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Märchen

Manfred Kyber: Märchen - Kapitel 16
Quellenangabe
typefairy
authorManfred Kyber
titleMärchen
publisherWalter Seifert Verlag
year1921
addressStuttgart/Heilbronn
senderhille@abc.de
created20030429
correctorhille@abc.de
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Das verlorene Lied

Es war einmal ein armer Hirtenbub, der hütete das Vieh hoch oben im Gebirge. Seine Eltern waren schon lange tot und er hatte nur noch eine Stiefmutter – und die war böse und konnte hexen. Sie war schlecht gegen den armen Hirtenbuben und er wäre schon lange davongelaufen, wenn er sich nicht so sehr vor ihr gefürchtet hätte. Denn sie konnte doch hexen – und wenn jemand hexen kann, so ist das nicht angenehm für die anderen Leute und man muss sich gar sehr in Acht nehmen. Darum blieb der kleine Hirtenbub lieber, aber er war sehr traurig und unglücklich und wenn er so allein im Mittagssonnenlicht auf der grünen Wiese lag und die bunten Kühe um ihn herumstanden und recht langweilig aussahen, dann dachte er oft daran, ob es wohl einmal besser werden würde.

Doch die Kühe blieben stehen und sahen langweilig aus und die Wolken zogen vorbei, denn es war ja hoch oben auf den Bergen, und die Sonne ging zur Ruhe und es blieb alles wie es war. Eines Tages aber, als der arme Hirtenbug ganz besonders traurig und unglücklich war und wieder daran dachte, ob es wohl einmal besser werden würde, da wurde er müde und schlief ein. Wie er so dalag und schlief, da sah er plötzlich eine wunderschöne Fee vor sich, die hielt eine Laute aus Rosenholz in den Händen und feine silberne Saiten waren draufgespannt und das war gar seltsam anzuschauen. Die Fee aber griff in die Saiten der Rosenlaute und sang dazu:

Ich kenne ein Lied von holdem Klang,
das zieht die ganze Erde entlang.
Und ist nichts so lieb und heilig und hold
In der Tiefe und oben im Sternengold,
wie das Lied von dem, wenn zwei sich frein
und wollen einander das Liebste sein.
Da ist nichts so lieb und heilig und hold
In der Tiefe und oben im Sternengold.

Wie das Lied zu Ende war, da lächelte die Fee und nickte dem Hirtenbuben zu und legte ihm die Laute von Rosenholz in den Schoß. Der Bub aber wusste gar nicht, wie ihm geschah, und als er erwachte, meinte er zuerst, das Ganze wäre wohl nur ein Traum gewesen. Doch die Laute von Rosenholz lag wirklich und wahrhaftig in seinem Schoß – und wie er sie in seine Hand nahm und in die feinen silbernen Saiten griff, da erklangen gar wunderbare Weisen und immer neue Lieder fielen ihm ein.

Aber so wie das Lied der Fee waren sie doch alle nicht und er konnte und konnte sich nicht darauf besinnen, so sehr er sich auch mühte und nachdachte. Und da fasste ihn mit einem Male eine so unsagbare Sehnsucht nach jenem Liede, dass er alles vergaß, die Kühe, die so langweilig aussahen, und die Stiefmutter, die hexen konnte, und dass er auf und davon ging, um die seltsame Weise wiederzufinden.

Von der Tiefe war drin die Rede gewesen und vom Sternengold und in den Beiden wollte er suchen, dachte er bei sich. Denn das andere hatte er vergessen oder nicht verstanden. So ging er immer weiter und weiter und wollte in die Tiefe kommen und wusste nur nicht wie. So kam er schließlich an einen großen See, der lag ganz vereinsamt im Walde, nur am Ufer hupften lauter grüne Frösche herum und quakten dazu. Der Hirtenbub meinte, die Frösche müssten doch wohl am besten in der Tiefe Bescheid wissen, und so trat er auf einen Frosch zu, grüßte höflich und fragte:

»Ach bitte, kannst du mir nicht sagen, wie man in die Tiefe kommt?« – »Ja, das ist für dich wohl nicht so leicht«, sagte der Frosch und schluckte eine Fliege herunter. »Warum willst du überhaupt nach unten? Bleibe doch lieber oben.« – »Mir hat eine Fee ein Lied gesungen auf dieser Laute von Rosenholz«, sagte der Hirtenbub, »aber ich kann mich nicht mehr auf das Lied besinnen und nun will ich es suchen.« – »Das ist ja sehr schlimm«, meinte der Frosch gedankenvoll, »war es vielleicht so ähnlich, wie wir singen?« – »Nein, es war ganz anders«, sagte der Hirtenbub. »Dann wird es wohl auch nichts Besonderes gewesen sein«, sagte der Frosch hochmütig und blies sich dabei auf, so dass er ganz dick wurde. »Aber ich will dir den Gefallen tun und mal den Froschkönig fragen, ob er dich empfängt. Dann kannst du selbst mit ihm darüber sprechen.«

