Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Oscar Wilde >

Märchen

Oscar Wilde: Märchen - Kapitel 6
Quellenangabe
pfad/wilde/maerchen/maerchen.xml
typefairy
authorOskar Wilde
titleMärchen
publisherVerlag Neufeld & Henius
year1922
illustratorLucian Zabel
translatorWilhelm Cremer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100715
projectid3f5ba071
Schließen

Navigation:

Die vornehme Rakete

Des Königs Sohn sollte Hochzeit halten, daher fanden allgemeine Lustbarkeiten statt. Er hatte ein ganzes Jahr auf seine Braut gewartet, und endlich war sie angekommen. Sie war eine russische Prinzessin und hatte den ganzen Weg von Finnland aus in einem Schlitten zurückgelegt, der von sechs Renntieren gezogen wurde. Der Schlitten besaß die Form eines großen goldenen Schwans, und mitten zwischen den Flügeln des Schwans lag die Prinzessin selbst. Ihr langer Hermelinmantel reichte bis zu ihren Füßen hinab, auf ihrem Kopf saß eine zierliche, silberbestickte Mütze, und sie war so bleich wie der Eispalast, in dem sie immer gelebt hatte. So bleich war sie, daß alle Leute staunten, als sie durch die Straßen fuhr. »Sie ist wie eine weiße Rose!« riefen sie und warfen von den Balkonen Blumen auf sie hinab.

Am Schloßtor wartete der Prinz, um sie zu empfangen. Er hatte träumerische, veilchenblaue Augen, und sein Haar war wie reines Gold. Als er sie sah, sank er auf ein Knie und küßte ihre Hand.

»Dein Bildnis war schön,« flüsterte er, »aber du bist schöner als dein Bildnis,« und die kleine Prinzessin errötete.

»Vorher war sie wie eine weiße Rose,« sagte ein junger Page zu seinem Nachbar, »aber jetzt ist sie wie eine rote Rose,« und der ganze Hof war entzückt.

Die nächsten drei Tage durch hatte jedermann nur die Worte im Munde: »Weiße Rose, rote Rose, rote Rose, weiße Rose,« und der König gab Befehl, daß das Gehalt des Pagen verdoppelt werden sollte. Da dieser überhaupt kein Gehalt empfing, nützte ihm das nicht viel, aber es wurde für eine große Ehre angesehen und gebührend im Hofanzeiger mitgeteilt.

Als die drei Tage vorüber waren, wurde die Hochzeit gefeiert. Es war eine herrliche Zeremonie, und Braut und Bräutigam gingen Hand in Hand unter einem Baldachin von purpurnem Samt, der mit kleinen Perlen bestickt war. Dann gab es ein Prunkmahl, das fünf Stunden dauerte. Der Prinz und die Prinzessin hatten die Ehrenplätze in dem großen Saal und tranken aus einem Kelch von reinem Kristall. Nur wahrhaft Liebende konnten aus diesem Kelch trinken, wenn falsche Lippen ihn berührten, wurde er mißfarben, blind und trübe.

»Es ist ganz klar, daß sie sich lieben,« sagte der kleine Page, »so klar wie Kristall!« und der König verdoppelte sein Gehalt zum zweiten Male. »Welch eine Ehre!« riefen alle Höflinge.

Nach dem Mahl sollte ein Ball stattfinden. Die Braut und der Bräutigam sollten miteinander den Rosentanz tanzen, und der König hatte versprochen, die Flöte zu blasen. Er spielte sehr schlecht, aber nie hatte jemand gewagt, ihm das zu sagen, denn er war der König. Eigentlich kannte er nur zwei Melodien und wußte nie ganz genau, welche von beiden er gerade spielte; aber das machte nichts aus, denn, was er auch tat, jeder schrie doch: »Reizend! reizend!«

Der letzte Punkt des Programms war eine große Feuerwerkschau, die genau um Mitternacht losgelassen werden sollte. Die kleine Prinzessin hatte nie in ihrem Leben ein Feuerwerk gesehen, daher hatte der König den Befehl gegeben, daß der Königliche Kunstfeuerwerker an ihrem Hochzeitstage die Vorführung leiten sollte.

