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Märchen aus der Oberpfalz

Franz Xaver von Schönwerth: Märchen aus der Oberpfalz - Kapitel 23
Quellenangabe
typefairy
authorFranz Xaver von Schönwerth
titleMärchen aus der Oberpfalz
booktitlePrinz Roßzwifl und andere Märchen
publisherDr. Peter Morsbach Verlag
editorErika Eichenseer
year2010
isbn9783937527321
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140218
projectid6a2290c5
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Sieben auf einen Schlag

Es war einmal ein Schneider, klein von Gestalt, der auf der Welt in der Fremde herumwanderte. Wie er eines Tages so dahin ging, kam er in einen Wald und in diesem zu einer Quelle, neben der er ein rotseidenes Band fand, auf dem die Worte standen: »Sieben auf einen Schlag, wer macht es mir nach?« Der Schneider hob es auf und band es sich um den Leib.

Da er schon lange weitergewandert war, kam ihm plötzlich ein Riese entgegen, der ihn hart anfuhr und ihm fürchterlich drohte. Der Schneider aber gedachte seines Bandes und der Worte, die darauf standen, und machte sich nicht viel aus den Drohungen des Riesen. So zankend und streitend kamen sie zu einem Kirschenbaum, der voll reifer Kirschen hing. Da sagte der Riese höhnisch: »Halt, ich will dir die Äste des Baumes herabbiegen, damit du von den Kirschen essen kannst. Laß es dir noch schmecken, denn wenn du gegessen hast, will ich dich umbringen.«

Der Riese bog also den Baum hernieder, und der Schneider hielt sich fest an dem Gipfel desselben, um bequem die üppigen Kirschen verspeisen zu können. Aber zu gleicher Zeit ließ der Riese den Baum wieder los, und der gute Schneider wurde hoch in die Luft hinaufgeschleudert. Er hatte es dem Band zu danken, daß er unversehrt auf der anderen Seite wieder zur Erde kam. Da bekam der Schneider Mut, der Riese aber geriet in Erstaunen und ließ den kleinen Mann von nun an neben sich herziehen.

Wie der Schneider nun so hinter dem Riesen einherging, lief ihm ein Spatz unter den Füßen herum. Er bückte sich, ergriff den Vogel und trug ihn, ohne daß der Riese es sah, fortan in der Hand. Auf diese Weise waren sie eine beträchtliche Strecke gegangen, da hob der Riese einen Stein auf und sagte zu seinem Gefährten: »Nun wollen wir um die Wette werfen und sehen, wer weiter wirft.« Und er warf, und der Stein flog so weit, daß ihn die Augen des Schneiders gerade noch ersehen konnten. Da bückte sich auch der Schneider, als wolle er einen Stein aufheben, ließ aber den Vogel fliegen. Dieser flog so weit, daß der Riese gar nicht bemerken konnte, wo der Stein zur Erde fiel.

Nun bekam der Riese schon eine bessere Meinung von seinem kleinen Reisegefährten und bot ihm an, ihn in seine Höhle zu nehmen, wo ihrer zwölf beisammen wären. Er selber sei der König.

Wieder gingen sie einige Zeit des Weges, da lag ein Käslaibchen auf der Strasse, welches der Schneider gleichfalls aufhob und in der Hand behielt. Bald darauf hob der Riese einen Stein auf und drückte ihn in seiner gewaltigen Faust so fest, daß Wasser heraus trat. Der Schneider bückte sich nun auch, tat, als nähme er einen Stein von der Erde auf und drückte dann das Käselaibchen, das er in der Hand trug, so fest, daß Milch herausdrang. Neckisch fragte er den Riesen, ob er es auch so könne. Dieser war nun voll Erstaunen über die Kraft des Zwerges, wie er meinte.

So kamen sie in die Höhle, und der Riese erzählte seinen Genossen, was der Erdwurm bisher alles getan habe. Sie hießen ihn daher willkommen und behielten ihn bei sich, ohne ihm etwas zuleide zu tun. Sie gingen oft auf Raub aus. Manchmal nahmen sie ihn auf ihre Streifzüge mit, meistens aber mußte er zurückbleiben, wo sie ihn dann einsperrten. Alle Abende aber Schlag sechs Uhr verfielen sie in Schlaf, aus dem sie nicht zu wecken waren, bis sie nicht volle zwölf Stunden geschlafen hatten. So hatte er zwar zu leben, aber auch viel Langweile.

