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Märchen aus Hundert und Einer Nacht

Joseph von Hammer-Purgstall: Märchen aus Hundert und Einer Nacht - Kapitel 11
Quellenangabe
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authorJoseph von Hammer-Purgstal
titleMärchen aus Hundert und Einer Nacht
publisherGreno Verlagsgesellschaft m. b. H.
year1986
translatorAugust E. Zinserling
correctorreuters@abc.de
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Streiche Detilem der Gaunerinn und ihrer Tochter Seineb der Spitzbübinn.

Zur Zeit des Chalifen Harun Raschid gab es zu Bagdad zwey Erzgauner, wovon der eine Ahmed ed-deuf und der andre Hassan Schuman hieß. Der Chalif, welcher von allen Talenten Vortheil zu ziehen wußte, stellte sie bey der Polizey an, indem er jedem von ihnen eine Besoldung von 1000 Dukaten und eine Wache von 40 Mann zu seiner Disposition gab. Der erstere sollte über die Sicherheit der Stadt zu Lande, und der andre zu Wasser wachen. Der Emir Chaled, der Wali, das heißt Polizeylieutenant, war, ritt in Begleitung dieser beyden neuen Vorsteher durch die Straßen, und ließ bekannt machen, daß sie von nun an öffentliche Beamte wären, und als solche von den Einwohnern zu Bagdad angesehen werden sollten. Nun war aber damals in Bagdad eine alte Frau, mit Namen Delile, die Gaunerinn, mit ihrer Tochter Seineb, die Spitzbübinn. Als diese den Befehl des Chalifen bekannt machen hörten, sagte Seineb zur Delile: Nun das heiß ich doch Glück, meine Mutter! Dieser Schlingel von Ahmed ed-deuf, der aus Egypten fortgejagt ist, und zu Bagdad als falscher Spieler gelebt hat, wird von nun an als Vorsteher zur Rechten, und dieser elende Taugenichts von Hassan Schuman zur Linken des Chalifen einhergehn. Sie werden das Recht haben, bey Hofe zu erscheinen, und noch eine Besoldung von 1000 Dukaten obendrein, während wir andern, die wir ihnen doch von Seiten der Talente gewiß gleich kommen, in unserm Elende bleiben, ohne von irgend Jemand geachtet oder angesehen zu werden. – Diese Worte machten auf die Delile um so mehr Eindruck, da ihr Mann ehemals selbst Gerichtsdiener gewesen war. Von diesem hatte sie außer Seineb, der Spitzbübinn, noch eine andre Tochter, die schon verheurathet war, und deren Sohn Ahmed al-lakit hieß.

Delile war in Kniffen und Gaunerstreichen eine wahre Tausendkünstlerinn. Ihr gegenüber war die Schlange nicht mehr listig, und der Teufel selbst hätte bey ihr in die Schule gehen können. Ihr Vater war einst Direkteur der Taubenpost gewesen, und in dieser Stelle hatte er nicht nur eine gute Besoldung gezogen, sondern auch in großem Ansehn bey dem Chalifen gestanden. Desto mehr beneidete Delile und ihre Tochter die beyden Erzgauner um ihre Erhebung zu so vortrefflichen Stellen. Oho! meine Mutter, sprach Seineb, die Spitzbübinn, zu Delile, der Gaunerinn, wenn es weiter nichts als Kniffe braucht, um eine gute Besoldung zu haben, so bekommen wir sicherlich auch eine, und wir müssen uns nur ein bischen rühren, damit ganz Bagdad von uns spricht. – Du hast Recht, meine Tochter, aber es ist schwer, Streiche auszudenken, die die des Ahmed ed-deuf und Hassan Schuman, dieser beyden Erzgauner, übertreffen. Indeß wir wollen sehen! Wir wollen uns einmal anstrengen! – Indem sie dieses sagte, verkleidete sie sich in eine arme Frau, zog ein wollenes Kleid an, nahm einen breiten Gürtel von demselben Zeuge, und die Gießkanne eines Waschbeckens, worein sie drey Goldpfennige that, die im Hals des Gefässes durch eine Art Faden an dem Stöpsel befestigt hiengen; hierauf versah sie sich mit einem ungeheuern Rosenkranz, und nahm ein Kerbholz in die Hand, auf welchem gelbe, rothe, grüne Kerben eingeschnitten waren. In dieser Verkleidung durchzog sie die Stadt, indem sie mit lauter Stimme Gebete hersagte, und suchte irgend einen Tropf, den sie zum besten haben könnte. Endlich kam sie in eine durchschnittene und sehr luftige Straße, wo sie eine große Thür sah, über welcher ein Gesims von Marmor war. Die Thür selbst war von Sandelholz und mit großen bronzenen Ringen versehen. Dieß war der Palast des Hofmarschalls des Chalifen, des Emir Hassan, der den Beynamen Malmanieri hatte, weil bey ihm die Schläge gewöhnlich vor den Worten vorausgiengen. Er war mit einer jungen und schönen Frau verheurathet, von der er aber keine Kinder hatte. Als der Marschall eines Tages aus dem Bade kam, und sich im Spiegel besah, bemerkte er zum ersten Mal in seinem Barte graue Haare, die mit den schwarzen vermischt waren. Darüber wurde er nachdenkend. Als er an dem nämlichen Tage in den Divan gieng, und sah, daß jeder Emir von einem oder zwey Kindern begleitet war, rührte es ihn tief, daß er selbst noch keine hatte. Wie er nach Hause kam, machte er seiner Frau Vorwürfe darüber. Alle meine Liebkosungen, sagte er zu ihr, helfen bey dir nichts. Man sieht eben so wenig Spuren davon als bey dürrem Holz. – Gott ist mein Zeuge, erwiederte sie, daß ich nicht daran schuld bin, sondern du vielmehr, der du ein unfruchtbarer Maulesel bist. Betrachte nur dein graues Kinn, das ist doch wahrhaftig keine gute Vorbedeutung, wenn man Kinder haben will. – Wir wollen sehen, versezte der Marschall. Wenn ich wieder nach Hause komme, so mache dich auf meine Umarmung gefaßt. – Desto besser, sagte sie; ich will mich auf's Beste herausputzen. – Mit diesen Worten gingen sie auseinander, beyde verdrießlich darüber, daß sie es hatten zu Grobheiten kommen lassen. Delile, die auf der Straße die letzten Worte dieses Gesprächs gehört hatte, sagte bey sich selbst: Hier wäre ein Schlag zu machen, wenn ich es dahin bringen könnte, mich der Hochzeitskleider zu bemächtigen, mit denen sie sich putzen will, um ihren Mann zu empfangen. – Sogleich stellte sie sich unter das Fenster, und fieng an, mit lauter Stimme Gebete herzusagen. Siehe da! sprach die junge Gemahlinn des Marschalls, eine heilige Frau, die vom himmlischen Glanze umstrahlt ist, und deren Gebet mir wohl nützlich seyn könnte. Geh, sagte sie zu ihrer Sklavinn, geh hinunter an die Thür, küsse dem alten Scheich, unserm Thürsteher, die Hände, und bitte ihn in meinem Namen, diese heilige Frau hereinzulassen. Die Sklavinn vollzog ihren Auftrag, der Pförtner näherte sich Delilen, die er ebenfalls für eine heilige Frau hielt, und ihr daher die Hände küssen wollte. Sie weigerte sich mit vieler Demuth, es zuzulassen. Der Pförtner, der seit drey Monaten keinen Heller von seinem Lohn erhalten hatte, bat Delilen, daß sie ihm doch ein paar Tropfen von ihrem Weihwasser auf die Hände gießen möchte, damit es ihm in dieser und jener Welt zu seinem Heile diene. Delile nahm den Stöpsel von der Kanne, und goß zugleich mit dem Weihwasser die drey Goldpfennige aus, die sie in den Hals des Gefässes gesteckt hatte. Der Pförtner suchte die drey Goldpfennige wieder zusammen, um sie Delile wieder zuzustellen. – Gott bewahre, sagte sie. Ich habe nichts mit den Versuchungen und Reichthümern dieser Welt zu schaffen. Euch hat der Himmel dieses Geld bestimmt. Behaltet es auf Rechnung dessen, was euer Herr euch schuldig ist. Nun, sagte der Pförtner, das nenne ich mir doch eine heilige begeisterte Frau, und mit diesem Worten ließ er sie ohne Schwierigkeit in's Haus. Die Marschallinn befahl, daß man Delilen zu essen geben sollte. Diese erklärte feyerlich, daß sie ein beständiges Fasten beobachte, und sich nur drey Mal im Jahre satt esse. Ich bin nur hieher gekommen, sagte sie zur Marschallinn, um die Ursache eurer Bekümmerniß zu hören, und um ihr abzuhelfen, wenn ich es mit Hülfe des Himmels vermag. Hierauf erzählte die junge Frau der Alten alles was zwischen ihr und ihrem Mann vorgefallen war, und was diese schon auf der Straße gehört hatte.

Meine Tochter, sagte Delile, ich kann euch keinen andern Rath geben als den, daß ihr hingehet, und meinen Oheim Abu Hamlat, den Vater der Lasten, um Rath fragt, der ein heiliger Mann ist, und diesen Beynamen führt, weil ihn alle Leute mit ihrem Anliegen belasten. Er allein ist es, der euch in eurer Angelegenheit helfen kann. – Meiner Treu, erwiederte die Marschallinn, auf diese Art ist mir schlecht geholfen, ich gehe niemals aus, und gesezt ich dürfte, wie soll ich euren heiligen Mann von Oheim finden? – Kommt nur mit mir, versezte Delile, ich will euch auf der Stelle zu ihm führen, damit ihr dießmal wenigstens euren Gemahl nicht vergeblich umarmt.

