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Friedrich Wilhelm Hackländer: Märchen - Kapitel 6
Quellenangabe
typefairy
authorFriedrich Wilhelm Hackländer
titleMärchen
publisherVerlag von Adolph Krabbe
seriesF. W. Hackländer's Werke
volumeDreizehnter Band/Vierzehnter Band
year1855
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071118
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Weihnachtsmärchen.

Wenn im Winter der Schnee die Aeste der Bäume niederbeugt und der rauhe Nordwind durch die Straßen saust, wenn die Tage kürzer und die Abende länger und immer länger werden, so fragen die Kinder einander: wie viele Sonntage gibt's noch bis Weihnachten? Und da heißt es dann noch vier, später noch drei, endlich zwei und dann gar noch einen, worauf eine andere Rechnung beginnt und die Kinder davon sprechen: wie oft sie noch zu Bett gehen und wieder aufstehen müssen, bis der heilige Christabend da sei. So denken aber alle Kinder, reiche und arme, und wenn für letztere auch keine Tannenbäume geputzt werden und wenn ihnen leider der heilige Christ keine schönen Sachen bescheert, so jubeln sie doch bei dem Glanz der vielen Lichtchen, die überall hervorfunkeln, und erfreuen sich an der kleinen Gabe, sei sie auch noch so gering, die ihnen die armen Eltern bescheeren können. Aber ein solcher Abend ist traurig für das Kind, das keine Eltern und keine Verwandten mehr hat, und das von der Gnade fremder Menschen lebend, am Weihnachtsabend zusehen muß, wie überall schöne Tannenbäume leuchten und überall bescheert wird, ohne daß es mehr davon hat als den bloßen Anblick, und dieser wird ihm oft nicht einmal vergönnt.

Solch ein armes elternloses Kind war zur Zeit, in der unsere wundersame Geschichte spielt, in dem Hause eines reichen Handelsherrn, der selbst viele Kinder hatte und dazu eine böse Stiefmutter, mit der er sich nach dem Tode seiner ersten Frau verheirathete, und die dem Kaufmann noch ein Söhnlein schenkte, das sie auf alle Weise verzog und hätschelte. Wenn es auch der Vater nicht leiden mochte, daß die böse Stiefmutter, wie sie wohl gern gethan hätte, ihren Sohn den andern eigenen Kindern vorzog, und er mit Strenge darauf sah, daß alle gleich gut behandelt wurden, so konnte er es doch nicht dahin bringen, daß der arme elternlose Knabe, welcher Gustav hieß, von der Stiefmutter mit Liebe und Freundlichkeit betrachtet wurde. Wenn er ihr hierüber zuweilen Vorstellungen machte, so pflegte sie zu sagen: »Ah, was, der kleine Balg muß glücklich sein, wenn er Essen und Trinken bekommt und einen Platz zum Schlafen. Das wäre eine ganz neue und seltsame Mode, wenn Bettelkinder verlangen wollten, daß man sie mit Gott weiß welcher Aufmerksamkeit pflegen sollte.« Ach, der arme Gustav verlangte dergleichen nicht und machte nie eine betrübte Miene darüber, wenn er schlechteres Essen und schlechtere Kleider bekam als die übrigen Kinder, nur schmerzte es ihn tief in seinem kleinen Herzen und er konnte nicht begreifen, warum die andern Kinder, die doch gerade so aussahen wie er und doch nicht mehr wußten und konnten als er, es so vielmal besser hatten. Besonders wenn der Weihnachtmorgen kam und die Kinder des Kaufmanns all die wunderbar schönen Sachen zeigten, die sie erhalten hatten, und wenn ihm dann der rechte Sohn der bösen Stiefmutter, der ihn überhaupt nicht leiden konnte, schadenfroh versicherte: für ihn wäre nichts angekommen, denn das Christkindchen dächte an die kleinen Bettelkinder gar nicht, so ward er sehr betrübt und nahm sich jedesmal fest vor, sobald ihm das Christkindlein einmal in den Weg käme, wolle er es anhalten und fragen, warum es ihn denn beständig vergesse.

Jetzt kam wieder einmal ein Weihnachtabend und der arme Gustav erfuhr von den Mägden und Knechten in der Küche, daß in der Mitternacht ein silbernes Glöcklein erklinge und daß alsdann der heilige Christ auf einem kleinen Esel einher geritten komme, um den Kindern all die schönen Sachen zu bescheeren, die sie am andern Morgen auf Tischen und Stühlen ausgebreitet fänden. Aha, dachte er bei sich: heute Nacht wirst du genau Achtung geben, bis das Glöcklein erklingt, und alsdann wirst du dem Christkindlein in den Weg treten und es demüthigst um etwas bitten. Gesagt, gethan; Gustav konnte auf seinem schlechten Lager unter dem Dache aus lauter Erwartung nicht einschlafen und wand sich hin und her, indem er alle Schläge der Uhr zählte. Endlich schlug es zwölfmal und gleich darauf glaubte er unten im Hause ein leises Rascheln, sowie das Klingeln eines Glöckleins zu vernehmen. Leise erhob er sich jetzt von seinem Lager und die Kälte der Nacht, sowie die Erwartung der Dinge, die er schauen würde, machten, daß er fröstelnd mit den Zähnen klapperte. Langsam stieg er die Treppen hinab und horchte überall in dem Hause, aber da war Alles todt und still wie in einer Kirche und auch nicht das leiseste Geräusch ließ sich vernehmen. Endlich sah er eine Thür, die nicht fest verschlossen war und durch welche ein feiner Lichtstrahl ans den Gang fiel. Er näherte sich behutsam und als er die Thür erreicht hatte und durch die Spalte hineinsah, ward er sehr traurig, als er sah, daß er zu spät komme, denn das Christkindlein war schon weggeritten, nachdem es auf allen Tischen die wunderbarsten Sachen aufgestellt hatte.

Anfänglich wollte Gustav, der Arme, wieder auf seine Bodenkammer schleichen, allein er konnte der Neugier nicht widerstehen und öffnete langsam die Thür, um die aufgestellten schönen Sachen näher zu besehen. O Gott, was war da nicht Alles. Verwirrt und überrascht blieb das Kind stehen und ließ seine Blicke lang im Kreis umherschweifen, ehe es ihm möglich war, Alles ruhig anzusehen. Da stand auf dem mittlern Tische ein großer, großer Tannenbaum mit vielen Wachskerzen und einer Menge schöner Sachen. Oben an der Spitze des Baumes waren ein paar große Fahnen von Gold, das leise von dem Zugwind zu rauschen anfing, als der Knabe die Thür öffnete. Unter dem Baum auf dem Tische lagen alle möglichen Spielsachen in bunter Reihe. Hier stand ein großer Frachtwagen mit Kisten und Ballen beladen, und daneben sah man den Fuhrmann, der die Peitsche hochgeschwungen in der Hand hielt, und die Pferde und der Wagen, das war Alles so natürlich gemacht, daß man überzeugt war, sowie die Peitsche anfing zu knallen, würden die Pferde ziehen und lustig davon laufen. Ach und daneben stand gar ein hübscher anderer Wagen, in dem die vornehmen Leute zu fahren pflegen, er war blau angestrichen und hatte rothe Räder, und in demselben saß eine wunderschöne kleine Dame, diese trug ein weiß seidenes Kleid mit Spitzen besetzt; auf dem Kopf hatte sie einen Myrthenkranz mit einem lang herabwallenden Schleier, und sah mit ihrem runden hübschen Gesichtchen den armen Gustav so freundlich an, daß er kaum von ihr wegsehen konnte und sich immer wieder nach ihr zurückwandte. Neben dem Wagen standen ganze Regimenter Zinnsoldaten aufmarschirt, die hatten große Bärenmützen auf und das Gewehr im Arm, und sahen ernst und steif vor sich hin. Vorn waren die Tambours und hielten die Schlegel ihrer Trommeln bereit, um auf das Kommandowort tapfer zuschlagen zu können. Auf der andern Seite des Tisches waren kleine niedliche Häuser, ja eine ganze Stadt, mit Kirchen und Brücken, sogar ein großer Garten war dabei, mit schönen Bäumen und kleinen Fontainen, und in dem Garten standen schön geputzte Menschen, die spazieren gingen; auch waren Jäger da, das Gewehr auf der Schulter, die emsig auf ganze Rudel von Hirschen und Rehen spähten, welche unter den Bäumen umher zu springen schienen.

Jetzt bemerkte Gustav dicht unter dem Tannenbaum eine Figur, vor der er sich anfänglich nicht wenig entsetzte. Sie war noch einmal so groß als die andern, die auf dem Tisch umher standen, und hatte einen unförmlich dicken, fast viereckigen Kopf; das Maul, das sich in diesem Kopfe befand, war selbst für diesen viel zu groß und unförmlich, und obendrein stand es noch weit offen und ließ eine Reihe weißer, scharfer Zähne sehen. Die Augen der Figur waren roth mit einem kleinen schwarzen Flecken und sahen recht grimmig in die Welt hinaus. Die Kleidung des Kerls bestand in einer rothen Hose, kleinen gelben Stiefeln und in einer Husarenjacke. An der Seite hatte er einen großen Säbel, sowie an den Stiefeln unförmliche Sporen. Gustav aber erstaunte noch mehr, als er jetzt bemerkte, daß ihm hinten am Kopf ein unendlich langer Zopf herabhing, der fast bis an die Füße reichte. Dieser grimmig aussehende Mann war aber Niemand anders, als der bekannte Herr Nußknacker, der den Kindein seine scharfen Zähne leiht und sich, so lange er gut gelaunt ist, dazu hergibt, die Nüsse aufzuknacken. Das arme Kind war noch nie in den Fall gekommen, diesen gestrengen Herrn zu benutzen, und da es ihn also nicht kannte, fürchtete es sich sehr vor seinem grimmigen Aeußern. Obgleich ihn Gustav nach näherem Betrachten bald wieder verließ und auf die andere Seite des Tisches zu der kleinen Dame in dem weiß seidenen Kleid trat, die ihn so freundlich ansah, so schielte er doch zuweilen nach dem Nußknacker hinüber, und da kam es ihm dann vor, als drehe dieser die rothen Augen nach ihm hin und schnappe die Zähne auf einander. Aber in dem Zimmer war es so behaglich warm, so angenehm, und der Tannenbaum duftete so lieblich und sonderbar, daß dem Kinde anfingen die Augen zuzufallen. Wenn es jetzt auch daran dachte, wieder in seine Bodenkammer hinauf zu gehen und sich auf sein Bett zu legen, so sah die kleine Dame wieder so lieb und freundlich aus dem Wagen heraus, daß es ihm unmöglich war, von ihr zu scheiden, weßhalb sich Gustav nach einigem Ueberlegen auf eine kleine Bank setzte, die vor dem Tische stand; obgleich er sich fest vornahm, hier nicht einzuschlafen, so nickte er doch bald mit dem Kopfe und seine Augen schloßen sich unwillkürlich.

Da war es ihm plötzlich, als rauschten die goldenen Fahnen stärker auf dem Tannenbaum und die Nadeln der Zweige bewegten sich flüsternd durch einander. Auch schien es ihm, als hebe der Nußknacker seinen Kopf langsam in die Höhe und fletsche zornig seine Zähne gegen den Baum. Selbst die steifen Zinnsoldaten schienen unruhig mit den Füßen zu zucken, als möchten sie gern marschiren, und der Knabe meinte deutlich zusehen, daß sich die Peitsche des Fuhrmanns in der Luft bewege, als wolle sie laut anfangen zu knallen. Einen Augenblick darauf war Alles wieder ruhig, und halb zwischen Schlaf und Wachen, wandte der Knabe seinen Kopf empor zu der schönen Dame im Wagen, und wenn auch sein Mund nichts sprach, so fragte der Schlag seines Herzens: warum der Nußknacker so zornig auf den Tannenbaum schaue und warum Soldaten und Fuhrmann so große Lust bezeugten, lebendig zu werden. Die schöne Dame in dem weiß seidenen Kleid wandte ihren Kopf etwas auf die Seite und flüsterte so leise, daß es klang, als bewegten sich blos die Tannennadeln an dem Baum: »Ach, ach, in dem Moos unter dem Tannenbaum sitzt der böse Zauberer, der uns alle gefangen hält, so daß wir uns nicht bewegen und leben können, und wenn der todt wäre, ja, wenn der todt wäre, so könnten wir uns freuen, wie du, und könnten Beide in die Welt hinaus ziehen, um ein vergnügteres Leben zu führen, als hier unter den Händen der bösen Kinder allmälig zerrissen und verdorben werden.« Bei den letzten Worten schien die schöne kleine Dame ein paar Thränen zu weinen, und man könnte deutlich hören, daß der Nußknacker ingrimmig mit Säbel und Sporen klirrte.

