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Märchen aus Hundert und Einer Nacht

Joseph von Hammer-Purgstall: Märchen aus Hundert und Einer Nacht - Kapitel 16
Quellenangabe
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authorJoseph von Hammer-Purgstal
titleMärchen aus Hundert und Einer Nacht
publisherGreno Verlagsgesellschaft m. b. H.
year1986
translatorAugust E. Zinserling
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Kamarolseman, d. i. Zeit-Mond und die Frau des Juweliers

Es war einmal vor alten Zeiten ein Kaufmann, mit Namen Abdorrahman, der zwey vollendet schöne Kinder hatte, einen Knaben, der Kamarosleman oder Zeit-Mond, und eine Tochter, welche Kewkebes-Sabah, d. i. Morgenstern hieß. Bis in ihr fünfzehntes Jahr hatte er sie alle beyde aus Furcht vor den Blicken der Verführer in seinem Hause eingeschlossen gehalten, und zu gleicher Zeit alle mögliche Sorgfalt auf ihre Erziehung gewandt. – Wie lange wollt ihr aber euren Sohn noch im Hause einschließen? sagte seine Frau einst zu ihm. Zeit-Mond ist kein Mädchen, es ist ein Knabe, den ihr schon lange hättet mit euch auf den Markt nehmen sollen, damit man ihn kennen lernt, und nicht einst über eure Verlassenschaft herfällt und spricht, man wisse von keinem Sohn, den ihr gehabt. So will ich auch meine Tochter verheurathen, und sie nicht länger so vergraben lassen, wie sie bis jezt es gewesen ist. – Ich habe sie, antwortete der Mann, bis jezt blos deßwegen im Hause gehalten, weil ich den Eindruck fürchtete, den verführerische Blicke auf sie machen könnten. Ich könnte auf sie den Vers anwenden, worin es heißt:

»Ich fürchte für euch alle Blicke, alle Örter und alle Zeiten. Könnte ich euch davor bis auf den Tag des Gerichts in meinen Augen schützen, so würde ich doch noch glauben, nicht genug gethan zu haben.«

Überlaßt Gott die Obhut, sprach die Frau, und nehmt euren Sohn heute mit euch auf den Markt.

Der Mann ließ sich überreden, und vom Zeit-Mond begleiten. Es war, als wenn er Feuer auf dem Markt angelegt hätte, so gerieht alles in Aufruhr über die außerordentliche Schönheit dieses jungen Menschen. »Geht die Sonne heute zweymal auf? Scheint der Mond am hellen Mittag?« Solche Ausrufungen hörte man von allen Seiten, und die ganze Menschenmenge strömte hinter dem jungen Kamarolseman her. Abdorrahman nahm ihn mit sich in seine Butike, aber die Straße wurde nicht leer von Leuten, die in Menge hier stehen blieben, um dieses Wunder von Schönheit zu betrachten. Der junge Mensch gerieth darüber in die größte Verlegenheit, und der Vater fürchtete mehr als jemals die verführerischen Blicke.

Siehe da kam von der einen Seite des Marktes her ein Derwisch, der sang und weinte. Das Übermaaß der Liebe Gottes hatte ihn, dem Anschein nach zu urtheilen, in diese Entzückung versezt. Als er den Zeit-Mond in der Butike sitzen sah, improvisirte er:

»Ich sehe den Mond auf der Erde, er hat sich mit einem Zweige des Baumes Ban vereinigt.

Wie heißt dieser junge Mensch? fragte ich. – Es ist eine Perle, sagte man mir statt aller Antwort!«

Hierauf trat er näher, gab dem jungen Menschen ein Stück Aloe, setzte sich auf den erhöhten Platz der Butike, richtete seine Blicke unverwandt auf den Zeit-Mond, und schluchzte und seufzte dabey, daß es zum Erbarmen war.

Abdorrahman glaubte, der Derwisch sey in seinen Sohn verliebt, und wagte es doch aus Ehrfurcht gegen die Religion und ihren Diener nicht, ihn von seinem Platz zu vertreiben. Er stand also auf, und sagte: »Komm, mein Sohn! Wir wollen nach Hause gehn. Für den ersten Tag deines Ausgehens mag es heute genug seyn.« – Ein Haufen Volks folgte ihnen auf der Straße nach, und der Derwisch war auch hier wieder derjenige, der sich durch seine Zudringlichkeit am meisten bemerkbar machte. Was willst du? sagte der junge Mensch zu ihm, indem er sich umdrehte. – Ich will diese Nacht euer Gast seyn, wie ich der Gast Gottes bin, antwortete der Derwisch. – Sey willkommen! erwiederte Zeit-Mond. Wenn dieser Teufel, sprach der Kaufmann bey sich selbst, etwas Böses mit meinem Sohn vorhat, so schlage ich ihn ohne Gnade und Barmherzigkeit todt, und begrabe ihn heimlich. Dasselbe sagte er auch zu seinem Sohn, und erklärte ihm, er würde bey der geringsten Freyheit, die sich der Derwisch herausnehmen wollte, herbeyeilen, und ihn mit dem Tode bestrafen. – Hierauf ließ er sie mit einander allein. Der Derwisch blieb ganz ruhig auf seinem Platze sitzen, und that nichts, als weinen und seufzen. Der junge Mensch hingegen, der durch das Versprechen seines Vaters Muth bekommen hatte, wollte seinen Gast auf die Probe stellen, und neckte und reizte ihn deßhalb unaufhörlich durch Liebkosungen. Der Derwisch, weit entfernt, diesen Annäherungen des jungen Menschen entgegen zu kommen, wies sie vielmehr von sich, und improvisirte in Versen Folgendes:

»Mein Herz wird von männlicher Schönheit hingerissen, aber es sucht nichts dabey, als den Gipfel der Vollendung. Meine Liebe ist frey von allem, was sinnlich ist, und ich verabscheue diejenigen, die auf eine andre Weise lieben.«

Der Vater, der versteckt Zeuge dieses Auftritts gewesen war, trat hierauf, beruhigt über das Betragen des Derwisches, wieder in's Zimmer, und verhehlte ihm nun sogar den Argwohn nicht, den er anfangs gegen ihn gehabt, und bat ihn, daß er ihm doch sagen möchte, warum er so weine. – Ach! mein Bruder, sprach der Derwisch, ihr wollt also, daß ich meine Wunden wieder aufreiße? Hört meine Geschichte.

