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Märchen aus Hundert und Einer Nacht

Joseph von Hammer-Purgstall: Märchen aus Hundert und Einer Nacht - Kapitel 17
Quellenangabe
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authorJoseph von Hammer-Purgstal
titleMärchen aus Hundert und Einer Nacht
publisherGreno Verlagsgesellschaft m. b. H.
year1986
translatorAugust E. Zinserling
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Das Mährchen von Maruj.

Es war einmal in Cairo ein Mann, der alte Sättel wieder ausbesserte. Er hieß Maruf, und seine Frau hieß Fatime, und hatte den Beynamen Al-Ara, das ist Megäre, denn sie war es in der That, im vollen Sinn des Worts. Alle Tage that sie ihrem armen Mann allen möglichen Tort und Dampf an. Maruf hingegen war ein guter Mann, der Gott fürchtete, und sehr viel auf seine Ehre hielt. Er war arm, denn alles was er gewann, reichte nicht hin, um die thörichten Foderungen seiner Frau zu befriedigen. Einst sagte sie des Morgens zu ihm, Maruf, diesen Abend mußt du mir einen Honigkuchen von Bienenhonig schaffen. – Möge Gott mich das Geld dazu zusammenbringen lassen, antwortete er, und ich werde dann nicht verfehlen, ihn dir zu bringen. – Auf solche Reden lasse ich mich gar nicht ein, erwiederte sie; zusammen bringen, oder nicht zusammen bringen, ich will diesen Abend meinen Honigkuchen haben, und wenn du mir ohne den Honigkuchen nach Hause kommst, Maruffelchen, so verkündige ich es dir zum voraus, daß dieß ein pechschwarzer Abend für dich werden soll.

Gott ist gnädig, sprach der Mann, indem er einen tiefen Seufzer holte, und, mit Gift im Herzen, verließ er das Haus. Er verrichtete sein Morgengebet, öffnete dann seine Butike, und bat Gott, daß er ihm einen Honigkuchen zuschicken möchte, damit er für heute von den Peinigungen dieser Megäre von Frau befreyt wäre. So blieb er den ganzen Tag in seiner Butike, ohne daß ihm jemand Arbeit brachte, so, daß er also nicht einmal Geld hatte, um Brod zu kaufen. Er schloß seine Butike, und machte sich auf den Weg nach Hause. Indem er so ganz niedergeschlagen vor dem Laden eines Honigkuchenbäckers vorbeygieng, fragte ihn dieser, was ihm denn im Kragen stecke. – Ach, sprach Maruf, meine verwünschte Frau bringt mich noch ums Leben. Heute hat sie einen Honigkuchen von mir verlangt, und ich habe nicht einmal so viel, daß ich ihr Brod mitbringen könnte. – Laßt euch deßhalb keine grauen Haare wachsen, erwiederte der Honigkuchenbecker, sagt mir nur, wie viel Rotl ihr wollt. – Fünfe wären genug für mich, erwiederte Maruf. – Ich schäme mich nur, fuhr hierauf der Honigkuchenbecker fort, daß ich keinen Bienenhonig habe, ich habe nur solchen Honig, was von Zuckerrohr destillirt ist. – Schon gut, sagte Maruf. – Der Honigkuchenbäcker nahm also Mehl, Butter und Honig von Zuckerrohr, und bereitete daraus einen Honigkuchen, der werth gewesen wäre, auf der Tafel eines Königs zu stehn. – Ihr braucht auch Brod und Käse, sprach er dann zu Maruf, hier ist für 4 Groschen Brod, und für einen Groschen Käse; der Honigkuchen kostet 10 Groschen. Ihr könnt mir diese 15 Groschen nach Bequemlichkeit bezahlen. – Gott lohn' es euch, erwiederte Maruf, und gieng nach seinem Hause zu.

Wo ist der Honigkuchen? rief ihm seine Frau schon von weitem zu. – Da ist er! antwortete Maruf. – Da sie sahe, daß er nicht von Bienen- sondern Zuckerrohrhonig gemacht war, fieng sie an zu schreyen: Habe ich dir es nicht gesagt, daß ich einen Honigkuchen von Bienenhonig haben will, und keinen von Zuckerrohrhonig? – Du solltest mir es noch Dank wissen, daß ich dir diesen mitgebracht habe, erwiederte Maruf. – Bey diesen Worten fieng sie einen teuflischen Lärm an; von allen Seiten regnete es Schläge und Ohrfeigen auf den armen Mann. Pack dich den Augenblick fort, elender Kerl, schrie sie, und schaffe mir einen ordentlichen Honigkuchen! Und jedes Wort war mit frischen Schlägen begleitet. Sie schlug ihm einen Zahn ein, sie raufte ihm den Bart aus, und da Maruf sich nur ganz schwach vertheidigen wollte, fiel sie mit einer gränzenlosen Wuth über ihn her, hielt ihn bey den noch übrigen Haaren seines Bartes fest, und schrie um Hülfe. Die Nachbarn eilten herbey, und als sie sich von dem Streitpunkt unterrichtet hatten, tadelten sie das Betragen der Megäre ganz unverholen. Wir essen alle Honigkuchen, die von Zuckerrohrhonig gemacht sind, sagten sie, was hat denn dein armer Mann da für ein großes Verbrechen begangen? Endlich bemühten sie sich Friede zwischen beyden zu stiften.

Als die Nachbarn fort waren, schwur Fatime, sie würde schlechterdings kein aus Rohr bereitetes Honig essen. – Ey, auf diese Art kann ich ja den Honigkuchen essen, sprach Maruf bey sich. – Bravo! rief die Frau, du sorgst doch recht für deinen Leib – Ich mache es nicht wie du, antwortete der Mann, und fuhr lachend fort zu essen. – Morgen, sagte er, wenn es Gott gefällt, morgen will ich euch einen Honigkuchen von Bienenhonig mitbringen und dabey gab er ihr die schönsten guten Worte. Auf diese Weise besänftigte er sie endlich nach und nach, und brachte die Nacht ganz ruhig mit ihr hin.

Den Tag darauf stand er sehr früh auf, um in seine Butike zu gehn. Nach Verlauf von einigen Stunden, kamen zwey Diener der Gerechtigkeit, die ihn vor Gericht citirten, weil er, wie sie sagten, seine Frau gemißhandelt habe. Maruf fand bey dem Richter seine Frau, den Arm in einer Bandage, und den Schleyer ganz mit Blut gefärbt. Dabey vergoß sie Ströme von Thränen. Fürchtest du Gott nicht, sprach der Richter zu Maruf, daß du deine Frau so behandelst, und ihr den Arm und die Zähne einschlägst. – Wenn ich ihr das geringste zu Leide gethan, ihr ein Haar ausgerissen, oder einen Zahn nur wackeln gemacht habe, so will ich mich gern bestrafen lassen. Hierauf erzählte er den ganzen Vorfall von Anfang bis zu Ende, und fügte noch hinzu, daß die Nachbarn, welche dazu gekommen wären, um Friede zwischen ihnen zu stiften, Zeugniß für ihn ablegen würden. Der Richter, der ein begüterter Mann war, nahm einen Viertelsdukaten, und gab ihn den streitenden Partheyen. Hier, sagte er, hier ist etwas, wofür ihr euch einen Honigkuchen von Bienenhonig kaufen könnt, um eurem Streit ein Ende zu machen. Die Frau nahm den Viertelsdukaten zu sich, und der Mann gab ihr noch einige heilsame Lehren über den, bey der Ehe so nöthigen Hausfrieden. Sie verließen also das Haus des Richters, und ein jedes gieng seinen eignen Weg. Fatime gieng nach Hause, und Maruf in seine Butike.

Kaum hatte er hier etwas gearbeitet, als die Diener der Gerechtigkeit kamen, um ihr Trinkgeld einzukassiren. Er entschuldigte sich anfangs, und sagte, er hätte nichts vor Gerichte zu thun gehabt, und der Richter selbst hätte ihn losgesprochen, und wieder gehen lassen. Allein sie lärmten so sehr, daß der arme Maruf genöthigt wurde, auf der Stelle einen Theil der Geräthe seiner Butike zu verkaufen, um ihnen den halben Dukaten zu bezahlen, den sie verlangten. – Da saß er nun, stützte den Kopf auf den Arm, und wußte nicht, aus welchem Holz er Pfeile machen sollte, denn alle Sachen, die ihm unentbehrlich waren, um sein Brod zu verdienen, waren fort. Siehe, da kamen wieder zwey Gerichtsdiener, die ihn vor Gericht foderten. – Aber ich komme ja eben erst von der Gerichtsstube her, antwortete Maruf, der Herr Richter, der so und so heißt, hat mich so eben losgesprochen, und wieder entlassen. – Aber wir kommen ja nicht im Namen dieses Richters, versezten die Gerichtsdiener, wir kommen im Namen eines andern Richters. Maruf gieng also mit ihnen, und fand in der Gerichtsstube wieder seine Frau, die die nämliche Klage auf's neue gegen ihn vorbrachte. Ich habe mich ja so eben mit ihr versöhnt, sprach Maruf, und erzählte dem Richter den ganzen Vorfall. – Auch dieser Richter entließ ihn also, wie der vorige, allein Maruf sollte jezt den Gerichtsdienern ihr Trinkgeld bezahlen, und mußte daher dießmal alles verkaufen, was noch in der Butike stand. Er war jetzt wie betrunken, und wußte nicht, wo ihm der Kopf stand, als einer von seinen Bekannten, der eben vorbeygieng, zu ihm sagte: Wie? Ihr seyd noch hier? Ihr sollt ja ungesäumt in der Pforte (dem Pallast des Statthalters) erscheinen, wo eure Frau eine Klage gegen euch angebracht hat. Der Obervorsteher selbst soll euch citiren. – Bey diesen Worten ergriff Maruf die Flucht, und lief, was er laufen konnte, um von der Bosheit seiner Frau befreyt zu werden. Er hatte noch 5 Groschen übrig, wofür er sich Brod und Käse kaufte, und dann so schnell als möglich sich von Cairo entfernte. Es war gerade im Winter, und es fiel ein Plazregen, der ihn durch und durch durchnäßte. Indem er also in der Vorstadt, welche Adelge heißt, vor der großen Moschee des Königs Adel vorübergieng, trat er in ein verfallenes Gebäude, um Schutz gegen den Regen zu suchen, von dem seine Kleider schon trieften. Hier fieng er an bitterlich zu weinen, und sich über sein Schicksal zu beklagen. Ach! sagte er, was ist es doch für ein Unglück, wenn man an einen Teufel von einer Frau angekettet ist. O mein Gott! Führe mich irgendwohin, wo sie meine Spur nicht ausfindig machen kann.

