiert was, verlier' ich den Kopf.«

Aber es geschah alles – wie Sinacherib wünschte.

Nach einer Stunde rasten die Streitwagen nach Ninive – durch die Stadt durch und dann nach Südwest – in den alten halbverfallenen Palast – Samasdan immer neben Sinacherib; der Bildhauer erzählte von Ägypten und erklärte die alten assyrischen Skulpturen, die eigentlich nur von Jagd und Krieg erzählten.

Der Vezier Beletir war immer hinter dem Thronfolger und hütete ihn wie seinen Augapfel. Sinacherib sprach:

»Diese Löwenjagden in den Stein gemeißelt – erinnern mich an unsern großen Isdubar in der Sargonsburg. Aber – hier ist alles viel lebendiger und anschaulicher. Wir müssen öfters hierher, Samasdan! Du erklärst gut. Immer – wenn der Vater auf der Jagd ist – dann hierher! Hier ist es kühl.«

Und der Thronfolger streichelte Samasdans rechten Arm.

Balatus Politik

In heißer Sommernacht saß der Oberpriester des Marduktempels, der gewaltige Balatu, neben Samasdan, dem Bildhauer. »Es gefällt mir«, sagte er zu diesem, »daß du Günstling des Thronfolgers bist. Aber gestatte, daß ich dir einige Ratschläge gebe. Man erhält sich seine Stellung an den Höfen der Könige nur dadurch, daß man sich stets zurückzieht, so oft man kann – dadurch, daß man sich suchen läßt – dadurch, daß man harmlos tut und alle Machtgelüste nie an die offenen Türen gelangen läßt. Selbst Könige dürfen mit dem, was ihnen das Heiligste ist, nicht vor den Leuten freundlich tun. Deswegen riet ich dem Könige, daß er in seinem Namen nicht Marduk, den Gott des Himmels, erwähne – obschon er doch Marduk ist – der Retter.«

»Glaubt er ganz fest daran?« fragte Samasdan.

»Ja«, erwiderte der Oberpriester, »ich will dir Gelegenheit geben, uns zu belauschen. Er hat mir sagen lassen, er käme noch in dieser Nacht zu mir – ohne Gefolge – ganz allein. Du kannst dort drüben in mein Zimmer gehen. Rege dich da nicht.«

»Ich danke dir!« sagte der Bildhauer.

Und der große Balatu fuhr fort:

»Vergiß nicht, daß Marduk eigentlich der Gott von Babylon ist. Wir müssen eben, das ist meine feste Überzeugung, Babylon auch geistig erobern. Nun werden hier aber die Priester des Assurtempels immer darauf bedacht sein, Assur in den Vordergrund zu schieben. Wir tun deshalb gut, sie öffentlich nie daran zu hindern. Wir müssen immer öffentlich Assur an erster Stelle nennen und öffentlich im Hintergrunde bleiben – wenn wir die Geschicke Assyriens, das ein Spiegelbild des großen Himmels ist, so leiten wollen, wie es unser Gott Marduk wünscht. Doch – der König kommt.«

Samasdan küßte dem Oberpriester ehrfurchtsvoll die Hand und ging, rückwärts schreitend, mit gebeugtem Rücken davon.

Die stille Nacht

König Sargon saß neben Balatu und sprach:

»Du hast mir Lehren gegeben. Und ich habe sie befolgt. Und ich bin ein andrer geworden. Immer wieder an unsern großen Gott, den Retter Marduk, denken – in jeder Stunde – zwölfmal am Tage. Das beruhigt. Ich hab's manchmal in der ersten Zeit vergessen. Jetzt aber vergeß ich's nicht mehr. Ich weiß, daß in mir der große Gott lebendig ist, der dort oben am Himmel auch in jenem leuchtenden Wandelsterne lebendig ist. Und jetzt, Balatu, bin ich ruhig. Ich weiß, daß alles Geschehen auf Erden nur ein Spiegelbild des Himmels ist. Was auf der Erde geschieht, ist im Himmel vorgezeichnet. Das eine ist ohne das andre nicht denkbar. Darum bin ich siegreich gewesen. Und darum werde ich siegreich sein.«

Balatu sagte leise:

»Deine Nachkommen werden auch über Assyrien herrschen. Dein Geschlecht – deine Nachkommen, die Könige, werden Assyrien groß machen.«

»Von mir sprichst Du nicht!« sagte der König.

