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Märchen aus Hundert und Einer Nacht

Joseph von Hammer-Purgstall: Märchen aus Hundert und Einer Nacht - Kapitel 14
Quellenangabe
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authorJoseph von Hammer-Purgstal
titleMärchen aus Hundert und Einer Nacht
publisherGreno Verlagsgesellschaft m. b. H.
year1986
translatorAugust E. Zinserling
correctorreuters@abc.de
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Das Mährchen von Abukir und Abussir.

Es war einmal in der Stadt Alexandrien ein Färber, mit Namen Abukir, und ein Barbier, welcher Abussir hieß. Beyde hatten ihre Butiken neben einander auf dem Markte. Der Färber war ein arger Schelm, der, ohne sich im geringsten ein Gewissen daraus zu machen, Jedermann betrog. Wenn man ihm einen Stoff zu färben brachte, so verlangte er unter dem Vorwande, daß er Farben kaufen müsse, Vorschuß, und dieses Geld brachte er, so wie er es in die Hände bekam, durch. Dann bestellte er unter allerley Vorwänden seine Leute von einem Tag zum andern zu sich, und zulezt spielte er den Unglücklichen und Verzweifelten, und schwur, man habe ihm den Stoff gestohlen, er habe alles Mögliche gethan, um auf dem Markte gerade so ein Stück zu finden, allein es sey kein solches Zeug auf dem Markte zu haben. Dieß glückte ihm einige Zeitlang, allein endlich wurde die Sache in der ganzen Stadt bekannt, und er verlor seinen Kredit.

Als er einst einem Manne, der im Lande viel galt, denselben Streich spielen wollte, ließ dieser seine Butike versiegeln, allein man fand nichts darin, als einige zerbrochene Töpfe. Es ist doch sonderbar, sprach der Barbier zum Färber, daß alle Spitzbuben sich in deiner Butike einnisten, während ich in der meinigen, die doch dicht daneben liegt, keinen einzigen sehe. – Abukir machte seinem Nachbar kein Geheimniß daraus, wie es eigentlich mit der Sache zugieng, er gestand ihm, daß die Armuth ihn gezwungen habe, solche Streiche zu spielen. – Ich kann eben so wenig von großem Gewinn bey meinem Metier sagen, erwiederte der Barbier, allein die Furcht vor Gott hält mich ab, solche Ungerechtigkeiten zu begehen. – So laß uns also, mein Bruder, sprach Abukir, da wir alle beyde unsers Metiers überdrüssig sind, dieses Land verlassen, und auf Reisen gehen. Weißt du nicht, was ein Dichter zum Lobe des Reisens sagt?

»Flieht euer Vaterland und reiset, wenn ihr nach großen Dingen strebt. Beym Reisen hat man auf jeden Fall fünf Vortheile. Man hat Vergnügen, man gewinnt, man erweitert seine Einsichten, man bildet sich, und erwirbt sich Freunde. Es ist besser, todt zu seyn, als wie ein Insekt beständig auf demselben Fleck angefesselt zu bleiben.«

Auf, mein Bruder, laß uns die Butike schließen, und gemeinschaftlich aus Spekulation auf Reisen gehen. Unsern Gewinn legen wir in eine gemeinschaftliche Kasse, und theilen ihn dann, wenn wir nach Alexandrien zurückkehren.

