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Märchen aus der Oberpfalz

Franz Xaver von Schönwerth: Märchen aus der Oberpfalz - Kapitel 14
Quellenangabe
typefairy
authorFranz Xaver von Schönwerth
titleMärchen aus der Oberpfalz
booktitlePrinz Roßzwifl und andere Märchen
publisherDr. Peter Morsbach Verlag
editorErika Eichenseer
year2010
isbn9783937527321
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140218
projectid6a2290c5
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Ein Riese lügt nie

Ein Bauer hatte einen Sohn, der war groß und stark, schickte sich aber nicht recht zu Pflug und Wagen. Da brachte er ihn zu einem Schmid in die Lehre, da könne er das harte Eisen schlagen. Der Junge schlug aber gleich das erste Mal so gewaltig auf den Amboß, daß das Horn wegflog. »Weißt was«, sagte der Meister, »du schlägst mir gar ein wenig zu grob drein; für dich wüßte ich einen anderen Platz, droben auf dem Berg beim Grafen, der braucht starke Leute wider die Riesen, welche seine Herden plagen. Hier, da hast du ein altes Schwert, dort kannst du es brauchen.«

Der Bube ging aufs Schloß, ließ sich dingen als Viehhirt und trieb sogleich aus auf einen Berg. Als er es sich's kaum versah, stand ein Riese da und wollte auf Vieh und Hirten einhauen. Der Hirt aber rannte auf ihn zu und schlug ihm mit seinem rostigen Schwert beide Hände ab. Da heulte der Riese wie ein Wetterhorn, fiel dem Hirten zu Füßen und flehte: »Dein Knecht will ich sein, dein Vieh will ich hüten, stets will ich dir helfen, wenn du mir meine Hände wieder ganz machst.« »Daß du aber auch Wort hältst!«, sagte der Hirt. »Ein Riese lügt nie!«, erwiderte dieser, der Hirt schlug rückwärts mit seinem Schwert, und der Riese hatte seine Hände wieder.

Der Hirt trieb heim und wieder aus und kam in ein Tal weit hinein. Kaum war er da, so lief das Vieh zusammen und brüllte, und ein Riese, größer als der gestrige, lief hinterher. Der Hirt lachte sich in die Faust und richtete sein Schwert her. »Was willst du hier«, brüllte der Riese, »in meinem Gehege?« »Du trauriger Wicht«, entgegnete der Hirt, »mach, daß du weiter kommst, sonst ergeht es dir wie gestern deinem Gesellen!« Da wollte der Riese auf den Hirten los, der aber zückte sein Schwert und schlug dem Riesen die Arme weg wie nichts. Der sang dasselbe Lied wie der gestrige und erhielt seine Arme wieder.

Der Hirt trieb heim und wieder aus und kam in eine andere Gegend, in einen tiefen, finsteren Wald. Schon meinte er, heute ohne Strauß durchzukommen. Aber plötzlich kam ein Riese, so groß wie ein Tannenbaum. Der trappte daher und hätte das Vieh zertreten wie Flöhe. »Lümmel!«, schrie ihm der Hirt zu, »Reiß aus oder ich lasse dich auf den Knien tanzen!« Da beugte der Riese sein Haupt, sah herunter und brummte: »Gibt es da auch Frösche? Wart, die fresse ich erst gerne.« »Halt!«, schrie auch der Hirt, »ich will dir eine Brühe dazu richten«, und schlug mit seinem Schwert darein wie ein Holzhauer. Er fällte den Riesen, daß er ohne Beine dalag. Der Riese bat jetzt um schön Wetter und ward, wie die anderen, mit dem Hirten gut Freund.

Der Hirt trieb heim, und schon wartete seiner, gnädigen Blickes, der Graf. »Mir scheint es«, sprach er, »du kannst mehr als schwarzes Brot essen. So wie du hat mir noch keiner die Herde heimgebracht. Ich will dir was sagen. Unser Land verwüstet ein Lindwurm mit neun Köpfen. Er will nicht eher ablassen von seinem Greuel, als bis ihm der König seine Tochter zur Speise gibt. Wer den Drachen erlegt, erhält von ihm Reich und Tochter zum Lohn.«

Der Hirt nahm also Abschied vom Grafen, ging zum Riesen mit der Hand und sagte ihm, er solle einstweilen für ihn seine Herde hüten, vorerst aber eine Rüstung und ein weißes Ross bringen. Der Riese gehorchte, und der Hirt ritt von dannen. Da kam er zu einem Gerüst, das war errichtet, um die Prinzessin darauf zu stellen, wenn der Drache käme, um sie zu holen. Dieser kam auch in Dampf und Rauch wie ein Backofen heran, der Hirt sprang auf das Gerüst und war kaum oben, als das Untier schon nach ihm schnappte. Doch mit einem Streich schlug er diesem drei Köpfe ab, schnitt sich die drei Zungen aus den Rachen und steckte sie zu sich. Der Drache entwich heulend. Der Hirt stieg auf sein Ross und sprengte davon in solcher Eile, daß die Rüstung barst und der Gaul erlag.