»Von dir spreche ich nicht,« erwiderte der Oberpriester, »denn du hast das Höchste erreicht, was ein König erreichen kann – du fühlst dich eins mit deinem Gott. Verlange nicht mehr und wandle auf Erden – so wie es dir dein Gott Marduk in deinem Innern gebietet. Dann bist du der Retter für Assyrien – wie Marduk es am Himmel war, im Kampfe mit Tiamat, dem Ungeheuer, und im Kampfe mit den sieben furchtbaren Göttern der Unterwelt.«

»Ich weiß es«, sagte der König, »und ich werd's behalten. Ich – bin – Marduk.«

Der König erhob sich und blickte mit zurückgeworfenem Kopf zum Himmel empor und den Stern Marduk an.

Samasdan sah den Kopf des Königs.

Die Karawane der Kaufleute

Am nächsten Morgen stand vor den Toren der Sargonsburg eine lange Karawane – an die hundert Dromedare, Kamele und viele Pferde und Maultiere mit Bewaffneten daneben.

Kaufleute von der Insel Cypern waren's – an die zwanzig Mann – mit viel Gold und Silber – und mit vielen Geräten aus kostbaren Hölzern – aus Tapranholz, Miskanholz und Fichtenholz und vielen anderen Hölzern, da man wußte, daß am Tigris, Zab und Euphrat das Holz eine sehr gesuchte Ware war, für die man große Summen zahlte. Auch Kupfer brachten die Kaufleute mit.

Als man sie fragte, was sie möchten, sagte der Älteste von ihnen:

»Wir haben auf unsrer Insel von den Taten des großen Königs Sargon im Chattilande und in Samaria und in Armenia gehört. Und da ergriff uns Furcht. Und da wir hart bedrückt von den Ägyptern und Phöniziern werden, so wollten wir den König Sargon um Schutz anflehen. Darum sind wir gekommen – mit reichen Geschenken, und bitten den König, uns sein Antlitz zu zeigen, damit wir ihm sagen können, wie groß seine Macht und wie groß unsre Ohnmacht ist.«

»Cypern!« rief da der Eunuch Zirukin, »das soll eine Insel im Westmeere sein? Wir haben noch niemals etwas von dieser Insel gehört.«

Und die Umstehenden riefen alle:

»Uns ist eine Insel Cypern gänzlich unbekannt.«

Danach ließ man die Karawane der Kaufleute in die große Sargonsburg hinein und meldete ihre Ankunft in allen Tempeln und Palästen.

Die sieben Könige

Balatu, der Oberpriester des Marduktempels, ließ sofort die Kaufleute aus Cypern vor sich führen.

Es war die Sonne soeben erst aufgegangen.

Der König schlief.

Und auch die meisten der Priester schliefen noch.

Vor allem schlief auch noch der Vezier Beletir.

Balatu sagte zu den Kaufleuten:

»Ich will euer Gesuch unterstützen, denn ich bin sehr mächtig in der Sargonsburg. Aber ihr müßt tun, was ich verlange. Hört darum: die sieben Ältesten von euch sind Könige – sieben Könige! Als Könige naht ihr. Als Kaufleute könnt ihr nicht empfangen werden. Euch werden alle Bequemlichkeiten der Sargonsburg zur Verfügung stehen. Ihr sollt behandelt werden, wie Könige es verlangen können. Wollt ihr?«

Die Kaufleute sprachen untereinander, und dann erklärten sie sich gern bereit, die ältesten von ihnen als Könige auszugeben.

Die benahmen sich auch gleich so und trugen sofort, als sie die Sache durch ihre Dolmetscher begriffen hatten, ein sehr hoffärtiges Wesen zur Schau.

Da sagte Balatu:

»Ihr müßt dem Könige bei der Audienz die Füße küssen.«

Die sieben begriffen das schließlich, sprachen lange mit den andern und erklärten sich schließlich auch dazu bereit.

Samasdan, der zugegen war, sagte leise zu Balatu:

»Cypern ist doch eine bekannte Insel. Schon Burraburiasch, König von Babylon, ließ sich Kupfer aus Cypern bringen.«

»Das wollen wir«, versetzte leise der Balatu, »für uns behalten.«

Die Kaufleute wurden entlassen.

Beletir und Gimillin

Als die Sonne schon ziemlich hoch stand, erwachte der Vezier Beletir und ließ sich gleich in sein Ankleidezimmer tragen. Dort war der Fußboden aus Alabaster, auf dem frische, dunkelrote Rosen lagen. An den Wänden hingen Teppiche. Eine feinmaschige Kupferdrahtwand im Fenster ließ keine Insekten durch. Das Fenster war sehr breit, und man sah von dort in einen großen, kühlen Hof, in dem Sklaven mit Wasserkrügen vorübergingen. Die Gemächer, in denen die Waffen der Palastgarde aufbewahrt wurden, lagen gegenüber dem Ankleidezimmer des Veziers. Der Hof war mit bunten Fliesen ausgelegt.