Ehe der Hirtenbub sich noch besinnen konnte, war der Frosch ins Wasser gehüpft, dass es nur so klatschte – und fort war er. Es dauerte eine ganze Weile, dann kam er wieder, machte eine Verbeugung und sagte: »Majestät lässt bitten.« Da tat sich das Wasser auf und trat zur Seite, so dass der Hirtenbub mitten hindurch gehen konnte, bis tief auf den Grund des Sees und zum Palast des Froschkönigs.

Der Froschkönig war ganz besonders grün und hatte ein kleines goldenes Krönlein auf und saß, die Beine übereinander geschlagen, auf einem großen Wasserrosenblatt. Neben ihm saßen viele alte, dicke Frösche, die alle sehr würdig aussahen, und um ihn herum schwammen kleine Nixen und warfen ihm Kusshändchen zu. Dann lächelte der Froschkönig immer und das sah sehr eigentümlich aus, weil er doch einen so sehr großen Mund hatte. Der Hirtenbub aber verneigte sich tief vor seiner feuchten Majestät und sagte:

»Guten Tag. Ich suche ein Lied, das mir eine Fee gespielt hat auf dieser Laute von Rosenholz. Aber ich kann mich nicht mehr darauf besinnen, wie es war. Es ist auch nicht so, wie die Frösche singen.« Da ging der Froschkönig an zu denken und mit ihm alle die alten dicken Frösche, die neben ihm saßen. Endlich sagte er: »Wenn es nicht so ist, wie die Frösche singen, dann kann es nur so sein, wie die Nixlein singen.« Dabei winkte er mit der grünen königlichen Hand den Nixlein, die um ihn herum schwammen und ihm Kusshändchen zuwarfen, und die Nixlein fingen an zu singen und der Froschkönig schlug mit den feuchten Füßen den Takt dazu und es war sehr schön.

Aber als es zu Ende war, da sagte der Hirtenbub: »Ich danke dir sehr und es war auch sehr schön, aber es war doch nicht so wie das Lied, das mir die Fee gesungen.« – »Ja, dann tut es mir von Herzen leid,« sagte der Froschkönig, »aber dann kann ich dir wirklich nicht helfen.« Er reichte dem Hirtenbuben die nasse Hand zum Abschied und war sehr gerührt und höflich und ließ ihn wieder hinauf an das Ufer des Sees geleiten. Der Hirtenbub aber dachte: »Wenn es nicht in der Tiefe ist, so muss es wohl in der Höhe sein, oben im Sternengold.« Denn das andere hatte er ja vergessen oder nicht verstanden.

So ging er hoch hinauf auf einen Berg, wo die Wolken an ihm vorbeizogen, und als eine Wolke gerade recht nahe und bequem vorbeikam, da sagte er: »Ach bitte, nimm mich doch mit!« – »Steige nur auf meinen Rücken«, sagte die Wolke, »aber beeile dich, denn ich habe keine Zeit und muss zum Wolkenkönig.« Der Hirtenbub sprang auf den Rücken der Wolke und im Nu ging es fort durch die weite Luft über Meere und Länder. Und ehe sich's der Hirtenbub versah, war er am Schloss des Wolkenkönigs angekommen und der Wolkenkönig stand auf der Treppe und bestimmte gerade, wo es heute regnen sollte.

»Ja, wer ist denn das?«, sagte er erstaunt, als er den Hirtenbuben sah, »du willst wohl Sternenputzer werden?« – »Nein, Sternenputzer möchte ich nicht werden«, sagte der Hirtenbub, »aber mir hat eine Fee ein Lied gespielt auf einer Laute von Rosenholz und das Lied habe ich vergessen und ich wollte nur einmal fragen, ob es nicht vielleicht hier oben zu finden wäre.« – »So, so«, sagte der Wolkenkönig, »ich werde mal nachsehen« – und holte ein großes Buch hervor, wo alle die Lieder drin standen, die die kleinen Sternlein sangen, wenn sie nachts spazieren gehen. Aber es war nichts darunter, was so gewesen wäre, wie das Lied der Fee auf der Laute von Rosenholz.