Sie schifften sich also noch am nämlichen Tage ein, und segelten ab. Ein besondrer Glückszufall wollte, daß außer Abussir Niemand auf dem Schiffe war, der zu rasiren verstand, und es waren außer dem Kapitän und der Schiffsmannschaft 120 Passagiere am Bord. Statt sich nun Geld bezahlen zu lassen, ließ sich Abussir Eßwaaren geben, vorzüglich seines Kameraden wegen, der gern gute Bißchen aß. Dieser that den ganzen Tag nichts als schlafen, und bekümmerte sich um nichts. Abussir weckte ihn auf, und sagte ihm, er möchte doch zum Kapitän kommen, der ihn zu sich eingeladen habe. Aber Abukir war zu faul, um aufzustehn. Der Kopf schwindelt mir von der Seekrankheit, sagte er, gehe allein hin, und gieb mir indeß etwas von deinen Lebensmitteln. Abussir gab ihm alles, was er hatte, und Abukir aß wie ein Währwolf. Der Barbier entschuldigte beym Schiffskapitän seinen Kameraden, und dieser schickte dem Färber aus Gefälligkeit gegen den Barbier Gerichte von seiner Tafel. Als der Barbier wieder zu ihm kam, sah er ihn wie ein Kameel mit den Kinnbacken arbeiten. Habe ich dir es nicht gesagt, sprach er zu ihm, daß du warten solltest? Hier ist ein Mittagsessen, das mehr werth ist als diese Eßwaaren. – Wie der Vogel Roch stürzte Abukir über die Schüssel her, die man ihm gebracht hatte, ohne nur seinem Kameraden dafür zu danken. So schifften sie zwanzig Tage lang fort, und Abussir brachte jeden Abend dem Abukir Gerichte von der Tafel des Schiffskapitäns. Endlich liefen sie in einem Hafen ein, wo Abussir ein Zimmer in einem Oquall (Chan oder Karawanserai) bezog, und sich hier als Barbier etablierte. Abukir dagegen that fortwährend nichts als schlafen, und sagte beständig, sein Kopf sey ihm von der Seekrankheit noch ganz betäubt. So ernährte ihn der Barbier vierzig Tage lang, aber nach Verlauf dieser Zeit machte eine ernsthafte Krankheit es ihm unmöglich, ferner zu rasiren. – Drey Tage lang hatte er das Bett nicht verlassen, und der Färber wäre indessen beynahe Hungers gestorben. Da er seinen Kameraden krank sah, so suchte er den Beutel desselben, worin sich 1000 Groschen befanden, die der Barbier mit saurem Schweiß verdient hatte. Diesen Beutel nahm er, schloß die Thür zu, und durchstrich die Straßen der Stadt. Die Straßen waren die schönsten, die man sehen konnte, allein in der Kleidung der Einwohner herrschte eine ganz besondre Einförmigkeit. Man sah nichts als weiß und blau. Selbst in der Butike eines Färbers sah Abukir nur blaue Farbe. Abukir gieng hinein, zog sein Schnupftuch hervor, und sagte: Was gebe ich euch, wenn ihr mir dieses Tuch färbt? – Zwanzig Groschen! – Wie? Zwanzig Groschen? Bey uns färbt man es für zwey Groschen. – Nun so geht dann hin, wo ihr zu Hause seyd, und laßt es euch da färben. – Nun, wenn es nicht anders ist, so färbt es roth. – Diese Farbe kann ich ihm nicht geben, das verstehe ich nicht. – Grün? – Auch nicht. – Gelb? Auch das nicht. – Ich muß mich also an einen andern Färber wenden. – Der wird es eben so wenig können. Es sind unsrer vierzig in der Stadt, und da Niemand das Recht hat, eine Butike zu eröffnen, als wir, die wir das Meisterrecht haben, so bekümmern wir uns nicht viel um die Fortschritte der Kunst. Wir können nichts als blau färben. – Ich, erwiederte Abukir, ich bin Färber von Profession, und kann einem Stück Zeuge mehr als vierzig Farben geben. Wenn ihr Lust habt, so will ich euch die Geheimnisse meiner Kunst lehren. – Ich will nichts davon wissen, antwortete der Färber. Wir nehmen keinen Fremden in unsre Zunft auf, und lassen die Gebräuche unsrer Väter unverändert.