Der Eunuch Gimillin, der Haarkräusler des Veziers, sagte feierlich, auf einem Knie liegend, seinen Morgengruß. Zehn Sklavinnen, die dem Eunuchen bei seiner Arbeit halfen, sagten auch kniend ihren Morgengruß.

Der Vezier trug einen langen, hellblauen Rock und ließ sich gleich die Haare kräuseln. Dabei saß er auf einem schwarzen Ebenholzsessel.

»Was gibt's Neues in Babylon?« frage Beletir.

Gimillin erwiderte langsam:

»Alles beim Alten. Babylon schläft. Und Nabuseto, der Oberpriester des Marduktempels, regiert; er ist vortrefflich über alles, was hier passiert, unterrichtet.«

»Was passiert denn hier?« fragte Beletir wiederum.

»Sieben Könige aus Cypern«, sagte Gimillin, »sind angekommen, und sie wollen vom Könige empfangen werden. Sie waren bei Balatu. Du schliefst noch, Herr! Und ich darf dich doch nicht wecken.«

Beletir sah grimmig den Eunuchen an. Dieser sank auf beide Knie und berührte mit der Stirn den Alabasterboden. Der Vezier zauste sich den schwarzen Bart und sagte:

»Da bin ich ja zu spät erwacht. Jetzt muß ich zu den Königen gehen. Wär' ich früher erwacht, hätten sie zu mir kommen müssen.«

Die große Arbeit

Da ward es plötzlich in der ganzen Burg des Königs Sargon lebendig. Die Sklaven liefen treppauf und treppab. Die Eunuchen schrien. Und in den Harems ertönte ein wildes Gekreische.

»Der König empfängt in der Nacht sieben Könige!«

So ging es von Mund zu Mund.

Auf dem riesig großen Platze vor dem Hauptpalast in der Mitte der Burg wollte der König Sargon die Herren aus Cypern empfangen.

Hundert Sklaven begossen den großen, ganz mit buntglasierten Ziegeln bedeckten Platz – mit frischem Wasser; auf den Knien lagen die Sklaven und scheuerten die Ziegel mit dicken Tüchern.

Alle Waffen wurden von den Kriegern aus den Waffenkammern herausgeschleppt. Und in der Sonne wurden die Helme, Schilde und Lanzen geputzt. Und die Krieger rüsteten sich, als wäre der Feind im Anzuge.

Die Macht der Assyrer sollte offenbar werden.

Alles arbeitete den ganzen Tag hindurch.

Selbst in den Harems wurde gearbeitet – an allen Kleidern der Haremsdamen, denn diese sollten als Zuschauerinnen hoch oben rechts und links auf der Terrasse sitzen.

Alle Eunuchen waren in Bewegung.

Zirukin brachte die Befehle des Königs.

Farbige Mastbäume wurden rechts und links an den Seiten in den Ziegelboden gerammt. Auf den Mastbäumen wurden große breite, vergoldete Schalen befestigt. Die Sklaven kletterten mit Pechtöpfen an den Mastbäumen empor.

Und in den Gärten wurden unzählige Blumen gepflückt und in die Harems gebracht.

Auf allen Dachterrassen der Tempel und Paläste brachte man Schalen für Pech und Räucherwerk an.

Zwanzig große breite Treppen führten zu dem großen Platze, auf dem König Sargon empfangen wollte – unter freiem Himmel im Angesicht der ewigen Sterne.

Trat der König aus seinem Palaste heraus, so trat er in eine Fackelallee – rechts und links, neben und hinter den Mastbäumen die Krieger – die Priester – die Eunuchen und die Sklaven – alle in reichsten Gewändern. Und gradaus am Ende der Allee der Blick in das assyrische Land, das ein Abbild des Himmels ist – links der Zab – und rechts der Tigris.

Und oben die große Himmelsdecke.

Die Sklaven schwitzten.

Und den Kriegern ward es auch warm in ihren mächtig funkelnden Rüstungen.

Und dann kam der Abend.

Und die Sonne ging unter.

Und die Sterne schienen wieder – Marduk unter ihnen am hellsten.

Die Arbeit hörte auf.

Der alte Thron

Der König Sargon hatte in Armenia einen alten Thron erbeutet; auf dem wollte er sitzen, wenn ihm die Bitte der sieben Könige aus Cypern vorgetragen wurde.

Er bewunderte nun diesen Thron. Er war aus Stein und Bronze und Ebenholz, mit Türkisen in der Rücklehne. Die Armlehnen ruhten auf den Köpfen von kleinen Eunuchen, die das breite Eunuchenband über der Schulter trugen und Augen hatten aus Achat und Lapislazuli. Viel Gold war an den Körpern der Eunuchen. Auf jeder Seite waren fünf Eunuchen.

