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Märchen aus Hundert und Einer Nacht

Joseph von Hammer-Purgstall: Märchen aus Hundert und Einer Nacht - Kapitel 4
Quellenangabe
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authorJoseph von Hammer-Purgstal
titleMärchen aus Hundert und Einer Nacht
publisherGreno Verlagsgesellschaft m. b. H.
year1986
translatorAugust E. Zinserling
correctorreuters@abc.de
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Das Abentheuer des Kaldaunenverkäufers.

Zur Zeit der Pilgerreise nach Mekka nahm ein Mann den Deckel der Kaaba und sagte, in der Stellung eines Bittenden, zu wiederholten Malen: »Möge Gott ihr an ihrem Gemahl irgend eine Untreue zeigen, damit sie ihm Gleiches mit Gleichem vergelten kann.« Die übrigen Pilgrime, welche an diesen Worten ein Ärgerniß nahmen, prügelten den Menschen tüchtig durch, führten ihn zum Emir Hadi oder dem Obersten der Pilgerkaravanen und klagten ihn an, daß er die Kaaba durch gotteslästerliche Worte entweiht habe. Der Emir befahl, daß man ihn hängen sollte. Ich beschwöre euch bey dem Propheten, sagte dieser Mensch zum Emir, hört erst meine Geschichte und dann thut, was euch beliebt. Der Emir erlaubte ihm, daß er sie erzählte.

Ich verdiente mein Brod damit, sagte er, daß ich den Unrath in den Schlachthäusern zur Stadt hinausschaffte und Kaldaunen verkaufte. Eines Tages, als ich wie gewöhnlich neben meinem beladenen Esel hergieng, begegnete ich einer Anzahl fliehender Leute, die mir riethen, ebenfalls zu fliehen, wenn ich nicht durchgewammset seyn wollte. Ich fragte, weßhalb? und man sagte mir, daß so eben ein Harem im Begriff sey vorbeyzuziehen. Ich drückte mich sogleich an eine Mauer und sah bald darauf Bediente erscheinen, die mit großen Stöcken bewaffnet waren, und denen ungefähr 30 Frauenzimmer folgten. Unter diesen Frauenzimmern war eine, die, in Hinsicht ihrer schönen Taille und ihres schmachtenden Ansehens, dem Zweige des Baums Bau und einer von Durst schmachtenden Gaselle glich. Alle die übrigen erwarteten ihre Befehle, und waren bereit, ihr aufzuwarten. Sie rief einen ihrer Bedienten und sagte ihm etwas ins Ohr. Dieser kam sogleich zu mir, ergriff mich und nahm mir meinen Esel. Die Verschnittenen banden mir die Hände, und schleppten mich hinter sich her, ohne sich an das Geschrey des Volkes zu kehren, das ihnen zurief, ich sey ein armer Teufel, ein Kaldaunenverkäufer, den man nicht mißhandeln müsse.

Gewiß hat der Kaldaunengeruch diese Verschnittenen angelockt, sagte ich bei mir selbst; aber was ist zu machen? Es ist doch keine Macht und Gewalt, ausser bei dem allmächtigen Gott.

So gieng ich hinter ihnen her, bis wir an die Thüre eines großen Hauses kamen. Hier traten wir in einen Vorhof, der an Schönheit alles übertraf, was man sich nur in dieser Gattung Schönes denken kann. Ach! sprach ich bei mir selbst, sicherlich ist meine letzte Stunde gekommen. Man hat mich nur hieher gebracht, um mich zu tödten. – Allein anstatt mich zu tödten, ließ man mich in ein Bad treten, wo drei Sklavinnen von ausserordentlicher Schönheit bereit waren, mich zu waschen und zu bedienen. Sie überreichten mir hierauf ein Paket schöner Kleider, und sagten ich sollte sie anziehen. Ich weiß nicht, wie ich mich dabei anstellen soll, antwortete ich ihnen, ich habe nie eine solche Garderobe gehabt. Sie bekleideten mich also, und benetzten mir das Gesicht mit Rosenwasser. Hierauf führten sie mich in einen Saal, der mit der größten Eleganz meublirt und gemahlt war. Die Gebieterin des Hauses saß hier auf einem elfenbeinernen Thron, umgeben von einer großen Anzahl Sklavinnen. Sie gab mir durch ein Zeichen zu verstehen, daß ich mich ihr nähern, und mich neben ihr niedersetzen sollte. Dieß that ich. Man trug ein kostbares Mahl auf. Ich aß reichlich davon und wusch mir die Hände. Beim Desert brachten die Sklavinnen Trinkgefässe und Rauchpfannen. Sie schenkte mir selbst zu trinken ein und wir waren bald alle beide betrunken. Alles dieß schien mir ein Traum, vorzüglich als sie ihren Sklavinnen befahl, das Bett zu machen, wo sie sich neben mich hinlegte, und wo wir die Nacht bis gegen Morgen zusammen zubrachten. So oft ich sie in meine Arme schloß, so oft fühlte ich mich vom Geruch des Muskus und Umbra durchdrungen. Ich glaubte wirklich eine der Huris des Paradieses in meinen Armen zu halten. Gegen Morgen fragte sie mich, wo ich wohnte, und nachdem ich ihr meine Wohnung angezeigt hatte, gab sie mir ein gesticktes Schnupftuch, in welchem etwas festgebunden war und sagte zu mir, ich möchte ins Bad gehen.

