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Märchen aus Hundert und Einer Nacht

Joseph von Hammer-Purgstall: Märchen aus Hundert und Einer Nacht - Kapitel 10
Quellenangabe
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authorJoseph von Hammer-Purgstal
titleMärchen aus Hundert und Einer Nacht
publisherGreno Verlagsgesellschaft m. b. H.
year1986
translatorAugust E. Zinserling
correctorreuters@abc.de
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Das Mährchen von Dschuder.

Ein Kaufmann hatte drey Söhne, wovon der älteste Sallin, der zweyte Selim und der dritte Dschuder hieß. Der jüngste besaß vorzugsweise die Zärtlichkeit seines Vaters, und damit er bei der Theilung der Erbschaft von seinen Brüdern, die sehr neidisch auf ihn waren, nicht übervortheilt werden möchte, so beschloß der Vater, die Sache bei seinen Lebzeiten noch in Ordnung zu bringen. In dieser Absicht ließ er den Richter kommen, ein Verzeichniß seines ganzen Vermögens verfertigen und es in vier gleiche Theile theilen, wovon jeder seiner Söhne einen und die Mutter den vierten Theil haben sollte. Bald darauf starb der Vater. Die beyden älteren Brüder Dschuders, die mit der Theilung nicht zufrieden waren, und behaupteten, sie müßten mehr vom Vermögen des Vaters bekommen als der jüngere, giengen vor Gericht, um ihre Sache gegen ihn vorzutragen.

Da die Zeugen des Testaments vor Gericht citirt wurden, so fiel der Urtheilsspruch zu Gunsten Dschuders aus, aber die Unkosten des Processes fielen ihm nicht weniger zur Last als seinen Brüdern. Diese appellirten an ein andres Tribunal, welches für sie sprach. Dschuder processirte hingegen in der dritten Instanz, und so klagten sie von Tribunal zu Tribunal, von Urtheilsspruch zu Urtheilsspruch, so lange immer weiter fort, bis sie alle drey ihr väterliches Erbtheil mit Processiren durchgebracht hatten. Die beyden ältern Brüder, die im höchsten Grad brutale Menschen waren, fielen hierauf über die Mutter her, schlugen sie und beraubten sie des Erbtheils, das zu ihrem Wittwenthum bestimmt gewesen war. Diese gieng zu Dschuder und beklagte sich bey ihm darüber. Dschuder tröstete sie so gut er konnte, und stellte ihr vor, daß er seine Brüder deshalb nicht vor Gericht verklagen könnte, da er keinen Heller mehr im Vermögen habe, und daß sie sich Beyde also in Geduld fassen müßten.

Die Mutter, welche über die guten Gesinnungen ihres Sohns sehr gerührt war, blieb bey ihm und lebte so von einem Tag zum andern, durch die Gnade der göttlichen Vorsehung fort. Dschuder nahm seine Netze und gieng bald an den See von Birka, bald an den von Boulak, bald nach Altkairo, um sein Brod mit der Fischerprofession zu verdienen. So verschaffte er sich seinen Lebensunterhalt und erhielt seine Mutter, indem er bald mehr bald weniger gewann. Seine beyden älteren Brüder hatten dasjenige, was sie ihrer Mutter abgenommen, gar bald verschwendet. Als nackte Bettler lebten sie nun von Almosen und kamen zuweilen, wenn ihr Bruder nicht zu Hause war, zu ihrer Mutter, um einen Bissen Brod zu erbetteln. Die Mutter wollte die Empfindungen der Natur gegen ihre Söhne nicht ersticken, so undankbar sie sich auch gezeigt hatten, und gab ihnen zu essen, rieth ihnen jedoch zugleich, sich vor der Rückkehr ihres Sohnes zu entfernen, um seinen Zorn nicht zu reizen. Eines Tages kam indessen Dschuder zurück, als seine Brüder noch am Tische saßen. Die Mutter getraute sich nicht ein einziges Wort zu sagen, aus Furcht ihm zu mißfallen. Aber Dschuder, weit entfernt böse zu werden, grüßte seine Brüder herzlich, umarmte sie und beklagte sich darüber, daß sie nicht öfter kämen ihn zu besuchen. Die beyden Brüder waren ganz verwirrt und beschämt über die Großmuth seines Benehmens. Dschuder sagte ihnen noch tausend verbindliche Sachen und nöthigte sie da zu bleiben und in seinem Hause zu schlafen. Sie blieben also da und zwar nicht nur diese Nacht, sondern auch die folgenden. Dschuder gieng alle Morgen mit seinem Netze aus und ernährte so seine Mutter und seine beiden Brüder mit dem Ertrag seiner Arbeit.

Eines Tages warf er von Morgen bis Abend seine Netze aus, ohne einen einzigen Fisch zu fangen und war auf diese Weise genöthigt mit leeren Händen wegzugehn, wie er am Morgen gekommen war. Indem er also traurige Betrachtungen darüber anstellte, daß er und seine Familie diesen Abend sich würden zu Bette legen müssen ohne gegessen zu haben, machte er sich auf den Weg, um nach Hause zu gehn. So gieng er vor dem Beckerladen vorbei, wo er gewöhnlich sein Brod kaufte. Hier sah er eine Menge Menschen, die sich herbei drängten, um Brod zu kaufen, aber da er selbst keinen Heller hatte, so blieb er von fern stehn, und sah traurig die Kommenden und Gehenden an. – Willkommen! rief ihm der Becker zu. Willkommen Dschuder! Nicht wahr, ihr braucht Brod? – Dschuder antwortete nicht ein einziges Wort. – Greift nur zu, fuhr der Becker fort, wenn ihr auch kein Geld bey euch habt. Hier sind 10 Brode, die ihr doch gewöhnlich kauft. Dschuder wollte sein Netz zum Unterpfand da lassen. Gott verhüte, sagte der Becker, daß ich euch der Werkzeuge eures Lebensunterhalts berauben sollte Hier sind 10 Brode und 10 Groschen, ich leihe sie euch und ihr bringt mir morgen 20 Fische. Dschuder dankte dem Becker, kaufte Fleisch und Gemüse und aß zu Abend wie gewöhnlich.

