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Märchen aus Hundert und Einer Nacht

Joseph von Hammer-Purgstall: Märchen aus Hundert und Einer Nacht - Kapitel 15
Quellenangabe
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typefairy
authorJoseph von Hammer-Purgstal
titleMärchen aus Hundert und Einer Nacht
publisherGreno Verlagsgesellschaft m. b. H.
year1986
translatorAugust E. Zinserling
correctorreuters@abc.de
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Der Kaufmann von Omman.

Da der Chalife Harun Raschid einst des Nachts kein Auge zuthun konnte, so befahl er dem Obersten der Verschnittenen, Mesrur, daß er ihm den Wesir Dschafar holen sollte. Dschafar, sprach der Chalife, ich stehe diese Nacht die entsetzlichste Langeweile aus; weißt du nichts, womit ich mir sie vertreiben könnte? – Sire, erwiederte Dschafar, die Weisen behaupten, daß Weiber, Musik und das Bad kräftige Mittel gegen die Langeweile sind. – Ich habe das alles versucht, entgegnete Harun, und ich schwöre bey meinen glorreichen Ahnherrn, daß ich dir den Kopf abschlagen lasse, wenn du kein Mittel findest, meine Langeweile zu vertreiben. – Sire, versezte Dschafar, thut, was ich so frey bin, euch zu rathen. – Und worin besteht das? – Besteigt ein Fahrzeug, und schifft den Tiger hinab bis an die Stelle, welche Karkes-Sirath heißt. Vielleicht sehen oder hören wir etwas Neues. Denn es giebt kein kräftigeres Mittel gegen die Langeweile, als wenn man etwas sieht, was man noch nicht gesehen hat, etwas hört, was man noch nicht gehört hat, und seinen Fuß dahin sezt, wo man ihn vorher noch nicht hingesezt hatte. – Es sey! sprach Harun, und nahm den Wesir Dschafar, seinen Bruder Fasi, den Barmeziden, seine vertrauten Gäste, den Musiker Ishak, und den Dichter Abunuvas, den Polizeylieutenant Ahmed ed-deuf, den Garderobe-Aufseher Abudelf und den Obersten der Verschnittenen und Vollstrecker der höchsten Aussprüche der Gerechtigkeit mit sich. Sie verkleideten sich alle als Kaufleute, bestiegen ein Fahrzeug, und schifften den Tigris hinab. Als sie nahe bey dem Orte waren, den Dschafar als das Ziel ihrer Exkursion bezeichnet hatte, hörten sie eine Stimme, die einen sehr traurigen Gesang sang, der die zärtlichsten Empfindungen athmete. – Ah! Wie schön ist das? rief Harun aus. – Bey meiner Ehre, sprach Ishak, ich habe nie etwas schöneres gehört, aber wenn man den Gesang, den man hinter einem Vorhange hört, nur halb genießt, wie viel mehr verliert man nicht, wenn man ihn hinter einer Mauer hört! – Auf! Dschafar, sagte Harun, wir wollen uns in dieses Haus einzuschleichen suchen, vielleicht bekommen wir die Frau vom Hause zu sehen. – Sie stiegen also bey dem Hause an's Land, aus welchem die Stimme herzukommen schien, und hier empfieng sie ein junger und wohlerzogener Mensch der sie willkommen hieß. Sie traten in einen Saal, der von Azur und voller Vergoldungen war, in der Mitte dieses Saals war ein großes Bassin, und um dieses Bassin herum saßen 100 Sklavinnen, die schön waren wie der Mond. Als sie die Stimme des jungen Mannes, ihres Herrn, hörten, standen sie auf, und dieser wandte sich an Dschafar, der unter der ganzen Gesellschaft das ansehnlichste Äußere hatte. Ich weiß nicht, meine Herrn, sagte er, wer von euch der Erste oder der Lezte ist. Aber habt die Güte, euch in der Ordnung hinzusetzen, wie es euch gefällig ist, der Erste unter euch nimmt den Ehrenplatz ein, und die andern setzen sich neben ihm. Wenn ihr es erlaubt, so wird man euch ein Abendessen auftragen. Sogleich brachten vier Sclavinnen mit aufgeschürzten Kleidern mehr als 100 Schüsseln, die alle in Geschmack und Farbe von einander verschieden waren. Gebratenes und Backwerk aller Art, Konfitüren und Kramtorten, auf welchen mit Pistazien Verse geschrieben waren.

