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Charles Perrault: Märchen - Kapitel 4
Quellenangabe
titleMärchen
authorCharles Perrault
typefairy
modified20170915
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Der kleine Däumling

Zeichnung: Doré

Es war einmal ein armer Mann und eine arme Frau, und weil sie sehr arm waren, hatten sie viele Kinder. Nicht weniger als sieben und alles Knaben. Der älteste war nicht älter als zehn Jahre, der jüngste war erst dreijährig. Das kam daher, daß der Storch, ein besonders starker Storch, ihnen manchmal zwei in einem Jahre brachte.

Der jüngste war klein, sehr klein, aber ganz außerordentlich klein, und weil er, als er zur Welt kam, nicht größer war als ein Daumen, nannte man ihn den Däumling. Es ist das derselbe Däumling, der nachher so berühmt geworden. Aber das Sprichwort sagt:

Klein und keck
schlägt die Großen weg.

Der kleine Däumling war klug, klüger als alle seine Brüder, sprach wenig und hörte und merkte viel. Da kam eine große Hungersnot ins Land. Die armen Leute hatten kein Brot für die vielen Kinder. Und weil sie die Kinder nicht mit eigenen Augen vor Hunger sterben sehen wollten, dachten sie daran, sich ihrer auf gute Weise zu entledigen, denn »Not kennt kein Gebot«, sagt ein anderes Sprichwort. Abends, als die Kinder schon zu Bette waren, sagte der Mann zu der Frau: »Du siehst, es geht nicht länger. Wir werden die Kinder in den Wald führen und sie dort verlieren.«

»In den Wald«, rief die Mutter erschrocken, »in den düstern, düstern Wald! Ach, meine armen Kinder!« So schrie und weinte sie noch lange und wollte die Kinder nicht in den düstern, düstern Wald führen und sie dort verlieren. Aber am Ende begriff sie doch, daß sie das Elend nicht länger mit ansehen konnte, und als eine gehorsame und brave Frau, die sie war, sagte sie, daß sie tun wolle, wie ihr Mann befehle. Und darauf gingen sie schlafen.

Aber der kleine Däumling hatte alles gehört. Wie er merkte, daß Vater und Mutter Geheimnisse besprachen, kroch er leise, leise aus dem Bette und unter den Schemel seines Vaters, und da hat er alles gehört. In den Wald gehen, in den düstern, düstern Wald, dachte der kleine Däumling, und uns dort verlieren? Nein! – Er legte sich aufs Ohr, dachte nach und stand früh am Morgen wieder auf. Er ging hinaus an den Bach und füllte sich die Taschen mit kleinen weißen Kieselsteinen. Jetzt wollen wir mal sehen, dachte er und klopfte stolz auf die Tasche, als wären darin lauter Louisdore, die er sein Lebtag nicht gesehen hatte.

Zeichnung: Doré

Dann ging's in den Wald, der Vater mit der Axt auf der Schulter voran, die Mutter nach, dann die sieben Buben hintereinander wie die Orgelpfeifen. Der kleine Däumling, der zuletzt ging, sagte nichts, gar nichts sagte er, aber er dachte sich sein Teil. Und wie sie in den Wald kamen, darin es wirklich düster, sehr düster, ja so dunkel war, daß man kaum seinen Vordermann sah, ließ er nach und nach und ohne daß es jemand merkte, die Steinchen fallen und säte sie so den ganzen Weg entlang. Gute Saat, dachte er, trägt gute Früchte. Und wie sie tief, tief drin im Walde waren, sagte der Vater: »Jetzt, Buben, sammelt trockenes Holz, machet Reisigbündel und seid recht fleißig.« Sie gehorchten, bückten sich alle und waren emsig bei der Suche. Vater und Mutter machten sich eine Ausrede, schlichen in die Gebüsche, und da sie die Kinder nicht mehr sehen konnten, fingen sie an zu laufen und liefen immer, bis sie zu Hause waren. Als die Kinder merkten, daß sie allein und verlassen waren in dem tiefen, tiefen Wald, fingen sie gewaltig an zu schreien und zu weinen. Der kleine Däumling schrie und weinte nicht und sagte auch nichts. Er saß auf einem abgesägten Baumstamm, steckte die Hände in die Hosentaschen und dachte: Weint ihr euch nur recht aus!

