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Märchen aus der Oberpfalz

Franz Xaver von Schönwerth: Märchen aus der Oberpfalz - Kapitel 4
Quellenangabe
typefairy
authorFranz Xaver von Schönwerth
titleMärchen aus der Oberpfalz
booktitlePrinz Roßzwifl und andere Märchen
publisherDr. Peter Morsbach Verlag
editorErika Eichenseer
year2010
isbn9783937527321
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140218
projectid6a2290c5
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Das rote Seidenband

Ein Fischer diente dem Grafen und war wohl gelitten, denn er brachte immer reiche Beute an köstlichen Fischen. Auf einmal aber vermochte seine Kunst nichts mehr, er fiel in Ungnade und ward entlassen. So lebte er einige Zeit von seinem Ersparten, bis er nichts mehr hatte. Da ging er hinaus auf das Wasser, um zu fischen, fing aber wieder nichts und weinte bitterlich im Nachen.

Plötzlich legte sich das Wasserfräulein heraus an den Wasserspiegel, fragte ihn um sein Leid und sagte ihm ihre Hilfe zu, wenn er ihr das verspräche, was er zu Hause nicht wisse. Denn sie sei es, welche ihm die Fische erst zugetrieben, dann verjagt habe. Er gab das Versprechen und tat einen reichen Fischzug. Den trug er heim. Als er aber dem Weib sagte, um welchen Preis er glücklich sei, kam die Reihe zum Weinen an sie. Denn sie trug ein Kind unter dem Herzen, wovon er nichts wußte. Doch trösteten sie sich mit dem Gedanken, daß sie das Kind Gott weihen wollten, und der Fischer fischte und fing wie früher die besten Fische. Er brachte sie dem Grafen, der ihn wieder in Gnaden aufnahm.

Zur bestimmten Zeit wurde ihm dann ein Sohn geboren, der gut gedieh an Leib und Geist und für den geistlichen Stand bestimmt wurde. Doch als der Sohn fertig war, konnte er nicht Primiz halten, denn er gehörte ja der Wasserfrau. So gab er das Studium auf, wurde ein Büttner und ging in die Fremde. Auf dem Weg aber kam er zu mehreren Tieren, die über einem Pferdeaas waren, und nicht wußten, wie sie es verteilen sollten. Es waren ein Bär, ein Fuchs, ein Falke und eine Ameise. Diese baten ihn, die Teilung zu übernehmen. So teilte dieser. Er warf dem Bären die vier Viertel zu, damit könne er zufrieden sein, dem Fuchsen das Rückgrat, dem Falken das Geräusche Innereien und der Ameise den Kopf. Dann ging er seines Weges.

Der Bär aber meinte, es wäre doch zu unbillig, wenn man den Mann so ganz ohne Dank gehen ließe, und er befahl dem Fuchs, ihn zurückzurufen. Er kam, und die Tiere gaben ihm die Gewalt, sich nach Wunsch in jede ihrer Gestalten zu verwandeln. Da lachte der Geselle und ging von dannen. Unterwegs bemerkte er in einem Kornacker eine Menge Rebhühner. Um sein Geschenk zu prüfen, wollte er ein Fuchs werden, und sogleich war er Fuchs und fing sich so viele der Rebhühner, bis es ihm genug schien. Die nahm er in die nächste Stadt und ließ sich dieselben in der Herberge zurichten zu einem Mahl.

Währenddessen traten vier Herren ein, setzten sich an den Tisch und fingen zu karten an, wohl sehr rauh, denn es ging um Kronentaler. Der Geselle lag auf dem Stroh hinter dem Ofen und sah, wie einer der Spieler schon einen großen Haufen gewonnenen Geldes vor sich hatte. Da machte er sich zur Ameise und kroch als solche unter den Spieltisch. Hier wandelte er sich in einen Bären, richtete sich auf, warf den Tisch mitsamt den Kronentalern um und erschreckte die Herren so, daß diese eiligst davon liefen. Nun suchte er die blanken Stücke zusammen, legte sich nieder auf das Stroh und schlief, zahlte am Morgen seine Zeche und ging weiter.

Darauf geriet er in eine große Stadt. Da war alles schwarz behangen, und vom Turm wehte eine schwarze Fahne mit einem Totenkopf. Er geht also in die Herberge und fragt den Wirt um die Ursache und erfährt, daß der König drei mannbare Töchter habe, alle gleich schön und einander so ähnlich, daß man sie nicht auseinander kenne. Der König habe aber geschworen, daß nur die Mittlere das Reich erben solle. Wer sie mit dem Reich gewinnen wolle, müsse sie erraten. Das aber mißlinge jedem, und wer die Probe nicht bestehe, verfalle dem Schwert. So seien schon viele umgekommen, und darum sei Trauer im Lande.

