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Märchen aus Hundert und Einer Nacht

Joseph von Hammer-Purgstall: Märchen aus Hundert und Einer Nacht - Kapitel 5
Quellenangabe
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authorJoseph von Hammer-Purgstal
titleMärchen aus Hundert und Einer Nacht
publisherGreno Verlagsgesellschaft m. b. H.
year1986
translatorAugust E. Zinserling
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Anekdote von Ali dem Perser, oder: Was im Sack war?

Als der Chalife Harun Alraschid einst von Schlaflosigkeit gepeinigt wurde, was bei ihm nichts Seltenes war, ließ er seinen Wesir Dshafar rufen, damit er ihm ein Mährchen erzählen sollte. Ich habe einen Freund, sagte Dshafar, der Ali der Perser heißt, und ein wahres Magazin von Mährchen ist. Wenn ihr befehlt, Beherrscher der Gläubigen, so – Er soll auf der Stelle kommen, sagte der Chalife. Dshafar ließ ihn rufen, Harun befahl ihm, sich zu setzen und sagte zu ihm: Höre Ali, ich habe diese Nacht eine Brustbeschwerde, man hat mir gesagt, du wüßtest Mährchen, und ich wollte, du machtest mir jetzt eins, das mich entweder aufheitert oder einschläfert. – Soll ich euch, fragte der Perser, eine Geschichte erzählen, wovon ich selbst Augenzeuge gewesen bin, oder eine, die ich nur von Hörensagen kenne? Ich wollte lieber, versetzte Harun, daß es eine Begebenheit wäre, die dir selbst begegnet ist. Ich werde eurem Befehl Folge leisten, Beherrscher der Gläubigen! sagte der Perser.

Ich hatte einst mein Vaterland verlassen, um in diese Stadt zu ziehen, und hatte blos einen Knaben und einen Sack bei mir, der mit allerlei Kaufmannswaaren wohl versehen war. Als ich auf dem Markt von Bagdad eben mit meinem kleinen Handel beschäftigt war, kam ein Kurde auf mich zu, überhäufte mich mit Schimpfreden, nahm mir meinen Sack, und behauptete, es sei der seinige, und alles, was darin sei, gehöre ihm. Vergebens war es, daß ich den ganzen Markt zu Zeugen anrief, ich mußte mit vor Gericht gehn. Welcher von euch beiden ist der Ankläger und wer ist der Angeklagte? fragte der Richter. – Dieser Sack, sagte der Kurde, mit allem, was darinnen ist, gehört mir. Ich hatte ihn verloren, und ich finde ihn so eben in den Händen dieses Menschen wieder. – Wenn hast du ihn verloren? fragte der Richter. – Gestern. – Nun gut, wenn er dein gehört, so sag mir auch, was darin ist. Es sind darin, erwiederte der Kurde, zwei kostbare Gefässe mit Alkohol für die Augen, zwei Fakeln, zwei Löffel, zwei Waschbecken, zwei Gießkannen, zwei Schnupftücher, zwei Kleider von Atlas, ein Schlüssel und zwei Schlösser, ein Kleid und zwei Pelze, eine Kuh und zwei Kälber, ein Schaf und zwei Lämmer, eine Kameelin und zwei Kameele, eine Löwin und zwei Löwen, ein Kessel und zwei Näpfe, eine Bärin und zwei kleine Bäre, eine Hündin und zwei Schäferhunde und eine Versammlung von Rechtsgelehrten, die beweiset, daß der Sack mir gehört.

Der Richter wandte sich hierauf an mich, und sprach: Und was sagst du denn dazu, Ali? Was steckt in deinem Sack? – Da ich sahe, daß dieser Schlingel von Kurde einmal in diesem Ton angefangen hatte, so antwortete ich: In diesem Sack, Herr Richter, steckt ein Haus in Ruinen, ein Haus ohne Küche, ein Lager, Hunde, ein Stelldichein der Taugenichtse, eine ganze Armee, Bagdad mit seinem Flusse, Netze voll Fische, Zelte und Flaggen, tausend Alkaden, die Zeugniß ablegen, daß dieser Sack zu meiner Bagage gehört.

Als der Kurde diese Antwort hörte, fieng er an zu weinen. Herr Richter, sagte er, dieser Sack gehört mein, niemand weiß besser als ich, was darin steckt. Es sind ferner noch darin Städte und Schlösser, Felder, Hölzer und Gewässer, Jäger, die den Thieren nachsetzen und Mittel wider Kopfschmerzen, eine Stute und zwei Hengste, eine Lanze und zwei Pfriemen, ein Fahrzeug und doppelte Schiffsmannschaft, ein Amtmann und zwei Dörfer, ein Blinder und zwei Hellsehende, ein Schiffskapitän und zwei Schebeken, ein Mönch, und zwei Bischöffe, ein Richter und zwei Zeugen, um mich in meiner Noth zu unterstützen.

Herr Richter, unterbrach ich ihn, vom gerechten Zorne hingerissen. Mein Gegner weiß nicht, was er spricht. Es giebt auch noch Bezauberungen darin und Arsenale, die mit Waffen angefüllt sind, Weinberge, Parke, Gärten, Weintrauben und Citronen und lüderliche Weibspersonen, Musikanten und Sängerinnen, Verschnittene und Tänzerinnen, Freunde und gute Gefährten, kluge und niedliche Leute, Sklaven aller Art aus Persien und aus Griechenland, aus China und Indostan, aus Kaschemir und Turkestan; Palläste und Wiesen, Bäder und Ställe, Betten und Sophas, einen Beutel mit 1000 Dukaten, alte und neue Städte, Harnblasen und Laternen, Basra, Balch und Ispahan, auch Indien und Khorassan, Stoffe, Schachteln, Koffer, Versprechungen, Geschenke und Anerbietungen, alles, was die Welt enthält, um euch zu beweisen, daß dieser Sack mein gehört.

Ich sehe wohl, sagte der Richter, daß die Wahrheit nicht zu den schönen Sachen gehört, von denen ihr behauptet, daß sie in eurem Sack sind. Ich sehe vielmehr, daß ihr Flegel seyd, die hieher gekommen sind, sich über die Gerechtigkeit zu moquiren. Dem zu folge sollt ihr alle beide die Bastonade haben und der Sack soll mir verbleiben.

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