Dem Knaben kam das, was er von dem Zauberer hörte, recht sonderbar vor, und er wollte schon anfangen, sich zu fürchten. Doch plötzlich dachte er sich unter dem Zauberer Jemanden, der die arme kleine Dame quälte, wie auch er von der bösen Stiefmutter im Hause gequält wurde. Und da fühlte er sein kleines Herz so zornig werden, daß er plötzlich erwachte, aufstand und an den Tannenbaum hinlief, um den Zauberer zu suchen, mit dem festen Vorsatz, ihm alsbald den Hals umzudrehen. Es war aber, als entfahre allen Herrschaften auf dem Tische ein leiser Ausruf der Freude und Verwunderung, und als er mit seinen kleinen Händen emsig das Moos unter dem Baume durchwühlte, glaubte er, die junge Dame im weißen Seidenkleid schaue nach ihm hin und nicke freundlich mit dem Kopfe. Lange fand er unter dem Baume nichts Verdächtiges. Endlich zog er aber aus dem Moose eine kleine, kaum zwei Zoll hohe Figur hervor, die keine Beine und keine Arme hatte, wohl aber einen feuerrothen Kopf mit kleinen tückischen Augen und einem Maul, das von einem Ohr bis zum andern ging. »Aha,« dachte Gustav, »das wird der böse Zauberer sein,« und nahm ihn mit auf den Tischrand, denn er hatte doch viel zu viel Gerechtigkeitsgefühl, um den kleinen Kerl, mochte er auch ein noch so schlechter Zauberer sein, ungehört zu verdammen. Er stellte ihn vor sich hin, den Kopf nach oben, ihn allen Ernstes zu befragen, warum er die arme kleine Dame im Wagen, den tapfern Herrn Nußknacker, kurz alle hohen und niedern Herrschaften mit seinem bösen Zauber verfolge und ihnen nicht die Freiheit geben wolle. Doch kaum ließ er die Finger von dem Zauberer ab, so purzelte dieser um und stellte sich wie zum Trotz und Schabernack behende auf seinen rothen Kopf.

Gustav fand ein solches Benehmen höchst unanständig und er sah darin eine Tücke des kleinen Kerls, der ihn wegen seiner Frage auslachen wolle. Er richtete ihn wieder auf, doch so wie er glaubte, ihn recht fest hingestellt zu haben, stürzte er abermals um und noch behender als früher, und es schien dem Knaben, als wackle er mit seinem kleinen Körper aus Bosheit und Trotz hin und her. Jetzt ärgerte sich der Knabe noch mehr über diese Unverschämtheit, nahm ihn zum dritten Mal empor, sprach nochmals zu ihm: »Höre, du böser Zauberer, jetzt gebe ich dir aber allen Ernstes den Rath, laß deine garstigen Grimassen bleiben und sage mir frei und offen: willst du die armen kleinen Leute hier entzaubern oder nicht?« Aber auch zum dritten Mal sprang er auf seinen Kopf und schien den Knaben auszulachen, so daß ihm, wie früher, sein kleiner, unförmlicher Körper in der Lust vor Vergnügen wackelte.

Das war zu arg. Gustav faßte ihn am Kragen und war einen Augenblick unschlüssig, ob er ihm eigenhändig den Hals umdrehen sollte, oder ob es nicht besser wäre, ihn dem ehrenfesten Herrn Nußknacker zu übergeben. Endlich entschied er sich für das Letztere, indem es ihm doch wehe that, ein Wesen zu tödten, und selbst wenn dieses Wesen nur ein Zauberer war, der ihn obendrein noch gar verspottet hatte. Auch schien Nußknacker sein Maul noch weiter aufzureißen als früher und es war, als zitterten seine Zähne ordentlich vor Vergnügen, den Feind zu zermalmen, weßhalb der Knabe den kleinen Zauberer in die Hand nahm und ihn rasch dem Nußknacker in's Maul steckte. Das war ein merkwürdig schrecklicher Augenblick, der dem Knaben fast Thränen entlockt hätte, indem er sah wie der tapfere Nußknacker die entsetzlichsten Anstrengungen machte, sein großes Maul zu schließen, was ihm durchaus nicht gelingen wollte. Er funkelte ingrimmig mit den Augen und Säbel und Sporen klirrten vor unnennbarer Wuth; aber vergebens, er konnte das Maul nicht schließen, um den Zauberer zu zermalmen. Plötzlich fiel dem Knaben ein, ob ihn der schwere Zopf nicht an dieser Bewegung hindere, und um dem Nußknacker zu helfen, daß er den Zauberer tödte, ging er hin und hob den Zopf etwas in die Höhe. Da schlug der Nußknacker die Zähne auf einander, daß es weithin im Zimmer schallte, und öffnete den Mund wieder und schlug sie abermals zusammen, und nachdem er sie auch zum letzten Mal auf einander geklappt hatte, schien er den Zauberer tödtlich getroffen zu haben und mahlte ihn ordentlich mit den Zähnen zusammen, daß es gerade so klang, als sei eine große Kaffeemühle in Bewegung.

Der Knabe stand da und schaute verwundert um sich, denn was er jetzt sah und hörte, so etwas war ihm in seinem Leben nicht vorgekommen. Nachdem der Nußknacker den Zauberer getödtet, jauchzte er vor Freuden laut auf, nahm seinen Säbel unter den Arm und that einen gewaltigen Luftsprung. Dann eilte er zu dem Wagen hin, in welchem die kleine Dame saß, legte die Hand an den Hut und sprach: »Schönste Prinzessin, ich erwarte deine Befehle!« Auch auf dem Tische begann plötzlich ein ganz merkwürdiges Leben. Der Fuhrmann knallte mit seiner Peitsche und die Pferde vor dem Wagen zogen plötzlich an, worauf ihnen aber der Fuhrmann zurief: »O ha hi!« und sie standen augenblicklich und schüttelten sich unter ihren Geschirren vor Vergnügen. Die Tambours vor den Zinnsoldaten schlugen einen kleinen Wirbel und darauf kommandirte einer der Herren Lieutenants: »Gewehr bei Fuß! rührt euch!« und die steifen zinnernen Kerls wurden beweglich, hier besah einer sein Gewehr, dort nahm ein Anderer die Bärenmütze ab und fragte einen Dritten etwas. Vor der Fronte aber stellten sich die Herren Offiziere zusammen und einer versicherte dem andern auf Ehre: das Wetter sei unvergleichlich schön, worauf der andere geistreich entgegnete: es sei ein schönes unvergleichliches Wetter. Auch in dem Garten fing nun plötzlich alles an, lebendig zu werden. Die Bäume schüttelten ihre Aeste, wie vom Wind bewegt, die Hirsche und Rehe sprangen pfeilschnell über die grünen Flächen dahin, und die Jäger setzten ihnen nach mit Hurrahgeschrei und Hörnerklang, ja alle die Gruppen von Leuten, die früher in den Wegen des Gartens standen und nur so thaten, als gingen sie wirklich spazieren, kamen in Bewegung, setzten ihre hölzernen Füße von einander und liefen lustig unter den Bäumen dahin. Der Knabe wußte nicht, was er von Allem dem denken solle, und stand mit gefalteten Händen da, alle die außerordentlichen und wunderbaren Sachen anstaunend; besonders aber interessirte ihn die kleine Dame im weißen Seidenkleid, die sich öfters nach ihm umsah und ihm dann und wann freundlich zunickte, weßhalb er sich auch an der Seite des Tisches hielt, wo ihr Wagen stand.

Nachdem Herr Nußknacker auf dem ganzen Tisch umhergelaufen war und Alles sorgsam angeschaut, trat er zu dem Wagenschlag, legte die Hand abermals an den Hut und sagte: »Gnädigste Prinzessin, der Zauber ist gelöst und das Volk harrt mit Ungeduld deines Befehls, um hinauszuziehen in die Welt. Jeder Augenblick, den wir länger hier verbringen, kann uns auf's Neue gefährlich werden. Drum gib den Befehl, o Prinzessin, zum Aufbruch.« Darauf nickte sie leicht mit dem Kopfe und entgegnete dem Nußknacker: »Hochansehnlicher Getreuer! bevor wir uns von diesem Ort entfernen, ist es nicht mehr als billig, daß ich meinen Dank gegen dies Menschenkind ausspreche, welches durch seine kluge und tapfere That den Zauberer aus seinem Versteck hervorgezogen und ihn dir, edler Nußknacker, zur Bestrafung überliefert hat.« Bei diesen letzten Worten kratzte der Edelste des Reichs hinten aus, daß seine großen Sporen klirrten, und brachte in den gewähltesten Ausdrücken dem armen Knaben den Dank der Prinzessin, sowie des ganzen kleinen Volkes dar, worauf Erstere von ihrem Fingerchen einen ganz kleinen, kleinen goldenen Ring mit einem weißen Steinchen, das wie ein Thautropfen funkelte, abzog und ihn dem Knaben darreichte.

Dieser war äußerst bestürzt, daß ihn die schöne kleine Dame, sowie Zinnsoldaten und Nußknacker, so bald verlassen wollten, und da er sich auch entsetzlich vor Schlägen fürchtete, wenn nämlich morgen früh die böse Frau im Hause aufstand und wenn sie sah, daß alle Sachen fort waren, denn er glaubte nicht anders, als man müßte ihm auf den ersten Blick ansehen können, daß er es gewesen, der sie befreit, so machte er noch ein paar vergebliche Versuche, um sie zum Dableiben zu vermögen. Als aber die kleine Dame traurig ihr Köpfchen schüttelte und als der Edle von Nußknacker auf Ehre versicherte, daß eine fernere Zögerung gefährlich und rein unnütz wäre, so faßte er auf einmal den Vorsatz, die kleinen Leute zu begleiten, worüber die Prinzessin mehr erfreut schien, als Herr Nußknacker. Letzterer machte einige Einwendungen; doch da die kleine Dame dem Knaben alsbald erlaubte, mit zu ziehen, mußte er sein großes Maul zuziehen und durfte ihm höchstens ein paar unfreundliche Blicke zuschleudern, was er auch nicht unterließ.

Alsbald verkündigte Nußknacker dem ganzen Volke, daß ihn die Prinzessin zum Regenten des künftigen Reichs ernannt habe, weßhalb Alles sich bemühen möge, seine Befehle auf's Pünktlichste zu befolgen. Darauf gab er Befehl zum Aufbruch, worauf die Herrn Lieutenants mit ihren Zinnsoldaten unter Trommelschlag vorausmarschirten und Alle stiegen so leicht und behend von den Tischen herunter, als befinde sich von da bis auf den Fußboden die schönste Fahrstraße. Auch manches andere Wunder begab sich noch bei diesem Auszug, indem nämlich von einigen kleinen Kistchen und Schachteln, die bisher verschlossen waren, der Deckel absprang und alle darin befindlichen Figuren ebenfalls anfingen, die Tische hinab zu spazieren. Da kamen die Zünfte mit ihrem Handwerksgeräth, da kam eine ganze Schauspielergesellschaft mit ihrem Oberregisseur an der Spitze und alle erste Helden und Heldinnen gingen paarweise und dann folgten die komischen Personen bis zu den Lampisten herunter. Auch ein Regiment Kürassiere, sowie ein anderes Regiment Dragoner erhoben sich nach und nach und folgten. Der Fuhrmann knallte mit seiner Peitsche, die Pferde zogen an, und hinter dem schwer bepackten Frachtwagen kamen die Spaziergänger aus dem Garten, darauf folgten die Jäger und Jägerburschen, und Hirsche und Rehe sprangen wohlgemuth nebenbei. Nußknacker, dem es nicht anständig erschien, daß er als Regent des Königreichs zu Fuß gehen mußte, ließ sich ein kleines hölzernes Kameel vorführen, welches er bestieg, worauf das arme Thier mit seiner schweren Last geduldig neben dem Wagen einherschritt, in welchem die schöne kleine Dame saß. Gustav hielt sich an der andern Seite, und wenn er auch schon des Wunderbaren heute Nacht genug erlebt hatte, so war er doch nicht wenig erstaunt, als er sah, wie ruhig und behende der ganze Zug die Treppen des Hauses hinab marschirte, und wie sich die Hausthüre von selbst öffnete und sich auch später wieder von selbst schloß, als alle auf der Straße angekommen waren.