»Der Thron«, sagte der König, »wird nach mir in den Vorhof des königlichen Palastes gefahren. Zirukin meldet, wenn's geschehen soll.«

Balatu, neben dem König, sagte ganz leise:

»Sieben Könige werden dir die Füße küssen. Das sind die sieben bösen Götter der Unterwelt, die Marduk besiegt hat.«

Des Königs Augen leuchteten.

Die neue Sänfte

Während nun draußen die jüngsten Sklaven mit Pechfackeln an den farbigen Mastbäumen emporkletterten und oben das Pech in den vergoldeten Schalen anzündeten, stiegen langsam die Herren aus Cypern die Mitteltreppe empor, und auf den Seitentreppen wurden die Kamele und Dromedare mit den Geschenken emporgeführt. Und gleichzeitig trat der König in seine Sänfte. Diese Sänfte hatte er sich besonders für den Empfang im Laufe des Tages anfertigen lassen; es war ein Kasten, der vorne offen war und fast den Erdboden berührte. Rechts und links gingen Tragstangen rechtwinklig zur Seite. Zwei andere Tragstangen gingen nach hinten. An der Tragstange rechts standen fünf Eunuchen, Zirukin dicht an der Seite des Königs. An der Tragstange links standen auch fünf Eunuchen.

Die Eunuchen trugen das weiße Band über der Schulter.

Der König trug ein Diadem, ein blaues Gewand mit aufgestickter Löwenjagd und silberne Schuppenschuhe.

Die Audienz

Nun wurden draußen auf allen Dachterrassen und auf allen Mastbäumen die Pechschalen und das Räucherwerk angezündet. Ein mächtiges Feuer flammte auf, und ein gewaltiger Qualm stieg zum Himmel empor.

Und grade gegenüber der Palastpforte ging der Vollmond auf – ganz dunkelrot.

Und dann taten sich die Flügeltüren aus Pistazienholz auf, die den Blick in das Innere des Palastes so lange verhindert hatten.

Und dann wurde der König Sargon der Zweite in seiner Sänfte herausgetragen.

Dumpf dröhnten die Pauken.

Die Menge war ganz still.

Der König stieg aus seiner Sänfte und schritt rasch mit großen Schritten auf die Leute aus Cypern zu. Diese warfen sich auf den Ziegelboden und berührten den Boden siebenmal mit der Stirn.

Dann kamen die sieben Könige, auf den Knien rutschend, in die Nähe des Königs.

Einer nach dem andern küßten sie dem Könige die silbernen Schuppenschuhe. – Jeder jeden Fuß siebenmal.

Und die Flötenbläser ließen lange, sehnsüchtige Töne über den Platz erschallen. Die Menge blieb immer noch still.

Der König fühlte, wie das Silber seiner Schuppenschuhe unter den Küssen der sieben Könige glühend heiß wurde. Und er blickte gradaus in den Vollmond und fühlte den Gott Marduk in seinem Innern als glühende Flamme.

Danach befahl er den Königen, sich zu erheben.

Und da brach ein ungeheurer Freudenschrei aus der Menge auf. Alle Waffen klirrten und alle Instrumente klangen wild dazwischen.

»Assur! Nebo! Marduk!« schrien die Priester, Krieger, Eunuchen, Haremsdamen und Sklaven.

Der Thron wurde herangefahren. Und der König setzte sich auf seinen Thron und ließ sich durch die Dolmetscher, die Ägyptisch und Phönizisch sprachen, die Wünsche der sieben Könige vortragen.

Da verkündete dann nach einer guten Stunde der König – den Blick fest auf den Planeten Marduk geheftet – daß er beschlossen habe, einen Feldzug gegen Cypern auszurüsten, um die Könige von Cypern von den Bedrückungen der Ägypter und Phönizier zu befreien.

Da stimmten die Krieger einen wilden Kriegsgesang an, und die Eunuchen und die Frauen kreischten wild dazwischen. Und die Pechflammen stiegen prasselnd höher und qualmten ungeheure Rauchwolken in den Sternenhimmel empor.

Die Bewohner Ninives sahen den großen Feuerschrei und glaubten, die Sargonsburg ginge in Rauch und Flammen auf.