Am folgenden Tage war sein Fischfang nicht glücklicher als vorher. Traurig machte er sich auf den Weg nach Hause, und als er vor dem Laden des Beckers vorbei gieng, so lieh ihm dieser noch 10 Brode und 10 Groschen, indem er zu ihm sagte: Muth, Dschuder! was einmal beschlossen ist, geschieht und was heute nicht kömmt, kömmt morgen. – So gieng er sieben Tage lang immer an andre Orte, aber seine Bemühungen waren vergeblich, er fieng auch nicht einen einzigen Fisch. Endlich beschloß er nach Birketol-Caron In der Nähe des alten Memphis liegt der See des Charon, über welchen man die Todten sezte, um sie in der Ebene von Sacara zu begraben, woher die Idee vom Nachen des Charon kommt. Anm. des franz. Übersetzers. zu gehen. Er machte sich eben zurecht sein Netz auszuwerfen, als er einen Mogrebin Mogrebin heißt ein Bewohner des westlichen Theils von Afrika, welcher Mogrib genannt wird. Anm. des franz. Übersetzers. herbeykommen sah, der so verhüllt war, daß man nur ein Auge von ihm sah. Das Maulthier, worauf er saß, war reich aufgezäumt und trug einen Mantelsack auf dem Kreuze. Er grüßte Dschudern, und dieser erwiederte den Gruß. Dschuder, sagte der Mogrebin, wenn du dich etwa in Verlegenheit befinden solltest, so verspreche ich dir, daß ich dir aus der Noth helfen, und dich mit Gütern überhäufen will; du mußt mir dagegen aber ebenfalls einen Dienst leisten. – Ihr habt nur zu befehlen, sprach Dschuder, ich bin ganz zu euren Diensten. – Fangt also an, und sprecht eine Fatiha! Fatiha, die erste Sura des Koran, ist das Vater unser der Mohammedaner. Anm. des franz. Übersetzers. sagte der Mogrebin. – Sie sprachen sie beyde gemeinschaftlich. Hierauf zog der Mogrebin aus seinem Mantelsack einen seidenen Gürtel. Thut mir den Gefallen, sprach er zu Dschuder, und bindet mir mit diesem Gürtel die Schultern fest, und werft mich dann in den See. Wenn ihr dann ein wenig nachher meine Hand oben aus dem Wasser herauskommen seht, so werft geschwinde das Netz darüber her, und zieht mich heraus. Aber wenn ihr meinen Fuß hervorkommen seht, so ist dieß ein Zeichen, daß ich todt bin. In diesem Falle nehmt das Maulthier und den Mantelsack, geht auf den Markt, fragt nach dem Juden Schemsa, und gebt ihm das Maulthier, wofür er euch hundert Dukaten auszahlen wird. Dann geht nach Hause, und sagt Niemanden ein Wörtchen von dem, was vorgefallen ist. – Dschuder that, wie der Mogrebin ihm befohlen hatte, er warf ihn in den See, und bald darauf sah er den Fuß des Mogrebin über dem Wasser erscheinen. Ohne zu zaudern, nahm er das Maulthier, und begab sich auf den Markt, wo man ihm den Laden des Juden Schemsa zeigte. Sobald dieser das Maulthier erblickte, schrie er: Er ist todt! – Ja, er ist todt, antwortete Dschuder. Seine Habsucht ist es, die ihn um's Leben gebracht hat, sagte der Jude; hier sind hundert Dukaten, nehmt sie und bewahrt das Geheimniß.

Dschuder begab sich auf der Stelle zum Becker, um seine Schulden zu bezahlen. Hierauf bezahlte er die Schulden seiner Brüder, und gab ihnen Geld noch obendrein, so daß er in kurzer Zeit nicht reicher war als vorher. Um nun nicht auf's Neue sein Netz vergeblich auszuwerfen, gieng er vom ersten Tag an, wo er wieder zu arbeiten anfieng, an den See des Karon, und siehe da, es zeigte sich ein andrer Mogrebin, dessen Maulthier noch reicher gezäumt, und dessen Mantelsack noch kostbarer besezt war, als es Dschuder bey dem vorigen bemerkt hatte. Der Mogrebin grüßte Dschudern und fragte ihn, ob er nicht vor Kurzem einen Mogrebin gesehen hätte, der wie er gekleidet gewesen, und denselben Weg hergekommen wäre. Dschuder, welcher fürchtete, daß er Rechenschaft werde ablegen müssen, läugnete geradezu, den Mogrebin gesehen zu haben. Wie? sagte der Mogrebin; weiß ich nicht, daß du ihm die Schultern zusammengebunden, daß du ihn in den See geworfen, daß du nachher den Juden Schemsa aufgesucht, und ihm das Maulthier für 100 Dukaten verkauft hast? – Nun gut, sagte Dschuder, wenn ihr es so gut wisset, so ist es ja ganz unnütz, daß ihr mich darnach fragt. – Alles, was ich von euch verlange, fuhr der Mogrebin fort, ist, daß ihr es mit mir gerade so macht, und zwar unter den nämlichen Bedingungen. Dschuder willigte sehr gern ein. Er band ihm die Schultern zusammen, warf ihn in den See hinein, und da er den Fuß zum Vorschein kommen sah, so entfernte er sich mit dem Maulthier, wofür er ebenfalls 100 Dukaten bekam. Dieses Metier, die Mogrebin's auf eine so vortheilhafte Art zu ersäufen, gefiel ihm nun so wohl, daß er schon am Morgen des folgenden Tages sich wieder an den Karon-See begab, und siehe, es kam in der That der dritte Mogrebin, der noch reicher gekleidet und besser beritten war als die vorigen. Hast du meine Brüder nicht gesehen? fragt er den Dschuder. Ja, antwortete dieser, sie amüsiren sich indeß mit den Fischen, bis ihr zu ihnen kommt. – Ganz recht! sagte der Mogrebin, das ist gerade mein Verlangen. – Herzlich gern, antwortete Dschuder, ich verstehe mich nun schon auf dieses Metier. Er band ihn also fest, warf ihn in den See, und wartete ein wenig. Siehe da erschien auf einmal die Hand des Mogrebin über dem Wasser. Dschuder warf sein Netz aus, und zog ihn heraus. Der Mogrebin hielt in seiner Hand zwey Fische, roth wie Korallen, die er sogleich in zwei Becher steckte, welche er aus seinem Mantelsack zog. Hierauf küßte er den Dschuder auf die Stirn und auf die Wangen, indem er ihm dafür dankte, daß er ihm das Leben gerettet, weil er zu rechter Zeit das Netz ausgeworfen. Wenn ihr mir glaubt Verbindlichkeiten schuldig zu seyn, versezte Dschuder, so werde ich euch meinerseits auch sehr verbunden seyn, wenn ihr mir sagen wollt, was es mit den Mogrebin's, euren Vorgängern, und diesen beyden Fischen für eine Bewandniß hat.