Die Marschallinn legte hierauf ihre schönsten Kleider an, und stieg mit der Alten die Treppe hinab. Wo geht ihr hin, Madam? fragte der Pförtner. – Ich will, antwortete sie, mit dieser heiligen Frau den Vater der Lasten besuchen. – Gott segne und geleite ihre Schritte, sagte der Pförtner, sie kennt die Bedürfnisse guter Seelen, und befriedigt sie; sie hat mir drey Goldpfennige gegeben. Meine Tochter, sprach jezt Delile zur Marschallinn, als sie auf der Straße waren, geht in einiger Entfernung hinter mir her, eine Menge Menschen werden auf mich zukommen, und mich mit ihren Bitten bestürmen. – So gieng die Alte vor der Marschallin her, und führte sie auf den Markt. Als sie hier vor der Butike eines jungen Kaufmanns, mit Namen Adi Hassan, vorbeygieng, sagte sie zur Marschallinn: Sezt euch, meine Tochter, ich bin den Augenblick wieder bey euch. Hierauf kehrte sie sogleich zurück, und gieng auf den jungen Kaufmann zu, der, ganz entzückt von der Schönheit, die er hatte vorbeygehen sehen, noch immer seine Augen auf sie heftete. Guten Tag, Adi Hassan, sprach Delile, ihr seht hier meine Tochter, die heute zum ersten Male ausgeht. Ihr Vater, der gestorben ist, hat ihr genug Vermögen hinterlassen. Sie braucht nur einen vernünftigen und ordentlichen Mann. Ich habe meine Augen auf euch geworfen, und euch zu meinem Schwiegersohn erkoren; ihr könnt gar keine bessere Parthie treffen, mein Sohn; meine Tochter bringt euch die drey K mit, die eine Frau haben muß; an ihrem Kopf, ihrer Kasse, ihrem Körper ist nichts auszusetzen, denn sie sind ohne Tadel. – Das glaube ich euch gern, meine Mutter, sagte der junge Mensch, was die beyden ersten K betrifft, aber in Hinsicht des dritten muß ich mich mit meinen eigenen Augen davon überzeugen. – Ihr braucht mir nur zu folgen, erwiederte Delile; ich will sie euch zeigen, nackt wie meine Hand, aber folgt uns von fern, nur so, daß ihr uns noch sehen könnt. Der junge Mensch stand auf, steckte tausend Dukaten in seine Tasche, für den Fall, daß ihm ein unvorgesehenes Bedürfniß aufstoßen sollte, und folgte der Alten von weitem nach, die wieder, wie vorher, vor der Marschallinn herzugehen anfieng. Da sie sich dem Laden eines Färbers näherte, sah sie sich um, und gab der jungen Frau, durch Zeichen zu verstehen, daß sie da, wo sie wäre, einen Augenblick stille stehen sollte. Sie selbst gieng in den Laden hinein, wo ein armer Greis war, der außer dem Handwerk eines Färbers noch das eines Herumträgers von Feigen, Kolokassen und Fruchttorten trieb. Guten Tag, Färber Mohammed, sprach sie, seht ihr diese junge Person, und weiter unten diesen jungen Menschen? Dieß sind meine Kinder, die mir Gott erhalten möge. Da mein Haus sehr alt ist, und den Einsturz droht, so haben mir die Baumeister gerathen, es repariren zu lassen, ehe es einfällt. Meine Kinder haben ausziehen müssen, und ich wende mich jezt mit der Bitte an euch, ihnen ein Zimmer zu vermiethen. Ey sieh, sagte der Färber bey sich, das kommt mir so eben gelegen, und ist mir so willkommen, als der Schaum auf dem Kaffee. Ich habe wohl eine Reihe Zimmer, sprach er jezt laut, aber ich kann sie nicht entbehren, denn es kommen von Zeit zu Zeit Bauern mit ganzen Lasten von Indigo zu mir. – Nun gut, erwiederte die Alte, ich verlange es nur für einen oder zwey Monate, bis unser Haus reparirt ist. Ihr sollt euch nicht zu beklagen haben, was die Erkenntlichkeit anbelangt, so bin ich ein wahrer Araber. – Nehmt hier diese drey Schlüssel, sagte der Färber. Der große öffnet die Thür, die nach der Straße zu geht, der krumme öffnet das Zimmer auf der Hausflur, und der kleine gehört zu dem obern Zimmer. – Delile nahm die drey Schlüssel, sezte ihren Weg bis an das Haus des Färbers fort, öffnete die Thür, und ließ die Marschallinn hereintreten, indem sie zu ihr sagte: Siehe, meine Tochter, das ist das Haus meines Oheims, des heiligen Scheich, des Vaters der Lasten. Ich will ihn von eurer Ankunft jezt zum voraus benachrichtigen, geht indeß hinauf in das obere Zimmer. Die junge Frau gieng hinauf, und als der junge Mensch nach ihr hereintrat, sagte Delile zu ihm, wartet auf der Hausflur, bis ich euch meine Tochter zeigen werde. Hierauf gieng sie hinauf zur Marschallinn, die sehr begierig war, den Vater der Lasten zu sehen. Er kommt gleich, sagte Delile, aber ich muß euch zum voraus sagen, daß er von meinem Sohn bedient wird, der vor lauter Heiligkeit verwirrt im Kopfe ist. Er geht halb nackt, und kann eben so wenig Putz an andern leiden. Wenn er eine Frau sieht, die gepuzt ist, wie ihr es seyd, so greift er sie an, reißt ihr die Ohrgehänge, das Halsband und allen ihren Flitterstaat ab. Wenn ihr mir folgen wollt, so wird es am besten seyn, wenn ihr alle diese Sachen vorher ablegt, und sie mir indessen aufzuheben gebt. Die Marschallinn, die eben so einfältig als schön war, machte gar keine Schwierigkeit. Sie zog alle ihre Kleider bis auf ihr Unterröckchen aus, und gab sie der Alten, die sie zusammenpackte. Von hier begab sie sich zu dem jungen Menschen, der voller Erwartung war, seine Braut nackt zu sehen, wie es ihm seine zukünftige Schwiegermutter versprochen hatte. Delile trat zu ihm, und schlug sich auf die Brust. Da könnt ihr sagen, sagte sie, was das heißt, neidische Nachbarn haben. Kaum haben sie gehört, daß ich meine Tochter verheurathen will, so haben sie ihr schon in den Kopf gesezt, daß ihr Bräutigam mit Krätze und Aussatz bedeckt ist. Vergebens habe ich mich bemüht, ihr den Kopf zurecht zu setzen, nur mit dem Versprechen habe ich sie beruhigen können, daß ich ihr euch ganz nackt zeigen will, wie ich euch versprochen habe, sie euch nackt zu zeigen. – Nun gut, sagte der junge Mann; sie braucht nur zu kommen, und mich zu sehen, um vom Gegentheil überzeugt zu werden. Zu gleicher Zeit legte er seinen Pelz und seinen Gürtel ab, worin die tausend Dukaten waren, zog die Hosen aus, und behielt nichts an als das Hemd. Delile machte aus diesen Sachen ein Paket, so wie sie aus den Kleidern der Marschallinn eins gemacht hatte, gieng hierauf aus dem Hause, schloß die Hausthür zu, entledigte sich unterwegens des Pakets, das sie aufheben ließ, und kehrte zum Färber zurück. – Ich hoffe, ihr seyd mit dem Hause zufrieden, rief ihr dieser zu. – Ja, sagte sie, ich habe so eben meine Kinder mit ihrem Geräth und Kleidungsstücken hingebracht, aber das sie noch nicht zu Mittag gegessen haben, so nehmt hier diesen Dukaten, und seyd so gut, und kauft ihnen dafür Fleisch und Brod zu ihrem Mittagsessen. Ich will indessen hier bleiben, und auf euren Laden Achtung geben. – Sehr wohl, sprach der Färber, und gieng fort auf den Markt. In diesem Augenblick gieng gerade ein Eselstreiber vorbey. Delile rief ihm. Ihr kennt, sprach sie zu ihm, diesen Laden, und meinen Sohn, den Färber, der hier feil hält? – Ja wohl! – Nun gut! Der arme Junge hat das Unglück gehabt, Bankerut zu machen, und ich möchte wenigstens den Werth dieses Ladens seinen räuberischen Gläubigern entreißen. Kommt und schafft also mit eurem Esel alles, was hier ist, weg. Der Eselstreiber kam, belud den Esel, und Delile gieng mit dem Esel und seiner Ladung geradewegs nach Hause, nachdem sie noch vorher zum Eselstreiber gesagt hatte, daß er im Laden so lange warten sollte, bis sie oder ihr Sohn wieder käme.

Nun, das ist ein guter Anfang, sagte Delile, die Gaunerinn, zu ihrer Tochter Seineb, der Spitzbübinn. Mit dem ersten Auswerfen des Netzes habe ich vier Gimpel gefangen, die Marschallinn, den jungen Kaufmann, den Färber und den Eselstreiber. – Das geht ja herrlich, sprach die Tochter, aber wenn ihr auf diese Manier fortfahrt, so werdet ihr, aus Furcht erkannt zu werden, gar bald euer Gesicht nicht mehr zu Bagdad sehen lassen dürfen.

Indessen war der Färber vom Markte mit dem Fleisch und Brod, das er eingekauft hatte, zurückgekehrt. Da sah er in seinem Laden den Eselstreiber, der, wie es ihm Delile beym Weggehn geheißen hatte, damit beschäftigt war, die Bänke und alles, was in dem Laden niet- und nagelfest war, abzuschlagen, denn von den Zeugen war auch kein einziges Stück mehr darin. – Was macht ihr da, Eselstreiber? schrie der Färber. – Gott sey Dank, erwiederte dieser, ich und eure Mutter haben wenigstens alles, was in diesem Laden ist aus den Händen eurer Gläubiger gerettet. – Was schwatzest du da? versezte der Färber, meine Mutter ist schon lange todt, und ich habe keinen Heller Schulden. – Ach, geht mir doch weg, sagte der Eselstreiber, ihr werdet doch kein Geheimniß mehr aus eurem Bankerutt machen wollen? Aber geschwind bringt mir meinen Esel aus dem Hause eurer Mutter wieder her. – Der Färber gerieth in Wuth, und fieng an, den Eselstreiber durchzuprügeln, indem er ihn zugleich um genauere Auskunft wegen jener alten Frau befragte. Der Eselstreiber that nicht übel Bescheid, und erkundigte sich nach seinem Esel. Das Volk versammelte sich bald um sie her, und als man sie auseinander gebracht hatte, so erzählte ein jeder von ihnen die Sache, um zu zeigen, daß das Recht auf seiner Seite sey. – Aber kennt ihr denn die alte Frau? fragte man den Färber. – Ich werde sie doch wohl kennen, antwortete dieser, ihr Sohn und ihre Tochter wohnen seit diesem Morgen bey mir. – Nun gut, sagten die Anwesenden, so werdet ihr sie ja mit dem Esel und dem Geräth leicht finden können.

Aber was machten die Marschallinn und der junge Kaufmann, während sich der Färber mit dem Eselstreiber herumstritt? Sie waren voller Erwartung; die Marschallinn, den Sohn des heiligen Scheich, des Vaters der Lasten zu sehen, und der Kaufmann, seine Braut kennen zu lernen. Endlich wurde der junge Kaufmann ungeduldig, und gieng hinauf in das Zimmer, wo er die junge Frau fand. Guten Tag, meine Braut, sagte er, wo ist die Ausstattung, von der mir eure Mutter gesagt hat? – Meine Mutter ist schon lange todt, erwiederte die Marschallinn, aber eure Mutter hat mir versprochen, daß der heilige Mann, der Vater der Lasten, bald erscheinen würde. – Wie? sagte der junge Mann; ist die alte Frau, die mich so eben meiner Kleider beraubt hat, nicht eure Mutter, so bin ich schön angeführt. – Und ich bin es ebenfalls, sagte die Marschallinn, wenn es nicht eure Mutter ist. – Oho! Nur keine Ausflüchte, wenn es euch beliebt, sagte der junge Mann. Von euch verlange ich meine Kleider und meine 1000 Dukaten. – Oho! erwiederte die Marschallinn, ihr sollt mich schon bezahlen, denn ihr seyd offenbar mit der Alten im Einverständniß.

Während sie sich so miteinander stritten, siehe, da kamen der Färber und Eselstreiber, und fanden sie im Hemde. – Wo ist eure Mutter? – Wir haben keine, riefen beyde zugleich, und erzählten hierauf beyde ihre Abentheuer. – Ach mein Laden! – Ach mein Esel! – Ach meine 1000 Dukaten! – Ach meine Edelsteine! – schrieen der Färber, der Eselstreiber, der junge Mann und die Marschallinn, alle auf einmal, wir sind alle geprellt! Die junge Frau und der junge Mann baten den Färber, ihnen wenigstens etwas zu leihen, damit sie über die Straße gehen könnten. Die Marschallinn gieng nach Hause, und der junge Kaufmann gieng mit dem Färber und dem Eselstreiber nach dem Hause des Polizeylieutenants, um diese Spitzbüberey anzuzeigen. Geht, sagte der Polizeylieutenant zu ihnen, geht und sucht mir vor allen Dingen die alte Frau, ich will dann schon dafür sorgen, daß ihr das wieder bekommt, was sie euch genommen hat.

Lassen wir sie also die Spur Delilens verfolgen, und sehen zu, womit sich diese indeß beschäftigte. – Wir müssen, sagte sie zu ihrer Tochter Seineb, einen neuen Streich von einer andern Art spielen. – Wagt nicht zu viel, meine Mutter, erwiederte Seineb. – Oho! versezte Delile, ich fordere die ganze Polizey heraus, mich zu erwischen. – Sie zog hierauf eine andre Kleidung an, und kleidete sich völlig wie ein Dienstmädchen, das zu diesem großen Hause gehört, und gieng aus, um in der Stadt irgend Jemand anders aufzufinden, den sie berücken könnte. Indem sie auf diese Weise in einer sehr hellen Straße vor einem zierlichen Palaste vorbeygieng, begegnete sie einer Sklavinn, die ein Kind auf den Armen trug, das ganz in Silberstoff gekleidet war, ein mit Perlen beseztes Kopfzeug, eine goldne Kette am Hals und andern kostbaren Flitterputz in den Händen trug. Dieser Palast war die Wohnung des Vorstehers der Kaufleute, und ihm gehörte das Kind, das die Sklavinn trug. Er hatte außerdem noch eine Tochter, deren Verlöbniß er gerade an diesem Tage feyerte. Banden von Musikanten und Tänzerinnen waren daher im Hause, und da die Mutter sehr mit dem Verlobungsfeste ihrer Tochter beschäftigt war, so hatte sie ihren kleinen Knaben der Sorgfalt jener Sklavinn anvertraut welche mit ihm auf der Straße spazieren gieng. Delile erkundigte sich bey ihr sowohl nach dem Vater des Kindes, als nach der Ursache dieser allgemeinen Fröhlichkeit, und machte hierauf sogleich den Plan, das Kind zu entführen. Gehe, meine Tochter, sagte sie zur Sklavinn, indem sie ihr einen Dukaten in die Hand gab, geh zu deiner Gebieterinn, überbringe ihr die Glückwünsche ihrer alten Dienerinn Ommol Chair, und sage ihr, daß ich, wenn sie es erlaube, mit meinen Kindern zur Hochzeit kommen will. – Sehr gern, sagte die Sklavinn, aber das Kind ist mir im Wege, denn wenn es seine Mutter sieht, so fängt es an zu weinen, damit sie es in die Arme nehmen soll, und das würde in diesem Augenblick die ganze Gesellschaft stören. – Ach! wenn's weiter nichts ist, so braucht ihr mir nur das Kind zu geben, ich will es so lange in meinen Armen halten, bis ihr wiederkommt. – Die Sklavinn gieng in das Haus, und Delile entfernte sich mit dem Kinde. Indem sie vor dem Hause eines Juden, der ein sehr reicher Juwelenhändler war, vorbeyging, beschloß sie auf der Stelle, ihm einen Streich zu spielen. Sie gieng in das Haus des Juden, und da dieser das Kind des Vorstehers der Kaufleute in ihren Armen erkannte, so gieng er ihm eilig entgegen, in der Hoffnung, dem Vorsteher der Kaufleute selbst seine Aufwartung machen zu dürfen, um dessen Gunst er sich bewarb. Was ist zu euren Befehlen, Madam? fragte er Delilen. – Ihr wißt, antwortete diese, daß mein Herr, der Vorsteher der Kaufleute, heute das Verlöbniß seiner Tochter feyert. Er schickt mich hieher, um allerley Putz auszusuchen, womit er seine Tochter beschenken will. Gebt mir also ein paar goldne Armbänder, ein Paar Fußringe ( Chalchal), ein Halsband von Perlen, Ohrengehänge und einige Ringe zum Auswählen. Der Jude beeiferte sich, ihr alles zu geben, was sie verlangt hatte, dessen Werth sich auf 1000 Dukaten und darüber belief. – Ich will alles dieses meinem Herrn bringen, sagte Delile, damit er selbst auswähle, ich lasse euch indessen das Kind, und bin bald wieder bey euch. – Hierauf gieng sie sogleich nach Hause, und erzählte ihrer Tochter diesen neuen Geniestreich.