So wehklagte er, als sich auf einmal die Mauer spaltete, und ein außerordentlicher großer Mann heraustrat, mit einem Gesicht, bey dessen Anblick einem die Haare zu Berge stehen mußten. Mensch, sprach er, was willst du, daß du hierher kömmst und meine Ruhe störst. Seit zwey Jahrhunderten, die ich hier wohne, habe ich niemanden gesehen, der sich so geberdet hätte, wie du. Was ist die Ursache deines Leidens? Vielleicht kann ich dir dienen, denn du hast mein Mitleiden rege gemacht. – Und wer seyd ihr denn? fragte Maruf. – Ich bin, antwortete die Erscheinung, der Bewohner dieses Platzes. Maruf erzählte ihm hierauf die Streiche, die ihm seine Frau gespielt, und sagte zum Schluß seiner Erzählung, er habe keinen andern Wunsch, als sich irgendwohin flüchten zu können, wo sie ihn nicht erreichen könne. – Dein Wunsch sey dir gewährt, sprach der Genius, nahm ihn auf seinen Rücken, erhob sich mit ihm hoch in die Lüfte, und flog die ganze Nacht hindurch, bis zum Anbruch der Morgenröthe, wo er ihn auf den Gipfel eines Berges absetzte. Siehst du, sprach jetzt der Genius zu ihm, da unten jene Stadt? Du brauchst nur hineinzugehn, um alle Nachforschungen und Verfolgungen deiner Frau zu vereiteln. – Maruf wußte nicht recht, was er sagen oder thun sollte. Er wartete, bis die Sonne aufgieng, und fieng dann an, den Berg hinabzusteigen, um in die Stadt zu gehn.

Als er näher kam, erstaunte er über die Schönheit ihrer Paläste, deren Anblick seine Augen entzückte, aber die Traurigkeit seines Herzens nur wenig minderte. Die Einwohner der Stadt versammelten sich gar bald um ihn her, um seine Kleider zu bewundern, die auf keine Weise den ihrigen glichen. Ihr seyd ein Fremder? sagte einer von den Einwohnern der Stadt zu ihm. – Zu dienen! entgegnete Maruf. – Woher? wenn's beliebt. – Von Cairo, der Hauptstadt von Ägypten. – Ist es schon lange her, daß ihr von Cairo abgereist seyd? – Gestern Nachmittag. – Ha! Ha! Ha! lachte der Einwohner der Stadt überlaut. Ihr seht, meine guten Leute, sprach er zu den übrigen, in diesem Menschen einen Narren vor euch; gestern Nachmittag will er von Cairo abgereiset seyn, und doch braucht man ein ganzes Jahr, wenn man von dieser Stadt nach Cairo reisen will. – Ihr seyd Narren, sprach Maruf, und nicht ich. Ich sage es euch noch einmal: Gestern Nachmittag, und wenn ihr mir es nicht glauben wollt; so seht hier noch ganz frisches Brod, das ich in Cairo eingekauft habe. – Er zeigte ihnen hierauf das Brod, und sie verwunderten sich sehr darüber, denn es glich dem ihrigen durchaus nicht, und war in der That noch frisch. – Es versammelten sich also immer mehr Menschen um ihn her, einige behaupteten, er spreche wahr, andere sagten, er lüge.

Indem sie sich noch miteinander darüber herumstritten, siehe, da kam ein stattlicher Mann, der auf einer Mauleselin saß, und von zwey Bedienten begleitet war, welche vor ihm hergiengen, und die Menschenmenge auseinander trieben. Schämt ihr euch nicht, sprach er zu den versammelten Leuten, daß ihr diesen Fremden so quält? Ihr habt ja gar kein Recht, ihm beschwerlich zu fallen. – Niemand wußte darauf etwas zu antworten, und Maruf dankte dem Chowadscha, der ihn bat, mit nach seinem Hause zu kommen. Maruf nahm diese Einladung mit großem Danke an. Im Hause des Chowadscha ward er herrlich aufgenommen, und prächtig bewirthet. Nachdem sie miteinander gegessen und getrunken hatte, fragte der Chowadscha seinen Gast nach seinem Namen und seinem Stande. Ich heiße Maruf, antwortete dieser, und mein Metier besteht darinn, daß ich schadhaft gewordenes Sattel und Zeug wieder ausbessere. – Und aus welcher Stadt seyd ihr? – Aus Cairo. – Aus welchem Quartiere? – Maruf bezeichnete es ihm. – Wie? Ihr seyd also zu Cairo gewesen? – Allerdings, ich bin da geboren. – In welchem Theile der Stadt, wenn es erlaubt ist zu fragen? – In der rothen Gasse. – Kennt ihr jemanden, der in jenem Quartiere wohnt? – Ja, erwiederte Maruf, den und den. – Kennt ihr vielleicht auch den Scheich Ahmed, den Kaufmann, der mit Farben handelt? – Mein Gott! wie sollt ich den nicht kennen? Er ist ja mein nächster Nachbar. – Geht es ihm gut? – Gott sey Dank! Sehr gut! – Wie viel Kinder hat er? – Drey, Mustapha, Mohammed und Ali. – Was machen sie? – Mustapha ist Professor an einer Erziehungsanstalt, Mohammed hat sich in einem Kaufmannsladen mit Färbereyen, neben der Butike seines Vaters, etablirt, und seine Frau ist vor kurzem mit einem kleinen Hassan niedergekommen. Was Ali betrifft, so war er mein Jugendgefährte. Tausend tolle Streiche haben wir zusammen ausgeführt. Gewöhnlich verkleideten wir uns als Christenkinder, schlichen uns in die Kirchen der Christen, stahlen hier ihre Bücher, und verkauften sie dann wieder sehr theuer an ihre Priester. Eines Tages ertappte uns ein Christ bey dieser Arbeit auf frischer That. Die Priester beklagten sich darüber bey Alis Vater, und drohten, sie würden ihre Klagen beym König anbringen. Ali bestrafte seinen Sohn und dieser ergriff die Flucht, und hat sich seitdem nicht wieder sehen lassen, obgleich es schon zwanzig Jahre her ist. Nun gut, sprach der Chowadscha, erkennst du nicht in mir deinen Freund Ali, den Sohn des Scheichs Ahmed, des Farbenhändlers zu Cairo. Hierauf stürzten sie einander in die Arme. Erzählt mir jetzt, sprach der Chowadscha, warum ihr Cairo verlassen habt? Maruf erzählte ihm hierauf die ganze Geschichte mit seiner Frau Fatime der Megäre, und wie er sich während eines Platzregens gerettet, und wie er in einer Nacht vom Genius hiehergetragen worden sey, und wie ihm dann die Leute aus diesem Ort zu Leibe gegangen wären. – Es taugt schlechterdings nicht, sprach der Chowadscha, daß wir sie von der Wahrheit der Sache, so wie sie wirklich ist, zu überzeugen suchen. Sagt ihr ihnen, ein Genius habe euch hieher gebracht, so werden sie euch als einen besessenen oder verteufelten Menschen fliehen, und ihr werdet bey eurem hiesigen Etablissement nie Zutrauen finden. Wir müssen uns auf eine andere Weise dabey benehmen. Nehmt hier diese 1000 Dukaten, besteigt morgen früh eure Mauleselin, und begebt euch auf den Markt, wo ihr mich mitten unter den Großhändlern sitzen sehen werdet. Sobald ich euch bemerke, werde ich aufstehn, euch entgegengehn, euch die Hände küssen, und euch auf die ehrenvollste Weise empfangen. Das wird nicht verfehlen, euch in Ansehn zu bringen. Ich werde dann vorschlagen, daß man euch eine Butike einräume, und ich werde dafür sorgen, daß sie mit Waaren besetzt wird. Ich werde euch dann mit den angesehensten Kaufleuten der Stadt bekannt machen, und es kann euch gar nicht fehlen, daß ihr nicht in kurzer Zeit euer Glück machen solltet, da ihr jetzt eure Megäre von Frau nicht mehr auf dem Halse habt.

Maruf konnte nicht Worte genug finden, um seinem Freunde seine Dankbarkeit zu erkennen zu geben. Den Tag darauf bekam er von Chowadscha eine reich aufgezäumte Mauleselinn und einen Beutel mit 1000 Dukaten. Die Scene auf dem Markte wurde ganz so gespielt, wie sie es mit einander verabredet hatten. Es ist also ein guter Kaufmann? sprachen die Chowadscha's. Wie? rief der Chowadscha Ali, ob er ein guter Kaufmann ist? – Er ist einer der ersten Kaufleute in der Welt. Er hat Kaufleute, mit denen er in Kompagnie handelt, in Egypten, in Jemen, in Indien, und bis nach China hin. Er hat mehr Magazine, als das Feuer verzehren kann, in Vergleichung mit ihm bin ich nur ein kleiner Ladenbursche. Ihr werdet sehen, was es für ein Mann ist, wenn ihr ihn genauer kennen lernt.