Die beyden ertrunkenen Mogrebin's, erzählte der dritte, waren meine Brüder, wovon der eine Abdosselim, und der andere Abdos-Samed hieß. Der Jude, der eben so wenig ein Jude wie du, sondern vielmehr ein ächter Muselmann ist, heißt Abdosrahim, und ist mein dritter Bruder. Unser Vater war ein großer Magier, der in allen Geheimnissen der verborgenen Wissenschaften wohl erfahren war. Er hinterließ uns ein ungeheures Vermögen, das wir nach seinem Tode theilten, aber wir konnten nicht darüber einig werden, wem eins von seinen Manuscripten zu Theil werden sollte, das die Geheimnisse aller Talismane, und die Schlüssel zu allen verborgenen Schätzen enthielt. Schon wollte die Zwietracht unter uns überhand nehmen, als der alte Scheich, der der Lehrer unsers Vaters in der Magie und in den kabbalistischen Künsten gewesen war, sich zum Schiedsrichter aufwarf und sagte: Meine Kinder! Dieses Buch gehört mir, und wer von euch es besitzen will, der gehe hin, und öffne den Schatz von Schamardal, und bringe mir daraus die künstliche Sphäre, den Degen, die Schachtel von Kohol oder die Augentinktur und das Siegel. Das Siegel wird von einem Geiste bewacht, der sich donnernder Donner nennt. Wer im Besitz dieses Siegels ist, über den haben Fürsten und Könige keine Macht mehr, und er kann sich die ganze Erde unterwürfig machen, wenn er Lust dazu hat. Der Degen vernichtet in einem einzigen Augenblick ganze Armeen. Die künstliche Sphäre zeigt, was in jedem Orte der ganzen Welt vorgeht. Man braucht sie nur herum zu drehn, um das zu sehen, was man zu sehen wünscht. Wollt ihr eine Stadt verbrennen, so legt ihr einen Funken auf die Stelle, wo sie auf dem Globus bemerkt ist, und sie wird auf der Stelle vom Feuer verzehrt werden, und so geht es mit allen übrigen. Derjenige endlich, der sich die Augen mit dem Kohol reibt, sieht alle unter der Erde verborgenen Schätze. Aber um den Schatz von Schamardal öffnen zu können, so muß man sich erst der Kinder des rothen Königs bemächtigen, die auf der Tiefe des Sees Karon sind. Euer Vater bemühte sich vergeblich, sich ihrer zu bemeistern. Erst nach langen Berechnungen habe ich gefunden, daß es kraft der Konstellationen unumgänglich nothwendig sey, daß ein junger Mann von Cairo, mit Namen Dschuder denjenigen, der die Fische heraus zu ziehen wünsche, in den See werfe, daß derjenige, der bey dieser Unternehmung umkäme, mit dem Fuße nach oben zu auf dem Wasser schwimmen, und daß hingegen derjenige, dem es glückt, mit der Hand nach oben zu sich auf der Oberfläche des Wassers zeigen wird. – Wir waren alle drey entschlossen, das Abentheuer zu bestehen, unser vierter Bruder, der Jude, wollte aber lieber Kaufmann zu Cairo bleiben. Wir machten mit ihm aus, daß er die Maulthiere an sich kaufen sollte, im Fall wir bey unsrer Unternehmung umkämen. Meine beyden Brüder sind umgekommen, und ich, ich bin so glücklich gewesen, die Kinder des rothen Königs zu erwischen, welche mächtige Dämonen unter der Gestalt von Korallenfischen sind, wie ihr hier sehen könnt. Aber um nun zu dem Schatze selbst zu gelangen, ist es durchaus nöthig, daß ihr mit mir eine Reise nach Fes und Mequines macht. – Ja, sagte Dschuder, wenn ich nicht meine Mutter und meine Brüder auf dem Halse hätte! – Ach, was die betrifft, so wollen wir schon dafür sorgen, versezte der Mogrebin. Hier sind tausend Dukaten, damit sie indessen nicht Hungers sterben, und in vier Monaten seyd ihr wieder zu Hause, und reich genug für euer ganzes Leben. Dschuder gab die tausend Dukaten seiner Mutter, nahm Abschied von ihr, und sezte sich hinten auf das Maulthier des Mogrebin.

Als sie einige Zeit gereiset waren, bemerkte Dschuder, daß sie keinen Mundvorrath bey sich hätten. Ihr habt die Küche vergessen! sagte er zum Mogrebin. – Hungert euch? fragte dieser. – Dschuder gestand, daß er Hunger habe. Nun gut, fuhr der Mogrebin fort, so wollen wir absteigen; gebt mir den Mantelsack her! Sagt jezt, was ihr haben wollt. – Brod und Käse, wenn's euch beliebt, sagte Dschuder. – Ach, Brod und Käse! erwiederte der Mogrebin; was ist das bürgerlich! Habt ihr denn keinen nobleren Geschmack? – Nun wohlan! Also ein gebratenes Hühnchen? – Gut. – Reiß mit gekochtem Fleisch. – Gut! – Pasteten. – Gut! – So nannte Dschuder bis auf 24 Schüsseln, und der Mogrebin sagte immer: Gut! Nun ist es genug! sagte Dschuder; wir wollen nun sehen, wo es herkommt. – Sogleich zog der Mogrebin aus seinem Mantelsack eine goldne Schüssel mit den gebratenen Hühnern, und so nach der Reihe alle 24 Schüsseln, welche Dschuder verlangt hatte. Er zog auch ein goldnes Waschbecken und eine Gießkanne heraus, um sich die Hände zu waschen; hierauf steckte er alles wieder in den Mantelsack, und bestieg sein Maulthier. Wie viel glaubt ihr wohl, daß wir von unserm Wege zurückgelegt haben? fragte der Mogrebin. – Was weiß ich's? antwortete Dschuder, wir sind etwa zwey Stunden unterwegs. – Richtig! versezte der Mogrebin, aber wir haben schon einen Weg zurückgelegt, zu dem man gewöhnlich einen Monat braucht. Dieses Maulthier ist ein Dschinne, der gewöhnlich jeden Tag einen Weg zurücklegt, wozu man sonst ein Jahr braucht; aber um eurer Bequemlichkeit willen habe ich seinen Lauf etwas gehemmt. So reiseten sie immer weiter, indem der Mantelsack sie mit allen Bedürfnissen versah, und kamen am fünften Tage zu Mequines an.