Droben im Zimmer aber brannte die Nachtlampe trübe und düster, in den Zweigen des Tannenbaumes rauschte es traurig und die vergoldeten Nüsse und Zuckerwaaren drehten sich seufzend hin und her. Aber aus dem Moos unter dem Baumstamme erhob sich plötzlich der zweite Zauberer, stellte sich vor Ingrimm und Zorn auf den Kopf und fletschte gegen die Abziehenden grimmig die Zähne, indem er leise ausrief: »Wartet nur, ihr Lumpenpack, wartet nur bis morgen!«

Draußen auf der Straße aber herrschte die schönste, klarste Nacht, und wenn auch der Mond um Mitternacht schon untergegangen war, so funkelten die Sterne doch so hell und rein, daß man bei ihrem Schein deutlich alle Wege und Pfade unterscheiden konnte. Das Haus, in welchem Gustav bis jetzt gewohnt, lag fast am Ende der Stadt, weßhalb sich das kleine Volk bald im Freien befand, wo große Wälder und unabsehbare Haiden anfingen. Eng geschlossen marschirte das Militär und war sehr vor einem nächtlichen Ueberfall auf der Hut, und sie hatten daran nicht unrecht, denn furchtbare, riesenhafte Ungeheuer, wie Ratten, Katzen und Hunde, ließen sich hie und da sehen und sprangen zähnefletschend und ingrimmig zuweilen rechts und links gegen das kleine Volk an. Ach, es kostete sogar in dieser Nacht einem kleinen tapfern Lieutenant das Leben; denn er wollte sich auszeichnen, zog sein kleines Säbelchen und sprang aus dem Gliede heraus einer jungen Katze entgegen, die ihn mit rotglühenden Augen anstarrte. Doch Vergebens war sein Heldenmuth und die Kraft seines Armes, das Unthier that einen Schlag mit der Pfote nach ihm und der arme Lieutenant stürzte nieder, indem er sterbend die Worte rief: »Hoch lebe die Prinzessin, sowie der Regent Nußknacker!«

Nach diesem schrecklichen, aber doch zu ersetzenden Verluste – denn es war nur ein aggregirter Herr Lieutenant – zog das kleine Volk ruhig weiter und erreichte bald die Haide, wo sich der Regent Nußknacker mit den Großen des Reichs berieth, was für diese Nacht zu machen sei und wo man einen Zufluchtsort suchen sollte, damit, wenn der Tag anbräche, die entsetzlichen Menschen das arme Volk nicht wieder fänden und zurück in neue Gefangenschaft schleppten. Obgleich es mitten im Winter war, so fühlte Gustav, der munter neben dem Wagen einherspazierte, gar nichts von Kälte, vielmehr war es ihm so angenehm und warm, wie an einem schönen Maitage, besonders wenn er der kleinen freundlichen Dame in die schwarzen Augen blickte. Doch an dem Rathe, der nun gehalten wurde, nahm auch er den lebhaftesten Antheil, denn ihn beunruhigte der Gedanke nicht wenig, daß man morgen früh seine Spur verfolgen und ihn wieder zurück bringen könne. Nach vielem Hin- und Hersprechen sagten die Jäger endlich aus, auf solchen Haiden, wie diese, wo man sich gerade befand, hausen furchtbare Unthiere, die man Füchse nenne, und welche sich unter der Erde die schönsten, kunstvollsten Burgen erbauten, die man nur sehen könne. »Ja,« sagten sie, »tief unter der Erde liegt die Höhle dieses Thiers, auf's Kunstvollste gebaut, mit weiten Nebenkammern versehen, und rund herum laufen große Gänge, die nach verschiedenen Seiten an das Tageslicht führen. Wenn wir solch ein Unthier überwältigen könnten, so hätten wir die schönste Residenz erworben, die man nur sehen kann. Aber,« setzten die Jäger und tapfern Offiziere hinzu, »manches Heldenblut wird dabei fließen.« Doch was war zu thun? Ein Unterkommen für die Nacht mußte gesucht werden; wenn auch die Prinzessin anfänglich nichts davon wissen wollte, daß man das Blut ihrer Unterthanen in einem so ungleichen fürchterlichen Kampfe verspritze, so gab sie doch endlich den Bitten Nußknackers und des gesammten Adels nach, und der Regent schied unter den Truppen die Tapfersten aus, die auf der Haide umher streifen sollten, um die Höhle eines solchen Unthiers aufzufinden.

Der Knabe, der auch schon viel von den Füchsen hatte sprechen hören, daß es böse, garstige Thiere seien, welche des Nachts die Hühner holten, ja, die sogar im Walde Hasen und die armen kleinen Rehe anfielen, wurde von dem Regenten befehligt, die Truppen auf der Haide umher zu führen und die Burg eines solchen Thiers zu suchen. Nußknacker selbst blieb bei dem Wagen zurück, um, wie er sagte, die Prinzessin zu schützen, und ermuthigte die abziehenden Offiziere durch die Aussicht auf glänzende Beförderungen und auf einen Orden mit großem Stern, der noch errichtet werden sollte.

Gustav, der wohl die Wichtigkeit seines Auftrags fühlte, hatte sich nicht so bald von der kleinen schönen Dame verabschiedet, als er dem sämmtlichen Kriegsheer, das er befehligte, den Vorschlag machte, er wolle Soldaten und Offiziere auf seinen Arm nehmen, damit sie, weil er größere Schritte machen könnte, rascher vorwärts kämen.

Es dauerte auch nicht lange, so kamen sie an eine Waldecke, wo der Knabe an einem Rain kleine runde Oeffnungen erblickte, welche die Jäger, die er alsbald auf den Boden setzte, für die Wohnung des Unthiers erklärten. Sogleich setzte Gustav seine Armee ebenfalls auf die Erde, doch als diese sich ordnete, ehe sie zum Angriff ging, fand es sich, daß viele Offiziere fehlten. Ach, diese sonst so Tapfern hatte bei dem Anblick der schrecklichen Höhle eine unnennbare Angst befallen, oder sie hatten sich Gott weiß wohin verirrt, und erst als die Tambours mehrmals einen rasselnden Generalmarsch schlugen, fanden sich einige davon wieder, die sich in den Taschen des Knaben versteckt hatten. Doch behaupteten sie auf Ehre, sie wären wider ihren Willen da hinab gerutscht.

Sogleich wurde die ganze Höhle von allen Seiten umstellt und der Kommandeur der Truppen ließ Freiwillige vortreten, die es wagen wollten, als Vortrab zuerst in die Höhle des Unthiers zu dringen. Bald waren einige zwanzig bärtige Krieger beisammen, alte gediente Soldaten mit großen Bärenmützen, und diese drangen paarweise mit gefälltem Bajonet von allen Seiten in die kleinen Oeffnungen und marschirten langsam vorwärts. Der Knabe hatte einen tüchtigen Prügel ergriffen, den er auf der Erde gefunden, und stellte sich vor das größte der Löcher, um, im Falle der Fuchs erscheinen würde, ihm einen tüchtigen Merks auf die Nase zu versetzen. Die ganze Armee stand um die Höhle herum und war in Erwartung der Dinge, die da kommen konnten, nicht wenig gespannt. Da es wohl möglich sein konnte, daß das Unthier nicht zu Hause war, sondern auf freiem Felde mordlustig nach Beute umher schweifte, so hatte man die Vorsicht gebraucht, auch im Rücken der Armee eine Kette Vorposten auszustellen, und diese wichtige militärische Maßregel bewährte sich heut Abend in ihrer ganzen Tüchtigkeit.

Kaum waren nämlich die tapfern Soldaten im Bauche der Erde verschwunden, so stürzten sich die äußersten Vorposten auf die nächsten, diese wieder auf ihre Vormänner und verkündeten mit lautem Geschrei: das gräßliche Unthier nahe sich in aller Eile. O Gott, wie viele Stoßseufzer und leise Gebete mögen in diesem Augenblicke dem Munde aller tapfern Offiziere und Soldaten entflogen sein! Und in der That, das Ungethüm näherte sich. Leider muß ich hiebei gestehen, daß in diesem großen Augenblicke die meisten Truppenkommandeurs den Kopf verloren. Sie befahlen bunt durch einander bald dies bald das und die armen Soldaten, die am Ende nicht mehr wußten, was hier am besten zu thun sei, folgten dem plötzlichen Triebe, der in ihnen rege wurde, und liefen auf allen Seiten davon. Nur die Jäger und Jägerburschen ahmten nicht dieses glorreiche Beispiel nach, sondern sie versteckten sich hinter große Sträucher und kleine Steine, um das Unthier mit wohl gezielten Schüssen zu empfangen. Richtig, es war der alte Herr Fuchs, der eben nach seiner Wohnung zurückkehren wollte. Von weit her kam er in vollem Laufe, doch mochte er merken, je näher er seiner Höhle kam, daß hier nicht Alles in Richtigkeit sei, genug, er verkleinerte seine Schritte und näherte sich bedachtsam, wobei er sorgfältig um sich her spähte. Der Knabe hatte sich oberhalb des Baumes so versteckt, daß er mit seinem Prügel bis an den Eingang reichen konnte, und da er mehr Muth hatte, als die ganze Nußknacker'sche Armee zusammen genommen, so wich er keinen Fuß breit, sondern ließ den Fuchs ganz nahe kommen, und sobald dieser vor dem Loche angekommen war und eben seinen Kopf hinein stecken wollte, gab er ihm einen so kräftigen Schlag auf die Nase, daß Reinecke sich plötzlich umwandte und nachdem er ein paar Mal seinen schmerzlich berührten Kopf geschüttelt, in langen Sätzen über das Feld davon jagte. Unglücklicher Weise nahm er die Richtung, nach welcher hin der größte Theil der Armee so eben geflohen war, und bald verkündigte dem Knaben ein vielstimmiges Angstgeschrei, daß der Fuchs das Heer erreicht habe. Doch da er sehr auf eilige Flucht bedacht war, so that er keinem dieser Tapfern Schaden, sondern er überrannte nur einige Bataillons Infanterie, sowie einige Schwadronen Dragoner und verschwand dann im eiligsten Laufe in der Nacht.

Als auf diese Art alle Gefahr abgewendet war, so kehrten Offiziere und Soldaten eilig zu dem Fuchsbau zurück, und da mittlerweile aus dem Innern desselben die tapfern Freiwilligen heraus gekommen waren, welche erzählten, daß Alles leer sei und daß das Innere des Berges auf das Passendste mit schönen Gemächern und langen Gängen versehen sei, so schickte man eilig einige Reitende mit dieser frohen Botschaft an den Regenten Nußknacker ab, der auch wenige Zeit darauf auf seinem Kameel mit einiger Reiterei erschien. Ihm folgte die Prinzessin in ihrem Wagen, sowie der ganze Troß und Alles fiel, bei dem Fuchsbau angekommen, einander vor Freuden in die Arme, daß nun alle Noth vorüber sei und man eine so stattliche Residenz erobert habe.

Der Regent ließ die Freiwilligen vortreten und in Betreff der außerordentlichen Verdienste, die sie in dieser Nacht dem Staate geleistet, ließ er sich herab, sie eigenmündig zu loben, sämmtliche Offiziere aber, diejenigen mit eingerechnet, die davon gelaufen waren, wurden zu Rittern des neu zu errichtenden Ordens ernannt, dessen Großkreuz sich der Edle von Nußknacker natürlicher Weise selbst ertheilte.

Der Knabe, der an dem glücklichen Erfolg in dieser Nacht eigentlich das Meiste beigetragen hatte, wunderte sich sehr, von dem Regenten Nußknacker kein Lob zu erhalten, und war nicht wenig erstaunt, als ihm befohlen wurde, seinen Prügel bei Seite zu legen, – eine Behandlungsweise, die ihn sehr schmerzte. Doch fühlte er sich einigermaßen dadurch getröstet, daß ihm die kleine Dame mit ihrem freundlichen Gesichtchen zunickte; auch glaubte er zu bemerken, daß ihr Blick nicht mehr so heiter sei, wie früher, und es schien ihm, als sei ihr Auge mit Thränen angefüllt und als seufzte sie tief auf. Der Regent kletterte von seinem Kameel herab und befahl den Fuhrleuten, die mit Kisten und Kasten auf ihren Wagen da standen, in die Höhle hinein zu fahren, die Handwerker mußten folgen, um, so gut es die Zeit erlaubte, das Innere für die Prinzessin einzurichten. Mit einer unglaublichen Schnelligkeit arbeiteten die kleinen Männer und man hörte sie hämmern und sägen, daß es eine Freude war. Die Soldaten mußten ebenfalls helfen, die Gänge, die in das Innere des Baues führten, zu reinigen und sie eben und fahrbar zu machen. Auch wurden zahlreiche Schildwachen ausgesucht, die sich vor allen Oeffnungen aufpflanzen mußten, und als dies besorgt war, befahl der Regent, Alles solle hinabziehen, worauf er selbst sein Kameel wieder bestieg und vor den Wagen der Prinzessin ritt.

Der arme Knabe, der alle diese Anstalten mit ansah, merkte wohl, daß er hier zurückbleiben müsse, weßhalb er sich betrübt dem Wagen näherte und zu der kleinen hübschen Dame sagte: »ach, schönste Prinzessin, was soll denn aus mir werden? wollt ihr mich zurück lassen, allein hier auf der Erde und in der Nacht, die mich vor Kälte tödten wird, sobald du entschwunden bist, du, deren guter, freundlicher Blick mich allein erwärmte.«

Bei diesen Worten wandte sich der Regent auf seinem Kameel herum und sagte dem Knaben in ziemlich hochmüthigem Tone: »im Namen des Reichs danken Wir dir für den Dienst, den du Uns erwiesen. Du hast deine Schuldigkeit gethan und Wir bleiben dir wohl gewogen Zeit Unseres Lebens.«

Der Knabe, der nicht auf den Regenten sah, bemerkte, wie bei diesen Worten das Gesicht der kleinen Dame noch trauriger wurde als früher und sah, daß wirklich große Thränen ihren Wangen entströmten. Sie reichte ihm ihre kleine weiße Hand und sagte leise: »ach, mein lieber Freund, ich werde dich gewiß wieder sehen;« worauf der edle Nußknacker ein Zeichen mit seiner Hand gab, die Pferde zogen an und blitzschnell verschwand der Wagen im Innern der Höhle. Darauf marschirten auch die Soldaten in gleichen Reihen hinten drein, zuerst die Infanterie, dann die Kavallerie, darauf folgten die Jäger und Jägerburschen und selbst die Rehe und Hirsche, die sich vor den Gewehren nicht zu fürchten schienen, eilten in den Bauch der Höhle hinab, und bald war Alles von der Erde verschwunden. Eine Zeitlang hörte man noch das Rasseln der Wagen, den gleichmäßigen Tritt der Soldaten, der immer entfernter klang und immer dumpfer und dumpfer wurde, und endlich war Alles still.

