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Märchen aus Hundert und Einer Nacht

Joseph von Hammer-Purgstall: Märchen aus Hundert und Einer Nacht - Kapitel 3
Quellenangabe
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authorJoseph von Hammer-Purgstal
titleMärchen aus Hundert und Einer Nacht
publisherGreno Verlagsgesellschaft m. b. H.
year1986
translatorAugust E. Zinserling
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Anekdote vom Chalijen Hescham, dem Sohne Abdolmelek,'s, des Sohns Meroan's.

Der Chalife Hescham, der Sohn Abdolmelek's, der der Sohn Meroans war, verfolgte einst auf der Jagd eine Gaselle, und rief einem arabischen Knaben, den er unterwegs antraf, und der damit beschäftigt war, seine Schaafe zu weiden, zu: Nimm dich in Acht! Die Gaselle! Die Gaselle! – Dieser erwiederte: Was ist das für eine Sprache? Schlingel, Esel, der du bist! – Wehe dir! rief ihm Hescham zu; kennst du mich nicht? – Oho, war die Antwort, du hast zu sehr deutlich zu erkennen gegeben, wer du bist, indem du mich anredest, ohne mir einen guten Tag zu bieten. – Wehe dir, erwiederte der Chalife, ich bin Hescham, der Sohn Abdolmelek's. –

Indessen hörte der Beduine nicht auf, ihm Grobheiten zu sagen, bis von allen Seiten die Hofkavaliers in großer Menge herbeykamen, und den Hescham als Beherrscher der Gläubigen und Gebieter der Moslims begrüßten. Arretirt diesen Beduinen! befahl der Chalife. Der Knabe, der diese Menge von Vezieren, Kammerherrn und anderen Herrn vom Hof sah, sprach mit keinem einzigen von ihnen, sondern warf sich, ohne ein Wort zu sagen, zu den Füßen des Chalifen. Arabischer Hund, sagte einer aus dem Gefolge zu ihm, warum grüßest du den Beherrscher der Gläubigen nicht! – Esel, der du bist, versetzte der Beduine, hat er mich denn so eben gegrüßt? – Knabe, sprach jetzt Hescham zu ihm, bedenke, daß deine lezte Stunde gekommen ist. – Es mag seyn, sagte der Beduine, aber tödtet mich nur nicht mit eurem Geschwätz. Wißt ihr nicht, was in dem Koran geschrieben steht, daß nämlich ein Tag kommen wird, wo jede Menschenseele von jedem unnützen Wort Rechenschaft ablegen soll. – Henker, schrie der Chalife in der größten Wuth, nehmt diesen Beduinen, der seiner Zunge keinen Zaum anzulegen versteht, beym Kopf! – Der Henker nahm den Jungen beym Kollet, schwang die Keule, und indem er sie über dem Kopf des Unglücklichen schwebend erhielt, fragte er den Chalifen nach der gewöhnlichen Formel:

Beherrscher der Gläubigen! Soll es euer Sklave wagen, den tödtlichen Streich zu führen? Er ist unschuldig an dem Blute, das er vergießen soll.

So fragte der Henker einmal, zweymal, dreymal; und der Chalife antwortete alle drey male: Ja!

Der Beduinen-Knabe erhob ein großes Gelächter, als er diese Cärimonie sah. Elender! sagte Hescham; wie kannst du sogar noch im Augenblick lachen, wo du sterben sollst? – Diese Cärimonie ist komisch genug, sprach der Beduine, und mein ganzes Leben lang hat mir das Lachen eben so viel Spaß gemacht als das Reden. Aber ehe ich auf ewig schweige, muß ich euch doch noch eine kleine Fabel erzählen. Ein Falke war im Begriff, einen Sperling zu erwürgen, den er gefangen hatte. Laß mich, sagte der Sperling, es verlohnt sich nicht der Mühe, mich zu knuppern, und der Falke schenkte ihm Leben und Freyheit, und sagte: Es ist nur ein Sperling.

Diese Fabel machte auf den Chalifen einen solchen Eindruck, daß er dem Beduinen vergab, und ihn, mit Geschenken überhäuft, wieder entließ.

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