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Ludwig Bechstein: Märchen - Kapitel 17
Quellenangabe
typefairy
authorLudwig Bechstein
titleMärchen
publisherK. Thienemanns Verlag
printrun96.-101. Tausend
year1942
illustratorKarl Mühlmeister
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131116
projectid695347f5
wgs
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Hans im Glücke

Es war einmal ein Bauernknabe, der hieß Hans, ein ehrlich Blut, dünkte sich nicht auf den Kopf gefallen, und diente treu und ehrlich einem großen, reichen Herrn eine Reihe von Jahren. Zuletzt aber bekam Hans das Heimweh, wollte gern bei seiner Mutter sein und sprach seinen Herrn um den verdienten Lohn an. Der gab Hansen ein Stück Gold, das war so groß, wie Hansens Kopf, und Hansens Kopf gehörte nicht zu den dünnen und kleinsten. Der war zufrieden, packte den schweren Goldklumpen in ein Tüchlein und machte sich auf die Spazierhölzer. Das Gehen wurde ihm aber blutsauer, er schwitzte, daß er troff, denn der Goldklumpen war schrecklich schwer, er mochte ihn tragen wie er wollte, auf dem Kopf oder auf den Schultern.

Da trottelte ein Reiter leicht und wohlgemut an Hans vorbei, saß auf einem spiegelglatten Pferd.

»Ei!« rief Hans, »Reiten ist eine schöne Kunst, wer sie kann und ein Pferd hat!«

Der Reiter hielt sein Rößlein an, weil er Hansens Rede in seine Ohren hineingehört hatte und fragt ihn, womit er sich denn da so mühselig schleppe?

»Ach! es ist Gold, pures schweres Gold! Der Mensch ist ein geplagtes Tier!« sagte Hans, indem er den Klumpen ächzend zur Erde warf.

»Ei!« sprach der Reiter, »wenn du gern reiten willst, so laß uns einen Tausch machen. Gibst mir deinen Lastklumpen und nimmst mein Pferd dafür!« Das ließ sich Hans nicht zweimal bieten, er rief fröhlich: »Topp! schlagt ein!« und der Handel war geschlossen. Der Reiter nahm das Gold und machte, daß er damit Hansen aus dem Gesicht kam, dachte, der Handel könnte jenen reuen. Hans aber kletterte auf den Gaul und ritt davon, daß es stäubte, aber nicht gar lange, da tat das Pferd einen Satz, daß Hans, der nicht reiten konnte, herunterfiel wie ein Nußsack. Konnte kaum ein Glied regen. Ein Bauer, der mit einer Kuh des Weges zog, fing das ledige Pferd und führt's dahin, wo Hans lag. Der weinte und rieb sich die Knochen. »Nimmermehr reiten, tut nicht gut! Wer doch so ein sanftes Kühchen hätte, wie Ihr dort, guter Freund! Da könnte man tagtäglich Milch essen und Butter und Käse und wird nicht heruntergeworfen.«

»Ei«, sagte der pfiffige Bauer, »wenn Euch die Kuh so wohlgefällt, so gefällt mir nun gerade auch Euer mutiges Pferd, geb' Euch die Kuh für das Pferd!«

»Das ist ein guter Tausch, den lob' ich mir«, sprach Hans, nahm die Kuh und trieb sie vor sich her, während der Bauer sich auf das Roß setzte und heidi, hast du nicht gesehen, davonritt.

Als Hans in ein Wirtshaus kam, verzehrte er seine letzten paar Heller, denn er meinte nun, da er die Kuh habe, brauche er kein Geld und marschierte weiter. Es war aber den Tag sehr heiß und noch eine weite Strecke zum Dorfe, wo Hans her war und wo seine Mutter wohnte, und es durstete Hansen. Da schickte er sich an, die Kuh zu melken, aber so ungeschickt, daß keine Milch kam und daß ihm zuletzt die Kuh einen Tritt gab, davon ihm Hören und Sehen verging und er nicht wußte, ob er ein Bub oder ein Mädchen war. Da trieb just ein Metzger des Weges mit einem jungen Schwein, der fragte mitleidvoll den geschlagenen Hans, was ihm fehle und bot ihm einmal aus seiner Flasche zu trinken. Hans erzählte sein Abenteuer und der Metzger machte ihm bemerklich, daß von einer so alten Kuh keine Milch zu erwarten sei, die müsse man schlachten. »Hm!« meinte Hans, »wird auch keinen sonderlichen Braten geben, altes Kuhfleisch! Ja, wer so ein nettes fettes Schweinchen hätte, das schmeckt und gibt Fetzenwürstel!«

»Guter Freund!« sagte der Metzger, »wenn Euch das Schweinchen so gefällt, so laßt uns einen Tausch treffen, gerade auf, Ihr das Schwein, ich die Kuh! Ist's recht?« – »Ist schon recht!« sagte Hans, von Herzen innerlich froh über sein Glück. Zog heiter seine Straße und dachte: »Bist doch ein rechtes Glückskind, Hans! Immer wird der Schaden wieder ersetzt. O wie soll dieser Schweinebraten schmecken!«

Bald kam ein Bursche des Wegs, der trug eine fette, schwere Gans im Arm, grüßte Hans, und da sie miteinander ins Gespräch kamen, erzählte er ihm, daß die Gans zu einem Kindtaufsbraten bestimmt sei. Das müßte ein Braten werden, der seinesgleichen suche. Dabei ließ er die Gans den Hans wiegen und unter den Flügeln die Fettklumpen befühlen.