Als ich einst an einem Freytag in die Stadt Baßra kam, fand ich alle Butiken offen, und alle Kaufmannswaaren ausgebreitet, aber weder auf den Straßen noch in den Häusern war eine lebendige Seele anzutreffen. Da ich Hunger hatte, so nahm ich aus dem einen Laden Brod, aus dem andern Honig und Butter. Ich trat in ein Kaffeehaus, wo noch Wasser am Feuer stand, und ich konnte vor Erstaunen gar nicht zu mir kommen, die Stadt so verlassen und öde zu sehn, ohne daß ich wußte, ob die Pest plötzlich die Einwohner hinweggerafft, oder ob sie alle plötzlich die Flucht ergriffen hätten, ohne ihre Gewölber zu verschließen. In diesem Augenblick hörte ich ein Geräusch auf der Straße, und sah einen Zug von vierzig Sclavinnen, alle ohne Schleyer, die um ein Reitpferd hergiengen, auf welchem eine Dame in reich mit Gold und Edelsteinen besezten Kleidern saß, deren himmlische Schönheit um so mehr hervorglänzte, da sie eben so wenig wie ihre Sclavinnen einen Schleyer trug. Zu ihrer Linken gieng eine Sclavinn, die eine Keule führte, deren Griff aus einem einzigen Smaragd bestand, dessen Glanz durch 1000 Diamanten noch erhöht wurde. Als der Zug näher kam, bemerkte ich auch einen Menschen, der den Kopf zum Fenster einer Butike herausstreckte, allein in dem nämlichen Augenblicke eilte die Sclavinn, die die Vollstreckerinn der hohen Justiz war, herbey, und schlug ihm den Kopf ab, daß er in die Straße sprang. Ich schauderte bey diesem Anblick, versteckte mich, so gut ich konnte, und ließ diese grausame Schönheit vorüberziehn, die mir wider meinen Willen eine gränzenlose Liebe eingeflößt hatte. Nach und nach kehrten die Leute wieder in ihre Butiken zurück, ich fragte Jedermann, wer diese Dame sey, allein Niemand wollte mir es sagen. Ich verließ Baßra mit einem Herzen, das das Spiel einer zügellosen Leidenschaft geworden war, die mich Tag und Nacht peinigt, und durch den Anblick eures Sohnes, der dieser Dame wie ein Tropfen Wasser dem andern gleicht, neue Kräfte bekommen hat.

Als der Derwisch seine Erzählung geendigt hatte, fieng er von Neuem an, auf's kläglichste zu weinen, und da er merkte, daß er den Schmerzen, die er beym Anblick des jungen Kamarolseman empfand, unterliegen würde, so bat er um Erlaubniß, das Haus zu verlassen, und entfernte sich.

Genug von diesem Derwisch, dem man so unrecht gethan hatte! Was den jungen Zeit-Mond betrifft, so fühlte er sich selbst von der stärksten Leidenschaft zu dieser unbekannten Schönheit hingerissen, und da er auf nichts als auf Mittel dachte, wie er sie kennen lernen könnte, so quälte er seinen Vater beständig, daß er ihn doch reisen lassen möchte, wie die andern Kaufleute ihre Söhne reisen ließen. »Die andern, sprach der Vater, lassen ihre Söhne aus Habsucht oder Noth in der Welt umherlaufen, ich aber, dem Himmel sey Dank, befinde mich in keinem von beyden Fällen; auf diese Weise wirst du also besser thun, wenn du bey mir bleibst.« Vergebliche Worte! Auf das Gemüth des jungen Kamarolseman machten sie gar keinen Eindruck. Der Vater sah sich endlich genöthigt, den Wünschen seines Sohnes nachzugeben. Er gab ihm zu seiner Reise 90 000 Dukaten, und seine Mutter fügte noch dazu einen Beutel mit vierzig Ringen, die mit Edelsteinen besezt waren. Unter diesen Edelsteinen befanden sich zehn, wovon ein jeder 1000 Dukaten werth war. Mein Sohn sprach sie, hebt diesen Beutel sorgfältig auf, ihr könntet in den Fall kommen, seiner zu bedürfen, wenn ihr sonst kein Geld habt. – Ach! Nur zu bald war das der Fall, denn in der Entfernung einer Tagereise von Baßra griffen ihn die Beduinen-Araber an, plünderten seine Karavane, tödteten seine Leute, und ließen ihn in seinem Blute schwimmend liegen, indem sie ihn ebenfalls für todt hielten.

Da er indessen nur leicht verwundet war, so stand er bald wieder auf. Von aller seiner Habe waren ihm nur die Ringe geblieben, die er an seinen Gürtel gebunden hatte, und er machte sich sogleich auf den Weg nach Baßra, wo er gerade an einem Freytag ankam. Die Straßen waren leer, die Butiken standen offen, kurz, es war alles so, wie es der Derwisch beschrieben hatte. Bald hörte er auch das Geräusch eines großen Zugs. Es war die Dame mit ihren vierzig Sclavinnen. Er versteckte sich, und als er diese überirdische Schönheit erblickte, fiel er in Ohnmacht. Als er wieder zu sich kam, waren die Straßen schon wieder voller Menschen, und Jedermann gieng seinen Geschäften nach. Kamarolseman gieng hierauf zu einem Juwelier, verkaufte einige von seinen Ringen, kaufte prächtige Kleider, gieng in's Bad, und legte sich dann schlafen.

Den Tag darauf gieng er zu einem Barbier, bey dem er seine Toilette machte, und nachdem er ihn äußerst freygiebig bezahlt hatte, erzählte er ihm, was er gestern gesehn, und fragte ihn, wer dieses Mädchen sey. Mein Kind, sprach der Barbier, hütet euch, sprecht nicht davon, es gilt euer Leben. Wenn man erfährt, daß ihr das gesehen habt, wovon ihr mir da eben sagtet, so seyd ihr ohne Rettung verloren. Die Wahrheit zu gestehn, ich weiß selbst nicht, was es damit für eine Bewandniß hat. Es ist ein Geheimniß, das die Stadt Baßra auf die Folter spannt. Die Leute sterben daran, wie die Fliegen; theils aus Unvorsichtigkeit, wenn sie sich auf der Straße sehn lassen, theils martert sie die Neugierde zu Tode. Was mich betrifft, ich habe mir einmal vorgenommen, daß ich nichts davon wissen will, aber wenn euch doch die Sache so sehr am Herzen liegt, so will ich mich deßhalb an meine Frau wenden, die die Harems der Großen fleißig besucht. Morgen werde ich euch weitere Nachricht davon geben können. – Thut das, mein Vater, sprach Zeit-Mond, und drückte ihm zwey große Goldstücke in die Hand. – Wenn ihr eilig seyd, sprach der Barbier hierauf, so kann ich auf der Stelle hingehn, mein Kind, bleibt nur indessen in der Butike.