»Wie sieht eigentlich Feuerwerk aus?« hatte sie den Prinzen eines Morgens gefragt, als sie über die Terrasse ging.

»Es sieht aus wie das Nordlicht,« sagte der König, der immer Fragen beantwortete, die an andere Leute gerichtet waren, »nur ist es viel natürlicher. Ich ziehe es sogar den Sternen vor, denn man weiß immer, wann es losgeht, und es ist so entzückend wie mein Flötenspiel. Du mußt es wirklich sehen.«

So hatte man denn am Ende des Königlichen Gartens ein hohes Gestell errichtet, und sobald der Königliche Kunstfeuerwerker alles richtig hergerichtet hatte, begannen die Feuerwerkskörper miteinander zu reden.

»Die Welt ist wirklich sehr schön,« rief ein kleiner Schwärmer. »Sehen Sie sich nur diese gelben Tulpen an. Wirklich! wenn sie richtige Knallschwärmer wären, könnten sie nicht lieblicher sein. Ich bin sehr froh, daß ich gereist habe. Reisen weitet wunderbar den Verstand, und man verliert alle seine Vorurteile.«

»Der Königliche Garten ist nicht die Welt, Sie törichter Schwärmer,« sagte eine große römische Kerze; »die Welt ist ein enormer Platz, und Sie würden drei Tage brauchen, um sie gründlich zu bereisen.«

»Jeder Platz, den wir lieben, ist für uns die Welt,« erklärte ein beschauliches Feuerrad, das im Anfang seines Lebens ein Verhältnis mit einer alten Spanschachtel gehabt hatte und sich viel auf sein gebrochenes Herz einbildete; »aber Liebe ist jetzt nicht mehr Mode; die Dichter haben sie getötet. Sie haben so viel darüber geschrieben, daß ihnen kein Mensch mehr glaubt, was mich auch nicht in Erstaunen setzt. Wahre Liebe duldet und schweigt. Ich erinnere mich selbst, wie ich einst – aber das ist jetzt ohne Belang. Romantik gehört der Vergangenheit an.«

»Unsinn!« sagte die römische Kerze, »Romantik stirbt nie. Sie ist wie der Mond und lebt ewig. Die Braut und der Bräutigam zum Beispiel lieben sich ganz zärtlich. Eine Packpapierpatrone hat mir heute morgen alles ausführlich über die beiden erzählt. Sie lag mit mir zufällig in derselben Schublade und wußte die neuesten Hofnachrichten.«

Aber das Feuerrad schüttelte seinen Kopf. »Romantik ist tot, Romantik ist tot, Romantik ist tot,« hauchte es. Es war eines von jenen Leuten, die glauben, wenn sie etwas immer und immer wieder sagen, daß es dann wahr wird.

Plötzlich ertönte ein scharfes, trockenes Husten, und alle blickten sich um.

Es kam von einer schmalen, hochmütig dreinschauenden Rakete, die an das Ende eines langen Stockes gebunden war. Sie pflegte immer zu husten, bevor sie eine Bemerkung machte, um dadurch die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

»Hm! hm!« sagte sie, und alle lauschten, mit Ausnahme des armen Feuerrades, das noch immer seinen Kopf schüttelte und hauchte: »Romantik ist tot!«

»Zur Ordnung!« schrie ein Knallschwärmer. Er war ein angehender Politiker und hatte immer einen hervorragenden Anteil an den Ortswahlen genommen, deshalb wußte er, wie man die richtigen parlamentarischen Ausdrücke anwendet.

»Ganz tot!« hauchte noch einmal das Feuerrad und schlief dann ein.

Sobald vollkommene Stille eingetreten war, hustete die Rakete zum drittenmal und begann dann zu reden. Sie sprach mit einer sehr langsamen, deutlichen Stimme, als diktierte sie ihre Memoiren, und sah die Leute, mit denen sie sprach, immer über die Achsel an. Sie hatte wirklich ein sehr hervorragendes Benehmen.