Als ich nach Hause kam, band ich das Schnupftuch auf, und fand darin fünfzig Methkal vom reinsten Golde. Ich blieb an der Thüre meines Ladens in tiefe Träumereyen über mein Glück versunken, das mir noch immer ein Traum schien. Gegen Abend kam eine Sklavin, die mich zu meiner neuen Geliebten rief. Ich folgte ihr und genoß die nämlichen Vergnügungen als in der verflossenen Nacht. So setzte ich acht Tage lang diese Lebensart fort, alle Abende das Abendessen, alle Morgen ein Geschenk von 50 Dukaten.

Als ich eines Abends mich wie gewöhnlich dort befand, faßte mich eine Sklavin bei dem Arme und sagte mir, ich möchte mich in ein benachbartes Zimmer entfernen. Ich folgte ihr. Ich hörte zu gleicher Zeit ein Geräusch von Pferden auf der Straße. Das Zimmer, worin ich verborgen war, hatte ein verdecktes Fenster, das nach dem Saal zugieng. Ich sah hier einen jungen Menschen erscheinen, der schön wie der Mond und von einer zahlreichen Bedeckung von Mamluken begleitet war. Er küßte die Erde vor dem Thron, hierauf die Hand der Dame, dann ihre Stirn und schloß damit, daß er die ganze Nacht mit ihr zubrachte. Gegen Morgen zog er mit seiner Begleitung ab. Die Dame kam mir entgegen und sagte: Hast du diesen schönen jungen Menschen gesehen? Es ist mein Gemahl, und ich will dir erzählen, was sich zwischen uns zugetragen hat. Als wir eines Tages im Hause bei einander saßen, sah ich ihn von meiner Seite verschwinden. Ich glaubte anfangs, er habe sich eines Bedürfnisses wegen entfernt; allein, da er sich nicht wieder sehen ließ, gieng ich selbst fort, ihn zu suchen. Als ich vor der Küche vorübergieng, traf ich ihn in einem galanten Abentheuer mit einer der niedrigsten Küchensklavinnen an. Ich schwur sogleich einen theuren Eyd, daß ich, um mich zu rächen, dem gemeinsten Menschen mich überlassen wollte. Der Tag, an welchem meine Verschnittenen dich fiengen, war schon der 4te, seitdem ich die Straßen durchstrich, um etwas für meinen Zweck aufzufinden. Ich hatte noch nichts so Schmuziges und Niedriges als dich gefunden. Jezt habe ich meinem Schwur Genüge gethan, allein wenn mein Mann noch einmal irgend eine Untreue dieser Art begehen sollte, so werde ich nicht verfehlen, dich rufen zu lassen. Sie befahl mir hierauf sogleich mich zu entfernen und gab mir noch 400 Meskals in Gold. Ich entfernte mich und bin hieher geeilt, um Gott zu bitten, daß ihr Mann ihr irgend eine Untreue zeigen möge, damit sie ihm Gleiches mit Gleichem vergelten könne.

Ihr habt jetzt die Geschichte dieses Mannes gehört, sprach der Oberste der Pilgrime zu den versammelten Arabern, und bei so bewandten Sachen glaube ich, daß man ihm wohl die Worte verzeihen muß, mit denen er die Kaaba entheiligt hat.

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