Jedermann kam dem Mogrebin entgegen; er klopfte an seiner Hausthür; ein Mädchen, schön und schmachtend wie eine durstige Gaselle, öffnete sie ihm. Öffne uns den Pavillon, mein Kind! sprach er zu ihr. Sehr gern! erwiederte sie. Sie nahm den Mantelsack vom Rücken des Maulthiers, und sagte zu diesem: Gehe hin, wo du hergekommen bist! Sogleich that sich die Erde auf, und verschlang das Maulthier. Gott sey gelobt, sagte Dschuder, der mich von diesem Reitpferd befreit hat. Dschuders Augen wurden ganz geblendet vom Glanz der unermeßlichen Reichthümer, welche der Pavillon enthielt. Rahme, sagte der Mogrebin zu seiner Tochter, bringe mir das Boghdscha, wovon du weißt. Hieraus zog er zuerst ein Kleid, das 1000 Dukaten werth war, und womit er Dschudern bekleidete, und dann eine Tafel, die mit 24 Schüsseln besezt war. So fuhr er 20 Tage lang fort, indem er alle Morgen seinen Gast mit einem Kleide, an Werth von 1000 Dukaten, beschenkte, und ihn alle Abende mit einer Mahlzeit von 24 Schüsseln bewirthete, ohne daß man jemals die Küche des Hauses rauchen sah. Am 21sten Tage ließ der Mogrebin zwey Maulthiere satteln, um die Reise nach dem Schatz von Schamardal antreten und ihn eröffnen zu können. Sie kamen an ein sumpfiges Wasser, an dessen Ufer sie abstiegen. Hier schickten sie die Maulthiere zurück, und die Sklaven schlugen ein Zelt auf, in welches man den Mantelsack und die beyden Becher, oder um eigentlicher zu reden, die beyden Kapseln legte, in welchen die beyden Korallenfische eingeschlossen waren. Der Mogrebin fieng an, sie zu beschwören. Es sey! antworteten sie. Der Mogrebin fuhr mit seinen Beschwörungen so lange fort, bis die beyden Kapseln sich öffneten, und die beyden Fische herauskamen und sagten: Herr der Welt! Was befiehlst du? – Ich will euch erdrosseln, ich will euch verbrennen, versezte der Mogrebin, wenn ihr mir nicht den Schatz von Schamardal öffnet. Es sey! versezten sie, unter der Bedingung, daß der Fischer Dschuder dabey zugegen ist, denn es steht geschrieben in den Büchern des Schicksals, daß jener Schatz nur in seiner Gegenwart eröffnet werden kann. – Hierauf zog der Mogrebin aus seinem Sack einen Teller von Onyx und ein Rauchfaß. Auf den Teller legte er die Fische, und auf das Rauchfaß streute er Wohlgerüche. Jezt, sagte er hierauf zum Dschuder, jezt muß ich euch vor allen Dingen über das belehren, was ihr zu thun habt, denn wenn ich erst die Räucherungen angefangen habe, so werde ich nicht mehr reden können. So wie ich immer mehr Räucherwerk anzünde, so werdet ihr dieses Wasser nach und nach vertrocknen, und auf dem Grunde desselben ein goldnes Thor sehen, so groß wie ein Stadtthor. Klopft an, einmal, zweymal, dreymal. Dann werdet ihr eine Stimme hören, die euch zurufen wird: Wer klopft an die Thür dieser Schatzkammer? Dann antwortet: Ich bin es, Dschuder der Fischer, der sie öffnen soll. Hierauf wird der Thürhüter herauskommen und sagen: Streckt euren Hals aus, damit ich mit dem Degen einen Streich darnach führe, um zu sehen, ob ihr wirklich Dschuder seyd. – Diesem Befehl des Pförtners müßt ihr Folge leisten. Ihr streckt euren Hals aus, und es wird euch nichts zu Leide geschehn; aber wenn ihr euch fürchtet und euch weigert, den Hals auszustrecken, so wird er euch unfehlbar tödten. Wenn ihr auf diese Weise diesen Zauber zerstört habt, so werdet ihr an der zweyten Thür einen Reuter mit eingelegter Lanze finden. Zeigt ihm nur muthig die Brust, und ihr werdet sogleich das Phantom verschwinden sehen, und ohne die geringste Schwierigkeit durch die Thür hindurchgehn. Aber wenn ihr euch weigern solltet, euch von seiner Lanze durchbohren zu lassen, so würde er euch ohne alle Umstände zuverlässig tödten. An der dritten Thür würde es euch gerade so gehen, wenn ihr den Pfeilen ausweichen wolltet, die der Thürhüter auf euch abschießen wird. Wenn ihr an der vierten Thür anklopft, so werden sieben Ungeheuer herauskommen, die euch zu verschlingen drohen werden. Fliehet nicht vor ihnen, sondern reicht ihnen die Hand, und sie werden alsbald verschwinden. An der fünften Thür werdet ihr einen schwarzen Sklaven finden, der zu euch sagen wird, wenn du Dschuder bist, so öffne die sechste Pforte, und diese wird sich dir von selbst aufthun, sobald als du die Namen Moses und Jesus aussprichst. Zwey Drachen, der eine rechts, der andre links, werden sich dir dann in den Weg stellen, und ihre Ungeheuern Rachen öffnen, aber wenn du geradezu über sie hinschreitest, wirst du an das siebente Thor kommen. Hier wirst du deine Mutter herauskommen sehn, die zu dir sagen wird: Willkommen! mein Sohn! Komm! laß dich umarmen! Aber du mußt zu ihr sagen: Hebe dich weg von mir, oder ich tödte dich; dann nimm den Degen, mit dem du an deiner rechten Seite umgürtet seyn wirst, und drohe, sie auf der Stelle zu tödten, wenn sie nicht alle Kleider auszieht. Dann kannst du endlich in die eigentliche Schatzkammer hineintreten, wo du den Magier Schamardal auf einem goldenen Thron sitzen sehen wirst, mit einer Strahlenkrone auf dem Haupte, mit dem Degen, von dem ich schon gesprochen habe, in der Hand, und den Ring mit dem magischen Siegel am Finger. Die Schachtel von Kohol mit der Augentinktur hängt vor ihm an einer goldnen Kette. Ihr bemächtigt euch dieser Dinge ohne Mühe, und kehrt dann glücklich zu mir zurück, vorausgesezt, daß ihr genau die Lehren befolgt, die ich euch eben gegeben habe. Im übrigen vertraut nur auf die göttliche Vorsehung.