Der Feldzug gegen Cypern

Ein paar Wochen später hatte König Sargon der Zweite ein großes Heer gerüstet. Der König übernahm selbst den Oberbefehl und führte seine Krieger nach Westen zum Westmeere. Wie eine Meereswoge wälzte sich die Masse über das Land und verbreitete Schrecken in allen Städten und Dörfern. Zuerst kam die leichte Reiterei – die Bogenschützen zu Pferde – und die schwere danach – die Lanzenreiter. Dann kamen die Streitwagen – über fünfhundert. Ihnen folgten die Lastwagen und die großen Wagen mit den Festungsmaschinen. Den Schluß bildeten die Fußtruppen, die in starken Tagesmärschen langsam folgten.

Am Meeresstrande bestieg man die großen Dreiruderer.

Und nach siebentägiger Meeresfahrt landete König Sargon mit seinen Truppen auf der Insel Cypern.

Die Ägypter und Phönizier flohen in die Wälder. Aber die Fliehenden wurden verfolgt, geknebelt herbeigeschleppt. Und am Strande schnitten die Assyrer den Geknebelten allesamt die Köpfe ab und schmissen die Köpfe, die mit Blei und Kupfer beschwert wurden, ins Meer.

Nach diesen siegreichen Taten setzte der König sieben Statthalter an verschiedenen Punkten der Insel ein und betrachtete das ganze Land als sein Eigentum.

Er feierte große Siegesfeste und ließ sich Tribut zahlen und nahm den Leuten die Schätze des Landes – hauptsächlich Gold, Silber, Kupfer und kostbare Hölzer.

Und dann dachte der König wieder an die Rückkehr. Er dachte an Marduk und ließ den dritten Teil des Heeres auf Cypern als Besatzung und fuhr mit den übrigen auf den großen Schiffen nach Syrien zurück.

Zirukin war neben dem König.

Von Nadinaplu aus Babylon lagen neue Siegesberichte vor.

Das Meer sah grau aus. Große Wolken ballten sich am Himmel zusammen. Die Schiffer wollten nicht abfahren, doch der König sagte:

»Marduk ist bei mir.«

Und die Schiffer gehorchten und stachen in See.

Die Dämonen des Meeres

Als sich die Assyrer auf der hohen See befanden, wurde der Sturm zum Orkan. Die Schiffe hatten Mühe, voneinander entfernt zu bleiben. Bei einer Kollision zerbrachen fünfzig von den langen Rudern. Der Sturm blies nach Osten und trieb die Schiffe dem syrischen Strande zu. Aber die Wogen gingen immer über das Verdeck, und alle Schöpfeimer blieben immerzu in Tätigkeit.

»Die Dämonen die Meeres«, sagten die Schiffer, »sind empört und wollen ein Opfer haben.«

»Warum?« fragte der König.

»Weil«, war die Antwort, »so viele abgeschnittene Menschenköpfe ins Meer geschmissen wurden.«

»Ha!« rief der König.

Doch Zirukin brachte den König schnell aufs Deck und brachte ihn zwischen zwanzig der stärksten Krieger. Die Schiffsherren zogen sich ins Innere des Schiffes zurück.

»Bei mir ist Marduk!« rief der König. Und damit schritt er auf dem nassen Holz zur Spitze des Schiffes. Eine riesige Welle kam und traf den König in die Seite und hätte ihn zweifellos über Bord geschleudert, wenn Zirukin nicht des Königs Bein ergriffen hätte.

Zirukin hatte sich gleich, als der König nach vorne ging, ein Tau umgeschlungen, und dessen Ende den zwanzig Kriegern gegeben. Jetzt zogen diese den König und Zirukin mit großer Mühe wieder nach hinten.

»Ich habe dir«, flüsterte mit Tränen in beiden Augen der Zirukin, »zum dritten Male das Leben gerettet. Laß mich nicht mehr von deiner Seite weichen. Ich werde für dich wachsam sein. Marduk wird uns helfen.«

»Marduk«, schrie der König, »hilft uns immer. Bleibe bei mir.« Dann ließ der Sturm nach, man landete ohne weitere Gefahren. Zwei Schiffe aber waren untergegangen.

In raschen Märschen eilte der König mit seinem Heere der Sargonsburg zu.

Sinacherib und Samasdan

Samasdan hatte mit dem Thronfolger Sinacherib, während der König auf Cypern und Nadinaplu in Babylonien kämpfte, alle Ruinen in der Umgegend von Ninive durchstöbert. Und alle Skulpturen hatten sie eingehend studiert. Von den Reliefs war ihnen sicherlich nicht ein einziges entgangen.

»Sinacherib«, sprach da der Bildhauer Samasdan, als der König wieder in seiner Sargonsburg weilte, »ich möchte zum Andenken an den siegreichen Feldzug gegen Cypern ein Relief von deinem Vater herstellen – in natürlicher Größe – weit ausschreitend – so wie er den sieben Königen von Cypern entgegenschritt.«

»Ich werde mit dem Vater darüber sprechen!« sagte Sinacherib.

