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Friedrich Wilhelm Hackländer: Märchen - Kapitel 4
Quellenangabe
typefairy
authorFriedrich Wilhelm Hackländer
titleMärchen
publisherVerlag von Adolph Krabbe
seriesF. W. Hackländer's Werke
volumeDreizehnter Band/Vierzehnter Band
year1855
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071118
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Das Gesicht im Mond.

Wer ging nicht schon in stillen Nächten nach Hause und fühlte den Blick aufwärts gezogen von der sanft glänzenden Kugel, die zwischen den Thälern und Bergen riesenhafter Wolken ruhig dahin schifft; wer schaute nicht wohl lange Zeit anhaltend empor zu jenem Körper, den wir Mond nennen, und fühlte, wie seine weißen Strahlen sich so langsam in's Herz schleichen und selbst in traurigen Stunden das wilde Wogen und Drängen in der bewegten Brust zu besänftigen im Stande ist! Wenn man so, halb träumend halb wachend, hinaufsieht, so erblickt man in der hellen Scheibe kleine Flecken, aus welchen sich mit einiger Phantasie ein Gesicht zusammensetzen läßt. Man sieht deutlich zwei dunkle Stellen für die Augen, eine Nase, die aber etwas nach der linken Seite gezogen ist, und einen Mund, welcher sich nach rechts neigt und dem fabelhaften Kopfe dort oben ein verzerrtes, schmerzliches Ansehen gibt. Wenn wir über jenes Mondgesicht unsere gelehrten Bücher befragen, so sagen diese uns freilich, das dort oben solle kein Gesicht vorstellen, sondern es sei der Mond ein Körper wie unsere Erde, ja er habe sogar noch gewaltigere Felsen und Schluchten, als diese, und namentlich letztere seien zum Theil so tief, daß sie das Licht der Sonne nicht erhellen können, und sie deßhalb, etwa wie ein Brunnen bei uns, stets dunkel blieben. Allein wer klug ist, glaubt diesen Büchern nicht. Daß das dort eben in dem Monde nichts Natürliches, keine Schluchten sind, davon kann sich ja Jeder durch sein eigenes Anschauen überzeugen; das wissen aber auch jene Herren, und ebenso die Ursache, wie jenes Gesicht da hinauf kam; nur haben sie, unter uns gesagt, sich einmal vorgenommen, Alles auf natürliche Weise zu erklären, weßhalb sie die Wahrheit, die in der That unnatürlich klingt, verbergen, um uns etwas weis zu machen. Wie aber jenes Gesicht wirklich in den Mond kam, das will ich hier erzählen, doch bitte ich mir vorher aus, das strengste Stillschweigen darüber zu beobachten, da mein Großvater mir die Geschichte unter dem Siegel der Verschwiegenheit erzählt hat, ganz wie er sie unter gleichen Bedingungen von einer Tante gehört hatte, welche sie aus einer Kaffeegesellschaft mit nach Hause brachte, und zwar aus einer Kaffeegesellschaft, wo nur Geheimnisse verhandelt wurden.

An einem schönen Abend gingen zwei Leute zusammen aus einem Wirthshause, von denen der eine seines Zeichens ein Schneider und der andere ein Handschuhmacher war. Für Leser, die sich gern über Zeit und Verhältnisse genau unterrichten, füge ich bei, daß es vermuthlich ein Winterabend war, denn die Beiden hatten stark eingeheizt. Es war zwar schon spät in der Nacht, allein der Mond, der hoch am Himmel stand, beleuchtete die Straßen so ziemlich. Da er den Schatten der einen Häuserreihe auf den weißen Schnee warf, so sah dieser durch die zackigen Dächer einer Reihe colossaler Spitzzähne nicht unähnlich. Die beiden Zechbrüder waren die letzten im Wirthshause gewesen, denn als sie es verlassen, wurde von innen der Riegel vorgeschoben und die Lichter in der Gaststube ausgelöscht, bis auf eines, das sich alsbald in den zweiten, von da in den dritten, vierten Stock bewegte, und nachdem es noch eine kurze Zeit in einem Dachstübchen gebrannt, und dort wahrscheinlich dem Schenkbuben zur Ruhe geleuchtet, erlosch.

Jetzt waren die Beiden allein auf der Straße und zogen ihres Weges, gewiß in der festen Absicht, sobald es sich thun ließ, ihre Häuser zu finden. Beide waren aber wahrscheinlich nicht recht mit sich einig, nach welcher Seite sie sich zu wenden hatten, denn sie drehten sich einige Male im Kreise herum, wobei der Schneider, als der leichtere, den größeren Bogen beschrieb, alsdann schossen sie, wie ein paar angebrannte Schwärmer, von einer Seite der Straße zur andern, bis sie endlich, nicht hundert Schritte von der Kneipe, die sie eben verlassen, an einem Häuservorsprung hängen blieben, um den herum sie, trotz aller Anstrengungen, nicht segeln konnten. Da sich in diesem Häuservorsprung eine passende Thür fand, breit genug, um ihre zarten Schultern daran lehnen zu können, so thaten sie dergleichen. Der Schneider heftete seine Augen wohl eine gute Viertelstunde lang vor sich auf die Erde und machte oft einen vergeblichen Versuch, an den Himmel hinauf zu sehen, aber es waren ihm die Augenlider zu schwer. Endlich nach vielen Bemühungen gelang es ihm, den Blick an das gegenüber liegende Haus zu heften, dort fand er einen Anhaltspunkt, um sein Auge Stockwerk für Stockwerk hinaufklettern zu lassen, bis zu dem Schornstein, wo er mit einem lauten Ausruf der Verwunderung den Mond erblickte, der aus dem schwarzen Kamin emporzusteigen schien.