Der Mogrebin fieng seine Räucherungen an, die mit geheimnißvollen Worten begleitet waren. Das Wasser vertrocknete, das erste Thor wurde sichtbar, und alles traf auf's Haar ein, wie es der Mogrebin vorausgesagt hatte, bis Dschuder an das siebente Thor kam, aus welchem er seine Mutter hervorkommen sah. Allen Gefahren und Zaubergestalten hatte er muthig Trotz geboten, allein er fühlte, daß er weich wurde, als er seine Mutter ihrer Kleider berauben sollte. Indessen faßte er Muth, und drohte, sie zu tödten, wenn sie ihre Kleider nicht auszöge. Sie that es, und zog sich bis auf's Hemd aus. Mein Sohn! sagte sie dann, es würde eine Verletzung der Schamhaftigkeit seyn, wenn ich auch noch dieses Stücks beraubt werden sollte. Unmöglich kann man dir das befohlen haben. Ihr habt Recht, meine Mutter, erwiederte Dschuder, behaltet euer Hemde nur, unmöglich kann das üble Folgen haben. Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, als sie schrie: Schlagt ihn, und sogleich fühlte er sich von allen Seiten von den unsichtbaren Dschinnen des Schatzes umringt, ihre Schläge fielen hageldicht auf ihn, in einem Augenblick passirte er die sieben Thore, welche sich hinter ihm schloßen, das Wasser kam zurück, und Dschuder wurde halbtodt zu den Füßen des Mogrebin geschleudert. – Habe ich es euch nicht gesagt, sprach dieser, daß die Sache schlecht ablaufen würde, wenn ihr falsche Bedenklichkeiten haben würdet. Für dieses Jahr ist nun alles vorbey, einen neuen Versuch müssen wir auf das nächste Jahr versparen. Sie kehrten also nach Fez zurück, wo Dschuder auf Unkosten des Sacks ein ganzes Jahr lang gute Bischen aß. Als der nämliche Tag wieder kam, begaben sie sich an dieselbe Stelle, und Mogrebin empfahl Dschudern von Neuem, nicht zu viel Delikatesse gegen die Truggestalt seiner Mutter zu zeigen. Dießmal machte sich Dschuder auch gar kein Bedenken, seine Mutter mußte ohne Gnade das Hemd über den Kopf herunterziehn, und sogleich verschwand das Phantom. Dschuder trat in die Schatzkammer, bemächtigte sich ohne Schwierigkeit der künstlichen Sphäre, des Degens, des Rings und der Schachtel von Kohol. Er entfernte sich hierauf unter den Zurufungen der Geister des Schatzes, und händigte alles dem Mogrebin ein. Dieser dankte ihm, und bat ihn, daß er nur selbst sagen möchte, was er zum Lohn für seine Bemühung verlangte. Ich verlange nichts, sagte Dschuder, als euren wunderbaren Sack, der die herrlichsten Mahlzeiten von der Welt verschafft. Recht gern, mein Kind, versezte der Mogrebin; aber dieser Sack giebt euch blos zu essen, ich füge noch einen andern hinzu, voll Gold, Silber und Edelsteine, der euch in den Stand setzen wird, eure Familie zu etabliren, und Handel zu treiben. Ich will euch zu gleicher Zeit ein Maulthier und einen Sklaven geben, der euch nach Hause geleiten soll. Aber hütet euch wohl, euer Geheimniß irgend Jemanden zu offenbaren. Dschuder nahm Abschied vom Mogrebin, und kam frisch und gesund vor der Thür seines Hauses in Cairo an. Er fand seine Mutter traurig und niedergeschlagen in einem Winkel des völlig ausgeleerten Hauses. Was habt ihr vor, meine Mutter? sagte Dschuder zu ihr. Da sie sich vor Freude, ihren Sohn wieder zu sehn, gar nicht fassen konnte, so erzählte sie ihm, wie die liederlichen Taugenichtse, ihre Brüder, das Geld, welches er zurückgelassen, im Spiele verschleudert hätten, und daß sie beynahe, wie sie selbst, vor Hunger gestorben wären. Auch, was das anbelangt, sagte Dschuder, dagegen giebt es ein Mittel, hier ist ein Sack, der euch die herrlichste Mahlzeit von der Welt verschaffen wird. Jezt ist es auch Zeit zu spaßen, versezte die Mutter, ich sehe ja, daß er leer ist. – Spaß bey Seite, erwiederte Dschuder, befehlt nur, was ihr nöthig habt. – Nun gut! Also Brod und Käse, mein Sohn! – Pfui, was für eine schlechte Mahlzeit! Ich weiß besser, was sich für euch schickt; Gebratenes, gewürzter Reis, Rindfleisch, Kürbissalat, Würstchen, Honigkuchen, Baklarvah, Eine Art Backwerk. Anm. des franz. Übersetzers. Kataif Sehr feine Makronen mit Zucker und Honig. Anm. des franz. Übersetzers. und Ohoschas. Eine Art Sorbet. Anm. des franz. Übersetzers. – Genug, genug, rief die Mutter, welche glaubte, daß er sich über sie mokiren wollte. Sogleich sprach Dschuder die Worte aus, die der Mogrebin ihn gelehrt hatte, und womit er den Geist des Sacks beherrschte, und zog alle Gerichte heraus, die er eben genannt hatte. Die Mutter war ganz außer sich vor Erstaunen. Dschuder erzählte, wie er sich diesen Wundersack verschafft habe, empfahl ihr aber dabey auf's angelegentlichste, zu schweigen.