Dann sagte er: »Jetzt ist genug geweint! Seid ihr Männer? Ich bin einer. Vater und Mutter haben euch hier steckenlassen, ich führe euch wieder heim. Auf, mir nach!«

Wie gesagt, so getan. Sie folgten ihm, und er führte sie auf demselben Wege, auf dem sie gekommen waren und den er sich mit den Steinchen bezeichnet hatte, aus dem Walde bis vors Haus. Aber sie hatten nicht den Mut einzutreten. Sie legten die Ohren an die Türe und horchten. Da drin ging's hoch her. Der Gutsherr hatte mittlerweile zehn blanke Taler geschickt, die Mutter hatte Brot, Fleisch und Würste geholt, zehnmal soviel, als sie brauchten, denn sie waren sehr hungrig, und die Augen gehen immer weiter als der Magen. Als sie sich voll und satt gegessen hatten, daß sie nicht weiter konnten, rief die Mutter: »Ach, meine armen Kinder! Wo sind jetzt meine armen Kinder? Gewiß hat sie schon der Wolf gefressen, dieweil sie selbst so gut essen könnten, wenn sie hier wären! Wo sind meine armen Kinder?«

Sie rief das so oft, daß der Alte ungeduldig wurde und ihr zu schweigen befahl, weil ihn das Gewissen zu plagen anfing. Um dieses und die Frau, die sich nichts befehlen ließ, zum Schweigen zu bringen, hob er endlich die Hand auf, um sie zu prügeln. Sie aber rief immer: »Wo sind jetzt meine armen Kinder?«

Als sie es so ungefähr zum zwanzigsten Male rief, sprang die Türe auf, und die Kinder schrien alle zusammen: »Hier sind wir! Hier sind wir!«

Das war aber eine Freude, daß es gar nicht zu sagen ist, um so mehr, als die Kinder schnell ihre Schüsselchen holten und die Mutter ebenso schnell aus dem Kessel schöpfte und die Schüsselchen füllte. Die Kinder aßen und erzählten und erzählten und aßen, und letzteres so gut, daß nur vom Zusehen der Vater neuen Appetit bekam und die Mutter zum zweiten Male satt wurde. Die Freude dauerte noch die nächsten Tage hindurch, gerade so lange, wie die zehn Taler dauerten.

Als diese dahin waren, kehrte das alte Elend zurück, und Vater und Mutter beschlossen, die Kinder wieder in den Wald zu führen, und zwar viel weiter als das erste Mal, um ihrer Sache sicher zu sein. Der kleine Däumling, der auf seiner Hut war und die Alten beobachtete, hatte auch diesmal ihr Gespräch belauscht.

Gut, dachte er, jetzt weiß ich, wie man's macht. Aber er hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht, denn als er gegen Morgen hinausschleichen wollte an den Bach, um wieder Steinchen zu sammeln, war die Türe geschlossen, und er konnte nicht hinaus. Gott verläßt die Seinen nicht, dachte er, es wird sich schon was finden.

Als sie dann in den Wald zogen und die Mutter jedem noch ein Stück Brot in die Tasche steckte, dachte er: Siehst du wohl, da hast du das Brot. Waren es früher die Kieselsteine, so sind es jetzt die Brosämlein. Freilich würde ich sie lieber verschlucken, aber was ist zu machen? Man muß sich strecken nach der Decken. Diesmal ging's viel, viel tiefer in den Wald, an eine Stelle, wo es dicht und dunkel war, ganz, ganz dicht, ganz, ganz dunkel. Die Alten machten sich wieder eine Ausrede, krochen ins Gebüsch, und fort waren sie. Da ging wieder das Gewein und Geschrei los, und dabei sahen alle den kleinen Däumling an.