Der Barbier eilte zu seiner Frau, gab ihr das Gold, und erzählte ihr das Abentheuer des jungen Menschen. – Er sey willkommen! sprach die Frau, bringt ihn mir nur her! Beyde giengen hierauf zu der Frau, der Zeit-Mond hundert Dukaten gab, um ihr Wohlwollen zu gewinnen. O mein Kind, sprach sie, das ist eine gar seltsame Geschichte, und ihr werdet in eurem ganzen Leben noch nicht so etwas gehört haben. Wisset also, daß der Sultan von Baßra vor einiger Zeit vom König von Indien eine Perle geschenkt bekam, die in Hinsicht ihrer Schönheit und Größe einzig in ihrer Art war. Der Sultan ließ sogleich alle Juweliere von Baßra rufen, und sagte ihnen, daß derjenige von ihnen, der diese Perle gut zu bohren verstände, nur zu fodern brauchte, was er wollte, daß es hingegen auf der andern Seite um sein Leben geschehen sey, wenn es ihm nicht glückte, und die Perle nur im mindesten beschädigte würde. Keiner von den anwesenden Juwelieren wagte es, sich mit dieser gefährlichen Arbeit zu befassen, sondern sie sagten: Asti Obeid sey der einzige, der vielleicht damit fertig werden könnte. Man rief ihn, er nahm die Sache auf sich, und bohrte die Perle glücklich zur völligen Zufriedenheit des Sultans. Da dieser Juwelier nichts thut, ohne seine Frau um Rath zu fragen, so fragte er sie auch um Rath, was er nun vom Sultan als Belohnung für seine Arbeit fodern sollte. Seine Frau ist die Dame, die ihr, von vierzig Sclavinnen begleitet, gesehen habt. Wir sind, sprach sie, Gott sey Dank, reich genug, so daß wir nicht nöthig haben, uns in dieser Hinsicht noch etwas zu wünschen, aber ich habe eine Laune, die ich gern befriedigen möchte. Verlangt vom Sultan, daß er mir das Recht zugesteht, daß ich alle Freytage mit meinen Sclavinnen in der ganzen Stadt herum spazieren reiten kann, und daß Niemand bey Verlust seines Kopfs es wagen darf, sich während dieser Zeit auf der Straße sehen zu lassen. Der Sultan bewilligte diese Forderung, und damit Hunde und Katzen während der Zeit, da dieser Spaziergang dauert, in den offen stehenden Butiken nichts verderben könnten, so wurde zu gleicher Zeit auch öffentlich bekannt gemacht, daß an diesem Tage alle Hunde und Katzen ohne Ausnahme eingeschlossen gehalten werden müßten. So macht sie also seit dieser Zeit alle Freytage zwey Stunden vor dem Gebet und zwey Stunden nach dem Mittagsgebet ihren Spaziergang, ohne daß es weder Mensch, noch Hund, noch Katze wagt, sich auf den Straßen sehen zu lassen. Aber ich sehe schon, mein Kind, daß diese Erzählung euch nicht genügt; ihr wollt von mir die Mittel hören, wie ihr dazu gelangen könnt, sie zu sehn. Habt ihr Edelsteine? – Ja! Ungefähr dreyßig Stück, wovon jeder 500 Dukaten werth ist. – Gut, fuhr die Frau des Barbiers fort, so nehmt denn einen Edelstein, der 500 Dukaten werth ist, tragt ihn zu Asti Obeid, und sagt ihm, daß er ihn euch so einfach als möglich einfasse. Gebt ihm zwanzig Dukaten zum voraus, und jedem seiner Arbeiter einen Dukaten. Sezt euch zu ihm in seine Butike, plaudert, und gebt jedem Bettler, der vorbeygeht, einen Dukaten. Kein sichereres Mittel giebt es, um Aufsehn zu machen, und es zu bewirken, daß euer Name der schönen Juwelierfrau zu Ohren kömmt.

Zeit-Mond that Stück vor Stück alles, was ihm die Frau des Barbiers gerathen hatte, und seine Freygebigkeit sezte den Juwelier in Erstaunen. Dieser war gewohnt, die kostbarsten Sachen in seinem Hause zu arbeiten, und seine Arbeit in Gegenwart seiner Frau zu vollenden, die dann immer neben ihm saß. Als sie sah, daß ihr Mann an Kamarolseman's Ring mit besondrer Sorgfalt arbeitete, so fragte sie ihn, für wen er wäre, und ihr Mann unterließ nicht, ihr eine so glänzende Beschreibung von der Schönheit und Freygebigkeit Zeit-Monds zu machen, daß sie vor Begierde brannte, diesen Fremden zu sehn. Ihr Mann erschöpfte sich indessen in Lobsprüchen, die bald seine Taille, bald seinen Teint betrafen. Es ist ein junger Mensch, sprach er, dessen Wangen die Herzen heilen, wenn seine Augen sie verwundet haben, kurz, kann ich etwas Größeres zu seinem Lobe sagen, als daß er euch gleicht? Und wenn ich nicht fürchtete, euch zu beleidigen, so würde ich sogar noch hinzusetzen, daß er noch tausendmal schöner ist, als ihr. – Die Frau des Juweliers schwieg hierauf einige Zeit, und ihr Mann vollendete indeß die Fassung des Rings. Ich wollte, daß er mir gehörte, sagte die Frau, als er gefaßt war, er ist ganz nach meinem Geschmacke.

Zeit-Mond hatte indessen die Frau des Barbiers wieder um Rath gefragt, was er weiter zu thun habe. Gebt vor, sprach sie zu ihm, der Ring sey euch zu eng, macht dem Juwelier ein Geschenk damit, bringt einen andern Edelstein, der 700 Dukaten werth ist, zum Vorschein, und gebt dem Juwelier dreyßig Dukaten, und jedem seiner Arbeiter zwey Dukaten; ich hoffe, daß die Sache zu eurer Zufriedenheit endigen werde. Zeit-Mond dankte seiner Rathgeberin, schenkte ihr 200 Dukaten, und that pünktlich alles, was sie gewünscht hatte, daß er es thun sollte. – O weh! Er ist zu enge, rief er, indem er in Gegenwart des Juweliers den Ring an den Finger steckte. Nehmt, es ist ein Geschenk für eine von euren Sclavinnen. Faßt mir jezt diesen andern Edelstein, der 700 Dukaten werth ist. – Hierauf gab er dem Juwelier dreyßig, und jedem seiner Arbeiter zwey Dukaten. Hier, sprach er, hier ist eine Kleinigkeit, um euren Kaffee damit zu bestreiten. Wenn ihr mit der Arbeit fertig seyd, sollt ihr auch hoffentlich mit meiner Bezahlung zufrieden seyn.

Der Juwelier, ganz erstaunt über eine so außerordentliche Freygebigkeit, eilte sogleich zu seiner Frau, und konnte gar nicht fertig werden, den freygebigen Fremden zu rühmen. Es muß schlechterdings ein Prinz oder der Sohn eines Sultans seyn, sprach er, und je mehr er sprach, desto verliebter wurde seine Frau in den jungen Unbekannten. Wie schön würde er mir stehen, rief sie, als der zweyte Ring fertig war, und probirte ihn an dem andern Finger. – Wer weiß; sprach der Mann, vielleicht tritt er ihn ab.

Zeit-Mond hatte indessen nicht verfehlt, der Frau des Barbiers seinen Bericht abzustatten. Jezt, sprach sie, nehmt auch diesen Ring nicht, unter dem Vorwande, er sey zu weit, bringt einen andern Edelstein zum Vorschein, der 1000 Dukaten werth ist, gebt einstweilen, bis ihr die Arbeit selbst bezahlt, dem Herrn vierzig, und jedem seiner Arbeiter drey Dukaten. Zeit-Mond bezahlte diesen guten Rath mit einem Beutel, der 300 Dukaten enthielt, und befolgte ihn pünktlich. Der Juwelier fand keine Worte mehr, um seiner Frau die Freygebigkeit des Fremden zu schildern. – Aber schämst du dich nicht, sagte sie zu ihm, daß du noch nicht einmal einen Menschen zu dir eingeladen hast, der sich gegen dich so freygebig gezeigt hat? Ich weiß, daß du nicht geizig bist, aber es kommt mir manchmal so vor, als ob du nicht genug Lebensart hättest, ich verlange schlechterdings, daß du ihn morgen zum Abendessen bittest.

Nachdem Zeit-Mond den Tag darauf sich bey der Frau des Barbiers Raths geholt, und ein Beutel mit 400 Dukaten ihr seine Dankbarkeit gezeigt hatte, begab er sich in die Butike des Juweliers, um den Ring zu probiren. Er paßt vollkommen, sprach er, aber der Stein gefällt mir nicht ganz, behaltet ihn für eine von euren Sclavinnen, und faßt mir diesen ein. Hier sind indeß 100 Dukaten Douceur. Verzeiht mir nur, daß ich euch so viel Ungelegenheit mache. – Sie sehen, erwiederte der Juwelier, was Ihre Freygebigkeit für einen Eindruck auf mich macht. Erzeigen Sie mir wenigstens die Ehre, diesen Abend eine Suppe mit mir zu essen. – Ihr seyd sehr gütig, versezte Zeit-Mond, eine solche Ehre kann man unmöglich ausschlagen.

