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Märchen verschiedener Verfasser

: Märchen verschiedener Verfasser - Kapitel 5
Quellenangabe
titleMärchen verschiedener Verfasser
authorVerschiedene Verfasser
typefairy
modified20170915
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»Lang sei dein Leben!«

Helga Gebert

In einer Zeit, die längst vergangen ist, lebte einmal ein König, der war ein mächtiger und strenger Herr. Wenn er nieste, musste sich jedermann im ganzen Land verbeugen und ihm: »Lang sei dein Leben!« wünschen so gross war seine Macht. Und alle im Land, ob jung, ob alt, verbeugten sich dann und sprachen den Spruch; nur der Schafhirte mit den blitzblauen Augen, der beugte sich nicht.

Das kam dem König zu Ohren, er ärgerte sich über die Massen und befahl, ihm den Mann sogleich vorzuführen.

Der Hirte trat in seinem Mantel, den Schäferstock in der Hand, vor den König hin, und der sass grossmächtig und prächtig auf seinem Thron. Doch mächtig oder nicht, der junge Schäfer blickte ihm furchtlos in die Augen.

»Hör zu, du Bauer«, herrschte ihn der König an, »wünsch mir sofort: ›Lang sei dein Leben‹«

»Lang sei mein Leben«, sprach der Hirte mit seiner hellen Stimme.

»Mein Leben – meines, du ungehobelter Kerl«, schrie der König. »Mein Leben – meines, Herr König«, wiederholte der Hirte.

»Nein, du dämlicher Hammel, mein Leben, mein eigenes, meines! Verstehst du«, brüllte der König und schlug sich die Faust auf seine Brust.

»Aber ja, Herr König. Ich habe verstanden. Mein Leben, mein eigenes, meines«, sagte der Schafhirte und klopfte sich auf seine Brust.

Da geriet der grosse König ganz ausser sich vor Zorn und fand keine Worte mehr. Der Hofmarschall lief herbei und flüsterte dem Schäfer ins Ohr: »Sag sofort und ohne Ausflüchte: ›Lang sei dein Leben, allergnädigster Herr König!‹ Und wenn du das nicht sagst, so ist dein Leben verloren.«

»Das sage ich nur, wenn man mir die Königstochter zur Frau gibt«, war des Hirten Antwort.

Nun sass aber des Königs Tochter auf einem kleinen Thron an ihres Vaters Seite, und sie sah so jung und lieblich aus wie eine goldgefiederte Taube. Als sie die Antwort des Hirten vernahm, konnte sie nicht länger an sich halten und lachte hell und laut; denn der junge Hirte mit seinen blitzblauen Augen gefiel ihr, gefiel ihr besser als jeder Königssohn.

Ihr Lachen freilich erboste den König noch mehr, unbefugtes Lachen war in seinem Lande verboten, und so befahl er, den Schäfer in den Bärenzwinger zu werfen. Die Wache führte ihn ab, öffnete die eisenbeschlagene Tür des Bärenzwingers und stiess ihn hinein. Da sass ein weisser Bär, zweimal mannshoch, hungrig und wild. Kaum war die Tür verschlossen, da erhob er sich und setzte an zum Sprung. Der Schäfer aber sah ihm in die Augen, und so bezwingend war sein blitzblauer Blick, dass der Bär sich brummend in seine Ecke verkroch; dort kauerte er und beäugte den Mann. Und so verbrachten sie die Nacht. Der Bär liess kein Auge von dem Schäfer und hatte grossen Hunger; der Schäfer aber starrte den Bären unentwegt an. Und damit ihm die Augen nicht zufielen, sang er alle Lieder, die er wusste.

Am nächsten Morgen schaute der Hofmarschall durch das vergitterte Fenster und dachte, nur noch die abgenagten Schäferknochen vorzufinden, doch was sah er: Der wilde Bär lag zusammengekauert in seiner Ecke, und an die Tür gelehnt stand der Schäfer, heil und unverletzt.

Er führte ihn vor den König, und der grossmächtige Herr rief brausend vor Zorn: »Nun, du Dickschädel! Nun hast du dem Tod ins Auge geschaut. Willst du mir nun endlich ›Lang sei dein Leben!‹ wünschen?«

Der Schäfer aber erwiderte mit heller Stimme: »Und wären es zehn Tode gewesen, ich fürchte sie nicht. Gibst du mir nicht deine Tochter zur Frau, so bleibt mein Mund verschlossen.«

»So sei es«, schrie der König wütend. »Den zehnfachen Tod sollst du erleiden!« Und er befahl, den Schäfer vor die wilden Schweine zu werfen.

Die Wachen führten ihn zu einem Käfig aus armdicken Eisenstangen, und darin waren zehn ungeheure Eber mit Hauern, so lang und scharf wie Krummsäbel, gefangen. Kaum hatte man den Jüngling in den Zwinger geschlossen, da sprangen ihn die Eber an und wollten ihn in Stücke reissen, so gross war ihr Hunger. Der Schäfer aber zog geschwind seine Hirtenflöte aus der Tasche und blies ein Tanzlied darauf. Und die wilden Eber lauschten staunend, erhoben sich auf ihre Hinterbeine und begannen schwankend zu tanzen, so hell und fröhlich klang seine Weise.