Da wurde der Hirtenbub sehr traurig und ging wieder auf die Erde zurück auf einer Treppe, die ihm der Wolkenkönig gezeigt hatte. Und wie er wieder auf der Erde war, da zog er überall umher in allen Landen und sang den Leuten seine Lieder und spielte dazu auf seiner Laute von Rosenholz. Die Leute waren alle froh und wollten nur immer und immer wieder die wunderbaren Weisen hören und baten ihn, doch immer bei ihnen zu bleiben, und boten ihm Geld und Gut und hohe Ehren.

Er aber hatte nirgends Ruhe und war sehr traurig, denn er dachte, er würde das verlorene Lied nun nie und nimmer wiederfinden. So wanderte er jahrein, jahraus und endlich kam er vor ein herrliches Königsschloss, in dem lebte eine wunderschöne junge Königin. Die hatte etwas vergessen – und da sie selbst nicht wusste, was sie eigentlich vergessen hatte, so konnte ihr auch niemand helfen, sich darauf zu besinnen, und es war große Trauer in den Königshallen und im ganzen Lande. Der Hirtenbub aber fragte, ob er vor der traurigen jungen Königin seine Lieder singen dürfe. Es wurde ihm erlaubt und er wurde in den Königssaal geführt, wo die traurige junge Königin auf dem Throne saß. Die Minister standen um sie herum in goldstrotzenden herrlichen Kleidern und hatten große Taschentücher in der Hand, weil sie doch immer so viel weinen mussten um die traurigen junge Königin. Denn mehr als weinen konnten sie nicht, weil die Königin ja selbst nicht wusste, was sie vergessen hatte, und ihr also auch niemand helfen konnte.

Wie der Hirtenbub aber die Königin sah, da ward ihm ganz wunderbar zu Mute und er hatte sie von ganzen Herzen lieb. Und als er nun vor ihr singen sollte, da fiel ihm mit einem Male das Lied ein, das ihm die Fee gesungen und es war ihm, als könne er gar kein anderes mehr singen. So nahm er die Laute von Rosenholz zur Hand, griff in die feinen silbernen Saiten und sang dazu:

Ich kenne ein Lied von holdem Klang,
das zieht die ganze Erde entlang.
Und ist nichts so lieb und heilig und hold
In der Tiefe und oben im Sternengold,
wie das Lied von dem, wenn zwei sich frein
und wollen einander das Liebste sein.
Da ist nichts so lieb und heilig und hold
In der Tiefe und oben im Sternengold!

Und wie er das Lied gesungen, da stieg die Königin von ihrem Thron herunter und hatte ganz und gar vergessen, dass sie etwas vergessen hatte, und trat auf den Hirtenbuben zu und küsste ihn und sagte: »Ich habe dich lieb und will deine Frau sein.« Da jubelte alles und freute sich und die Minister steckten die Taschentücher wieder ein und es wurde eine herrliche Hochzeit hergerichtet.

Wie es aber gerade losgehen sollte mit den Hochzeitsfeierlichkeiten, da meldete de Oberhofmeister drei große Frösche, die vom Froschkönig zum Gratulieren geschickt waren. Sie wurden hereingebeten und gratulierten und waren sehr grün und hießen: Herr Schlupferich, Herr Hupferich und Herr Tupferich.

Der Wolkenkönig aber hatte ein kleines Sternchen geschickt, das knickste und leuchtete und gratulierte dazu. Und es war eine ganz herrliche Hochzeit. Es wurde gegessen, getrunken und getanzt und Herr Schlupferich, Herr Hupferich und Herr Tupferich tanzten auch mit und benahmen sich dabei sehr manierlich, so wie sich das für feine und vornehme Frösche gehört. Etwas nasse Füße hatten sie freilich, aber das schadete nichts.

So war alles sehr schön, nur das kleine Sternlein war unvorsichtig und hatte sich, um besser sehen zu können, dem Minister für außerordentliche Angelegenheiten auf den Kopf gesetzt, so dass hochdero Perücke zu brennen anfing. Aber das Feuer wurde bald gelöscht, wie das bei einem Minister für außerordentliche Angelegenheiten gar nicht anders zu erwarten ist – und das Sternlein wurde ermahnt, daran zu denken, dass doch nicht jeder Kopf solch ein Feuer verträgt.

Und als die ganze Hochzeit zu Ende war und der junge König und die junge Königin allein waren, da küssten sie sich auf den Mund und sangen das verlorene Lied dazu, das einst die Fee gespielt hatte auf der Laute von Rosenholz.

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