Der Juwelier brachte den Abend im Okal Okal ist ein großes Gebäude, das zur Waarenniederlage dient, und wo die fremden Kaufleute wohnen. In Egypten und Syrien heißt es Okal, in Persien Karavanserai, und in der Türkey Chan. Anm. des franz. Übersetzers. zu, um seinen Gast mit sich zu nehmen. Er führte ihn dann nach seinem Hause, und bewirthete ihn mit einem vortrefflichen Abendessen. Nach dem Kaffee reichte ihnen eine Sclavinn Sorbet, den die Hausfrau mit eignen Händen gemacht hatte. Kaum hatten sie aber eine Tasse davon getrunken, als sie alle Beyde in einen tiefen Schlaf fielen. – Die Sclavinn entfernte sich, und die Frau des Juweliers trat mit einer Leuchte in der Hand herein, um ihren Gast, den sie nur vom Fenster aus beym Hereingehn in's Haus gesehen hatte, recht nach Bequemlichkeit betrachten zu können. Sie konnte sich nicht satt an ihm sehen, sie sezte sich neben ihn auf die Erde, sie streichelte ihm erst leicht mit der Hand das Gesicht, und dann bedeckte sie ihn mit Küssen. Sie war der Wirkung des Opiats gewiß, und wußte also, daß er nicht aufwachen würde. Diese Gewißheit gab ihr Muth, noch unzählige andre Liebkosungen zu wagen. Sie biß ihn in die Lippen und das Gesicht, daß das Blut an mehr als einer Stelle danach floß. Und so brachte sie die ganze Nacht hin, ohne das Feuer mäßigen zu können, das ihre Eingeweide verzehrte. Erst gegen Morgen entfernte sie sich, nachdem sie ihm vier kleine Würfel in die Tasche gesteckt hatte, und dann schickte sie ihre Sclavinn ab, die ihnen ein gewisses Pulver in die Nasenlöcher blasen mußte, um damit die Wirkung des Opiats zu vertreiben.

Sie wachten auf, und nießten. »Herr, sprach die Sclavinn, es ist nicht weit mehr hin bis zum Morgengebet, hier ist das Waschbecken und die Wasserkanne zum Waschen.« – »Guten Morgen, sprach der Juwelier, dieses Zimmer befördert den Schlaf außerordentlich, so oft ich mich hier niederlege, schlafe ich auch bis in den hellen lichten Tag hinein.« – Zeit-Mond stand auf, um sich zu waschen, er merkte, daß ihm sein Gesicht und seine Lippen wie Feuer brannten. Seht doch, sprach er zum Juwelier, meine Wangen und meine Lippen ein wenig an. Das brennt ja wie glühende Kohlen. Was habe ich denn da? – O es ist nichts! Es sind Schnakenstiche. – Aber wie geht es denn zu, daß ihr keine habt? – Das kommt daher, weil ich das hiesige Klima gewohnt bin, und übrigens mein Bart stark genug ist, um die Schnaken nicht in Versuchung zu führen. Sie lassen ihre Wuth vorzüglich an Fremden und an Milchgesichtern, wie das eurige aus. – Ihr habt Recht, sprach Zeit-Mond. – Hierauf frühstückten sie, und nachdem Zeit-Mond Abschied genommen hatte, gieng er geradewegs zu der Frau des Barbiers. – Nun wohlan, sprach sie, erzählt mir euer Abentheuer, wiewohl ich es schon auf eurem Gesicht geschrieben lese. – Ach, versezte er, das sind Schnaken, die mir beynahe das Gesicht aufgefressen haben. – Wirklich Schnaken? erwiderte sie, und euer Besuch hat euch also wirklich weiter nichts eingetragen? – Nichts, antwortete er, als diese vier Würfel, die ich in meiner Tasche gefunden habe. – Zeigt sie mir, sprach sie, und nachdem sie sie besehen hatte, rief sie: Ach, was seyd ihr doch für ein Simpel, daß ihr nicht merkt, daß ihr die Spuren der Küsse eurer Geliebten noch auf dem Gesichte habt, und daß diese Würfel ein Vorwurf sind, den sie euch darüber macht, daß ihr eure Zeit verschlafen habt, statt sie zu benutzen. Es ist gerade so, als wenn sie damit hätte sagen wollen: Es ist ein Kind, das seine Zeit mit Schlafen zubringt, hier sind Würfel, wie sie sich für Kinder schicken, die sich mit andern Spielen nicht zu belustigen wissen. – Heißt das also nicht deutlich genug gesprochen? – Versucht es, und benuzt diesen Abend die Aufforderung, wenn euch der Juwelier, wie ich nicht zweifle, noch einmal zum Abendessen einladet, und vergeßt euch nicht, ich hoffe, daß uns zulezt alles glücken soll. Zeit-Mond versprach ihr einen Beutel mit 500 Dukaten, und gieng wieder in das Okal.

Wie hat der Fremde die Nacht zugebracht? fragte die Frau des Juweliers ihren Mann, als er zu ihr kam, um ihr einen guten Morgen zu wünschen. – Sehr schlecht, antwortete er, die Schnaken haben ihn entsetzlich gestochen. – Was ist zu machen? sprach sie; die Schnaken mögen gern süßes Blut, und vorzüglich das Blut der Fremden. Vielleicht fallen sie ihm diese Nacht, wo ihr doch, hoffe ich, ihn noch einmal mitbringen werdet, weniger beschwerlich. Diese Artigkeit ist das Geringste, was ihr thun könnt, um euch gegen die außerordentliche Freygebigkeit, die er gegen euch gezeigt hat, dankbar zu beweisen.

Der Juwelier bat also den jungen Zeit-Mond wieder zu sich, und es gieng in allen Stücken in dieser Nacht, wie in der vorigen. Die Sclavinn reichte ihnen den betäubenden Trank, die Frau des Juweliers brachte die Nacht damit hin, daß sie den jungen Menschen in's Gesicht und in die Lippen biß, und gegen Morgen kam die Sclavinn wieder, um die beyden Schläfer wieder aufzuwecken, indem sie ihnen das Pulver in die Nasenlöcher sprizte. Zeit-Mond; fühlte, daß ihm das Gesicht von den Bissen seiner Geliebten brannte, und da er in seinen Taschen nachsuchte, fand er ein Messer darin, das sie ihm hineingesteckt hatte. Er nahm vom Juwelier Abschied, gieng in das Okal, um die 500 Dukaten zu holen, die er der Frau des Barbiers versprochen hatte, erzählte ihr das Abentheuer, und zeigte ihr das Messer. – Wehe euch, wenn ihr noch einmal schlaft, sprach die Frau des Barbiers; eure Geliebte ist zornig, und sie droht euch, daß sie euch mit diesem Messer tödten will, wenn sie euch noch einmal eingeschlafen findet. – Aber wie soll ich es anfangen, um nicht einzuschlafen? sprach Zeit-Mond ich glaube fast, daß in dem Sorbet, den uns die Sclavinn nach dem Abendessen bringt, ein Opiat ist. – Nun gut, sprach die Frau des Barbiers, wenn ihr wirklich glaubt, etwas von der Art gemerkt zu haben, so wartet erst, bis der Juwelier seine Tasse trinkt, stellt euch dann, als ob ihr eure Tasse austrinkt, stellt sie hinter euer Ohrkissen, thut in Gegenwart der Sclavinn, als ob ihr schlieft, und wartet auf gut Glück.