Er war ruhig, legte die Hände auf den Rücken und sagte nur: »Vorwärts!« wie einer, der seiner Sache ganz sicher ist. Aber Hochmut kommt vor dem Fall. Die Brosamen, so er auf den Weg gestreut, hatten die Vögel aufgepickt. Keine Spur war mehr da, und nun war guter Rat teuer. Dennoch gingen sie darauf los, aber je weiter sie gingen, desto mehr verirrten sie sich, und desto tiefer kamen sie in dichten, tiefen, düstern Wald.

Es regnete, und der Wind heulte, und sie glaubten, es wären die Wölfe, die so heulten, und hatten große Angst – besonders als es Nacht wurde, stockdunkle, pechrabenschwarze, mutterseelenalleinige Nacht. Sie wußten nicht, wo aus, wo ein. Der kleine Däumling – immer der kleine Däumling voran, denn sein Grundsatz war: Selbst ist der Mann! – kletterte einen hohen, dicken Baum hinan, der alle andern Bäume des Waldes überragte, und blickte nach allen Seiten aus. Nach drei Seiten sah er gar nichts, aber von der vierten Seite her kam ihm aus der Tiefe, durch Gebüsch, aber noch aus weiter Ferne, ein Lichtschimmer entgegen. Gut, dachte er, durch Nacht zum Licht! und ließ sich wieder vom Baume heruntergleiten zu den Brüdern, die alle unten standen und hinaufsahen. Aber unten angekommen, war's wieder nichts, denn das Licht war verschwunden. Doch hatte er sich die Richtung gemerkt und wanderte nach jener Seite – bergauf, bergab. Das Licht tauchte auf und verschwand wie ein Irrlicht. Sich nur nicht irremachen lassen! dachte der Däumling, und die andern stelzten hinter ihm her. So gelangten sie endlich an das Haus, aus dem das Lichtlein gekommen war, und riefen und pochten.

Eine gute Frau kam heraus und fragte, wer sie seien und was sie wollten?

»Hungrige, durchnäßte, müde, im Walde verirrte arme Kinder sind wir«, antwortete der Däumling, »und möchten um Gottes willen um ein Stück Brot und ein Nachtlager gebeten haben, ohne jemand genieren zu wollen.«

»Ach ihr armen, guten Kindlein«, rief die Frau und fing zu weinen an, »wißt ihr denn auch, wohin ihr geraten seid? In diesem Hause wohnt ein Riese, der die Kinder frißt.«

Da fingen sie alle an vor Angst zu zittern, auch der Däumling, doch sagte er: »Es ist gewiß nicht schön, Kinder zu fressen, noch weniger schön ist es, gefressen zu werden, und zwar als Kind. Aber was ist zu tun? Draußen ist's finster und sind die Wölfe, so gehen wir doch lieber ins Haus. Vielleicht gelingt es dir, gute Frau, das Herz deines Gatten zu rühren, vielleicht hat er eben keinen Appetit. Auch sind wir so mager, und ich bin so klein. Man muß es wagen und sehen, wie es weitergeht. Gewöhnlich werden doch nur die gefressen, die sich fressen lassen.«

Die gute Frau ließ sich überreden, hoffend, die Kleinen während der einen Nacht vor dem Riesen verbergen zu können. Sie führte sie in die Stube und setzte sie ans Feuer, wo ein ganzer Hammel am Spieße stak, daß sie sich wärmen und trocknen sollten. Aber kaum hatten sie sich's ein wenig gemütlich gemacht, als sich draußen schwere Schritte und an der Türe ein furchtbares Gepolter hören ließen.