Nach diesen Versicherungen, die mit dem Ton der zuverlässigsten Wahrheit vorgebracht wurden, faßten die Kaufleute eine hohe Idee von Maruf. Sie luden ihn nach der Reihe zum Mittagessen ein, und der Vorsteher der Kaufleute machte sich eine Ehre daraus, ihn über die hier kurrenten Preise und die verschiedne Güte der Fabrikprodukte des Landes zu belehren. – Ihr habt also wohl ohne Zweifel rothes Tuch? fragte einer von den Kaufleuten den angehenden Kaufmann. – In Menge! antwortete Maruf. – Gelbes Tuch? – In Menge! – Und auf alles, wonach man ihn fragte, antwortete er immer: In Menge! – Wir unsererseits, sprachen hierauf die Kaufleute zu ihm, können euch mehr als tausend Lasten seidner Stoffe liefern.

Sie waren eben in diesem Gespräch begriffen, als sich ein Bettler dem Zelte näherte, unter welchem sie speisten, und rund um die Tafel herumgieng, um ein Almosen zu erbitten. Der eine gab ihm einen Groschen, der andre einen halben Groschen, und der größte Theil der Anwesenden gab ihm nichts. Als er an Maruf kam, zog dieser eine Hand voll Dukaten heraus, und gab sie ihm. – Der Mann muß ungeheuer reich seyn, sprachen die Kaufleute unter sich, daß er sein Gold so wegwerfen kann. Die Nachricht von der Freygebigkeit des fremden Kaufmanns verbreitete sich gar bald unter den übrigen Bettlern der Stadt, und Maruf gab einem jeden von ihnen eine Hand voll Dukaten, bis er mit seinen 1000 Dukaten fertig war. Hierauf schlug er die Hände zusammen und sagte: Hätte ich gewußt, daß es so viele Arme in der Stadt gäbe, so würde ich einen ganzen Sack voll Zechinen mitgebracht haben. Jezt habe ich nichts mehr bey mir, und doch kann ich keinen Armen von mir gehen lassen, ohne ihm etwas zu geben. – Warum nicht? sprach der Vorsteher der Kaufleute zu ihm. Laßt sie doch mit einem: Gott helf euch! gehn! – Das ist es gerade, was ich schlechterdings nicht über das Herz bringen kann, erwiederte Maruf, und es thut mir leid, daß ich keinen Beutel weiter bey mir habe. – Hier ist einer mit 1000 Dukaten, sprach der Vorsteher der Kaufleute. – Maruf nahm ihn und vertheilte ihn wie den ersten an der Thür der Moschee, wohin sich die Gesellschaft begeben hatte, um ihr Gebet zu verrichten. Die Kaufleute verwunderten sich über seine Freygebigkeit, während Maruf immer mit Austheilen fortfuhr, so daß er, als sich der Tag neigte, auf diese Weise 5000 Dukaten geborgt, und vertheilt hatte. Beständig sprach er von Stoffen und Kaufmannswaaren, und auf alle Fragen, die man an ihn that, antwortete er, er habe die verlangte Sache in Überfluß, und man werde über den Reichthum seiner Karavane erstaunen.

Auf diese Weise hatte er sich also Kredit gemacht, und er zog in den darauf folgenden Tagen allen möglichen Vortheil davon, indem er über 60 000 Dukaten geliehen bekam. Indessen wollte die Karavane, deren Ankunft er so oft verkündigt hatte, noch immer nicht ankommen, und die Kaufleute, die jezt wegen ihrer geliehenen Kapitale besorgt wurden, begaben sich zum Chowadscha Ali, der den fremden Kaufmann so sehr herausgestrichen hatte. Ali's Meynung war es keineswegs gewesen, Gaunerstreiche zu begünstigen; er hatte seinem Freunde blos einen hinlänglichen Kredit verschaffen wollen. Er war also wie aus den Wolken gefallen, als er hörte, auf welche tolle Weise Maruf so viel Geld verschleudert und geborgt habe. Indessen ermahnte er die Kaufleute zur Gedult, und versprach ihnen, daß die Karavane bald ankommen würde. Aber hierauf nahm er seinen Freund unter vier Augen vor, und überhäufte ihn mit Vorwürfen über die schändliche Art, wie er seine Freundschaft und den Kredit, den er ihm verschafft, gemißbraucht habe. Maruf antwortete scherzend, die große Karavane würde bald ankommen, und Ali verließ ihn, um zu den Kaufleuten hinzugehn, und ihnen zu sagen, daß es seine Schuld nicht sey, wenn sie dem fremden Kaufmann Geld geliehen hätten, ohne ihn vorher um Rath zu fragen, er habe sich für diesen Großhändler auf keine Weise verbürgt, und übrigens stände ihnen ja immer der Ausweg offen, ihn vor Gericht zu belangen.

Die Kaufleute ließen sich das nicht zweymal sagen, und begaben sich in den Divan, um Maruf als einen Gauner anzuklagen, indem sie sein ganzes Benehmen erzählten. Der König dieser Stadt war der habsüchtigste König, der nur gefunden werden konnte. Als er hörte, wie freygebig sich Maruf bezeigt habe, blieb er bey seiner Überzeugung, daß es ein ungeheuer reicher Mann seyn, und die Karavane unfehlbar ankommen müsse. Er rief also seinen Wesir, und sprach zu ihm: Wesir, es wird bald eine ungeheuer reiche Karavane eintreffen, die dem fremden Kaufmann gehört. Warum sollen sich die Kaufleute in diese Karavane theilen. Diese Spitzbuben sind ohnehin mehr als zu reich. Es wird weit besser seyn, wenn ich und meine Frau und meine Tochter unsern Profit davon ziehen. – Sire, antwortete der Wesir, man macht kein sonderliches Glück mit solchen Abentheurern. – Aber ich behaupte, erwiederte der König, daß er kein solcher Abentheurer ist, als wofür ihr ihn ausgebt, und ich will mich sogleich selbst davon überzeugen. Ich besitze einen Solitär von ungeheurem Werthe, den will ich ihm zeigen; versteht er sich darauf, so ist er sicherlich ein reicher Mann, durch dessen Hände schon viele solche Diamanten gegangen sind; versteht er sich nicht darauf, so will ich ihn selbst für einen Abentheurer halten.

Der König ließ also Maruf zu sich kommen, und richtete an ihn verschiedne Fragen, die seine Schulden und Versprechungen betrafen. Auf alle diese Fragen antwortete Maruf immer mit dem nämlichen Refrain, das heißt, mit der großen Karavane. Der König zeigte ihm hierauf eine Perle von ungeheurer Größe, die er für 1000 Dukaten gekauft hatte. Maruf hatte sie kaum in die Hände bekommen, als er sie lachend in Stücke zerbrach. – Was machst du da? sprach der König; eine Perle so zu vernichten, die 1000 Dukaten werth ist. – 1000 Dukaten! rief Maruf mit lautem Gelächter; sie ist nicht einen Heller werth; es ist ein Stück Glas, das künstlich zusammengesezt ist. Verstehe ich mich etwa nicht auf gute Perlen? Habe ich nicht ganze Säcke voll Perlen von dieser Größe in meiner Karavane.

Die Habsucht des Königs wurde durch diese Reden nur immer noch mehr entzündet. Das wäre so eine Parthie für meine Tochter! sprach er. – Ich fürchte, sagte der Wesir, er ist ein Betrüger, und prellt euch, Sire, mit sammt eurer Tochter. – Du bist ein Verräther, antwortete der König, daß du nicht auf meinen Nutzen bedacht bist, und mir diese Heurath aus dem Sinn reden willst, blos weil ich dir selbst einmal die Hand meiner Tochter versagt habe. Höre einmal auf, diesen Mann mit deinen beleidigenden Reden zu verlästern. Hast du nicht gesehn, wie er sich auf Perlen versteht? Stell dir nur vor, was meine Tochter für ein Halsband bekommen wird, ein Halsband, das ganz aus einzigen Perlen von dieser Größe bestehn soll. Aber du bist ein Verräther, der nicht auf meinen wahren Nutzen bedacht ist.

Auf diese Weise wurde der arme Wesir zum Stillschweigen gebracht, und gezwungen, selbst zu Maruf hinzugehn, und ihm Heurathsvorschläge zu thun. Warum nicht? sprach dieser; aber wir müssen warten, bis die große Karavane kommt. Denn das Heurathsgut einer Prinzessinn macht viele Weitläuftigkeiten, und in diesem Augenblick bin ich außer Stand, ihr eine Ausstattung zu geben, denn diese muß wenigstens auf 200 000 Beutel kosten. 1000 Beutel werden in der Hochzeitsnacht unter die Armen vertheilt, 1000 Beutel bekommen diejenigen, welche die Geschenke überbringen, 1000 Beutel kostet das Gastmahl, und 100 Perlen von der ersten Größe müssen den Frauen des Harems zum Geschenke gemacht werden. Aber alles das wird sich nach der Ankunft der großen Karavane schon machen lassen.

Der Wesir kehrte zum König zurück, um ihm auf's Neue Gegenvorstellungen wegen dieses Abentheurers zu thun, allein der König gerieth in einen fürchterlichen Zorn, und drohte dem Wesir, daß er ihm den Kopf abschlagen lassen würde, wenn er fortführe, dergleichen Reden zu führen. Hierauf ließ er Maruf rufen, und drang in ihn, daß er doch je eher je lieber Hochzeit machen möchte; einstweilen könne er ja aus dem königlichen Schatz nehmen, was er brauche. – Dann ließ er den Großmufti holen, der Heurathskontrakt wurde aufgesezt, die Stadt erleuchtet, und überall, wo man hinsah, sah man nichts als Feste und Ergötzlichkeiten. Maruf selbst saß auf einem Throne, und die Ringer, Taschenspieler und Musikanten traten vor ihn, um ihre Künste zu machen, und ihre Geschicklichkeit zu zeigen. Er ließ sich vom Schatzmeister Gold bringen, und warf es mit vollen Händen aus. Der Schatzmeister konnte gar nicht zur Ruhe kommen, so viele Beutel mußte er immerfort herbeyschleppen, und der Wesir wollte vor Ärger bersten.

