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Märchen

Johann Meyer: Märchen - Kapitel 7
Quellenangabe
typefairy
authorJohann Meyer
booktitleMärchen und Rätsel
titleMärchen
publisherVerlag von Lipsius und Tischer
seriesJohann Meyer's Sämtliche Werke
volumeFünfter Band
year1906
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080222
projectid437f0239
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Im Tannenbaum.

Es war Weihnachtsabend. In dem großen Hause hinter der Kirche, wo der Kirchspielvogt wohnte, stand der Tannenbaum schon geschmückt. Er stand mitten im Saal auf dem großen, runden Speisetisch, und ein bunter Kranz von Stühlen rund um ihn her. Sie trugen die Geschenke, womit der Kirchspielvogt und seine Frau heute abend ihr lustiges Dutzend erfreuen wollten. Hatten die aber auch eine Arbeit gehabt, das alles so zu stellen und zu ordnen! In der Kirchspielvogtei war Gottes Segen bei Cohn. Da ging es Tripp-trapp-troll, von Nummer eins bis zu Nummer zwölf hinunter; und Nummer zwölf, das Küchlein im Neste? – Nun ja, es war der kleine Paul, ein rotbackiger kleiner Ausbund, mit aufgeknüpfter Hose und einem Schlitz nach hinten, aus welchem zuweilen noch das Hemd guckte.

Draußen im Garten glänzte das Abendrot durch die Zweige. Der strahlende Stern war noch nicht aufgegangen; es war fünf Minuten vor vier, und erst um fünf sollte die Bescherung beginnen. Da hatten denn Vater und Mutter die hohe Doppeltür des alten Saales sorgfältig geschlossen, das Schlüsselloch mit Papier verstopft und sich nach der Kinderstube begeben, wo die Schneiderstunde, die schönste des ganzen Jahres, schon dämmerte und bereits gefeiert wurde, daß Tische und Stühle davon wackelten.

Drinnen im Saal war es mäuschenstill. Eine angenehme Wärme erfüllte den großen Raum. Vom Ofen her, in dem ein helles Feuer flackerte, wallte würziger Wohlgeruch, und im roten Lichtschein der Flammen stand die dunkelgrüne Tanne, fast bis zur Decke emporragend. Über ihren Zweigen lag die tiefste Ruhe; nichts von allem, was daran hing, regte sich! es schlief und träumte.

Da plötzlich, als vom nahen Turme der alten Kirche der vierte Glockenschlag dumpf verhallte, rauschte es durch den Baum. Einem alten, lebensmüden Gravensteiner war der Stengel aus dem Gliede gegangen, mit Getöse plumpste er auf die Erde, und ihm nach polterte eine Wallnuß, daß der Goldschaum davonstob. Es was wie ein gewaltiger Donnerschlag mit einem Gerassel von Hagel, und alles, was soeben noch gedrust hatte, fuhr erschrocken empor und rieb sich den Schlaf aus den müden Augen.

Welch ein Leben und ein Weben nun mit einemmale in dem schönen Weihnachtsbaum – und welch eine Menge von hübschen Sachen überall in seinen Zweigen! Die Mandeln und Rosinen, die Feigen und die Nüsse, die Äpfel und die Kuchen ganz ausgeschlossen, nur das andere zu zählen, war geradezu unmöglich, und alles von Marzipan oder Schokolade, von Makaroni oder überzuckertem Zucker!