Als die Tafel aufgehoben war, wusch man sich die Hände, und der junge Mann fragte, ob er ihnen mit sonst noch etwas dienen könne. Die Gäste erwiederten, sie wären einzig blos desßhalb hieher gekommen, um die schöne Stimme zu hören, die sie durch ihren Gesang so bezaubert habe. – Der junge Mann wandte sich darauf zu einer Sclavinn, und sagte zu ihr: Ruft eure Gebieterinn! und dabey nannte er ihren Namen. Die Sclavinn entfernte sich, und kehrte bald darauf mit einem Sessel in der Hand zurück. Ihr folgte eine Sclavinn, deren Schönheit über jede Beschreibung erhaben ist. Sie zog aus einem Futteral von Atlas eine Laute hervor, die mit Rubinen und Smaragden geschmückt war. Als wenn es ihr Kind wäre, legte sie sie dann an ihren Busen, stimmte sie, und liebkoste ihr, wie ein Kind seiner Mutter liebkost. Jezt fieng sie an, die Laute zu schlagen, und sang:

»Den Liebenden entflieht die Zeit; vergebens schmeicheln sie sich, daß sie ihnen Freude bringen soll.

Der Nachtwind erhebt sich, ich habe den Mond, ich habe die Sterne aufgehn sehn. Wie viel Nächte habe ich nicht, die Blicke auf die schwarzen Fluthen des Tigris gerichtet, durchwacht, ehe die Fluthen das Licht des Mondes zurückstrahlten!

Wie oft habe ich nicht den Mond untergehen sehen, der in Gestalt eines purpurrothen Schwerdtes gegen Abend hinabsank!«

Als sie geendigt hatte, brach sie in Thränen und Klagen aus, die ganze Gesellschaft war durch den unübertreffbaren Ausdruck ihres Gesangs bis zu Thränen gerührt. Es ist also, sprach Harun, eine unglückliche Liebende, die von ihrem Geliebten getrennt ist. – Nein, erwiederte der junge Mann, sie beklagt bloß die Abwesenheit ihrer Eltern. – So beweint man die Eltern nicht, sagte Harun zu der übrigen Gesellschaft. Dieß sind Thränen, die um einen Geliebten fließen. – Hierauf wandte er sich an Ishak. Noch nie, sprach er zu ihm, habe ich etwas Ähnliches gehört. – Ich auch nicht, Beherrscher der Gläubigen, erwiederte Ishak, der in seiner künstlerischen Begeisterung ganz das Inkognito vergaß. – Der junge Mann verlor die Fassung nicht. Er bezeugte dem Chalifen seine Verehrung, und da dieser ihn jezt schärfer ansah, so bemerkte er, daß er eine gelbe Farbe hatte. Was fehlt euch? fragte der Chalife. Ist das eure natürliche Farbe, oder hat euch der Kummer so gelb gemacht? – Ach, Beherrscher der Gläubigen, antwortete der junge Mann, meine Geschichte ist sehr sonderbar. – So erzählt sie mir, sprach Harun, vielleicht steht es in meiner Macht, eure Leiden zu mindern.

Ich bin, begann der junge Mann, der Sohn eines sehr reichen Kaufmanns aus der Stadt Omman. Mein Vater hatte dreyßig Schiffe auf dem Meere, die ihm alle Jahre 30 000 Dukaten einbrachten. Über meine Erziehung hatte er mit vieler Sorgfalt gewacht, und selbst auf dem Sterbebette noch hörte er nicht auf, mir Lehren der Weisheit und Tugend zu geben. Eines Tages, als ich mich in der Gesellschaft einiger Kaufleute befand, kam einer meiner Sclaven, und meldete einen Mann an, der mich zu sprechen verlangte. Ich ließ ihn hereinkommen, und nachdem er einen Korb aufgedeckt hatte, den er auf dem Kopfe trug, überreichte er mir sehr seltne Früchte, wie ich sie dort noch gar nicht gesehen hatte. Ich gab ihm 100 Dukaten dafür, und fragte meine Gefährten, wo diese Früchte und dieser Mensch her wären. Sie nannten mir Baßra, und sprachen bey dieser Gelegenheit mit solchem Enthusiasmus von Bagdad und Baßra, von den Wunderdingen dieser Städte und ihren Einwohnern, daß ich der Begierde nicht widerstehen konnte, eine Reise dahin zu unternehmen, um mich mit meinen eignen Augen zu überzeugen, ob diese Lobeserhebungen gegründet wären oder nicht.