Diese Ergötzlichkeiten und Freudensbezeugungen dauerten vierzig Nächte hinter einander fort, und erst die ein und vierzigste Nacht war die Hochzeitsnacht. Das Gefolge der Braut gewährte das Schauspiel einer unerhörten Pracht, und Jedermann beeiferte sich, ihr die reichsten Geschenke zu machen. Man begleitete die Braut mit einem großen Gefolge nach dem Gemache des Bräutigams, und als Jedermann sich entfernt hatte, klopfte Maruf in die Hände. »Es ist keine Macht und Gewalt, außer bey dem großen Gott!« sprach er dann. – Wozu soll das? fragte die Prinzessinn. – Weil ich, antwortete Maruf, mich jezt schämen muß, daß ich eine so schlechte Figur spiele. Euer Vater aber ist an Allem schuld, weil er mich nöthigt, euch vor der Ankunft der großen Karavane zu heurathen.

Ich würde euch wenigstens ein Halsband von meinen schönsten Perlen zur Morgengabe geschenkt, und andre Perlen unter eure Sclavinnen vertheilt haben; ihr hättet euch in meine Perlen vernarrt, denn ich habe welche von einem Wasser! – es geht nichts drüber! – Aber ihr sollt nichts dabey verlieren, wir müssen nur die Ankunft der großen Karavane erwarten.

Hierauf fieng er an, seine Braut zu liebkosen, und ihr, meine Leser, ihr werdet auch nichts dabey verlieren, wenn ich seine Liebkosungen nicht umständlich beschreibe.

Am folgenden Morgen gieng er in's Bad, und von da in den Divan, um die Komplimente des Hofs und der Stadt anzunehmen. Der König ließ den Großmeister der Garderobe holen, und die reichsten Ehrenkleider unter die Wesire, Emire und Großen des Hofs vertheilen. – So verflossen zwanzig Tage, ohne daß von der großen Karavane die Rede war. Endlich konnte der Schatzmeister nichts mehr herbeyschaffen, der Schatz war leer, und der Schatzmeister wartete nur auf eine günstige Gelegenheit, wo der König mit dem Wesir allein wäre, um ihm den Zustand seiner Finanzen aus einander zu setzen. – Diese große Karavane bleibt verzweifelt lange aus, sprach der König, und der Wesir lachte, und kam wieder auf seine alten Behauptungen zurück, daß es blos ein Abentheurer und Betrüger sey. – Aber wie sollen wir es anfangen, Wesir, sprach der König, um der Wahrheit auf den Grund zu kommen. – Blos seine Frau, sprach der Wesir, kann uns hierüber einigen Aufschluß geben. Seht zu, Sire, ob es eurer Tochter nicht gelingt, ihm hinter den Gardinen des Ehebetts das Geheimniß zu entreißen. Belehrt sie, wie sie es anfangen muß, um ihm den Wurm aus der Nase zu ziehn. – Das ist ein gescheider Einfall, versezte der König, und ist es ein Betrüger, bey meiner Ehre, er soll mir's theuer bezahlen.

Der König ließ hierauf sogleich seine Tochter kommen, und sprach mit ihr, aber so, daß sich zwischen beyden ein Vorhang befand, weil der Wesir noch beym König war. Der Wesir führte das Wort, und theilte der Prinzessinn den Verdacht mit, auf den man durch das Betragen ihres Gemahls gebracht worden sey. – Ihr habt Recht, sprach die Prinzessinn, er ist ein Großprahler, spricht beständig von Perlen, Rubinen und Diamanten, und ich sehe doch seine große Karavane nirgends zum Vorschein kommen. – Nun gut, meine Tochter, sprach der König, bemüht euch, die Dunkelheit zu zerstreuen, und entreißt ihm sein Geheimniß, wenn er diese Nacht in euren Armen liegt. – Euer Befehl soll vollzogen werden, mein Vater, erwiederte die Prinzessinn, und ich verspreche, daß ich euch zu Gefallen eine rechte Schelminn seyn will. Sie hielt Wort, und nie hatte sie mehr geschmeichelt und geliebkoset als diesen Abend, da ihr Mann nach Hause kam. – Ach! verlaßt euch nur auf die Liebkosungen der Weiber, wenn sie gerade ein Interesse haben, euch etwas abzulocken. – Ihre Worte waren süßer als Honig, und ihrem Mann schwindelte bey allem diesem schon der Kopf. Vergnügen meiner Augen, kleines Herzblatt, Frucht meiner Eingeweide, sprach sie, das Feuer deiner Liebe hat mein armes kleines Herz ganz verzehrt. Ich lebe blos für dich, ich bin bereit, dein Loos mit dir zu theilen, was es für eins auch seyn mag. Aber du mußt auch gegen mich nicht hinter dem Berge halten, und du mußt mir sagen, was es mit der großen Karavane, die nicht ankommt, eigentlich für eine Bewandniß hat. Gestehe mir die Wahrheit; ist das nicht dasjenige, was dich zuweilen so nachdenkend macht? Wenn du dich mir anvertraust, so werde ich vielleicht Mittel finden können, dich aus der Verlegenheit zu ziehn. – Nun gut, sprach Maruf, soll ich dir die Wahrheit sagen, meine Prinzessinn? – Sage sie mir nur immerhin. – Nun gut, so wisse denn, ich bin weder Kaufmann, noch Besitzer einer Karavane. – Und hierauf erzählte er ihr seine ganze Geschichte. – In der That, sagte sie laut lachend, ihr seyd doch ein Erzschelm; die Geschichte macht mir vielen Spaß. Also hatte der Wesir doch recht, daß er meinem Vater immer einen Floh in's Ohr sezte, und jezt fängt auch mein Vater an, etwas zu merken. Aber ich kenne mein eigenes kleines Interesse zu gut, um euch ihrem Zorn auszuliefern. Was würde man dazu sagen, wenn man es aus eurem eignen Munde wüßte, daß ich von euch angeführt worden bin. Das macht einer Prinzessinn einen schlechten Ruf, wenn sie sich vom ersten besten Abentheurer so breitschlagen läßt. Man würde euch hinrichten lassen, wenn die Sache herauskäme, und mich würde man zwingen, zu einer zweyten Heurath zu schreiten, und das würde noch schlimmer seyn. Fort also von hier, nehmet 50 000 Dukaten, die ich noch im Vermögen habe, besteigt ein Pferd, und begebt euch in irgend ein entferntes Land, von wo aus ihr mit mir eine gute Korrespondenz unterhaltet. Ich werde dafür sorgen, euch alles zu schicken, was ihr braucht, und wenn mein Vater stirbt, werde ich nicht verfehlen, auf der Stelle einen Kurier abzufertigen, und euch zu mir zu rufen. Dieß ist meiner Meynung nach der beste Entschluß, den ihr bey dieser Sache fassen könnt. – Ich begebe mich unter euren Schutz, Madame, erwiederte Maruf. – Die Prinzessinn gab ihm hierauf Mamlukenkleider, und das beste Pferd aus dem Stall ihres Vaters, und Maruf verließ auf diese Weise die Stadt und den Palast, ohne erkannt zu werden.

Den Tag darauf ließ der König seine Tochter kommen, um sich hinter dem Vorhange mit ihr zu unterhalten. – Was weißt du nun, meine Tochter, fragte der König. – Gott verdamme euren Wesir, und mache sein Gesicht schwarz wie Kohle! – Und warum das? – Weil er meinen Gemahl bey euch hat anschwärzen wollen. Gestern Abend, ehe ich ihn noch gesprochen hatte, sah ich einen Eunuchen mit einem Briefe in der Hand in mein Zimmer treten, der mir die Nachricht brachte, daß zehn Mamluken an der Thür warteten, und sie ihm diesen Brief gegeben hätten. Zugleich brachte er meinem Gemahl eine Nachricht, die ihm jene zehn Mamluken zu überbringen aufgetragen hatten. Mein Gemahl öffnete den Brief. Er kam von den 5 00 Mamluken, welche die große Karavane begleiten. Sie benachrichtigten ihn in diesem Briefe, daß sie einer Horde Araber begegnet wären, die ihnen den Weg abgeschnitten hätten, und dieß habe zuerst ihr langes Ausbleiben verursacht. Endlich hätten sich die Mamluken einen Weg mitten durch die Araber bahnen wollen, und sich mit ihnen deßhalb in ein Gefecht eingelassen, allein sie hätten dabey fünfzig Mamluken und 200 Lasten Waaren verloren. – Und was ist denn das nun weiter, 200 Lasten, sagte mein Gemahl, als er dieses las, das macht ja kaum 900 000 Dukaten. Das verlohnt ja gar nicht der Mühe, daß man nur davon spricht. Man muß nur geschwind machen, daß das Übrige ankömmt. – Hierauf gieng mein Mann mit lachendem Gesicht hinunter, und da ich das Fenster aufmachte, so sah ich die zehn Mamluken, welche den Brief überbracht hatten. Sie waren schön wie der Mond, und jeder von ihnen hatte ein Kleid an, das wenigstens 2000 Dukaten werth war. – Da hätte ich also einen Streich gemacht, wenn ich so gesprochen hätte, wie ihr es mir geheißen habt. Ich hätte eine recht alberne Figur gemacht. Aber ich weiß es recht gut, die ganze Sache rührt vom Wesir her, der auf diese Weise meinen Gemahl bey euch stürzen will. – Der König gerieth also noch einmal in eine schreckliche Wuth gegen seinen Wesir, und dieser wurde jezt ganz zum Stillschweigen gebracht.