So wandte sich Abukir an alle vierzig Färber der Stadt; überall bekam er die nämliche Antwort, Niemand wollte ihn weder als Lehrer noch als Lehrling. Abukir gieng hierauf zum König der Stadt, um bey ihm sein Gesuch anzubringen. Er stellte vor, wie er einem Stück Zeuge mehr als vierzig Farben zu geben verstehe, aber die Zunft der Färber, welche bloß blau färbten, wolle ihn weder als Meister, noch als Burschen. – Du hast Recht, sprach der König, aber ich will dir das Meisterrecht geben, und wenn Jemand es wagen sollte, dich zu beunruhigen, so will ich ihn an der Thür deiner Butike aufhängen lassen. – Zu gleicher Zeit befahl er zwey Baumeistern, daß sie dem fremden Färber eine Werkstatt bauen, oder ihm ein Haus einrichten sollten, das er sich selbst nach seinem Geschmack auswählen würde. Er ließ ihm noch außerdem ein Pferd, ein Ehrenkleid, und einen Beutel mit 1000 Dukaten geben. Denn, sagte er, ich muß die Künste in meinem Lande aufmuntern und beleben.

Am folgenden Tag machte Abukir mit den beyden Baumeistern einen Gang durch die Stadt, und wählte sich ein Haus aus, das ihm passend schien, und das die Baumeister nach seiner Angabe in eine Werkstatt verwandeln mußten, die in ihrer Art einzig war. Hierauf schickte ihm der König 5000 Dukaten, damit er sich Möbeln und den Vorrath der nöthigen Farben anschaffen könne. Abukir färbte über 500 Stoffe mit verschiedenen Farben, und breitete sie vor seiner Butike aus. Das Volk, welches noch nie solche Farben gesehen hatte, eilte in Menge herbey, und fragte nach dem Namen dieser oder jener Farbe. Der König war entzückt über diese Fortschritte der Kunst, und erlaubte dem Abukir, daß er sich Färber des Königs nennen dürfte. Der ganze Hof wollte sich seine Kleider bey Abukir färben lassen, und die Färber, die ihn weder als Meister noch als Burschen hatten nehmen wollen, kamen in corpore zu ihm, um sich zu entschuldigen, und ihm ihr Kompliment zu machen.

So erwarb sich Abukir sehr beträchtliche Reichthümer, ohne nur an seinen Kameraden zu denken, den er bestohlen hatte, während er sterbenskrank war. Dieser hatte drey Tage zugebracht, ohne etwas zu essen, und konnte sich nicht einmal regen. Der Wächter des Chans, der nicht wußte, was seit drey Tagen aus seinen Gästen geworden sey, öffnete endlich die Thür des Zimmers. Da erst entdeckte Abussir den Diebstahl, und das schändliche Betragen seines Kameraden. Der Wächter des Chans, der ein guter Mann war, suchte seinen Gast zu trösten, gab ihm zu essen, und pflegte ihn zwey Monate lang, so lange als seine Krankheit dauerte. Gott belohne euch dafür, sagte Abussir zu ihm, nur er kann euch für eure mildthätigen Handlungen belohnen. Hierauf gieng er aus, um ein wenig in der Stadt spazieren zu gehen. Zufälligerweise kam er auf den Markt, wo eine Menge Menschen vor der Butike des Färbers stand. Er erkundigte sich darnach, was dieses Zusammenlaufen der Leute bedeute. Man erklärte es ihm. Gelobt sey Gott, sprach Abussir, daß mein Kamerad ein solches Glück gemacht hat, ich verzeihe ihm den Streich, den er mir gespielt hat, ich bin gewiß, jezt wird er ihn durch sein gutes Betragen wieder gut machen. – Er näherte sich also der Butike, wo er Abukir auf einem Sopha sitzen, und vor ihm vier weißgekleidete Mamluken stehen sah. Während zehn Gesellen die Arbeit thaten, lag er wie ein Wesir ganz behaglich ausgestreckt auf den Küssen, und ertheilte bloß von Zeit zu Zeit die nöthigen Befehle. Abussir versprach sich also die schönste Aufnahme. Allein kaum hatte ihn Abukir erblickt, als er ihm zurief: Infamer Bettler, wie vielmal habe ich dir es nicht schon gesagt, daß du dich meiner Butike nicht nähern sollst. Gebt diesem Bettler 100 Stockschläge, denn er schleicht nur deßhalb um meine Butike herum, um mich zu bestehlen. Die Mamluken ergriffen hierauf den armen Abussir, gaben ihm die 100 Stockschläge, die ihm sein Freund verordnet hatte, und noch 100 in den Kauf obendrein. Was hat er denn gethan? fragten die Leute, welche umherstanden. Es ist ein Dieb, antwortete man ihnen, und wenn er noch einmal kömmt, soll er gehangen werden. Abussir, ganz mürbe von den Stockschlägen, die er bekommen hatte, gieng traurig nach Hause, und dachte über sein Abentheuer nach. Den Tag darauf gieng er aus, in der Absicht, das Bad zu besuchen, um sich die Schmerzen seiner Bastonnade zu vertreiben. Er fragte den ersten, der ihm begegnete, wo es nach dem Bade hingienge. Was ist das für ein Ding, ein Bad? fragte dieser. – Der Ort, wo man sich wäscht. – Nun so geht in's Meer! – Nein, ich meyne ein Bad, ein Hamam. Dieß ist der Arabische, Türkische und Persische Name für das Bad, den man nachher den warmen Bädern in London gegeben hat. Anm. des franz. Übersetzers. – Ich weiß nicht, was das für ein Ding ist, ein Hamam; hier zu Lande badet sich Jedermann, und der König selbst, im Meere.