Indessen hatten Dschuders Brüder seine Ankunft erfahren, und kamen, ihn zu begrüßen. Er lud sie ein, sich mit an den gedeckten Tisch zu setzen. Als sie gegessen hatten, wollten sie die Überbleibsel zum Abendessen aufheben, aber Dschuder befahl, sie unter die Armen zu vertheilen, indem er ihnen versprach, daß sie etwas anderes zum Abendessen haben sollten. Und in der That, er bewirthete sie mit einer prächtigen Abendmahlzeit. Am folgenden Tag gieng es ebenso, und so zehn Tage hinter einander. Meiner Treu! sagten die beyden liederlichen Taugenichtse, unser Bruder ist ein Hexenmeister geworden, daß er uns so bewirthen kann, ohne die Küche zu besorgen. Einst benuzten sie seine Abwesenheit, um der Mutter das Geheimniß mit dem Sacke zu entreißen. Der Neid und Verdruß, den sie darüber empfanden, flößte ihnen die Idee ein, sich Dschuder vom Hals zu schaffen, den sie ja nicht mehr nöthig zu haben glaubten, wenn sie sich des Sacks bemächtigt hätten. Sie giengen zu einem Schiffskapitän von Suez, der einen Sklavenhandel trieb, und nachdem sie ihm vorgespiegelt hatten, daß sie ein schlechtes Subjekt von Bruder hätten, der die ganze Familie ruiniere, so machten sie mit ihm aus, daß er den Dschuder für 40 Dukaten kaufen sollte. Nun kam es nur darauf an, eine gute Gelegenheit ausfindig zu machen, bey der man Dschudern den Händen des Kapitäns überliefern könnte. Die beyden Bösewichter baten ihren Bruder, daß er erlauben möchte, daß sie drey von ihren Freunden mit zum Abendessen mitbrächten. Dschuder machte keine Schwierigkeit, schaffte ein herrliches Abendessen, und als die Mutter sich entfernt hatte, fielen die drey Taugenichtse, von den beyden Brüdern unterstützt, über ihn her, steckten ihm einen Knebel in den Mund, hoben ihn auf, und brachten ihn nach Suez, wo er ein ganzes Jahr lang als Sklave diente. Unterdessen machten die beyden Bösewichter der Mutter weiß, ihre drey Gäste wären Mogrebin's gewesen, und hätten Dschudern mitgenommen, um neue Schätze aufzusuchen. Die Mutter weinte darüber bitterlich, und ihre beyden Söhne mißhandelten sie noch wegen der Thränen, die sie über Dschuders Entfernung vergoß. Sie theilten hierauf den Sack, der mit Gold und Edelsteinen angefüllt war, aber über den Besitz des Zaubersacks konnten sie sich nicht vereinigen. Vergebens schlug ihnen die Mutter vor, daß sie ihr den Sack lassen möchten, und versprach, daß sie ihnen zu Mittag und zu Abend alles zu essen geben wolle, was sie verlangen würden; sie konnten nicht eins werden, und zankten sich darüber die ganze Nacht. Nun gieng aber gerade die Wache vorbey, und da sie den Lärm hörte, blieb sie an der Thüre stehen, und hörte jedes Wort, was die beyden Brüder mit einander sprachen. Am folgenden Morgen erstattete der Offizier der Wache dem damaligen König, welcher Schemseddeulet hieß, über die ganze Sache Bericht. Der König ließ die beyden Brüder vor sich fordern, nahm ihnen beyde Säcke ab, ließ sie in's Gefängniß werfen, und setzte etwas Gewisses zum Unterhalt der Mutter aus.

Unterdessen ruderte Dschuder seinerseits ein ganzes Jahr lang als Galeerensklave. Das Schiff, auf welchem er angekettet war, litt Schiffbruch im rothen Meer; er rettete sich an die Küste von Arabien, und da er von einem Kaufmann, der eben hier vorbeypassierte, aufgenommen wurde, so begab er sich mit ihm nach Dschidda, und von da nach Mekka. Indem er hier seine Andacht verrichtete, traf er seinen alten Freund, den Mogrebin, Scheich Abdos-samed an. Mit Thränen in den Augen erzählte er ihm sein trauriges Schicksal. Der Mogrebin begegnete ihm sehr freundschaftlich, gab ihm ein schönes Kleid, und fieng an, Figuren in den Sand zu zeichnen, um ihm sein künftiges Schicksal zu weissagen. Freut euch, sprach der Mogrebin zu ihm; das Unglück ist vorüber; eure Brüder sind im Gefängniß, eure Mutter befindet sich wohl, und alles wird künftig auf's Beste gehn. Hierauf zog er den Ring aus dem Schatze des Schamardal vom Finger, und sagte zu Dschudern: Hier ist etwas für euch. Ihr wißt, daß der Schutzgeist dieses Rings donnernder Donner heißt; er ist bereit, eure Befehle zu vollziehen, worin sie auch bestehen mögen. Nehmt hin! Ihr seyd jezt Herr des Rings und seines Geistes. – Ich wünsche nichts sehnlicher, sagte Dschuder, als zu Hause zu seyn. – Nun gut, versezte der Mogrebin, ihr braucht nur den Geist zu rufen; indessen lebt wohl!