Erstaunt sah der Knabe um sich und bemerkte jetzt erst, mit welch' durchdringender Kälte der Morgen herannahe, und zitternd vor Frost schaute er betrübt auf der weiten Haide umher. Was sollte er machen? Obgleich ihm die ganze Begebenheit dieser Nacht so wunderbar vorkam, daß er geneigt war, sie für einen schönen Traum zu halten, so war er doch anderer Seits zu sehr von der Wirklichkeit des Erlebten überzeugt, um nicht fürchten zu müssen, bei seiner Zurückkunft von der bösen Frau des Hauses und den Kindern arg mißhandelt zu werden, da man ihn wahrscheinlich für einen Dieb halten würde, der alle diese Sachen gestohlen und fortgeschleppt.

Leider hatte er nur zu richtig geahnet. Als nämlich kaum der Tag graute, stand die böse Frau im Hause von ihrem Lager auf und ging in die Bodenkammer, wo der arme Gustav gewöhnlich schlief, um ihn zu erwecken, damit er ihr Wasser hole und das Feuer anmache. Doch sie war nicht wenig erstaunt, das Lager leer zu finden. »Ei, ei,« dachte sie, »ist der einmal fleißig geworden; wird wahrscheinlich schon an den Brunnen gegangen sein, um sich da zu waschen.« Sie stieg die Treppen wieder hinab und sah in den Hof, doch da war kein Knabe zu sehen noch zu hören. Noch eine kleine Weile wartete sie auf ihn, dann schüttelte sie zornig den Kopf und suchte sich einen Stock hervor, womit sie ihn tüchtig schlagen wolle, wenn er zurück käme. Da er aber auch nach einer kleinen Weile noch nicht kam, ging sie nach dem Zimmer, wo der Weihnachtsbaum und die schönen Sachen alle standen, um dort selbst Feuer anzumachen. Doch wer beschreibt ihren Schrecken, als sie hereintrat und von all' den schönen Spielsachen, die sie gestern eingekauft und aufgestellt hatte, auch nicht eine Spur mehr fand. Anfänglich glaubte sie, sie sähe nicht recht, weßhalb sie die Fenster weit aufriß. Doch das half nichts. Alles war und blieb verschwunden.

Jetzt eilte sie zu ihrem Manne hin, der, von ihrem Geschrei erschreckt, in die Kleider fuhr und schnell nach dem Zimmer eilte, wo er aber ebenso wenig sah, wie seine Frau. Auch die Kinder wurden von dem Lärmen wach, liefen den Eltern nach, und wenn sie auch der große Tannenbaum nicht wenig freute, so fingen sie doch laut an zu heulen und zu schreien, als ihnen die Frau Mama von den schönen Spielsachen sprach, die der Christ in dieser Nacht gebracht und die nun alle verschwunden wären.

Im ersten Augenblick dieses Schreckens hatte die Frau vergessen, daß der arme Gustav noch immer nicht da sei. Doch jetzt dachte sie plötzlich daran und rief laut ans: er hätte die Sachen gestohlen und Gott weiß wohin gebracht. Auch dem Manne, als er gehört, daß der Knabe fort sei, schien diese Beschuldigung sehr gegründet, und die Kinder schrieen und jammerten und versicherten, daß Niemand anders im Stande sei, so etwas zu thun, als der Gustav.

Sogleich machte man Anstalten, ihn zu verfolgen und wieder einzuholen, und die Bedienten und Mägde wurden zu seiner Verfolgung alle in die Stadt hinausgesandt, und selbst der Herr des Hauses machte Anstalten, den Knaben ebenfalls suchen zu helfen. Die Kinder, nachdem sie sich satt geschrieen und geweint, suchten überall unter dem Moos, das den Tannenbaum umgab, und endlich hatte eins eine sonderbare Gestalt gefunden, die es hervorzog und den Andern zeigte. Es war ein kleines Ding, das keine Arme und Beine hatte, wohl aber ein rothes Gesicht wie ein Mensch und in demselben ein großes Maul und kleine grüne Augen. Die Kinder besahen es, stellten es vor sich hin und ergötzten sich nicht wenig, als sie sahen, daß sich das Ding auf den Kopf stellte und mit den Beinen oben hin und her wackelte. Als der Vater aber sah, daß von der ganzen Weihnachtsbescheerung nichts übrig geblieben war, wie dieser einzige garstige Purzelmann, ward er so zornig, daß er ihn in die Hand nahm und zerbrechen wollte. Ach, hätte er es nur gethan, so wäre es weit besser gewesen. Aber die Kinder baten so inständig, er möchte dem armen Kerl nichts zu Leide thun, daß er ihm nicht den Kragen umdrehte, sondern ihn ohne Absicht in seine Tasche gleiten ließ. Hierauf nahm er seinen Hut und Stock und eilte vor das Haus, um ebenfalls nach dem fortgelaufenen Knaben zu suchen.

Unterdessen war es Tag geworden, so daß man alle Gegenstände erkennen konnte. Wenige Schritte vor dem Hause auf dem Boden bemerkte er etwas Glänzendes. Er hob es auf und sah mit Erstaunen, daß es ein Offizier der Zinnsoldaten war, dem aber der Kopf jämmerlich auf einer Seite herabhing. »Aha,« dachte er, »hier werde ich auf der rechten Spur sein,« und leider war es auch, als führe ihn eine unsichtbare Macht, denn er folgte genau allen Straßen, die das kleine Volk heute Nacht gegangen war, kam auf die Haide hinaus und sah bald den armen Knaben, wie er auf dem Fuchsbau lag und vor Kälte eingeschlafen war.

Unsanft rüttelte er ihn empor und den Schrecken Gustavs kann man sich leicht denken. Es half ihm nichts, daß er auf seine Knie niederfiel und um Erbarmen und Schonung flehte, sondern der Vater nahm den Stock, womit der Knabe heute Nacht auf den Fuchs geschlagen, und prügelte ihn weidlich damit durch, wobei er immerfort rief: er solle gestehen, wohin er alle die schonen Spielsachen gebracht habe. Umsonst versicherte der Knabe: er habe sie nicht mitgenommen,– und das log er nicht, denn sie waren ja von selbst gegangen – der Vater behauptete, er sei ein schlechter Dieb und zerrte ihn am Kragen mit nach Hause, wo ihn die Stiefmutter mit einer zweiten Tracht Prügel empfing, ihn darauf in ein dunkles Kellerloch sperrte, wo er so lange sollte sitzen bleiben, bis er gestände, was aus den schönen Spielsachen allen geworden sei.

Als der Vater wieder ruhiger geworden war, verlangten die Kinder, er solle ihnen das Purzelmännchen, das er vorhin in die Tasche gesteckt, wieder geben; aber vergebens suchte er überall nach, es war nicht mehr zu finden. Doch da er glaubte, er habe es auf dem Platz, wo er den Knaben gefunden, verloren, so schickte er die Kinder dorthin, daß sie den kleinen garstigen Kerl suchen möchten. Nach einiger Zeit kehrten sie aber zurück, ohne ihn gefunden zu haben. Doch brachten sie eine ganze Menge Zinnsoldaten mit, die, wie sie erzählten, an verschiedenen kleinen Oeffnungen des Hügels gelegen hätten. Jetzt ward es der bösen Stiefmutter klar, daß der Knabe das sämmtliche Spielzeug gestohlen und mitgenommen habe, und sie drang mit Schlägen und Scheltworten in ihn, damit er die Wahrheit gestehen solle. Ach, das Kellerloch, in welchem der arme Gustav gefangen saß, war entsetzlich dumpf und schauerlich. Obgleich es ihm recht lieb gewesen wäre, wenn man den Regenten Nußknacker und die ganze übrige Sippschaft wieder bekommen hätte, so mußte er dagegen bittere Thränen weinen, wenn er sich vorstellte, daß man auch die arme kleine Dame zurückbringen würde, ohne das freundliche Lächeln, mit dem sie ihn angeschaut, nachdem sie lebendig geworden, und wenn er bedachte, daß die unartigen Kinder des Hauses sie hin und her werfen, ihr schönes, allerliebstes Gesichtchen zerbrechen und das herrliche weiße Seidenkleid beschmutzen würden. Endlich aber verfiel er auf einen Ausweg. Er gestand der bösen Stiefmutter, daß er wohl wisse, wo die Spielsachen hingekommen seien, und daß er sie wieder holen würde, wenn man ihn allein gehen ließe; wolle man das aber nicht thun, so würde er sich eher todt schlagen lassen, ehe er ferner das Geringste sage. Dabei hatte er die Hoffnung, er könnte vielleicht eines der Löcher, die in den Fuchsbau hineinführten, erweitern und selbst nachkriechen, um den Regenten Nußknacker und das ganze Volk gefangen zu nehmen. Doch nahm er sich fest vor, die kleine weiße Dame nicht zurückzubringen, sondern sie lieber für immer in dem Erdpalaste zu lassen, als sie in die Hand der bösen Menschen zu geben. Als die Stiefmutter sah, daß nichts mit ihm anzufangen sei, ließ sie dem armen Knaben seinen Willen und er ging mit einem kleinen Spaten hinaus ans die Haide, um dort sogleich seine Arbeit auch anzufangen. Doch wer beschreibt sein Erstaunen und seinen Schrecken, als er sah, daß vor dem Fuchsbau ein Jäger stand und um ihn herum mehrere kleine Hunde, die sich bemühten, in die Oeffnungen des Fuchsbaues hineinzukriechen. Der Jäger, schon ein alter Mann, hatte ein sehr freundliches, ehrwürdiges Gesicht, und bot dem Knaben einen guten Morgen, worauf dieser seine Hand ergriff und ihn um Gotteswillen bat, die Hunde nicht in den Berg hinein zu lassen. Der Jäger sagte darauf lächelnd zu dem Knaben: er könne ihm nicht gut seinen Willen thun, indem sich in dem Baue ein mächtiger Fuchs befände, der im Wald schon sehr vielen Schaden gethan und dessen man wunderbarer Weise nie habe habhaft werden können. Der alte Mann erzählte das aber so freundlich, und erregte überhaupt in dem Knaben ein solches Zutrauen, daß dieser ihm mit wenigen Worten die sonderbare Begebenheit der vergangenen Nacht erzählte. Der Jäger horchte aufmerksam zu und wurde sichtlich gerührt, als ihm der Knabe in seiner Unschuld sagte, wie er in der Nacht den heiligen Christ habe ansprechen wollen, daß er ihm doch auch möge einmal ein kleines Geschenk mitbringen. Zwar schüttelte er anfänglich bei der Erzählung von den wandernden Spielsachen den Kopf; doch der Knabe versicherte die Wahrheit derselben so hoch und theuer, daß der Jäger nicht wußte, was er denken sollte, sich aber, durch die Bitten des Knaben bewogen, nach seinen Hunden umsah, um sie von dem Fuchsbau abzuhalten.

Doch, es war zu spät, sie waren schon zu den Oeffnungen hineingedrungen und man hörte sie im Innern der Höhle tüchtig knurren und bellen.

»Ach,« rief der Knabe, »jetzt ist Alles, Alles verloren. Sie werden die arme schöne kleine Dame in dem weißen Seidenkleid todt beißen, jene arme liebe kleine Dame, die mir so freundlich ihre Hand gab; und sie, die sich so gefürchtet hat, von den Händen der Kinder beschmutzt zu werden, wird jetzt von den Hunden zerrissen.«

Der alte Mann, durch den Jammer des Knaben gerührt, nahm eine kleine silberne Pfeife aus seinem Gürtel, und nachdem er seine Hunde einige Mal bei ihren Namen gerufen, pfiff er dreimal, um sie zum schleunigen Zurückkommen zu bewegen. Jetzt wurde das Bellen und Lärmen der Hunde in dem Fuchsbau immer heftiger, und man konnte deutlich hören, daß sie etwas vor sich hatten, womit sie sich tüchtig herum balgten. Aber dennoch kamen sie immer näher an die Oberfläche der Erde und jetzt kroch einer der Hunde aus der Oeffnung hervor, und wer beschreibt das Erstaunen des Knaben, als er in der Figur, die er nach sich schleppte, den tapfern Regenten von Nußknacker erkannte, der aber mit seinen unförmlichen Gliedmaßen und dem dicken Kopfe regungslos auf dem Sande liegen blieb. Gustav sprang hinzu, hob ihn empor und zeigte ihn dem Jäger. Ach, es war keine Spur von Leben mehr in ihm zu entdecken. Der Zopf hinten stand ihm ungewöhnlich in die Höhe, seine Kinnladen waren auf einander gepreßt und als der Knabe sie öffnen wollte, fand er, daß das Gelenk derselben zerbrochen und unbrauchbar war.