Indessen hatte die Sklavinn bey ihrer Gebieterinn den Auftrag der sogenannten Ommol Chair ausgerichtet. – Ich kenne sie nicht, sagte die Dame, aber was hast du mit dem Kinde gemacht? – Ich habe es indessen in ihren Händen gelassen. – Elende! Geschwind gehe hin, und laß es dir wieder geben. – Da die Sklavinn weder das Kind noch die Frau fand, so fieng sie an, sich die Haare auszuraufen, und ein lautes Geschrey auszustoßen. Es wurde sogleich in dem ganzen Stadtviertel Lärm gemacht, nach allen Richtungen hin wurden Leute ausgeschickt, und da der Vorsteher der Kaufleute selbst die Straßen durchstrich, so fand er seinen Sohn in dem Gewölbe des Juweliers wieder. Ach, siehe da, mein Kind, rief er voller Freude. Ja, sagte der Jude, Gott segne euch, indeß hätte es eines solchen Unterpfands nicht bedurft. Was soll das heißen? fragte der Vorsteher der Kaufleute. Der Jude sprach von den Edelsteinen, und der Vorsteher der Kaufleute verstand keine Sylbe von dem ganzen Handel; die Sache klärte sich endlich auf, und da der Jude sah, daß er von einer Gaunerinn hintergangen war, stieß er ein klägliches Geschrey aus. Siehe, da giengen gerade in diesem Augenblick der junge Kaufmann, der Färber und der Eselstreiber in dieser Gegend vorbey. Sie erkundigten sich nach der Ursache dieses Geschreys, und merkten bald, daß es die nämliche Alte gewesen seyn müsse, von der sie selbst so grausam hintergangen worden waren. Da der Jude hörte, daß sie eben damit beschäftigt wären, die Alte aufzuspüren, so verlangte er mit von der Parthie zu seyn. Aber, sagte er, wenn wir Alle beysammen bleiben, so wird sie uns erkennen, und von fern schon die Flucht ergreifen. Es wird weit besser seyn, wenn ein Jeder von uns seinen eignen Weg einschlägt, und wir dann an einem gemeinschaftlichen Stell dich ein wieder zusammen kommen. Ich dächte, wir kämen in dem Laden des Barbiers und Moghrebin's Elhadsch Mejud wieder zusammen.

Dem gemäß schlug also ein Jeder von ihnen einen eignen Weg ein. Der Erste, der der Alten begegnete, und sie wieder erkannte, war der Eselstreiber. Ey, da bist du ja, du saubres Stück, sagte er, treibst du das Metier schon lange? Wo ist mein Esel? – Mein Kind, erwiederte die Alte, ich bin eine alte Frau, habt Mitleiden mit mir. Ich habe euren Esel bey diesem Barbier in Verwahrung gegeben, dessen Laden ihr da unten seht; es ist Elhadsch Mejud, der Moghrebin. Wartet hier nur einen Augenblick, ich will ihm gute Worte geben, daß er euch euren Esel wieder herausgiebt. – Delile gieng mit thränenden Augen zum Barbier, und küßte ihm die Hand. Da unten ist mein Sohn, sagte sie zu ihm, der das Unglück hat, etwas verwirrt im Kopf zu seyn. Tag und Nacht schreyt er beständig: Mein Esel. Die Ärzte haben mir gesagt, daß es kein anderes Mittel giebt, ihn zu heilen, als spanische Fliegen, die auf die Schläfe gelegt werden müssen. Hier ist ein Dukaten, thut mir den Gefallen, und lockt ihn herein. Ihr braucht ihm nur zu sagen, daß ihr seinen Esel habt, und dann legt ihm gehörig die spanischen Fliegen. – Ihr sollt zufrieden mit mir seyn, sagte der Barbier, und befahl zu gleicher Zeit einem seiner Bursche, die Nägel in's Feuer zu legen, um sie glühend zu machen. – Komm! komm! rief er hierauf dem Eselstreiber zu, dein Esel ist hier im Hause. – Der Eselstreiber kam herein, und der Barbier führte ihn an einen abgelegenen dunkeln Ort, wo er mit Hülfe seiner beyden Gesellen anfieng, ihm Hände und Füße zu binden. Meinen Esel! Meinen Esel! schrie der Eselstreiber. – Deine Mutter hat wohl Recht, versezte der Barbier, daß deine Narrheit vollkommen ist, und daß du Tag und Nacht nur nach deinem Esel schreyst. Nur Geduld, wir wollen dir deinen Sparren bald vertreiben. Das ist eine Affäre von einem Augenblick. Und indem er immer so fortsprach, legte er ihm mit Nägeln, die im Feuer glühend gemacht waren, ein spanisches Fliegenpflaster auf.

Während dieser Operation hatte Delile ihre Zeit wohl in Acht genommen, sie hatte die besten Sachen im Laden des Barbiers zusammengerafft, und war damit nach Hause gegangen. Als der Barbier wieder in seinen Laden trat, und sah, daß er geplündert war, hielt er sich deßhalb an den Eselstreiber. Wo ist deine Mutter? sagte er zu ihm. – Aber das ist ja meine Mutter gar nicht, erwiederte dieser, eine Spitzbübinn ist es, die mir meinen Esel gestohlen, und euch so eben auch ausgeplündert hat. In diesem Augenblick kamen der junge Mann, der Färber und der Juwelenhändler. Da sie den Barbier und Eselstreiber im Handgemenge mit einander sahen; so erkundigten sie sich nach der Ursache ihres Streits, und verwunderten sich sehr, als sie diesen neuen Streich der Alten erfuhren. Der Barbier leistete ihnen Gesellschaft, und alle zusammen begaben sich in den Palast des Polizeylieutenants. Von euch, sagten sie zu ihm, fodern wir die Erstattung unsrer Sachen. – Aber wie könnt ihr verlangen, sagte der Wali, daß ich eure Alte unter tausend andern kennen soll, die es in dieser Stadt giebt? – Oh, sagte der Eselstreiber, ich kenne sie recht gut; gebt mir nur vier oder fünf von euren Polizeybedienten, damit ich sie sogleich festnehme, wenn ich sie wieder antreffe. – Der Polizeylieutenant gab ihnen die fünf Polizeydiener, mit denen sie die ganze Nacht die Stadt durchstrichen, und gegen Morgen waren sie endlich so glücklich, ihr Wild aufzuspüren. Die Polizeydiener bemächtigten sich ihrer sogleich, und führten sie in den Palast des Polizeylieutenants, wo sie sich einstweilen in der Straße niedersezten, bis der Wali ihnen Audienz gäbe.

Delile stellte sich, als ob sie schliefe. Die Polizeydiener, die von der durchwachten Nacht ermüdet waren, ließen sich, einer nach dem andern, vom Schlaf beschleichen, und der Eselstreiber, der Färber, der Barbier, der Juwelenhändler und der junge Kaufmann schliefen ebenfalls ein. Als Delile sah, daß die ganze Gesellschaft eingeschlafen war, stand sie ganz heimlich und unvermerkt auf, und gieng in den Harem der Gemahlinn des Polizeylieutenants. Hier küßte sie der Hausfrau die Hände, und fragte nach dem Wali. – Er schläft noch, sagte seine Gemahlinn, aber was willst du so früh bey ihm? – Er hat mit meinem Mann, der ein Sklavenhändler ist, einen Handel abgeschlossen, antwortete Delile. Tausend Dukaten für fünf Mamluken, und zweyhundert Dukaten für ein Faß Wein. Nun hatte aber der Wali seiner Frau tausend Dukaten gegeben, um Mamluken zu kaufen; dieß hatte Delile den Tag vorher zufälligerweise erfahren. – Wo sind denn die Mamluken? fragte die Gemahlinn des Polizeylieutenants? – Sie haben sich da unten auf der Straße hingelegt, antwortete Delile, fünf Polizeydiener, die der Wali abgeschickt hatte, um sie zu holen, haben sie hieher gebracht. – Die Frau des Polizeylieutenants sah zum Fenster hinaus, und erblickte wirklich die fünf Polizeydiener mit den fünf jungen Leuten, welche neben ihnen lagen, und die sie für die fünf Mamluken hielt. Dieß war aber der Färber, der Barbier, der Juwelenhändler, der Eselstreiber und der junge Kaufmann. Ich habe nur die tausend Dukaten, sagte die Gemahlinn des Polizeylieutenants, die mir mein Mann gegeben hat, aber wartet nur, bis er aufsteht, und dann könnt ihr die zweihundert Dukaten, die ihr noch verlangt, selbst von ihm fordern. Ich bin nicht eilig, sagte Delile, ich will ein andermal wieder kommen, und mit diesen Worten entfernte sie sich durch die Hinterthür und gieng nach Hause.

Bald darauf erwachte der Wali, und kam, seiner Frau einen guten Morgen zu wünschen. Ich habe, sagte sie zu ihm, die tausend Dukaten für die fünf Mamluken bezahlt, die ihr gekauft habt. – Was für Mamluken? fragte der Polizeylieutenant. Ich schwöre euch, daß ich kein Wort davon weiß. Und wem habt ihr denn das Geld gegeben? – Der Alten, die sie hergebracht hat. – Das ist mir unbegreiflich; wo sind sie? – Hier unten vor euren Augen. – Der Wali sahe zum Fenster hinaus, und erblickte die fünf Polizeydiener und die fünf jungen Leute. – Sind es etwa diese? fragte er seine Frau. – Richtig, das sind sie. – Nun, das ist eine schöne Betrügerey, sagte der Polizeylieutenant, und gieng sogleich hinunter, um sich nach der Alten zu erkundigen. Die fünf jungen Leute erwachten, und erhoben ihre Stimme gegen die Polizeydiener, die sie hätten entwischen lassen. Der Polizeylieutenant seinerseits behauptete, daß sie mit der Alten im Einverständniß wären, und daß nur sie allein der Alten den Weg zum Harem hätten zeigen können. Als man sich so mit einander eben herumstritt, kam der Hofmarschall dazu, der bey seiner Rückkehr nach Hause die Streiche erfahren hatte, welche die Alte seiner Gemahlinn gespielt. Jetzt kam er, um vom Polizeylieutenant, der sein Verwandter war, deßhalb Genugthuung zu verlangen. Da dieser sich endlich überzeugte, daß er die fünf Betrogenen mit Unrecht beschuldige, im Einverständniß mit der Alten zu seyn, so sagte er: Ich stehe für die Wiedererstattung alles dessen, was die Alte der Marschallinn und euch andern geraubt hat, wenn man sie mir schafft. Gebt uns nur zehn Polizeydiener, riefen sie, und wir wollen sie euch schon schaffen. Der Wali gab ihnen zehn Mann von seinen Leuten, und so machten sie sich, den Eselstreiber an der Spitze, auf den Weg. Sie waren so glücklich, sie zu finden; sie arretirten sie sogleich, und führten sie vor den Wali. Er verhörte sie über ihre Spitzbübereyen, allein sie läugnete geradezu alles ab, und behauptete, keinen einzigen von diesen Herren zu kennen. Er wollte sie hierauf in's Gefängniß werfen lassen, allein da der Kerkermeister nicht für sie haften wollte, weil er fürchtete, sie möchte auch ihm einen Streich spielen, so beschloß der Polizeylieutenant, sie bis an den folgenden Morgen an den Pranger stellen zu lassen. Sie wurde also zur Stadt hinaus an das Ufer des Tigris geführt, und an eine Schandsäule angeschlossen, um während der Nacht daselbst zu bleiben.