Dschuder rief den donnernden Donner, der ihn in einem Augenblick vor die Thüre des Hauses seiner Mutter brachte. Sie war über seine Rückkehr sehr vergnügt, aber sie erzählte ihm sogleich, daß sie sehr für das Leben seiner Brüder fürchte, die noch im Gefängnisse wären. Seyd deshalb unbekümmert, meine Mutter, sagte Dschuder, ihr sollt sie bald frisch und gesund wieder sehen. Zugleich befahl er dem Geist des Rings, seine Brüder her zu bringen. Diese waren sehr bestürzt, als sie vor Dschudern erschienen. Sie weinten vor Scham und Reue. Weint nicht, sagte Dschuder zu ihnen, der Dämon der Habsucht hat euch gequält und euch diese Übelthat gegen euren Bruder eingegeben, aber ich verzeihe euch, wie Joseph seinen Brüdern verzieh, die ihn in die Grube geworfen hatten. Hierauf erzählte er ihnen seine Abentheuer und fragte sie seiner Seits, was der König mit ihnen gemacht habe? Sie erzählten ihm, daß er ihnen hätte die Bastonade geben lassen, nachdem er ihnen vorher die beyden Säcke abgenommen hätte. O die wollen wir bald wiederbekommen, sagte Dschuder und rief den Geist des Rings. Er befahl ihm, nicht nur die Schätze des Königs herzubringen, sondern auch noch in dieser Nacht einen herrlichen Pallast zu bauen und ihn mit den kostbarsten Tapeten und Sophas auszumeubliren. Der Geist des Rings versammelte auf der Stelle seine Gefährten, mit denen er anfieng, Steine zu bauen, Holz zu sammeln, Teppiche auszubreiten, zu bemahlen, und zu vergolden, so daß der Pallast noch vor Sonnenaufgang fertig war. Dschuder war damit wohl zufrieden, er wies den Pallast seiner Mutter zur Wohnung an, und befahl dem Geiste 40 weiße und 40 schwarze und eben so viel Abyssinische und Cirkassische Sklaven herbeizuschaffen. Die Sklavinnen bestimmte er zum Dienst seiner Mutter, und die Sklaven behielt er für sich und zur Bedienung seiner Brüder, die jezt gleichsam seine Wesire waren, während er selbst die Rolle eines Königs spielte.

Unterdessen war der Schatzmeister des Königs in die Schatzkammer gegangen und erstaunte nicht wenig, als er sah, daß sie völlig leer war. Denn der donnernde Donner hatte nicht nur die beyden Säcke, sondern auch alles andre daraus weggenommen. Der Schatzmeister stattete sogleich dem König hievon Bericht an, der darüber in eine fürchterliche Wuth gerieth. Er versammelte den Divan und die Großen des Reichs, um sie zu benachrichtigen, daß er keinen Heller mehr in seiner Schatzkammer habe. Niemand wußte zu rathen, und nur der Officier der Polizey, welcher den Zank der beyden Brüder angezeigt hatte, wagte es zu reden. Sire, sprach er, es sind noch weit außerordentlichere Dinge vorgefallen. Als ich diese Nacht die Ronde machte, hörte ich ein Geräusch von Kloben und Hämmern, von Sägen und Mauerkellen, und bey Sonnenaufgang sah ich einen herrlichen Pallast, wovon noch gestern Abend keine Spur zu sehen gewesen war. Ich erkundigte mich danach, von wem er bewohnt würde, und man sagte mir, daß es Dschuder, seine Mutter und seine beyden Brüder seyen, die aus dem Gefängnis entwischt sind, und jezt wie Prinzen leben. Man bringe mir, rief der König voller Zorn, diesen Elenden, diesen Dschuder und seine Brüder; sie müssen schleunigst hieher gebracht werden! – Erlauben Ew. Majestät, sagte der Wesir, daß ich euch einen Rath gebe und euch warne, keinen übereilten Schritt in dieser Sache zu thun. – Nun! laßt hören, worin besteht euer Rath? versetzte der König. – Mein Rath, erwiederte der Wesir, besteht darin, ihn mit Güte zu fangen; Ew. Majestät läßt ihn zu sich einladen und fragt ihn dann um die Details seines Glücks von einer Nacht.

Der König schickte hierauf einen der Emirs seines Hofs ab, der aber ein etwas superkluger Kopf war. Als er an der Thür des Palastes ankam, sah er den Obersten der Verschnittenen auf einem goldenen Sessel sitzen, der ihm weder entgegenkam, noch vor ihm aufstand. Dieser Oberste der Verschnittenen war der donnernde Donner in höchsteigener Person. Der Emir, beleidigt durch diesen Mangel an Respekt, fieng damit an, daß er ihm Sottisen sagte, wozu er noch Schläge mit seinem stählernen Stabe fügen wollte, weil er nicht wußte, daß er es mit einem Geiste zu thun hatte. Donnernder Donner riß ihm den Stock aus der Hand, und ließ ihn auf seinem Rücken herum tanzen. Die Begleiter des Emirs zogen vom Leder, um ihren Herrn zu vertheidigen, allein donnernder Donner verjagte sie in weniger als einem Augenblick, und setzte sich wieder an seine Stelle. Der Emir warf sich mit seinem eingemachten Auge und seinem Buckel voll Prügel zu den Füßen des Throns. Der König schickte voller Wuth erst hundert, dann zweyhundert und zulezt dreyhundert Soldaten ab. Aber sie wurden alle von dem Groß-Verschnittenen durchgeprügelt, der keine Gewaltthätigkeit gestatten wollte. Sire, sagte der Wesir, mit Gewalt kommen wir niemals zu unserm Zweck; ich selbst will mich als Friedensminister in den Pallast begeben. Der Wesir begab sich hierauf in weißer Kleidung ohne alle Bedeckung und Waffen vor die Thür des Pallastes des Dschuder. Er grüßte den Großverschnittenen zuerst und bat ihn, daß er ihn doch bey seinem Herrn melden möchte, an welchen er von den Seiten des Königs eine Einladung habe. Dschuder ließ den Wesir hereinkommen, der seinen Auftrag ausrichtete und sich fertig machte, Dschuder zu folgen, nachdem er ihm noch ein prächtiges Kleid angethan hatte, das an Kostbarkeit alles übertraf, was jemals in den Schätzen des Königs gewesen war. Als der König den Rapport seines Wesirs gehört hatte, sagte er: Nun das ist mir doch noch ein größerer Herr als ich, und ich will nur gleich hingehn und ihm die erste Visite machen. Er stieg zu Pferde und begab sich umgeben von seiner Leibwache geradewegs nach Dschuders Hause. Als dieser von der Ankunft des Königs benachrichtigt wurde, trug er dem Geist des Ringes auf, ihm ebenfalls eine gut berittene Leibwache zu verschaffen, und sie in zwey Reihen in den Hof des Palastes zu stellen. Der König zitterte, als er das kriegerische Aussehn dieser Garde bemerkte. Er passirte durch die Reihen und begab sich in den Saal, wo Dschuder auf einem Thron saß. Aber er stand weder auf, um den König zu empfangen, noch ließ er ihn zu sich setzen. Herr König, sagte Dschuder zu ihm, es schickt sich nicht für Personen eures Ranges, die Menschen um nichts und wieder nichts zu quälen und zu berauben. Der König, welcher ohnehin von Natur sehr furchtsam war, gerieth bey dem Ton, mit welchem ihm Dschuder diese Vorwürfe machte, in große Angst. Er entschuldigte sich so gut er konnte, halb in Versen, halb in Prosa. Dschuder ließ sich erweichen, verzieh dem König, gab ihm seinen Kaftan, ließ ihn sich setzen und behielt ihn zum Mittagessen bey sich.