»Welch ein Glück ist es für den Sohn des Königs,« bemerkte sie, »daß er gerade an demselben Tag verheiratet wird, an dem ich abbrenne. Wirklich, wenn es absichtlich so eingerichtet wäre, es hätte nicht glücklicher für ihn bestimmt werden können; aber Prinzen haben immer Glück.«

»Du lieber Himmel!« sagte der kleine Schwärmer, »ich dachte, es wäre gerade umgekehrt, und wir würden zu Ehren des Prinzen abgebrannt werden.«

»Bei Ihnen mag das ja zutreffen,« entgegnete die Rakete; »wirklich, ich zweifle nicht daran, aber bei mir liegt die Sache doch ganz anders. Ich bin eine sehr vornehme Rakete und stamme von vornehmen Eltern. Meine Mutter war das berühmteste Feuerrad ihres Tages und wurde wegen seines eleganten Tanzens erwähnt. Als sie ihr großes öffentliches Auftreten hatte, drehte sie sich neunzehnmal herum, ehe sie ausging, und bei jeder Umdrehung schleuderte sie sieben rosa Sterne in die Luft. Sie maß dreiundeinhalb Fuß im Durchmesser und war aus dem besten Schießpulver gemacht. Mein Vater war wie ich eine Rakete und von französischer Abstammung. Er flog so hoch, daß die Leute fürchteten, er würde überhaupt nicht wieder herunterkommen. Er tat es aber doch, denn er hatte ein freundliches Gemüt, und er machte einen höchst brillanten Abstieg in einem Schauer von goldenem Regen. Die Zeitungen drückten sich über seine Vorführung in sehr schmeichelhaften Wendungen aus. Der Staatsanzeiger nannte ihn sogar einen Triumph der pylotechnischen Kunst.« »pyrotechnisch, pyrotechnisch meinen Sie,« sagte ein bengalisches Licht; »ich weiß, das Wort heißt pyrotechnisch, denn es stand auf meiner eigenen Blechbüchse geschrieben.«

»Nun, ich habe pylotechnisch gesagt,« antwortete die Rakete mit einem strengen Ton in der Stimme, und das bengalische Licht fühlte sich so zerschmettert, daß es sofort begann, die kleinen Schwärmer anzufauchen, um zu zeigen, daß es noch eine Person von einiger Bedeutung war.

»Ich sagte,« fuhr die Rakete fort, »ich sagte – wovon sprach ich doch gerade?«

»Sie sprachen von sich selbst,« fiel die römische Kerze ein.

»Natürlich, ich wußte, daß ich einen interessanten Gegenstand erörterte, als ich so roh unterbrochen wurde. Ich hasse Roheit und schlechte Manieren jeder Art, denn ich bin unendlich feinfühlig. Niemand auf der ganzen Welt ist so feinfühlig, wie ich bin, dessen bin ich ganz sicher.«

»Was ist das, eine feinfühlende Person?« fragte der Knallschwärmer die römische Kerze.

»Eine Person, die, weil sie selbst Hühneraugen hat, stets andern auf die Zehen tritt,« antwortete die römische Kerze mit leisem Flüstern, und der Knallschwärmer platzte fast vor Lachen.

»Bitte, über was lachen Sie?« fragte die Rakete; »ich lache nicht.«

»Ich lache, weil ich glücklich bin,« antwortete der Knallschwärmer.

»Das ist ein sehr selbstsüchtiger Grund,« sagte die Rakete ärgerlich. »Welches Recht haben Sie, glücklich zu sein? Sie sollten an andere denken. Wirklich, Sie sollten an mich denken. Ich denke immer an mich selbst und erwarte, daß alle dasselbe tun. Das ist, was ich Sympathie nenne. Sie ist eine schöne Tugend, und ich besitze sie in einem hohen Grade. Nehmen wir zum Beispiel an, mir geschähe heute abend etwas, was für ein Unglück würde das für jedermann sein! Der Prinz und die Prinzessin würden nie wieder glücklich sein, ihr ganzes Eheleben wäre zerstört; und was den König angeht, so weiß ich, daß er es nicht überstehen würde. Wirklich, wenn ich anfange, über die Wichtigkeit meiner Stellung nachzudenken, dann werde ich fast bis zu Tränen gerührt.«