Der Handschuhmacher, weniger berauscht und weniger sentimental, als der Schneider, machte mit seinem Blick eine umgekehrte Bewegung, denn nachdem er eine Zeitlang in den Mond gestarrt, begann er laut zu gähnen, mit einem hohen Tone abwärts, und seine Blicke folgten den Tönen, so daß sie im Augenblick, wo er den Mund schloß, auf seine dürren Beine fielen, die er weit von sich abgestreckt hatte.

So stand das edle Paar eine Zeitlang da, ohne ein Wort zu sprechen, und weil sich durch die kühle Nachtluft ihre Ideen noch mehr verwirrten, so glaubten am Ende Beide, sie seien nicht mehr auf der Straße, sondern zu Hause, und ließen sich auf dem Schnee nieder, um sich so bequem als möglich zum Schlafen anzuschicken. Der Schneider, der sich auf das linke Ohr legte, begann erst leise, dann immer lauter zu seufzen und sprach vor sich hin: »Ach, was bin ich doch für ein erbärmlicher, schlechter Kerl, saufe da Nacht für Nacht, bis ich nicht mehr auf meinen Beinen stehen kann, und wenn ich dann am Morgen immer Katzenjammer habe und nichts verdiene, so bestehle ich meine Kunden, um von dem entwendeten Tuch wieder Geld zum Zechen zu haben. Ich jammervoller, erbärmlicher Kerl, und an allem dem ist der Handschuhmacher Schuld, der hat mich verführt.« Der Handschuhmacher, der sich auf das rechte Ohr gelegt hatte, hörte sich gerade nicht schmeichelhaft von dem Schneider nennen, allein da er glaubte, es träume ihm blos, so lachte er laut auf und freute sich darüber. »Ha, Ha!« rief er laut, »jetzt liegt der armselige Schneider wieder auf seinem Strohsack und schimpft über mich, der Lump, und greint, daß ich ihn verführt hätte, aber ich will ihn noch besser herunter bringen. Gestern hab' ich wieder ein scharmantes Stück Tuch bei ihm gesehen. Das wollen wir morgen Abend schon durch die Gurgel jagen. Hahaha! der dumme Schneider!« Jetzt gerieth der Schneider, der diese Worte wohl hörte und seinerseits glaubte, er träume, wie sich der Handschuhmacher über ihn lustig mache, in eine heftige Wuth, und fing an, auf einen dicken Stein zu schlagen, der neben ihm lag, indem er beständig ausrief: »Du schlechter Kerl, du Handschuhmacher, du schlechter! Hast mich um meinen Credit und meinen ehrlichen Namen betrogen, hast auf meinen Namen Geld geborgt und willst mich obendrein noch auslachen, du niederträchtiger Kerl!« Der auf diese Art Angeredete wurde durch die Wuth des Schneiders nur noch lustiger und lachte in Einem fort. »Hahaha!« schrie er, »so träume ich von dir, Bruder Schneider? Na, will's schon glauben, daß du zuweilen Lust hättest, wieder ein ehrlicher Kerl zu werden, aber das soll dir nicht gelingen, du sauberer Zeisig. So habe ich dich in meiner Hand und so will ich dich auch festhalten.« Mit diesen letzten Worten griff er nach der andern Seite, faßte den Haarschopf des Schneiders, den er in seiner höllischen Freude tüchtig zusammen schüttelte. Als dieser den rauhen Griff seines Kumpans fühlte, glaubte er plötzlich, der Teufel habe ihn für sein ruchloses Leben gefaßt und wolle ihn stracks mit' in die Hölle nehmen. Er wehrte sich gegen diese vermeintliche Niederfahrt mit aller Kraft der Verzweiflung, faßte seinem Freund Handschuhmacher in's Gesicht und Beide balgten sich auf eine ergötzliche Art auf der Straße im Schnee herum, so daß bald der Eine bald der Andere oben zu liegen kam. Dabei war es merkwürdig, daß, so oft bei diesen Umwälzungen das Gesicht des Handschuhmachers in Berührung mit dem Schnee kam, derselbe zu zischen anfing, als würde er vor einen heißen Ofen geworfen. Was aber auch das rothe, glühende Aussehen dieses Gesichts, sowie die Hitze, die es abstrahlte, betraf, glich es vollkommen einem gut geheizten Ofen, der hie und da Sprünge und Risse hat, zu welchen das Feuer mit verdoppelter Wuth herauszubrechen scheint. Es war dem Handschuhmacher schon oft passirt, daß er, in der Dämmerung nach Hause gehend, von einer Schaar muthwilliger Buben verfolgt wurde, welche ihm die Spitznamen Saufaus, Feuermann nachliefen.