Als daher einmal die Riesen wieder ausgezogen waren, besah er sich die Höhle recht genau, ob denn kein Entkommen möglich wäre. Da entdeckte er eine Tür, welche in einen langen dunklen Gang führte. Er ging hinein und mehrere Stunden in großer Finsternis fort, bis ihn endlich Helligkeit umfloß und er sich wieder oben auf freier Erde sah. Vor seinen Augen lag eine Stadt. Er ging also auf sie zu. Unterdessen waren die Riesen nach Hause gekommen. Sie fanden den kleinen Mann zwar nicht, bekümmerten sich aber auch nicht viel um sein Verschwinden, denn sie dachten, der Erdwurm werde sich irgendwo verkrochen haben und schon wieder zum Vorschein kommen, wenn ihn hungere.

Dieser aber war in die Stadt getreten, wo er alles in Bestürzung und Trauer fand. Alle Fenster waren mit schwarzen Tüchern verhangen. Er erkundigte sich daher, was die Ursache solcher Trauer wäre, und erfuhr, daß Riesen in der Nähe wohnten, welche die Stadt immer in Angst und Schrecken hielten, und daß sieben Drachen in einer nahen Höhle hausten, welchen sie jeden Tag einen Menschen opfern müßten, und endlich sei eine Schlange nicht weit auf einem Baum, die alle Menschen verzehre, die unglücklicherweise in ihren Bereich kämen. Niemand aber wäre zu finden, der die Stadt von diesen Ungeheuern befreien wollte.

Nun sei das Los auf die Königstochter gefallen, daß sie am übermorgigen Tag den Drachen geopfert werden solle. Der König habe zwar verkünden lassen, daß, wer diese Ungeheuer erlegen würde, die Königstochter zur Ehe und später das Königreich als Erbe haben sollte. Aber niemand finde sich, der ein so gefährliches Unternehmen wagen wollte. Da meinte der Schneider, er wäre nicht abgeneigt, das Wagestück zu unternehmen. Man möge ihn nur zum König führen. So wurde er denn zum König geführt, und dieser versprach ihm aufs neue seine Tochter und sein Reich als Lohn, wenn ihm die Tat gelänge.

Der Schneider ließ sich nun ein Schwert geben, das er leicht handhaben konnte, und legte den Harnisch zur Seite, womit man ihn bekleiden wollte. Denn das Zeug war sehr schwer und hinderte ihn am Gehen. Darauf ging er der Riesenhöhle zu, welche er eben verlassen hatte. Da er auch die Zeit wußte, wann die Riesen in ihren festen Schlaf versenkt wären, so betrat er nach sechs Uhr die Höhle und schlug ihnen allen den Kopf ab. Die Augen und die Zungen schnitt er ihnen heraus und brachte sie als Wahrzeichen dem König, welcher große Freude darüber hatte.

Des anderen Tages ließ der Schneider ein großes Faß machen, außen voll eiserner Spitzen, nahm sein Schwert und kroch in das Fass. Dieses Faß ließ er dann unter den Baum bringen, welcher der Schlange als Wohnung diente. Wie die Schlange den Geruch von Menschenfleisch in die Nase bekam, stürzte sie vom Baum herab und zu dem Faß hin, in dem der Schneider ein Loch gelassen hatte. Die Schlange bog eben ihren Rachen über diese Öffnung. Da nahm der Schneider die Gelegenheit wahr und stieß ihr das Schwert bis in den Hals hinein, daß sie sich in Schmerz und Wut um das Faß in vielen Ringen herumwand, sich aber an jedem eisernen Zacken spießte und bald tot war. Da stieg der Held aus dem Faß, schlug der Schlange den Kopf ab und brachte ihn dem König als Siegeszeichen. Der hatte heute noch eine viel größere Freude als gestern.