Zeit-Mond befolgte pünktlich diesen guten Rath, beym Abendessen gieng es wie gewöhnlich, die Sclavinn entfernte sich, um ihre Gebieterinn zu benachrichtigen, daß ihr Mann und ihr Gast in tiefem Schlafe lägen, und diese trat, wüthend über diese Nachricht, mit gezücktem Messer in das Zimmer, als Zeit-Mond die Augen aufschlug, und sich zu ihren Füßen warf. Wer hat euch solche Streiche gelehrt? sprach sie. Zeit-Mond verhehlte ihr nicht, daß die Frau des Barbiers seine Rathgeberinn gewesen sey. – Künftig braucht ihr sie nicht mehr, erwiederte sie; fragt sie morgen früh, ob sie kein Mittel weiter weiß, euch bey mir zum Ziele zu bringen; sagt sie ja, so hört erst, was sie euch sagt; sagt sie nein, so laßt sie gehn. Bey mir müßt ihr euch künftig Raths erholen.

Nach diesem Prolog brachten sie die Nacht in der Trunkenheit des Vergnügens hin. Ich gehöre dir, mein Geliebter, sprach sie; mache es mit mir, wie dir's gefällt, aber glaube nicht, daß ich mit einer oder zwey Nächten, mit einer oder zwey Wochen, mit einem oder zwey Monaten, oder mit einem oder zwey Jahren zufrieden bin. Ich will mein ganzes Leben mit dir zubringen, ich will mich von meinem Mann scheiden lassen, und dir in dein Vaterland folgen, höre mich nur, und wenn du mich liebst, thu, was ich dir sagen will. Wenn mein Mann dich noch einmal zum Abendessen einladet, so sage zu ihm, du fürchtest eine Unbescheidenheit zu begehn, wenn du ihn drey bis vier Nächte hinter einander abhieltest, seinen Harem zu besuchen. Schlage ihm dann vor, daß er für dich ein Haus neben unserm Hause miethe, wo er dann bald bey dir einen Theil der Nacht zubringen könnte, bald du bey ihm, ohne daß ihr euch deßwegen Ungelegenheiten machtet. Mein Mann wird dann zu mir kommen, und mich darüber um Rath fragen, und ich werde ihm dann sagen, daß er unser Haus, das dicht an dieses stößt, ausräumen läßt, und dir es zur Wohnung einräumt. Bist du einmal erst da, so laß für das Übrige nur mich sorgen.

Zeit-Mond schwur ihr, auf ewig treu und in allen Stücken gehorsam zu seyn, und besiegelte seine Eidschwüre mit unzähligen Küssen. Gegen Morgen nahm er wie gewöhnlich Abschied, aber auch dießmal beklagte er sich wie gewöhnlich über die Stiche der Schnaken. Von hier begab er sich sogleich zur Frau des Barbiers, und beklagte sich, daß er auch in dieser Nacht nicht weiter gekommen sey, als in der vorigen. Nun wahrhaftig, sprach sie, das ist alles, was ich für euch habe thun können, weiter weiß ich nichts. – In diesem Fall, versezte Zeit-Mond, muß ich wohl meiner Liebe entsagen, und mit diesen Worten nahm er von ihr Abschied. Hierauf gieng er wieder zum Juwelier und theilte ihm den Plan mit, den ihm seine Geliebte an die Hand gegeben hatte. Der Juwelier war zufrieden damit, und schon den Tag darauf wohnte Zeit-Mond in dem Hause, das an das des Juweliers stieß, dessen Frau dafür Sorge getragen hatte, eine Öffnung in die Scheidewand beyder Häuser machen zu lassen, die durch zwey Schränke auf beyden Seiten versteckt wurde.

Zeit-Mond erstaunte sehr, als er seine Geliebte in sein Zimmer treten sah, und konnte nicht begreifen, wie sie sich in dem Schranke habe verstecken können. Sie entdeckte ihm das Geheimniß, und gab ihm zwey Beutel voll Goldstücke. Den Tag darauf brachte sie ihm viere, und den dritten Tag wieder viere. Und so brachte sie ihre Tage mit dem Zusammenraffen der Gelder ihres Mannes, und die Nächte bey ihrem Geliebten hin, während der Juwelier seinen Opiatrausch, den er sich im Sorbet trank, ausschlief. In der vierten Nacht brachte sie ihm einen prächtigen Dolch, der dem Juwelier gehörte, der ihn selbst mit der größten Sorgfalt gefaßt hatte. Am Griff allein war für mehr als 500 Dukaten Gold angebracht, ohne noch der Edelsteine zu gedenken, mit denen er besezt war. Stecke diesen Dolch in deinen Gürtel, sprach sie zu ihm, gehe in die Butike meines Mannes, zeige ihm den Dolch, und frage ihn, was er wohl werth seyn mag. Mein Mann wird dich gleich fragen, wo du ihn her hast. Dann sprich zu ihm, du hättest im Vorbeygehn auf dem Markte zwey Menschen mit einander reden hören, wovon der eine gesagt habe: »Siehe, das habe ich von meiner Geliebten zum Geschenk bekommen, alles Geld, was sie hat, hat sie mir schon geschenkt, jezt mache ich mich an die Sachen ihres Mannes«; – du hättest dich dann dem Manne, der dieses gesagt, genähert, und so den Dolch zufälligerweise gekauft. Verlaß dann die Butike, und komm nach Hause, du wirst mich dann im Schranke finden, um den Dolch wieder in Empfang zu nehmen. – Zeit-Mond nahm den Dolch, begab sich in die Butike, und spielte die Rolle, die er eben eingelernt hatte.

Der Juwelier gerieth in eine schreckliche Gemüthsbewegung, als er diese Neuigkeiten hörte. Er wußte nicht, was er sagen und denken sollte. Er antwortete in abgebrochenen Worten, wie ein Mensch, der Geistesabwesenheiten hat, und von dem ein Dichter sagt:

»Ich weiß nicht, was man mir so eben gesagt hat; meine Träumereyen beschäftigen mich ausschließlich. Ich bin in einem Meer von Gedanken versunken, ich unterscheide nicht, ob diejenigen, die mit mir reden, Männer oder Weiber sind.«

Zeit-Mond sah die Verwirrung, in der er sich befand, entfernte sich, und brachte seiner Geliebten den Dolch wieder. Sie erwartete ihn schon im Schrank, und er schilderte ihr die grausame Unruhe und Verwirrung, in der er ihren Mann, den Juwelier, verlassen hatte.

Von der Wuth der Eifersucht gefoltert, gieng der Juwelier nach Hause, und zischte wie eine Schlange. – Wo ist mein Dolch? sprach er. – In dem Kasten, antwortete die Frau, aber bey Gott! ihr habt etwas Böses im Sinne, ich gebe ihn euch jezt nicht. – Der Mann bestand darauf, sie öffnete also den Kasten, und gab ihm den Dolch. – Das ist doch sonderbar! sprach er. – Was ist denn Sonderbares dabey? fragte sie. – So eben, antwortete der Juwelier, glaubte ich diesen nämlichen Dolch in dem Gürtel unsers Nachbars und Freundes gesehen zu haben. – Also habt ihr euch wohl gar erlaubt, einen falschen Verdacht auf eure Gattin zu werfen? versezte die Frau des Juweliers; was seyd ihr doch für ein niederträchtiger Mensch! – Der Juwelier bat sie um Verzeihung, und gab sich alle mögliche Mühe, ihren Zorn, der ihm so gerecht schien, zu besänftigen.