Da Abussir sich überzeugt hatte, daß man in dieser Stadt den Gebrauch der warmen Bäder noch nicht kenne, so verlangte er eine Audienz beym König. Ich bin, sprach er zu ihm, ein Fremder, und Bademeister von Profession. Ich bin erstaunt, als ich gesehen habe, daß noch kein Bad in eurer Stadt ist. Es giebt keine einzige Hauptstadt, die nicht gerade darin ihre größte Zierde suchte. – Was ist denn das für ein Ding, ein Bad oder Hamam? fragte der König, und Abussir machte ihm eine umständliche Beschreibung davon. Ihr seyd mir willkommen, sagte darauf der König, ich ermuntere gern die Künste, und vorzüglich diejenigen, welche zur Zierde meiner Hauptstadt beytragen. Hierauf ließ er ihm ein Ehrenkleid, zwey Mamluken, vier Sclaven und ein völlig ausmeublirtes Haus geben. Die Hofbaumeister erhielten zu gleicher Zeit Befehle vom König, nach der Angabe des fremden Bademeisters ihm ein Badehaus zu bauen, und als er fertig war, schickte der König dem Abussir 10 000 Dukaten. Die Einwohner der Stadt erstaunten über die Schönheit des neuen Gebäudes. Aber ihr Erstaunen wuchs, als man anfieng, Wasser warm zu machen, und die Fontänen springen zu lassen. Abussir bat sich vom König zehn Mamluken aus. Der König gab ihm zwanzig, die schön waren wie der Vollmond. Abussir kleidete sie äußerst elegant, und belehrte sie über die Art und Weise, wie sie diejenigen, welche kämen, um sich zu baden, behandeln müßten. Bald kam es dahin, daß man in der ganzen Stadt von nichts als von diesem Bade sprach, man nannte es das Bad des Königs, und Jedermann wollte jezt in's Bad gehn.