Ich verkaufte mein ganzes Waarenlager und meine Schiffe, so daß ich außer den Juwelen und Edelsteinen, die ich gern behalten wollte, gerade eine Million Dukaten in baarem Gelde hatte. Ich belud ein Fahrzeug, kam glücklich in Baßra, und von da in wenigen Tagen in Bagdad an, wo ich mich sogleich nach dem schönsten Quartier der Stadt erkundigte. Man nannte mir das Quartier Karakh, und ich miethete daselbst ein schönes Haus in der Safranstraße.

Als ich einst des Freytags in der Moschee Mansuri mein Gebet verrichtet hatte, gieng ich spazieren, bis ich an den Ort kam, der nicht weit von hier ist, und Karnes-Sirath oder Vereinigung der Wege heißt. Hier sah ich einen schönen Palast vor mir, der am Ufer des Flusses lag, und auf der Seite nach der Stadt zu mit schönen eisernen Gittern umgeben war. Ich sahe, daß sich viele Menschen nach diesem Gitter zu hindrängten, und näherte mich ihm ebenfalls, um zu sehen, was es da gäbe. Ich erblickte, als ich näher kam, die Gestalt eines Greises, der sehr gut gekleidet und parfümirt war, und einen langen weißen Bart hatte, der bis über die Brust herabhieng. Um ihn herum standen einige Sclaven. Man sagte mir, es sey Taher, der Sohn Olas, ein großer Freund von jungen Leuten, der allen, die eine Nacht bey ihm zubringen wollten, die beste Aufnahme wiederfahren lasse. – Das ist ja gerade, was ich will, sagte ich bey mir selbst, schon lange suche ich so etwas. – Ich näherte mich ihm also, grüßte ihn, und bat ihn um die Erlaubniß, diesen Abend bey ihm speisen zu dürfen. – Seyd mir willkommen, mein Kind, antwortete er mir. Ihr sollt nach eurem Gefallen bedient werden. Ich habe Sclavinnen zu zehn, zwanzig und vierzig Dukaten für eine Nacht, ich habe welche, die noch mehr kosten. Ihr sollt die Wahl haben. – Gebt mir eine zu zehn Dukaten die Nacht, erwiederte ich, und hier sind gleich 300 Dukaten für den ganzen Monat. – Er wies mich hierauf an einen seiner Bedienten, der mich in's Bad, und von da zu einem Kabinet führte, an dessen Thür er anklopfte. Eine Sclavinn, schön wie der Mond, öffnete sie. Dieses ist euer Gast, sprach der Sclave, Adieu! – Ich sahe mich um, und wurde eben so sehr bezaubert von der zierlichen Ausmöblirung des Zimmers, als von der Schönheit meiner Geliebten, die zwey andre Sclavinnen zu ihrer Bedienung hatte. Sie gab ihnen ein Zeichen, daß sie das Abendessen auftragen sollten, das köstlich zubereitet war, und nachdem man das Essen aufgeräumt hatte, wurden die ausgesuchtesten Früchte und Weine aufgesezt. Ich fand in meiner Geliebten eine lustige, einnehmende und vortreffliche Gesellschafterinn. Ich brachte einen Monat bey ihr zu, und gieng dann wieder zu dem Freund der jungen Leute. Ich möchte es jezt, sagte ich zu ihm, mit einer Sclavinn zu zwanzig Dukaten die Nacht versuchen. Hier sind 600 Dukaten für einen ganzen Monat. Man führte mich ins Bad, und von da in ein andres Zimmer, wo eine außerordentlich schöne Armenierinn mich als ihren Gast empfieng. Sie hatte vier Sclaven zu ihrer Bedienung, und war eine vortreffliche Sängerinn.