Den Tag darauf wurde die nämliche Komödie mit einer Uhr gespielt, die Zeit-Mond dem Juwelier zeigte, und die dieser für die seinige erkannte. Er eilte sogleich nach Hause, um sich mit seinen eignen Augen zu überzeugen, allein seine Frau hatte die Uhr schon durch den Schrank hindurch wieder in Empfang genommen, gab sie ihm, und überhäufte ihn zu gleicher Zeit mit Vorwürfen über seinen schlechten, argwöhnischen und eifersüchtigen Charakter.

Aber das war noch nicht genug; als Zeit-Mond gegen Abend nicht kam, schickte die Frau des Juweliers ihren Mann zu ihm, um ihn zu suchen. Der Juwelier sah bey Kamarolseman Möbeln aus seinem eignen Hause, allein er hatte nicht den Muth mehr, ihn zu fragen, wo er sie her hätte. Zeit-Mond kam wie gewöhnlich zum Abendessen zum Juwelier, die Sclavinn erschien mit den beyden Sorbeten, der Juwelier verschlief den Opiatrausch, und die beyden Liebenden wachten, und sannen auf neue Mittel, um den Juwelier dahin zu bringen, daß er sich scheiden ließe. Da alles das nichts hilft, sprach die Frau des Juweliers, so will ich mich morgen als Sclavinn verkleiden, du sollst mich in die Butike meines Mannes führen, und ihm sagen, du hättest mich so eben auf dem Sclavenmarkt gekauft, und dabey mußt du mich vor seinen Augen entschleyern. Wir wollen doch sehen, ob auch das nicht vermag, sie ihm zu öffnen.

Den Tag darauf kleidete sie sich wirklich als Sclavinn an, und begleitete ihren Geliebten in die Butike ihres Mannes. Seht, sprach Zeit-Mond zum Juwelier, hier diese Sclavinn habe ich für 1000 Dukaten gekauft, sehet sie doch einmal an, ob sie euch gefällt. – Und indem er dieses sagte, entschleyerte er sie. Der Juwelier war wie aus den Wolken gefallen, als er seine Frau sah, und zwar geschmückt mit lauter Edelsteinen, die er selbst in der Arbeit gehabt hatte. Unter andern hatte sie auch die beyden Ringe am Finger, die ihm Zeit-Mond geschenkt hatte. – Wie heißt diese Sclavinn? fragte er. – Halima, antwortete Zeit-Mond. – Dieß war der wahre Name seiner Frau. – Jezt wußte der Juwelier nicht mehr, was er sagen sollte. Tausend Dukaten, sprach er, sind ja allein die beyden Ringe werth, die sie am Finger trägt; alles Übrige habt ihr also umsonst! – Das waren die einzigen Worte, die er vorbringen konnte. Das Feuer der Eifersucht durchströmte seine Adern, vorzüglich als er sehn mußte, wie Zeit-Mond, um ihn in Stand zu setzen, alle Schönheiten seiner Sclavinn zu würdigen, ihren Busen noch mehr befühlend untersuchte. Kaum hatte Zeit-Mond die Bude verlassen, als der Juwelier spornstreichs nach Hause lief. Aber seine Frau war schon vor ihm angekommen. Als er sie so in dem nämlichen Putz sitzen sah, worin er sie eben gesehen hatte, rang und wand er vor Erstaunen die Hände. Es ist keine Macht und Gewalt, außer bey dem großen Gott! sprach er. – Nun was erstaunst du denn so? sagte sie zu ihm. – Ich will es dir wohl sagen, sprach er, wenn du nicht darüber böse werden willst. Ich habe so eben eine Sclavinn gesehen, die unser Freund gekauft hat, und die dein zweytes Selbst schien, so sehr glich sie dir. – Wie, Elender! Du wagst es, meine Ehre durch einen so schändlichen Verdacht zu beschimpfen! Wie war es möglich–Stille! Stille! sprach der Juwelier, das wäre eben so gut möglich, wie so viele andre fast unglaubliche Streiche, die die Weiber ihren Männern spielen. – Fort! Fort! rief sie, überzeuge dich mit deinen eignen Augen, lauf hin zu unserm Nachbar, und siehe, ob du die Sclavinn nicht dort wieder findest. – Du hast Recht, erwiederte der Juwelier, es giebt keinen Verdacht, der nicht einer solchen überzeugenden Widerlegung wiche. – Er eilte also die Treppe hinab, und zum Hause hinaus, um zu Zeit-Mond zu gehen. Halima war schon da, und ihr Mann wurde so bestürzt und verlegen über diese vollkommne Ähnlichkeit, daß er nicht wußte, was er sagen sollte. Gott ist groß! rief er; er schafft die Spiele der Natur, und alles, was er will. – Hierauf gieng er wieder nach Hause, fand seine Frau, wie er sie gelassen hatte, und überhäufte sie mit Lobsprüchen und Liebkosungen. Hierauf gieng er wieder in seine Butike, und Halima durch den Schrank zu Kamarolseman. Jezt, sprach sie zu ihm, bleibt uns weiter nichts übrig, als uns reisefertig zu machen. Hier sind noch vier Beutel, kaufe Mamluken, und mache die nöthigen Anstalten zur Reise, was mich betrifft, so habe ich schon die nöthigen Verfügungen getroffen; aus Liebe zu dir verlasse ich alles; gehe dann hin, nimm Abschied von meinem Mann, bezahle ihm die Hausmiete, und laß uns sehn, was er angiebt.

Zeit-Mond gieng also zum Juwelier, um ihm zu melden, daß er beschlossen habe, zu verreisen, und um ihn zu fragen, was er für die Hausmiethe schuldig sey. Ihr beschämt mich, erwiederte der Juwelier; ihr habt mir so viele Beweise eurer Güte und Freygebigkeit gegeben, und sprecht noch von dieser elenden Kleinigkeit. Ach, mein Freund! Wie unglücklich werde ich seyn, wenn ich von euch getrennt bin. – Hierauf fieng er an zu weinen, und um selbst in den noch übrigen zwey Tagen keine Pflicht der Freundschaft unerfüllt zu lassen, half er ihm noch beym Einpacken. Halima, die sich nicht gern von ihrer getreuen Sclavinn trennen wollte, wußte es so zu machen, daß sie mit Einwilligung ihres Mannes in Kamarolseman's Haus kam. Sie schlug sie nämlich, als ob sie gegen sie aufgebracht sey, und bat dann ihren Mann, daß er sie verkaufen, oder dem Kamarolseman auf seine Reise ein Geschenk damit machen möchte. Der Juwelier nahm die Sclavinn, führte sie zu Kamarolseman, und sagte zu ihm: Hier ist eine Sclavinn, die es an dem gehörigen Respekt gegen meine Frau hat fehlen lassen, aber sie kann eurer andern Sclavinn Halima zur Reisegefährtinn dienen.