Am vierten Tage kam der König selbst mit seinem ganzen Hofe. Abussir fieng an, den König zu bürsten und zu reiben, zerknetete ihm das Fleisch und die Muskeln, und wusch ihn dann mit Rosenwasser. Hierauf legte er ihn auf ein Ruhebett, das von Wohlgerüchen duftete. Der König fühlte sich so wohl, als er sich noch niemals in seinem Leben gefühlt hatte. Das ist also das Ding, das man ein Bad oder Hamam nennt? sagte er zu Abussir. – Ja, Sire! erwiederte dieser. – Bey Gott, fuhr der König fort, du hast Recht, es giebt keine Hauptstadt, die diese Anstalt entbehren könnte. Eine Stadt ist nur in so fern eine Stadt, als ein Bad darin ist. Und wie viel läßt du dir für jede einzelne Person, die baden will, bezahlen? – Einen Dukaten, antwortete Abussir. – Ach, das ist zu wenig, sprach der König. Auf diese Art kämen alle Menschen hieher, um zu baden. Du mußt dir wenigstens für die Person 1000 Dukaten bezahlen lassen. – Verzeiht, Sire, antwortete Abussir, es ist billig, daß die Armen ebenfalls das Wohlthätige eines Bads empfangen. Euer Majestät erlaube also, daß jeder sich mit seiner Bezahlung nach der Beschaffenheit seiner Kasse richte. – Er hat Recht, sprachen die Großen des Hofs, wenn er Belohnung verdient, so möge sie ihm eure königliche Freygebigkeit selbst ertheilen, aber erlaubt, daß auch die Armen das Bad benutzen können. Wir selbst würden kaum im Stande seyn, 1000 Zechinen zu bezahlen. – Nun gut, sagte der König, so bezahle also ein Jeder, so viel als sein Beutel ihm zu zahlen erlaubt. – Die Großen des Hofs gaben ihm hierauf 100 Dukaten, einen Mamluken und eine Sclavinn, und es waren ihrer 400, die auf diese Weise alle Tage das Bad besuchten. Der König gab für seine Person 10 000 Dukaten, zehn Mamluken und eben so viel Sclavinnen. – Sire, sprach Abussir, indem er die Erde vor dem König küßte, was soll ich mit dieser Armee von Mamluken, und diesem Harem voll Sclavinnen machen? Eure Majestät würde sie besser zu brauchen wissen. – Du hast Recht, antwortete der König lächelnd, ich will sie dir wieder abkaufen, und dir für jeden Kopf 100 Dukaten geben. – So kaufte also der König um diesen Preis dem Abussir alle Mamluken und Sclavinnen ab, und schickte sie ihren vorigen Herrn als Geschenk zurück.

Abussir schlief jezt zwischen ganzen Haufen von Gold, und sah sich auf einmal auf dem Gipfel des Glücks. Die Königinn, die so viel von diesem Bade hatte reden hören, war ebenfalls begierig, es zu sehn. Man sezte also fest, daß von nun an der Vormittag für die Männer, und der Nachmittag für die Weiber bestimmt seyn sollte. Die Königinn zeigte sich nicht weniger freygiebig, als der König, der alle Freytage in's Bad gieng, und so regnete es auf Abussir Reichthümer von allen Seiten.– Aber wir müssen jezt sehen, was Abukir indessen machte.

Er hatte so viel und so viel von diesem Bade sprechen hören, daß er es schlechterdings selbst besuchen wollte. Er zog also ein äußerst prächtiges Kleid an, bestieg ein Maulthier, nahm vier Bedienten und vier Mamluken mit sich, die vor ihm hergehen sollten, und ritt auf diese Weise nach dem Bade zu. Schon an der Thür umhüllte ihn eine Wolke von Aloewohlgerüchen, und den ganzen etwas erhöheten Vorplatz sah er mit Großen und Herrn des Hofs angefüllt. Er gieng hinein, erkannte Abussir, und grüßte ihn mit einer Unverschämtheit, die ihres Gleichen nicht hatte. Ist das das Betragen eines Freundes und rechtschaffenen Mannes? sprach er zu ihm. Ich habe hier das Meisterrecht in der Färberzunft erlangt, und habe mein Glück gemacht, und du kömmst nicht zu mir, und bittest mich um Unterstützung? Vergebens habe ich dich durch meine Sclaven im Oquall und sonst überall suchen lassen, Niemand hat mir von dir Nachricht geben können. – Wie? rief Abussir; bin ich nicht zu dir gekommen, und hast du mich nicht wie einen Dieb behandelt, mir die Bastonnade geben, und von deiner Butike wegjagen lassen? – Was ist das? versezte Abukir ganz erstaunt, du wärst der Mann, der – – Ja, ich selbst bin es. – Bey Gott, fuhr Abukir fort, ich habe dich nicht erkannt, ich hielt dich in der That für jenen Dieb, der von Zeit zu Zeit sich meiner Butike näherte, um zu stehlen. – Bey der Macht und Gewalt des großen Gottes, versezte Abussir, ich habe dir meinen Namen laut genug zugerufen, und habe mich dir deutlich genug zu erkennen gegeben. – Daß muß eine Verblendung gewesen seyn, Kamerad, antwortete Abukir, eine Verblendung, die mir unbegreiflich ist. Aber wer hat dich denn so zum großen Herrn gemacht? – Der dein Glück gemacht hat, erwiederte Abussir, hat auch das meinige gemacht. Gott hat mir es bescheert. – Und hierauf erzählte er ihm die ganze Sache umständlich, zeigte ihm die Geschenke, die er vom König und seinem Hof empfangen hatte, ließ Ehrenkleider und Goldbörsen bringen, womit er ihm ein Geschenk machte, und bewirthete ihn mit Sorbeten, die unter einer Wolke von Wohlgerüchen aufgetragen wurden. Jedermann erstaunte über die Art und Weise, wie der Bademeister den Färber empfieng. Dieser wollte seinerseits ihm ebenfalls einige Geschenke machen, allein Abussir nahm nichts an. Nun so will ich dir wenigstens, sprach Abukir, einen nützlichen Rath zur Vervollkommnung deines Bads geben. Ich sehe nämlich, daß du die haarvertreibende Salbe noch nicht eingeführt hast. Nimm etwas Auripigment und Kalk, und vertreibe damit dem König, wenn er wieder kommt, die Haare. Er wird dir für diese Vervollkommnung der Kunst unendlich verbunden seyn. – Du hast Recht, erwiederte Abussir, ich danke dir für deinen Rath.