»Wenn Sie andern ein Vergnügen bereiten wollen,« rief die römische Kerze, »dann tun Sie besser, sich trocken zu halten.« »Natürlich,« schrie das bengalische Licht, das jetzt wieder aufgemuntert war, »das sagt einem schon der gewöhnliche Verstand.«

»Ganz recht, der gewöhnliche Verstand!« sprach die Rakete unwillig; »Sie vergessen nur, daß ich sehr ungewöhnlich bin und sehr vornehm. Überhaupt kann jeder gewöhnlichen Verstand besitzen, besonders wenn er keine Einbildung hat. Ich aber habe Einbildung, denn ich stelle mir die Dinge nie so vor, wie sie wirklich sind; ich stelle sie mir immer als etwas ganz anderes vor. Was nun die Bemerkung angeht, ich sollte mich trocken halten, so gibt es hier offenbar niemand, der eine gefühlvolle Natur zu schätzen weiß. Zum Glück für mich selbst mache ich mir nichts daraus. Das einzige, was einen im Leben aufrecht erhält, ist das Bewußtsein von der unendlichen Minderwertigkeit aller andern, und das ist ein Gefühl, das ich immer gepflegt habe. Aber Ihnen allen fehlt ja überhaupt das Herz. Sie lachen hier und machen sich lustig, als ob überhaupt kein Prinz und keine Prinzessin sich gerade verheiratet hätten.«

»Aber wirklich,« rief eine kleine Feuerkugel aus, »warum sollten wir das denn nicht? Es ist doch ein durchaus freudiges Ereignis, und wenn ich in die Luft emporsteige, dann will ich alles den Sternen erzählen. Ihr werdet sehen, wie sie blinzeln, wenn ich mich mit ihnen über die schöne Braut unterhalte.«

»Gott, was für eine gewöhnliche Lebensauffassung!« sagte die Rakete; »doch es ist nur, was ich erwartet habe. Ihnen fehlt der innere Gehalt, Sie sind hohl und leer. Wie, wenn nun einmal der Prinz und die Prinzessin aufs Land ziehen, wo ein tiefer Fluß ist, und wenn sie dann einen einzigen Sohn haben, einen kleinen blondhaarigen Knaben mit veilchenblauen Augen, wie der Prinz selbst; und wenn er dann eines Tages mit seiner Amme ausgeht, und die Amme legt sich unter einem großen Hollunderbaum zum Schlafen nieder; und wenn dann der kleine Knabe in den tiefen Fluß fällt und ertrinkt – wie, wäre das nicht ein schreckliches Unglück? Die armen Menschen, daß sie so ihr Kind verlieren müssen! Es ist wirklich zu entsetzlich! Ich werde nie darüber hinwegkommen.«

»Aber sie haben doch gar nicht ihren einzigen Sohn verloren,« sagte die römische Kerze; »es ist ihnen überhaupt kein Unglück geschehen.«

»Habe ich das vielleicht behauptet?« entgegnete die Rakete; »ich sagte, es hätte geschehen können. Wenn sie ihren einzigen Sohn wirklich verloren hätten, dann wäre es zwecklos, noch ein Wort über die Angelegenheit zu verlieren. Ich hasse Leute, die sich über geschehene Dinge aufregen. Aber wenn ich mir vorstelle, sie könnten ihren einzigen Sohn verlieren, dann bin ich davon doch sehr affektiert.«

»Das sind Sie wahrhaftig!« rief das bengalische Licht. »Sie sind überhaupt die affektierteste Person, die ich je getroffen habe.«

»Und Sie sind die roheste Person, die ich je getroffen habe,« sagte die Rakete, »Sie können natürlich meine Freundschaft mit dem Prinzen nicht verstehen.«

»Wie, Sie kennen ihn doch gar nicht?« murrte die römische Kerze.