Am Tage der Abreise endlich war der Juwelier sogar noch in dem Augenblick bey Zeit-Mond, als man die Kameele belud. Geht, sprach Zeit-Mond zu Halima und der Sclavinn, geht und küßt dem Herrn die Hand. – Sie küßten also dem Juwelier die Hände, und er half ihnen selbst in die Sänfte steigen. So reisten sie ab, die Reise war glücklich, und sie kamen ohne irgend einen widrigen Zufall in Egypten an. Gleich bey seiner Ankunft an den Gränzen seines Vaterlands hatte Zeit-Mond schon von El-Arisch aus einen Kurir an seinen Vater abgefertigt, um ihm seine glückliche Rückkehr zu melden. Man kann sich die Freude des Vaters vorstellen, der seit so langer Zeit von seinem Sohne keine Nachricht gehabt hatte. Er sowohl als all seine Freunde unter den Kaufleuten kamen dem zurückkehrenden Sohn bis an die Vorstadt Adelie Diese Stelle würde allein hinreichen, um zu beweisen, daß dieses Mährchen eines der neuesten unter allen diesen in Egypten gemachten Mährchen ist. Die Vorstadt Adelie hat ihren Namen von einer Moschee, die vom König Melekoladel aus der Dynastie der Ejubiden im siebenten Jahrhundert der Hegira erbaut wurde. Anm. des franz. Übersetzers entgegen, von wo sie ihn im Triumph nach Hause führten. Als Halima aus ihrer Sänfte stieg, wurden aller Augen von ihrer Schönheit geblendet. Ist es eine Prinzessin? fragte Zeit-Monds Vater. – Nein, antwortete Halima, ich bin die Gattin deines Sohnes. Als sich die übrige Gesellschaft entfernt hatte, nahm Abdorrahman seinen Sohn Zeit-Mond auf die Seite, und fragte ihn: Wer ist denn diese Frau, die du uns mitgebracht hast? – Es ist die Schönheit, antwortete er, die der geheime Beweggrund meiner Reise war, die nämliche, von der der Derwisch sprach, und die ich jezt zu heurathen gedenke. – Hierauf erzählte er sehr umständlich alle seine Abentheuer bis zur Entführung der Halima. – Mein Fluch treffe dich in dieser und in jener Welt, sprach Abdorrahman, wenn du darauf beharrst, diese Spitzbübinn zu heurathen. Bedenkst du nicht, daß es dir eben so gehen kann, wie ihrem ersten Mann, den sie so schändlich betrogen hat. Laß dir von mir ein Mädchen von guter Familie und unbescholtenen Sitten aussuchen. Zeit-Mond wurde durch die Vorstellungen seines Vaters erschüttert, und versprach ihm, daß er sie nicht heurathen wolle. Abdorrahman umarmte ihn, und gab sogleich Befehl, daß man Halima und ihre Sclavinn als Gefangene in einem Pavillon bewachen, und eine Negerinn ihnen zu essen und zu trinken bringen sollte, ohne daß sie mit irgend Jemand Gemeinschaft haben dürften.

Hierauf suchte man in der ganzen Stadt eine passende Parthie für Kamarolseman. Nachdem man mehrere vorgeschlagen und verworfen hatte, verlobte Abdorrahman seinen Sohn mit der Tochter des Mufti, die die erste Schönheit von Cairo, und noch weit schöner als Halima war. Das Verlöbniß wurde mit allen möglichen Feyerlichkeiten gehalten. Die Gastmähler, Illuminationen, Tänze und Spiele dauerten ganzer vierzig Tage. Der lezte Tag war ein Fest für die Armen, die man von allen Seiten herbeyrief, damit sie an den für sie gedeckten Tischen speisten. Siehe da gieng ein zerlumpter, und von der Sonne auf der Reise ganz verbrannter Mann vorbey. Zeit-Mond faßte ihn schärfer in's Auge, um ihn herbeyzurufen, und erkannte in ihm den Juwelier Asti Obeid.

Nachdem er nämlich seiner eignen Frau in die Sänfte geholfen, und von Zeit-Mond Abschied genommen hatte, war er in seine Butike gegangen, und dort den ganzen Tag bey seiner Arbeit geblieben. Erst sehr spät gieng er wieder nach Hause. Da er hier weder seine Frau noch seine Kostbarkeiten fand; so merkte er endlich, daß ihm seine Frau diesen Streich gespielt hatte, und wollte vor Verzweiflung sich selbst das Leben nehmen. Indessen behielt er doch noch Besinnung genug, um kein unnützes Aufsehen zu machen, und um seinen Feinden keine Veranlassung zu geben, ihn zu verhöhnen. Er faßte also den Entschluß, das Geheimnis seiner Schande zu verbergen. Er machte bekannt, er werde seinem Freund Zeit-Mond nach Cairo folgen, und seine Frau mit sich nehmen. Zugleich trug er seinen Freunden auf, daß sie, wenn man bey Hofe etwa nach ihm fragen sollte, nur sagen möchten, er sey mit seiner Frau nach Mekka gereist, um daselbst allerley einzukaufen. Er kaufte eine Sclavinn, die er in eine Sänfte sezte, und für seine Frau ausgab, und trat den Tag darauf seine Reise nach Egypten an.

Die Nachricht, daß der Juwelier mit seiner Frau abgereist sey, verbreitete unter den Einwohnern von Baßra die größte Freude, da sie dadurch von der Tyranney der Freytagspromenade befreyt wurden, während der sie allemal in den Moscheen seyn mußten, wenn sie nicht ihre Köpfe auf's Spiel setzen wollten. Als Asti Obeid Baßra verlassen hatte, widerfuhr ihm das nämliche Schicksal, das dem Kamarolseman begegnet war, kurz vorher, ehe er in Baßra einzog, das heißt, er wurde von den Arabern in der Wüste geplündert. Nun mußte er von Almosen leben, und schleppte sich so erbärmlich von Stadt zu Stadt, bis er nach Cairo kam, wohin jenes Gastmahl jezt eine große Menge Armer lockte. Zeit-Mond theilte seinem Vater seine Entdeckung mit. Laßt ihn nur essen und trinken, sprach dieser, laßt ihn Kaffee und Sorbet zu sich nehmen, nachher, wollen wir ihn schon mit Muße zum Erzählen bringen.

Als der Juwelier im Begriff war, wegzugehn, rief ihm Abdorrahman. Er näherte sich, erkannte Zeit-Mond, und war ganz versteinert vor Schaam. Zeit-Mond fiel ihm um den Hals, und benezte ihn mit Thränen. – So empfängt man seine Freunde nicht, sagte Abdorrahman; laßt ihn erst in's Bad gehn, und sich ankleiden. – Er ließ ihn also sogleich in's Bad führen, und ihm ein Kleid anlegen, das wenigstens 1000 Dukaten werth war. Die Hochzeitsgäste fragten Zeit-Mond, wer dieser Fremde sey? und er antwortete ihnen, er sey von Baßra, einer seiner besten Freunde, und ein reicher Juwelier von Profession. Man müsse nicht darüber erstaunen, ihn in einem so kläglichen Zustand zu sehen, da er wahrscheinlich in der Wüste den Arabern in die Hände gefallen sey, die ihm so mitgespielt hätten; er selbst habe dieses Schicksal gehabt, und er verdanke es einzig der Sorgfalt dieses Freundes, daß er sich nachher zu Baßra wieder erholt habe. – Durch diese Reden sezte er den Juwelier bey der ganzen Gesellschaft in große Achtung, und als dieser wieder kam, standen sie alle auf, und empfiengen ihn mit vielen Ehrenbezeugungen. Um die Empfindlichkeit und Schaam seines Gastes zu schonen, sagte jezt Zeit-Mond ganz laut, wie viel Dank er ihm für die Güte schuldig sey, mit der er von ihm in Baßra aufgenommen worden, sagte ihm noch eine Menge anderer Artigkeiten, und wiederholte sie unaufhörlich, damit der Juwelier keine Zeit hätte, den Mund zu öffnen, und von seiner Frau zu reden. – Als sie aber allein waren, sprach Abdorrahman zum Juwelier, ihr seht, daß wir in Gegenwart der Gesellschaft uns nicht auf den Beweggrund eingelassen haben, der euch hieher geführt hat. Es geschah blos, um eure eigne Ehre zu schonen. – Hierauf erzählte er ihm die ganze Intrigue. – Ihr seht, fuhr er dann fort, daß an der ganzen Sache nicht sowohl mein Sohn schuld ist, als eure Frau, die Verrätherin; denn ein Mann, der von einer Frau verführt wird, ist niemals schuldig, aber die Frau, die die Annäherungen und Angriffe eines Mannes nicht von sich weiset, ist es immer. – Leider fühle ich, daß ihr Recht habt, antwortete der Juwelier, und stieß einen tiefen Seufzer aus.