Abukir nahm hierauf Abschied, bestieg sein Maulthier, und eilte nach Hof zum König. Sire, sprach er zu ihm, ihr habt durch einen fremden Mann ein Bad anlegen lassen. – Ja, antwortete der König, was ist dagegen zu sagen? – Dem Himmel sey Dank, fuhr Abukir fort, daß ich die Mittel in Händen habe, euch vor der Bosheit eures Feindes, des Feindes des Staats und des Glaubens in Sicherheit zu setzen. Denn ich komme, Ew. Majestät zu benachrichtigen, daß ihr verloren seyd, wenn ihr heute in's Bad geht. Dieser Mensch ist ein Meuchelmörder, der von eurem Feinde, dem König der Christen, abgeschickt ist, um euch zu vergiften. Er wird mit euch von einer Salbe reden, die die Haare vertreibt. Nehmt euch davor in Acht. Es ist das tödtlichste Gift, dessen Schlachtopfer Ew Majestät seyn sollte. Ich kenne diesen elenden Menschen schon seit langer Zeit, ich habe ihn in der Stadt des Königs der Christen gesehen, seine Frau und Kinder sind Sclaven. Vergebens bemühte er sich, ihnen die Freyheit zu verschaffen, bis er eines Tages hörte, daß der König einen großen Preis darauf gesezt habe, wenn euch Jemand um's Leben bringen würde. Er bot sich sogleich zu dieser Unternehmung an, und die Freyheit seiner Frau und seiner Kinder wurde ihm als Belohnung seines Bubenstücks versprochen. Ich bin mit ihm in dem nämlichen Schiffe hieher gekommen, und er hat mir selbst das schreckliche Komplott, und die Art und Weise, wie er seinen schwarzen Plan auszuführen gedenkt, im Vertrauen eröffnet. Ew. Majestät kann sich selbst von der Wahrheit meiner Aussage überzeugen, wenn sie in's Bad geht.

Der König gieng wie gewöhnlich dahin. Abussir rieb und manipulirte ihn selbst, und dann sprach er: Sire, ich habe eine Salbe erfunden, die die Haare vertreibt, und mit der ich, wenn es Ew. Majestät erlaubt, jezt eine Probe machen will. – Zeigt mir diese Salbe, antwortete der König, und da er sah, daß es eine schwarze und übelriechende Farbe war, so zweifelte er keinen Augenblick mehr daran, daß es Gift sey. Arretirt mir diesen Elenden, rief er seinen Garden zu, und diese arretirten ihn auf der Stelle. Niemand wußte die Ursache dieses Verfahrens, und Niemand wagte es, darnach zu fragen. Der König versammelte seinen Divan, ließ den Kapitän seiner Galeeren rufen, und befahl ihm, daß er Abussir mit zwey Centnern ungelöschten Kalk in einen Sack stecken, und so in's Meer werfen lassen sollte, damit er auf diese Weise zugleich auf einmal verbrannt und ersäuft werde.