Wie lange sich die edle Zechgenossenschaft auf der Straße herumbalgte, ist nicht wohl zu bestimmen; plötzlich aber fühlten sie sich von etwas berührt, das ihnen jedesmal einen zuckenden, brennenden Schmerz verursachte. Der Handschuhmacher, als der nüchternste, riß zuerst seine Augen auf, die er in der Hitze des Gefechts geschlossen, und sah mit großer Verwunderung ein altes Weib vor sich stehen, das so erschrecklich häßlich war, wie er in seinem Leben nichts Aehnliches erblickt. Die Alte war nicht nach Art der gewöhnlichen Hexen bucklig und klein, hatte kein langes, wackelndes Kinn, und ebenso wenig Triefaugen, die bei aller Häßlichkeit doch etwas Gutmüthiges haben, sondern das Weib, welches die beiden Zechbrüder durch Anrühren mit einem sehr spitzen Stock auf eine so schmerzhafte Art erweckt hatte, war groß und von einer unbeschreiblichen Magerkeit. Man hätte glauben können, die paar alten Lumpen, welche sie bedeckten, seien um einen Besenstiel herumgewickelt, denn genau diese Form hatte der Körper der alten Hexe. Das bleiche, runzliche Gesicht, das auf dieser Figur stand, war mit rothen Haaren bedeckt, die aber so kreuz und quer unter einer weißen Haube hervorsahen, als habe sie der Wind zufällig dort hinaufgeweht. Sie trug außer dem erwähnten Stock eine kleine Laterne in der Hand, deren Licht auf die beiden Kämpfenden fiel. Der Schneider, als er merkte, daß die Schlägerei endlich aufgehört hatte, mochte noch immer glauben, er habe sich mit einem bösen Geist gebalgt, denn er öffnete jetzt schwerfällig die Augen, wahrscheinlich um zu sehen, in welchem Theil der Hölle er sich denn eigentlich befände. Da der Anblick des alten Weibes, die grinsend vor ihm stand, eben auch nicht geeignet war, ihn diesem Irrthume zu entreißen, so fing er aufs Neue au zu jammern über sein verlorenes Leben, wobei er, wie schon früher, den Handschuhmacher anklagte, daß er allein ihn zu dem Ueblen verführt. Dieser hatte endlich seine fünf Sinne wieder so weit zurecht gesetzt, um die Alte stammelnd zu fragen, wo sie herkomme, wer sie sei und was sie wolle. Auf diese Fragen riß die Hexe ihren zahnlosen Mund laut lachend so weit auf, daß es aussah, als sei ihr Gesicht von einem Ohr bis zum andern gespalten, und sagte mit heiserer Stimme: »Ho ho, mein Söhnchen, du fragst mich, wo ich herkomme? Ich bin eine arme alte Frau, die hier gerade vorbei kam, hahahaha! und euch hier im Schnee liegen sah. Da that es mir leid, daß so schmuckes junges Blut in der Kälte umkommen soll, und da hab' ich euch denn geweckt, um euch nach Haus zu bringen, hahaha! nach Haus, wo ihr hingehört, haha! Na! steht nur auf, ihr Söhnlein, steht nur auf.«

War es der stechende Blick der Alten, oder die Berührung mit ihrem Stock, genug, die Beiden erhoben sich nach einigen vergeblichen Versuchen und wußten wahrscheinlich in Folge ihres körperlichen Zustandes nicht, was sie aus dieser Anrede zu machen hätten.

»Ja, ja,« fuhr die Alte lachend fort, »ihr seid so ein paar hübsche schmucke Burschen, so lustig und munter, und habt immer so schöne dumme Streiche gemacht, daß ich mich schon lange für euch interessirt habe. Du,« sagte sie zum Handschuhmacher, »hast ein schönes rothes Gesicht, das so leuchtet und glüht, daß du bequem das Holz für den Winter ersparen kannst, und da, der Schneider, der hat schon so viel Lappen in die Hölle fallen lassen, daß sich die Teufel unten ordentlich auf den Augenblick freuen, wo sie seine Bekanntschaft machen werden. Na, kommt nur mit, solche Leute hab' ich gern. Doch da ich sehe, daß ihr ganz eingefroren seid, so wollen wir erst ein Schlückchen zusammen nehmen, das uns recht warm machen und gut thun soll.«