Und er tat's.

Sargon der Zweite war sofort damit einverstanden; eine einfache Stele sollte Samasdan herstellen.

Nadinaplus Sieg

Nabuseto, der Oberpriester des Marduktempels zu Babylon, erklärte dem König Mardukbaliddin, daß jeder weitere Widerstand vergeblich sei.

Mardukbaliddin floh darauf nach Ägypten.

Und Nabuseto sandte Botschafter an den assyrischen Oberfeldherrn Nadinaplu mit der Aufforderung, jetzt Babylon im Sturm zu nehmen.

Nadinaplu tat's und hatte einen leichten Sieg.

Der Oberpriester Nabuseto lud den Oberfeldherrn Nadinaplu zu sich in den Tempel des Marduk.

Dort speisten sie und tranken drei Tage und drei Nächte zusammen und waren dabei fast immer allein und sprachen sehr viel – und oft sehr leise.

Die Priester sorgten dafür, daß die beiden nicht belauscht wurden.

Sargon feierte auf der Sargonsburg ein großes Siegesfest.

Die Inschrift und die Unsichtbaren

Die Stele Samasdans war dann bald fertig.

»Ein majestätisches Denkmal!« sagte Balatu, der Oberpriester des Marduktempels auf der Sargonsburg.

Der König Sargon wollte nun in der Inschrift als Marduk bezeichnet werden.

Da widersprach aber Balatu.

»Habe ich«, rief da der König, »unsichtbare Feinde?«

»Du weißt«, versetzte Balatu, »daß die Dämonen des Meeres dir auch als Unsichtbare gefährlich wurden. Wir sind immer von unsichtbaren Feinden umgeben.«

»Kannst du sie«, frage der König, »nicht sichtbar machen? Ich möchte sie kennen lernen. Sie sind hier in der Burg. Gib mir einen Fingerzeig.«

»Wenn ich«, versetzte Balatu, »den geringsten Verdacht hätte, ich würde ihn dir sofort mitteilen.«

Da wurde denn in der Inschrift von Assur, Nebo und Marduk gesprochen.

Und der König ballte die Faust.

»Ich bin Marduk!« schrie er wild, »Marduk sollte zuerst genannt werden.«

Aber Balatu sagte, daß die Inschrift von den sieben Königen berichten würde, die dem König Sargon die Füße geküßt hatten.

Und es ward zum Schlusse noch derjenige, der die Stele vernichten oder verschleppen sollte, der Wut der erwähnten Götter und der Dämonen des Meeres preisgegeben – »vor seinen Feinden soll er gefesselt sitzen, vor seinen Augen soll sein Land zerbrochen werden.« Also schloß der Text.

Der König aber war mürrisch, daß Marduk nicht an erster Stelle genannt wurde. Balatu deutete nochmals auf die unsichtbaren Feinde hin, und der König fühlte es plötzlich kalt über seinen Rücken rieseln; er sprach nachher über alles unter vier Augen mit seinem Haarkräusler Zirukin.

Zwei Köpfe

Die Stele mit dem lebensgroßen Relief König Sargons des Zweiten wurde nun auf der Insel Cypern aufgestellt und verbreitete Schrecken und Furcht unter der Bevölkerung. Sinacherib weihte den Stein ein, salbte ihn und flehte im Stillen den Schutz Marduks an. Der Bildhauer Samasdan erhielt ein reiches Geschenk und war bei der Aufstellung auch zugegen.

Gleichzeitig hatte Zirukin schlaflose Nächte, denn er zermarterte sich den Kopf, von welcher Seite dem König Sargon Gefahr drohe; er hatte schließlich alle im Verdacht – sogar den Oberpriester Balatu.

Da fand der überall herumspürende Eunuch eines Tages in einer alten Rumpelkammer zwei Holzköpfe mit Glasaugen, vollem Haarwuchs und großem gekräuselten Bart. Sie mußten mal zu Übungszwecken für andre Haarkräusler gedient haben. Zirukin nahm sie in seine Wohnung, frisierte sie und stellte sie in einem alten Hause, das nicht mehr bewohnt wurde, hinter zwei Fenstern auf, so daß man glauben konnte, da säßen zwei Doppelgänger hinter den Fenstern.

Es war sehr schwüles Wetter. Und man erwartete gegen Abend ein schweres Gewitter.

Eine Terrasse des königlichen Palastes lag so, daß man die beiden Fenster von der Terrasse sehr gut sehen konnte.

Der Eunuch ging zum Könige und sprach zu ihm von dieser Terrasse und behauptete, daß man von dort aus des Abends einen großen Blick über ganz Assyrien haben würde, wenn das Gewitter im Anzuge sei.