»Ich habe nie behauptet, ich kennte ihn,« antwortete die Rakete. »Ich darf wohl sagen, wenn ich ihn kennte, würde ich keinesfalls sein Freund sein. Es ist eine sehr gefährliche Sache, seine Freunde zu kennen.«

»Sie sollten sich aber wirklich trocken halten,« sagte die Feuerkugel. »Das ist die wichtigste Sache.«

»Sehr wichtig für Sie, das bezweifle ich nicht,« antwortete die Rakete, »aber ich werde weinen, wann es mir gefällt,« und sie brach tatsächlich in wirkliche Tränen aus, die wie Regentropfen an ihrem Stock hinabrannen und beinahe zwei kleine Käfer ertränkten, die gerade daran dachten, sich da häuslich niederzulassen, und nach einem hübschen, trocknen Fleckchen suchten, um dort zu wohnen.

»Sie muß wirklich eine romantische Natur haben,« sagte das Feuerrad, »denn sie weint, wenn es gar keinen Grund zum Weinen gibt,« und es stieß einen tiefen Seufzer aus und dachte an seine Spanschachtel.

Aber die römische Kerze und das bengalische Licht waren sehr aufgebracht und riefen immerfort, so laut sie konnten: »Schwindel! Schwindel!« Sie waren äußerst praktisch, und wenn sie etwas nicht billigten, dann nannten sie es Schwindel.

Dann ging der Mond auf wie eine wundervolle silberne Scheibe; und die Sterne begannen zu scheinen, und der Klang der Musik kam aus dem Palaste.

Der Prinz und die Prinzessin führten den Tanz. Sie tanzten so schön, daß die hohen weißen Lilien durch das Fenster blickten und ihnen zusahen, und daß die großen roten Mohnblumen mit den Köpfen nickten und den Takt angaben.

Dann schlug die Uhr zehn und dann elf und dann zwölf, und mit dem letzten Schlag der Mitternachtsstunde kamen alle heraus auf die Terrasse, und der König ließ den königlichen Kunstfeuerwerker kommen.

»Beginnen Sie mit dem Feuerwerk,« sagte der König; und der königliche Kunstfeuerwerker machte eine tiefe Verbeugung und marschierte nach dem Ende des Gartens. Er hatte sechs Gehilfen bei sich, von denen jeder an einem langen Stabe eine brennende Fackel trug.

Es war sicherlich ein großartiges Schauspiel.

Sß, Sß! machte das Feuerrad und drehte sich rasend herum. Bumm! bumm! dröhnte die römische Kerze. Dann tanzten die Schwärmer über den ganzen Platz, und die bengalischen Lichter tauchten alles in rote Glut. »Lebt wohl!« rief die Feuerkugel, als sie emporstieg und winzige, blaue Funken sprühte. Piff! Paff! antworteten die Knallschwärmer, die sich unendlich amüsierten. Alle hatten sie einen großen Erfolg, mit Ausnahme der vornehmen Rakete. Sie war so durchnäßt vom Weinen, daß sie überhaupt nicht losgehen konnte. Das beste in ihr war das Schießpulver, und das war so feucht von Tränen, daß es unbrauchbar geworden war. Alle ihre armen Verwandten, zu denen sie nur mit einem Nasenrümpfen sprechen mochte, schossen in die Luft wie wundervolle goldne Blumen mit Blüten von Feuer. Heißa! heißa! schrie der Hof, und die kleine Prinzessin lachte vor Vergnügen.

»Ich glaube, ich werde für eine besondere Gelegenheit aufgespart,« sagte die Rakete, »zweifellos ist das die Absicht,« und sie schaute hochmütiger drein als je.

Am nächsten Tag kamen die Arbeiter, um alles sauber zu machen. »Das ist offenbar eine Deputation,« sagte die Rakete; »ich werde sie mit geziemender Würde empfangen.« Sie steckte also ihre Nase in die Luft und begann, ihre Stirne in strenge Falten zu ziehen, als ob sie über irgendeine wichtige Angelegenheit nachdächte. Aber sie beachteten sie gar nicht, bis sie gerade dabei waren, wieder wegzugehen. Da erblickte sie einer. »Holla,« rief er, »was für eine schlechte Rakete!« und er warf sie über die Mauer in den Graben.

»Schlechte Rakete? Schlechte Rakete?« fragte sie, als sie durch die Luft wirbelte; »unmöglich! prächtige Rakete hat der Mann gesagt. Schlechte und prächtige Rakete klingen fast gleich, sie sind es überhaupt öfters,« und sie fiel in den Schlamm.