Es war schon ziemlich weit in die Nacht, als zwey Araber, die mit einander sprachen, sich ihr näherten. Woher kommt ihr? sagte der eine. – Von Bagdad. – Und was habt ihr dort gemacht? – Ich habe vortrefflichen Honigkuchen daselbst gegessen. – Meiner Treu! sagte der andre, der ein Beduine war, ich muß auch einmal nach Bagdad gehen, ich bin noch niemals da gewesen, und sollte es nur seyn, um von diesen vortrefflichen Honigkuchen zu essen, die ich nie gekostet habe. Unter diesem Gespräch kamen sie an den Schandpfahl, an welchen Delile angeschlossen war. – Was macht ihr da? fragte sie der Beduine. – Ich begebe mich unter euren Schutz, Arabischer Scheich! erwiederte sie. – Das ist ganz gut, aber warum hat man euch angeschlossen? – Ich wollte mich an einer von meinen Freundinnen rächen, die eine Honigkuchen-Verkäuferinn ist, und spuckte ihr daher auf ihre Honigkuchen. Es wurde darüber eine Klage beym Wali angebracht, und dieser hat mich dazu verdammt, an die Schandsäule angeschlossen zu werden, und angeschlossen zu bleiben, wenn ich nicht zehn ganze Kisten Honigkuchen essen will. Mit Anbruch des Tages wird man mir sie herbringen, und ich bin in Verzweiflung, denn ich habe mein ganzes Leben lang einen außerordentlichen Widerwillen gegen süße Sachen gehabt. – Bey Arabertreu! sagte der Beduine bey sich, das kommt mir eben gelegen, der ich nicht nach Bagdad gehe, und doch gern Honigkuchen essen möchte, ich könnte mich dicke satt Honigkuchen essen, wenn ich die Stelle dieser Frau einnehmen dürfte. Er fragte sie, ob sich das nicht machen ließe. – Warum nicht? erwiederte sie, wenn wir die Kleider vertauschen, denn glücklicherweise ist mein Gesicht bey der Polizey eben nicht sehr bekannt. – Der Beduine zog also seinen Bunus aus, band die Alte los, zog ihre Kleidung an, und ließ sich an das Halseisen befestigen, während Delile, als Beduine verkleidet, das Pferd des Arabers bestieg, und in vollem Gallop nach Hause ritt.

Indessen kehrte die Wache, welche man bey dem Schandpfahl gestellt, und die sich während der Vertauschung des Delinquenten gerade auf einen Augenblick entfernt hatte, zurück, und rief Delile bey ihrem Namen. – Es ist zwar noch ziemlich früh vor Tage, antwortete der Beduine, indessen, wenn ihr wollt, so bringt den Honigkuchen nur gleich jezt her; ich habe wohl Lust. – Die Wache merkte sogleich, daß dieß ein neuer Streich der Alten sey und entfloh. Gegen Morgen kam der Polizeylieutenant, begleitet von allen denen, welche von Delilen betrogen worden waren, um sie foltern zu lassen. Aha! sagte der Beduine, da kommen ja die Honigkuchen. Der Polizeylieutenant glaubte, in die Erde zu versinken, als er, anstatt der Alten, die Gestalt des Beduinen sah. Er ließ sich erzählen, wie die Sache zusammenhieng, und der Beduine gerieth in Wuth darüber, daß er keine Honigkuchen bekam, und noch obendrein sein Pferd verloren war. – Von euch, schrie er dem Wali zu, von euch verlange ich mein Pferd und meine Kleidungsstücke. – Von euch, schrien alle die übrigen Unglücksgefährten, von euch fodern wir alles, was uns die Spitzbübinn geraubt hat. Sie war den Händen der Polizey übergeben, und eure Schuld ist es also, wenn ihr sie habt entwischen lassen; wir werden in den Divan gehen, und fodern, daß die Gerechtigkeit besser gehandhabt werde. – Der Polizeylieutenant begab sich selbst dahin, und der Haufe der Betrogenen, der nun durch den Beduinen verstärkt worden war, lief hinter ihm her. Sie warfen sich vor dem Chalifen nieder, und schrien um Gerechtigkeit. Jeder von ihnen erzählte sein Abentheuer, und dieß belustigte den Chalifen ungemein. Ich stehe euch dafür, sagte er zu den Betrognen, daß ihr eure Sachen wieder bekommen sollt, und ich trage dem Wali hiemit auf, daß er sich bemüht, die Alte aufzufinden, und mir sie dann herbringt. – Verzeiht, Beherrscher der Gläubigen, versezte der Polizeylieutenant, verzeiht, wenn ich die Vollziehung dieses Befehls nicht auf mich nehmen kann. Nach dem Streich, den sie mir so eben gespielt hat, stehe ich nicht dafür, daß sie es nicht noch einmal dahin bringt, sich dem Gefängniß und dem Halseisen zu entziehen. – Aber welchen von meinen Offizieren soll ich sonst den Auftrag geben, sagte der Chalife, wenn ihr ihn nicht übernehmen könnt? – Tragt, erwiederte der Wali, dem Vorsteher Ahmed ed-deuf die Sache auf, der eine vortreffliche Besoldung, viel Talente und wenig zu thun hat. – Nun gut also, sagte der Chalife; Ahmed ed-deuf, ich übertrage euch hiemit diese Sache. – Ahemd ed-deuf warf sich vor dem Chalifen nieder, und zog mit seinen 40 Häschern aus. Der Oberste dieser Häscher hieß Alidos, das Kameel. Wenn ihr mir folgen wollt, sprach dieser zu Ahmed ed-deuf, so fragt euren Kollegen Hassan Schuman um Rath, der mehr davon versteht, als wir. Allein Ahmed ed-deuf wollte die Ehre, den Befehl des Chalifen vollzogen zu haben, mit niemanden theilen, und Hassan Schuhman, der außerdem empfindlich darüber war, daß man ihm diesen Auftrag nicht gegeben hatte, hatte eben auch keine Lust, den Rathgeber zu machen.

Ahmed ed-deuf vertheilte seine 40 Häscher in vier Brigaden, wovon eine jede ein gewisses Stadtviertel durchstreifen, und sich dann an einem bestimmten Orte mit den andern wieder vereinigen sollte. Da sich auf diese Weise das Gerücht verbreitet hatte, daß Ahmed ed-deuf den Auftrag habe, die Spitzbübinn zu entdecken, von deren Streichen jezt ganz Bagdad sprach, so kam es auch zu den Ohren der Delile und Seineb. Welche schöne Gelegenheit ist dieß, sagte Seineb zu Delilen, euren Geist zu zeigen, meine Mutter, wenn ihr dem Ahmed ed-deuf und seinen Häschern einen Streich spielen, und euch über diese 40 etwas mokiren könntet. – Das überlasse ich dir, meine Tochter, sagte die Alte. – Ich nehme es auf mich, erwiederte Seineb, wenn nur dieser Teufel von Hassan Schuman sich nicht darein mengt, er allein ist es, den ich fürchte! – Hierauf kleidete sie sich sehr elegant an, puzte sich heraus, so gut als sie konnte, und erhöhte ihre natürlichen Reize durch alle Künste der Toilette. Darauf begab sie sich in den Laden eines Spezereyhändlers, der in einem der bevölkertsten Quartiere der Stadt war, gab ihm Geld, und bat ihn, daß er ihr doch für einen Tag seinen Laden überlassen möchte. Der Spezereyhändler, der eine gut angekleidete Person sah, glaubte, daß die Sache ein Stell dich ein beträfe, und machte keine Schwierigkeit, ihr den Laden abzutreten. Sie richtete sich also hier ein, ließ mehrere Tische mit Gewürzkuchen und Sorbeten besetzen, und sezte sich vor die Thür.

Es dauerte nicht lange, so sah sie die Brigade der Häscher des Ahmed ed-deuf kommen, die Alidos das Kameel anführte. Sie gieng ihm entgegen, küßte ihm die Hand, und empfahl sich seiner Gewogenheit. Als Ali die junge und gut gekleidete Frau erblickte, fragte er sie, wer sie wäre? Sie gab sich für die Tochter des Spezereyhändlers aus, dem der Laden gehöre, ihr Vater sey todt, und sie bewerbe sich jezt um den Schutz und die Gewogenheit des Ahmed ed-deuf. Alidos das Kameel versprach, sie seinem Gebieter zu empfehlen. Hierauf ließ sie ihn mit seinen Gefährten in ein Zimmer treten, das im Hintergrund der Butike war, gab ihnen Gewürzkuchen, und so viel mit Opiaten versezte Sorbete, daß sie in weniger als einer Viertelstunde alle ihrer Sinne nicht mehr mächtig waren. Bald darauf erschien die Brigade, die von Ahmed ed-deuf in eigner Person angeführt wurde. Das nämliche Betragen von Seiten Seineb's, der Spitzbübinn, der nämliche Irrthum von Seiten Ahmed ed-deufs, dieselben Fragen, dieselben Antworten, dieselbe Bewirthung, derselbe Ausgang. Als sie alle fast todtenähnlich betrunken da lagen, zog ihnen Seineb die Kleider bis auf die Hemden aus, und entfernte sich.

Als Ahmed ed-deuf mit seinen Leuten erwachte, schämte er sich um so mehr, da er voraus wußte, wie sehr sein Kollege Hassan Schuman ihn auslachen würde. Er begegnete ihm auf der Straße, und sie gingen hierauf zusammen in den Divan, wo Ahemd ed-deuf gestand, daß er das Auffinden der Alten ferner nicht auf sich nehmen könne. – Ich nehme es auf mich, sagte Hassan Schuman, vorausgesezt, daß der Beherrscher der Gläubigen dieser Frau Verzeihung angedeihen läßt, die offenbar alle diese Streiche nur deßhalb gespielt hat, um sich einen Namen zu machen, wie wir uns einen gemacht haben, und um sich beym Chalifen eine Pension zu verdienen. Ja, ich verzeihe ihr, sagte der Chalife, unter der Bedingung, daß sie die geraubten Sachen wieder herausgiebt. Hier ist mein Schnupftuch zum Zeichen, daß ich ihr verzeihe.

Hassan Schuman, der Delile, die Gaunerinn, und Seineb, die Spitzbübinn, schon lange kannte, und nicht daran zweifelte, daß sie allein nur fähig gewesen wären, diese Geniestreiche auszuführen, zeigte ihnen das Schnupftuch des Chalifen, beredete sie, die Wahrheit zu gestehen, und einem jedem der Beraubten das Seinige wieder zu geben. Delile begab sich mit ihrer Tochter in den Divan, wo der Chalife selbst zugegen war, und warf sich vor ihm auf die Erde nieder. Sie gestand, daß nur die Begierde, sich einen Namen zu machen, und eine gute Besoldung zu erhalten, sie zu diesen Unternehmungen bewogen hätte; ihr Vater sey ehemals Direkteur der Taubenpost, und ihr Mann Gerichtsdiener gewesen, sie selbst habe damals die Tauben zu ihrem Dienst abgerichtet, und halte sich noch jezt für fähig, ihrem Vater in jener Stelle zu folgen. Der Chalife vertraute ihr hierauf wirklich die Direktion der Taubenpost an. Diese Anstalt befand sich in einem großen Chan, der von 40 Sklaven und 40 Hunden von der Race der Schäferhunde des Königs Salomo bewacht wurde. Der Chalife vertraute Delile und ihrer Tochter Seineb die Bewachung des Chans an, wo die 40 Tauben gefüttert wurden, die dazu bestimmt waren, die geheimen Depeschen des Chalifen zu überbringen. Alle Tage begab sich von nun an Delile, von ihren 40 Sklaven begleitet, in den Divan, um die Befehle des Chalifen zu empfangen und zu hören, ob Kuriere abgefertigt werden müßten. In ihrer Abwesenheit und während der Nacht wurde der Chan von den 40 Hunden von der Race der Schäferhunde des Königs Salomo bewacht und vertheidigt, und so hatte Delile kraft ihrer Verdienste und Gaunerstreiche das ehrenvolle Amt der Direktion der Taubenpost erlangt.