»O wohlriechender Duft des babylonischen Landes, sang sie, ich beschwöre dich, trage meine Grüße dahin. Dort wohnt sie, die die Liebenden wahnsinnig macht, ohne ihnen den geringsten Genuß zu gewähren.«

Ich brachte mit ihr einen Monat auf's köstlichste hin, und begab mich dann zum alten Freund der jungen Leute, um einen Akkord auf den dritten Monat für vierzig Dukaten mit ihm zu machen. Allein er sagte mir, ich müsse wenigstens noch eine Nacht warten, denn diese Nacht sey zu einem allgemeinen Feste für alle diese Mädchen bestimmt, wo sie ihr Vergnügen für sich hätten. Er schlug mir also vor, daß ich diese Nacht auf der Terrasse zubringen möchte. Nachdem ich lange auf der Terrasse spazieren gegangen war, bemerkte ich ein Licht, das durch eine Spalte drang. Ich legte mich auf die Erde, und sah in ein reich möblirtes Zimmer hinab, wo man sich eben bloß unter vier Augen auf eine äußerst zärtliche Weise unterhielt. Ich war außer mir, Beherrscher der Gläubigen, als ich ein Mädchen von außerordentlicher Schönheit, und dieses Mädchen in den Armen eines andern sah. Ich stieg die Terrasse hinab, und begab mich in den Saal, wo alle Mädchen versammelt waren, und fragte die eine von meinen beyden vorigen Geliebten, wer diejenige sey, die mich so eben um meinen Verstand gebracht habe. Sie lachte. Das ist ROSA, sagte sie, die Tochter Tahers, des Sohns Ola's, der der Herr vom Hause ist. Sie ist unsre Gebieterinn, und wir andern, so viel ihr unser hier seht, sind bloß ihre Sclavinnen. Aber wißt ihr auch, was eine von ihren Nächten kostet? Nicht weniger als 500 Dukaten. Es ist ein Bissen für einen König. – Bey Gott, rief ich, ich muß sie haben, und sollte ich mich auch ganz dadurch zu Grunde richten.

Ich konnte kaum erwarten, bis es Tag wurde. Mit dem Anbruch der Morgenröthe begab ich mich zu dem Greis, und verlangte diejenige von ihm, bey der eine Nacht 500 Dukaten koste. Sehr wohl, erwiederte er, zählt nur das Gold auf. Ich zahlte ihm hierauf 15 000 Dukaten für einen ganzen Monat. Man führte mich in's Bad, und von da in ein äußerst zierliches Zimmer. Hier fand ich meine Schöne, deren Schönheit über allen Ausdruck der Sprache erhaben ist. Auf sie mußte man jene Worte des Dichters anwenden:

»Wenn sie mitten unter den Ungläubigen erschienen wäre, so würden sie sie als ein Götterbild angebetet haben.

Wäre sie mitten im Meer erschienen, so würde sie durch das Naß ihres Mundes die salzigen Fluthen in süßes Wasser verwandelt haben.

Wäre sie im Orient erschienen, und hätte einen einzigen Blick gegen Abend gewandt, so würde sie den ganzen Occident zu sich hingerissen haben.«

Oder jene Worte eines andern Dichters:

»Die Bogen ihrer Augenbrauen, die Rosen ihrer Wangen, die Süßigkeit ihrer Lippen, die Gestalt ihrer Hüften machen alle Männer zu ihren Sclaven.«

Ich grüßte sie, und sie erwiederte meinen Gruß. Ich fühlte mich durch ihre Blicke tödtlich verwundet. Nachdem sie mich hatte neben sich setzen lassen, brachten uns vier Sclavinnen Konfekt, Früchte und ausgesuchte Weine, die der Tafel eines Königs Ehre gemacht haben würden. Um uns her verbreiteten wohlriechende Kräuter ihre Wohlgerüche. Dann zog sie aus einem Futteral von Atlas eine elfenbeinerne Laute, stimmte sie mit vieler Genauigkeit, und sang:

»Die glücklichste Zeit ist die der Vereinigung dessen, was sich liebt, wenn der Wein in Strömen fließt, und deinen Augen die seltensten Schönheiten sich enthüllen.«

Ich blieb so lange bey ihr, Beherrscher der Gläubigen, bis ich all mein Geld auf diese Weise durchgebracht hatte. Bitterlich weinte ich dann, als ich mich mit meiner Kasse auf dem Trocknen sah. Da sie mich herzlich liebte, so nahm sie an meinem Kummer aufrichtigen Antheil. Es ist ganz ausgemacht, sagte sie zu mir, daß euch mein Vater nach seiner Gewohnheit in drey Tagen nöthigen wird, euch von hier zu entfernen, wenn ihr keinen Heller mehr in der Tasche habt. Aber verlaßt euch nur deßfalls auf mich. Mein Vater ist ungeheuer reich, und alle seine Schätze sind in meinen Händen. Ich will euch einen Beutel mit 500 Dukaten geben, den ihr meinem Vater jeden Morgen gebt, und ihm dabey sagt, ihr würdet künftig nicht mehr monatsweise, sondern jede Nacht besonders bezahlen. Ich will dann schon dafür sorgen, daß ihr jeden Abend den Beutel wieder bekommt.

Auf diesem Fuß lebte ich ein ganzes Jahr lang. Allein da sie eines Tages eine von ihren Sclavinnen geschlagen hatte, so lief diese, um sich zu rächen, zum Vater meinet Schönen, und entdeckte ihm unser ganzes Einverständniß. Taher, der Sohn Olas, kam sogleich auf mein Zimmer. Ich pflege mich sonst gewöhnlich der Gäste, die nicht bezahlen können, innerhalb drey Tagen zu entledigen, sagte er zu mir, aber ihr habt mich, wie ich höre, ein ganzes Jahr lang geprellt. Geschwind, legt eure Kleider ab, und verlaßt je eher je lieber die Stadt, wenn euch euer Leben lieb ist. – Man zog mir hierauf meine Kleider aus, und sezte mich nackt vor die Thüre. Ich war voller Verzweiflung, daß ich auf diese Weise den ganzen Gewinn der Betriebsamkeit meines Vaters durchgebracht hatte. Drey Tage lang irrte ich durch die Straßen von Bagdad, ohne die geringste Nahrung zu mir zu nehmen. Am vierten Tage schiffte ich mich auf einem Fahrzeuge ein, das nach Baßra fuhr. Hier traf ich einen Kaufmann an, der mit Farben handelte, und ein alter Freund meines Vaters war. Er empfieng mich auf eine äußerst freundschaftliche Weise, und als ich ihm meine Abentheuer erzählt hatte, fragte ich ihn um Rath über das, was ich jezt anfangen solle. – Das Beste, was ihr thun könnt, erwiederte er, ist, daß ihr als Handlungsdiener in meinen Dienst tretet. Ihr bekommt, außer freyen Tisch, täglich zwey Drachmen. – Ich nahm den Vorschlag an, und blieb auf diese Weise über ein Jahr bey diesem Kaufmann. Während dieser Zeit hatte ich 100 Dukaten erspart, mit denen ich kleine Spekulationen zu machen anfieng.

Als eines Tages ein Fahrzeug von Bagdad angekommen war, begab ich mich mit mehreren Kaufleuten an Bord. Man verkaufte hier viele Waaren, und als die Auktion zu Ende war, zog der Verkäufer einen mit Edelsteinen angefüllten Beutel hervor, und sagte: Dieß ist das Lezte, was ich noch zu verkaufen habe, aber wir wollen das bis Morgen anstehn lassen. Ich werde blos 400 Dukaten dafür fodern. – Als dieser Mann, der mich ehemals gekannt hatte, sah, daß ich während der ganzen Versteigerung schwieg, fragte er mich um die Ursache. Was für ein Gebot hätte ich denn thun können? erwiederte ich, mein ganzes Vermögen besteht in 100 Dukaten. – Die Thränen traten mir bey diesen Worten in die Augen. – Nun gut, sagte er, ich will euch diesen Beutel für 100 Dukaten lassen, ob ich gleich weiß, daß er bey der Versteigerung auf 1000 Dukaten würde getrieben worden seyn, und daß er wohl noch mehr werth ist. – Das war die Wahrheit. Ich dankte meinem Wohlthäter, und eröffnete auf dem Markte der Juweliere eine Butike.