»Es ist nicht behaglich hier,« bemerkte sie, »aber zweifellos ist es ein vornehmer Badeort, und sie haben mich hierher geschickt, damit ich mich gesundheitlich erhole. Meine Nerven sind auch tatsächlich sehr angegriffen, und ich brauche Ruhe.« Da kam ein kleiner Frosch mit glänzenden Juwelenaugen und einem grüngetupften Rock auf sie zugeschwommen.

»Aha, ein neuer Ankömmling!« sagte der Frosch. »Nun, alles in allem, es geht doch nichts über Schlamm. Wenn ich nur Regenwetter und einen Graben habe, bin ich ganz glücklich. Glauben Sie, daß wir einen feuchten Nachmittag bekommen? Natürlich hoffe ich es, aber der Himmel ist ganz blau und wolkenlos. Wie schade!«

»Hm! hm!« sagte die Rakete und begann zu husten.

»Was für eine entzückende Stimme haben Sie!« rief der Frosch. »Wirklich, sie ist ganz wie ein Gequak, und Quaken ist natürlich der musikalischste Klang in der Welt. Heute abend werden Sie unsern Gesangverein hören. Wir sitzen in dem alten Ententeich dicht bei dem Bauernhaus, und sobald der Mond aufgeht, fangen wir an. Es ist so bezaubernd, daß alles wach liegt, um uns zu lauschen. Tatsächlich, erst gestern hörte ich, wie die Bauernfrau zu ihrer Mutter sagte, sie habe nachts unsertwegen kein Auge zumachen können. Es ist doch höchst erfreulich, wenn man so populär ist.«

»Hm! hm!« sagte die Rakete ärgerlich. Sie war sehr entrüstet, weil sie nicht zu Worte kommen konnte.

»Wirklich, eine entzückende Stimme,« fuhr der Frosch fort; »hoffentlich kommen Sie zum Ententeich hinüber. Ich muß jetzt fort, um nach meinen Töchtern zu sehen. Ich habe sechs schöne Töchter und fürchte so sehr, der Hecht möchte sie treffen. Er ist ein wirkliches Scheusal und würde kein Bedenken tragen, sie zum Frühstück zu verzehren. Nun, auf Wiedersehn. Ihre Unterhaltung hat mir wirklich sehr viel Vergnügen gemacht.«

»Das nennen Sie Unterhaltung?« fragte die Rakete. »Sie haben die ganze Zeit über allein gesprochen. So was ist keine Unterhaltung.«

»Einer muß zuhören,« antwortete der Frosch, »und ich liebe es, das Reden selbst zu besorgen. Es spart Zeit und verhindert Auseinandersetzungen.«

»Aber ich liebe Auseinandersetzungen,« sagte die Rakete.

»Hoffentlich nicht,« meinte der Frosch gleichmütig. »Auseinandersetzungen sind äußerst unfein, denn in guter Gesellschaft haben alle dieselbe Meinung. Nochmals, auf Wiedersehn; ich bemerke da hinten meine Töchter,« und der kleine Frosch schwamm hinweg.

»Sie sind eine ganz unausstehliche Person,« rief die Rakete, »und sehr schlecht erzogen. Ich hasse Leute, die, wie Sie es tun, von sich selbst reden, während ich nach meiner Gewohnheit von mir reden möchte. Das nenne ich Selbstsucht, und Selbstsucht ist das verächtlichste, was es gibt, besonders wenn sie sich gegen jemand von meiner Veranlagung richtet, denn ich bin wegen meiner gefühlvollen Natur bekannt. Wirklich, Sie könnten sich an mir ein Beispiel nehmen, ein besseres Vorbild als mich finden Sie überhaupt nicht. Jetzt, da Sie das Glück haben, sollten Sie es auch ausnutzen, denn ich gehe in kürzester Zeit wieder an den Hof zurück. Ich stehe beim Hof im höchsten Ansehen; in der Tat, mir zu Ehren wurden gestern der Prinz und die Prinzessin verheiratet. Natürlich wissen Sie von all diesen Dingen nichts, denn Sie sind ja aus der Provinz.«