Damals lebte zu Bagdad ein Gauner, mit Namen Ali Quecksilber aus Cairo. In Cairo war er nämlich ehemals Bote gewesen, und seinen Beynamen hatte er daher bekommen, weil er wie Quecksilber allen denen entwischte, die ihn fangen wollten. Da er eines Tags in einer Gesellschaft von Gefreyten sehr traurig und melancholisch war, so gieng er auf ihren Rath zur Stadt hinaus, um sich etwas aufzuheitern. In der Absicht nun, sich zu zerstreuen, gieng er in ein Wirthshaus, und nachdem er sich hier etwas benebelt hatte, gieng er in den Straßen von Cairo auf Abentheuer aus. Hier begegnete er einem Wasserträger, der eine Wasserkanne in der Hand hatte. Holla! rief er diesem zu; das Sprichwort sagt, es geht kein Trank über den, der von Weinbeeren gemacht wird, kein Genuß über den eines geliebten Mädchens, und nirgends hat man es so bequem als zu Hause. Holla! sage ich euch, gebt mir zu trinken, denn ich habe einen entsetzlichen Durst. Der Wasserträger maß ihn mit den Augen, füllte seine Wasserkanne, und reichte sie ihm. Ali Quecksilber nahm sie, und schüttete das Wasser auf die Erde. – Wie? Du trinkst ja nicht? sagte der Wasserträger, – Schenk mir noch einmal ein, erwiederte Ali. – Der Wasserträger that es, und Ali schüttete das Wasser noch einmal weg. – Nun gut, rief der Wasserträger, wenn ihr keinen Durst habt, so laßt mich weiter gehn. – Schenk mir noch einmal ein! sagte Ali. Der Wasserträger schenkte ein, Ali trank, und entließ den Wasserträger, indem er ihm einen Dukaten in die Hand drückte. Ey wie wenig, wie so gar wenig ist das für einen so großen Mann, wie ihr seyd, sagte der Wasserträger. – Wie, Schlingel, das ist wenig, sagte Ali, indem er ihn zugleich durchprügelte, ein Dukaten für drey Kannen Wasser ist zu wenig? Hast du jemals wohl einen gefunden, der freygebiger gegen dich gewesen wäre? – Allerdings, erwiederte der Wasserträger, allerdings habe ich Leute gefunden, die noch freygebiger waren als ihr. – Und wer war das, wenn's beliebt? – O wenn ihr mir zuhören wollt, so habe ich gar nichts dagegen, euch meine Geschichte zu erzählen. Mein Vater, der Scheich der Wasserträger von Cairo war, hatte mir zum Erbtheil fünf Kameele, ein Haus und einen Laden hinterlassen. Ich unternahm eine Reise nach Mekka, auf der ich unglücklicherweise meine Kameele verlor, die vor Hunger krepirten. Ich war genöthigt, Geld zu borgen, und in kurzer Zeit hatte ich über 500 Dukaten Schulden. Aus Furcht vor meinen Gläubigern wollte ich nicht nach Cairo zurückkehren, und ich folgte also der Karavane nach Syrien, mit der ich in Damas, Haleb, und endlich in Bagdad ankam. Ich begab mich zu dem Scheich der Wasserträger, und erzählte ihm meine traurigen Begebenheiten. Er gab mir eine Butike und Schläuche, und ich fieng an, in Bagdad mein Metier zu treiben, wie ich es vorher zu Cairo getrieben hatte. Ich fand bald einen großen Unterschied zwischen Cairo und Bagdad, denn ich bemerkte, daß in der leztern Stadt wenig Menschen Durst hatten, und daß die wenigen, welche hier tranken, schlecht bezahlten. Da ich einst so auf Gerathewohl umhergieng, traf ich einen Trupp von Leuten an, die Paar und Paar, mit großen Stöcken in der Hand und mit Perlen und Krystall besezten Mützen auf dem Kopfe, einhergiengen. Wer sind diese Leute? fragte ich. Man sagte mir, es wären die Gerichtsdiener des Ahmed ed-deuf, eines der Vorsteher im Divan, und bey der Polizey von Bagdad, der andre sey Hassan Schuman, und sie giengen jezt aus dem Divan nach Hause.

Derjenige, der mir dieses erzählte, sprach gerade noch davon, als Ahmed ed-deuf vor mir vorübergieng, stehen blieb, und von mir zu trinken verlangte. Ich schenkte ihm eine Kanne voll ein, er warf sie auf die Erde. Eben das that er mit der zweyten, und erst die dritte trank er, wie ein großer Herr, und gerade so, wie ihr es auch gemacht habt. Hierauf fragte er mich, wo ich her wäre? und als ich ihm meine Geschichte erzählt hatte, gab er mir fünf Dukaten, wandte sich dann an seine Gerichtsdiener und sagte zu ihnen: Ich empfehle diesen Mann eurer Wohlthätigkeit. Hierauf gab mir Jeder von Ihnen einen Dukaten, und was mir noch lieber war, sie empfahlen mich ihren Freunden, so daß ich in Kurzem ein Kapital von 1000 Zechinen beysammen hatte. Nun fieng ich an, an meine Abreise zu denken, denn so gut man es auch in der Fremde haben kann, so befindet man sich doch im Vaterlande noch besser. »Ein Dichter hat gesagt: Der Aufenthalt der Reisenden in fremden Ländern gleicht einem Gebäude, das auf den Wind gebaut ist. Die Winde wehen, das Gebäude stürzt zusammen, der Reisende geht davon.« Ich gieng zu Ahmed ed-deuf, meinem Wohlthäter, um Abschied von ihm zu nehmen, er gab mir 100 Dukaten, einen Maulesel, und einen Brief an Ali Quecksilber von Cairo, und trug mir auf, ihm zu sagen, daß sein alter Freund und Kollege, Ahmed ed-deuf, in großen Gnaden bey dem Chalifen stehe. Ahemd eddeuf ist also der freygebige Mann, der dafür, daß er, wie ihr, nur ein einziges Mal trank, mich mit Wohltaten überhäufte, und mir bey der Abreise noch ein Empfehlungsschreiben nach Cairo mitgab. Da bin ich denn also seit einigen Tagen wieder hier, indessen habe ich noch immer meinen Brief nicht abgeben können. – Laßt eure Augen sich freuen, und euren Busen sich heben, sagte Ali, ihr habt euren Mann gefunden, ich bin es selbst, ich bin Ali Quecksilber, gebt mir den Brief. Und Folgendes war der Inhalt. Oben an standen folgende Verse: »Ich schreibe euch dieses Blatt, das durch die Winde zu euch getragen werden wird. Wäre ich ein Vogel, so würde ich zu euch fliegen; aber wie kann der fliegen, dem man die Flügel beschnitten hat? Der Vorsteher Ahmed ed-deuf grüßt seine theuren Freund und Gefährten Ali Quecksilber aus Cairo. Dank sey es dem Fluge meines Genies! Ich habe mir den Weg zu Ehrenstellen gebahnt. Der Chalife hat mir das Kommando über die Gerichtsdiener anvertraut, deren Oberster Alidos, das Kameel ist. Ich gehe zu seiner Rechten, wie mein alter Kamerade, Hassan Schuman, zu seiner Linken geht. Wenn du mir folgen willst, mein Kind, so kommst du nach Bagdad, spielst einige Streiche von deiner Art, und ich stehe dir für eine Stelle und eine Besoldung, die eben so ansehnlich seyn soll, als die unsrige. Ich grüße dich.«

Ali Quecksilber war über den Inhalt dieses Briefs bis in den dritten Himmel entzückt; er küßte ihn, hielt ihn an die Stirn, und gab dem Wasserträger für seine gute Nachricht zehn Dukaten. Hierauf gieng er sogleich nach dem Wachthause, wo er logierte, nahm eine große Mütze, welche hinten herunterhängt, und Tarbusch heißt, ein Schwerdt, eine Lanze, und machte sich reisefertig. Ihr wollt uns verlassen? sagten seine Kameraden zu ihm. Ja! erwiederte er, auf einige Zeit, aber ich werde euch nicht vergessen, und ich will euch unterwegs etwas schicken, womit ihr euch etwas zu gute thun könnt. Hierauf stieg er zu Pferde, und als er kaum zur Stadt hinaus war, begegnete er einer Karavane von 40 Kameellasten, bey der der Vorsteher der Kaufleute war. Dieser stritt sich gerade mit den Maulthiertreibern, die ihn im Stich lassen wollten. Steht mir bey, rief er dem Ali Quecksilber zu, sobald als er ihn herbeykommen sah. Meine Leute haben mich verlassen, und bey diesen Schlingeln von Maulthiertreibern weiß ich nicht, wo mir der Kopf steht. Ali Quecksilber verwieß die Maulthiertreiber zur Ordnung, ließ von Neuem die Kameele beladen, und begleitete die Karavane. Es spann sich bald zwischen ihm und dem Vorsteher der Kaufleute eine Art Freundschaft an, und er beschüzte diesen auf der ganzen Reise, bis sie in den Löwenwald kamen, der von wilden Löwen bewohnt wurde, die zuweilen ganze Karavanen zerrissen. Der Chowadscha, Vorsteher der Kaufleute, hatte kaum einen Löwen gesehn, als er sein Testament machte, und dem Ali auftrug, im Fall, daß er selbst so glücklich wäre, sich zu retten, die Ladung der Karavane seinem Sohne zu übergeben. – Was gebt ihr, sagte Ali Quecksilber zum Vorsteher der Kaufleute, was gebt ihr mir, wenn ich diese Katze der Wüste tödte? – Tausend Dukaten mit dem größten Vergnügen, antwortete dieser. – Ali stürzte hierauf, mit einem Panzerhemd angethan und den Degen in der Hand, auf den Löwen los, hieb ihn in zwey Stücke, und erregte durch dieses Wunder von Tapferkeit das Erstaunen des Vorstehers der Kaufleute, der ihm um den Hals fiel, um ihm für seine Rettung zu danken.

Nachdem die Reisenden glücklich durch den Löwenwald gekommen waren, hatten sie das Hundethal zu passiren, ein Ort, der durch die Beduinen, welche ihn heimsuchten, nicht weniger gefährlich gemacht wurde, als der vorhergehende. Hier wurden sie auch in der That durch einen ziemlich starken Trupp angegriffen, allein da Ali Quecksilber sein Pferd ganz mit Schellen behangen hatte, so geriethen die Pferde der Beduinen in den größten Schrecken, sobald als sie dieses Geklingel hörten. Ein Theil von ihnen rettete sich durch die Flucht, das Blut der übrigen röthete Ali's Lanze. Endlich kamen sie glücklich in Bagdad an, wo der Vorsteher der Kaufleute seinem Retter die Schuld der Dankbarkeit bezahlte. Dieser trennte sich von ihm, um gerades Wegs zur Wohnung des Ahmed ed-deuf zu gehen. Schon hatte er mehrere Personen deßhalb befragt, die ihn nicht bescheiden konnten, als er endlich an einen Platz kam, wo Knaben spielten. An diese muß ich mich wenden, sagte Ali bey sich. Er kaufte Kuchen und legte sie vor sich hin, und einen Augenblick nachher kam einer dieser Knaben, der vom Geruch dieser Kuchen herbeygelockt worden war, zu ihm. Er hieß Al-lakit, und war, wie man sich noch aus dem Anfang dieser Geschichte erinnern wird, der Neffe der Seineb, und Enkel Delilens. Diese Kuchen sollen dein seyn, sagte Ali Quecksilber zu ihm, wenn du vor mir herläufst, und mir die Wohnung des Vorstehers Ahmed ed-deuf zeigst. Der Knabe fieng an, vor ihm her zu laufen, und zeigte ihm das Haus. Ali Quecksilber klopfte. Macht auf! rief von innen heraus Ahmed ed-deuf einem seiner Leute zu. Macht auf! Ali Quecksilber von Cairo ist vor der Thür, ich kenne ihn an seiner Art, anzuklopfen. Nur er klopft gerade so. – Man öffnete die Thüre, Ali trat herein, und Ahmed empfieng ihn mit der lebhaftesten Freude. Er stellte ihn seinen 40 Gerichtsdienern vor, und sie brachten zusammen die Nacht mit Essen und Trinken hin. Am folgenden Morgen nahm Ahmed Abschied von ihm, um seinen Geschäften nachzugehn. Ali wollte ebenfalls ausgehn, allein Ahmed bat ihn, wenigstens drey Tage lang bey ihm zu bleiben, um der Aufmerksamkeit der Polizey zu entgehen, die nicht verfehlen würde, sich nach den Fremden zu erkundigen, die mit der Karavane angekommen wären. Glaubt nicht, sagte Ahmed, daß Bagdad ein Cairo ist. Hier wimmelt es von Spionen und Fliegen der Polizey, wie es bey euch von Fliegen und Gänsen wimmelt.

Ali blieb also drey Tage lang bey seinem Freunde, allein den vierten konnte er es nicht länger im Hause aushalten, er gieng aus, um in der Stadt umher zu streifen, und eine Gelegenheit zu suchen, seine Talente zu zeigen, und sich dem Chalifen auf eine vortheilhafte Art bekannt zu machen.