Nun war aber der Kapitän ein vertrauter Freund Abussirs, und da der Kapitän ein großer Freund vom Baden war, so hatte ihn Abussir niemals etwas dafür bezahlen lassen. Was habt ihr denn gemacht, fragte ihn jezt der Kapitän, daß ihr euch die Ungnade des Königs zugezogen habt, und zu einer so schimpflichen Todesart verdammt worden seyd? – Bey Gott, sagte Abussir, ich bin unschuldig, und habe nichts Ungerechtes gethan. – Einer eurer Feinde muß euch also diesen Streich gespielt haben, fuhr der Kapitän fort; aber fürchtet euch nur nicht, ich will euch auf einer Insel verbergen, die nicht weit von hier liegt, und von da könnt ihr in der größten Sicherheit in euer Vaterland zurückreisen. Jezt will ich einen Sack zurecht machen lassen, in den ich einen Stein und Kalk stecken will, damit man glaubt, ich hätte die Befehle des Königs vollzogen. Ihr könnt indessen hier Netze ausstellen, und euch mit der Fischerey belustigen, denn alle Tage werden Leute hieher geschickt, um für die Tafel des Königs Fische zu holen.

Der Kapitän bestieg hierauf ein Fahrzeug, in welches er einen Sack legte, der mit Kalk und Steinen angefüllt war, und segelte damit unter dem Fenster des Königs hin. Der König rief: Werft ihn in's Meer, und winkte dazu mit der Hand. Allein indem er so winkte, fiel ihm sein Ring von dem Finger in's Meer hinab. Dieser Ring war ein Zauberring. So oft der König den Befehl zur Hinrichtung eines Verbrechers geben wollte, gab er das Zeichen dazu mit der Hand, an welcher dieser Ring war. Es fuhr dann ein Blitz heraus, der den Delinquenten todt zu Boden streckte. Dieser Ring war der große Talisman der Autorität des Königs, mit dem er Volk und Armee im Zaum hielt. Man mußte diesen Verlust verheimlichen, denn wäre er bekannt geworden, so wäre es ganz unmöglich gewesen, die Völker ferner in Unterwürfigkeit zu erhalten.

Unterdessen fieng Abussir Fische. Einmal, zweymal, dreymal hatte er sein Netz ausgeworfen, und immer einen sehr reichlichen Fischzug gethan. Als er seinen Fang betrachtete, blieben seine Blicke auf einem großen Fisch haften, den er sich zum Mittagsessen zuzubereiten beschloß. Als er ihn aufschnitt, fand er den Ring des Königs darin, den dieser Fisch unter den Fenstern des Palastes verschlungen hatte. Ohne die außerordentliche Kraft des Ringes zu kennen, steckte ihn Abussir an den Finger. Es kamen hierauf zwey Lieferanten der königlichen Küche, die Fische suchten. Wo ist der Kapitän hingegangen, fragten sie. – Dorthin, antwortete Abussir, und bedeutete sie zugleich mit der Hand, an welcher sich der Ring befand, und sogleich fielen die beyden Lieferanten zu seinem größten Erstaunen zur Erde nieder.