Hierauf nahm Abdorrahman seinen Sohn bey Seite. Er sieht ein, sprach er, daß seine Frau bey der ganzen Sache die Schuldige ist, jezt kommt es also nur darauf an, ob er ein Mann von Ehre, oder niederträchtig und schwach genug ist, um dieser Spitzbübinn zu verzeihen, um freywillig Hahnrey zu seyn. In diesem Fall ist mein Entschluß gefaßt. Mein Dolch soll ihn sowohl als seine Frau durchbohren, denn man erzeigt der Welt eine wahre Wohlthat, wenn man sie von Spitzbübinnen und niedrigen Gemüthern reinigt. – Hierauf gieng Abdorrahman wieder zum Juwelier, und sprach zu ihm: Eine Frau haben, mein Freund, ist nicht die Sache eines Augenblicks, und erfodert viele Gedult. Ihr wißt, daß wir ihr Joch tragen, und daß sie, wie das Sprüchwort sagt, wenn sie im Himmel wären, uns auch hintendrein zu ziehen im Stande wären. Verzeihen ist in Gottes Augen eine verdienstliche Handlung. Zeit-Mond ist euer Freund, und eure Frau hat bereut, was sie an euch gethan hat. Zeigt euch also großmüthig, und verzeiht ihr. Mein Rath ist, daß ihr euch mit ihr versöhnt. Wollt ihr bey mir bleiben, so soll es mir eine große Ehre seyn; wollt ihr in euer Land zurückkehren, so will ich euch alles geben, was ihr zu eurer Reise braucht. Besänftigt also euren Zorn, und geht zu eurer Frau. – Wo ist sie denn? fragte der Juwelier. – Seit der Ankunft meines Sohnes, erwiederte Abdorrahman, ist sie da unten in jenem Pavillon eingeschlossen. Ich habe für ihn eine andre Parthie ausgesucht, und wir haben eben heute die Feyerlichkeiten des Verlöbnisses geendigt. Da ist der Schlüssel zum Pavillon. – Der Juwelier ergriff ihn mit der Äußerung lebhafter Freude, und Abdorrahman folgte ihm von fern, mit einem Dolch bewaffnet, von dem er Gebrauch zu machen entschlossen war. An der Thür des Pavillons hörte der Juwelier seine Frau über die Verheurathung ihres Geliebten weinen und wehklagen. – Habe ich es euch nicht vom Anfang an gesagt, sprach die Sclavinn, daß die Geschichte mit dem hübschen Jungen ein schlechtes Ende nehmen würde. Das ist also die Belohnung für so viele Opfer, die ihr ihm gebracht habt, daß er euch sogleich nach seiner Ankunft hier einschließt. Schweig, Elende! sprach sie, ich will doch lieber um seinetwillen im Gefängniß schmachten, als bey meinem Mann in Freyheit seyn. – Warte, infame Brut, schrie der Juwelier, fiel über seine Frau her, und erwürgte sowohl sie als ihre Sclavinn. – Einen Augenblick darauf bereute er es wieder, daß er sich so hatte vom Zorn hinreißen lassen, und da er zugleich die Empfindlichkeit Abdorrahmans über diesen in seinem Hause verübten Mord fürchtete, so wollte er sich selbst das Leben nehmen, als Abdorrahman, der hinter der Thür Zeuge dieses ganzen Auftritts gewesen war, ihm in die Arme stürzte und sagte: Nun das heißt sich doch wie ein Mann von Ehre betragen; sehet diesen Dolch hier! Ich hatte beschlossen, euch sowohl als eure Frau und ihre Sclavinn damit zu durchbohren, Dieser Entschluß Abdorrahman's ist ganz im Geiste der arabischen Sitten, und hat nichts Übertriebenes. Ähnliche Beyspiele einer grausamen Strenge, mit der die Männer die verlezte Ehre ihres Harems rächten, haben in Egypten für die Landeseingebornen gar nichts Auffallendes. Die Tochter des Scheichs Albekri, eines der ersten Juristen, hatte sich während des Aufenthalts der Franzosen in Cairo der Strenge des Harems entzogen, und strich auf den Hauptwachen herum.
Sobald als die französische Armee Cairo verlassen hatte, wurde sie von ihren nächsten Anverwandten erdrosselt. Einige Stunden nach dieser Exekution sprach einer von diesen Anverwandten mit mir über diese Sache mit aller der Zufriedenheit, die uns die Überzeugung, eine tugendhafte und mit den Grundsätzen der Ehre übereinstimmende Handlung gethan zu haben, gewähren kann. Anm. des franz. Übersetzers.
wenn ihr so niederträchtig schwach gewesen wäret, und ihnen verziehen hättet. Jezt seyd willkommen in meinem Hause, und nehmt die Hand meiner Tochter Morgenstern, Kamarolseman 's Schwester, an.

Man sprengte hierauf aus, die beyden mit Kamarolseman angekommenen Weiber wären eines natürlichen Todes gestorben, und man begrub sie öffentlich. Abdorrahman gieng dann zum Mufti, und kündigte ihm an, daß die Hochzeit seiner Tochter an demselben Tage mit Zeit-Monds Hochzeit zugleich gefeyert werden sollte, und dieß geschah auch wirklich noch in der nämlichen Nacht zum großen Vergnügen Abdorahmans, Zeit-Monds und des Juweliers Obeid.

Einige Zeit nachher bekam der Leztere große Lust, sein Vaterland wieder zu sehn, und nahm Abschied von seinem Schwiegervater, um nach Baßra zurückzukehren. Seine Freunde, welche geglaubt hatten, er sey in Hedschaz, empfiengen ihn mit großer Freude. Nicht wahr, sprachen sie, Madam verschont uns künftig mit der Freytagspromenade? – Sie wußten nämlich noch kein Wort von allem dem, was vorgefallen war, und er hatte beschlossen, Niemanden etwas davon zu sagen. Allein der König wollte ihn dafür bestrafen, daß er es gewagt habe, ohne seine Erlaubniß eine Reise zu unternehmen, und er sah sich also in der Nothwendigkeit, ihm das Geheimniß seiner Geschichte zu offenbaren, und so ist es bis auf uns gekommen. Nach fünf Jahren starb der Juwelier, und der König wollte seine Wittwe heurathen. Allein sie weigerte sich standhaft, und sagte, die Frauen von Cairo wären zu wohl erzogen, um sich nach dem Tode des ersten Mannes jemals durch eine zweyte Heurath zu trösten. Daraus kann man sehen, daß es zwar unter den Weibern einige giebt, die verdienen, erdrosselt zu werden, wie Halima, daß es aber auch andre unter ihnen giebt, die wahre Muster der Treue sind, wie Morgenstern.

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