Bei diesen Worten zog die Alte eine kleine Flasche unter ihren Lumpen hervor und hielt sie gegen den Mond, um den Beiden zu zeigen, daß der Inhalt derselben recht glitzerte und klar sei, wie der schönste Franzbranntwein. So feindlich die Beiden noch einige Augenblicke vorher gegen einander gesinnt waren, so kam ihnen doch jetzt das alte Weib so unheimlich vor, daß sie näher zusammen rückten, um Einer am Andern Schutz zu suchen. Die Alte hatte dem Schneider die Flasche in die Hand gedrückt und bat ihn mit den besten Worten, doch ein Schlückchen daraus zu nehmen, und der arme Geselle, der in seiner Angst nicht wußte, was er machen sollte, setzte die Flasche an den Mund und that einen guten Zug. Als das der Handschuhmacher sah, begann er die Lippen abzulecken und spürte plötzlich auf das viele Bier und den Branntwein, den er heut Abend getrunken, einen solchen Nachdurst, daß er dem Schneider die Flasche aus der Hand riß und sie hastig leerte, worüber die Alte in ein lautes Gelächter ausbrach und ihre beiden Söhnlein ermahnte, jetzt rasch mit nach Hause zu gehen. Sie hinkte an ihrem Stocke voraus und die Beiden folgten ihr, wie von einer unsichtbaren Gewalt getrieben. War es ihnen schon früher sonderbar zu Muth gewesen und hatte sich Einer über den Andern gewundert, daß er nicht gerade gehen konnte, sondern bei jedem Schritt die Füße mehr zur Seite setzte, als nöthig gewesen wäre, so fingen sie jetzt erst recht an, sich mit mißtrauischen Blicken zu betrachten. Es wollte dem Handschuhmacher sonderbar bedünken, daß der Schneider, anstatt wie ein ordentlicher, wenn auch etwas betrunkener Mensch auf seinen beiden Füßen zu gehen, sich mit einem Mal auf die Hände niederließ und auf allen Vieren zugleich über den Schnee hinsprang – eine merkwürdige Entdeckung, die aber auch der Schneider seinerseits an seinem Kameraden machte; denn auch dieser hatte sich auf die Hände niedergelassen und machte die sonderbarsten Luftsprünge und Grimassen, und das nur, wie er sich einbildete, aus Freude über das tolle Benehmen des Schneiders. Dieser konnte sich nun gleichfalls nicht enthalten, über die Capriolen des Andern zu lachen, doch fand er bald zu seiner großen Verwunderung und Bestürzung, daß dieses Lachen ganz sonderbar klang. Zuerst glaubte er, er sei von dem kalten Nachtlager heiser geworden und räusperte sich und hustete, so daß der Handschuhmacher, aufmerksam geworden, plötzlich stehen blieb, um seinen Freund zu fragen, was ihm denn eigentlich fehle. Die Frage verstand denn auch der Schneider wohl, hätte aber darauf schwören wollen, daß das, was ihm sein Freund gesagt, wie das Miauen einer Katze klänge. Indessen hatten sie in diesem Augenblick zu vieler Überlegung keine Zeit mehr, denn sie befanden sich jetzt mit der Alten in einem ihnen ganz unbekannten Stadttheile vor einem kleinen Häuschen, das die Hexe aufschloß und in das sie ihr folgten. Darauf schloß die Alte hinter ihnen wieder sorgfältig die Thür ab, führte sie in ein kleines Zimmer, dessen ganze Einrichtung blos in einem Strohsacke bestand, der auf der Erde lag, und entfernte sich alsdann. Von der durchschwärmten Nacht ermüdet, fühlten sich die Beiden in dem warmen Gemach ganz behaglich, kugelten sich auf dem Strohsacke zusammen, und nachdem sich noch Einer über den Andern gewundert, daß Jeder wie eine Katze schnurre und knurre, entschliefen sie.

Doch wer beschreibt den Schrecken der beiden Gesellen, als sie am Morgen erwachten. Anfänglich glaubte jeder, er habe durch einen sonderbaren Zufall sein Lager neben einer Katze aufgeschlagen und jeder machte den Versuch, das zudringliche Thier fortzujagen; aber als ihnen allmälig die Erlebnisse der vergangenen Nacht klar wurden, als sie sich gegenseitig der Stunde erinnerten, wo sie aus dem Wirthshause gegangen waren, als sie an den Streit, den sie zusammen gehabt, und an das alte Weib dachten, das ihnen etwas zu trinken gegeben, so wurde es ihnen plötzlich klar, daß sie einer Zauberin in die Hände gefallen seien, die sie vermittelst jenes Trunkes in ein paar Katzen verwandelt habe. Man kann sich leicht denken, wie schrecklich eine solche Entdeckung war, Beide fielen sich laut weinend in die Vorderpfoten, und Beide versicherten sich unter dem kläglichsten Miauen, daß nach einer durchschwärmten Nacht dies der schrecklichste und ächteste Katzenjammer sei, den sie je gehabt.

So über ihr Schicksal klagend, bemerkten sie nicht, daß die alte Hexe die Thür geöffnet hatte und neben ihnen stand; erst als sie heiser lachend zu ihnen sprach: »ei, ei, guten Morgen, meine lieben Kinder, wie geht's euch? habt ihr gut geschlafen?« fuhren sie aus der Umarmung auf, um aus der Verzweiflung in den heftigsten Zorn überzugehen. Besonders der Handschuhmacher, dessen Natur zorniger und rachsüchtiger war, als die des Schneiders, wußte sich nicht zu fassen. Er hob sich auf seine Hinterpfoten und sprang mit lautem Miauen der Alten nach dem Gesicht. Doch diese hatte sich auf eine solche Begrüßung gefaßt gemacht und schlug dem Kater Handschuhmacher mit ihrem Stocke dergestalt auf die Nase, daß er sich einige Male überschlug und zu den Füßen des ehemaligen Schneiders hinrollte, der, gutmüthiger Natur, nichts thun konnte, als sein Schicksal in den grellsten Klagetönen, die man je von einem Kater gehört hat, zu bejammern. Die Alte schien indessen über den Angriff, den sie so eben erlitten hatte, nicht entrüstet zu sein, vielmehr erhob sie lächelnd den Zeigefinger und drohte leichthin dem Handschuhmacher, wie man es mit einem unartigen Kinde thut. »Ei, ei,« sagte sie, »wie undankbar, wie undankbar! Wärt ihr nicht in der Nacht erfroren, wenn ich euch nicht geweckt und mit einem guten Schlückchen bewirthet hätte, das euch erwärmt und so schön bekleidet hatte. – Ihr habt ja Beide statt eurer früheren abgetragenen Kleider einen Pelz so dicht und glatt, wie man ihn nur wünschen kann. Denkt doch ein wenig nach, was wäret ihr ohne mich! Euer Sündenleben hätte mit der heutigen Nacht ein Ende gehabt, ihr wäret erfroren und läget jetzt starr und steif da – und eure Seelen! – – daß die mit der Last von Sünden, die sie zu tragen haben, nicht aufwärts geflogen wären, sondern abwärts zur Hölle, könnt ihr euch wohl denken. Ich habe euch also gerettet, und es wird euch doch lieber sein, noch vor der Hand einige Zeit in Gottes frischer Luft und in so artigem Pelze zu leben, als todt und kalt zu sein und in die Erde gesteckt zu werden. Ihr wißt selbst am besten, welch' ruchloses, lasterhaftes Leben ihr geführt, da war keine Gnade für euch.«