»Da kommt der Riese, mein Mann!« rief die Frau erschrocken und schob rasch die Kinder unters Bett. Der Riese fragte sogleich, ob das Nachtessen fertig, ob genug Wein abgezapft sei, und lauter solche Fragen. Er setzte sich an den Tisch und verzehrte den Hammel, der noch ganz blutig war. Der kleine Däumling, der ihn von unter dem Bette aus beobachtete, dachte: Nun, der kann essen! Für den ist ein Mann wie ich nur ein Bissen. Aber wenn er mich frißt, so soll er mich wenigstens nicht verdauen.

Als der Riese mit Essen fertig war, erhob er die Nase und fing an, nach allen Seiten herumzuschnüffeln.

»Ich rieche, rieche Menschenfleisch«, sagte er unheimlich.

»Es wird wohl nur das Kalb sein«, sagte seine Frau, »das Kalb, das ich für dich abgezogen habe.«

»Schweig«, rief der Riese zornig, »darauf verstehe ich mich! Ich rieche, rieche Menschenfleisch!« – Und so sprechend, ging er, immer schnüffelnd, geradenwegs seiner Nase folgend, auf das Bett los.

»Ach, treuloses Weib«, schrie er sichtlich entrüstet, »du hast Geheimnisse vor mir, du willst mich täuschen, du rücksichtsloses, pflichtvergessenes Weib! Nichts, als deine Magerkeit hält mich ab, sonst fräße ich dich selber!« Sein Gesicht klärte sich wieder auf, wie er einen Knaben nach dem andern unter dem Bette an den Beinen hervorzog.

Zeichnung: Doré

»Herrliche Bissen! Prächtiges Wildbret!« murmelte er und leckte sich dabei die Lippen ab – «das trifft sich gut, da ich gerade drei Riesen, meine Freunde, dieser Tage zu Tische habe.«

Die armen Kinder schrien, umklammerten seine Knie und Füße und baten um ihr Leben, während das Ungeheuer sie betastete, die guten Bissen lobte und nur von der Sauce sprach, in der sie genossen werden müßten. Es war gerade einer der furchtbarsten Menschenfresser. Er zog sein großes Messer, schliff es und packte dann einen der Knaben, als seine Frau sagte: »Aber warum willst du sie heute schon schlachten? Ist nicht morgen Zeit?«

»Was du heute tun kannst, verschiebe nicht auf morgen!« antwortete der Riese.

»Aber es ist noch so viel Fleisch da, kälbernes, schweinernes, schöpsernes, das geht ja alles verdorben.«

»Das ist richtig. Also füttere sie gut, daß sie mir nicht abmagern, und bringe sie dann zu Bette.«

Zeit gewonnen, alles gewonnen! dachte der Däumling und ließ sich's schmecken, dann folgte er mit den Brüdern der guten Frau in die obere Stube, wo sie sich alle sieben in ein großes, breites Bett legten. In derselben Stube, in einem gleich großen, breiten Bette schliefen die sieben Töchter des Riesen, junge, ebenfalls zum Menschenfleischessen geborene Riesinnen. Sie sahen sehr wohlgenährt, hübsch und frisch aus, wie alle, die von andern leben. Ihre Vorderzähne waren sehr lang und gingen breit auseinander, was ihre Bestimmung und Nahrungsweise verriet. Noch waren sie nicht sehr bösartig, aber sie berechtigten zu den schönsten Hoffnungen, denn wo sie ein Kind erwischen konnten, bissen sie drein. Auf ihren Köpfen trugen die sieben Mädchen sieben Kronen. Das bemerkte der kleine Däumling sogleich, und kaum hatte die gute Frau die Stube verlassen, als er ihnen die Kronen abnahm und ihnen dafür sieben Mützen, seine eigene und die seiner Brüder, aufsetzte. Sie merkten nichts davon, da sie einen riesig tiefen Schlaf hatten. Sich und den Brüdern aber, welche ebenfalls bereits schliefen, setzte er die sieben Kronen auf. Man kann nicht wissen, wozu das gut ist, dachte er. In seiner Herzensfreude über den guten Fang hatte der Kinderfresser etwas zu tief ins Glas gesehen, und als er sich endlich ins Bett gelegt, ließ ihn der Gedanke an die guten Braten nicht schlafen. Er warf sich unruhig hin und her und konnte kein Auge schließen.