Einen Augenblick nachher kam der Kapitän. Er sah die beyden Lieferanten todt, und den Ring am Finger Abussirs. – Ich beschwöre euch mein Bruder, rief er sogleich dem Abussir zu, regt die Hand nicht, an welcher ihr den Ring habt, und sagt mir, wo habt ihr ihn her? – Abussir erzählte, wie er ihn beym Ausweiden eines Fisches gefunden habe, und der Kapitän erinnerte sich, daß er hatte einen Blitz in's Meer fahren sehn, in dem Augenblick, wo der König den Befehl zur Hinrichtung gegeben hatte. – Jezt, sprach er zu Abussir, jezt braucht ihr nichts mehr zu fürchten. Durch diesen Ring habt ihr das Leben des Königs selbst in eurer Gewalt. – Und hierauf erklärte er ihm die geheime Kraft des Rings. Abussir war außer sich vor Freude darüber, und folgte seinem Freunde an den Hof, wo der König eben mitten in dem versammelten Divan saß. Wie? rief der König, habe ich euch nicht in's Meer werfen lassen. Wie geht es zu, daß ihr wieder herausgekommen seyd? – Da erzählte Abussir, wie er durch den Kapitän, seinen Freund, gerettet worden sey, wie er den Ring gefunden, und weil er die Kraft desselben nicht gekannt, zwey Lieferanten getödtet habe. Wenn ich schuldig wäre, fuhr er dann fort, so würde ich mich jezt dieses Ringes bedienen, um euch, großer König, zu tödten. Aber ich bringe ihn euch zurück, und bitte euch, meine Sache nach den Gesetzen untersuchen, und mich strafen zu lassen, wenn ihr mich nicht unschuldig findet. Als der König seinen Ring wieder hatte, bekam er gleichsam neues Leben. Er stand auf, um Abussir zu umarmen. Ihr seyd ein Muster von Tugend, sprach er zu ihm, und nur ihr konntet mir diesen köstlichen Schatz wieder geben. – Allein Abussir bestand auf der Untersuchung seiner Sache, um wenigstens zu erfahren, wessen man ihn angeklagt habe. – Euer Betragen, erwiederte der König dagegen, euer Betragen ist der beste Beweis eurer Unschuld. Der Färber hat euch angeklagt, ihr seyd vom König der Christen, meinem Feinde, abgeschickt worden, um mich zu vergiften. – Ich habe den König der Christen nie gesehen, antwortete Abussir, mein Ankläger war in Alexandrien mein Nachbar, und nachher mein Reisegefährte. – Hierauf erzählte er umständlich alle Streiche, die ihm Abukir gespielt hatte, und erklärte dem König, was es mit dem Mittel, welches die Haare vertreiben sollte, für eine Bewandtniß habe. – Der König war jezt von der Unschuld Abussirs überzeugt, und befahl, daß man den Abukir im bloßen Kopfe mit auf den Rücken gebundenen Händen wie einen Verbrecher herbeyführen sollte. Man überführte ihn seines Verbrechens, und der König befahl, daß man ihn in einem mit ungelöschtem Kalk angefüllten Sacke gebunden in's Meer werfen sollte. Abussir flehte die Gnade des Königs an, um für seinen Reisegefährten Pardon zu erlangen. Das ist unmöglich, antwortete der König; wenn ihr ihm auch verzeiht, so kann ich es nicht. Der Urtheilsspruch wurde also vollzogen.

Was kann ich für euch thun, fragte jezt der König den Abussir. – Keinen größern Gefallen könnt ihr mir thun, antwortete dieser, als wenn ihr mich nach Alexandrien zurückschickt. – Der König wollte ihn zu seinem Wesir machen, allein Abussir dankte ihm für diese Ehre, und nahm Abschied, nachdem er ein ganzes Fahrzeug mit den reichsten Geschenken beladen hatte.

Der Wind war günstig, und nach einer glücklichen Schiffahrt landeten sie in der großen Bay, die links vor Alexandrien liegt. Der erste Gegenstand, der sich am Ufer den Augen der Mamluken Abussirs darbot, war ein Sack, den das Meer an's Land geworfen hatte. Man öffnete ihn, und fand den Leichnam Abukirs darin. Abussir ließ ihn begraben, und errichtete ihm ein Monument mit einer Innschrift, die einen tiefen moralischen Sinn enthielt.

Daher kömmt es, daß diese Bay, welche vor alten Zeiten nach dem Namen des Barbiers Abussir (Busiris) genannt wurde, jezt den Namen des Färbers Abukir führt, dessen Gebeine daselbst begraben liegen, (wie die Gebeine vieler andern, die daselbst das Meer mit ihrem Blute gefärbt haben).

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