Die beiden Verwandelten hörten der Alten knurrend und murrend zu, und als sie ihnen so eindringlich von dem Erfrieren und der Hölle vorsprach, überlief Beide ein kleines Frösteln, besonders den Schneider, den der Handschuhmacher eigentlich verführt hatte, und der von Natur so ein gar böser Mensch nicht war.

»Seht, meine Söhnchen,« fuhr die Hexe fort, »ich habe mich schon oft solcher verlorener Kindlein angenommen und habe sie in dem Augenblicke gerettet, wenn ich wußte, daß der Teufel seine Krallen nach ihnen ausstreckte. Einige Mal haben sie sich auch gebessert, um später, nachdem sie bei mir Buße gethan, wieder ein glückliches und wohlgefälliges Leben zu führen. Aber ihr Beide, ja ihr Beide habt leider euer ganzes Leben lang nichts gethan, als gesündigt, weßhalb es euch schwer fallen möchte, dereinst Vergebung zu erlangen. Du,« sie wandte sich zum Schneider, »als der Verführte, kannst eher auf Gnade hoffen, hingegen wenn sich dort der Handschuhmacher auch in der That bessert, so bleibt sein Gesicht von seinem früheren Leben doch so gezeichnet, daß, wenn er einstens an die Himmelsthür kommt, der Pförtner ihn nicht einlassen wird, weil er glauben muß, er sei brennend der Hölle entsprungen. Da ich um euch besorgt bin, so habe ich noch in der vergangenen Nacht in meinen wunderbaren Spiegel geschaut und mit Leidwesen gesehen, wie schwer es euch halten wird, für eure begangenen Fehler und Sünden Vergebung zu finden. Darum laßt es euch in meinem Dienst nicht sauer werden. Seid fleißig und gehorsam und wer weiß dann, ob die Zeit, die ihr hier bei mir verlebt, euch nicht später anstatt einer großen Buße angerechnet wird.«

Nach dieser Rede und Eröffnung der Hexe in Betreff ihres künftigen Schicksals kann man sich leicht denken, daß die Beiden sehr niedergeschlagen und traurig waren, und doch gestand sich Jeder im Geheimen, daß es immer noch besser sei, wenn auch nur als Katze zu leben, als todt, und auf ewig zur Hölle verwiesen zu sein. Unter Thränen umarmten sie sich nochmals und gelobten einander das Schwierigste zu thun, um aus diesem kläglichen Zustande bald erlöst zu werden und auf Vergebung ihrer Sünden rechnen zu können. – Jetzt wies ihnen die Alte ihre Geschäfte an, welche hauptsächlich darin bestanden, daß sie nach Art aller Katzen Mäuse zu fangen hatten, allein es durften nur weiße sein, die sie ganz unversehrt der Alten bringen mußten. Diese zog dann den Mäusen die Felle ab, worauf sie der Handschuhmacher zubereiten mußte, um in Gemeinschaft mit dem Schneider Handschuhe und alle nur möglichen Sachen daraus zu verfertigen. Anfänglich war es den Beiden hart, daß sie bei dieser angestrengten und mühsamen Arbeit nichts als Wasser zu trinken bekamen, und Beide wollten vor Eckel vergehen, daß ihnen die Alte nichts zu essen gab, als die abgezogenen Körper der Mäuse; denn wenn auch die beiden Gesellen der äußern Gestalt nach ganz in Katzen verwandelt waren, so wußten sie doch noch so viel von ihrem früheren Leben, daß sie sich wohl erinnerten, wie ihnen eine andere Speise besser behagt. So lebten sie lange Zeit bei der Alten und gewöhnten sich nach und nach an das Schreckliche ihrer Lage. Zuerst hatte es ihnen manche Thräne gekostet, daß, wenn sie am Abend ausgehen durften, und zufällig in die Nähe ihrer alten Bekannten kamen, diese gar zu schlimm von ihnen sprachen. Ja, – hieß es alsdann, der Schneider und der Handschuhmacher, Gott vergebe ihnen! das waren ein Paar liederliche Gesellen. Der Teufel hat sie geholt und sie sind spurlos verschwunden. Auf solche Reden hatte der Eine oder der Andere der Beiden es wohl versucht, sich zu erkennen zu geben, aber umsonst. Sie konnten sich in der Sprache der Menschen nicht mehr verständlich machen und mußten zu ihrem größten Leidwesen sehen, daß ihre noch so zierlich gestellten Reden in den Ohren ihrer alten Bekannten doch nur wie häßliche Katzenmusik klang. Denn diese griffen bei solchen Lamentationen nicht selten nach einem Stock oder Stein, um ihre ehemaligen Zechgenossen auf eine unangenehme Art zu verjagen. Kamen alsdann die beiden Kater hinkend oder gar blutend zur Alten zurück, so wurden sie noch obendrein von dieser ausgelacht, und erhielten den Bescheid, all' das Unangenehme für ihre Sünden hinzunehmen.

