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Märchen aus der Oberpfalz

Franz Xaver von Schönwerth: Märchen aus der Oberpfalz - Kapitel 10
Quellenangabe
typefairy
authorFranz Xaver von Schönwerth
titleMärchen aus der Oberpfalz
booktitlePrinz Roßzwifl und andere Märchen
publisherDr. Peter Morsbach Verlag
editorErika Eichenseer
year2010
isbn9783937527321
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140218
projectid6a2290c5
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Die Schafhütte am Zwergennest

Nicht weit vom Ort Fichtelberg ist eine verfallene Burg, Zwergennest oder Zwergenburg genannt. Aus diesem Ort ging ein Weber in die Fremde. Als er heimkehrte, waren seine Eltern tot. Er wollte sein Geschäft beginnen, seinen Webstuhl aufschlagen. Niemand nahm ihn auf, denn seine Mutter war als böse Hexe bekannt gewesen. Sie wiesen ihn hinaus mit seinem Webstuhl in die Schafhütte am Zwergennest. Diese hatte der Schäfer verlassen müssen, weil die Zwerge nachts die Schafe versprengt und zu Fall gebracht hatten.

*

So ging er denn hinaus, richtete sich die Hütte zurecht und schlug seinen Webstuhl auf. Als er nun die erste Nacht zu Bett lag, erwachte er plötzlich und sah einen Zwerg beim Licht des Vollmondes hereinkommen in die Kammer, der, ein Hütchen auf dem Kopf, in Frack und kurzen Höschen, mit Schnallenschuhen und einem Stöckchen in der Hand, mehre Male auf- und abging und sich neugierig alles besah. Er schien vergnügt zu sein, alles so wohlgeordnet zu finden. Zuletzt sprang er auf den Tisch, setzte sich – er war nur spannlang – auf den Brotlaib, der noch dort lag, und schnitt sich ein Stückchen ab, das er aß.

Der Zwerg redete den Gesellen an, daß, wenn er hier wohnen wolle, Mietlohn gezahlt werden müsse. Er verlange nicht Silber noch Gold, denn er wisse ja, daß er arm sei, aber drei Bedingungen setze er, welche genau zu erfüllen wären. Das erste sei, daß an jedem Vollmond der Webstuhl abgeräumt sein müsse, das zweite, daß der Weber niemals bei Nacht in die Werkstätte hineinsehe, das dritte, daß er schweigsam bleibe. Damit war der Geselle zufrieden, und der Zwerg ging.

Nun hatte er in Bayreuth einen Kaufherrn gefunden, der ihm Arbeit gab, und richtete es so ein, daß mit dem nächstem Vollmond der Stuhl abgeräumt war. Als er daher am Morgen darauf in die Werkstatt trat, war er nicht wenig erstaunt, am Stuhl einen Streifen seidenen Gewebes, ein Muster, zu finden, welches seinesgleichen nicht fand. Damit ging er zum Kaufherrn und bat um Seide, um nach dem Muster zu wirken. Er erhielt, so viel er deren bedurfte, und schon am nächsten Vollmond brachte er ein wunderschönes Stück Seidenstoff, welches dem Herrn so gefiel, daß er dem tüchtigen Gesellen sogleich neue Arbeit gab.

So hatte der Geselle Brot, und öfter traf es sich, daß er am Morgen nach der Vollmondnacht ein neues schönes Muster am Webstuhl fand, was ihm stets neue Bestellungen verschaffte. Darüber wurden aber die anderen Handwerksgenossen voll Neid, besonders der Werkmeister. Sie bemühten sich auf alle Weise, ihm sein Geheimnis zu entlocken, doch er schwieg. Da führten sie ihn öfter zum Wein und machten ihn trunken, aber auch so hielt er sein Versprechen, das er dem Zwerg gemacht hatte.

Doch einmal kehrte er berauscht heim. Neugier hatte ihn erfaßt, die Werkstätte zu besehen. Schon hatte er den Türgriff in der Hand, als sein guter Geist ihn noch zurückhielt. Am Morgen fand er zwar ein Muster am Stuhl hängen, aber ganz verworren. Gleichwohl machte er es nach, und die Arbeit gefiel mehr als alle früheren.