So unfreundlich auch der Regent den armen Gustav behandelt hatte, so hätte ihm dieser dennoch eine Thräne des Mitleids geweiht, wenn er nicht plötzlich bedacht, daß der schändliche Nußknacker die arme Prinzessin verlassen habe und daß diese nun wahrscheinlich auch getödtet wäre. Jetzt kroch ein Hund nach dem andern hervor und seltsamer Weise schleppte jeder eine Menge der verschwundenen Spielsachen herbei. Der eine hatte einen ganzen Haufen Zinnsoldaten zusammengescharrt und die armen Kerls lagen da, steif und starr, das Gewehr im Arm, die Bärenmütze auf dem Kopf und rührten sich nicht. Ein anderer hatte ein Pferd beim Hals gefaßt und schleppte so den ganzen Zug des Fuhrmanns sammt Wagen und Allem, was darauf war, hervor. Ein dritter zerrte eine ganze Menge harmloser Spaziergänger hervor, kurz, die Hunde brachten, nach und nach die sämmtlichen Spielsachen, und der Knabe fürchtete jeden Augenblick, daß auch die arme kleine Dame erscheinen würde, zerzaust und häßlich zugerichtet, wie alle übrigen Sachen. Doch sie kam immer noch nicht zum Vorschein. Jetzt erschien auch der letzte Hund in einer der Oeffnungen und Gustav fürchtete schon, er werde die arme Prinzessin heranschleifen, aber an ihrer Statt hatte er eine kleine Figur in seinem Maul, die ihm der Knabe hastig abnahm, denn sie sah gerade aus, wie der kleine boshafte Kerl, der sich heute Nacht so trotzig vor ihm auf den Kopf gestellt hatte. Ach, dachte Gustav bei sich, das ist ja der böse Zauberer, der ist gewiß Schuld daran, daß man mich hier aufgefunden hat, und auch, daß alle die armen Figuren wieder todt und starr geworden sind, und von einem plötzlichen Zorn übermeistert, riß er ihm seinen rothen Kopf herunter und warf ihn weit weg. Da schien es, als zucken alle die Figuren, die todt am Boden lagen, noch einmal ein wenig empor, ja, der Edle von Nußknacker machte einen vergeblichen Versuch, seine großen Kinnladen zu öffnen, aber der Lebensfunke war aus ihnen gewichen und alle blieben starr und todt.

Jetzt raffte der Knabe alle die Spielsachen zusammen und that sie in ein Tuch hinein, das er mitgebracht hatte. Der Jäger scharrte die Oeffnungen des Fuchsbaues nach allen Seiten hin zu und machte mit seinem Hirschfänger ein sonderbares Zeichen davor, was, wie er sagte, alle Thiere abhalten werde, je wieder da hinein zu kriechen, »damit,« setzte er lächelnd hinzu, »deine arme kleine Prinzessin in ihrem Schlafe nicht gestört werde.«

Dem alten Manne hatte die Theilnahme gefallen, die der Kleine an den leblosen Figuren genommen, überhaupt schien er an dem offenen freundlichen Wesen des Knaben seine Freude zu haben und er ging mit ihm in die Stadt hinein bis in das Haus des Kaufmanns, wo die böse Frau beim Anblick der verdorbenen Spielsachen gleich wieder mit Scheltworten und Schlägen über Gustav herfallen wollte. Doch der Jäger verwies ihr mit rauhen Worten ihre Heftigkeit, worüber sie sich sehr erzürnte und ihn fragte, was er sich in fremde Sachen zu mischen habe, die ihn nichts angingen. Als aber der Jäger hierauf erwiderte, er sei der Förster aus dem benachbarten Walde und er wolle den Knaben mit sich nehmen, um ihn auch zu einem tüchtigen Jäger zu erziehen, wurde das böse Weib freundlicher, und da sie bedachte, daß sie auf eine bessere Art des Knaben nie los werden könne, überredete sie ihren Mann und Beide willigten zur großen Freude Gustavs ein, der den alten freundlichen Jäger in kurzer Zeit sehr lieb gewonnen hatte.

Sogleich gingen sie mit einander fort, und als sie draußen auf der Haide zu dem Fuchsbau kamen, blieb der Knabe noch einen Augenblick stehen, faltete seine Hände und schaute den Hügel an, wehmüthig und traurig, wie man ein Grab betrachtet; ach für ihn war es ja auch ein Grab, denn dort unten lag die schöne kleine Dame, in ihrem weißen Seidenkleid mit dem kleinen freundlichen Gesichtchen und war vielleicht wieder kalt und todt geworden, wie alle übrigen Figuren, Vielleicht aber schlief sie auch nur und träumte. Jetzt nahm der alte Jäger den Knaben bei der Hand und Beide schritten rüstig über die Haide fort dem Walde zu. Unterwegs aber mußte Gustav nochmals die Geschichte der vergangenen Nacht erzählen, und der Alte, der Anfangs nicht recht geglaubt hatte, was ihm der Knabe über die wandernden Spielsachen erzählt, schüttelte den Kopf und sagte: »Mein Kind, du hast ein empfängliches Gemüth für die Dinge, die die Phantasie eines gewöhnlichen Menschen unberührt lassen; für dich wird deßhalb der Wald ein aufgeschlagenes Buch sein und du wirst aus dem Rauschen der Blätter, aus dem Dufte der Nachtviolen, aus dem Rieseln der Bergwasser und aus so manch tausend andern Sachen des Schönen und Seltsamen viel verstehen und erkennen lernen. O der Wald ist so schön, so heilig schön!«

So gelangten sie endlich, als die Sonne Nachmittags abwärts zu steigen begann, an das Haus des Försters, das auf einem Hügel mitten im Walde lag. Ach, wenn auch der Winter die armen Bäume ihres schönen Schmuckes beraubt hatte, und sie mit ihren nackten Aesten traurig dastanden und vor Frost zitterten, so fand es der Knabe doch unter ihnen viel schöner und herrlicher, als früher zwischen den dunkeln Häusern der Stadt. Hier im Walde war der Boden mit weißem Schnee bedeckt, aus dem nur kleine schwarze Sträucher und Moose, denen Bruder Wind auf ihre Bitte den Schnee von den Blättern abgekehrt, neugierig empor schauten. Die Aeste der großen Bäume, besonders der Tannen, waren von dem Schnee beschwert und hingen tief herab, und doch sah man unter ihnen hinweg weit, weit in den Wald hinein. Wie dort die Rehe so lustig hin und her sprangen und zuweilen ein starker, stattlicher Hirsch, nachdem er eine Zeit lang stehen geblieben war, um auf die knarrenden Fußtritte der näher Kommenden zu horchen, jetzt auf einmal mit ein paar großen Sätzen verschwand.

Langsam sank die Sonne hinab und warf ihre rothglühenden Strahlen mächtig in den Wald hinein, so daß die eine Seite der Bäume wie vergoldet aussah. Aus den Thälern empor stieg ein feiner blauer Duft, der sich immer dunkler und grauer färbte, und als die beiden Wanderer nahe bei dem Jägerhause waren, waren die Nebel schon ganz dunkel und nächtlich geworden, und zwischen ihnen durch schimmerte wie ein leitender Stern ein Licht in den Wald hinaus, das der Jäger dem Knaben mit den Worten zeigte, daß sie dort, wo es glänze, wohnen würden. Als sie näherkamen, fingen große Hunde laut an zu bellen und sprangen den Ankommenden lustig entgegen. Eine alte Frau, die Schwester des Jägers, öffnete die Thüre und als ihr der Bruder die Geschichte des Knaben erzählte, wie er ihn aus den Händen der bösen Frau fortgenommen, strich sie ihm freundlich die Haare aus dem Gesicht und hieß ihn herzlich willkommen. Ach, dem armen Gustav war es noch nie so wohl und heimlich gewesen, wie heute Abend im Jägerhause. Er durfte sich um das hell lodernde Feuer setzen, und statt der Scheltworte, die er früher immer erhalten, gab ihm der Jäger auf seine kindlichen Fragen freundlich Bescheid und plauderte mit ihm; selbst die großen Hunde kamen an ihn heran, legten ihre Köpfe zutraulich auf seine Knie und sahen ihn so treuherzig mit den großen glänzenden Augen an.

Als es darauf Zeit zum Schlafengehen wurde, wies man ihn nicht, wie in dem Hause des Kaufmanns, unter das Dach auf einen elenden Strohsack, sondern die Schwester des Jägers machte ihm in einem netten Kämmerchen ein kleines Bett zurecht, wo er die Nacht schlafen konnte, und darauf wünschte sie ihm eine gute Nacht, was ihm in seinem Leben zum ersten Mal widerfahren war, und er entschlief sanft und ruhig.

Wohl keine Nacht hatte er so gut geschlafen, wie diese, und er träumte von allerhand schönen Sachen und zuweilen erschien ihm auch im Traume der Regent Nußknacker, grinste mit den Zähnen gegen ihn und sagte hohnlachend: »siehst du, wir werden freilich jetzt von den Händen der bösen Kinder zerrissen, aber die gnädige Prinzessin ruht tief im Berge und du wirst sie auch nicht mehr zu sehen bekommen. Ha, ha, ha!« Ach das machte den Knaben sehr traurig und er fühlte im Schlaf, wie ihm die Thränen über das Gesicht hinabliefen; aber dann verschwand der Nußknacker plötzlich wieder und er sah die kleine Dame, auf den seidenen Polstern ihres Wagens liegend, den Kopf in die Hand gestützt und ruhig schlafend. Der Kutscher vorn auf dem Bock hatte ebenfalls seinen Kopf auf die Brust gelegt, und auch die Pferde standen da mit geschlossenen Augen.

Aber die Sonne des freundlichen Wintermorgens verscheuchte tiefe bunten Träume von dem Lager des Knaben, und er erwachte froh und heiter. Bald rief ihm der Jäger und nahm ihn mit hinaus in den Wald, wo er ihn überall umher führte und ihm hier zeigte, wie die kleinen Bäumchen aus der Erde empor wachsen, und ihm dort auf dem Schnee die Spuren der verschiedenen Thiere erklärte, und ihm sagte, da sei der Edelhirsch gelaufen, das sei die Spur eines Rehes und dort sei der Meister Fuchs umher gesprungen, nachdem er wahrscheinlich ein Huhn oder gar ein junges Häslein getödtet. So aufmerksam der Knabe alle diese Lehren anhörte und sich merkte, so interessirte er sich doch am meisten für die Spuren des Fuchses und lernte sie am ehesten kennen; denn dabei dachte er immer der kleinen hübschen Dame, wie er sie vielleicht einmal wieder finden könne, da es doch wohl möglich sei, daß der alte Herr Fuchs seinen Bau aufsuchen und wieder zugänglich machen werde.

Der alte Jäger blieb sich in seiner Freundlichkeit gegen den Knaben immer gleich und lehrte ihn täglich etwas Neues, und es war dem Knaben nichts lieber, als wenn er im Walde umherschweifen konnte. Doch als nun erst der Frühling kam, als der Schnee verschwand und die Erde wieder grün und herrlich wurde, wie lieblich und angenehm ging ihm da erst das Leben auf. Es war das erste Mal in seinem Leben, daß er so zusah, wie die Knospen der Bäume anschwollen und immer dicker und dicker wurden, und wie darauf ein einziger warmer Wind sie aufküßte und die kleinen zarten Blätter hervorlockte, die, kaum von ihren Banden befreit, lustig anfingen zu wachsen, und bald die zarte Moosdecke des Bodens beschatteten. Da konnte er auch stundenlang freudig den kleinen Bäumen zuschauen, die eben erst aus der Erde aufstiegen, wie sie von Tag zu Tag wuchsen und stärker wurden. Und ihm selbst erging es gerade so, auch er wurde unter der Pflege des Jägers und in der frischen Luft des Waldes allmälig groß und stark. Wochen und Monate vergingen und schon mehrmals war der Weihnachtstag wieder gekommen und allemal, wenn die Zeit heran kam, dachte Gustav lebhafter als sonst an jene Christnacht, wo er mit den Spielsachen ausgezogen war. Zuweilen besuchte er auch das Haus des Kaufmanns in der Stadt, und auf dem Wege dahin spähte er sorgsam umher nach dem Fuchsbau, in welchem die kleine schöne Dame schlief, aber so genau er sich auch aus jener Zeit her Alles erinnerte, so bemühte er sich doch vergebens, den Platz wieder zu finden, wo der tapfere Regent Nußknacker von seinem Kameel gestiegen war und wo der ganze Hofstaat in das Innere des Berges gezogen. Deßhalb ging er auch nicht gern den Weg zur Stadt, und da er auch dort im Hause des Kaufmanns eben nicht sehr freundlich aufgenommen wurde, so blieb er lieber daheim in seinen Wäldern, bei seinen Hunden, die ihn alle herzlich liebten. Das Einzige, was er noch aus der damaligen Zeit her bewahrte, war der kleine Ring, den ihm die Prinzessin geschenkt und den er hoch in Ehren hielt. Er trug ihn an einem kleinen Schnürchen am Hals und ließ ihn nicht von sich.