Ich würde wohl besser schlafen, wenn ich die Sache vom Herzen hätte, dachte er. Das Gute und Nützliche soll man nicht aufschieben.

Er erhob sich leise, nahm das Messer und schlich sich, um seine Frau, deren Widerspruch er fürchtete, nicht zu wecken, im Dunkeln davon. Er tappte die Treppe hinauf in das Kinderzimmer und an das Bett der Knaben. Weiter tappend, fühlte er die Kronen.

»Teufel«, sagte er, »da hätte ich was Rechtes angerichtet, hätte beinahe meine eigenen Kinder abgeschlachtet anstatt der fremden Buben.«

Siehst du wohl, dachte der kleine Däumling, der noch wachte.

Der Riese tappte sich weiter an das andere Bett, und als er da die Bubenmützen fühlte, sagte er: »Aha, jetzt bin ich an den Kerlchen! Drauflos!«

Und so sprechend, schnitt er den sieben Kinderfresserinnen der Zukunft ihre sämtlichen Kehlen ab, und beruhigt ging er in sein Bett zurück und schnarchte bald so gewaltig, daß die Wände zitterten.

»Schlaf wohl!« sagte der Däumling, wie er ihn schnarchen hörte, weckte seine Brüder, lispelte ihnen leise zu, sich in aller Stille anzukleiden und ihm zu folgen. Sie schlichen die Treppe hinab in den Hof, der Däumling immer voraus, sprangen über die Mauer, und fort ging's in den Wald hinein, aufs Geratewohl. Überall besser, selbst im wildesten Wald, als bei bösen Menschen.

Als der Riese spät am Morgen erwachte, sagte er schmunzelnd zu seiner Gattin: »Geh mal 'nauf und putz mir die sieben Buben recht schön heraus.« Sie tat, wie er sagte. Aber als sie in die Stube trat und die sieben Mädchen mit abgeschnittenen Kehlen daliegen sah, stieß sie einen gewaltigen Schreckens- und Schmerzensschrei aus und fiel in Ohnmacht. Auf den Schrei und Fall eilte der Riese herbei, sah die Bescherung und fluchte heidenmäßig.

»Meine Siebenmeilenstiefel! Meine Siebenmeilenstiefel!« schrie er und schrie es noch immer, als er sie schon in der Hand hatte und auf die Beine zog.

»Die Spitzbuben sollen mir nicht entgehen und den Streich büßen!« – Die Siebenmeilenstiefel waren eine der schönsten Erfindungen der alten Zeit, nur befanden sie sich leider nicht immer in den besten Händen. Wer sie an den Füßen hatte, legte mit jedem Schritt sieben Meilen zurück, also mit zehn Schritten nicht weniger als siebzig Meilen. Da ist die Eisenbahn nichts dagegen, obwohl wir uns so viel darauf einbilden. Mit diesen Siebenmeilenstiefeln stieg der Riese über Berg und Tal, hin und her, die Kreuz und Quer, immer nach den Knaben suchend. Diese waren schon in der Nähe ihrer Heimat, als sie den fürchterlichen Mann daherstiefeln sahen, über hohe Berge und breite Ströme und unendliche Wälder dahinschreitend, als wäre es nichts. Ach, da wurde ihnen ganz weh zumute. Sie befanden sich gerade an einem Felsen mit einer Höhle. Da schob sie Däumling alle hinein und sich auch, nur daß er das kleine Köpfchen herausstreckte, um zu beobachten, was der Schreckliche anfangen oder ob er sich aus der Gegend verziehen werde.

