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Friedrich Wilhelm Hackländer: Märchen - Kapitel 9
Quellenangabe
typefairy
authorFriedrich Wilhelm Hackländer
titleMärchen
publisherVerlag von Adolph Krabbe
seriesF. W. Hackländer's Werke
volumeDreizehnter Band/Vierzehnter Band
year1855
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071118
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Abugosch, der Polizeimeister.

»Bevor unser jetziger gerechter und weiser Kalif Abdallah den Thron seiner Väter bestieg, herrschte dessen Oheim Mustapha über Kairo. Des Regierungsantritts Mustaphas' weiß ich mich noch ganz genau zu erinnern. Es war ein böser schwüler Tag und floß damals viel Blut. Der neue Kalif hatte fünf Brüder und da er sich den Spruch des Korans: daß Unruhe ärger sei als Hinrichtung, sehr zu Herzen nahm, so flogen an demselben Tag vier von diesen Brüderköpfen in den Sand und dem fünften, der Almansor hieß und sehr beliebt war, würde es auch nicht besser ergangen sein wenn er nicht gerade auf einem Zug gegen die Araber begriffen gewesen wäre.

Als er aber von dem Blutbad hörte, das Mustapha angerichtet, machte er mit den Araberstämmen Friede und nachdem er ein paar Mal vergeblich versucht, unsere alte Stadt Kairo zu berennen und zu überrumpeln, zog er sich in die Wüste zurück und verzichtete auf die Blutlache. Allen rechtgläubigen Muselmännern, fuhr der alte Mann mit leiserer Stimme zu erzählen fort, ja, ich sage, allen rechtgläubigen und gut denkenden Muselmännern that es im Herzen weh, daß Almansor nicht auch später noch den Versuch machte, seine Brüder zu rächen und Mustapha vom Throne zu stoßen, denn so wild und grausam dieser war, so weise, gerecht und sanftmüthig hatte sich der Andere stets gezeigt, und ihn würden alle Rechtgläubigen mit offenen Armen empfangen haben. Aber er blieb in der Wüste und wenn auch dunkle unverbürgte Gerüchte über ihn aussagten, daß er der Schech eines bedeutenden Araberstammes geworden sei, so verlautete doch nichts Gewisses mehr über ihn und gerate sein gänzliches Verschwinden mag wohl mit Schuld daran gewesen sein, daß er in den Herzen der Muselmänner noch jetzt wie ein Heiliger verehrt wird.

Dem neuen Kalifen Mustapha aber erging es genau wie dem Löwen, sobald er einmal Blut gekostet hat. Das war eine betrübte Zeit. Der gesundeste Kopf mit dem stärksten Halse stand in jenen Tagen nicht fester, als ein Mohnhaupt, und Jedermann, der etwas zu verlieren hatte, führte sein Testament bei sich im Gürtel.

Es hätte vielleicht bei dieser Regierungsweise des Beherrschers der Gläubigen schon früher ein übles Ende genommen, wenn er nicht neben seinem Blutdurst wenigstens den Schein zu wahren gewußt hätte, als verfahre er, wenn auch hart, doch zuweilen mit Unparteilichkeit und Gerechtigkeit. So die Geschichte mit dem Schech des Dorfes Kismeraia. Dort wohnte ein Bauer, mit Namen Musar, welcher ein Feld besaß, das an den Nil stieß. Mochte ihm nun der Prophet nicht hold sein, oder hatte er sich gegen das heilige Wasser des Flusses versündigt, genug, der Strom, der jedes Jahr zum Heil der Rechtgläubigen austritt, war sein Unglück, indem er ihm die eine Hälfte seines Feldes fortriß und die andere Hälfte so mit Steinen bedeckte, daß weder die Reis- noch die Baumwollenpflanze dort mehr Wurzel fassen konnte.

Musar konnte also nicht säen und also auch dem Lauf der Dinge nach nicht erndten, worauf denn das Ende vom Lied war, daß er auch seine Steuer nicht bezahlen konnte. Nun aber wißt ihr wohl, daß die Steuern ein kitzlicher Punkt sind, sowohl beim Beherrscher der Gläubigen selbst, als bei dessen Vezier, ferner beim Generalsteuereinnehmer, bei den Steuereinnehmern und bei den Schechs der Dörfer, welche die Sachen kornweise zusammen tragen müssen, und welche alsdann durch die Hände der benannten Herren gehend als ungeheure Summen in den kaiserlichen Schatz fließen. Nun lag der Schech von Kismeraia gerade in behaglicher Ruhe auf seinem Divan und war, da er sich eben über einen Sklaven geärgert hatte, nicht in der besten Laune, als Musar eintrat und ihm nach dem gewöhnlichen Friedensgruß die Versicherung gab, er könne unmöglich in diesem Jahr seine Steuern bezahlen, da der Nil sein ganzes Feld verwüstet.

Der Schech denkt einen Augenblick nach und fragt lächelnd: »also du hast gar nichts mehr, womit du dem Kalifen unserm Herrn, den Gott erhalten möge, das bezahlen kannst, was du ihm schuldest? Gar nichts?« Eine Frage, worauf der arme Bauer nicht antwortete; denn er besaß allerdings noch etwas, und das war eine Kuh, die er den Sommer über mit dem Grase ernährt hatte, was ihm seine Nachbarn geschenkt und wofür er im Taglohn das Feld anderer Leute bebaut hatte und sich davon kümmerlich ernährt. Der Schech, welcher sich an der Verlegenheit des Bauers weidete, fuhr darauf fort: »lieber Musar, ich weiß, daß du eine sehr gute Kuh besitzest, die wir schlachten wollen, das Fleisch verkaufen, womit du deine Steuern auf's Beste bezahlen kannst.«

Umsonst versuchte der Bauer Einwendungen zu machen und legte sich auf's Bitten, es half ihn nichts. Der Schech stellte ihm einen Termin von einem Tag, in welcher Zeit er das Geld bezahlen oder die Kuh hergeben sollte. Der Bauer lief in seiner Verzweiflung so lange umher, bis er einen Plan erfaßt, welchen er, wenn er ihm auch anfangs schwierig schien, doch ausführen wollte. Er eilte zum Schech und bat ihn dringend um einen Aufschub von noch zwei Tagen, in welcher Frist er, nach Kairo eilen wollte, um dort bei einem Verwandten die nöthige Summe zu den Steuern zu leihen.

Nachdem der Schech die nöthige Vorsicht gebraucht, die Kuh in seinen eigenen Stall bringen zu lassen, damit sie während der Zeit nicht abhanden komme, machte sich Musar auf den Weg nach der Hauptstadt. Doch hatte er dort so wenig einen Verwandten, den er anzapfen konnte, als wie ich einen Bruder in dem hohen Rathe des Kalifen; aber in seiner Verzweiflung hatte er den gefährlichen Entschluß gefaßt, sich Mustapha zu Füßen zu werfen und um Nachlaß der diesjährigen Steuern zu bitten.

Als er nun in die Stadt kam und sich an das Thor des kaiserlichen Palastes stellte, und dort die Menge von Sklaven, Leibpagen, Wachen und Mameluken sah, entfiel ihm fast der Muth; doch dachte er an seine arme Kuh zu Haus und hörte schon im Geiste ihr klägliches Brüllen, als ob man ihr den Hals abschneiden wollte, wodurch er sich wieder ermuthigt fühlte. Jetzt kam der Kalif aus dem Palast, um sich in die Moschee zu begeben, als der Bauer hinzutrat, sich auf die Knie warf und den Kopf auf das Steinpflaster drückte. Glücklicher Weise war der Beherrscher der Gläubigen in diesem Augenblicke ziemlich gut gelaunt und schickte einen Pagen an den Bauern, dem dieser sein Gesuch mittheilte. Wenn die Großen des Reichs, die Veziere und Obersten der Mameluken, die um den Kalifen standen, auch im ersten Augenblick eine Miene machten, welche die Bitten des Bauern verwarf, so sahen sie doch nicht sobald, daß der Kaiser über das Gesuch ein wenig lächelte, als auch sie den Bauern freundlicher ansahen und seine Bitte ganz in der Ordnung fanden.