Indessen zog Maruf über Berg und Thal, gefoltert von Gram über die Trennung von der Prinzessinn, seiner Gemahlinn, und machte von Zeit zu Zeit dem Strom seiner Liebesempfindungen durch eine Tirade schlechter Verse Luft. Bis gegen Mittag war er scharfen Trott geritten. Da kam er in ein kleines Dorf. Er sah auf dem Felde einen Landmann mit einem Gespann Ochsen, und von Hunger gepeinigt, näherte er sich ihm, um ihn zu grüßen. – Ihr seyd einer von den Mamluken des Königs, sprach der Bauer, seyd willkommen. – Könntest du mir nicht etwas zu essen verschaffen? fragte Maruf. – Das Dorf ist klein, antwortete der Fellah (Landmann), aber ich will euch bringen, was dort zu haben ist. – Bleibe nur bey deiner Arbeit, versezte Maruf, aber der Bauer ließ seinen Pflug stehen, und eilte mit dienstfertigem Eifer in's Dorf, um etwas zu essen zu holen. – Da kommt dieser arme Mann, sprach Maruf bey sich selbst, um einen Theil seiner Zeit zum Arbeiten, blos weil er mir einen Gefallen thun will. Ich will es versuchen, indessen für ihn zu pflügen, und einen Theil seiner Arbeit thun. Als er kaum einige Schritte weit gepflügt hatte, stieß sich die Pfiugschaar an etwas, und da er sehen wollte, was es wäre, so fand er einen goldnen Ring, der an eine Tafel von zerbrochenem Marmor befestigt war. Er räumte die Erde weg, hob die Marmorplatte auf, und entdeckte eine Treppe, die in ein unterirdisches Gewölbe führte, das die Größe eines Bades hatte, und von oben bis unten ganz mit Gold, Silber, Smaragden, Rubinen, Perlen, und einer Menge andrer Edelsteine angefüllt war, die an Kostbarkeit ihres Gleichen suchten. Er gieng durch mehrere Zimmer, die alle auf die nämliche Weise aufgefüllt waren, und kam endlich in ein Gemach, wo auf einem krystallenen Koffer eine kleine goldne Schachtel stand. Begierig, zu wissen, was darin sey, öffnete er sie, und fand darin einen goldnen Ring, auf welchem mystische Namen und Talismane eingegraben waren, und zwar so klein wie Fliegenfüße. Als er den Ring etwas drückte, ließ sich eine Stimme hören: Was beliebt? Was beliebt, Herr? Und sogleich erschien eine Gestalt von sonderbarem Äußern. Was ist zu euren Befehlen? fragte sie; fodert, befehlet nur! Welches Land soll ich verheeren? Welche Armee wollt ihr schlagen, oder welchen König wollt ihr tödten? Welchen Berg wollt ihr versetzen, oder welches Meer wollt ihr austrocknen? Fodert, befehlt! Ich bin zu euren Diensten, mit der Erlaubniß Gottes, des Beherrschers der Geister, des Schöpfers des Tages und der Nacht. Was bist Du für ein Geschöpf? fragte Maruf – Ich bin, antwortete die Gestalt, ein Genius und Sclave dieses Rings und der mächtigen Namen, die darauf eingegraben sind. Ich bin im Dienste des Besitzers dieses Ringes, und ich vollziehe seine Befehle. Nichts ist mir unmöglich. Denn ich bin ein König der Genien; zwey und siebenzig Stämme stehen unter meinen Befehlen, und jeder dieser Stämme besteht aus 12 000 Geistern meiner Gattung, welche Aun, d. i. die Faunen, heißt. Jeder dieser Auns beherrscht 1000 Isrits, d. i. Satyren, jeder Isrit befehligt 1000 Satane, und jeder Satan hat 1000 Schuch Schu zu seinen Diensten. Und alle diese stehen unter meinem Oberbefehl, und gehorchen mir. Ich selbst bin in den Kreis dieses Ringes gebannt, und wie groß auch die Macht ist, die ich besitze, so kann ich doch der Macht desjenigen nicht widerstehen, der der Besitzer des Ringes ist. Auf diese Weise bin ich also euer gehorsamer Sclave. Fodert! Befehlt! Ich höre euren Befehl und gehorche; ich bin euch unterworfen, und euren Befehlen soll sogleich Folge geleistet werden. Wenn ihr also zu Wasser oder zu Lande meiner bedürft, so drückt den Ring, und ruft mich, kraft der Namen, die auf diesem Ring eingegraben sind, und ihr sollt sehen, was ich auszuführen im Stande bin – Aber wie heißt du denn? Fragte Maruf, ich muß doch dienen Namen wissen, wenn ich dich rufen soll – Mein Name, erwiederte der Genius, ist Abuscadet, d. i. Vater des Glücks. – Nun gut, Vater des Glücks, sprach Maruf, was ist das für ein Ort, an dem wir uns jetzt befinden, und wer hat dich in den Kreis dieses Ringes gebannt? – Dieser Ort, Herr, antwortete der Genius, ist die Schatzkammer Schedads, des Sohn Aads, der die berühmte Stadt Erem Satolamed gebaut hat. Ich war bey seinen Lebzeiten sein vertrauter Sclave, und ihr seht hier seinen Ring. Ihr wart bestimmt, seinen Schatz wieder aufzufinden. – Könntet ihr wohl die hier verborgenen Schätze auf die Oberfläche der Erde tragen? fragte Maruf. – Nun so thut es. – Sogleich spaltete sich die Erde, und es erschien eine große Anzahl wohlgebildeter junger Burschen, die große mit Gold angefüllte Tragkörbe trugen. Sie kamen und giengen unaufhörlich hin und wieder zurück, füllten und leerten ihre Tragkörbe, bis sie zulezt sagten, es sey nichts mehr unter der Erde. – Wer sind diese beyden artigen Jungen? Fragte Maruf den Vater des Glücks. – Es sind meine zwey Söhne, antwortete der Genius, denn nur sie konnte ich zu dieser Arbeit anstellen, zu der nicht alle Dschinnen gleich geschickt sind. Wir haben jetzt euren Befehl vollzogen, was verlangt ihr weiter? – Könntet ihr mir wohl Kasten und Mauleselinnen verschaffen, und diese Schätze einpacken? – Nichts leichter als das. – Der Vater des Glücks stieß hierauf einen lauten Schrei aus, um alle seine Kinder herbeyzurufen, die sogleich 600 an der Zahl erschienen. Als sie den Befehl vernommen hatten, verwandelte sich die Hälfte von ihnen in Mauleselinnen, und die andre Hälfte in Maulthiertreiber und Mamluken, die auf prächtigen Pferden ritten, welche aus eben so viel untergeordneten Geistern bestanden, und den Genien einer höheren Rangordnung zu Reitpferden dienten. Man brachte die Kasten, sie wurden mit Gold und Edelsteinen angefüllt, und auf die 300 Mauleselinnen geladen. – Könntet ihr mir wohl Stoffe schaffen? fragte Maruf. – Im Überfluß, antwortete der Genius. Wollt ihr Stoffe von Syrien oder Egypten, oder Indische, oder Persische, oder Chinesische, oder Griechische? – Bringt mir 100 Lasten Stoffe von jeder Gattung! –Herr, versezte der Genius, laßt mir einen Augenblick Zeit, damit ich meine mir unterworfene Geister in jene ferne Gegenden schicken kann. Der Tag neigt sich jezt, und ehe sich der Himmel wieder röthet, sollt ihr bedient seyn.

Maruf befahl hierauf, daß man ihm ein Zelt aufschlagen und die Tafel decken sollte, und sein Befehl ward auf der Stelle vollzogen. Ich will, sprach jezt der Vater des Glücks, einige von meinen Söhnen als Wache für euch hier lassen, und indessen für die Vollstreckung eurer übrigen Befehle sorgen. – In diesem Augenblick kam der Fellah mit einem Linsengericht, schwarzem Brod und Gerste aus dem Dorfe wieder zurück. Als er das Zelt und die Mamluken erblickte, die vor dem Zelte standen, glaubte er, der Sultan selbst sey hier abgestiegen. Mein Gott, sagte er bey sich selbst, warum habe ich nicht meine beyden Hühner geschlachtet? Warum habe ich sie nicht in Butter braten lassen, um den Sultan damit zu bewirthen? – Maruf wurde ihn gewahr, und ließ ihn durch die Mamluken hereinführen. Was bringst du mir? fragte er ihn. – Euer Abendessen und das Abendessen für euer Pferd, antwortete der Bauer. Aber verzeiht mir, fuhr er fort, hätte ich mir einbilden können, daß der Sultan geruhen würde, sich hier auf einen Augenblick nieder zu lassen, so würde ich nicht ermangelt haben, meine beyden Hühner in Butter braten zu lassen. – Ich bin der Sultan nicht, versetzte Maruf, aber einer seiner Anverwandten, und ich entfernte mich vom Hof, weil ich mich mit ihm entzweyt hatte, und er hat mir Mamluken nachgeschickt, um sich wieder mit mir auszusöhnen. Ihr habt mich bewirthen wollen, ohne mich zu kennen, und ich bin euch dafür nicht weniger verbunden, und wiewohl es nur Linsen sind, so will ich doch ganz besonders von diesem Gericht essen.

Hierauf befahl er, daß man die Tafel decken sollte, und der Fellah erstaunte über die vermannigfaltigsten Farben und Wohlgerüche der Schüsseln, mit denen sie bedeckt war. Was übrig blieb, wurde den Mamlucken überlassen. – Maruf nahm dann eine Schüssel, füllte sie mit Gold an, und machte dem Bauer ein Geschenk damit, der jetzt mit seinem Pfluge und seinen Ochsen, in der völligen Überzeugung nach Hause gieng, daß der Fremde ein Verwandter des Königs sey.