Des anderen Tages ging der Hirt zum zweiten Riesen und verlangte den Dienst und eine andere Rüstung und ein braunes Ross – und wieder trabte er auf den Kampfplatz. Der Drache kam, der Hirt harrte schon seiner, schlug ihm drei andere Köpfe ab und steckte die Zungen zu sich. Rechtshin entwich der Drache, links der Hirt so spornstreichs, daß die Rüstung barst und der Gaul tot niederfiel.

Am nächsten Morgen ging der Hirt zum dritten Riesen, verlangte den Dienst und erhielt eine goldene Rüstung und einen Rappen. So ritt er davon auf den Kampfplatz. Doch ließ der Drache heute den ganzen Tag auf sich warten. Erst abends schoß er, wütend vom Schmerz, heran, bäumte sich auf und schlug das Gerüst in Trümmer. Zu gleicher Zeit mit den Balken flogen aber auch die letzten drei Köpfe von seinem Rumpf. Der Hirt nahm die Zungen und ritt heim. Ein Hoflakai aber kam und nahm die neun Köpfe mit sich.

Der Hirt hütete nun wieder seine Herde. Es war Ruhe im Land. Auf der Straße aber wurde es lebendig. Ein Zug Ritter um den anderen, in vollem Schmuck, zog heran, er wußte nicht warum. Und als er heimwärts trieb, kommt auch sein Graf des Weges mit stattlichem Gefolge und rief ihm zu: »Wärst du weniger dumm und faul, als du stark bist, könntest du jetzt mein Gebieter sein!« Der Hirt verstand den Sinn der Worte nicht und lief zu seinen Riesen, sie zu fragen. Diese sagten ihm, daß die Königstochter, die er vom Drachen befreit hatte, dieser Tage Hochzeit halte. Er soll nur auch hingehen, sie würden getreulich seine Herden bewachen.

»Der Teufel mag die Herden hüten«, rief der Hirt. »Auf! Rüstet mich und euch! Wenn sonst zu nichts, zu Musikanten kann man uns dort wohl noch brauchen.« Die Riesen gingen nun zu Fuß neben ihm her, denn kein Ross ist stark genug, auch nur ein Riesenkind zu tragen. Der Hirt aber saß im schönen Wams und Zeug auf einem hohen Rappen, und fort ging es zur Königsburg. Der Einlaß wurde ihm aber gar schwer, denn der Bräutigam, ein Herr von Hof, hatte befohlen, nur Vertrauten und Herren, nicht aber Unbekannten und Abenteurern, die Tore zu öffnen.

Im Burgsaal aber saß der König auf seinem Thron, zur Seite die Prinzessin, ringsum die Herren und Vasallen ohne Zahl. Da öffneten sich die Flügeltüren, neun Pagen trugen auf neun goldenen Schüsseln die neun Häupter des erschlagenen Drachen, und der Herold blies in die Trompete und rief aus: »Wer das Schwert gegen den Drachen gezückt, trete vor, und empfange des Königs Dank mit der Hand der Prinzessin!« Geschmückt wie ein Prinz trat ein Hoflakai hervor aus der Menge, kniete sich nieder vor dem Thron und sprach gebeugten Hauptes: »Mein ist der Lohn, denn mein sind die neun Drachenköpfe.« Der König führte ihm seine Tochter zu und ließ ihm huldigen.

Aber schon krachte das Burgtor, von den drei Riesen zerbrochen, Treppen und Gänge zitterten unter ihren Füssen, es flogen die Türen des Saales auf, und herein trat der Hirt, hinter sich die Riesen, und fragte, wer der sei, der ihm die Drachenköpfe gestohlen. Der Lakai trat vor. Da höhnte ihn der Hirt und sprach: »Wohl habe ich die Köpfe weggeworfen gleich tauben Nüssen: hier sind die Zungen, seht zu, ob sie zu den Köpfen passen!« Und es fand sich so. Der Hirt wurde der Gemahl der Prinzessin und der Herr des Landes, der freche Lakai aber von vier Pferden zerrissen.

* * *

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