Indessen wurde ihm stets mehr und mehr mit Wein zugesetzt. Er verfiel in Trägheit und schlechte Sitte, das Geschäft blieb zurück. Um so mehr wollte er sehen, wie es die Zwerge machten, hatte aber kaum die Tür geöffnet, als er ohnmächtig zu Boden fiel. Am Morgen war der Webstuhl zerbrochen und die Hütte in ihrem vorigen zerfallenen Zustand. Da nahm er seine Arbeit, um sie zum Kaufherrn zu bringen und alles dort zu entdecken. Auf dem Weg legte er sich unter einem Baum nieder. Zufällig sah er nach dem Gewebe, es war in Asche zerfallen.

In höchster Verzweiflung machte er sich auf den Weg, um in die weite Welt zu gehen. Er kam in einen Wald, und hier dachte er, wie gut es für ihn wäre, wenn ihm der Teufel helfen wollte. Jetzt habe er ja doch nichts mehr zu verlieren, und dem Teufel wäre er ja ohnehin schon verfallen.

Wie er nun so vor sich hinging, sah er ein zwei Schuh hohes Männchen auf einem Stein sitzen, das einen Stiefel ausgezogen hatte und sie zu schmieren begann. Der Weber dachte, das könne nur der Teufel sein, und ging auf ihn zu. Das Männchen aber kannte des Gesellen Herz und rief ihm entgegen: »Ich bin nicht der Teufel, aber ich suche, was du suchst, Rache an den Zwergen. Willst du mit mir gehen, um dich zu rächen, so tue, was ich dir sage. Hole mir da unten zwei Binsen herauf!«

Der Weber brachte sie. Sie setzten sich nun rittlings jeder auf eine Binse und flogen weithin durch die Luft. An einem steinigen Platz hielten sie an und gingen dann, das Männchen voraus, der Weber hintendrein, in das Steingesprenge und zuletzt durch eine Kluft, welche so eng wurde, daß der Geselle vermeinte, er müsse zu einem Kartenblatt werden, um durchzukommen. Endlich machten sie Halt. Da sagte das Männlein zum Weber: »Hörst du nicht Musik? Sie kommt von den Zwergen, welche Hochzeit halten. Sieh durch diese Öffnung hinunter, und wenn die Braut dir nahe kommt, hole sie mir herauf!«

Da schaute der Weber hinunter durch eine Spalte in einen Saal, in dem die Zwerge bei süßer Musik fröhlich auf- und abgingen und tanzten. Die Braut trug nebst allen Gästen seidene Kleider. Die Stoffe waren dieselben, deren Muster einst an seinem Webstuhl hingen. Im Bräutigam erkannte er den Zwerg, mit dem er einst verkehrt hatte. Köstlicher Speisengeruch stach ihm in die Nase. Schon näherte sich die Braut. Er wollte sie herauflangen, doch zog er die Hand wieder zurück. Bei dem ungeduldigen Begleiter, der ihn darüber zankte, entschuldigte er sich, daß ihm ein Schweißtropfen von der Stirne in das Auge gelaufen sei. So auch das zweite Mal. Immer überkam ihn eine gewisse Furcht, die Braut zu stehlen. Da fuhr das Männchen zornig auf seinen Nacken und drohte ihn zu erwürgen, wenn er nicht zugreife. Zum dritten Mal streckte der Geselle die Hand aus nach der Braut. Da nieste sie, und er rief ihr unversehens ein »Helf Gott« hinunter.

Nun brach alles zusammen mit fürchterlichem Getöse. Der Weber lag, von einem Schlag des Männchens getroffen, ohnmächtig da. Als er erwachte, standen die Zwerge um ihn, und der Bräutigam dankte ihm für die Rettung seiner Braut, ermahnte ihn aber, von nun an ein besseres Leben zu führen. Mit Silber könne er ihm nicht lohnen, aber zu Arbeit wolle er ihm helfen wie früher.

So ging der Weber heim, die Hütte war wieder ganz und der Webstuhl ordentlich aufgestellt. Der Tuchmacher fing wieder zu wirken an, hatte stets der Arbeit genug und lebte fortan glücklich.

* * *

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