Indem er so von Straße zu Straße eilte, begegnete er 40 Sklaven mit den Mützen der Wächter, und großen Stöcken in der Hand, die alle Paar und Paar vorbeyzogen. Dieß war Delile's Wache, die hinter ihren Leuten auf einem Maulthier herritt, einen vergoldeten Helm auf dem Kopfe trug, und mit einem stählernen Panzerhemde angethan war. Sie kam eben aus dem Divan, und begab sich in ihren Chan. Indem sie im Vorbeygehn einen Blick auf den Ali warf, sah sie, daß er ein junger Mann von schönem Wuchse und gutem Aussehn war, der dem Ahmed ed-deuf nicht übel glich. Begierig, zu wissen, wer er wäre, fragte sie, als sie wieder nach Hause gekommen war, ihre kabbalistischen Bücher und das Rame um Rath, und fand durch die Kombination der Zahlen und Buchstaben, daß dieser junge Mann Ali Quecksilber von Cairo heiße. Was macht ihr da, meine Mutter? sagte Seineb, die Spitzbübinn. Ich habe meine Bücher um Rath gefragt, sagte sie, um zu sehen, wer der junge schmucke Kerl ist, den ich diesen Morgen gesehen habe, als ich aus dem Divan kam. Er scheint mir so ein Stück von Ahmed ed-deuf, dem Gauner, und das ist mir genug, um mir Furcht einzuflößen. Vielleicht ist es ein neuer Helfershelfer, den er hieher berufen hat, um uns einen Streich zu spielen, und sich für den Streich zu rächen, den wir ihm gespielt haben, als wir ihm und seinen Leuten die Kleider auszogen. – Oh, wenn eure Muthmaßungen gegründet sind, meine Mutter, erwiederte Seineb, so müssen wir ihm zuvorkommen. Mit diesen Worten zog sie ihre schönsten Kleider an, und gieng aus, um den neuen Ankömmling aufzuspüren. Mit allen Männern, die sie belorgnettirten, kokettirte sie auf alle mögliche Art, und ging so von Straße zu Straße, bis sie endlich den Ali Quecksilber antraf, den sie nach der Beschreibung, die ihr ihre Mutter von ihm gemacht hatte, ohne Mühe erkannte. Sie grüßte ihn zuerst. – Aha, guten Tag, meine Schöne, wem gehört ihr an? – Einem reichen Mann, der euch gleicht. – Ihr seyd also verheurathet? – Ja, ich bin die Tochter eines Kaufmanns, und mein Mann ist auch ein Kaufmann. Da ich heute allein zu Hause war, so bin ich ausgegangen, Jemanden aufzusuchen, der Lust hätte, bey mir zu Nacht zu essen. Ich finde euch nach meinem Geschmack, und ich lade euch hiemit ein, mir Gesellschaft zu leisten, wenn es euch gelegen ist. – Ali hatte Anfangs einige Bedenklichkeiten dabey, gleich bey seiner Ankunft eine solche Lebensart anzufangen, die ihn mit dem Ehemann in einen bösen Handel verwickeln könnte. Er zog einen Dukaten aus der Tasche, und wollte ihn ihr geben, um sie los zu werden. Bey Gott, nein! sprach sie, ihr sollt mich nicht mit eurem Beutel, sondern mit eurer Person bezahlen, und hiemit nöthigte sie ihn, ihr zu folgen. Nachdem sie einige Straßen mit einander gegangen waren, stand sie vor einem großen Hause still, dessen Thüre mit einem großen Riegel verschlossen war. – Macht auf, sprach sie zu Ali. – Wo sind die Schlüssel? fragte dieser. – Ich habe sie verloren, war die Antwort. – Aber die Gerechtigkeit nimmt diejenigen in Anspruch, welche ohne Schlüssel verschlossene Thüren öffnen. – Statt aller Antwort warf die Schöne ihrem Begleiter ein Paar zärtliche Blicke zu. Ali konnte der überredenden Kraft ihrer Augen nicht widerstehn, er zerbrach den Riegel, und gieng mit seiner Gefährtinn in's Haus. Sie führte ihn hierauf in einen Saal, der mit Schwerdtern und andern Waffen geziert war, brachte ihm zu essen und zu trinken, und Ali war entzückt bis in den dritten Himmel. Nach dem Essen gieng sie an den Brunnen, um sich die Hände zu waschen. Auf einmal fieng sie an, ein lautes Geschrey auszustoßen, und sich vor die Brust zu schlagen. – Was fehlt euch, meine Freundinn? fragte Ali. – Ich bin in Verzweiflung, antwortete Seineb; ein Ring, der 500 Dukaten werth ist, und den mir mein Mann erst gestern gekauft hat, ist mir eben in den Brunnen gefallen. Ich habe keinen Augenblick eher Ruhe, bis ich ihn wieder habe. Kommt, helft mir in den Brunnen! Ich muß schlechterdings meinen Ring wieder finden. – Unmöglich kann ich zugeben, unterbrach sie Ali Quecksilber, daß ihr euch im Brunnen naß macht, meine Geliebte; ich selbst will hinuntersteigen, um euch euren Ring wieder zu schaffen. – Mit diesen Worten sezte er sich in den Eimer, Seineb ließ ihn hinunter, und als sie ihn bis an den Kopf unter Wasser sah, nahm sie seine Kleider, und gieng nach Hause.

Das Haus, in welchem diese Begebenheit vorfiel, gehörte einem der Emirs des Divans. Als er bey seiner Rückkehr das Schloß geöffnet fand, glaubte er Anfangs, daß Diebe eingebrochen wären, allein da er Niemanden im Hause fand, und sahe, daß nichts weggenommen war, beruhigte er sich. Bald darauf wollte er trinken, und schickte seinen Stallknecht an den Brunnen, um Wasser zu holen. Dieser fand den Eimer außerordentlich schwer, und als er in den Brunnen hinabsah, und Ali's Gestalt erblickte, ergriff er die Flucht. Es ist ein Kobold in eurem Brunnen, schrie er seinem Herrn zu. Der Emir, der ein wenig an Kobolde und Gespenster glaubte, ließ vier Priester holen, um diesen Kobold zu exorcisiren. Die Priester begannen ihre Beschwörungen, man zog den Eimer in die Höhe, und Jedermann war sehr darüber erstaunt, eine menschliche Gestalt vor sich zu sehn. Ihr seyd ein Dieb, sagte der Emir zum Kobold. Um Vergebung, erwiederte Ali Quecksilber; ich verrichtete meine Abwaschungen im Tigris, ich falle hinein, sinke unter, und werde von der Gewalt eines Stroms fortgerissen, in der Tiefe dieses Brunnens sahe ich das Tageslicht wieder. Das ist sehr wahrscheinlich, sagte der Emir, jezt geht indeß eures Wegs.

Bedeckt mit einigen alten Kleidungsstücken, die man ihm gegeben hatte, gieng Ali zum Ahmed ed-deuf zurück, wo man sich über ihn lustig machte, daß er sich wie ein ächter Cairer von solchen Mädchenstreichen hintergehn lasse. Hassan Schuman war gerade auch in dieser Gesellschaft. Soll ich euch sagen, sprach er, wer das Mädchen ist, die euch zum Narren gehabt hat. Seineb ist es, die Tochter der Delile, die so viele Streiche gespielt hat, und jezt mit der Direktion der Taubenpost beauftragt ist. – Ich bin unsterblich in sie verliebt, sagte Ali Quecksilber, ich möchte sie gar zu gern heurathen, aber wie soll ich das anfangen. – Ich will euch dazu verhelfen, versezte Hassan Schumann, wenn ihr euch meiner Leitung überlassen, und unter meinen Fahnen dienen wollt. – Herzlich gern, erwiederte Ali Quecksilber. – Nun gut, so beschmiert euch das Gesicht mit dieser schwarzen Tinktur, zieht ein Sklavenkleid an, geht auf den Markt, und sucht mit Delilens Küchensklaven Bekanntschaft zu machen. Wenn ihr dann einmal sein Vertrauen gewonnen habt, so wird es euch leicht seyn, unter dem Vorwand, mit ihm Busa Eine Art Getränk, das von gegohrner Gerste bereitet wird. Anm. des franz. Übersetzers. zu trinken, in sein Haus zu kommen. Ihr macht ihn dann betrunken, und sucht euch der 40 Brieftauben zu bemächtigen, und nur unter dieser Bedingung verspreche ich euch Seineb's Hand.

Ali that, wie Hassan Schuman ihm befohlen hatte. Nachdem er mit dem Küchensklaven Delile's Bekanntschaft gemacht, schlug er ihm eines Tages vor, daß sie zusammen Busa trinken wollten. Ich darf mich nicht länger vom Hause entfernen, sagte der Koch, ich habe alle Hände voll zu thun, um für Delilen und Seineb, für die 40 Sklaven und die 40 Hunde die Küche zu besorgen. Aber wenn ihr mit zu mir kommen wollt, so will ich euch bewirthen, so gut ich es vermag. Ali nahm die Einladung mit großem Vergnügen an. Er berauschte ihn mit Busa, und erkundigte sich bey ihm sehr umständlich nach der Zahl und Farbe der Schüsseln, die auf Delile's und Seineb's Tafel kommen sollten, nach der gewöhnlichen Kost der Sklaven und dem Futter der Hunde.

Als der Koch von den Opiaten, die mit der Busa vermischt waren, völlig betrunken war, so fieng Ali selbst an, die Küche zu besorgen, so wie er vom Koch erfahren hatte, daß sie besorgt werden müßte. Er kannte die Schlüssel der Ausgeberinn und zum Magazin, und machte Delile's Lieblingsgerichte, Linsensuppe, gedämpftes Fleisch, und ein Serde, das heißt, ein Gericht von verzuckertem und gefärbtem Reiß, und eine Sauce von Granatäpfeln. Eben so machte er den Sklaven ihr gewöhnliches Essen, und den Hunden ihre Portion zurechte, ohne daß Jemand an eine Veränderung oder Vertauschung des Kochs gedacht hätte, dem er überdieß noch an Wuchs und Gestalt glich.

Als Jedermann im Hause zu Bette war, schlich sich Ali in die Garderobe und in das Taubenkabinet, nahm die gewöhnliche Uniform Delile's, und die 40 Tauben, und gieng noch mitten in der Nacht davon. Gegen Morgen gieng einer von Delile's Freunden vor ihrem Hause vorüber, und war sehr erstaunt, die Thür des Chans offen zu sehen. Allein sein Erstaunen stieg auf's höchste, als er hineingieng, und sah, daß die 40 Sklaven und die 40 Hunde, und Delile mit ihrer Tochter Seineb alle noch schlafend oder berauscht da lagen. Er verbrannte hierauf einen Schwamm, den er gefunden hatte, zu Asche, und bließ den Staub, mit Hülfe eines Rohrs, Delilen in die Nasenlöcher, um sie zu ermuntern. Wo bin ich? rief sie, indem sie sich die Augen rieb. Ihr seyd zu Hause, sagte ihr Freund zu ihr, allein ich habe euer Haus in einer sonderbaren Verwirrung gefunden. Eure Hunde schlafen, und eure Tauben sind gestohlen. Ach, schrie Delile, nur Ali Quecksilber von Cairo hat mir diesen Streich spielen können. Jezt versprecht mir, zu schweigen, bis ich die Sache wieder in Ordnung gebracht habe. Hierauf legte sie ihre gewöhnlichen Weiberkleider an, und begab sich gerades Wegs in die Wohnung des Ahmed ed-deuf. Hier hatte sich Ali Quecksilber, nachdem er sich durch ein Bad gereinigt, und dem Hassan Schuman für seinen vortrefflichen Rath gedankt, mit den 40 Gerichtsdienern zu Tische gesezt, um gebratene Tauben zu essen, die jedoch nicht die Brieftauben waren. Siehe, da klopfte Delile an der Thür. Sie trat herein. Was wollt ihr hier, alte Hexe? rief ihr Hassan Schuman zu; ich habe eure ewigen Zänkereyen mit eurem Bruder, dem Fischer, satt. – Ich komme nicht der Fische wegen zu euch, antwortete Delile, sondern wegen der Brieftauben, die mir einer von euren Leuten gestohlen hat. – Ach, was die betrifft, da seyd ihr zu spät aufgestanden, jezt werden sie eben verzehrt. – Delile nahm einen Taubenflügel, und kostete davon. Ach, sagte sie, sie leben noch, die Brieftauben, das ist nicht von ihrem Fleische, ich habe sie mit Moschuskörnern gefüttert, ich würde sie also am Geschmack und am Geruch, der vom Moschus ausgeht, wieder erkennen. – Nun gut, sagte Schuman, da es doch einmal weiter zu nichts dienen kann, wenn wir uns gegen euch verstellen wollten, so sage ich euch hiemit geradezu heraus, daß ihr eure Brieftauben nicht wieder bekommt, wenn ihr eure Tochter Seineb nicht mit Ali Quecksilber von Cairo verheurathet. – Ich habe gar nichts dawieder, erwiederte sie, allein gebt mir nur erst meine Tauben wieder, mein künftiger Schwiegersohn muß sich um seine Frau in guter und gehöriger Form bewerben, und nicht sie durch einen Schurkenstreich zu erhalten suchen. Gebt mir die Tauben, und dann läßt sich von der Sache reden.