Der König willigte ein, hinzugehen – mit Zirukin allein. Nur zehn Mann von der Schloßwache sollten in respektvoller Entfernung folgen.

Die unheimliche Nacht

Erst kurz nach Sonnenuntergang brach das Unwetter los. Die Blitze zuckten unheimlich durch die Finsternis.

Da sagte Zirukin plötzlich zu Sargon – auf die beiden Fenster weisend:

»Ha! Da! Das sind Doppelgänger. Sie beobachten uns. Sind's Menschen oder – sind's Dämonen des Meeres?«

Des Königs Augen wurden ganz groß, er sah die beiden Köpfe und drückte den Arm des Eunuchen so stark, daß der leise schrie.

»Jetzt«, sagte der König, »glaube ich, daß man mir nach dem Leben trachtet.«

»Warte«, sagte Zirukin, »ich gehe und sehe, was das ist. Laß mich allein gehen. Die Schloßwache darf nichts davon erfahren.«

Zirukin ging mit leichten Schritten über den nassen Fliesenboden und schnurstracks in das alte Haus – wurde aber sofort von einem starken Arm zurückgeworfen und fiel rücklings auf den nassen Fliesenboden. Der Mann – ein Maskierter – lief rasch davon und verschwand in der Finsternis.

Der König sah einen Dolch in der Hand des Fliehenden und wollte Zirukin zu Hilfe kommen. Der aber hatte einen Schuppenpanzer unterm Rock, sprang rasch auf und winkte dem König zu. Der rief die Schloßwache. Zirukin ging ins Haus und kam mit den beiden Köpfen in den Armen zurück.

Die Schloßwache wunderte sich über die beiden Köpfe noch mehr als der König.

Während es immerzu blitzte und donnerte, ging Zirukin mit dem Könige ins Schloß zurück.

Der König sah lange die beiden Holzköpfe an, wurde ganz fahl und sagte leise:

»Jetzt ist mein Leben in Gefahr. Ich weiß es.«

Das babylonische Komplott

Mittlerweile kam der Oberfeldherr Nadinaplu, ein sehr großer und starker Mann, aus Babylonien zurück zur Sargonsburg. Und der Vezier Beletir wurde nach Babylon gesandt, um die Rechtsverhältnisse in der alten Stadt zu ordnen.

Beletir kam natürlich mit dem Oberpriester Nabuseto zusammen.

Und da wurde Nabuseto auch diesem gegenüber deutlicher. Und Beletir erzählte die Geschichte von den zwei Holzköpfen und erklärte, daß Sargon durch Zirukin in unheimlicher Weise bewacht würde; Gimillin hatte in der Unwetternacht den Zirukin umgerannt.

Nun mahnte Nabuseto zur allergrößten Vorsicht, sagte aber ganz klar, daß Beletir mehr in der Sargonsburg zu sagen hätte, wenn Nadinaplu König würde.

Die langen Jahre

Nun hatte es Zirukin aber erst recht nicht leicht. Denn jetzt dachten die Verschwörer gar nicht daran, zur Tat überzugehen. Und Zirukin mußte so tun, als sei er sehr unachtsam. Er wollte die Feinde aus dem Hinterhalte hervorlocken. Aber was er auch anstellte, es hatte alles keinen Erfolg. Und Zirukin magerte ab.

Und der König verlor ganz und gar die Sicherheit. Er fuhr bei jedem Geräusch zusammen, ging nicht mehr auf die Jagd, ging nicht mehr zu Balatu, und der Name Marduk kam gar nicht mehr über seine Lippen, die sich immer fester aufeinander klemmten.

Der nicht minder sorgsame Balatu wurde auch sehr unruhig, näherte sich aber nicht dem König, um ihn nicht noch mehr zu beunruhigen.

So gingen schließlich vier lange Jahre vorüber.

Balatus Sternenweisheit

Nun aber hatte plötzlich den Thronfolger Sinacherib ein sehr starkes Fieber ergriffen, schon gab man den jetzt sehr stark gewordenen Jüngling auf. Da gelang es aber doch der Kunst Balatus, den Kranken wieder auf die Beine zu bringen.

Da konnte sich der König Sargon nicht mehr halten; er ging zum Balatu und umarmte ihn stürmisch und erzählte ihm alles von den beiden Holzköpfen des Zirukin.