So vergingen den Beiden sieben volle Jahre, die sie als Katzen verlebten und während dieser Zeit hatte sich viel in ihren Gesinnungen und Neigungen verändert. Sie sähen jetzt wohl ein, welch' ein lasterhaftes Leben sie früher geführt und erkannten auch zu ihrer großen Betrübniß, daß sie wohl nimmer im Stande seien, es wieder gut zu machen. Als diese sieben Jahre bis auf die letzte Stunde abgelaufen waren, es war gerade wieder ein Morgen, wo draußen Schnee lag, wie der erste, an welchem sie sich als Katzen auf dem Strohsack gefunden hatten, erwachten sie ebenso wie damals wieder, um an ihr Tagewerk zu gehen. Da öffnete sich die Thür und die Alte trat herein. Das war nun weiter nichts Ungewöhnliches, nur verwunderten sich die Beiden, daß sie statt einer Schaale mit Wasser, ein kleines Fläschchen unter dem Arm trug, das mit einer Flüssigkeit angefüllt war, ähnlich der, die sie vor sieben Jahren in der unglücklichen Nacht geschluckt hatten.

»Guten Morgen, meine Kinder,« sagte die Alte, »ich hoffe, ihr habt gut geschlafen und seid fröhlich erwacht. Werdet aber noch fröhlicher und munterer werden, wenn ich euch sage, daß heute eure Zeit um ist, und ich euch aus meinen Diensten entlassen will. Jetzt hört mich an und merkt genau auf meine Worte. Ihr habt sieben Jahre bei mir verbracht in Kummer, Mühseligkeiten und Elend, und mein Spiegel sagte mir in vergangener Nacht, daß diese sieben Jahre hinreichend wären, um euer vergangenes böses Leben abzubüßen. Doch sagte mir der Spiegel ebenfalls, daß ihr von heute an nur noch sieben Tage zu leben habt, wenn es euch während dieser sieben Tage nicht gelingt, einen Trunk aus jener Quelle zu thun, aus der das Wasser des Lebens quillt. Um aber diese Quelle zu finden, müßt ihr von heute an fünf Tage in Einem fort gen Osten wandern; alsdann kommt ihr an einen Wald, in dessen Mitte ein frommer Mann wohnt, der jene Quelle hütet. Ihm erzählt euer vergangenes Leben, erzählt ihm von den sieben Jahren, die ihr als Buße bei mir zugebracht, und es hängt dann von seinem Ermessen ab, ob er euch würdig findet, einen Trunk aus jener Quelle zu thun.«

Bei diesen letzten Worten nahm die Alte das Fläschchen in die Hand und besprengte die Beiden mit der Flüssigkeit, die es enthielt. Da richteten sich die Katzen in die Höhe, streckten sich lang aus und waren in wenig Augenblicken wieder Menschen, wie sie vor sieben Jahren gewesen. Sie umarmten sich weinend vor Freude und dankten der Alten, daß sie sich ihrer angenommen und sie vor dem zeitlichen und ewigen Verderben gerettet. Diese, welche das Fläschchen noch immer in der Hand hielt, besprengte nun noch die Wände und sich selbst und wer beschreibt das Erstaunen der Beiden, als sie sahen, wie sich das ärmliche Gemach plötzlich mit einem rosenrothen Duft füllte, in welchem ihre bisherige Wirthin, in die schönste Fee verwandelt, langsam verschwand.

Die beiden Gesellen fielen auf ihre Knie nieder und als sie sich etwas von ihrem Erstaunen erholt, erinnerte sich der Schneider, daß ihm einst seine Mutter erzählt, just so, wie die Erscheinung, die eben verschwunden, sehen die Schutzgeister der Menschen aus, die selbst die Schlechtesten hier auf der Erde unsichtbar umschwebten und zu ihrer Rettung herbei eilten, wo es möglich sei. Durch diesen Gedanken gestärkt, erhoben sich die Beiden, eilten zur Stadt hinaus und wanderten rastlos gen Osten fort.