Ali gab ihr die Tauben wieder, und drang in sie, daß sie sich deutlicher erklären möchte. Ich habe gar nichts gegen diese Heurath, sagte sie, allein derjenige, welcher meine Tochter heurathen will, muß ihren Oheim, den Fischer Serik, meinen Bruder, darum ansprechen. – Hohl dich der Teufel mit deinem Bruder, schrie Hassan Schuman. – Nun gut, sagte sie, blos unter dieser Bedingung kann die Sache zu Stande kommen, und mit diesen Worten gieng sie mit ihren Tauben nach Hause. Aber warum verwünscht ihr denn ihren Bruder? fragte Ali Quecksilber den Hassan Schuman, als Delile weggegangen war, er wird doch hoffentlich keine Schwierigkeiten machen, in die Heurath einzuwilligen. – Ach, ihr kennt ihn nicht, diesen Serik, erwiederte Schuman, ist irgendwo ein Spitzbube, so ist es dieser, ein alter Schlaukopf, der im Stande wäre, das Alkohol aus den Augen des Mondes zu stehlen. Stellt euch nur vor, was er für eine List braucht, um seinem Fischladen Kunden zu verschaffen. Am Eingang des Ladens hat er an einem seidnen Faden eine Börse mit 1000 Dukaten aufgehangen, und schreyt dabey beständig: »Ihr Schelme und Spitzbuben aus Egypten und Irak, ihr verschmizten, versuchten Genies aus Arabien und Persien, kommt her, kommt hieher, und stehlt diesen Beutel, er gehört demjenigen, der ihn mir raubt.« Durch dieses Mittel zieht er eine Menge von Leuten herbey, die kommen, Fische zu kaufen, in der Hoffnung, den Beutel zu erwischen, und doch hat es bis jezt noch keinem geglückt, und diejenigen, die er bey dem Versuch erwischt, prügelt er halb todt, oder wirft ihnen bleierne Scheiben auf den Leib, womit er sie umbringt. Auf diese Art wird es also am gescheidesten seyn, wenn ihr auf die Seineb ganz Verzicht thut, oder glaubt ihr, sie mit der Einwilligung dieses alten Erzgauners zu bekommen? – Nichts kann mich dahin bringen, meinen Vorsatz aufzugeben, erwiederte Ali. Ich werde mich des Beutels bemächtigen, und dadurch seine Einwilligung erhalten. – Hierauf ließ er sich Weiberkleider kommen, und maskirte sich als eine Frau mit einem Bauch von neun Monaten, die auf dem Punkt ist, niederzukommen, und steckte eine Blase voll Blut zwischen die Beine. Er spielte dabey in seinem ganzen Wesen die schwangere Frau so gut, daß alle, die ihn auf der Straße vorbeygehn sahn, ausriefen: Mein Gott, was ist das doch für ein fruchtbares Weib! Hierauf miethete er sich einen Esel, und ritt im langsamen Schritt nach dem Laden Seriks, wo er die Börse mit den Dukaten aufgehangen sah. – Eselstreiber, sagte jezt die schwangere Frau, ich rieche Fische, und bekomme eben ein ungeheures Gelüst danach, bringt mir ein Stück her. Der Eselstreiber trat zu dem Fischladen. Ich führe hier, sagte er, wie sich's gebührt, meine Frau, die schwanger ist, und Lust hat, Fische zu essen, legt geschwind einen auf den Rost. Es ist kein Feuer da, schrie Serik, und sagte der Frau tausend Grobheiten. Die schwangere Frau stieg hierauf ganz langsam von ihrem Esel, und lehnte sich mit aller Macht auf den Eselstreiber. Dann trat sie in die Butike, und siehe, da lief ihr das Blut zwischen den Beinen hervor. Ach! schrie sie, Ach! Ach! Die Frucht meiner Eingeweide! – Beym Anblick des Blutes kannte sich der Eselstreiber nicht mehr vor Zorn. Elender! schrie er zum Fischer, Elender, der du einer honetten und schwangern Frau einen gerösteten Fisch abschlägst, und ihr eine unzeitige Niederkunft verursachst, du sollst deine Bosheit theuer genug bezahlen! – Serik, der in der That über diesen Vorfall erschrak, fieng eben so gut, wie der Eselstreiber, an, fortzulaufen, um Hülfe zu schaffen. Allein er vergaß den Beutel nicht, und sah sich noch beym Laufen immer darnach um. Da erblickte er die schwangere Frau damit beschäftigt, den Beutel loszubinden. Ey, du infame Kanaille, schrie er, indem er auf der Stelle umkehrte, und warf seine bleyernen Scheiben nach ihr, so daß Ali nur mit genauer Noth sein Leben rettete.

Hierauf legte er dem Hassan Schuman von diesem ersten fehlgeschlagenen Versuche Rechenschaft ab, und verzweifelte indessen nicht, seine Absicht zu erreichen. Er verkleidete sich als Stallknecht, und gieng mit fünf Groschen in der Hand, nach Seriks Laden, um Fische von ihm zu kaufen. Der Fischer wollte ihm von den Fischen geben, die gerade auf dem Tische lagen. Nein, sagte der Stallknecht, er muß heiß seyn. Serik gieng fort, um das Feuer wieder anzublasen, welches ausgegangen war, und der Stallknecht bemächtigte sich in dem nämlichen Augenblick des Beutels. Allein der seidne Faden, woran er hieng, stand mit einer Glocke in Verbindung, die allemal zu läuten anfieng, wenn man ihn berührte. Als Serik daher im Hintergrunde der Butike Sturm läuten hörte, so schleuderte er eine bleyerne Schüssel auf den Stallknecht, der dem Wurf glücklicherweise auswich, und, da er sich nun einmal entdeckt sah, aus allen Kräften davon zu laufen anfieng. Allein die bleyerne Schüssel, die den Stallknecht verfehlt hatte, traf ein Porzellanservice, welches ein Mann, der gerade in diesem Augenblick vor dem Laden vorübergieng, auf dem Kopfe trug. Dieser Mensch und das Service gehörten dem Stadtrichter. Eine Menge Menschen liefen zusammen und schrien: Serik, Serik, dießmal bringt euch euer Beutel keinen Vortheil; der Richter wird euch schon die Interessen von dem Kapitale bezahlen, das darin steckt.

Auch jezt war Ali noch nicht abgeschreckt. Er verkleidete sich, wie ein Taschenspieler, und trat als solcher zum Laden Seriks. Nachdem er hier eine Menge Taschenspielerstückchen gemacht hatte, ließ er plötzlich zwey Schlangen los, die er in einem Sacke hatte. Die Schlangen stürzten gerade auf Serik los, der sich im Hintergrund seiner Küche versteckte. Der Taschenspieler wollte sich in diesem Augenblick des Beutels bemächtigen, die Glocke läutete Sturm, der Fischer schleuderte eine bleyerne Scheibe aus seinem Winkel hervor, die dießmal besser traf, als das vorigemal, und Ali schlich halbtodt nach Hause. Auf diese Weise kam er siebenmal in die Butike, ohne daß ihm sein Vorhaben glückte. Indessen fieng doch diese Hartnäckigkeit an, den Fischer zu beunruhigen. Dieser Schlingel, sagte er, der siebenmal wieder gekommen ist, um mir meinen Beutel zu nehmen, könnte wohl gar des Nachts in meine Bude einbrechen, und ihn mir mit weit weniger Gefahr entreißen; ich sehe wohl, ich muß ihn künftig alle Abende mit nach Hause nehmen. Ali machte in der That einen vergeblichen Versuch, den Beutel in der verschlossenen Bude zu erwischen. Jezt blieb ihm nichts weiter übrig, als sich in das Haus Seriks selbst einzuschleichen, um ihn hier seinen Beutel zu stehlen. Serik war mit einer Negerinn verheurathet, die eine von den Sklavinnen Dschafar's, des Barmaeiden, gewesen war. Unter dem Kopfkissen dieser seiner Frau legte er alle Abend den Beutel nieder. Ali, der dieses ausspionirt hatte, fand Mittel, sich eines Abends im Hause Seriks zu verstecken, und sich nicht nur des Beutels, sondern auch des Kindes zu bemächtigen, und so kam er mit seiner Beute glücklich nach Hause.

Als Serik durch das Geräusch, das Ali bey seiner Flucht machte, aufgeweckt wurde, und sähe, daß sein Beutel fehlte, schrie er: Diebe! Diebe! und fieng an, aus allen Kräften hinter ihm herzulaufen. Ali gieng indessen zu Ahmed ed-deuf, und kaum war er da, so klopfte schon Serik an die Hausthür. Gebt mir mein Kind und meinen Beutel wieder, schrie er dem Ahmed zu. –

Ach, gehört das Kind euch? antwortete dieser, indem er sich ganz erstaunt stellte, das thut mir sehr leid, denn es ist so eben in meinen Armen verschieden. – Serik machte hierauf einen solchen Spektakel, daß man ihm Kind und Beutel wieder zu geben versprach, wenn er seine Einwilligung zur Verheurathung der Seineb mit Ali Quecksilber von Cairo geben wollte. – Sachte! Sachte! sprach Serik, die Einwilligung erzwingt sich nicht, gebt mir erst meine Sachen wieder, und dann wollen wir zusehen. – Man gab ihm hierauf Kind und Beutel, und Serik sagte: Ja! ich gebe ihm hiemit meine Nichte zur Frau, aber nur unter der Bedingung, daß er ihr das Heurathsgut mitbringt, das sie verlangt. – Und worin soll denn dieses Heurathsgut bestehen? – Es ist, antwortete Serik, das Kleid der Camarye, der Tochter des Juden Esdras, ihr Diadem und ihr Arbeitsbeutel, welche Sachen alle von Gold sind; wenn ihr nicht diese drey Stücke bringt, könnt ihr nicht den geringsten Anspruch auf sie machen. – Ich bin es zufrieden! sagte Ali. – Ihr habt euer Todesurtheil gesprochen, sagten die Andern zu ihm. – Wie so? – Weil ihr nicht wißt, wer dieser Esdras ist. Es ist ein Hexenmeister von der ersten Größe, dem die Dschinnen und Dämonen zu Gebote stehen. Er bewohnt einen ansehnlichen Palast außerhalb der Stadt. Hier zeigt er alle Abende das Kleid seiner Tochter am Fenster und schreyt: »Wo ist der Persische Gauner und der Arabische Spitzbube, der sich in Besitz dieses Kleides setzen kann? Ich verspreche ihm die Hand meiner Tochter.« – Die verschlagensten Köpfe und die feinsten Genies haben bis jezt vergeblich versucht, dieses Abentheuer zu bestehen, er verwandelt sie durch seine magischen Künste in Esel und Affen.

Ali ließ sich durch diese Schwierigkeiten nicht abschrecken, und suchte am folgenden Morgen die Butike des Juden auf. Dieser trieb das Metier eines Menschen, der Gold, Silber und Seide wiegt, und Ali sah ihn auf einem Maulthier sitzen, das mit zwey Säcken Gold und Silber beladen war. Er folgte ihm bis an den Eingang seines Palastes, und sah ihn mit seinem Maulthier die Treppe hinaufreiten. Dann stieg der Jude ab, trat in das Haus, schloß die Thüre hinter sich zu, und zeigte sich einen Augenblick nachher am Fenster mit einem goldnen Kästchen, aus welchem er ein reiches Kleid herauszog, und mit lauter Stimme rief: »Wo ist der Arabische Spitzbube und der Persische Gauner, der sich dieses Kleids bemächtigen kann? Ich verspreche ihm meine Tochter.« Ali glaubte, das Gescheideste wäre, zum Juden hinzugehn, und das Kleid auf eine gute Manier sich von ihm auszubitten. Er zeigte sich also vor der Hausthür des Juden. Dieser hatte ihn kaum kommen sehn, als er seine kabbalistischen Bücher um Rath fragte, und mit ihrer Hülfe fand, daß es Ali Quecksilber von Cairo sey. Dieser bat ihn jezt um das Kleid. Wenn ihr mir folgen wollt, und euch euer Leben lieb ist, sagte der Jude zu ihm, so steht von eurem thörichten Vorhaben ab. Man hat euch das blos in den Kopf gesezt, um euch in's Verderben zu stürzen, ich würde euch auf der Stelle tödten, wenn ich nicht so eben in meinen Büchern gelesen hätte, daß die Sterne mir es untersagen. Ihr könnt eurem Glücksstern dafür danken. – Ali wurde durch das, was er jezt hörte, nur noch mehr angefeuert. Ich muß schlechterdings das Kleid haben, sagte er. – Aha! sagte der Jude, ihr müßt es also schlechterdings haben; das ist ganz gut! Wir wollen zusehn. – Mit diesen Worten nahm er eine Tasse, die mit geheimnißvollen Charakteren bedeckt war, füllte sie mit Wasser, besprüzte den Ali damit, und verwandelte ihn auf diese Weise in einen Esel mit ungeheuern Ohren.