Als der König wieder zu Hause war, schloß er sich mit seinem Wesir ein, um mit ihm über das Betragen zu berathschlagen, das er gegen diesen wegen seiner Macht so gefährlichen Menschen zu beobachten habe. Ich fürchte sehr, sagte er, er bekommt Lust zu meiner Krone. – Ach! geht mir doch mit eurer Krone, sagte der Wesir. Was sollte er denn mit eurer Krone machen? Ist er nicht unendlich mächtiger als alle Könige der Welt? Aber wenn ihr ihn fürchtet, warum vereinigt ihr euch nicht mit ihm durch die Bande des Bluts. Ihr habt eine Tochter, die taugt da ganz vortrefflich in euren Kram. – Ihr seyd ein großer Politikus, mein lieber Wesir, und ich beauftrage euch hiemit mit der Leitung dieser delikaten Angelegenheit. – Wenn Ew. Majestät meinem Rathe folgen will, sprach der Wesir, so ladet Ew. Majestät den Dschuder zu sich ein, und während ihr dann so bey einander sitzt, so geht eure Prinzessinn Tochter wie ein Blitz vor der Thür vorbey. Wie der Blitz, sage ich euch, um seine Neugierde desto mehr zu erregen. Da Dschuder eine etwas ans Romantische streifende Einbildungskraft hat so bin ich sicher, daß er sogleich unsterblich in eine Schönheit verliebt werden wird, die er nur einen Augenblick gesehen hat. Er wird mich fragen, wer das ist, und ich werde ihm sagen, daß es eure Prinzessinn Tochter ist. Ich werde ihn dahin bringen, daß er sie von euch zur Gemahlinn verlangt, und ihr werdet hierauf in inniger Vereinigung mit eurem Schwiegersohn die glücklichsten Tage verleben. – Du hast Recht, sagte der König, und befahl schnell Zubereitungen zu dem Fest zu machen, wobey er seine Tochter produziren wollte. Geschmückt mit allem, was ihre natürlichen Reize erheben konnte, gieng sie vor der Thür des Zimmers vorbey, wo Dschuder mit dem König, ihrem Vater, speiste. Kaum hatte Dschuder sie erblickt, als er ein langes Ah! hören ließ, und vor Liebe anfieng an allen Gliedern zu zittern. Was fehlt euch denn? fragte der Wesir, dieser feine Politikus. – Ah! antwortete Dschuder, diese Schönheit, die so eben vorbeygegangen ist, hat mir mein Herz geraubt und mir den Kopf verdreht. – Diese Schönheit, sagte der Wesir, ist die Tochter des Königs; mein Gott! ihr braucht ja nur mit ihm darüber zu sprechen, die Heurath wird gar keine Schwierigkeiten haben; wenn ihr indeß etwa eine Bedenklichkeit dabey haben solltet, so will ich es selbst über mich nehmen, dem König diesen Vorschlag zu thun. Sire! sagte er hierauf, indem er sich an den König wandte, Dschuder wünscht die Bande der Freundschaft, die schon zwischen euch und ihm Statt finden, durch Blutsverwandtschaft noch fester zusammenzuziehen. Er liebt Ew. Majestät Tochter, und will ihr zum Heurathsgut geben, was Ew. Majestät beliebt. – Meine Tochter, sagte der König, ist Dschuders gehorsame Dienerinn; er hat nur zu befehlen. Der folgende Tag wurde zur Hochzeit festgesetzt, und sie wurde mit der größten Pracht gefeyert. Bald danach starb der König, und der Divan bot die Krone Dschudern an, der sie auch wirklich annahm. Er baute eine Moschee, die er sehr reich dotierte, und das Viertel der Stadt, wo sein Pallast stand, heißt jezt das Viertel Dschuders. Als er König geworden war, ernannte er seine beyden Brüder Selim und Salim zu seinen zwey Wesiren. Aber der Neid nagte immer an ihren Herzen. Sie konnten den Gedanken nicht ertragen, Sklaven ihres Bruders zu seyn. Sie schmiedeten also ein Komplott, um sich des Ringes zu bemächtigen. Zu diesem Endzweck luden sie ihren Bruder zu einem Gastmahl ein, bey welchem sie ihm Gift gaben. Kaum hatte das Gift seine Wirkung geäußert, als Salim Dschudern den Ring abnahm, dem Geist rief, und ihm befahl, seinen Bruder Selim zu tödten. Salim ließ den Divan zusammen berufen, und erklärte ihm, daß er als Besitzer des Rings zugleich auch Herr des Landes sey. Die Großen waren zu furchtsam, als daß sie es gewagt hätten, ein Wort zu sagen. Sie huldigten, und erklärten ihn zum König. Der neue König fieng seine Regierung damit an, daß er befahl, Anstalten zum Begräbniß des seeligen Königs zu machen, und befahl darauf Zurüstungen zur Hochzeit, die er mit der Wittwe halten wollte. Der Divan machte Gegenvorstellungen und bat den König doch so lange noch zu warten bis die Zeit der Trauer vorüber sey. Darum bekümmre ich mich nicht, versezte der Tyrann, und sie muß noch diese Nacht sich meinen Wünschen fügen. Diesem Befehl zufolge, setzte man den Heuraths-Kontrakt auf, und machte die Prinzessinn mit dem Willen des Königs bekannt. Laßt ihn kommen, sprach sie, ich weiß schon wie ich ihn empfange. Sie zeigte sich gegen ihn sehr freundlich, aber sie reichte ihm zu gleicher Zeit eine Schaale voll Sorbet, womit sie ihn vergiftete. Hierauf nahm sie den Ring und den Sack, zerbrach den Ring und zerriß den Sack, damit inskünftige Niemand die Macht dieser beyden Dinge mißbrauchen könne.

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