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Märchen aus der Oberpfalz

Franz Xaver von Schönwerth: Märchen aus der Oberpfalz - Kapitel 8
Quellenangabe
typefairy
authorFranz Xaver von Schönwerth
titleMärchen aus der Oberpfalz
booktitlePrinz Roßzwifl und andere Märchen
publisherDr. Peter Morsbach Verlag
editorErika Eichenseer
year2010
isbn9783937527321
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140218
projectid6a2290c5
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Der Liebestrunkene

Ein Burgvogt, befragt, warum er so lange nicht heirate, gab zur Antwort, er habe einst geträumt und im Traum ein Mädchen gesehen, so schön und lieb, wie er noch keines bisher gefunden. Sie stehe nun immer vor seiner Seele; er wisse noch alles ganz genau und würde selbst die Gegend erkennen, wo er sie im Traum gesehen.

Einmal mußte er im Auftrag seines Herrn eine Reise unternehmen. Nachtherberge fand er auf einem Schloß im Gartenhaus. Es war eine schöne, mondhelle Nacht, und da er nicht schlafen konnte, ging er hinaus in den Garten. Am Ende eines Laubenganges befand sich ein Springbrunnen. In diesen schaute er eine Zeitlang hinein und glaubte plötzlich die Jungfrau, welche ihm im Traum erschienen war, im Wasserspiegel zu erkennen.

Nachdenkend kehrte er zurück, und es war ihm hierbei, als ginge die Jungfrau vor seinen Augen einher. Er öffnete die Tür des Gartenhauses und war überrascht, die Jungfrau im Gemach zu erblicken. Nicht lange währte das Gespräch zwischen beiden, so trug ihr der Vogt seine Hand an, und sie blieb sofort bei ihm, als wäre sie schon längst sein Weib. Am Morgen aber hatte der Vogt Reue, daß er sie über Nacht bei sich behalten. Da lächelte sie und tröstete ihn. »Sei ruhig«, sprach sie, »es hätte ja doch einmal sein müssen. Deine Formen sind nicht die meinen. Ich bleibe bei dir; doch frage mich nie um meine Herkunft!« Dabei langte sie in die Falten ihres weiten Kleides und reichte dem Erstaunten einen reichen Schatz an Perlen und Edelsteinen daraus hervor.

So lebten sie glücklich zusammen. Das Glück erhöhten ihre Kinder, die sie ihm gebar. Als sie aber mit dem siebenten Kind schwanger ging, bekam sie große Angst, und als der Knabe geboren war, wendete sie ihm eine Sorgfalt und Zärtlichkeit zu wie keinem der früheren Kinder.

Der Knabe war zum jungen Mann von 25 Jahren gereift. Da vernahm der Vater vom Munde seiner Frau das Geheimnis, das seither schwer auf ihr geruht hatte. »Du mußt wissen«, hub sie an, »daß ich eine Wasserfrau bin. Sieben Kinder habe ich geboren, sechs gehören dir, das siebente habe ich versprochen, nach 25 Jahren dem Wasser als Tribut zu opfern, um die anderen sechs dir zu retten. Nun soll ich von meinem Sohn mich trennen, der mir der liebste ist.«

Da berieten sich die Gatten und beschlossen, den Sohn auf Reisen zu senden, ihn aber vor dem Wasser zu warnen. Also verließ der Sohn die Heimat und ging hinaus in die weite Welt, stets das Wasser vermeidend. Doch einmal vermochte er es nicht, der Warnung der Mutter zu gehorchen. Einem schönen Mädchen zu gefallen, unternahm er eine Wasserfahrt. Heiter und schön war der Himmel, ruhig wie ein Spiegel der See. Plötzlich aber begann das Wasser zu wogen und zu brausen. Es warf das Schifflein auf und nieder, so daß alle gedachten, ihre letzte Stunde sei gekommen. Wollte der Jüngling Hand anlegen, das Schifflein zu lenken, tobten die Wogen noch unbändiger.

Um die anderen zu retten, sprang er hinaus in die stürmische Flut, und sogleich sah man ihn von einem schönen Frauenarm umschlungen und in die Tiefe gezogen. Er befand sich in den Armen einer schönen Wasserfrau und bedurfte keiner Überredung, bei ihr zu verbleiben, so sehr hatte ihn ihre Schönheit gefesselt. Doch mit Trauer gedachte er der Mutter zu Hause und erhielt das Versprechen, daß er sich ihr alle vier Wochen zeigen dürfe, indem er den Kopf über das Wasser erhebe. Zu gleicher Zeit sollte auch der Mutter gemeldet werden, wo ihr Sohn sei, und daß sie ihn alle vier Wochen sehen werde, obwohl sie durch ihre Wortbrüchigkeit solche Gunst nicht verdient habe.

Der Sohn aber gedachte bald nicht mehr der Mutter, noch weniger der Zeit, wo und wann er sich ihr zeigen könne. Wohl mahnte den Liebestrunkenen die Wasserfrau. Doch er meinte immer, die Zeit sei noch nicht hierfür gekommen, wie denn die Zeit da unten eine ganz andere ist als bei uns. Erst als ihm ein Knabe geboren wurde, gedachte er seiner Pflicht und wollte hinauf an den Wasserspiegel, um die Mutter zu sehen. Er vermochte es nicht mehr.

So wurde auch ihm das siebte Kind geboren. Da wollte er sich nicht mehr zurückhalten lassen. Er näherte sich der Wasserfläche und sah ein Schifflein fahren. Drinnen saß eine jugendliche Braut mit den Zügen seiner Schwester. Da legte er sein Ohr an den Kahn und vernahm, die Braut sei die Tochter seiner Schwester. Überwältigt von Sehnsucht nach den Seinigen und der Erde erhob er das Haupt über die Wasserfläche. Die Braut erkannte ihn. Er aber stieß einen Schrei aus und verschwand. An der Stelle zeigte sich eine Blutlache.

Eines Tages ging die Mutter, traurig über das unbekannte Schicksal ihres Sohnes, im Garten. Da lag die Leiche ihres Sohnes am Brunnen. Nun wurde ihr klar, was geschehen war. Auch ihre Zeit war um. Sie ergriff die teure Leiche und stürzte mit ihr in den Brunnen. Von beiden war nichts mehr gesehen.

So hatte die Wasserfrau sieben Kinder gewonnen, und durch den Wassertod des Siebenten für sich die Erlaubnis erhalten, auf neue drei Jahrhunderte schön und jung zu bleiben.

* * *

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