Die wilden Schweine tanzten und tanzten, doch so wunderlich ihr Anblick auch war, der Schäfer verschluckte sein Lachen. In dem Käfig war er gefangen, inmitten der mächtigen Eber, zehn Tiere aufs Mal aber konnte er nicht bannen mit seinem blauen Blick. Und so spielte er fort und fort und blies immer schneller. Die Schweine drehten sich im Kreis um und um und um und immer behender – bis ihnen ganz schwindlig wurde und sie übereinander fielen, erschöpft und ausser Atem. Nun endlich wagte der Schäfer zu lachen. Und er lachte so laut und lang – die Sonne ging auf, der Hofmarschall kam und dachte, nur noch abgenagte Knochen vorzufinden –, und der Schäfer lachte noch immer, dass ihm die Tränen über die Wangen liefen.

Dem König wurde gemeldet, dass der unbeugsame Hirte immer noch am Leben sei. Eilig reichten die Kammerdiener ihm die goldenen Pantoffeln und zogen ihm hurtig und mit Bücklingen seinen königlichen Morgenmantel über; denn der König hatte einen solchen Zorn, dass ihm der Hals anschwoll und sie ihn fürchteten.

»Nun hast du dem zehnfachen Tod ins Auge geblickt, du Sohn eines Ochsen«, fuhr der König den Hirten an. »Willst du mir nun endlich ›Lang sei dein Leben‹ wünschen?«

Der Jüngling aber erwiderte: »Und wären es hundert Tode, ich lasse mich nicht beugen. Gibst du mir nicht deine Tochter zur Frau, so bleibt mein Mund verschlossen.«

»Du hast dein Urteil gesprochen!« rief da der König schnaubend. »Den hundertfachen Tod sollst du erleiden!« Und er befahl, den Hirten in die Schlangengrube zu werfen.

Auf des Königs Geheiss führte die Wache den Hirten zu einem Brunnen, einem engen, aus Quadersteinen gemauerten Schacht, rundum mit hundert geschärften Sicheln bestückt; wer dort hineinfiel, wurde elendig zerstückelt. Und in seiner Tiefe, von einer Fackel matt beleuchtet, hoben und schoben sich baumlange weisse Schlangen auf und ab.

Als nun der Schäfer den Schacht mit den geschärften Messern und auf seinem Grund die Schlangen sah, bat er die Wachen, ihn allein zu lassen, damit er sich bedenken könne. Vielleicht würde er angesichts der Schlangengrube seine Meinung doch noch ändern, gestand er ihnen, und sich des Königs Willen unter werfen. Also gingen die Wachsoldaten beiseite und liessen den Hirten allein. Der aber lehnte seinen Schäferstab gegen den Schacht, hängte seinen Wandersack daran, zog seinen Mantel darüber und setzte seinen Hut darauf. Und, von dem flackernden Fackellicht beschienen, wirkte die Kleiderpuppe wie ein Schafhirte, der sich gedankenversunken über den Brunnen beugt. Als er nun alles so hergerichtet hatte, rief er: »He, Männer, kommt herbei! Mein Entschluss ist gefasst. Lieber will ich in die Grube fallen, als mich dem König beugen!« Und er verbarg sich hinter einer hohen Mauer. Die Wachsoldaten packten die Gestalt und stiessen sie in den Brunnen. Und als sie sie unten aufschlagen hörten und auf dem Grund des Schachtes die Schlangen zischten, sagten sie zueinander: »Das wär's gewesen« und gingen davon. Einige unter ihnen jedoch dachten: Was hat er schon getan? Er war ein wackerer Mann, und sie zweifelten.

Früh am nächsten Morgen ging der Hofmarschall zu der Schlangengrube. Er trug ein helles Licht bei sich, um die abgenagten Knochen des Schäfers unten auf dem Grunde der Schlangengrube zu betrachten. Als er nun aber den Schäfer sah, der heil und unverletzt auf dem Rand des Brunnens sass, da fiel er beinahe hinterrücks, so gross war sein Erstaunen.

Er führte ihn vor den König, und dem schwoll der Hals, und sein Gesicht wurde rabenschwarz vor Zorn und Grimm.

»Nun, du Schand... du Schind...«, hob der König an und fand das rechte Wort nicht, womit er dem Hirten fluchen könnte. »Nun hast du dem hundertfachen Tod ins Auge geschaut, willst du mir nun endlich ›Lang sei dein Leben!‹ wünschen?«

Und abermals erwiderte der Hirte: »Gibst du mir nicht deine Tochter zur Frau, so bleibt mein Mund verschlossen.«

Der Hofmarschall trat hinzu. »Erregt euch nicht, allergnädigster Herr«, mahnte er leise und flüsterte lange in des Königs Ohr.