Zeichnung: Doré

Der Riese, der in seiner Wut arg hin und her gelaufen war, fühlte sich etwas müde, legte sich auf den Felsen, entschlief und schnarchte bald so fürchterlich wie in der letzten Nacht. Däumling, der dieses Geschnarch schon kannte, sagte zu seinen Brüdern: »Jetzt ist nichts zu fürchten; macht euch auf die Strümpfe, laufet nach Hause, grüßet mir Vater und Mutter und seid meinetwegen nicht besorgt. Ich werde mit so einem Kerlchen wie dem Riesen schon fertig. Selbst ist der Mann!« Die Buben liefen, was sie konnten, und waren bald zu Hause. Däumling aber zog dem Riesen sachte, sachte die Siebenmeilenstiefel von den Füßen und zog sie selber an. Sie saßen ihm wie angegossen, denn sie hatten die Eigenschaft, sich nach Bedürfnis auszudehnen oder zusammenzuziehen, und paßten auf den Fuß jedes jeweiligen Besitzers.

»So«, sagte der Däumling, »die hätten wir denn. Jetzt wollen wir sehen, wie weit wir es mit Siebenmeilenstiefeln bringen. Ein Esel, wer an der Krippe steht und nicht frißt, wer die Mittel zum Glück hat und nicht sein Glück macht.«

So sprechend, war er bereits auf dem Wege zu dem Hause des Riesen, und er hatte noch nicht ausgesprochen, so stand er schon vor dessen Tür.

»Euer Mann, gute Frau«, sagte er zu dem Weib des Menschenfressers, »ist mehreren noch stärkeren Riesen in die Hände gefallen, die ihm den Hals abschneiden wollen, wenn er nicht seine ganze Barschaft ausliefert. Im Augenblick der Gefahr sah er mich vorbeikommen, und als alten Bekannten bat er mich, die Bestellung an Euch auszurichten. Und weil es Eile hat, und zugleich, um mich bei Euch zu beglaubigen, gab er mir die Siebenmeilenstiefel, die Ihr da an meinen Füßen seht und die mir prächtig sitzen, saget selbst, wie angegossen. Also nicht lange gefadelt und heraus mit allem Baren!«

Die gute Frau besann sich nicht lange und gab alles her, und mit den Schätzen beladen, eilte der Däumling heim zu Vater, Mutter und Brüdern, und das war wieder einmal eine Freude des Wiedersehens, daß es nicht zu sagen ist.

Mit den Schätzen des Riesen konnten nun die armen Leute trotz aller Hungersnot herrlich und in Freuden leben, und das taten sie auch gewissenhaft und luden alle armen Leute und Nachbarn dazu ein. Aber Däumling sagte: »Ich bin keine Schnecke, die immer das Haus auf dem Buckel hat, und wenn man Siebenmeilenstiefel hat, muß man seinen Weg machen. Das ist nur recht und billig. Ich gehe zum König und werde Kurier!«

Der König war über die Maßen froh, einen solchen Kurier zu haben, der ihm täglich einigemal Nachricht von seiner Armee, die fern im Felde stand, bringen konnte, denn schon damals waren die Leute so dumm, Kriege zu führen. Es war für den König sehr bequem, seine Soldaten von seiner Stube aus kommandieren zu können, vor den Kugeln sicher, nichts von Regen und Kälte und Ermüdung zu leiden und doch ein großer Feldherr zu sein. Dafür war er dem Däumling sehr dankbar und bezahlte ihm jeden Weg aufs beste. Als endlich der Friede geschlossen und der König vor die Stadt geritten war, um einen feierlichen Einzug in die Stadt zu halten, ernannte er den Däumling zum Gesandten.

So war der kleine Däumling ein großer Herr geworden, und in seinem Wappen standen in goldenen gotischen Lettern die Worte: Selbst ist der Mann!

 


 

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