Da ging er hin zur Königsburg und sah in dem Garten, den ein tiefer Graben umgab, die Königstöchter lustwandeln. Er machte sich zum jungen edlen Falken, flog hinüber von Staude zu Staude, lockte die Mädchen und ließ sich zuletzt von der einen fangen. Er blieb ihr auf der Hand sitzen wie vordem auf der Staude, ward von ihr in ihr Gemach getragen und auf eine goldene Stange gesetzt. Während sie nun schlief, nahm er seine richtige Gestalt wieder an, jedoch in schönen, reichen Gewändern, faßte die Prinzessin bei der Hand, daß sie erwachte, und erklärte ihr, daß er der Vogel sei und sie liebe. Anfangs zu Tode erschrocken über den fremden Mann und seine Worte, fand sie doch bald Gefallen an ihm und bekannte sich als die mittlere der Prinzessinnen. Sie gab ihm auch den Ring vom Finger, und als Zeichen, woran sie zu erkennen wäre, nannte sie einen roten Seidenfaden, den sie um den mittleren Finger der rechten Hand tragen werde, wenn er zur Wahl komme.

Nun machte sie das Fenster auf, und der Falke entflog. Der Fremdling kam am Morgen vor den König, um die mittlere Königstochter zu werben. Der und sein ganzes Hofgesinde bedauerten den Prinzen wegen seiner großen Schönheit und wollten ihn bewegen, von dem gefährlichen Vorhaben abzustehen. Er aber beharrte und wurde aufgerufen, in den Saal zu treten, wo sich die drei Töchter befanden, und hinter ihn stellte sich der Scharfrichter mit blankem Schwert. Da wurde ihm bange und ängstig, und gerne willfahrte man seiner Bitte, das Fenster zu öffnen. So trat er vor die gleichen Schwestern. Die eine trat mit dem Fuß vor und trug am Finger den roten Faden. Sie bezeichnete er als die mittlere, und er hatte die richtige getroffen. Große Freude herrschte nun am Hof und in der Stadt. Schon lange nämlich hatte der König Reue über seinen Schwur und das viele Blut, welches floß, und gerne gab er die Tochter dem glücklichen Freier.

Mehrere Jahre hatten sie glücklich gelebt, da zog er hinaus zur Jagd. Wohl riet ihm die besorgte Gemahlin ab, denn sie hatte üble Ahnung. Aber er achtete es nicht. Der Tag war heiß, er hatte lange einen Hirsch verfolgt, und ihn dürstete. Nicht mehr gedachte er der Worte seiner Mutter, die ihn so oft gebeten hatte, sich vor dem Wasser zu hüten. Er eilte dem Gefolge voraus, fand eine Quelle und bückte sich eben, um mit der Hand daraus zu trinken, als ihn die Wasserfrau erfaßt und hinabzieht. Dem Volke aber, welches eben dazu kam, rief sie zu, sie habe ihn teuer erkauft.

Die traurige Mär wurde der Königstochter gebracht. Diese hatte nicht Rast, nicht Ruhe, sondern eilte, zum Brunnen und zu ihrem Herrn und Gemahl zu kommen, setzte sich hin ans Ufer und weinte. Da tauchte die Wasserfrau auf und tröstete sie damit, daß er es gut habe bei ihr. Die Königin aber wäre schon zufrieden gewesen, wenn sie ihren Gemahl nur zu sehen bekäme, und bot der Wasserfrau den goldenen Kamm von ihrem Haupt. Da hob die Wasserfrau den Gemahl bis unter die Augen empor. Zum zweiten bot sie ihren Ring, und er stieg bis an die Hüften aus dem Wasser. Zum dritten bot sie ihren goldenen Pantoffel vom Fuß. Die Wasserfrau stellte den Gemahl auf die Hand – und siehe, er entschwand als Falke und stand neben der Gattin.

Da fährt die Wasserfrau in den Brunnen hinunter, daß es zischt und gischt, und wieder herauf und wirft der Königin eine Hand voll blauen Sandes in das Angesicht, daß diese zum Drachen ward.

Nun war wieder große Not. Der König bot die Hälfte seines Reiches dem, der Hilfe brächte. Ein alter Zauberer ließ sich endlich melden und versprach zu helfen, wenn die hohe Frau es aushielte. Er ließ drei Ofen bauen und heizen, daß einer mehr glühte als der andere. Dann steckte er den Drachen hinein und zog ihn heraus, als die Haut weich war, und kühlte ihn im Wasser. Im zweiten Ofen barst die Haut, aber als er den Drachen in den dritten Ofen steckte, mußte der unglückliche Gatte sich verbergen, um das Klagen und Winseln der Leidenden nicht zu vernehmen.

Endlich steht die Königstochter nackt vor dem Gatten, der ihr seinen Mantel umwirft und sie im Triumph heimführt. Von nun an lebten sie froh und ohne weiteres Hindernis. Die Wasserfrau hatte keinen Teil mehr an ihm.

* * *

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