Unterdessen war Gustav sechszehn Jahre alt geworden und hatte sich zu einem geschickten Jäger ausgebildet. Da sein Pflegevater, der Förster, alt und kränklich wurde, so blieb dieser häufig zu Hause, und Gustav zog alsdann mit den Hunden allein in den Wald, das stattliche Gewehr ans der Schulter und den scharfen glänzenden Hirschfänger an der Seite.

So schlenderte er auch eines Tages unter den Bäumen daher, und wie ihm dies öfters geschah, war's ihm nicht darum zu thun, ein Wild zu erlegen. Vielmehr ließ er die Hirsche und Rehe ungestört neben sich herspringen und war in tiefe Träumereien versunken, bei denen die kleine Dame mit dem weißen Seidenkleide eine große Rolle spielte. So ging er langsam durch den Wald und kam auf eine Anhöhe, wo die Bäume nicht so dicht standen und wo man weit hinausschauen konnte in das Land. Da sah der Jüngling unter einer der stärksten Eichen einen alten Mann sitzen, der hatte neben sich einige Stücke schneeweißes Tannen- und Lindenholz liegen, woraus er mit seinem Messer allerhand Sachen und Figuren schnitzte. Da hatte er Löffel, Gabeln, kleine Thiere und menschliche Figuren, und Alles war so hübsch gemacht, als man es nur sehen konnte. Der Jäger trat näher, und nachdem er dem alten Mann einen guten Morgen geboten, den dieser freundlich erwiderte, ließ er sich mit ihm in ein Gespräch ein.

»Ei,« sagte Gustav, »Ihr schnitzt da allerlei schöne Sachen, die Ihr später dann in die Stadt zum Verkauf bringt?«

»Jawohl,« entgegnete der alte Mann, »ich arbeite hier im Freien, in der schönen Natur, denn das ist doch die prachtvollste und zugleich wohlfeilste Werkstatt, die es gibt. Auch kostet mich mein Unterhalt nicht viel, denn das Wasser läuft dort neben mir den Berg hinab und murmelt mir im Vorbeilaufen zu: he, Alter, trink mich. Und dann die rothen und schwarzen Beeren an den Sträuchern nicken mit ihren Köpfchen und laden mich ein, daß ich sie speisen soll. Kommt dann der Abend, so zieh ich meinen Mantel über den Kopf, lege mich in's Moos und schlafe in Gottes Namen ein.«

»Aber,« entgegnete der Jäger, »wirft denn die kunstvolle Arbeit, die Ihr da macht, so wenig ab, daß Ihr ein so kümmerliches Leben dabei führen müßt?«

»Ach, mein lieber Jäger,« sagte der Holzschnitzer, »es gibt so viele Leute, die auch so schöne Sachen, wie Ihr es nennt, und noch schönere machen, daß Keiner etwas damit verdient; denn Einer verkauft sie immer wohlfeiler als der Andere. Ja, wenn man dabei Glück hätte, wenn es mir z. B. glänze, von dem Holze des Elfenbaums zu bekommen, da könnte man wohl etwas Rechts verdienen, aber den Baum findet man selten, und wer ihn findet, weiß ihn gewöhnlich nicht einmal zu gebrauchen.«

»Ei,« sagte der Jäger, »Elfenbaum? der Name ist mir noch nie vorgekommen, und obgleich ich so ziemlich alle Bäume und Sträucher des Waldes kenne, so habe ich doch von dem noch nie etwas gehört.

»Das will ich wohl glauben,« lachte der alte Mann, »alle Leute sind nicht so dumm, und plaudern Alles aus, wie ich. Doch Ihr habt mir ein so harmloses offenes Gesicht, daß es mir gerade schien, als spräche ich zum blauen Himmel hinaus, und da ist mir das Wort entfahren, vergeßt's.«

Dem jungen Jäger aber war bei Nennung des wunderbaren Baumes auf einmal plötzlich ein Blitz durch die Seele gefahren und hatte dort seltsame Wünsche und Gedanken beleuchtet, von denen er sich selbst keine Rechenschaft geben konnte. Aber er war so begierig, etwas Näheres von dem Elfenbaum zu erfahren, daß er nicht abließ, in den alten Mann zu dringen, bis dieser ihm lachend sagte: »Nun, nun. Ihr seid mir ein recht neugieriges Blut. Doch da Ihr so ehrlich und offen ausseht und auch nicht zu meinem Handwerk gehört, so kann ich Euch schon mittheilen, was ich von dem Elfenbaum weiß. Nur müßt Ihr mir versprechen,« fügte der Holzschnitzer lachend hinzu, »daß, wenn Ihr einmal so glücklich sein solltet, einen solchen Baum zu finden – was gerade nicht unmöglich wäre, denn die Jäger, wenn sie so in Nacht und Nebel zwischen den Bergen umherschweifen, sehen und hören allerlei – ich auch von dem Holz etwas bekomme.«

Nachdem Gustav dem Holzschnitzer dies versprochen, nahm dieser ein neues Stück Holz, und während er begann, einen Löffel daraus zu schneiden, erzählte er dem Jäger, wie folgt.

»Ihr werdet recht wohl wissen, daß außer uns Menschen noch eine große Menge anderer Geschöpfe auf und unter der Erde leben, die wie wir aussehen, und die, obgleich sie kleinere und theilweise auch elendere Gliedmaßen haben, doch geistiger viel mächtiger sind und Manches thun und treiben, das auch die Menschen gern nachmachen möchten, was ihnen aber mit ihrem plumpen Körper nicht gelingt. Zu diesen Wesen gehören nun, um von Unten anzufangen, die Alraunen, ein böses, garstiges Volk,« setzte er mit leiser Stimme hinzu, indem er sich besorglich umsah; »frecher, gemeiner Pöbel ist das, welche den Menschen und Thieren, wo sie nur können, Schaden zufügen. Diese Alraunen heißen auch Wurzelmänner, denn sie sehen aus, wie ein schwarzer Rettich, der unten gespalten ist, und haben grünes Haar, das ihnen wie Kraut oben hinauswächst. Nach ihnen kommen die Kobolde, kleine, krumme und buckligte Kerls, mit denen aber schon besser auszukommen ist, denn obgleich auch diese boshaft und schlecht sind, so kommt es doch zuweilen vor, daß sie zu irgend einem Menschen Neigung fassen und ihm von Zeit zu Zeit helfen. Auf diese folgen die Zwerge, ein recht gutes, braves Volk, das aber sehr muthwillig ist und deßhalb Menschen und Vieh zuweilen aus bloßem Uebermuthe plagt. Die beste, edelste und schönste Classe von diesen Wesen aber sind die Elfen, die weder Muthwillen noch Falsch in ihrem Herzen haben und die harmlos in der Nacht auf duftenden Kräutern und Waldblumen umherschweben und das Menschenherz, das sie hört, durch den wunderbarsten Gesang erfreuen und erquickten. Von den Zwergen und Kobolden halten sie sich entfernt, ohne sich zu fürchten; denn wenn die Letztere ihnen auch an Kraft überlegen sind, so sind dagegen die Zauberkünste der Elfen weit mächtiger und gewaltiger. Trotzdem aber die Elfen viel schöner und besser als die Menschen sind, so kommt es doch häufig vor, daß ein Elfenkind einen Menschen lieb gewinnt und ihm in heitern Sommernächten erscheint, um freundlich mit ihm zu kosen und zu scherzen. Doch dauert solch' ein Spiel nicht lange; denn entweder verläßt der Mensch treulos die arme Elfe, oder sie muß ihn verlassen, um sich der grausamen Strafe zu unterwerfen, die über sie verhängt wird, weil sie einen Sterblichen liebte. Alsdann wird sie nämlich auf hundert Jahre in einen Baum verwandelt und muß aus diesem ihrem Kerker zusehen, wie ihre Schwestern lustig um sie herum tanzen, und wenn diese bei rauhem stürmischem Wetter in ihre Krystallpaläste schlüpfen, muß sie droben bleiben, und Wind und Eis spielen grausam mit ihren zarten Gliedern, die doch nur für warme Sommerluft und Mondschein gemacht sind. Auf den unwegsamsten Felsen und Pfaden oder in tiefen Abgründen steht dieser Baum, und rings herum hat Alles einen Zauber angenommen, so daß der Mensch, der von ungefähr in diese Gegend kommt, ihn doch nur in höchst seltenen Fällen entdeckt, weil er wie im Kreise um ihn herumgeführt wird. Obendrein sieht der Elfenbaum wie eine gewöhnliche Tanne aus und so kann man hundertmal vorbeigehen, ohne ihn zu bemerken. Wer aber dagegen das Glück hat, durch Zufall einen solchen Baum zu erlangen, der könnte sich auch sein Leben lang glücklich preisen; denn seht, Herr Jäger, ich muß mich hier abplagen, um aus meinem Holze die Sachen heraus zu schnitzen, aber wenn man das Holz des Elfenbaumes hat, braucht man nur ungefähr einen Wunsch auszusprechen, was unter dem Messer hervorkommen soll, sei es ein Thier oder Mensch, oder, was es immer will, so ist es im nächsten Augenblicke fertig, und von der wunderbarsten Arbeit. Und was noch mehr ist,« setzte er mit leiserer Stimme hinzu, »die Figuren aus diesem Holze werden in der Christnacht, sobald ein böser Zauber, der über ihnen ruht, vernichtet ist, lebendig, und wer es versteht, dem geben sie auf alle möglichen Fragen die richtige Antwort, z, B. sie zeigen an, wo Gold in der Erde ist, oder wo ein Schatz vergraben liegt, und dergleichen mehr.«

Der junge Jäger hatte dieser Erzählung aufmerksam zugehört und man kann sich leicht denken, daß ihm plötzlich die schöne weiße Dame, sowie der Herr Nußknacker und die ganze kleine Gesellschaft ins Gedächtniß kam, und es schien ihm gar nicht unmöglich, daß sie aus dem Holze des Elfenbaums gemacht seien, den irgend einer aufgefunden, ohne es zu wissen. Eine Zeitlang bedachte er sich, ob er dem alten Holzschnitzer seine höchst merkwürdige Sache mittheilen sollte, doch da ihm dieser so viel Zutrauen bewiesen und ihm von dem Elfenbaum erzählt, was er gewußt, so hielt er's für seine Schuldigkeit, ihm auch seinerseits das mitzutheilen, was er in der Christnacht erlebt.

Wer aber beschreibt das Erstaunen des alten Mannes, als ihm Gustav die ganze Begebenheit erzählt, wie er den bösen Zauberer getödtet und wie die ganze Gesellschaft in die Welt hinausgezogen sei; wie er darauf mitgegangen wäre und geholfen hätte, den Fuchs zu verjagen, in dessen Höhle alsdann die ganze Gesellschaft eingezogen sei. Kurz, er erzählte ihm Alles auf's Genaueste, sprach am Ende die Vermuthung aus, daß die schöne kleine Dame im weißen Seidenkleid wahrscheinlich ruhig unter der Erde schlafe und vielleicht noch zu erlösen sei. Als er geendigt, sprang der alte Mann in die Höhe, jauchzte vor Freude laut auf, umarmte den jungen Jäger und versicherte ihm einmal über das andere, er sei ein wahres Glückskind und müsse mindestens noch regierender Herr des Landes werden.

Nachdem er so in seiner Freude eine Zeitlang fortgefahren hatte, setzte er sich wieder ruhig neben Gustav hin, legte plötzlich seinen Kopf auf die Hand und sagte, ernster werdend: »O weh! o weh! da habe ich alter Esel nicht bedacht, daß es wohl für immer unmöglich sein wird, die kleine junge Dame aus der Erde hervorzuholen und zu entzaubern, denn dazu bedürfen wir eines andern Elfenbaums, den wir Beide aber wahrscheinlich nie finden werden.

Wie ein Donnerschlag traf dies Wort den armen Jäger, der schon im Geiste gesehen, wie die kleine Prinzessin aus der Erde hervorkam, wie sie immer größer und größer wurde und ohne zu wissen, wer ihm das gesagt, hatte er sie in den Arm genommen und auf den schönen rothen Mund geküßt – versteht sich, Alles in Gedanken. Ach, jetzt waren alle seine Träume dahin und er hörte nur mit halbem Ohr, daß ihm der alte Mann erzählte, es seien eine Menge Tannenzapfen des Elfenbaums nöthig, der auf der Stelle, wo die kleine Dame in der Erde läge, gepflanzt werden müsse.