Stehenden Fußes ließ Mustapha dem Bauern eine Schrift ausfertigen, welche besagte, daß ihm die Steuern für dieses Jahr erlassen seien, machte dann ein paar Hahnenfüße darunter, welche seine Unterschrift vorstellten und entließ den Bauern in vollen Gnaden. Dieser nahm alsobald den Weg zwischen die Beine und lief so tapfer darauf los, daß er noch am selben Abend sein Dorf erreichte, wo er sich sogleich nach der Wohnung des Schechs begab und zuerst seiner Kuh einen Besuch machte, die ihn mit lautem Brüllen empfing. Dann trat er in das Gemach des Ortsvorstehers, der sich mit dem Razir oder Steuereinnehmer eben bei einer Flasche Raki gütlich that. Wahrscheinlich hatten sie dieser Flasche schon tapfer zugesprochen, denn die Augen dieser beiden Herren glühten in seltsamer Begeisterung und der Razir empfing den Bauern mit den freundlichen Worte«: »Bessewenk, was willst du?«

Musar beugte sich tief bis auf den Boden und hielt den Ferman des Kalifen, wie es sich schickt, über seinem Haupt empor. Mochte nun der Schech oder der Razir diese Stellung des Bauern für unanständig in ihrer Gegenwart halten oder glaubten sie vielleicht, der Bauer wolle ihnen ein Privatvergnügen machen und halte ihnen das weiße Blatt zu einer Zielscheibe vor die Augen, genug, der Razir zog eine seiner Pistolen ans dem Gürtel, und schoß so geschickt durch das Pergament, daß die Kugel die Unterschrift Mustaphas gerade mitten von einander riß. Der Schech, der ohne Waffen war, warf in seiner ungemeinen Lustigkeit dem Bauern seine beiden Pantoffeln an den Kopf, sowie die fast leere Rakiflasche auf die Schrift, welche dadurch vollkommen unleserlich wurde, und ließ darauf den armen Musar durch seine Sklaven auf die Straße werfen. Am andern Morgen, als der Rausch des Dattelbranntweins in den Köpfen der beiden Machthaber ein wenig verrauscht war, erinnerten sie sich noch halb dunkel des Vorfalls von gestern Abend und der Schech ließ den Bauern kommen, um ihn zu fragen, was er mit dem Papier eigentlich gewollt, woraus Musar erzählte, daß er nach Kairo gegangen sei, sich dort an den Kalifen gewandt, und dieser ihm einen schriftlichen Erlaß der diesjährigen Steuer gegeben habe. Diese Erzählung kam den beiden Herren so unglaublich vor, daß der Schech den Bauern als einen Lügner anfuhr und ihm befahl, die Kuh augenblicklich herbeizuführen, damit sie geschlachtet und verkauft würde. Umsonst brachte Musar den Ferman des Kalifen herbei, und schwor unter Thränen, daß er es schriftlich habe, es solle seiner Kuh nichts geschehen. Umsonst, sage ich, denn das Pergament war so zugerichtet, daß man kein Wort mehr lesen konnte. Der Razir, der das Blatt genau betrachtete, und an der Form und dem Stoff des Pergaments vielleicht eine Aehnlichsein entdecken mochte mit dem gewöhnlichen Briefformate des Kalifen, machte einen schwachen Versuch, den Schech umzustimmen, wiewohl vergeblich. Kurz der Mezger des Dorfs mußte erscheinen und darauf zwanzig der wohlhabendsten Einwohner. Die Kuh wurde geschlachtet, in zwanzig Stücke zertheilt und jeder der erwähnten Einwohner gezwungen, eins davon zu einem bestimmten Preis zu kaufen, was denn auch gerade die Summe ausmachte die Musar als Steuer zu zahlen hatte.

Dieser dachte einige Augenblicke über das Unrecht nach, das ihm geschehen, und hielt es fürs Beste, noch einmal nach Kairo zu traben, um dem Kalifen zu sagen, wie sehr man seinen Befehl mißachtet. Da es schon spät am Tage war, so lief er die ganze Nacht durch und erreichte am anderen Morgen zu guter Zeit die Hauptstadt, wo er sich alsbald an einen der prächtig gekleideten Thürsteher wendete, und ihn bat, vor den Kalifen gelassen zu werden. Dieser betrachtete ihn erstaunt von oben bis unten und fragte ihn darauf, in welchem Tollhause der Stadt er denn gesessen hätte, worauf ihm Musar seine ganze Geschichte erzählte.

»Lieber Freund,« entgegnete darauf der Thürsteher, »wenn dir dein Kopf nur etwas lieb ist, so denke gar nicht mehr daran, heute den Kalifen zu sehen. Er soll in der schrecklichsten Laune von der Welt sein. Der Großvezier selbst, der Prophet möge ihn trösten, ist mit genauer Noth heute Morgen einem Säbelhieb ausgewichen. Dort kommt er soeben zurück. Tritt etwas bei Seite.«

Wirklich kam dieser Herr soeben zum Thor des Palastes heraus und sein Gesicht sah so zerstört aus, daß man das wohl glauben konnte, was der Thürsteher eben erzählt. Doch wurde der Vezier nicht sobald des Bauern ansichtig, als er sich seiner zu erinnern schien und nach seinem Begehr fragte. Der Thürsteher beugte sein Haupt bis zur Erde und sagte, was er wußte, worauf der Vezier einen Augenblick nachdachte und bei sich zu überlegen schien: der Bauer sei ja doch nur ein Bauer, also gar nichts, weßhalb man ihn getrost in die Hände des Kalifen bringen könne, der ihm in der bösen Laune unfehlbar sogleich den Kopf abschlagen würde und dann vielleicht für heute beruhigt sei.

Nach dieser Ueberlegung also bestieg der Großvezier sein Pferd, und sagte, indem er eiligst davon ritt: »führt ihn hinein auf meine Verantwortung.« Der Thürsteher, stumm vor Erstaunen und Entsetzen, übergab den Bauern im Innern des Palastes einem Leibmameluken mit demselben Gefühl, als wenn man ein Schaf in die Metzgerei hineintreibt. Der Mameluk, der an dergleichen schon gewöhnt war, und der auch den Tod des Bauern unfehlbar vor Augen sah, griff mit der rechten, Hand an seinem Hals herum und versicherte: der Kalif habe einen außerordentlichen Damaszener und es thue im Grunde gar nicht wehe.

So wanderte Musar durch mehrere Hände über verschiedene Treppen und Corridors und wurde endlich in ein prachtvolles Gemach geführt, wo man ihn warten hieß. Wenige Augenblicke darauf schob man ihn in ein anderes Zimmer, dessen unerhörte Pracht den armen Bauern für einige Sekunden nöthigte, die Augen zu schließen. Als er sie wieder öffnete, wer beschreibt seinen Schrecken, als er sah, daß ihm gegenüber in einer Ecke des Divans der Kalif lag und ihn mit einem seltsamen, aber nichts weniger als freundschaftlichen Blicke ansah. Der Beherrscher der Gläubigen sah etwas bleich aus, hatte um seine rechte Hand das Ende seines kohlschwarzen Bartes gewickelt und die Linke spielte mit dem Griff eines Säbels, der neben ihm lag.

Musar stürzte augenblicklich auf seine Knie nieder und drückte sein Gesicht theils aus Ehrerbietung, theils ans Furcht so tief in den persischen Teppich, daß er nichts mehr sah.

»Was willst du?« fuhr ihn der Kalif an, doch mußte er die Antwort auf die Frage länger erwarten, als er gewohnt war; denn es dauerte eine gute Zeit, bis sich der Bauer soweit gesammelt hatte, um ihm den gehörigen Zusammenhang zu erzählen, wie der Razir und der Schech mit dem Ferman des Kalifen verfahren.

Von der Wuth, mit der der Kalif nach Anhörung dieser Geschichte aufsprang und nach hundert Sklaven auf einmal schrie, will ich gar nicht erzählen. Der ganze Palast kam in Bewegung und die Verschnittenen und Mameluken, die von allen Seiten herbeistürzten, erstarrten eben sowohl über die Wuth, in der sie ihren Herrn sahen, als darüber, daß der Bauer noch seinen Kopf auf dem Rumpfe hatte. Mustapha schrie nach dem Großvezier, nach dem Polizeimeister, nach Pferden und Waffen, und es dauerte wenig Augenblicke, so stand eine Menge prächtig geschirrter Pferde bereit, und der Großvezier stürzte herbei, dem auf seine Frage, was denn eigentlich los sei, geantwortet wurde, der Beherrscher der Gläubigen wolle einen Lustritt machen.