Fünf Tage und fünf Nächte waren sie unaufhaltsam fortgegangen, selbst ohne sich Zeit zum Schlafen zu nehmen. Ihre einzige Speise bestand aus drei wenigen Schleen, die der Schnee noch an den Sträuchen gelassen, und aus Wasser, das sie mit der hohlen Hand aus den Bächen schöpften. Nach diesen Mühseligkeiten waren sie nicht wenig erfreut, am Abend des fünften Tages einen Wald vor sich zu sehen, welchen sie für den erkannten, wo der fromme Mann zu finden sei, der die Quelle mit dem Lebenswasser hütete. Sie traten hinein und als sie unter den Bäumen fortwandelten, wunderten sie sich sehr, daß hier Alles im frischesten Grün des Frühlings prangte, während außerhalb des Waldes der Winter mit Schnee und Eis herrschte. Endlich kamen sie an eine Felsenhöhle, in welcher das entzückte Ohr der Beiden eine Quelle murmeln hörte. Vor dem Felsen aber saß ein Mann von so strengem und gebietendem Aussehen, daß die Gesellen nicht wagten, näher zu treten, sondern ehrerbietig in einiger Entfernung stehen blieben. Der Wächter des köstlichen Wassers, denn das war der Mann, schien sich ebenso wenig um die Beiden zu bekümmern, sondern las, ohne aufzusehen, in einem großen Buche. Ihm zur Seite ruhte ein fabelhaftes Thier, das fast wie ein Löwe aussah, aber auf jeder Seite des Körpers große Flügel hatte. Der Anblick dieses Geschöpfes war es, der den armen Gesellen fast ebenso große Angst einflößte, wie der des alten Mannes.

Nachdem sie einige Zeit so gestanden, überredete der Handschuhmacher seinen Freund Schneider, er solle den Anfang machen und den frommen Zauberer begrüßen, »denn,« sagte er, »ich bin ein armer, unbehülflicher Mensch, du aber hast dein ganzes früheres Leben mit vornehmen Leuten verkehrt, und wirst wohl wissen, wie du dich selbst einem Zauberer gegenüber zu benehmen hast.« Der Schneider, durch das Compliment geschmeichelt, strich sich das Haar empor, welches ihm der Angstschweiß auf der Stirne festgeklebt hatte, und trat dem Zauberer näher. Da er hiebei absichtlich mehr Geräusch machte, als nöthig war, so blickte der Zauberer auf und fragte mit strengem, aber doch freundlichem Blick. »Was wollt ihr?«

Die Beiden, die nichts anders erwartet hatten, als daß der Zauberer in schrecklichen Zorn gerathen würde, weil sie ihn in seiner Beschäftigung gestört, fühlten sich durch diese Anrede ermuthigt und trugen ihr Anliegen vor. Zuerst begann der Schneider seinen früheren Lebenslauf zu erzählen, und da er das mit einer seltenen Offenherzigkeit und Pünktlichkeit that, so kam ein ganzes Register von merkwürdigen Betrügereien und Schlechtigkeiten zum Vorschein. Da hatte er die Hälfte des Tuchs, das seinen Kunden gehörte, für sich behalten, und von dem übrig gebliebenen Stück natürlich die Kleider so eng gemacht, daß sie schon in den ersten vier Wochen platzten; ein ander Mal hatte er feines Tuch gegen grobes verwechselt, hatte ungebührlich viel für Futter, Knöpfe und sonstiges Zugehör angerechnet, hatte bei den Neujahrsrechnungen immer einige Posten mehr aufgeführt und sich obendrein bei dem Zusammenzählen stets verrechnet, aber nie zu seinem Nachtheil, kurz, er konnte mit Erzählen der vielen Streiche, die er begangen, kaum fertig werden.

Das Sündenregister des Handschuhmachers war noch bei weitem größer, als das seines würdigen Collegen; wenn er auch bei seinem Geschäft weniger hatte betrügen können und die Leute nur dadurch schnellte, daß er schlechtes Leder zu seinen Handschuhen nahm und die Knöpfe nicht gehörig annähte, so hatte er sich nebenbei auf's Gröblichste vergangen, indem er gar zu oft lange Finger gemacht, ein Umstand, den nicht Jedermann vertragen kann.

Der fromme Zauberer hörte mit Erstaunen und wachsendem Zorn diesen Bekenntnissen zu, und man konnte deutlich an seinem Stirnrunzeln gewahren, daß er über die Schlechtigkeit der Menschen sehr erzürnt sei. Freilich legte sich sein Grimm etwas, als ihm der Schneider von der siebenjährigen Buße erzählte, die sie gethan; aber dennoch schüttelte er am Ende zum großen Entsetzen der Beiden den Kopf und sagte: »Euch kann nicht verziehen werden. Ich finde euch in der That nicht würdig genug, um vom Wasser des Lebens zu genießen.« Bei dieser Entscheidung fielen die Beiden auf ihre Knie nieder und jammerten laut, ohne das Herz des Zauberers zu erweichen. Dieser dachte einige Augenblicke nach, hielt ihnen nochmals die Sünden ihres vergangenen Lebens vor, so weit sie ihm im Gedächtniß geblieben waren, und sagte alsdann: »Nein, ich versichere euch, eure Vergehen sind zu großartig, als daß sie vergeben werden könnten, und ich werde euch ebenso wenig zu dem Quell des Lebens lassen, als das Wasser, dem Laufe der Natur zuwider, über die Brücke fließen wird. Du,« wandte er sich zum Handschuhmacher, »könntest mit deinem rothen, glühenden Gesicht, das du deinem früheren Sündenleben zu danken hast, ohnehin nicht zu der wunderbaren Quelle treten; denn sie würde wahrscheinlich bei dieser heftigen Glut augenblicklich versiegen.«