»Es hat keinen Zweck, zu ihm zu sprechen,« sagte eine Libelle, die auf der Spitze eines hohen, braunen Schilfrohrs saß; »es hat gar keinen Zweck, denn er ist fort.«

»Nun, um so schlimmer für ihn,« antwortete die Rakete. »Ich werde nicht zu reden aufhören, weil er zufällig nicht acht gibt. Ich höre mich selbst gerne reden. Es ist eins meiner größten Vergnügen. Ich führe oft lange Unterhaltungen mit mir selbst und bin so geistreich, daß ich manchmal nicht ein einziges Wort von dem verstehe, was ich sage.« »Dann sollten Sie wirklich Vorlesungen über Philosophie halten,« sagte die Libelle; und sie breitete ein paar liebliche Gazeflügel aus und flog in die Luft empor.

»Wie töricht von ihr, daß sie nicht hierblieb!« sagte die Rakete. »Sicherlich hat sie nicht oft eine solche Aussicht gehabt, ihre Kenntnisse zu vermehren. Übrigens ist es mir gänzlich gleichgültig. Ein Genie wie ich wird bestimmt eines Tages anerkannt werden,« und sie sank ein klein wenig tiefer in den Morast.

Nach einiger Zeit schwamm eine große, weiße Ente auf sie zu. Sie hatte gelbe Beine und Schwimmhäute an den Füßen und wurde wegen ihres Watschelns für eine große Schönheit gehalten.

»Quak, quak, quak,« sagte sie. »Wie merkwürdig Sie aussehen! Darf ich fragen, ob Sie so geboren sind, oder ob es die Folge eines Unfalls ist?«

»Man sieht ganz deutlich, daß Sie immer auf dem Lande gelebt haben,« antwortete die Rakete, »sonst wüßten Sie, wer ich bin. Aber ich verzeihe Ihnen Ihre Unwissenheit. Es wäre unrecht, zu erwarten, daß andere Leute so vornehm sind, wie man selbst ist. Es wird Sie zweifellos in Staunen versetzen, wenn Sie hören, daß ich in die Luft fliegen kann und in einem Schauer von goldenem Regen wieder herunterkomme.«

»Davon halte ich nicht viel,« sagte die Ente, »denn ich sehe nicht ein, was das irgend jemand nützen soll. Aber wenn Sie wie der Ochse die Felder pflügen, oder wie ein Pferd einen Wagen ziehen könnten, oder wenn Sie wie der Schäferhund nach den Schafen sehen könnten, das wäre etwas.«

»Mein gutes Geschöpf,« rief die Rakete mit einem sehr stolzen Ton in ihrer Stimme, »ich sehe, Sie gehören zu den niederen Klassen. Eine Person von meinem Rang ist nie zu etwas nütze. Wir haben gewisse Fähigkeiten, und das ist mehr als genügend. Ich habe keine Vorliebe für irgendwelche gewerbliche Tätigkeit, am wenigsten für solche, wie Sie sie mir da zu empfehlen scheinen. Ich bin überhaupt der Meinung, daß grobe Arbeit eine Ausflucht für solche Leute ist, die in Wirklichkeit nichts zu tun haben.«

»Gewiß, gewiß,« sagte die Ente, die sehr friedlich veranlagt war und nie mit jemand stritt, »jeder hat einen andern Geschmack. Jedenfalls hoffe ich, daß Sie sich hier dauernd niederlassen.«

»Auf keinen Fall, meine Liebe!« rief die Rakete. »Ich bin nur ein Besucher, ein vornehmer Besucher. Übrigens finde ich diesen Platz sehr langweilig. Es ist weder Gesellschaft hier noch Einsamkeit. Im Grunde ist es richtige Vorstadt. Ich werde wahrscheinlich wieder an den Hof zurückkehren, denn ich weiß, daß ich bestimmt bin, in der Welt Aufsehen zu erregen.«

»Ich habe auch schon einmal daran gedacht, in das öffentliche Leben einzutreten,« bemerkte die Ente; »es gibt so viele Dinge, die man reformieren müßte. Vor einiger Zeit habe ich dann auch den Vorsitz in einer Versammlung übernommen, und wir nahmen Resolutionen an, in denen alles verdammt wurde, was wir nicht liebten. Aber sie scheinen keine große Wirkung gehabt zu haben. Jetzt bin ich mehr für die Häuslichkeit und bekümmere mich um meine Familie.«