Während sich dies im großherrlichen Palaste zu Kairo begab, saßen zu Kismeraia der Razir und der Schech in des letzteren Wohnung beisammen und sprachen fleißig einer Schüssel Reis zu, die mit Zwiebeln und Hammelfett gewürzt war, und aus welcher die Köpfe einiger feister Hühner schüchtern in die Höhe sahen. Sie hatten eben ihr Mahl zur Hälfte vollendet, als ein Sklave in das Gemach stürzte und athemlos meldete, daß sich in einiger Entfernung vor dem Dorf auf der Straße nach Kairo zu ein Haufe glänzender Reiter hervorbewege. Die beiden Herren sahen sich überrascht an, ohne an etwas Uebles zu denken und schlüpften in ihre Pantoffeln, um sich die Schaar in der Nähe zu besehen. Doch wer beschreibt ihr Erstaunen und ihren Schrecken, als sie vor die Hausthür traten und dort zu beiden Seiten ein Paar Mameluken aufgestellt sahen, welche sie durch eine Bewegung mit dem Säbel wieder in's Haus zurückschreckten. Der Razir, als der Erfahrenste, fiel hier todtenbleich auf den Divan nieder, denn ihm ahnte nichts Gutes, und seine Vermuthung wurde nur zu bald gerechtfertigt; denn nach wenig Augenblicken stürzten einige der Mameluken in's Zimmer, ergriffen die Beiden und führten sie vor das Thor auf einen freien Platz. Hier lag unter einer großen Sykomore der Kalif Mustapha, auf einem rothsammtenen Kissen und zu seiner Seite stand der Großvezier, sowie der Polizeimeister. Eine große Anzahl Mameluken und Sklaven umgab den Herrn in einem weiten Halbkreise. Die beiden armen Sünder hatten nicht so bald das zornige Antlitz ihres Herrn geschaut, als sie mit dem Gesicht auf den Boden stürzten, und in stummer Angst daliegend erwarteten, was über sie ergehen würde. Jetzt trat der Großvezier vor und befahl die Beiden aufzurichten, was denn auch augenblicklich geschah.

Wenn auch sowohl der Schech, als der Razir in Betreff ihrer ganzen Amtsführung kein gutes Gewissen hatten, so überredete sie die Hoffnung, die in jedem Menschenherzen lebt, es könne ja auch sein, daß ihnen der Kalif, der zufällig hierhergekommen sei, eine Gnade ertheilen wolle, und von diesem üppigen Gedanken abwärts schweifend, dachten Beide endlich auch an Musar, dessen Kuh sie geschlachtet und daß es am Ende doch wahr sein könne, daß er sie beim Kalifen verklagt, und daß dieser ihnen nun vielleicht ein Hundert auf die Fußsohlen zählen ließ. Die Unglücklichen! An die Wahrheit dachten sie nicht, daß nämlich das Pergament des Bauern ein wirklicher Ferman Mustapha's gewesen sei.

Jetzt faßte der Kalif in seinen schwarzen Bart und fragte mit scheinbarer Gleichgültigkeit: »du also bist der Razir und du der Schech dieses Dorfes? Beim Propheten! Ihr Beide gefallt mir!« Wenn auch der Kalif diese Worte mit lächelndem Munde sagte, so sprach doch ein unheimlicher Glanz in seinen Augen dieser Freundlichkeit Hohn. »Kennst du diesen Mann?« fuhr er fort, und zeigte auf Musar, der hinter dem Großvezier stand, »und ist es derselbe, der dich vor einigen Tagen bat, seine einzige Kuh nicht zu tödten, indem er nach Kairo gehen wolle, um dort das Geld zu den schuldigen Steuern zusammen zu bringen?« Der Schech beugte sich bis auf den Boden und bejahte diese Fragen des Herrn. Darauf sprach der Kalif ruhig weiter: »kehrte der Bauer zu dir zurück, Gott und dem Propheten dankend, daß er in der Kalifenstadt einen mächtigen Freund gefunden hatte, der ihm in seiner Bedrängnis; geholfen? Ich sage: er kehrte zu dir zurück und hielt über seinem Haupte vor Freude jauchzend einen Ferman empor, einen Ferman, von mir, dem Kalifen unterzeichnet, dem du natürlich die schuldige Ehrfurcht bezeugtest und genau so thatest, wie auf dem Pergament vorgezeichnet stand.«

Bei diesen Worten, die gerade dasselbe ausdrückten, als wenn der Kalif befohlen hätte, ihn, den Schech an den nächsten Baum aufzuknüpfen, denn es wurde ihm jetzt klar, was er gestern begangen, sank der Unglückliche mit dem Gesicht auf die Erde, wo er, nach Gnade schreiend, unbeweglich liegen blieb.

Nun wandte sich der Kalif an den Razir und befahl ihm, genau den Hergang der Sache zu erzählen, von dem Augenblicke an, wo der Bauer mit dem Ferman von Kairo zurückgekehrt wäre. Doch der Steuereinnehmer war ebenso entsetzt, wie der Schech, nur daß der Schrecken anders auf ihn wirkte und er wie eine Bildsäule regungslos blieb, mit erdfahlem Gesicht und offenen starren Augen, so daß er schon jetzt einem Todten glich.

Nachdem der Kalif einige Sekunden vergeblich auf eine Antwort gewartet, rief er anscheinend in der größten Ruhe den Bauern vor sich und befahl ihm, den Verlauf der Sache zu erzählen, was denn auch Musar mit allen Nebenumständen that.

»So so,« sagte Mustapha, und seine Augen sprühten Blitze, »so befolgt ihr meine Befehle? Eine schöne Art des Gehorsams. Musar, tritt hier an meine Seite. Ich habe dem Gang deiner Erzählung nicht genau folgen können. So, hieher! Denk dir also, ich sei dieser würdige Razir. So lag er doch auf seinem Divan, wie du vor ihn tratst, und dort, wo er jetzt in diesem Augenblicke selbst steht, standest du damals gebückt und hieltest meinen Ferman empor?«

»Ja, Herr.« sagte der Bauer.

Mustapha fuhr mit der Hand an den Gürtel und zog langsam und bedächtig eine seiner reich mit Steinen besetzten Pistolen heraus, wobei er mit einer schrecklichen Kälte fortfuhr zu sprechen: »und dann zog der Razir seine Pistole heraus und richtete sie gegen meinen Ferman, nicht wahr?«

»Ja Herr,« sagte der Bauer zitternd, denn es wurde ihm unheimlich, als er sah, daß der Kalif den Lauf seiner Pistole gerade auf das Herz des Razirs richtete.

»Und er zielte auf meinen Ferman,« fuhr der Kalif hohnlachend fort; nicht wahr?« »Ja Herr,« entgegnete Musar kaum hörbar, denn er sah, wie jetzt die erkünstelte Ruhe aus dem Gesicht des Kalifen wich und sich in furchtbare Wildheit verzerrte.

»Und er traf?« schrie Mustapha, und im gleichen Augenblick krachte der Schuß aus seiner Pistole, worauf der Razir in's Herz getroffen zusammenstürzte. Mit diesem Schusse schien sich aber auch die Wuth des Kalifen wieder gelegt zu haben; denn er steckte seine Pistole ruhig in den Gürtel und befahl, den Schech, näher zu schleppen, was denn auch sogleich geschah. Dann wandte er sich zu Musar und fuhr in seinem Verhöre fort: »und darauf ließ der Schech den Metzger kommen und deine Kuh schlachten? Man hole den Metzger!«

Augenblicklich wurde dieser herangebracht und flehte zitternd um sein Leben, indem er versicherte: er habe den Befehl des Schechs erfüllen müssen, weil er sonst wahrscheinlich halb zu Tode geprügelt worden wäre; ein Grund, den der Kalif für triftig genug fand, denn er versicherte den Fleischer, es soll ihm kein Leid geschehen: »nur will ich hoffen,« fuhr der Kalif fort, »daß du meinen Befehl, den ich dir jetzt gebe, ebenso unbedingt und schnell vollführst. Wohlan, schlachte den Schech!«

Der Metzger machte anfänglich eine sonderbare Miene und stürzte auf seine Knie nieder, doch Mustapha war unerbittlich, und wenn jener nicht drei Fuß hoch vom Boden mit seinen Ohren an den Baum genagelt sein wollte, so mußte er den Befehl des Kalifen pünktlich erfüllen. Er begann also sein Werk mit den üblichen Gebetsformeln, sagte Bismallah und schnitt dem Schech den Kopf herunter.