Maruf brachte die Nacht mit Trinken hin, und sah den Tänzen der Mädchen der Schatzkammer zu, die die Genien ihm zu seinem Vergnügen hergebracht hatten. Gegen Morgen sah er von allen Seiten sich große Staubwolken erheben. Es waren 700 Maulthiere, die mit Stoffen beladen, und von den Maulthiertreibern und den nöthigen Sclaven begleitet waren. Der Vater des Glücks befand sich gleichsam als Führer der Karavane an ihrer Spize, und vor ihm her wurde eine goldne Sänfte getragen, die reich mit Edelsteinen geziert war. Der Genius stieg ab, küßte die Erde vor Maruf, und sprach zu ihm: Siehe, Herr, deine Befehle sind vollzogen! In dieser Sänfte befindet sich ein Bogdscha, das aus den kostbarsten Stoffen auserlesen ist. Ihr könnt sie besteigen, wenn es euch beliebt, und uns eure weitere Befehle ertheilen. – Ich verlange, sprach Maruf, daß du als Kurier, in menschlicher Gestalt, einen Brief an den König von Sohatan überbringst. – Der Genius nahm den Brief, und kam zum König gerade in dem Augenblicke, als er zu dem Wesir sagte: Wesir, ich befinde mich wegen meines Schwiegersohns in großer Verlegenheit. Ich fürchte, er fällt in die Hände der Beduinenaraber, die seine Karavane angegriffen haben. Wenn ich doch nur wenigstens wüßte, wo er hingegangen ist. Gott möge euch erleuchten, sprach der Wesir, beym Leben eures Hauptes, dieser Mensch hat sich geflüchtet, aus Furcht entdeckt zu werden, denn hat es jemals einen Abentheurer und Betrüger gegeben, so ist er es. – In diesem Augenblick trat der in einen Kurier verwandelte Genius herein, und küßte die Erde. – Woher kommst du? fragte der König. – Von Seiten eures Schwiegersohns, Sire, er nähert sich schon mit der großen Karavane, und hat mich mit diesem Briefe voraus geschickt, der seine nahe Ankunft verkünden wird. – Gott verdamme deinen Bart, Wesir, sprach der König; endlich, Verräther, mußt du also doch von der Größe meines Schwiegersohns überzeugt seyn. – Der Wesir warf sich auf die Erde nieder, ohne ein Wort zu sagen.

Der König ließ hierauf die Stadt illuminiren, und gieng in den Harem, um der Prinzessin, seiner Tochter, die angenehme Nachricht zu bringen, die er so eben erhalten hatte. Sie war darüber vor Erstaunen ganz außer sich, und wußte nicht, ob ihr Gemahl mit dem König seinen Scherz triebe, oder ob er mit ihr einen Scherz getrieben habe. Niemand aber verwunderte sich mehr über diese Gerüchte als der Kaufmann Ali von Cairo, der seinen Freund zuerst mit den übrigen Kaufleuten der Stadt bekannt gemacht, und ihm jenen großen Kredit verschafft hatte. Er hielt es für einen Streich, den die Prinzessinn dem König spiele, um ihren Gemahl zu retten, und that insgeheim Gelübde, damit diese Sache sich für seinen Freund glücklich endigen möge, während alle andern Kaufleute sich über die nahe Rückkehr ihres Geldes freuten.

Indessen hatte Maruf, angethan mit den prächtigen Kleidern, die in das obenerwähnte Bogdscha, Bogdscha ein Bündel, hat seinen Namen vom indischen Pudscha, ein Blumenopfer, weil in die Shawltücher, welche zu diesen Bündeln dienen, Blumenkörbe gewirkt sind. Anmerk. des franz. Übersetzers. oder Schnupftuch eingeschlagen gewesen waren seine Sänfte bestiegen. Es war ein Zug, der hundert tausendmal prächtiger war, als das Gefolge des Königs, der ihm entgegen kam. Beym Anblick dieser Pracht, verdoppelten der König und alle Großen des Hofs die Schritte ihrer Pferde, um ihn zu begrüßen. Mit einem ungeheuren Gefolge zog er in die Stadt ein, und alle Kaufleute kamen und warfen sich vor ihm zur Erde nieder. Ali indessen trat näher zu ihm, als die übrigen, und flüsterte ihm in's Ohr: Sey willkommen, Erzgauner, und Oberster unter allen pfiffigen Betrügern! – Maruf lachte. – Als er in den Palast kam, sezte er sich auf den Thron und befahl, daß man die Lasten Gold in die Schatzkammer seines Schwiegervaters, die Stoffe und Perlen aber ihm hieher bringen solle. Er ließ die Kasten in seiner Gegenwart eröffnen, und vertheilte die darinn befindlichen Stoffe und Perlen unter die Hofleute und Weiber des Harems. Hierauf vertheilte er auch Geschenke unter die Mitglieder des Divans, die Kaufleute der Stadt, die Soldaten und endlich unter Hülfsbedürftige aller Art. Der König konnte es nicht hindern, daß er auf diese Weise die 700 Lasten Stoffe und noch obendrein die Lasten Smaragden, Rubinen und Perlen vertheilte. Diese Edelsteine gab er zu ganzen Händen voll weg, und ohne sie zu zählen. Es ist genug! Es ist genug, mein Kind! rief der König; ihr behaltet ja selbst nichts übrig. – Ach, sagte Maruf, was das betrifft, ich habe sie im Überfluß! Und niemand konnte ihn Lügen strafen, denn bis jezt hatte er in allem, was er gesagt hatte, Wort gehalten.

Während alles dieses vorgieng, kam der Schatzmeister, um dem König zu melden, daß die Schatzkammer jezt ganz mit Gold und Silber angefüllt sey, und daß er ihm also einen andern Platz anweisen müsse. Dieß geschah, und der König erstaunte in ein's fort, über den Reichthum und die Freygebigkeit Marufs, und wußte nicht, ob jener diese, oder diese jenen übertreffe. Niemand indessen war mehr darüber verwundert, als seine Gemahlinn. Maruf gieng zu ihr, um ihr die Hände zu küssen, und sie empfieng ihn mit offnem, lachenden Gesicht. Ihr habt euren Scherz mit mir getrieben, sprach sie, oder ihr habt meine Treue auf die Probe stellen wollen, als ihr mir das Mährchen von eurer Armuth erzähltet. Ich danke dem Himmel, daß ich mich dabey auf eine Weise betragen habe, die meinen Empfindungen gleich war; denn, reich oder arm, ich würde euch darum nicht weniger geliebt haben, denn ich liebe euch um eurer selbst willen, und nicht eurer Reichthümer wegen.

Maruf entfernte sich hierauf, und gieng in ein Kabinet, wo er den Geist des Ringes citirte. Er verlangte von ihm ein prächtiges Kleid für seine Gemahlin, mit einem Halsband von 40 Solitärperlen, so groß wie ein Ey. Die Prinzessin wollte vor Freude närrisch werden, als sie dieses Kleid und dieses Halsband sah. Die Armbänder, die Fußringe, kurz alles war mit Solitären und Perlen von ungeheurer Größe geziert. Das ist ein Anzug, sprach sie, den ich für die großen Feste aufheben will. – Nein! Nein! sprach Maruf, ihr könnt das alle Tage anziehn, denn ich habe noch andre Kleider dieser Art im Überfluß. – Maruf begab sich hierauf noch einmal in sein Kabinet, um sich vom Sclaven des Ringes, 100 Kleider bringen zu lassen, und er vertheilte sie dann unter die ersten Kammerfrauen der Prinzessinn. Der König wußte nicht, was er davon denken sollte. Er fragte noch einmal seinen Wesir, ob ihm dieser vielleicht einen Aufschluß über die Sache geben möchte. Es ist klar, sprach der Wesir, daß er kein Kaufmann ist, denn wo wollte ein Kaufmann solche Schätze herbekommen, die die Schätze der Könige übertreffen? Seine Macht, seine Reichthümer können euch, Sire, wie es scheint, sehr gefährlich werden. Sollte ich meinen unterthänigsten Rath geben, so wäre es dieser, daß Eure Majestät sich bemühten, sie bey irgend einer guten Gelegenheit, seiner Person zu versichern. – Aber wie? fragte der König. – Ihr ladet ihn zu euch ein, fuhr der Wesir fort, und gebt ihm so viel zu trinken, daß er zulezt nichts mehr von seinen Sinnen weiß. Dann macht ihr mit ihm, was euch beliebt. – Ihr habt recht, Wesir, sprach der König, ich will darauf denken, euren Anschlag auszuführen.

Als der König sich den Tag darauf in den Divan begab, erschienen alle Stallknechte des Hofs daselbst, und brachten die Nachricht, daß die 700 Maulthiere, und die 300 Pferde der großen Karavane mit den Mamluken, die zugleich mit ihnen davongegangen, verschwunden wären. Der König, dem es nicht in den Sinn kam, daß diese Maulthiere und diese Mamluken etwas anders seyn könnten, als sie zu seyn schienen, gerieth in einen fürchterlichen Zorn. Wie? Hunde! rief er, 1000 Thiere und 500 Mamluken gehen durch, ohne daß ihr es nur merkt. Geht hin, und bringt eurem Herrn, der noch im Harem ist, diese Nachricht. – Maruf kam im Schlafrock und in der Nachtmütze heraus. Was giebt es? fragte er, daß man mich so früh aufweckt? Die Stallknechte erzählten ihm, was vorgefallen war. – Geht, und laßt euch was braten, antwortete Maruf, was thut das weiter, ob sie fort sind, oder nicht? Ich habe ja andere. – Versteht ihr das? sagte der König zu seinem Wesir; aber es ist nun einmal ein ganz außerordentlicher Mann! Tausend Thiere und 500 Mamluken hält er für nichts.