Nach diesem schrecklichen Bescheid, welcher alle Hoffnungen des unglücklichen Paares vernichtete, fielen die Beiden der Länge nach auf den Boden und begannen bitterlich zu weinen. Da sie in diesem Augenblick, um Trost zu suchen, ihre Köpfe gegen einander wandten, so flossen ihre reichlich strömenden Thränen statt die Wangen herab auf dem gewöhnlichen Wege, quer über die Nasen und bildeten von da einen ziemlichen Wasserfall auf die Erde. Als der Zauberer, der eine Weile nachgedacht hatte, diese heftige Reue der Beiden gewahrte, wurden die strengen Züge seines Gesichts freundlicher und man sah deutlich, daß er sich an der Zerknirschung der armen Sünder erfreute; denn er erhob sich, trat zu ihnen hin und ermunterte sie mit freundlichen Worten aufzustehen, indem er zu ihnen sprach: »Freuet euch, alle Noth hat nun ein Ende. Ich sehe, daß ihr euer vergangenes Leben bitter bereut, und deßhalb könnt ihr den Quell des Lebens genießen, um so mehr, da mir der Himmel ein Zeichen gegeben hat, und meine Bedingung erfüllt, indem das Wasser eurer Thränen über die Brücke eures Gesichts, die Nase, geflossen ist. Doch eine Schwierigkeit wäre noch zu überwinden, nämlich dein rothes Gesicht, o Handschuhmacher, abzukühlen und zu bleichen. Ich kenne die Flammen, die sich auf demselben abspiegeln, und weiß, daß sie schwerer zu löschen sind, als irgend ein anderes Feuer, das da brennt im Himmel und auf Erden, es ist kein Wasser, kein irdisches Eis dazu kalt genug. Nur ein Versuch wäre noch zu machen: es ist bekannt, je höhere Berge man besteigt, je strenger wird die Kälte, und diesem Grundsatz zufolge besteht die Scheibe des Mondes, der dort hinter den Tannen hervorkommt, aus einem so entsetzlich kalten Stoff, daß das Eis der Erde wie siedendes Wasser dagegen ist. Dort also wäre nur der Versuch zu machen, dein brennendes Gesicht abzukühlen.«

Die Beiden hörten diese lange Rede des Zauberers mit großem Wohlgefallen an, trockneten ihre Thränen und würden sich noch mehr gefreut haben, wenn der Abkühlungsprozeß mit weniger Schwierigkeiten zu erlangen gewesen wäre. Doch da der Zauberer sich nun einmal ihrer angenommen hatte, so half er den beiden reuigen Sündern auch über diese Klippe hinweg.

Er rief das fabelhafte Thier herbei, das an seiner Seite lag, und befahl dem Handschuhmacher, den Rücken desselben zu besteigen. Hierauf sprach er einige sehr verhängnißvolle Zauberworte, der Greif breitete seine Schwingen aus und flog mit seinem Reiter unglaublich schnell dem Monde zu. Der Schneider hatte seine Hände gefaltet und sah seinem Freunde nach. Jetzt hatte dieser den Mond erreicht und drückte sein Gesicht an die helle leuchtende Scheibe. Da zischte es gewaltig auf, und dem Schneider fuhr ein Stich durch's Herz, denn es war gerade wie das Zischen eines Bügeleisens, wenn er wohl früher den Versuch gemacht hatte, ein zu arg beschnittenes Stück Tuch etwas in die Länge und Breite zu bügeln.

Jetzt rauschte der Greif wieder herab und der Schneider konnte sein Entzücken nicht mäßigen, als er seinen Freund wohl behalten und mit ganz gebleichtem Gesicht wieder herunter kommen sah. Sie fielen sich auf's Neue in die Arme und nachdem sie sich gegenseitig genugsam betrachtet, schickten sie einen dankbaren Blick zum Monde hinauf, dessen kaltes Eis die Flammen von dem Gesichte des Handschuhmachers hinweggenommen.

Doch wie ward ihnen, als sie die leuchtende Scheibe betrachteten, die vor wenig Augenblicken noch so klar und ohne Flecken gewesen war, und als sie sahen, daß sich das glühende Gesicht des Handschuhmachers so darin abgedrückt hatte, daß man deutlich Nase, Augen und Mund erkennen konnte. Der Zauberer ermangelte nicht, ihnen diesen Anblick nochmals als Beispiel aufzustellen, wie fast unvertilgbar das Feuer sei, welches die Sünde in ein Menschengesicht zeichnet. Dann führte er sie in die Höhle, reichte ihnen das Wasser des Lebens und entließ sie mit mancher guten Lehre.

Schließlich versicherte mir mein Großvater, als er diese Sage erzählt, daß die Gesellen nie wieder in ihre alten Fehler verfallen waren und daß bis auf den heutigen Tag aus ihren Nachkommen noch all' die ehrlichen Schneider und Handschuhmacher herstammten, die kein Tuch in die Hölle fallen ließen, keine zu großen Neujahrsrechnungen machten, und die an ihren Handschuhen von gutem Leder die Knöpfe recht fest nähten. Auch führte er mich darauf ins Freie, und zeigte mir das Gesicht im Monde, wie es seit jener Begebenheit bis auf den heutigen Tag noch zu sehen ist.

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