Darauf mußte er den Körper in zwanzig Theile theilen, wie gestern die Kuh und jeder der zwanzig Einwohner, die gestern das Fleisch derselben gekauft, mußten heute für ein Stück des Schechs das Dreifache bezahlen, welche Summe dann der Bauer zur Entschädigung für seine Kuh bekam. Nach diesem Akt der Gerechtigkeit begab sich der Kalif sehr beruhigt nach Kairo zurück.«

So erzählte der Alte am Feuer und sowohl der Emir el Hadsch als wie die vier Kameeltreiber hatten der Erzählung von dieser überaus blutigen und grausamen Gerechtigkeit des Kalifen aufmerksam zugehört. Doch als der Alte geendigt, sagte einer der vier: »mit Verlaub, Herr Akrabut, Eure Erzählung war sehr hübsch und hat uns ergötzt, aber Ihr seid gewaltig von dem abgeschweift, was Ihr uns eigentlich mittheilen wolltet.« »Ja,« meinte ein Anderer, »Ihr verspracht uns eine Erzählung von Abugosch, dem Polizeimeister, woraus wir ersehen sollten, wie der Prophet ihn am Ende für seine Grausamkeit bestrafte.« – »Nun, wir hoffen,« sagte ein Dritter, »du hast noch Zeit, uns von Abugosch zu erzählen. Die Nacht währt noch lange und so frisch und angenehm es hier draußen ist, so schwül und unbehaglich ist es in den Zelten, Auch dort der alte Effendum« – was so viel als der alte Herr bedeutet – mit diesen Worten wandte er sich an Mahmud Achmet, »wird nichts dagegen haben, wenn du die versprochene Erzählung lieferst.«

Der Emir versicherte, daß ihm nichts angenehmer wäre, als so interessante Sachen zu hören, worauf der Alte sich eine neue Pfeife stopfte und folgendermaßen begann:

»Ja, meine Herren, von allen Dienern, die der Kalif Mustapha hatte, und die nach seinem erlauchten Beispiel gegen das arme Volk mit äußerster Grausamkeit verfuhren, war einer der schlimmsten und gehaßtesten Abugosch, der Polizeimeister, Es ist wohl wahr, daß sein Amt viel dazu beitrug, gegen Jedermann mit Strenge verfahren zu müssen, denn er hatte hauptsächlich darauf zu sehen, daß sowohl der Bauer in den Dörfern um Kairo die richtige Abgabe von seinen Dattelbäumen bezahlte, als der ärmste Weber in dem entferntesten Gäßchen der Stadt von dem Stoff, den er auf seinem Webstuhl anfertigte. Nebenbei war es seine Pflicht, darauf zu halten, daß sowohl Bäcker und Metzger als andere Verkäufer in den Bazars und auf den Straßen richtiges Maaß und Gewicht hielten und sich von den Gläubigen nicht zu viel bezahlen ließen. Wenn nun aber auch der Polizeimeister diese seine Pflichten auf's Beste erfüllte, und gewiß täglich eine Menge Spitzbuben antraf, die er hätte bestrafen können, so brauchte er doch nicht mit so unerhörter Grausamkeit gegen diese Leute zu verfahren.

So geht er eines Tages durch die Bazars und findet, daß ein Bäcker sein Brod zu klein und zu leicht macht. Was thut Abugosch? Er läßt das Blech, worauf das Brod gebacken wird, bis zum Glühen erhitzen und dann den Bäcker für eine Zeit lang darauf festbinden. Ein andermal kommt er bei einem Getreidehause vorbei und sieht da zwei Bauern, welche beide Getreide gebracht haben, als Abgabe ihrer Dörfer. Der Eine hat aber nur zehn Säcke gebracht und der Andere vierzig. Abugosch, der gerade schlechter Laune war, fährt den ersten zornig an, indem er vermuthet, dahinter müsse ein Betrug stecken und fragt, warum er gegen den Andern so wenig Säcke gebracht habe?

»Herr,« erwidert dieser, »mein Dorf ist näher bei der Stadt gelegen, als das des andern Mannes, weßhalb ich jede Woche viermal nur zehn Säcke bringe, während jener auf einmal vierzig bringt.«

»Hoho,« denkt der Polizeimeister, »hier soll ich angeführt werden,« und geräth darüber in eine unbeschreibliche Wuth. Umsonst betheuert der arme Bauer, er sei gewiß und wahrhaftig ganz unschuldig und der Prophet möge ihn bestrafen, wenn er nur den Gedanken hege, seinen Herrn zu betrügen.

Es hilft nichts. Abugosch befiehlt einem der Henkersknechte, die ihn beständig begleiten, den Bauern aufzuhängen, was denn auch an einem Ast des nächsten Baumes geschieht.

Am andern Morgen geht der Polizeimeister wieder an demselben Getreidehause vorbei und sieht da wieder einen Bauern, der an achtzig Säcke Getreide abladet. Dies gefällt dem Polizeimeister und er erkundigt sich bei einem seiner Begleitung, wer und woher der Bauer sei?

»Herr,« antwortete ihm einer der Henkersknechte, »es ist derselbe, den du gestern aufhängen ließest.«

»Was,« spricht der erstaunte Polizeimeister, »ist denn der jüngste Tag erschienen, daß die Todten auferstehen?«

»Verzeihung, o Herr,« erwiderte der Nachrichter, »du hast mir befohlen, ihn zu hängen, aber nicht zu tödten. Und da habe ich ihn denn so gehängt, daß seine Füße den Boden berührten.«

Glücklicher Weise gefällt dieser Scherz dem Polizeimeister, er streicht sich seinen Bart und sagt: »nu, nu, ich will mir für ein andermal diese Auslegung meiner Befehle merken und mich deutlicher ausdrücken, wenn wieder jemand gehängt werden soll. Höre, höre,« wandte er sich darauf zu dem Bauern, »nimm dich in Zukunft vor Abugosch in Acht!«

Diese Erzählung ergötzte sichtlich den Emir el Hadsch und die vier jungen Türken, welche um das Feuer herumlagen und Alle lobten den Nachrichter, daß er dem armen unschuldigen Bauern das Leben gerettet. Mahmud Achmet zog so gut wie damals Abugosch eine Lehre zwischen Hängen und Tödten und nahm sich vor, wenn er auch in denselben Fall käme, sich deutlicher auszudrücken.

»Ja, ja, so trieb es der Polizeimeister, sowohl in der Stadt, wie auf dem platten Lande und da er in seinem Diensteifer sich Tag und Nacht keine Ruhe gönnte, so war man nie und nirgends sicher vor ihm. Er trat oft so unvermuthet in die Bazars- und Kaffeehäuser, daß man glaubte, er sei aus der Erde hervorgewachsen und die Leute, hatten deßwegen eine so abergläubische Furcht vor ihm, daß sie ihren gewöhnlichen Spruch: »wie Gott will,« auf ihn abänderten und zu sagen pflegten: »wie Gott und Abugosch will.« Wenn die Sonne hinter dem Mokkadam hinab sank, zog er schlechte Kleider an, um sich unkenntlich zu machen, ja, er trieb dies oft so weit, daß er als Kameeltreiber ein altes Kameel nach sich zog oder als Wasserverkäufer mit den kupfernen Schaalen so lustig klapperte, wie alle seine Kollegen im wirklichen Dienste. Mein Vater, der Prophet möge ihn im Paradiese belohnen, ist ihm im Zwielicht einmal begegnet, wo er Melonen feil bot, und mein Vater, der an nichts Böses dachte, kaufte ihm eine dieser Früchte ab. Denkt euch aber seinen Schrecken, als er auf einmal unter dem schmutzigen Turban das Gesicht des Polizeimeisters erkannte. Ihr könnt euch denken, daß er hastig bezahlte und so rasch davon lief, als ihn nur seine Füße tragen mochten, denn mein Vater befürchtete, Abugosch möge ihn zurückhalten und auf eine seiner nächtlichen Streifereien mitnehmen, wie er es wohl zu thun pflegte.

Nun aber hatte sich der Polizeimeister das Umherstreifen in den Straßen, wann es ihm gut däuchte, so angewöhnt, daß er selbst in den zehn heiligen Nächten des Moharrems – was so viel heißt, als des ersten Monats im Jahr – kaum zu Hause bleiben konnte. Ihr wißt wohl selbst, daß zu dieser Zeit jeder rechtgläubige und fromme Muselmann sorgfältig die Thür seines Hauses verschließt, sobald der Tag hinabgesunken ist, denn in diesen zehn Nächten dürfen die Genien, die Dschinns und Kobolde ihr Wesen frei auf der Erde treiben. Da kommen sie in großen Schaaren aus den alten Pyramiden hervor, sehen sich auf den Spitzen derselben um und fliehen alsdann der Stadt zu, die ihnen am besten gefällt. Da sieht man die Genien auf ungeheuren Lotusblättern unter einem seltsamen Gesang den Nil hinabschwimmen, gewöhnlich bis nach Kairo, wo sie an einem einsamen Landungsplatz, der deßhalb das Werft der Geister heißt, und wo sich um diese Zeit des Jahres kein anderer Nachen aufhält, landen. Die Kobolde steigen aus den Brunnen empor, tummeln sich auf den öffentlichen Plätzen und Straßen umher und necken oder helfen den Rechtgläubigen, je nachdem sie gelaunt sind, oder nachdem man sich gegen sie beträgt.