Am folgenden Morgen zäumte ihn der Jude, um ihn zu besteigen, belud ihn mit seinen zwey Säcken Gold und Silber, und begab sich nach seiner Butike. Hier wurde Ali als Esel angebunden, und behielt übrigens alle Fähigkeiten, die er als Mensch gehabt hatte, außer die, zu reden. Siehe, da gieng ein junger Mensch vorbey, der sein ganzes Vermögen durchgebracht, und nun beschlossen hatte, das Metier eines Wasserträgers zu ergreifen, um sein Brod zu verdienen. Er besaß nichts mehr, als ein Paar Armbänder, die er dem Juden verkaufte, um von ihm den Esel zu bekommen. Da bin ich denn in einer schönen Lage, sagte Ali bey sich, man wird mir den Sattel auflegen, die Kinder werden mich necken, und die Sklaven werden mich prügeln. – Sein neuer Herr führte ihn nach Hause, und empfahl ihn seiner Frau, als das einzige Mittel, das ihm noch übrig bleibe, um sein Brod zu verdienen. Hierauf entfernte er sich, um dem Esel das nöthige Geschirr zu kaufen. Seine Frau lag auf einem armseligen Bett. Ali, der auf einem gewissen Fleckchen nur zu sehr Esel, und es auf der andern Seite doch nicht so sehr war, als es schien, näherte sich dem Bett, und legte sich über die Frau seines Herrn her, um mit ihr der Liebe zu pflegen. Diese fieng an, zu schreyen, die Nachbarn kamen noch bey Zeiten dazu, und befreyten sie von dem Esel, allein sein Herr, der in Wuth darüber gerieth, daß er ein so übel geartetes Thier gekauft hätte, eilte zum Juden, und beklagte sich bey ihm über die bösen Mucken seines Esels. Der Jude nahm ihn wieder, und wandte sich darauf zu dem Esel. Aha, Schlingel, sagte er zu ihm, da du ein so unverschämter Esel bist, so müssen wir wohl eine andre Metamorphose mit dir vornehmen. Aber gewinnen sollst du nichts bey diesem Tausch, das glaube nur.

Gegen Abend bestieg der Jude seinen Esel, ritt nach Hause, zeigte das Kleid seiner Tochter am Fenster, aß zu Nacht, besprüzte nach Tische den Ali mit Wasser aus der nämlichen Tasse, und gab ihm seine erste Gestalt wieder. Ali, sagte er hierauf zu ihm, folge meinem Rath; entsage deinem thörichten Vorsatz, oder es soll dir noch schlimmer gehn. Nein, sagte Ali, das geschieht nicht; ihr oder ich, einer von uns beyden muß dabey umkommen; ich entsage dem Kleide eurer Tochter nicht. – Nun gut, versezte der Jude, indem er ihn mit Wasser besprüzte, und sogleich wurde Ali in einen Bären verwandelt und an die Kette gelegt. Am folgenden Morgen bestieg der Jude einen Dämon, der wie ein Maulthier aussah, und führte den Bär mit sich nach seiner Butike. Es fand sich bald Jemand, der den Juden bat, daß er ihm doch den Bären verkaufen möchte, weil die Ärzte seiner Frau Bärenfleisch und Bärenfett verschrieben hätten. Der Jude, dem nichts so sehr am Herzen lag, als sich den Bären vom Halse zu schaffen, verkaufte ihn. Allein in dem nämlichen Augenblick, als man den Bär schlachten wollte, zerbrach Ali seine Kette, entwischte, und kehrte in den Palast des Juden zurück. Als dieser seinen Gast wieder kommen sah, beschloß er, einen neuen Versuch zu machen. Er besprengte ihn, und gab ihm seine menschliche Gestalt wieder. Von ungefähr war gerade die Tochter des Juden bey dieser Metamorphose zugegen. Da sie einen so wohlgemachten jungen Mann sah, verliebte sie sich in ihn, allein als sie aus seinem eignen Munde hörte, daß er nur ihr Kleid und keineswegs ihre Person verlangte, sagte sie: Mein Vater, das ist ein elender Taugenichts. Der Jude besprüzte den Ali zum drittenmal, und verwandelte ihn in einen Hund.

Am folgenden Morgen begleitete er den Juden auf den Markt, und alle Hunde bellten hinter ihm her. Als ein menschenfreundlicher Perser diesen armen Hund von allen andern Hunden angegriffen sah, nahm er seinen Stock, um sie fortzujagen, und Ali bezeugte dafür seine Dankbarkeit, indem er mit dem Schwanze wedelte, und sich dem Perser zu Füßen legte, weil er bey sich dachte, daß man, wenn man einmal ein Thier ist, ein eben so guter Hund seyn müsse, als etwas anders, und daß, Herr gegen Herrn gerechnet, dieser Perser noch besser sey als der unmenschliche Jude. Er blieb also bey ihm, und begleitete ihn gegen Abend nach Hause. Kaum hatte der Perser sein Haus betreten, als seine Tochter zu ihm sagte: Wie, mein Vater? Ihr bringt uns einen Fremden mit? – Ja, meine Tochter, erwiederte er, diesen armen Hund. – Dieser Hund, sagte die Tochter, ist Ali Quecksilber, der vom Juden Esdra's wegen des Kleides seiner Tochter bezaubert ist, und ich kann ihm seine vorige Gestalt wieder geben, wenn er mich heurathen will. – Der Hund wedelte bey diesen Worten mit dem Schwänze, und das Mädchen hielt dieß für ein Zeichen seiner Einwilligung. Sie fieng also sogleich ihre magischen Operationen an. Allein kaum war sie bey der Arbeit, als ihre Sklavinn herbeygelaufen kam, und einen lauten Schrey ausstieß. Meine Gebieterinn, sagte sie, hattet ihr mir nicht versprochen, nichts von dieser Art zu thun, ohne mich um Rath zu fragen. Diesen Menschen, den ihr da heurathen wollt, will ich selbst heurathen, und ich willige in eure Operationen nur unter der Bedingung ein, daß er uns gemeinschaftlich gehöre, die eine Nacht mir, die andre Nacht euch. – Was soll das alles heißen? fragte der Perser ganz erstaunt. Seyd wann bist du eine Magierinn geworden, meine Tochter? – Ich habe sie in dieser Kunst unterrichtet, antwortete die Sklavinn. Ich war einst in den Diensten des Juden Esdra's, und ich wußte dort meine Zeit gut anzuwenden. Denn während seiner Abwesenheit blätterte ich in seinem Metamorphosenbuche, und aus diesem Buche habe ich alles das gelernt, was ich eurer Tochter nun unter der ausdrücklichen Bedingung gelehrt habe, daß sie niemals etwas von dieser Art unternehmen soll, ohne mich um Rath gefragt zu haben.

Als Ali seine vorige Gestalt wieder bekommen hatte, erzählte er seine Abentheuer, und wie er in Seineb, die Spitzbübinn, unsterblich verliebt sey. – Ich halte dafür, sagte der Perser, daß ihr euch mit meiner Tochter und ihrer Sklavinn begnügen solltet, die euch eure menschliche Gestalt wieder gegeben haben. –

Als sie noch in diesem Gespräche begriffen waren, wurde an die Thüre geklopft. Wer war es? Es war Kamarye, die Tochter des Juden Esdra's. – Was wollt ihr hier, fragte sie Ali. – Euch heurathen, antwortete sie; denn ich bin jezt eine gute Mohammedanerinn. Es ist kein Gott ausser Gott, und Mohammed ist sein Prophet. Ich bringe euch zum Heurathsgute mein Kleid, mein Diadem, meinen Arbeitsbeutel, und den Kopf meines Vaters gebe ich euch in den Kauf obendrein. Er hat sich geweigert, den wahren Glauben anzunehmen. Ich aber sage: Es ist kein Gott ausser Gott, und Mohammed ist sein Prophet. – Ich sehe wohl, sagte der Perser, daß wir hingehn, und dem Chalifen unsre Sache vortragen müssen, um zu erfahren, welcher von euch Ali gehören soll.

Ali war indessen wegen eines gewissen Bedürfnisses auf einen Augenblick hinuntergegangen. Da hörte er einen Konfitürenhändler, der gerade in der Straße vorübergieng, seine Konfitüren ausrufen. Da er die Süßigkeiten sehr liebte, so rief er ihn herein, um welche zu essen. Dieser Konfitürenhändler war ein wahrer Bösewicht, der nichts als Opiate hatte, deren er sich bediente, um die Leute ihrer Sinne zu berauben, und sie dann auszuplündern. Kaum hatte Ali von seinen süßen Sachen gekostet, als er seiner Sinne nicht mehr mächtig war. Der Konfitürenhändler beraubte ihn hierauf seiner Kleider und der Edelsteine der Kamarye, die er bey sich hatte. Allein der Konfitürenhändler blieb nicht lange im ruhigen Besitz seines Raubes. Denn kaum war er einige Schritte weiter gegangen, als er auf einen Richter traf, der ihn arretirte. Der ungeheure Umfang seiner Konfitürenschachtel, in welche er die gestohlnen Sachen verbarg, erweckte bey dem Richter Verdacht. Er suchte nach, und fand Alis Kleider und die Edelsteine der Kamarye. Hierauf ließ er die Konfitüren untersuchen, und fand, daß sie alle mit den stärksten Opiaten versezt waren.

Nun müsset ihr aber wissen, wer dieser Konfitürenhändler und dieser Richter war. Jener war Ahmed allakit, der Neffe Seineb's, der sich wie seine Großmutter und seine Tante in Gaunerstreichen übte, und dem diese den Auftrag gegeben hatten, wo möglich den Ali aufzuspüren, und ihn der Edelsteine der Kamarye zu berauben, wenn er sie hätte. Der Richter war Hassan Schuman, der sich als Richter verkleidet hatte, und mit seinen 40 Gerichtsdienern die Stadt durchstrich, um Nachrichten von Ali einzuziehn. Nachdem Hassan Schuman den Konfitürenhändler entdeckt hatte, fand er bald darauf den Ali Quecksilber, der nicht weit davon in einer Art von Trunkenheit auf dem Boden lag. Man brachte ihn wieder zu sich, und Ahmed al-lakit gestand alles. – Recht gut, sagte Ali Quecksilber zu ihm. Jezt packe dich, und sage deiner Mutter Delile, der Gaunerinn, und deinem Onkel Serik, dem Fischer, daß ich der Seineb zum Heurathsgut das Kleid der Kamarye und den Kopf des Juden mitbringe, und daß ich morgen im Divan förmlich um ihre Hand anhalten will.

Am folgenden Morgen begab sich also Ali, begleitet von Ahmed ed-deuf und Hassan Schuman und ihren Gerichtsdienern, die auf einer Schüssel den Kopf des Juden trugen, in den Divan, und warf sich daselbst zu den Füßen des Chalifen nieder. Der Chalife, der durch Alis schöne Gestalt zu seinem Vortheil eingenommen wurde, ließ sich erzählen, was dieser häßliche Judenkopf auf einer goldnen Schüssel bedeute. Ali erzählte alles von Anfang bis zu Ende, und seine Erzählung wurde durch das Zeugniß der Kamarye, der Tochter des Persers und ihrer Sklavinn, bekräftigt, die in den Divan gekommen waren, um ihre Ansprüche auf Alis Person geltend zu machen. Der Chalife war entzückt, die Stadt Bagdad von einem so schändlichen Hexenmeister befreyt zu sehn, und bezeugte dem Ali darüber seine Zufriedenheit. Er gab ihm den Palast des Juden zur Wohnung, und die 3 Mädchen, die gekommen waren, ihre Rechte geltend zu machen, zu Gemahlinnen. Er fragte ihn hierauf, ob er sich noch etwas anders ausbitten wolle, und da Ali erklärte, daß Seineb seine erste Liebe sey, so befahl der Chalife, daß sie seine 4te Frau seyn und daß man Anstalten zum Hochzeitsfeste machen sollte. Er ernannte noch obendrein den Ali zum Polizeyvorsteher mit dem nämlichen Rang und der nämlichen Besoldung, die Ahmed ed-deuf und Hassan Schuman hatten, und erlaubte ihm, 40 seiner alten Kameraden zu Kairo als Gerichtsdiener hieher kommen zu lassen. In seiner neuen Stelle erwarb sich Ali gar bald das Vertrauen des Chalifen, und da dieser sich in schlaflosen Nächten mehr als einmal hatte seine Geschichte erzählen lassen, so befahl er, daß sie aufgeschrieben und zur Belehrung künftiger Zeitalter und Geschlechter in der Schatzkammer niedergelegt werden sollte.

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