»Also gut«, begann der König aufs neue: »Meine Tochter kannst du nicht haben. Doch will ich dich in meine Schatzkammern führen und dir meinen Silberschatz zeigen. Und soviel wie drei Esel zu tragen vermögen, so viele Silbermünzen sollst du haben – wenn du nur die vier Worte: ›Lang sei dein Leben!‹ sprichst.«

Alsdann geleiteten der König, der Hofmarschall, die Wachen und alle Minister den Jüngling zu den Schatzkammern, und der Hofnarr hupfte hinterdrein und sang immerzu:

»Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.«

»Siehst du das Silbergeld in den Kästen und Truhen«, sagte der König, als sie in der Schatzkammer standen. »Sprich nur die vier Worte, und alles ist dein!«

Dem Hirten wurde heiss und kalt beim Anblick all der Schätze. Doch dachte er, ich lass mich nicht kaufen, ich lass mich nicht beugen, und entgegnete wieder: »Gibst du mir nicht deine Tochter zur Frau, so bleibt mein Mund verschlossen.«

Solcher Eigensinn ärgerte den König über die Massen, doch mässigte er seinen Unmut und führte den Hirten in die Schatzkammer, in der er sein Gold aufbewahrte. Der Hofstaat folgte, und hinterdrein hupfte des Königs Narr und sang:

»Rotes Gold, goldner Schein,
Verkaufst dein Herz und die Liebe dein«

Und aufs neue forderte der König: »Sprich: ›Lang sei dein Leben!‹, und ich will dir so viele Goldtaler geben, wie drei Esel tragen können.«

Dem Hirten gingen die Augen über, so viel goldener Überfluss lag in dieser Kammer. Und dennoch verneinte er und wiederholte seinen Spruch.

War der Schäfer ein Dickschädel, der König war es nicht minder. Also bezwang der mächtige Mann seinen Zorn und sprach: »Laß uns zur dritten Kammer gehen.«

Die Hofgesellschaft schloss sich an, und der Narr hupfte auf einem Bein und sang:

»Karfunkelstein, Karfunkelstein,
schön ist des Königs Töchterlein.«

Sie traten in eine Kammer, angefüllt mit Edelsteinen, die funkelten und glühten so hell wie Sonnenlicht. Hier liegen alle Schätze der Welt beisammen, dachte der Hirte geblendet – und verschloss seine Augen vor dem Reichtum und seine Ohren vor des Königs Angebot: Wenn er nur die vier Worte spräche, drei Traglasten wären sein.

»Nein«, rief der Hirt unbeirrt, »nie und nimmer! Die vier Worte sag ich nicht. Nicht ums Leben, nicht für Silber, Gold und Edelsteine.«

Da sah der König ein, dass er den Streit nicht gewinnen könne, nicht mit Drohen und nicht mit Locken, gab nach und sprach: »Nun gut, was soll's, meinetwegen. Meine Tochter sollst du haben. Doch das eine musst du mir versprechen: Bist du erst mein Schwiegersohn, so sollst du die vier Worte sagen und mir ›Lang sei dein Leben!‹ wünschen.«

»Gewiss«, willigte der Jüngling ein. »Ist erst deine Tochter meine Frau, so will ich Dir den Spruch sagen und dir von Herzen ein langes Leben wünschen.«

Diese Worte erhellten des Königs schwarzgalliges Gesicht und er dachte insgeheim: Sieh an, er beugt sich, dieser Sohn eines Ochsen. Der Sieg ist mein.

Im ganzen Königreich wurde das freudige Ereignis verkündet, dass des Königs einzige Tochter Hochzeit halte. Und ein jeder im Land freute und wunderte sich denn gar manchen königlichen Freier hatte das Mädchen schon abgewiesen und nun einem armen Schäfer ihr Herz geschenkt. »Es müsssen seine blitzblauen Augen sein, die sie gewonnen haben«, sagten die Leute zueinander.

So ein Fest hatte es noch nie gegeben selbst die Uralten im Land konnten sich an dergleichen nicht erinnern. Alle waren geladen, assen, tranken und sangen. Nach dem Kirchgang indes trugen die Höflinge einen gebratenen, mit rotem Pfeffer gewürzten Schweinskopf zur Hochzeitstafel und setzten ihn dem König vor. Nach alter Sitte sollte er ihn zerlegen und einem jeden an der Tafel seinen Anteil geben. Nun fuhr aber der würzige Bratenduft dem König in die Nase, und er musste niesen. »Lang sei dein Leben!« rief da, allen anderen zuvor der Schäfer mit heller Stimme.

Darüber freute sich der König gar sehr, wie Glockengeläut klangen ihm die vier Worte, und er sagte zu dem Jüngling an seiner Seite: »Du Dickschädel, war dies lange Zaudern nötig? Wärest du beizeiten einsichtig gewesen – das ganze Märchen hätten wir uns sparen können.«

Als nach einem langen, langen Leben der alte König starb, wurde der Schafhirte mit den blitzblauen Augen sein Nachfolger. Er war ein guter König, verständig und gerecht, und er zwang keinen seiner Bürger, dem eigenen Willen zuwider zu handeln. Doch wenn er nieste, wünschten ihm jung und alt im ganzen Land ›Lang sei dein Leben!‹, weil sie ihn liebten.

 


 

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