Ihr Alle, mit Ausnahme unseres Gastes da, seid noch zu jung, um von dergleichen Sachen viel erlebt zu haben. Auch seid ihr überhaupt faul und träge, und legt euch den Abend in die Ecke eures Divans, ohne euch um das zu bekümmern, was draußen vorgeht, weßhalb ihr nichts gesehen habt und also auch nichts glauben wollt. Ja, ja, ich sage euch, in den Nächten gehen sonderbare Dinge vor. Alles ist still auf den Straßen, die Bazars sind geschlossen und die Lastthiere liegen in den Höfen und verzehren ihr ärmliches Futter; denn wie schon gesagt, man weiß, daß es heute nicht gut ist, sich draußen aufzuhalten. Da hört ihr plötzlich das Klingeln von Schellen, wie sie die Lastthiere am Halse zu tragen pflegen, auf der Gasse, und euch schlägt das Herz ängstlich, denn ihr wißt, daß es die Dschinns sind, welche durch die Straßen ziehen. Trotz der Furcht, die Einen alsdann befällt, gibt es doch muthige und neugierige Leute, die ihre Hausthüren ein wenig öffnen, um zu sehen, was denn da draußen einherzieht. Da ist es denn gewöhnlich ein Maulthier, was mit Schellengeklingel des Weges daher kommt. Auf seinem, Rücken liegt ein Packsattel, dessen beide Taschen mit etwas angefüllt sind.

Wer von Natur furchtsam ist, fährt bei diesem Anblick zurück und wendet sich mit einem Gebet an den Propheten; doch habe ich auch Leute gekannt, die nicht zurückgegangen sind, sondern die, vielmehr auf die Straße hinaus und dem Maulthier in den Weg traten. Doch ist ihnen das gewöhnlich schlecht bekommen, denn wenn sie in die Satteltasche hineinsahen, so fanden sie in derselben die Köpfe von todten Menschen, die sie mit ihren verzerrten Gesichtern gar gräßlich ansahen. Wer aber in diesem Augenblick seine Fassung behielt und einen dieser Köpfe aus der Tasche herausnahm, der fand unter demselben einen Haufen Gold und Silber, womit er getrost seine Taschen anfüllen durfte.

Auch hört man in diesen Nächten, während man ruhig auf dem Divan liegt, das Klappern von kupfernen Schaalen, wie es die Wasserträger zu machen pflegen, und vernimmt plötzlich ein leises Klopfen an die Zimmerthür, worauf eine Stimme draußen fragt: wohin man das Wasser schütten solle? Hat man nun in diesen Tagen die Vorschriften des Korans genau erfüllt, und viel Almosen an die Armen ausgetheilt, so darf man getrost sagen: »in den großen Krug,« worauf man dies Gefäß am andern Morgen voll Gold- und Silbermünzen findet. Hat man aber nicht gelebt, wie es einem Rechtgläubigen zukommt, so findet man am andern Morgen das Gefäß mit Sachen angefüllt, die nicht aus dem Bazar der Gewürz- und Essenzenkrämer herstammen.

Abugosch, von dem ich also erzählen wollte, hatte nun um jene Zeit herum die Nachricht erhalten, daß eine Rotte Räuber, die auch den Versuch gemacht hatte, den großherrlichen Schatz zu plündern, sich verborgen in der Kalifenstadt aufhalte und war so sehr von der Begierde übermannt, diese Bösewichter zu entdecken, daß ihm nicht einfiel, wenigstens in den heiligen Nächten zu Hause zu bleiben, vielmehr faßte er die verwegene Absicht, als Wasserträger durch die Stadt zu wandeln, damit die Leute glauben sollten, auch er sei einer von den Dschinns, unter welcher Maske er getrost in die verdächtigsten Häuser eintreten zu können glaubte. Es war in der dritten Nacht, als sich Abugosch gehörig vermummt aus seinem Palaste stahl und seine Wanderung durch die Straßen begann. Er klapperte herzhaft mit seinen kupfernen Schaalen und trat auch hie und da in ein Haus und bot sein Wasser an. Aber von Allen denen, die er befragte, wohin er das Wasser schütten solle? bekam er keine Antwort, wahrscheinlich weil die Leute furchtsam waren oder weil sie vielleicht die Vorschriften des Korans nicht genau befolgt hatten. So geht er weiter und sieht zu seinem Vergnügen, daß Leute, die hie und da aus Kaffee- oder Sorbethäusern herauskommen, vor ihm wie vor einem Gespenst die Flucht nehmen. Bald hat er die belebteren Stadttheile hinter sich und kommt zu ärmlichen finsteren Gassen, die auf einen entlegenen, verfallenen Platz hinausführen, welcher noch heute der Platz der Diebe heißt.

Dieser ist auf drei Seiten von alten verfallenen Häusern umgeben und auf der vierten von einem zerbrochenen Mauerwerk, welches früher ein Gefängniß war, von dem noch ein Thurm stand, dessen graue Steine von einigen Sykomoren verdeckt wurden, die vor ihm standen. Die Häuser auf dem Platz waren meistens unbewohnt und dienten, wie es hieß, allerlei verdächtigem Gesindel zum Aufenthalt. Der ganze Platz hatte etwas Oedes und Unheimliches und selbst ohne den bösen Ruf, in welchem er bei dem Volke stand, würde sein bloßer, trostloser Anblick schon jeden rechtgläubigen Muselmann abgeschreckt haben, dorthin in der Nacht seine Schritte zu lenken. Aber noch obendrein in den Nächten, von denen ich erzähle, wo das Geisterreich auf die Erde schlüpft, um einige Zeit unter den Menschen zuzubringen, war es die größte Verwegenheit, ja eine Versuchung des Propheten, sich auf dem Diebsplatze aufzuhalten. In der Mitte desselben lagen mehrere Quadersteine mit eisernen Klammern versehen, denen man es ansah, daß sie früher zierlich zusammengefügt gewesen waren und eine regelmäßige Erhöhung gebildet hatten. Jetzt waren die Klammern ausgerissen, die Steinblöcke verwittert und zertrümmert und sie würden wohl schon längst ganz auseinander gefallen sein, wenn nicht ein großer steinerner Sarkophag, den sie früher getragen hatten, jetzt seinerseits durch seine Schwere die Steinblöcke zusammenhielt. Diesen Sarkophag nannte das Volk das Grab des Emir el Heb, welcher ein frommer Mann war, der in alten Zeiten gelebt und dem der Prophet eine solche Heiligkeit verliehen, daß, wenn er eine Karawane begleitete, die räuberischen Beduinen es nicht wagten, dieselbe anzugreifen. Ob nun der Platz, auf welchem der Sarkophag jetzt stand, schon früher der Diebesplatz hieß, und ob man den Heiligen hieher begrub, um die Spitzbuben zu verscheuchen, oder ob das räuberische Gesindel sich nach dem Tode des Heiligen, wo seine Heiligkeit vielleicht keine Kraft mehr hatte, um ihn zu verhöhnen, sich hier auf dem Platze zusammen fand, kann ich euch nicht versichern; genug, der Sarkophag war da und war dem Volk noch durch einen anderen Umstand sehr bekannt.

Es hieß nämlich, daß sich in der dritten der heiligen Nächte, also gerade in derselben, in welcher der Polizeimeister spazieren ging, die Genien, nachdem sie ihre Runde durch die Stadt und auf dem Flusse gemacht, hier zu versammeln pflegten und zum Privatvergnügen unter Scherzen und Lachen einen großen Gemüsemarkt abhielten. Nur sehr wenige Leute hatten je diesem seltsamen Verkehr der Geister zugeschaut und waren theils dadurch glücklich, theils aber auch unglücklich geworden. Denn wen sein Weg zufällig hier in diese Gegend führte, und gerade in der Stunde, wo die Geister sich mit Kaufen und Verkaufen beschäftigten, der handelte äußerst klug, wenn er mit dem Gruße des Friedens, ohne um sich zu schauen oder ein Wort zu sprechen, durch die Reihen ging. Wurde er alsdann von einem oder dem andern der Genien angerufen und ihm etwas zum Verkauf angeboten, so mußte er antworten: »o Herr, dein Knecht ist viel zu arm, um solche kostbare Schätze zu erhandeln.« Worauf sich alsdann die Gespenster, denen diese Demuth gefiel, das Vergnügen machten, ihm von ihren Waaren lachend an den Kopf zu werfen. Wenn es ihm nun gelang, von diesen Gurken, Melonen oder dergleichen Sachen, die auf ihn zuflogen, Einiges zu erhaschen und in die Tasche zu stecken, so fand er am andern Morgen die Früchte in Gold und Silber verwandelt und war glücklich sein Leben lang.