Unter den Steinen, die sich im Beutel befanden, war auch ein Stück Schildkrot, dessen Gebrauch und Werth ich nicht kannte. Ich ließ es verschiedene Male ausrufen, allein man bot mir nur zehn bis fünfzehn Drachmen dafür. Ich warf es hierauf in einen Winkel meiner Butike, und ließ es da liegen. Eines Tages kam ein Fremder in meine Butike. Gott sey gelobt, sprach er, als er das Stück Schildkrot erblickte, hier finde ich gerade, was ich suche. Wie viel verlangt ihr dafür? – Die Begierde des Fremden erregte meine Aufmerksamkeit. Ich sagte ihm, er möchte mir so viel dafür geben, als er wollte. – Hierauf bot er mir 20 Dukaten. Ich war damit nicht zufrieden. Er bot 100, 1000, 10 000, 20 000, 30 000 Dukaten, und ich würde es ihm selbst für diesen Preis noch nicht gegeben haben, wenn die Leute, die sich in großer Anzahl um meine Butike versammelt hatten, nicht geschrieen hätten, es sey nicht erlaubt, daß ich für ein elendes Stück Schildkrot noch mehr haben wolle. Ich verkaufte es also endlich für 30 000 Dukaten, und unter der Bedingung, daß der Käufer mir sagen solle, was er damit anzufangen gedenke. Als das Geld bezahlt war, sagte er zu mir: Armer Thor! Wenn du 100.000, wenn du eine Million Dukaten von mir gefordert hättest, so würde ich sie dir ohne Schwierigkeit gegeben haben. – Bey diesen Worten stieg mir das Blut in's Gesicht, ich fühlte, daß in meinem Körper eine plötzliche Veränderung vorgieng, die diese gelbe Farbe hervorbrachte, die ich seit dieser Zeit behalten habe. Ich bestand darauf, daß der Mann mir sein Geheimniß entdecken sollte. So wisse denn, sagte er zu mir, daß der König von Jemen eine Tochter hat, die seit langer Zeit von einem unerträglichen Kopfschmerz gepeinigt wurde. Die geschicktesten Ärzte, die erfahrensten Magier hatten vergeblich versucht, es zu vertreiben. Da gab Jemand dem König den Rath, daß er eine Gesandtschaft an den Babylonier Saadallah schicken möchte, der mit den verborgensten Geheimnissen der Arzneykunde vertraut sey. Mir wurde dieser Auftrag gegeben, und man gab mir zugleich einen Präsentirteller von Onyx und 100.000 Dukaten in Golde mit. Ich begab mich also nach Babylon, und ließ mich dem Scheich Saadallah vorstellen. Er nahm ein Stück Schildkrötenschaale, um ein Amulet daraus zu machen. Sieben Monate brachte er beständig mit Beobachtungen der Sterne und Zeichnung der Talismane zu, die ihr hier eingegraben seht. Ich kehrte hierauf an den Hof des Königs zurück, und die Prinzessinn hatte kaum das Amulet berührt, als sie sich auch schon geheilt fühlte. Seit dieser Zeit führte sie es beständig bey sich, und ich wurde von Seiten des Königs mit den reichsten Geschenken überhäuft.

Als die Prinzessinn eines Tages ein Fahrzeug bestieg, riß sich das Amulet los, und fiel in's Meer, und von diesem Augenblick an stellte sich der Kopfschmerz, mit Anfällen des Wahnsinns begleitet, wieder ein. Der König gab mir ungeheure Schätze, damit ich noch einmal zum babylonischen Scheich reisen und ein neues Amulet von ihm verfertigen lassen sollte. Allein ich fand ihn todt. Seit dieser Zeit haben außer mir zehn Personen alle Länder der Erde durchstrichen, um jenes Amulet wieder zu finden, das der Zufall euch in die Hände gespielt hat.