»Schon in der ersten Mitternacht,« fuhr er fort, »treibt der Tannenzapfen ein ganz kleines Bäumchen in die Höhe, das aber von da an nicht größer wird, sondern nun beginnen die Wurzeln hinab in die Erde zu wachsen, immer tiefer hinab und dehnen sich gewaltig nach allen Seiten hin aus. Darauf würden sie das Lager umflechten, auf welchem die kleine Dame ruht und der Baum würde die ganze Kraft, die er nöthig hat, um hoch in die Wolken hinein zu wachsen, jetzt dagegen auf die Prinzessin ausströmen, die davon lebendig würde, und immer schöner und herrlicher, bis sie in der Größe wie die Menschen in außerordentlicher Schönheit erblühend aus dem Berge hervorgehen könnte. Gewiß,« setzte der alte Mann hinzu, »würdest du darauf der glücklichste der Menschen; denn die Jungfrau würde mit der Schönheit der Elfen auch deren Treue, sowie die Erfahrenheit in allen möglichen geheimnißvollen Dingen vereinigen. Der Ring, den sie dir gegeben, und den du so treu bewahrt, hat sie allein geschützt, daß sie nicht ebenso wie der Regent Nußknacker und die andern Figuren ihr Leben wieder verlor und eben dieser Ring wird sie für ihr ganzes Leben an dich ketten.«

Unterdessen war die Sonne untergegangen und es begann allmälig Nacht zu werden, weßhalb der Jäger aufstand, dem alten Manne traurig eine gute Nacht bot, indem er sagte: die Pflegeeltern erwarteten ihn zu Hause und seien unruhig, wenn er so spät aus dem Walde zurückkäme. Darauf verabredeten Beide, daß sie nach drei Tagen um dieselbe Stunde wieder auf dem Platz zusammentreffen wollten, um sich zu besprechen, wie und durch wessen Hülfe es wohl möglich sei, den Elfenbaum aufzufinden. Der alte Mann hatte mehr Muth, als Gustav und versuchte, ihm Hoffnung einzusprechen. Doch dieser schüttelte traurig den Kopf und sagte, indem er fortging: »Ach, ich werde wohl Zeit meines Lebens betrübt in den Wäldern umher streifen müssen und werde wohl nimmermehr die schöne kleine Dame wiedersehen, die ich so herzlich und innig liebe.«

Jetzt trennten sie sich und der Jäger, der nicht bedacht hatte, daß er sehr weit von Haus entfernt sei, sah nun ein, daß er einen weiten Weg bis dahin zu machen habe, und daß es sehr spät werden würde. Es war das erste Mal, daß er sich so in der Nacht allein in den Wäldern befand, und wenn er auch vor Räubern und dergleichen keine Angst hatte, so kam er dagegen auf seinem Wege in ein kleines tiefes Thal, von dem die Leute behaupteten, daß es dort gar nicht geheuer sei. Es hieß, die Zweige halten dort ihre Zusammenkünfte und wer ihnen von den Menschen in so nächtlicher Stunde begegnete, dem würde übel von ihnen mitgespielt. An diese Erzählung dachte der Jäger, während er so durch den Wald dahin schritt. Doch nahm er sein Gewehr fester in den Arm, dachte an die kleine junge Dame und fürchtete sich nicht. Als er schon ein gutes Stück Weges zurückgelegt hatte, begann der Mond langsam vor ihm aufzusteigen und glitzerte ihm so recht freundlich durch die grünen Zweige in's Gesicht. Auch er mußte in die helle Scheibe hinein schauen, er mochte wollen oder nicht. So kam er allmälig in die Gegend jenes Thals, wo die Zwerge hausen sollten, und bald sah er es dunkel vor sich liegen. Ohne Furcht stieg er rüstig hinab, und war schon fast ganz hindurchgeschritten, als er neben sich auf der Höhe der Thalwand die Schläge einer Axt zu vernehmen glaubte. Unwillkürlich hemmte der Jäger seinen Schritt und dachte bei sich: ei, wer wird hier in so später Nacht noch Holz schlagen, und plötzlich kam ihm der Gedanke, es möchten wohl Diebe sein, die die Stille der Nacht benützten, um den Wald und seinen Pflegevater zu bestehlen. Augenblicklich wandte er sich nach der Gegend hin, wo der Schall herkam, und begann die Thalwände hinaufzuklettern. Doch wenn er auch anfänglich geglaubt hatte, hier müßten die Holzfrevler sein, so hörte er, als er oben angekommen war, den Klang der Axt wieder weiter entfernt. Ohne sich zu bedenken, folgte er abermals dem Geräusch und nachdem er eine geraume Zeit Berg auf- und abgeklettert war, hörte er, daß er dem Tone viel näher gekommen sei, doch als er glaubte, er könne jetzt nur noch einige Schritte von ihm entfernt sein, hörte er plötzlich auf, und dagegen fing ein höchst sonderbares Geschrei an, das mit dem heftigen Weinen eines Kindes viel Aehnlichkeit hatte. Rasch eilte der Jäger diesen neuen Tönen nach, trat jetzt auf einen kleinen freien Platz und blieb über das, was er hier sah, vor Erstaunen wie angefesselt stehen.

Auf der Mitte dieses Platzes nämlich war der Stumpf einer mittelgroßen Tanne zu sehen, deren Stamm und Krone abgehauen auf der Erde lag. Neben dem Stumpf aber befand sich ein kaum zwei Fuß hoher Zwerg, der eine kleine Axt in seinen Händen trug, womit er, wie es schien, die Tanne abgehauen hatte. Anfänglich befremdete es den Jäger nicht wenig, als er sah, daß der Zwerg unter dem eben beschriebenen Geschrei wie toll und unsinnig um den Stumpf herum sprang. Doch als er einige Schritte näher trat, bemerkte er zu seinem Erstaunen, daß der Bart des Zwerges, der fast so lang wie die ganze Figur war, fest geklemmt in dem Holze saß. Umsonst hatte der kleine Mann ihn mit beiden Händen erfaßt und versuchte es, ihn heraus zu reißen, und so oft er eine solch' vergebliche Anstrengung machte, schrie er laut auf und machte die seltsamsten Luftsprünge.

Nachdem der Jäger einige Augenblicke dem kleinen Manne zugesehen, näherte er sich und fragte ihn theilnehmend, wie er in diesen Zustand gekommen sei. Der Zwerg betrachtete ihn einen Augenblick mit seinen kleinen rothen Augen, stieß darauf eine Menge Verwünschungen aus und sagte dem Jäger: er solle nicht so dumm fragen, sondern ihn augenblicklich erlösen. Trotzdem ihm der Kleine eine so unartige Antwort gab, war Gustav in seiner Gutmüthigkeit doch bereit, ihm zu helfen, und hob zu diesem Zweck einen großen Keil von der Erde, mit dem der Zwerg wahrscheinlich versucht hatte, den Baum zu spalten.

Kaum hatte der Jäger den Keil vom Boden aufgehoben, so schrie ihn der Zwerg schon wieder zornig an und sagte: »Willst du nicht etwas schneller machen, du fauler dummer Kerl! Ihr Menschenvolk seid doch zu gar nichts zu gebrauchen. Mach fort, oder ich will dir helfen!« Bei diesen letzten Worten hob der Zwerg eines seiner kleinen Beine auf und trat damit in höchster Wuth nach dem Jäger. Dieser, dem die erste unartige Antwort des Zwerges lächerlich vorgekommen war, erzürnte sich jetzt über die Frechheit des kleinen Dings und sagte ihm: »Höre, kleiner Wicht, wenn es auch bei euch Mode ist, Gefälligkeiten in solchen Worten zu verlangen, so ist dagegen dies Verfahren bei uns nicht anwendbar, und wenn du nicht augenblicklich höflicher und artiger wirst, so hätte ich große Lust, dich stecken zu lassen.«

Jetzt gerieth der Zwerg in eine unbeschreibliche Wuth, seine Augen funkelten ihm ordentlich im Kopfe, und er stieß über den Jäger und über die Menschen die erschrecklichsten Verwünschungen aus, und am Ende nahm er sogar seine Axt und warf sie mit solcher Kraft nach dem Kopfe des jungen Mannes, daß, wenn dieser nicht ausgewichen wäre, sie ihm sicher den Kopf zerschmettert hätte. So aber fuhr sie in einen dicken Eichbaum tief hinein, daß der Schaft der Axt noch eine Zeitlang zitterte.

Ah, dachte der Jäger, kommst du mir so, so begegne ich dir nicht anders, und darauf zog er seinen langen, breiten Hirschfänger heraus, auf dessen Klinge er, wie jeder fromme Waidmann, ein großes Kreuz eingegraben hatte, und begann einen gewissen unaussprechlichen Theil des Zwerges aus Leibeskräften zu bearbeiten.

Anfänglich schien bei dieser eindringlichen Behandlungsweise sich die Wuth des Zwerges von Secunde zu Secunde zu vermehren. Wie ein Fisch im Wasser schnellte er an seinem langen Bart in die Höhe und wand sich hin und her, um den gewichtigen Schlägen zu entgehen. Doch er mochte sich drehen, wie er wollte, so wußte der Jäger doch den rechten Augenblick und die rechte Lage abzupassen und es ging kein einziger Streich verloren, worauf der kleine Keil nach und nach ruhiger wurde. Aus dem Schnupfen verfiel er in's Weinen und es dauerte nicht lange, so bat er auf's Kläglichste, der Jäger möge aufhören und ihn erlösen.

Gustav, der sehr gutmüthig war, hielt auch sogleich in seiner Arbeit inne und war schon im Begriff, den Keil anzusetzen, um den Baum auseinander zu treiben, als ihm plötzlich der Gedanke kam: wie wenn du dem Zwerg zur Bedingung machtest, daß er dir, weil du ihn erlöst, anzeigen müsse, wo ein Elfenbaum zu finden sei. Gedacht, gethan. Er nahm den Keil in die Hand und eröffnete dem Zwerge sein Begehren. Doch dieser wollte anfänglich nichts von einem solchen Baume wissen und entgegnete mürrisch: er könne ihm damit nicht dienen.

»Gut,« sagte darauf der Jäger, »wenn du mir nicht freiwillig sagst, wo ich einen solchen Baum finden kann, so will ich dich schon dazu zwingen,« und er legte den Keil wieder auf den Boden, hin und griff abermals zu seinem Hirschfänger.

»Lass nur stecken, lass' nur stecken,« schrie der Kobold in großer Angst, als er diese Bewegung sah, »lass' nur stecken, das hier ist ja eben ein Elfenbaum, der mich bei meinem schönen Barte festhält.«

Mit welcher Freude hierauf der Jäger seinen Hirschfänger wieder fahren ließ und den Keil ergriff, um dem Zwerg zu helfen, kann man sich leicht denken. Sah er sich doch so auf einmal der Erfüllung seines heißesten Wunsches nahe gekommen und war nun im Stande, die junge schöne Dame zu beleben und zu erlösen. Eilig riß er die Axt aus dem Eichbaume heraus und mit wenig Schlägen hatte er den Keil so weit in den Tannenstumpf hineingetrieben, daß der Zwerg seinen Bart herausziehen konnte. Der Kobold fühlte aber nicht so bald seine Freiheit, als er mit einem gewaltigen Fluch in das Dickicht hineinsprang und augenblicklich zwischen den Bäumen verschwand.

Gustav ließ ihn ruhig seiner Wege ziehen, hieb sich aber mit der Axt des Zwerges ein gutes Stück von dem Elfenbaum herunter und füllte seine Jagdtasche mit den schönsten Tannenzapfen an, die auf der Krone des umgehauenen Baumes zu finden waren. Darauf nahm er sein Gewehr auf die Schulter und begab sich eilig nach Hause.

Seine Pflegeeltern waren nicht wenig in Angst um ihn gewesen; doch erzählte er ihnen, er habe sich im Walde verirrt und als sie ihn so wohlbehalten zurückkommen sahen, legten sie sich auf ihr Lager und schliefen ein. Gustav aber nahm die kleinen Dachshunde mit sich, die damals den Regenten Nußknacker und die Zinnsoldaten aus dem Fuchsbaue hervorgeholt hatten, und eilte mit ihnen hinaus auf die Haide, indem er durch ihre Hülfe den Platz wieder zu finden hoffte, wo tief in der Erde die kleine schöne Dame schlief. Doch würde er ohne das Stück von dem Elfenbaum schwerlich seinen Zweck erreicht haben; denn die Hunde streiften kreuz und quer auf dem Felde herum, wogegen Gustav fühlte, daß er wie von unsichtbarer Macht auf eine Stelle hingeführt wurde, wo es ihm alsbald klar wurde, daß dies der Ort sei, den er lange vergeblich gesucht.