Wenn aber im andern Fall irgend ein naseweiser Geselle zufällig in dieser Nacht auf den Platz der Diebe kam und frech um sich schaute, oder es sogar wagte, die Gespenster, welche hier Markt hielten, durch Worte und Blicke zu beleidigen, so warfen sie ihm ebenfalls unter Lachen und Grinsen allerhand Früchte an den Kopf, die sich aber, wenn sie sein Gesicht und seinen Körper berührten, entweder zu allerlei Unrath verwandelten oder sich, was noch schlimmer war, auf seinem Leibe festsetzten, und verschiedene unangenehme Erhöhungen bildeten, die der arme Schalk dann sein ganzes künftiges Leben mit herumschleppen mußte.

All' diese Geschichten wußte aber der Polizeimeister so gut wie ich, doch er war ein Freigeist, der nicht an solche Sachen glaubte, und der vielmehr in seinem Argwohn dachte, die Leute, die sich in der heiligen Nacht auf dem Diebsplatz zusammenfänden, seien wirkliche Menschen, wohl gar Diebe, die irgend ein strafbares Unternehmen beabsichtigten. Mit diesen Gedanken schritt er also auf dem Platz hin und her, und wenn ihm auch die Stille und Oede desselben gerade nicht heimlich vorkam, so griff er an seinen Dolch und an seine guten Pistolen und überredete sich, daß er's im Fall der Noth wohl mit Einigen aufnehmen könnte. Er setzte sich auf die zerbrochenen Steine an dem Sarkophage und blickte gedankenlos an den klaren Himmel hinauf. Es war eine schöne Nacht und die Luft mit Wohlgerüchen geschwängert, die der Wind aus besseren Stadttheilen herführte, wo sich bei den Wohnungen der Vornehmen zahlreiche Orangegärten befanden. Diese Düfte sowie überhaupt die Stille und Einsamkeit, welche ihn umgab, machten den Polizeimeister nachdenkend und er sann zum ersten Mal in seinem Leben darüber nach, daß seine Stellung und sein Diensteifer ihm doch manche unangenehme Stunde verursachten, »Wie behaglich läg' ich jetzt auf meinem Divan,« sprach Abugosch zu sich selber, »wenn ich nicht gerade Polizeimeister des Kalifen Mustapha wäre.« Er malte sich so lebhaft die Genüsse eines ruhigen Schlafes aus, daß er fast im Begriffe war aufzustehen und nach Hause zurückzugehen.

Hätte er nur dieser Stimme in seinem Herzen Gehör gegeben und den Diebsplatz verlassen, es wäre ihm wahrlich besser gewesen, und es wären ihm nicht so viele gräßliche Dinge passirt. Doch ich will meiner Erzählung nicht vorgreifen und versichere euch also, daß in der harten Brust des Polizeimeisters diese feigen Gedanken, die er sich selbst machte, nur kurze Zeit die Oberhand behielten. Doch da er wohl über seinen Willen, nicht aber über seine Natur Herr war, so übermannte ihn der Schlaf und er legte den Kopf an den Sarkophag und nickte ein.

So mochte er ein paar Stunden geschlafen haben, und es war die Zeit, wo die Nachtluft kälter wird, und wo die Gazelle in der Wüste, von dem kühlen Winde angehaucht, den Kopf erhebt, um sich darauf noch tiefer in ihr Lager zu verbergen, indem es rings um sie noch dunkel ist und nur ein seiner, schwacher Streifen im Osten verkündet, daß in ein paar Stunden der Tag anbrechen werde, als Abugosch von einem seltsamen Gesumme und Gemurmel um ihn her erwachte und verwundert um sich blickte. Wie hatte sich der einsame stille Platz in der kurzen Zeit geändert! Wo früher außer ihm keine lebende Seele gewesen war, da standen jetzt, wie an den öffentlichen Markttagen vor der großen Moschee hunderte von Verkäufern und plauderten lachend zusammen, während sie ihre Waaren austauschten.

Der Polizeimeister rieb sich die Augen und sah beschämt um sich, denn er glaubte nicht anders, als er habe die Nacht auf einem öffentlichen Platz geschlafen und sei jetzt am hellen Tage erwacht. Doch überzeugte ihn gleich darauf ein Blick in den Mond, der eben hinter dem Gefangnißthurm verschwinden wollte, daß es noch völlig Nacht sei. Ueberrascht rieb er sich die Augen und stand von seinem Sitze auf, um sich die sonderbaren Verkäufer in der Nähe zu besehen. Diese sahen aber ganz aus wie gewöhnliche Menschen. Da waren Wasserträger mit ihren ziegenledernen Schläuchen und den kupfernen Schaalen, womit sie lustig klapperten. Dort drängte sich ein Scherbethverkäufer durch die Menge und er hatte auf dem großen hölzernen Teller, den er vor sich hielt, Scherbeth in allen möglichen Farben. Hier standen Pastetenbäcker und boten die schönsten Waaren feil. Dort lauerte eine ganze Reihe Gemüseverkäufer und ihre Körbe waren angefüllt mit dicken Kohlhäuptern, mit gelben Rüben, Artischoken und Bananen.

Eine Zeit lang blieb Abugosch an den Sarkophag gelehnt, und als er so gar nichts Unheimliches bei dem Treiben der Leute entdeckte, kam ihm plötzlich die Idee, als hielten die Leute hier bei nächtlicher Weile einen Markt, um den Kalifen wegen der üblichen Marktsteuer zu betrügen, eine Idee, die sein polizeiliches Herz auf's Aeußerste empörte.

»Wer gibt euch hier die Erlaubniß zum Verkaufen?« schnauzte er einen Wasserträger an, der ihm gerade nahe kam. Doch gab ihm dieser keine andere Antwort, als daß er eine entsetzliche Grimasse schnitt und ihn auf das Unverschämteste angrinste. »Hund von einem Wasserträger,« schrie Abugosch und griff ihm nach der Kehle. Doch es war gerade, als hätte er nach einem Schatten gehascht, und der Wasserträger stieß ein gellendes Gelächter aus und schwebte den Markt dahin.

Ueberrascht und mit einer kleinen Anwandlung von Erschrecken sah ihm der Polizeimeister nach, denn er bemerkte jetzt bei näherem Betrachten, daß sich sowohl der Wasserträger wie die ganze übrige Gesellschaft auf eine höchst seltsame Art von der Stelle bewegten; denn keiner ging so, wie es gewöhnliche Leute zu thun pflegen, indem sie kein Bein vor das andere setzten, sondern sie glitten über das Pflaster, und, wie man deutlich sah, ohne den Boden zu berühren.

Nach einigem Ueberlegen glaubte aber der Polizeimeister, der bleiche zitternde Schein des Mondes spiegle ihm etwas vor, und er wandte sich nach dem dichtesten Haufen der Verkäufer, wo er auf barsche Art dieselbe Frage that: wer ihnen die Erlaubniß gegeben hätte, hier bei der Nacht einen Markt zu halten. Doch bekam er auch hier keine Antwort, als ein gellendes Lachen, was ihm um so sonderbarer erschien, als er zu bemerken glaubte, daß selbst die Gemüse in den Körben darin einstimmten, und leise kicherten. Entrüstet stampfte er auf den Boden und war schon im Begriff, einen der Gemüseverkäufer tüchtig beim Barte zu zupfen, als er, seine Blicke im Zorne umherwerfend, am Ende des Marktes einen alten Mann erspähte, der auf einigen prächtigen Polstern an der Erde saß und ruhig aus einer langen Pfeife rauchte.

»Aha,« dachte Abugosch. »dieser Alte scheint mir der Vornehmste dieses Gesindels zu sein und ich will mich an ihn wenden, um vielleicht über das räthselhafte Treiben hier eine Auskunft zu erhalten. Er wandte sich also von den Verkäufern ab und ging zu dem alten Manne hin.

Hätte Abugosch in diesem Augenblick hinter sich gesehen, so würde er gar sonderbare Dinge erblickt haben; denn die Kohlhäupter, gelbe Rüben und Artischoken in den Körben erhoben sich plötzlich und flogen hinter ihm drein, doch ohne ihn zu berühren, denn wenn sie fast seinen Rücken oder Kopf erreicht hatten, so winkten die Verkäufer mit der Hand, wie man bei unartigen Kindern zu thun pflegt, um sie von einem losen Streiche abzuhalten, worauf denn alle wieder gehorsam in ihre Körbe zurückkehrten.