Nachdem der Fremde mir diese Aufklärungen gegeben hatte, grüßte er mich, und reiste ab. Ich begab mich meinerseits mit meinen neuen Reichthümern geradewegs nach Bagdad in den Palast des Scheichs Taher, des Sohns Ola's, und erkundigte mich nach ihm und seiner Tochter. Die Fröhlichkeit war aus unserm Haus verschwunden, sagte mir eine Sclavinn, seit Taher einen jungen Kaufmann aus Omman, der der Geliebte seiner Tochter war, vor die Thür hatte setzen lassen. Tahers Tochter fiel von jenem Tage an in eine tödtliche Auszehrung; der Vater bereute es tausendmal, daß er den jungen Mann fortgeschickt hatte, und versprach demjenigen 1000 Dukaten, der ihn wieder bringen würde. Allein alle Bemühungen, Nachricht von ihm einzuziehen, sind vergeblich gewesen, und Tahers Tochter ist im Begriff, ihren Geist aufzugeben. – Nun gut, sagte ich, ich kann euch vom Kaufmann aus Omman Nachricht geben. – Ist es wirklich wahr? fragte sie mich, und als ich ihr es auf's Neue versichert hatte, eilte sie schnell wie ein Esel, den man so eben von der Mühle losgebunden hat, davon. Einen Augenblick darauf kam sie mit dem Scheich wieder, der ihr die versprochenen 1000 Dukaten gab. Der Scheich fiel mir hierauf um den Hals. Wo seyd ihr gewesen? sprach er; meine Tochter hat nur noch einen Schritt zum Grabe. – Hierauf gieng er wieder hinein zu seiner Tochter, um ihr mit der gehörigen Vorsicht meine Ankunft zu melden. Sie wollte es anfangs nicht glauben, bis ich endlich selbst in ihr Zimmer geführt wurde. Da hob sie sich im Bett in die Höhe, stürzte in meine Arme, und nahm dann zum ersten Mal seit langer Zeit wieder einige Nahrung zu sich. Ihr Vater ließ den Richter und Zeugen kommen, man sezte den Heurathskontrakt auf, und seit dieser Zeit ist Tahers Tochter meine Gemahlinn geblieben. Sie ist es, die so eben diese melancholische Arie gesungen hat, die zu ihrem Charakter stimmt, wiewohl wir übrigens in der glücklichsten Ehe leben.

Der Chalife nahm hierauf Abschied. Dschafar, sprach er, als er wieder in dem Fahrzeug war, ich habe nie etwas Sonderbareres gehört und gesehn. – Als Harun wieder in dem Palast angelangt war, befahl er Mesrur, daß er drey Pakete voll der reichsten Waaren von Basra, Bagdad und Chorassan zusammenlegen, und den jungen Kaufmann von Omman rufen sollte. Er kam, zitternd vor Furcht, daß er vielleicht, ohne es zu wollen, einen Fehler begangen habe, wofür er jezt Rede stehen solle. Der Chalife befahl hierauf, daß man den Vorhang aufheben sollte, der die Haufen der reichen für den Kaufmann von Omman bestimmten Waaren verbarg. Alles das gehört euch, sprach der Chalife, ich gebe es euch, um euch für den Verlust zu entschädigen, den ihr bey dem Verkauf des Stücks Schildkrot erlitten habt. – Diese Überraschung machte auf den jungen Kaufmann einen so plötzlichen Eindruck, und brachte eine solche Revolution in seinem Innern hervor, daß das Blut, dessen Zurücktreten aus den Adern die gelbe Farbe hervorgebracht hatte, wieder seinen gewöhnlichen Lauf nahm, und dem jungen Kaufmann den schönsten Teint wieder gab.

Gelobt, sprach der Chalife, sey Gott, der auf diese Weise Veränderungen auf Veränderungen als das einzige Mittel gegen die Langeweile folgen läßt.

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