Es mochte mitten in der Nacht sein, als er aus seiner Jagdtasche einen der Tannenzapfen hervorzog und ihn in den Boden steckte. Noch zweifelte er an dem Gelingen seines Vorhabens, doch wer beschreibt sein Erstaunen, als vor ihm plötzlich ein kleiner Tannenbaum hervorstieg, der, obgleich er nur wenige Zoll hoch, doch gerade so ausgewachsen war, als sei er schon mehrere Jahre alt. Gustav wußte sich vor Freude nicht zu fassen, als er auf diese Art sah, daß die Rettung der schönen kleinen Dame nahe sei.

Nach drei Tagen machte er sich verabredeter Maßen auf den Weg, um den Holzschnitzer anzutreffen. Vorher aber suchte er im Walde umher, ob er den Platz nicht wieder finden könne, wo der Elfenbaum stehe, aus dem er gestern den Zwerg erlöst, um dort noch mehr von dem wunderbaren Holze mitzunehmen. Doch wenn er auch den Platz wieder fand, so entdeckte er dort, wo der Holzstumpf gestanden, nichts als einen kleinen schmutzigen Sumpf, aus dem Kröten und anderes Ungeziefer die Köpfe in die Höhe streckten und ihm entgegen schrieen. Eilig wandte er sich hinweg und ging an die Lichtung des Waldes, wo er, wie vor drei Tagen, mit dem alten Manne wieder zusammentraf, der ihm mit trauriger Miene erzählte, trotz aller seiner Bemühungen wisse er noch gar nicht, wie man einen Elfenbaum auffinden könne. Dagegen aber, fuhr er fort, sei er in der Stadt im Hause des Kaufmanns gewesen und habe dort unter alten Spielsachen, die er gekauft, einen Nußknacker erhalten, der wahrscheinlich derselbe sei, der in jener Christnacht lebendig geworden. Er zog ihn hervor und Gustav erkannte ihn augenblicklich wieder; doch wie hatte sich der edle Regent seit der Zeit verändert! Seine rothen Hosen waren schwarz geworden, seine Sporen abgebrochen und der Säbel fehlte gänzlich. Auch sein Maul, das freilich noch eben so groß war, wie damals, hatte seinen Schmuck, die langen spitzen Zähne verloren, und als ihm Gustav hinten den langen Zopf untersuchte, fand sich, daß die Kinnladen fest standen und gar nicht mehr zu schließen waren.

Gustav wartete absichtlich eine Weile, ehe er dem alten Manne erzählte, was ihm in den letzten drei Tagen begegnet. Da hätte man aber die Freude des Holzschneiders sehen sollen. Er sprang auf, fiel dem jungen Jäger um den Hals und als dieser nun gar das Stück von dem Elfenbaum hervorzog, nahm es der alte Mann hastig, steckte es ein und versprach später einmal, wenn es nöthig sei, die schönsten Spielsachen daraus zu verfertigen.

Nun berathschlagten die Beiden, was noch weiter zu thun sei, und der Holzschneider sagte dem Jäger, er müsse jetzt den kleinen Baum der aus dem Tannenzapfen hervorgekommen sei, ruhig wachsen lassen, bis er nach einer bestimmten Zeit plötzlich anfange in die Höhe zu wachsen; »dann wird er sich in der dritten Nacht unter seinen Wurzeln öffnen und der entzauberten Prinzessin den Ausgang gewähren. Wenn dies geschehen wird, werde ich zurückkehren, wo ich auch sein mag, denn der kleinste Splitter vom Baum eines Elfenholzes, den ich noch übrig habe, wird mir diese Stunde genau anzeigen.«

Nach dieser Verabredung reichten sie sich ihre Hände, nahmen herzlichen Abschied von einander und der Eine ging hierhin, der Andere dorthin.

Um eben diese Zeit sprach der Pflegevater des jungen Jägers oftmals mit seiner Schwester darüber, daß es jetzt wohl Zeit sei, sich nach einer Frau für Gustav umzusehen. Doch wollte er gern eine für ihn suchen, die alle möglichen guten Eigenschaften in sich vereinigte; sie sollte schön und brav sein, nebenbei, meinte der Förster, könne es auch nicht schaden, wenn sie mit ziemlichem Gelde versehen sei. Aber er hatte bisher immer vergeblich nach einer solchen gesucht, denn wenn er sich auch zuweilen im Stillen bei seinen Nachbarn umgesehen, so fand er wohl hie und da ein Mädchen, das ihm zu seinem Zwecke zu passen schien; doch wenn er als Freiwerber für seinen Pflegesohn auftrat, so entgegnete man ihm meistens: »ja, lieber Herr Förster, wir würden wohl nichts dagegen haben, wenn der junge Jäger wirklich Euer Sohn wäre, aber so möchten wir doch unser Kind nicht gern Jemanden zur Frau geben, der so ganz ohne Familie und Namen ist.« Das verdroß nun den alten Mann nicht wenig und wenn er nach Haus kam, erzählte er es dann seiner Schwester und Gustav; Letzterer konnte sich nie enthalten, darüber zu lächeln und pflegte dann gewöhnlich zu sagen: »ach, lieber Vater, macht Euch meinethalben keine Mühe ich werde schon finden, was mir Gott bescheert hat.« Bei diesen Worten blickte er verstohlen durch das Fenster nach der Haide, wo auf dem Fuchsbau der kleine Tannenbaum stand, der aber noch immer nicht in die Höhe wachsen wollte.

Schon waren, seit er den alten Holzschnitzer verlassen, einige Monate vergangen und die Blätter der Bäume begannen gelb zu werden und abzufallen; auch fingen schon Morgens und Abends an, dichte Nebel den Wald einzuhüllen, und die Jagd beschäftigte die Jäger den ganzen Tag im Walde. Doch wenn auch Gustav mit sinkender Nacht noch so ermüdet nach Hause kam, so unterließ er dennoch nicht, auf die Haide zu gehen und sich nach seinem lieben Tannenbäumchen umzusehen. So ging der November vorüber, es wurde December und die Zeit kam heran, wo die Leute aus der Stadt täglich nach dem Försterhause schickten und sich Tannenbäume holen ließen, um sie für den Weihnachtsabend aufzuputzen. Ach, der junge Jäger, dem das Bild der schönen Dame im weißen Seidenkleid mehr als je im Herzen lebendig wurde, hoffte auch auf eine Bescheerung unter dem Tannenbaum; er ging jetzt des Tages mehrmals hinaus auf die Haide und wer beschreibt sein Entzücken und seine Freude, als er nun endlich drei Tage vor Weihnachten sah, daß das Bäumchen wenigstens einen Schuh gewachsen war.

Jetzt verging fast keine Stunde des Tages, wo er nicht zu ihm hin eilte, um mit der größten Freude zuzusehen, wie fast sichtbar Zweige und Nadeln größer und größer wurden. So kam der heilige Weihnachtsabend heran und als es anfing dunkel zu werden, sagte der alte Jäger schmunzelnd zu seinem Pflegesohn: er möchte doch ein wenig hinaus in den Wald gehen, um sich nach diesem und jenem umzuschauen. Gustav, der wohl wußte, daß ihm der gute Förster, wie immer, auch dieses Jahr eine kleine Weihnachtsfreude machen würde, dachte lächelnd bei sich: nun, so Gott der Herr will, werde auch ich Euch heute Abend eine Bescheerung zuführen, die Euch nicht mißfallen wird. Und das Herz voll Erwartung, voll Seligkeit und Liebe eilte er hinaus auf die Haide.

Der alte Förster ging jetzt mit seiner Schwester in das Gastzimmer, wo die großen geschnitzten Tische und Stühle standen und die Wände mit gewaltigen Hirschgeweihen verziert waren. Dort stand ein großer Tannenbaum, mit vielen Lichtchen besteckt, und oben an der Spitze hingen zwei große goldene Fahnen, die ganz geheimnißvoll rauschten. Unter dem Baume legte die Schwester des Försters einen schönen neuen Jagdanzug hin und ein prachtvolles reich mit Silber eingelegtes Gewehr. Draußen heulte der Nordwind durch den Wald und die Zweige der Bäume, sowie die Waldbächlein lauschten und murmelten in seltsamen Weisen dazwischen. Da legte plötzlich der Förster seine Hand an das Ohr, denn es war ihm, als vernehme er in der Ferne das Rollen eines Wagens.

»Höre,« sagte er zu seiner Schwester, »vernimmst du nichts? Es ist mir doch gerade, als käme noch so spät ein Wagen den breiten Waldweg heraufgefahren.«

Jetzt eilte die Schwester an's Fenster. Das Rollen und Rasseln kam immer näher und sie lies auf einmal verwundert aus: »du hast Recht. Sieh, dort biegt eben ein Wagen aus dem Walde heraus und fährt gerade auf unser Haus zu. Jetzt hält er schon vor der Thüre. Was mag das sein?« – –

Da wurde die Thür des Zimmers hastig geöffnet und Gustav trat herein und führte an der Hand eine wunderschöne Dame, die hatte ein weißes seidenes Kleid an, das war mit Spitzen besetzt, und auf dem Kopfe trug sie einen Myrthenkranz mit einem langen wallenden Schleier.

»Seht, Vater,« rief der junge Jäger freudig aus, »das ist meine liebe Braut, die Ihr hoffentlich mit Freuden aufnehmen werdet.«

Ach, die junge Dame war so schön und lieblich anzusehen; der alte Förster und seine Schwester nahmen sie bei der Hand und wußten gar nicht, wie ihnen geschah. Und als darauf die junge Dame zu ihnen sprach, daß es klang wie lauter Silberglöcklein: »ja, wenn Ihr mich aufnehmen wollt, bleibe ich bei Euch als eine liebe Tochter!« da dachten sie vor Entzücken nicht mehr daran, wer sie wäre und wo sie herkäme, sondern sie weinten Freudenthränen und umarmten sie auf's Herzlichste.

Mitten in dieser Freude dachte Gustav an seinen Freund, den alten Holzschnitzer und bedauerte, daß er die Stunde versäumt und sich nicht eingestellt habe. Da blickte er zufällig durch's Fenster und sah, wie plötzlich im hellen Mondlicht über einem Hügel, dem Försterhause gegenüber, ein Mann geschritten kam, der trug einen großen Korb auf dem Rücken und begann dort oben auszupacken, als wolle er den Thieren im Walde eine Weihnachtsbescheerung bereiten. Mit Erstaunen sah der junge Jäger, daß er ein kleines niedliches Schloß dort hinstellte, dessen zierliche Fenster sich plötzlich beleuchteten. Jetzt erhob sich der Mann wieder und als er nun mit raschen Schritten gegen das Försterhaus kam, sah Gustav zu seiner großen Freude, daß es der Holzschnitzer war. Doch wer beschreibt sein Erstaunen und seine Ueberraschung, als er bemerkte, daß, je weiter sich sein alter Freund von dem kleinen Schlößchen, droben entfernte, dieses immer größer und größer und endlich ein stattliches Gebäude wurde. Die Fenster strahlten von Tausenden von Lichtern, die innen brannten, und vor dem Schloßthor entzündeten sich große Pechfackeln und daneben standen Soldaten mit Bärenmützen und das Gewehr im Arm. Jetzt öffnete der Holzschnitzer die Thür und als er die schöne junge Dame erblickte, verbeugte er sich tief und umarmte darauf den jungen Jäger, indem er sagte: »ich sehe mit Freuden, daß du den bösen Zauber gelöst hast, ich habe das Meinige gethan und das Elfenholz, das du mir gegeben, aufs Beste benutzt.« Dabei zeigte er durch das Fenster nach dem schönen Schlosse.

Der alte Förster wußte vor Freude nicht, was er zu all dem sagen sollte, und als nun alle den Hügel hinan zu dem neuen prächtigen Schlosse schritten, glaubte er, er träume einen süßen Traum. Hier war aber auch Alles so schön und vortrefflich hergerichtet, als es nur in der Residenz des mächtigsten Königs sein kann. Der junge Jäger glaubte in den Soldaten mit den Bärenmützen, die vor ihm und seiner Gemahlin das Gewehr präsentirten, lauter alte Bekannte zu erkennen, ja selbst die Jäger, die droben am Schloßportal standen und die Thüren aufrissen, hatten alle bekannte Gesichter. Aber als sie an die große Treppe kamen, um in die prachtvollen Gemächer zu steigen, mußte der junge Jäger, der jetzt Prinz Gustav hieß, vor Freuden laut auflachen, denn hier stand der Regent Nußknacker, wie er leibte und lebte, und hatte zwei große silberne Leuchter in Händen. Er verbeugte sich tief, indem er sagte: er sei der Haushofmeister und halte sich zu Gnaden empfohlen. Sein Anzug, den die Kinder im Hause des Kaufmanns sehr verdorben hatten, war wieder, so weit es sich thun ließ, hergestellt, doch fehlten Sporen und Säbel, und statt des Hutes hatte er eine farbige Mütze auf, an der eine große Menge von Schellchen lustig klingelten.

Jetzt stiegen alle die Treppen hinauf, droben wurde mit vieler Pracht die Vermählung gefeiert und danach wohnten sie lange, lange Jahre zusammen in Lust und Freude, und leben vielleicht noch, wenn sie nicht unterdessen gestorben sind.

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