Der alte Mann, an welchen sich nun der Polizeimeister wandte, saß, wie schon gesagt, auf weichem Divankissen und rauchte aus einer unendlich langen Pfeife. Es war ein ziemlich dicker Herr und sein ernstes Gesicht mit dem schneeweißen Bart, der wohl zwei Fuß lang war, hatte so etwas Ehrfurchtgebietendes, daß Abugosch, als er vor ihm stand, es selbst nicht wagte, mit bösen Worten loszubrechen, sondern nur die Hand an den Turban legte, um ihn mit dem Gruße: »Bismallah!« – in Gottes Namen – anredete.

»Höre, Herr,« fuhr der Polizeimeister fort, »es scheint mir, du bist der angesehenste und älteste unter diesen Leuten, vielleicht der Schech dieses handeltreibenden Stammes, und wirst deßhalb wohl die Güte haben und mir eine Auskunst ertheilen, ob es diesen Leuten überhaupt erlaubt ist, zu handeln, und warum sie, statt wie alle anderen Menschen bei Tage, hier bei der Nacht ihr Wesen treiben?«

Auf diese Anrede hin nahm der Alte seine Pfeife aus dem Munde und verzog sein ehrwürdiges Gesicht zu einer grinsenden Fratze von so ausnehmender Häßlichkeit und Lächerlichkeit, daß Abugosch drei Schritte zurücktrat. »Was,« schrie er darauf, »auch du, alter grauer Sünder, gehst an der Spitze dieses gaunerischen Gesindels darauf aus, den Kalifen zu betrügen und seinen Diener zu verachten? Doch es soll euch Allen schlecht bekommen!«

Jetzt hatte der alte Mann sein Gesicht wieder in die gehörige Ruhe gebracht und sagte mit ruhiger Stimme: »hör du, Abugosch, Polizeimeister des Kalifen Mustapha, mische dich nicht in Sachen, die dich nicht kümmern. Gehe ruhig deines Weges, kehre in deine Wohnung zurück und überlasse diesen Platz in der jetzigen Stunde uns, die wir dir und deinen Mitmenschen keinen Schaden zufügen. Ich warne dich, Abugosch, mische dich nicht in unser Treiben und entferne dich!«

»Ha!« schrie der Polizeimeister, durch diese Entgegnung in Zorn gebracht, »das ist die rechte Art. Man soll wohl noch Gesindel eures Schlags höflich darum bitten, daß es unser Einem erlaubt, seinen verbrecherischen Thaten zuzuschauen. Mögt ihr sein, wer ihr wollt, ich befehle euch, augenblicklich diesen Platz zu verlassen, und euch in eure Wohnung zurückzuziehen.«

Jetzt grinste der Alte wieder wie zuvor und blies dem überraschten Polizeimann eine ganze Wolke Tabak in's Gesicht, der aber einen so scharfen und betäubenden Geruch hatte, daß er ein paar volle Minuten darnach husten mußte. Doch kaum hatte sich seine Brust wieder etwas beruhigt, als er in einen ungemessenen Zorn ausbrach und hinzusprang, um den alten Mann beim Barte zu fassen. Doch wie erstarrte er vor Schrecken, als er ebenso, wie vorhin bei dem Wasserträger, in die leere Luft griff, obgleich der alte Mann keine zwei Schritte vor ihm saß und auch in derselben Stellung sitzen blieb. Abugosch blickte erstaunt um sich und obgleich der Mond hinter dem alten Gemäuer herabgesunken war und den Platz in tiefe Dunkelheit hüllte, so konnte er doch die ganze Gesellschaft der Verkäufer genau überblicken und unterscheiden. Dabei war es ihm höchst auffallend und sonderbar, daß es aussah, als käme das Licht aus den Augen der Wesen selbst her, die um ihn herumstanden; denn alle ihre Blicke, die fest auf ihn gerichtet waren, schoßen rothe, grüne, gelbe und weiße Blitze. Ferner sah der Polizeimeister zu seinem nicht geringen Schrecken, daß die menschlichen Gestalten immer näher auf ihn zurückten und es war nur bei dem Sarkophage eine kleine Oeffnung, wodurch er hätte entwischen können. Einige Augenblicke schwankte er auch zwischen dem Entschluß, eiligst davon zu gehen oder hier zu bleiben. Hätte er sich nur diesmal von seiner Furcht bemeistern und fortjagen lassen, es wäre ihm weit besser gewesen, aber so faßte er in seinen Gürtel, riß eine seiner Pistolen heraus und hielt sie dem alten Mann vor's Gesicht, wobei er auslief: »ungläubiger Hund! du sagst mir entweder auf der Stelle, wer du bist, und was diese Leute hier machen, oder ich schieße dir eine Kugel durch deinen alten verbrecherischen Kopf.«

Kaum hatte der alte Polizeimeister diese Worte ausgesprochen, als von allen Seiten ein lautes Gejauchze und höllisches Lachen ausbrach. Es brüllte hinter ihm, es lachte hoch in der Luft über seinem Kopfe und es kicherte zu seinen Füßen, bei welchen unheimlichen Ausdrücken der Freude sich die Gestalten der Wesen, welche um ihn standen, noch obendrein auf eine höchst sonderbare und merkwürdige Weise verzerrten und verdichten. Bald reckten sie sich und Beine, Leib und Arme wuchsen auf eine so unglaubliche Art in die Höhe, daß die Wesen mit ihren Köpfen bequem über die umstehenden Häuser hinwegschauen konnten. Andere wieder dehnten sich in die Breite, so daß sie aussahen wie Schildkröten, die auf den Hinterbeinen umhertanzten. Dazwischen flogen die Artischoken und Kohlköpfe wieder in der Luft herum und lachten nicht nur unaufhörlich, sondern so oft sie bei Abugosch vorbeiflogen, sahen sie wie Menschenköpfe aus, deren Gesichter von einer erschrecklichen Lustigkeit verzerrt waren. Selbst der alte Mann, der vorhin so würdevoll da gesessen, brach in ein lautes schallendes Gelächter aus und blies dabei auf eine wahrhaft erschreckliche Art seinen Bauch und seinen Kopf auf. Dann sprang er auf seine Beine und nachdem er sich eine Zeit lang mit ungemeiner Schnelligkeit wie ein Kreisel herumgedreht hatte, fuhr er mit seinem Kopfe plötzlich dem armen Polizeimeister unter die Augen und warf ihm einen wahrhaft teuflischen Schielblick zu.

Abugosch stand da, anfänglich, wie er selbst glaubte, vor Schrecken erstarrt, doch als er sich an seine gespenstigen Umgebungen ein Bischen gewöhnt hatte, und den Versuch machte, sich umzudrehen, denn es wandelte ihn jetzt die Lust an, sich davon zu machen, weil er als Polizeimeister des Kalifen doch gerade nicht für seine Pflicht hielt, sich mit Geistern und Kobolden abzugeben – fühlte er auf einmal, daß nicht der Schrecken, wohl aber eine unsichtbare Macht ihn an die Stelle, wo er stand, gefesselt hielt. Vergebens versuchte er, eine Bewegung zu machen, den Fuß vorzusetzen oder auch nur den Kopf zu drehen, es war ihm unmöglich, und das Traurigste hiebei war noch, daß ihn bei jedem Versuch der Art, die Gespenster laut lachend angrinsten und sich an seinen Bemühungen ergötzten, wie es unartige Knaben mit einem gespießten Schmetterling zu machen pflegen.

Jetzt hatte sich der alte Mann auf seinen Divan niedergesetzt und seine vorige ruhige und ernste Haltung wieder angenommen.

»Abugosch,« sprach er mit lauter Stimme, »du bist uns verfallen! Was hast du in diesen Nächten auf der Straße zu thun und warum drängst du dich in unsere Zusammenkünfte? Wenn auch jedes Wesen, das da lebt zwischen Himmel und Erde, sowie auf und in derselben seine Pflicht thun muß, so ist doch eine Ausübung derselben zur Qual seiner Mitgeschöpfe, wie du es gethan, noch weit verwerflicher und strafbarer als die Unterlassung derselben. Abugosch, ich habe dich gewarnt, doch du hast mir nicht gefolgt. Was ging dich unser Treiben an? Kommen wir auch wohl des Nachts zu euch und dringen in die Gemächer, um euren Schlaf und eure Träume zu stören? Nein, wir bleiben still für uns, und wenn wir uns den Menschen nähern, so geschieht es gewöhnlich, um ihnen nach Verdienst Gutes zu thun. Doch nicht einmal genug, daß du uns hier belästigt und gestört hast, so bist du auch obendrein noch so weit gegangen, mit deiner armseligen Waffe uns verletzen zu wollen und für alles dies wollen wir dich nach Fug und Recht bestrafen.«

Den Schluß dieser Rede begrüßte der ganze Chor der Geister, die dicht umherstanden, mit einem lauten Jauchzen und Alle murmelten durcheinander: »ja, bestraft soll er werden! Er soll bestraft werden!'