Balatu sagte, als der Marduk wieder hoch oben am Himmel glänzte, auf seiner Sternwarte zum König:

»Alles, was hier auf Erden geschieht, ist dort oben eingezeichnet am Himmel. Wozu also Furcht haben? Glaubst du nicht mehr, daß du Marduk bist?«

»Ich glaube«, versetzte der König, »daß der Gott in mir lebendig ist.«

»Dann«, fuhr der Oberpriester fort, »ist doch alles gut, wenn du dich mit deinem Gott eins weißt. Wer da weiß, daß ein Größerer in ihm mächtig ist, der kann doch nicht glauben, daß dieser Größere – dieser gewaltige Gott – mit ihm zu Grunde geht. Wozu also Furcht haben? Die Priester kennen keine Furcht; sie wissen, daß alles so kommen muß, wie es in den Sternen geschrieben steht. Die Götter der Oberwelt werden siegreich sein. Du bist Marduk, der die sieben Götter der Unterwelt, die sich in unsern sieben Wintermonaten verkörpern, überwunden hat – die Welt errettete und ein neues Zeitalter herbeiführte.«

Lange saßen beide ganz stumm nebeneinander.

Gegen Morgengrauen ging der König fort.

Das Volk in Ninive

Während nun die Verschwörer scheinbar gar nichts taten, war einer doch im Volke sehr tätig: Gimillin, der Haarkräusler Beletirs, ein leidenschaftlicher Verehrer der Stadt Babylon, in der er geboren wurde. Gimillin hatte von Beletir gehört, daß alles anders würde, wenn Nadinaplu als Marduk König würde. Mehr hatte Beletir nicht gesagt. Aber Gimillin sagte das weiter – allen alten Leuten. Und die gaben ihm zu, daß der stattliche Riese Nadinaplu ein viel besserer König sei als der kleine Sargon. Im Volke sprach man ziemlich ungezwungen über alle Verhältnisse am Hofe. Doch wollte Gimillin den Nadinaplu als König von Babylon sehen. Davon aber wollten wieder die alten Niniviter nichts wissen; für die war Assyrien das einzige Land und Ninive der Mittelpunkt der Welt.

Nabuseto aber sagte jetzt zu den beiden Verschworenen:

»Ihr selbst müßt Sargon töten.«

Die Falle

Zirukin wurde währenddem von furchtbarer Unruhe gepeinigt. Er hielt's nicht mehr aus. Er sagte dem König zitternd das Folgende:

»Jetzt muß du deine Feinde entlarven. Spiele den Menschenfeind. Schlafe ganz allein in einem abgelegenen Gemach. Und wache – wenn's Nacht ist. Ich werde alles so besorgen, daß deine Feinde in die Falle gehen werden.«

Und er brachte über der Türe des königlichen Schlafgemachs viele Zentner Steine unter. Wenn die Feinde die Türe zu öffnen wagten, brauchte Sargon nur an einem Strick zu ziehen – und die Feinde wurden von den Steinen erschlagen.

Zum Überfluß sagte er dem Könige noch, daß er durch Zug an einem zweiten Strick mit seinem Diwan langsam in ein unteres Gemach sinken würde.

Sargon der Zweite ließ darauf bekannt machen, daß er niemanden zu sehen wünsche.

Die Katastrophe

Und dann kamen in einer stürmischen Nacht Beletir und Nadinaplu an die Türe des königlichen Schlafgemachs. Der König zog an seinem Strick. Und die Feinde waren erschlagen.

Gleichzeitig zog der König an seinem zweiten Strick und sank mit seinem Diwan langsam nach unten, dabei lachte der König und wälzte sich auf seinem Lager, schrie noch einmal »Marduk!« und stürzte dabei kopfüber über den Rand des Diwans in die Tiefe.

Mit dem Kopf kam er zuerst an den Fliesenboden und war gleich tot.

Als Zirukin seinen König tot sah, stieß er sich den Dolch ins Herz und fiel kopfüber auf den toten König.

Schluß

Als Sinacherib von dieser Katastrophe erfuhr, ließ er die Leichen von Zirukin, Nadinaplu und Beletir heimlich begraben, Gimillin wurde sofort enthauptet, obgleich gar kein weiterer Verdacht gegen ihn vorlag. Aber Sinacherib kannte den Einfluß der Haarkräusler an den assyrischen Höfen.

Sinacherib bestieg den Thron.

Samasdan richtete den Südwestpalast wieder her, und die Sargonsburg verödete sehr bald, denn Sinacherib schlug im Südwestpalast seine Residenz auf – dort, wo die ältesten Könige von Assyrien residierten.

Balatus Bart- und Haupthaare waren ganz weiß seit jener Schreckensnacht. Er sagte zu Samasdan:

»Sargon zweifelte an der Macht seines Gottes. Sorge dafür, daß Sinacherib den Gott Marduk in sich behält.«

Balatu ging in das Innere seines Tempels und betete lange zu Marduk.








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