»Die Gans ist gut, mein Schweinchen da ist aber auch kein Hund!« sagte Hans. »Wo hast du denn das Schwein her?« fragte der Bursche, und Hans erzählte, daß er es vor kurzem erst erhandelt. Da sah sich jener bedenklich um und sprach: »Höre, ein Wort im Vertrauen! Da hinten im letzten Dorfe ist dem Schulzen alleweil ein junges Schwein gestohlen worden. Der Dieb hat's an dich verpascht, und wenn jetzt der Flurschütz uns nachkommt (mich deucht, ich sehe seinen Spieß schon dort über den Kornähren blinken), so faßt er dich für den Dieb und du kommst, statt mit dem Schwein in die Küche deiner Mutter, in des Teufels Küche!«

»Ach du mein lieber Herr Gott! Was bin ich für ein Unglücksvogel!« schrie Hans. »Hilf mir doch um Gottes willen, guter, liebster Freund!«

»Weißt du was«, sprach der Bursche, »geschwind gib mir das Schwein und nimm du meine Gans! Ich weiß hier herum die Schleichwege, und ich will mich schon unsichtbar machen!«

Gesagt, getan, Handel geschlossen, und in zwei Augenblicken waren Bursch und Schwein dem Hans aus den Augen. »Bin doch ein Glücksvogel!« lachte Hans innerlich, und trug die Gans eine gute Strecke. Vom Flurschütz oder sonst einem Nachsetzenden war nichts zu sehen. Hans berechnete den guten Braten, das Fett, die Federn, die Freude seiner Mutter; und so kam er in das letzte Dorf vor dem seinigen. Da stand ein Scherenschleifer an seinem Karren, der sah ganz fröhlich aus, schliff und pfiff, und pfiff und schliff, daß es nur so schnurrte, dann sang er einen lustigen Gassenhauer:

»Es kam ein junger Schleifer her,
Schliff die Messer und die Scher'!
Hat's gern getan,
Tut's noch einmal,
Was geht's dich an?
Was hast denn du davon?«

Hans blieb ganz verwundert stehen mit seiner Gans und hatte seine Verwunderung über des Schleifers Lustigkeit, dann bot er ihm guten Tag und fragte: »Euch geht's gewiß recht gut, daß Ihr so lustig und fröhlich seid? Wer's doch auch so hätte!«

»O ja, mein guter Kamerad«, sprach der Scherenschleifer, »bin alldieweil lustig, immer Geld in der Tasche, kannst's auch so haben mit deiner Gans. Woher hast du die Gans?«

»Hab' sie gekriegt für ein Schwein!« berichtete Hans. »Und das Schwein?« – »Für eine Kuh gekriegt!« – »Und die Kuh?« – »Für ein Pferd eingehandelt.« – »Und das Pferd?« – »Einen Klumpen Gold hingegeben, so groß wie mein Kopf.« – »O du Schlaukopf! Und woher das Gold?« – »Sieben Jahre gedient, Lohn bekommen!« – »Pfiffikus, dir fehlt nichts, als daß du ein Schleifer würdest, wie ich, dann klingt dir das Geld in allen Taschen. Dazu braucht es nur eines guten Hirnschleifsteins; hier hab' ich noch einen liegen, ist zwar schon etwas abgenutzt, geht aber doch mit (wenn du ihn trägst)! Den geb' ich dir für deine Gans. Willst du?« »Ob ich will? Freilich!« rief Hans ganz erfreut. »Geld in allen Taschen ist eine schöne Profession.« Der lose Schleifer gab dem guten Hans einen alten Wetzstein und einen Kiesel, der am Wege lag, und Hans zog fürbaß, ganz glücklich, daß sich alles so schön getroffen, meinte, er müsse in einer Glückshaut geboren sein.

Aber die Sonne schien und brannte heiß, Hans hatte Hunger und Durst, war matt und müde, und die Steine waren schwer, fast so schwer, wie der Goldklumpen gewesen war, und er dachte: o wenn ich mich doch nicht mit diesen Schleifsteinen schleppen müßte. Da war ein Brünnlein am Wege, daraus wollte Hans seinen Durst löschen, bückte sich, und beim Bücken fielen die Steine in den Brunnen hinab. Wer war froher als Hans im Glücke, daß er so mit einem Male ohne sein Zutun die schweren Steine los geworden! Freudig sprang er auf, los und ledig aller Sorgen, aller Lasten, pries sich als den glücklichsten Menschen und langte guten Mutes bei seiner Mutter an, – Hans im Glücke.

 

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