Sie sprachen hierauf noch einige Zeitlang heimlich miteinander darüber, und der König schlug dann seinem Schwiegersohn eine Lustparthie im Garten vor. Maruf nahm die Einladung ohne weiteres an, und man gieng also ziemlich frühe in den Pavillon, wo man plauderte und lachte, bis es Zeit zum Mittagsessen war. Der König sorgte dafür, daß man Maruf mehr einschenkte, als nöthig war, um ihn um seinen Verstand zu bringen. Sobald als Maruf völlig benebelt war, sprach der König zu ihm: Je mehr ich eure Schätze betrachte, mein Schwiegersohn, desto mehr verwirren sich meine Gedanken, wenn ich darüber nachdenke, woher ihr diese seltene Edelsteine nehmt. Noch nie habe ich einen Kaufmann gesehn, der euch gleich gekommen wäre. Ihr habt ein königliches Gefolge, und ihr könntet mir wohl das Geheimniß eurer Geburt und eures Standes anvertrauen, damit ich euch alle gebührende Ehre erzeigen könnte. Außerdem muß eure Geschichte noch sehr sonderbar seyn, und es müssen darin außerordentliche Abentheuer vorkommen. – Maruf, der außerordentlich viel Vergnügen am Erzählen fand, und noch obendrein betrunken war, ließ sich nicht lange bitten. Er erzählte dem König seine Geschichte von Anfang bis zu Ende. Ich beschwöre euch, sprach der König, zeigt mir doch den Ring, der so wunderbare Eigenschaften hat, und da Maruf ganz seinen Verstand verloren hatte, so gab er, ohne zu wissen, was er that, seinen Ring dem Wesir, der ihn drückte, und den Genius erscheinen ließ. Fodert! befehlt! Ich höre und gehorche. Ich bin euch unterworfen, und eure Befehle sollen vollzogen werden. – Ich verlange, sprach der Wesir, daß du diesen Elenden fortschaffest, und ihn in irgend eine Wüste hinschleuderst, wo er vor Hunger und Durst umkommen muß.

Der Genius ergriff sogleich seinen alten Herrn, und erhob sich mit ihm in die Lüfte. Als Maruf sich zwischen Himmel und Erde sähe, bekam er den Gebrauch seiner Sinne wieder. Wo soll die Reise mit mir hingehn, Vater des Glücks? sprach Maruf. – Ich suche jetzt, antwortete der Genius, irgend eine schreckliche Wüste auf, um dich daselbst abzusetzen, und dich für deine Thorheit zu bestrafen, daß du den Zauber aus den Händen ließest, der mich dir unterwarf. Wenn es von mir abhienge, so würde ich dich hoch aus der Luft auf die Erde herabfallen lassen, damit du durch den Fall in tausend Stücken zerschmettert würdest, aber dazu fürchte ich Gott, und die Kraft des Ringes zu sehr, als daß ich es wagen sollte, die Befehle meines Herrn weniger treu zu vollziehen. – Er setzte ihn also in einer wüsten Gegend ab.

Indessen stellten der König und der Wesir miteinander Betrachtungen über die Entdeckung an, die sie gemacht hatten. Hatte ich es euch denn nicht immer gesagt, Sire, daß es blos ein Abentheurer, ein Gauner, ein Betrüger, ist. – Du hast recht, mein Wesir, erwiederte der König, du bist ein getreuer und aufrichtiger Unterthan; gieb mir den Ring! Wie? Ich sollte euch den Ring geben? rief der Wesir. Haltet ihr mich für nicht gescheut? Ist etwa jetzt die Reihe nicht an euch, zu gehorchen, und bin ich nicht kraft dieses Ringes euer Herr? Ihr sollt es gleich sehen. – Hierauf rief er den Genius. Wirf mir, sprach er zu ihm, diesen Hund, an den nämlichen Ort, wo du den andern hingeworfen hast. – Der König, der lange Zeit vor Erstaunen über den Hochverrath seines Wesirs nicht sprechen konnte, fieng jetzt an, den Genius anzuflehn, und fragte ihn, was er denn begangen, und womit er diese Strafe verdient habe. – Darum bekümmere ich mich nicht, antwortete der Genius, ich vollziehe die Befehle meines Herrn. – Er setzte ihn also an dem nämlichen Orte ab, wo sich Maruf befand, der eben weinte, als der König ankam. Der König vereinigte sein Wehklagen mit dem seinigen, und so waren sie in der größten Verzweiflung, und hatten nichts zu essen und zu trinken.

Der Wesir seinerseits ließ, so wie er aus dem Garten kam, den Divan zusammenberufen. Hier setzte er auseinander, wie das Wohl des Staats und die Ruhe des Reichs die Entfernung des bisherigen Königs und seines Schwiegersohnes, des Abentheurers, erheischt hätten, und erklärte: daß er selbst durch die Gnade Gottes und die Kraft des Ringes Sultan geworden sey. Wenn ihr mir nicht gehorcht, so werde ich euch gerade wie diesen thörichten König fortschleppen lassen, und zu ihm schicken, damit ihr ihm Gesellschaft leistet. – Nein! Nein! antworteten sie alle, wir sind aufrichtige und getreue Unterthanen Eurer Majestät. Ihr habt eure Schuldigkeit gethan, und wir werden die unsrige thun; wir wollen keinen andern Sultan als euch.

Der neue König ließ sich hierauf huldigen, und belehnte die Großdignitarien des Reichs aufs neue mit ihren Würden, indem er ihnen Ehrenkleider anlegen ließ. Zu gleicher Zeit ließ er der Prinzessin sagen: sie möchte sich bereit halten, ihn diesen Abend in ihrem Bette zu empfangen, da er große Lust dazu hätte. Die Prinzessin gerieth über diese Botschaft in Verzweiflung, denn der Gram um ihren Vater und ihren Gemahl zerriß ihr noch das Herz. Sie ließ dem Usurpator sagen, daß er doch warten möchte, bis die Trauer vorüber sey, und daß sie sich dann in seine Wünsche fügen wolle. Allein er ließ ihr antworten, daß er von keiner Verzögerung etwas wissen, und seine Hochzeit schlechterdings diesen Abend feyern wolle. Der Groß-Mufti that ihm ebenfalls Vorstellungen über die Unschicklichkeit einer Heyrath, ehe die Trauerzeit vorbey sey. Allein der König wollte nichts davon hören, und die Geistlichkeit sah daraus, daß es ein irreligiöser König sey, weil er auf die Gegenvorstellungen des Groß-Mufti nicht hatte hören wollen.

Indessen nahm die Prinzessin ihre Zuflucht zur List, kleidete sich so gut an, als sie konnte, und empfing den Usurpator mit einem fröhlichen und lachenden Gesicht. Welche glückliche Nacht wird diese Nacht für mich seyn! sprach sie. Es ist nur Schade, daß ihr meinen Vater und meinen Gemahl nicht getödtet habt, das wäre weit besser gewesen, als eine bloße Deportation. – Ich will es thun! Ich will es thun! antwortete er; jetzt kommt nur in meine Arme. Die Prinzessin fieng hierauf an, ihn durch einige kleine Liebkosungen zu kirren, alles in der guten Absicht, um sich des Ringes zu bemächtigen. – Es mag jetzt genug seyn, mit dem Vorspiel, sprach der Sultan, erlaubt jetzt, daß ich euch umarme, wie sich's gehört. – Ach, erwiederte sie, ich schäme mich, da ist ein Mensch, der uns dabey zusehen könnte. – Wo ist er? sprach der Usurpator, indem er sich umsah. – Da ist er, erwiederte sie, da in eurem Ring. – Ach, versetzte der Sultan, das ist der Genius, das thut nichts. – Nein! Nein! rief die Prinzessin, ich schäme mich entsetzlich, selbst vor Geistern. Zieht diesen Ring vom Finger, und legt ihn weit von euch weg. Der Sultan nahm den Ring, legte ihn unter das Kopfkissen, und näherte sich dann der Prinzessin. Diese aber gab ihm einen so schrecklichen Fußstoß auf den Magen, daß er längelang auf die Erde fiel. Hierauf rief sie um Hülfe; ihre 43 Sclavinnen eilten herbey, – sie befahl ihnen, daß sie den Usurpator festnehmen sollten und bemächtigte sich zu gleicher Zeit des Rings, und drückte ihn. – Was beliebt, meine Gebieterinn? rief die Stimme des Genius, und der Genius erschien. – Setze diesen Verräther in's Gefängniß, und bringe mir meinen Vater und meinen Gemahl wieder. – Der Genius brachte den Wesir in sichre Verwahrung, und brachte dem König und Maruf die angenehme Nachricht von der glücklichen Wendung, die ihr Schicksal genommen habe. Die Prinzessinn empfing sie mit unaussprechlicher Freude. Sie speißten zusammen, was sie seit langer Zeit nicht gethan hatten, und legten sich dann zu Bette. Den Tag darauf verkündigte der König seiner Tochter, daß er mit seinem Schwiegersohn, als Wesir zur Rechten, den Thron besteigen würde, um zur Verurtheilung des verrätherischen Wesirs zu schreiten, der ihr die Schande habe anthun wollen, sie zu heurathen, ehe noch die Trauerzeit vorüber gewesen sey. Dieß beweist in der That, daß er ein Ungläubiger ist, wie der Groß-Mufti behauptet, und daß er ein ehr- und gottvergeßner Mensch ist. Ich will ihn hängen und verbrennen lassen. Indessen, meine Tochter, gieb den Ring mir und nicht deinem Manne. – Nein, antwortete die Prinzessinn, weder ihr sollt ihn haben, noch mein Mann, ihr habt ihn alle beyde verloren, ich will ihn selbst behalten, und besser verwahren, als ihr. – Das ist recht, sprach der König, jetzt muß ich in den Divan gehn, und sollte es auch nur seyn, um die Armee wieder zu beruhigen, die über das, was in dieser Nacht zwischen dir und dem Wesir vorgegangen seyn könnte, in großer Unruhe ist.