Den Ehren-, das will sagen den höchsten Platz im Baume hatte die Rute mit der roten Schleife; sie hing am Kreuz der Tanne, wo sich in schwindelnder Höhe die fünf letzten Wachskerzen kreuzweise gegenüber standen. Ihr nächster Nachbar war ein kleiner reizender Engel mit lichtblauen Augen. Um das freundliche Antlitz wallten goldene Locken; ein Gürtel von roten Rosen umschloß das weiße Gewand, und mit ausgebreiteten Flügeln schwebte er schaukelnd am Faden. Er war aus einem süßen Traum erwacht; denn träumend hatte er eben noch da draußen geweilt bei den Hirten auf dem Felde und im Chor mit seinen glänzenden Brüdern das schöne Weihnachtslied gesungen: »Ehre sei Gott in der Höhe, Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!« Ihm zur Linken hing ein allerliebster kleiner Myrtenkranz mit dunkelgrünen, ganz blanken Blättern und schneeweißer, doppelter Blüte. Zu seiner Rechten aber schaukelte sich ein flotter Landjunker, dem man's schon auf den ersten Blick ansah, daß er ein wertvolles Gütchen und ganz vortreffliche Kühe und Kornfelder haben müsse; denn er rauchte aus einer Pfeife von Meerschaum mit silbernem Beschlage und trug eine graue Bibermütze. Die Lust lachte ihm aus den Augen und die Gesundheit im Angesicht, er blühte wie eine Bauerrose. Etwas weiter hinunter hinter seinem Rücken zwitscherte ein goldgelber Kanarienvogel, der ihn höchlich ergötzte; er war ja auch vom Lande, und auf dem Lande gibt man noch viel auf Vogelsang. Fast in derselben Höhe mit dem kleinen Vogel, aber ziemlich weit nach der anderen Seite des Baumes hin brüstete sich ein heruntergekommener Herr von Habenichts, das will sagen ein adeliger Sausewitz. Sein »von« war übrigens nur das einzige, was ihm noch aus früherer Zeit geblieben war; alles, was nicht niet- und nagelfest, hatte er längst durchgebracht, sogar seine Uhr, und statt deren baumelte ihm nun eine Lorgnette auf der weißen Weste. Der geschlängelte Schnurrbart war sorgfältig geschwärzt, und die Locken waren gebrannt. Der hohe Zylinder saß ihm flott nach hinten, über den Füßen hatte er Pariser Gummistiefel nach der neuesten Fasson, und aus der Seitentasche seines modernen Fracks hing weit heraus das rote seidene Taschentuch. Es hatte freilich seinen guten Grund, daß er noch immer so nobel gekleidet ging; denn es fehlte ihm nichts als eine reiche Braut, und Kleider machen Leute. Sehr lästig war ihm ein kleiner Maikäfer, der ihm gerade vor der Nase schwirrte, und hätte er nur gewußt, daß dieser Käfer von Schokolade war, er würde ihn in seinem Ärger am Ende mit Haut und Haar verschlungen haben. Das kleine Tier war so recht in seinem Element; die kleinen Fühlhörner waren weitgespreizt und die hellbraunen Flügel hochgelüftet; es hielt die Tanne für eine frisch ausgeschlagene Birke, und kaum vom Schlaf erwacht, summte es schon ein lustiges Maienlied. Nicht so wohlig war seinem Nachbar, einem großen, fetten Laubfrosch aus lauter Marzipan! denn ihm gegenüber stolzierte ein gravitätischer Storch und hielt ihn in beständigem Schrecken. – Der dumme Frosch! Er kannte nicht, was der Storch im Schnabel hatte; es war ein allerliebstes kleines Wickelkind, das er ja um keinen Preis fallen lassen durfte. – Dicht bei dem Adebar befand sich eine reizende kleine Wiege. Sie war sehr hübsch und gehörte vielleicht einer vornehmen Dame, die nicht weit davon stand und wohl eine Gräfin war, oder so etwas aus der Rokokkozeit: denn auf der Stirn saß ein schwarzes Schönheitsfleckchen und ihre Wangen waren geschminkt, ihre Locken gepudert, und das nennt man Rokokko. Sie war gewiß sehr reich, weil sie so stolz die Nase rümpfte. An ihren Fingern blitzten aber auch goldene Ringe; ihre kleinen Füße staken in roten Atlasschuhen, und das glänzende Kleid mit der langen Schleppe war von schwerer Seide. Hinter ihr stand ein naseweiser Lakai in weißer Kravatte, einem schwarzen Frack mit blanken Knöpfen und engen Kniehosen. Er schien sich im stillen zu moquieren über das unmoderne junge Fräulein, welches ihm schräg gegenüber an der anderen Seite des Baumes im Grünen spazieren ging. Eine ungeheure Schleife mit lang herunterhängenden Enden bedeckte die ganze Schattenseite ihrer mächtigen Krinoline; ein entsetzlich großer Chignon hing ihr im Nacken; eine Platte, welche den Hut vorstellte, lag oben darauf, und auf dieser wiederum eine Traube mit roten Beeren, wovon ein Zeisig pickte. Sie wurde stark rekognosziert von einem schmächtigen Leutnant mit blinkenden Epauletten und klirrenden Sporen. Dieser hing freilich schon etwas weiter nach unten, aber das genierte ihn nicht im geringsten; denn er war es von jeher nicht anders gewohnt gewesen, als die Nase etwas hoch zu tragen. Ein ausgepustetes Ei mit Goldschaum war ihm indessen doch sehr im Wege. Die Frau Kirchspielvögtin hatte es aus Schabernack so plaziert, damit es der Herr Leutnant nicht gar zu arg mache. Und ebenso absichtlich hatte ihm am Ende auch der Kirchspielvogt einen bunten Hampelmann zum Nachbar gegeben. Er hing gerade unter ihm und schon so niedrig, daß die Kinder bequem zu ihm hinauflangen konnten. Dieser Hampelmann war eine wahre Vogelscheuche von Häßlichkeit. Seine Nase war kreideweiß und so krumm wie ein Habichtsschnabel, und dazu hatte er einen Mund, der fast von einem Ohr zum andern ging. Arme und Beine hingen ihm schlaff herunter, und hinten aus seinem Trikot baumelte ein langer grauer Schwanz; es war der Faden, an dem er gezogen wurde. Gleich und gleich gesellt sich gern. Sein Nachbar war ein alter griesgrämiger Nußknacker mit einer dickangeschwollenen roten Kümmelnase, struppigem Bart und glotzenden Ochsenaugen. Er zeigte fletschend die Zähne, und ein dicker schwarzer Zopf stak ihm im Nacken, der zugleich der Knacker war.