Nun waren die Drachen noch übrig zu erlegen – wohl die schwerste und gefährlichste Arbeit. Der Schneider ließ sich einen eisernen Wagen machen, der bis auf eine kleine Öffnung ganz verschlossen war. In diesen stieg er am dritten Tag und ließ sich zur Höhle der Drachen fahren. Kaum war er dort angekommen, so fuhr einer der Drachen heraus, zerfleischte die beiden Rosse vor dem Wagen und stürzte den Wagen um. Da indessen der Kopf des Drachen in die Nähe der Öffnung gekommen war, so stieß ihm der Schneider sein Schwert bis an das Heft hinein und tötete so das Untier.

Da sah er auf sein rotes Band, welches er um den Leib hatte, und siehe, die Worte waren verschwunden, statt deren aber stand geschrieben: »Gehe nur in die Höhle hinein, die übrigen sechs Drachen können dir nichts mehr anhaben, weil du den ersten davon erschlagen hast.« Er stieg daher aus dem Wagen, trat in die Höhle und tötete die sechs Drachen, welche sich wirklich nicht bewegen konnten. Die Köpfe aber brachte er dem König, welcher ihm nicht Dank genug zu beweisen wußte und ihm noch an selbigem Abend die Königstochter zur Ehe gab. Dort ging es gar herrlich und fröhlich her, weil jeder Einwohner an der Freude über die Rettung aus Not und Gefahr den innigsten Anteil nahm.

Da nun der Schneider Beilager mit der Königstochter hielt und eingeschlafen war, träumte ihm von seinem Handwerk, von Nadel, Schere, Bügeleisen, und da er laut träumte, hörte die Prinzessin, welche wach war, alles, und geriet in große Besorgnis, es möge ihr Gatte doch wohl nicht mehr als ein Schneider sein. Kaum war es Morgen, ging sie zum König, klagte diesem ihren Argwohn und erklärte ihm, nie und nimmer die Schande ertragen zu können, als Königstochter die Frau eines Schneiders zu sein.

Der König aber tröstete sie und sagte, er wolle ihn zum Feldherrn machen, ihn gegen die Feinde schicken und an die äußerste Spitze stellen, damit er gleich im Anfang zu Grunde gehe. Sein Wort aber, das er ihm gegeben hatte und wodurch er sein Eidam geworden war, könne er nicht zurücknehmen, mithin auch die Ehe nicht lösen.

Der Schneider wurde inne, daß ihn die Königstochter hasse und den Grund, warum. Wie er daher wieder zu Bett ging, stellte er sich, als träume er wieder, dieses Mal von lauter Schlachten und Siegen. Da wurde die Königstochter noch trauriger, ging am Morgen wieder zum König und meldete ihm, was ihr Gatte heute Nacht geträumt habe. Worüber aber ihr das Herz brechen wollte, das erfüllte das Herz des Königs mit Freude.

Er erteilte noch am nämlichen Tag dem Eidam den Befehl, das Heer gegen den Feind zu führen, ließ ihm aber doch, seiner Tochter zu gefallen, die schlechteste Rüstung und das schlechteste Pferd geben. Zugleich befahl er ihm, stets an der Spitze des Heeres zu bleiben.

Der Schneider aber machte sich nicht viel daraus, sondern band sein rotes Band um den Leib, und wie er es betrachtete, las er die Worte: »Du wirst Sieger sein!«

Er zog also getrost aus. Da sein Pferd aber sehr matt ging, blieb er häufig zurück, und so auch in dem Augenblick, wo die Feinde, lauter Heiden, von der Seite herankamen. Eben strauchelte das Pferd und riß im Fallen ein Kreuz um, das am Weg stand. Das Kreuz aber fiel auf den Schneider, der es faßte, und weil es nicht schwer war, in der Hand behielt. So ging es gegen den Feind. Dieser aber wurde kaum des Kreuzes ansichtig, welches der Schneider an der Spitze des Heeres trug, als sie in wilder Flucht umkehrten und dem Schneider den vollständigen Sieg überließen. Sie hatten nämlich gemeint, daß der Gott der Christen mit diesen streite, und gegen einen Gott könnten Menschen nicht kämpfen.

So wurden die Feinde geschlagen und ihnen ein großer Teil ihres Landes abgenommen. Der Schneider aber kehrte wohlbehalten, an Ehren reich, zurück, und wurde auch von dem König mit allen Ehren, von der Königstochter aber mit Liebe empfangen. Denn diese hatte nun ihren Gatten achten gelernt.

Von da an lebten sie noch lange und glücklich.

* * *

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