Der Divan wurde also zusammenberufen, und zuerst der Groß-Mufti aufgefordert, sich wegen des ungesetzmäßig aufgesetzten Heyrathskontrakts zu verantworten. Er antwortete, er habe sich gegen einen Mann, der im Besitze des Ringes gewesen sey, nicht anders betragen können. Während man noch im versammelten Divan darüber hin- und hersprach, traten der König und sein Schwiegersohn selbst herein. Die Versammlung war außer sich vor Freude, als sie sie wiedersah, und verlangte sogleich einstimmig, daß ihnen der König seine Geschichte erzählen sollte, was er mit der größten Herablassung auch that. – Der Usurpator wurde hierauf hereingeführt, von der ganzen Armee mit Schmähungen überhäuft, und dann gehangen und verbrannt. Maruf erhielt die Stelle des Wesirs, und verwaltete sie fünf Jahre lang zu allgemeiner Zufriedenheit. Nach fünf Jahren starb der König, und sein Sohn, der erst sechs Jahre alt war, folgte ihm in der Regierung. Dieser Prinz starb noch in dem nämlichen Jahre, und die Prinzessin übernahm jetzt die Zügel der Regierung. Aber sie gab deßhalb den Ring nicht weg, und hob ihn immer sorgfältig selbst auf. Bald darauf aber fiel sie in eine gefährliche Krankheit, und nachdem sie ihren Gemahl an ihr Bett gerufen, und ihm ihren Sohn empfohlen hatte, übergab sie ihm den Ring. Zwey Tage darauf starb sie.

Maruf regierte an ihrer Stelle ruhig fort. Eines Abends, als seine Leute sich entfernt hatten, und er eben wie gewöhnlich zu Bett gehen wollte, trat eine alte Magd, auf die er nicht sonderlich achtete, herein, um das Bett zu machen. Sobald als er eingeschlafen war, zog sie ein Schlafkleid an, sezte eine Nachtmütze auf, und legte sich neben ihn. Maruf wachte plötzlich auf, als er merkte, daß Jemand neben ihm lag. – Ich suche Schutz bey Gott, sprach er, gegen die Versuchungen des Satans! – O so gefährlich sind die nicht, antwortete eine gebrochene Stimme, fürchtet euch nicht, ich bin es, eure rechtmäßige Gattinn, Fatima, die Megäre. – Elende! sprach Maruf, als er sie wieder erkannt hatte, wie bist du hieher gekommen? – Aber, fragte sie, in welcher Stadt bin ich denn? – In der Stadt Chaitan, der Hauptstadt von Schatan. Wann bist du denn von Cairo weggegangen? – In diesem Augenblick komme ich davon her, antwortete sie. Du mußt wissen, daß die Richter nach deiner Entweichung über mich herfielen, um mich die Streiche entgelten zu lassen, die ich dir gespielt hatte, und die ich jezt leider nur zu spät bereute. Ich vergoß über deine Entfernung von jenem Augenblick an die aufrichtigsten Thränen, und ernährte mich durch Betteln auf der Straße. Gestern hatte ich die ganze Stadt vergeblich durchstrichen, Niemand gab mir einen Heller, und überall bekam ich grobe Reden. Voller Verzweiflung gieng ich wieder nach Hause, und weinte bittre Thränen. Siehe da zeigte sich mir auf einmal eine seltsame Gestalt. Was weinst du, Frau? sagte sie zu mir. – Weil ich von meinem Mann getrennt bin, antwortete ich, und ihn gern wieder haben möchte. – Wie heißt dein Mann? fragte die Gestalt. – Maruf. – Ich kenne ihn, fuhr sie hierauf fort, er ist jezt Sultan der Stadt Chaitan im Lande Schatan, und wenn du willst, so will ich dich hinbringen. Hierauf erhob er sich mit mir in die Lüfte, und sezte mich in dem Saal ab, wo euer Bett stand, das ich gemacht habe, ohne mich zu erkennen zu geben. So bin ich denn endlich, Gott sey Dank, an deiner Seite, als deine rechtmäßige und getreue Frau. – Maruf erzählte ihr hierauf seine Geschichte von dem Augenblicke an, wo er sich aus Cairo geflüchtet hatte, bis auf diesen Tag, wo er König war, und einen Sohn von sieben Jahren hatte. – Alles dieses, sprach Fatima, war so im Himmel beschlossen, aber verzeiht das Vergangene, und erlaubt mir, daß ich hier bleibe, und sollte es auch nur seyn, um von Almosen zu leben.

Maruf wurde durch dieses unterwürfige Bezeigen, das ihm an seiner Frau ganz etwas Neues war, gerührt. Nun so bleibt denn in Gottes Namen hier, sprach er, aber wenn ihr die geringste Muke habt, so ist es um euer Leben geschehn, das schwöre ich euch. Bildet euch nicht ein, daß ihr mich vor Gericht laden lassen, und so von einem Richter zum andern schleppen könnt. Jezt bin ich selbst Sultan, die Menschen fürchten mich, und ich fürchte sie nicht. Übrigens habe ich einen mächtigen Genius zu meinen Diensten, der der Vater des Glücks heißt, und der mir alles bringt, was ich verlange. Wenn du willst, so wollen wir nach Cairo zurückkehren, wo ich einen marmornen Palast bauen, und ihn ganz mit Seide überziehen lassen will. Ihr sollt zwanzig Sclavinnen zu eurer Bedienung, guten Tisch und schöne Kleider haben, und wir wollen ein ruhiges und angenehmes Leben führen. Seyd ihr damit zufrieden, oder wollt ihr lieber hier Königinn seyn? – Fatima küßte ihm die Hand und sagte, er möge nur selbst die Gnade haben, zu entscheiden. So machte sie also Maruf zur Königinn, um sie für ihre Unterwürfigkeit zu belohnen. Allein während er ihr am Tage alle mögliche Ehre erzeigen ließ, vernachlässigte er sie gar sehr des Nachts. Denn er hatte schöne Sclavinnen, und Fatima war alt. Nachgerade empfand er sogar einen Widerwillen gegen sie, und so guten Willen er auch übrigens zeigte, so war es ihm doch unmöglich, wieder in die alte verliebte Stimmung zu kommen. Es ist, wie ein Dichter sagt, mit dem Herzen wie mit dem Glase. Wenn es einmal zerbrochen ist, läßt es sich nicht wieder zusammenfügen.

Als Fatima dieses Betragen ihres Gemahls bemerkte, wurde sie von Eifersucht gepeinigt, und der Teufel gab ihr die Idee ein, sich des Rings zu bemächtigen, ihren Gemahl zu tödten, und die Zügel der Regierung selbst allein zu übernehmen. Einst gieng sie also in dieser Absicht des Nachts aus ihrem Pavillon in den, wo der König Maruf, ihr Gemahl, schlief. Gewöhnlich schlief er bey einer jungen Sclavinn. Allein weil er fürchtete, es möchte ihm einmal so gehn, wie dem Wesir, dem die vorige Königinn den Ring mitten unter Liebkosungen geraubt hatte, so trug er diesen Ring niemals am Finger, sondern legte ihn des Nachts unter das Kopfkissen, und wenn er in's Bad gieng, so verschloß er allemal sorgfältig die Thüre seines Kabinets, um es ganz unmöglich zu machen, daß man ihm den Ring entwende. In der Nacht, wo Fatima ihren Plan ausführen wollte, traf sich's gerade, daß der junge Prinz, der Sohn Marufs von der vorigen Königinn sich auf dem Abtritt in der Gallerie befand, durch welche die alte Megäre durchgieng. Er sah sie in der Dunkelheit mit großen Schritten auf das Zimmer seines Vaters losgehn. Er merkte sogleich, daß sie nichts Gutes im Sinne habe, und schlich sogleich leise wie ein Wolf hinter ihr her. Der junge Prinz trug gewöhnlich ein kleines Schwerdt, das vielmehr ein Messer als ein Schwerdt war. Tag und Nacht war er damit umgürtet, und sogar, wenn er auf den Abtritt gieng, nahm er es mit sich. Sein Vater und die Hofleute hatten manchmal über dieses kleine Schwerdt gespottet. Damit kannst du auch nicht einen Kopf abschlagen, sagte der König oft zu ihm. Ich muß es, antwortete der Prinz dann immer, ich muß es doch erst an einem Kopf probieren, der abgeschlagen zu werden verdient. – Er folgte also seiner Stiefmutter bis in das Gemach seines Vaters, der in tiefem Schlafe lag. Sie suchte den Ring, und da sie ihn gefunden hatte, wollte sie sich wieder entfernen, allein der junge Prinz schlug ihr den Kopf mit einem einzigen Streiche seines kleinen Schwerdts ab, ehe sie noch zum Zimmer hinaus war. Maruf wachte plötzlich auf, und sah beym Schein der Lampe seine Gemahlinn in ihrem Blute schwimmen, und seinen Sohn mit blutigem Schwerdte in der Hand daneben stehn. – Was hast du gethan, mein Sohn? sprach er zu ihm. – Wie vielmal habe ich es euch nicht gesagt, antwortete dieser, daß ich mein Schwerdt an einem Kopfe versuchen muß, der es verdient, abgeschlagen zu werden, und siehe da, die Probe ist gemacht. – Hierauf erzählte er seinem Vater umständlich alles, was er gesehn und gethan hatte, und Maruf dankte ihm für diese schöne That.

Bald darauf ließ er den Fellah holen, der ihn auf dem Acker, wo er den Schatz Schedads gefunden, so wohl aufgenommen hatte, ernannte ihn zu seinem Wesir, und heyrathete seine Tochter, mit der er glücklich und zufrieden lebte, bis der unerbittliche Tod, dessen Sichel Gatten und Gattinnen, Söhne und Töchter abmäht, seinem Glücke ein Ende machte.

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