»Ich bin für das öffentliche Leben geschaffen,« sagte die Rakete, »und alle meine Verwandten, selbst die geringsten, sind es auch. So oft wir auch erscheinen, erregen wir großes Aufsehen. Ich selbst bin bisher noch nicht wirklich aufgetreten, aber wenn ich es tue, wird man einen herrlichen Anblick haben. Was Häuslichkeit angeht, die macht einen früh alt und zieht den Geist von den höheren Dingen ab.«

»Ach ja, die höheren Dinge des Lebens, wie wundervoll sind sie!« sagte die Ente; »aber das erinnert mich daran, daß ich Hunger habe,« und sie schwamm davon, der Strömung nach, und sagte: »Quak, quak, quak.«

»Kommen Sie zurück! kommen Sie zurück!« schrie die Rakete, »ich habe Ihnen noch sehr viel zu sagen,« aber die Ente gab keine Acht auf sie. »Ich bin froh, daß sie weg ist,« sagte die Rakete, »ihre Ansichten sind ganz kleinbürgerlich,« und sie sank ein wenig tiefer in den Schlamm und begann über die Einsamkeit des Genies nachzudenken, als plötzlich zwei kleine Knaben in weißen Kitteln das Ufer herabrannten mit einem Kessel und einigen Holzscheiten.

»Dies muß eine Deputation sein«, sagte die Rakete und versuchte, ein sehr würdevolles Gesicht zu machen.

»Hallo!« schrie der eine der Knaben, »sieh diesen alten Stock! Wie mag der wohl hierhergekommen sein,« und er fischte die Rakete aus dem Graben hervor.

»Alter Stock!« sagte die Rakete, »unmöglich! Seltner Stock, hat er gesagt. Seltner Stock ist sehr schmeichelhaft. Wahrhaftig, er hält mich für einen Würdenträger vom Hofe!«

»Wir wollen ihn mit ins Feuer werfen!« sagte der andere Knabe, »desto schneller kocht der Kessel.«

Sie schichteten nun die Scheite zusammen, legten die Rakete oben drauf und steckten das Feuer an.

»Das ist großartig,« rief die Rakete; »sie lassen mich am hellen Tag losgehen, so daß mich jeder sehen kann.«

»Wir wollen jetzt schlafen,« sagten die Knaben, »wenn wir aufwachen, wird der Kessel kochen,« und sie legten sich ins Gras und schlossen die Augen.

Die Rakete war sehr feucht, und so dauerte es ziemlich lange, bis sie brannte. Schließlich aber faßte sie das Feuer.

»Jetzt gehe ich los!« rief sie und hielt sich ganz steif und gerade. »Ich weiß, ich werde viel höher fliegen als die Sterne, viel höher als der Mond, viel höher als die Sonne.«

Sß! Sß! Sß! machte sie und stieg steil in die Luft.

»Wundervoll!« rief sie, »so werde ich immer weiter fliegen. Welch einen Erfolg habe ich!«

Aber niemand sah sie.

Dann überkam sie auf einmal ein seltsames, prickelndes Gefühl. »Jetzt werde ich explodieren«, rief sie. »Ich werde die ganze Welt in Brand setzen und einen solchen Lärm machen, daß ein ganzes Jahr lang niemand von etwas anderem sprechen wird.« Und sie explodierte auch wirklich. Daran war nicht zu zweifeln. Aber niemand hörte sie, nicht einmal die beiden kleinen Knaben, denn die lagen in festem Schlaf.

Und es blieb nichts von ihr übrig als der Stock, und der fiel einer Gans auf den Rücken, die den Graben entlang einen Spaziergang machte.

»Du lieber Himmel!« rief die Gans. »Es regnet Stöcke,« und sie stürzte sich ins Wasser.

»Ich wußte ja, daß ich ein großes Aufsehen erregen würde,« keuchte die Rakete, und dann erlosch sie.

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.