»Was meint ihr, meine Freunde,« fuhr der Alte fort, »sollen wir ihn mitnehmen und tief unter der Erde anketten?«

»Nein, nein,« heulten die Andern, »wir wollen ihn nicht unter uns haben; er würde uns gegenseitig belauschen und Einen an den Andern verrathen.«

»So wollen wir ihn hier oben lassen,« sprach der alte Mann auf's Neue, »und ihn in seiner jetzigen Gestalt zu Stein verwandeln, damit seine Mitgeschöpfe sehen, wie es einem Polizeimeister ergangen, der grausam war, wie dieser und zur Qual anderer Menschen mehr als seine Pflicht gethan und als nöthig war.«

Einen Augenblick murmelten die Geister untereinander und endlich sagte Einer: »verwandle ihn nicht zu Stein, o Herr, denn der Stein ist fühllos und kalt, und wenn dieser hier wirklich bestraft werden soll, so muß er fühlen, was um ihn her vorgeht, er muß gezwungen sein, unter den Menschen zu leben, er muß ihre kleinen und großen Fehler sehen, ohne dabei die Macht zu haben, wie sonst, grausam und übermüthig aufzutreten. Deßhalb, o Herr, verwandle ihn in ein Thier!«

»Ja, ja,« jauchzte der ganze Chor, »in ein Thier muß er verwandelt werden und muß einen schlimmen Herrn haben, der ihn quält und martert, wie er sonst seine Untergebenen gequält und gemartert hat.«

»Ja, so soll es sein,« nahm der alte Mann wieder das Wort. »Du siehst,« wandte er sich an Abugosch, »daß wir gnädig mit dir verfahren und dir nicht das Leben nehmen. Wir wollen dich nur zu deinem eigenen Nutzen, zu deiner Besserung in ein Thier verwandeln, damit du schon hier auf Erden eine Zeit der Buße verlebst und damit dir der Prophet dereinst deine begangenen Sünden nicht so hoch anrechnen möge. Meine Freunde,« rief nun der Alte mit lauter Stimme, »was meint ihr dazu, wenn wir den Polizeimeister in einen Esel verwandelten?« Dieser Vorschlag schien den Geistern und Kobolden so überaus gerecht und passend, daß sie in ein unerhörtes Jauchzen ausbrachen und in der Freude ihres Herzens die außerordentlichsten Dinge begingen. Einige sprangen hoch in die Luft und zausten sich da oben zu ihrem Vergnügen eine Zeit lang herum, ehe sie wieder herabfielen. Andere faßten sich bei den Händen und drehten sich wie rasend im Kreise um den Polizeimeister, der regungslos da stand und der, obgleich er wohl diese schrecklichen Verhandlungen über sein zukünftiges Schicksal mit anhörte, doch nicht im Stande war, ein Glied seines Körpers zu regen.

»Wohlan denn,« fuhr der alte Mann fort, »so sei es denn, wie ich gesagt. Abugosch, ich, jetzt dein Herr, verwandle dich in einen Esel zur Strafe für alle die überflüssigen Quälereien, die du an deinen Mitgeschöpfen verübt hast.« Darauf fügte der Alte noch einige schauerliche und seltsame Beschwörungsworte bei, die ich euch nicht wiederholen kann, die aber so kräftig waren, daß sie die beabsichtigte Wirkung hatten; denn der Polizeimeister ließ sich auf eine höchst seltsame Art auf seine Hände nieder, sein Gesicht wurde lang und spitz und seine Ohren verlängerten sich mit solcher Gewalt, daß sie seinen Turban vom Kopfe stießen. Kurz in weniger Zeit, als ich hier das erzählen kann, wurde aus Abugosch, dem Polizeimeister des Kalifen Mustapha, einer der stattlichsten Esel, den man nur sehen konnte. Doch ließ er seine Ohren betrübt herabhängen und stieß ein lautes ohren- und herzzerreißendes Geschrei aus, als die Geister nach einem Rundtanze, zu welchem selbst der alte Mann mitwirkte, und den sie um seine Person ausführten, mit lautem Gelächter nach allen Richtungen hin verschwanden. – – –«

So erzählte der alte Mann am Wachtfeuer im Lager, und die Andern, worunter auch der Emir el Hadsch, horchten seiner merkwürdigen Erzählung vom Polizeimeister Abugosch mit dem lebhaftesten Interesse. Jetzt aber blickte der Alte an den Himmel hinauf, strich sich mit der Hand durch den langen Bart und meinte, es wäre wohl besser, wenn er für heute seine Erzählung unterbräche und Alle sich noch einige Stunden zur Ruh' begeben. Wenn auch die Andern anfangs dagegen protestirten, so fühlten sie doch bald an ihren schweren Augenlidern, daß sie nur die Geschichte des alten Mannes so lange wach gehalten und daß der Schlaf nicht ausbleiben würde, wenn sie sich jetzt in seine Arme würfen.

Der Emir erkundigte sich bei dem alten Mann, ob und wann er wohl morgen seine Erzählung wieder anfangen würde, und als ihm dieser die Stunde, auch den Theil des Lagers genannt, wo er zu finden sei, so schied der Emir el Hadsch mit dem Gruße des Friedens und begab sich in sein Gezelte, wo er bald entschlief und nicht eher wieder erwachte, als bis ihm der Lärm der Menschen, das Schreien der Kameele und Wiehern der Pferde laut genug verkündigte, der Tag sei angebrochen und die Karawane rüste sich zum Aufbruch. Bald setzte sich auch die Spitze derselben in Bewegung und vielleicht eine Stunde nachher war die gewaltige Menge von Menschen und Thieren in Bewegung und bedeckte wohl eine Stunde in der Länge die Hügel und Thäler der öden sandigen Wüste.

Während dem heutigen Marsche ritt der Emir auf einem Reitkameel häufig durch die Reihen, bald vorn an der Spitze, bald in der Mitte und bald bei den hintern Zügen der Karawane, wobei er sorgsam um sich spähte, ob er nicht den alten Mann entdecken könne, der ihn gestern Nacht so gut unterhalten. Aber vergebens, die Menge war so gewaltig, daß er Tage dazu gebraucht hätte, die kleinen Züge zu übersehen.

Von Sonnenaufgang zog die Karawane, indem sie nur hie und da einen kleinen Halt machte, um die Reihen, die sich auseinanderzogen, wieder zu sammeln, bis Sonnenuntergang, wo bei einem kleinen Palmwalde, in welchem sich eine trinkbare Quelle befand, Halt gemacht wurde. Jetzt wurde abgepackt, durch einander geworfen, geschrieen, gelärmt, gerade wie gestern, und wer die Karawane von einem hohen Berge hätte ansehen können, würde sie für ein buntfarbiges, tausendfüßiges Thier gehalten haben, das, mit seinem Lagerplätze nicht recht zufrieden, sich unruhig wendet und dreht, und sehr langsam ein Glied nach dem andern auf dem Boden ausstreckt. Jetzt ruht der bunte Kopf, und der Körper, eine lange dichte Masse, senkt sich ebenfalls zur Ruhe; doch ist links und rechts an den äußeren Theilen noch Bewegung und es dauert lange, bis sich Alles im Umkreis des Lagers nach den gehabten Strapatzen der Ruhe überläßt.

Jetzt erhob sich der Emir el Hadsch wie gestern von seinem Divan, warf das unscheinbare Kleid über seinen seidenen Anzug, gebrauchte aber heute Abend, eh' er fortging, die Vorsicht, einen Beutel köstlichen Tabaks in seinen Gürtel zu hängen, sowie eine Pfeife unter den Mantel zu nehmen. So gerüstet schritt er in's Lager hinab, und nachdem er eine Zeit lang umhergesucht, fand er endlich den alten Mann mit seinen jungen Begleitern um ein Feuer sitzen und Alle schienen ihn erwartet zu haben.

Der Alte wies ihm einen Platz neben sich an und bot ihm eine Pfeife. Doch der Emir zog seine eigene unter dem Mantel hervor, und reichte seinen Tabak umher, worüber die Andern nicht wenig lachten, indem der Alte meinte, sein Tabak würde ihm wohl in der vergangenen Nacht Kopfschmerzen verursacht haben. Dann wurden alle Pfeifen mit glühenden Kohlen aus dem Feuer angezündet, der Alte that einige mächtige Züge und nahm seine Erzählung von gestern wieder aus.

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