Aber ganz unten im Schatten, was hing denn da noch so versteckt zwischen den Zweigen?

Es war ein ganz einfaches und bescheidenes kleines Bauermädchen. Gerade als ob es sich versteckt hätte aus Angst vor dem alten dicken Nußknacker und dem dünnen Hampelmann, oder als wenn es sagen wollte: was soll ich denn da oben in all der vornehmen Gesellschaft? Darin hatte sie allerdings auch Recht, sie paßte eigentlich nur schlecht hinein.

Sie hatte nicht einmal einen Hut auf, sondern war im bloßen Kopf, und die dicken Flechten, welche ihr über den Schultern herunterhingen, waren mehr gelb als blond. Ein enges Mieder von gelber Holzfarbe, ein runder, kurzer Rock, sowie Strümpfe und Schuhe, ganz von derselben Couleur, waren ihr einziger Schmuck, und nur ein grasgrünes und kirschrotes Band die spärlichen Abzeichen ihrer holzgelben Garderobe, welche aber so ungeschickt um den kurzen, kugelrunden Rock saßen, wie gesprungene Reifen um eine Tonne. Aber auch der Anstand, welchen sie hatte, paßte nur schlecht zu dem der andern. Ihre dicken roten Arme hatte sie steif in die Seiten gestemmt, gerade wie die Landmädchen, wenn sie vom Melken kommen. Auch in der übrigen Haltung ließ sie zu wünschen übrig. Sie hatte noch nie einen Schnürrumpf getragen; daher stand ihr Leib ein wenig hervor, und anstatt nach auswärts, wie es doch überall in der vornehmen Welt der Brauch, setzte sie die Füße mehr nach einwärts, ähnlich wie die Hühner und die Enten, wenn sie gehen.

Gleichwohl war auch sie dazu bestimmt, das schöne Fest mit zu verherrlichen, aber nur nicht hier, sondern auf einem der Stühle, und zwar auf dem allerletzten, dem des kleinen rotbackigen Ausbundes. Wie kam es denn, daß sie nun hier hing, und wer hatte ihr diesen Streich gespielt? Das hatte eine Schachtel getan, wenn auch gerade noch keine alte, und wer weiß, ob nicht vielleicht aus Neid oder Eifersucht! – Ihr sollt auch gleich hören, wie sie es gemacht hat.

Als nämlich der Kirchspielvogt und seine Frau mit der Ausschmückung des hübschen Baumes fertig waren und eben den Saal wieder verlassen wollten, gewahrte die Frau Kirchspielvögtin, wie der Deckel der Holzschachtel, welche auf dem Stuhl ihres kleinen Paul lag, ganz schief saß. Sie war aber eine sehr ordentliche Frau und wollte ihn im Vorbeigehen noch schnell wieder gerade rücken. Die Schachtel hatte jedoch ihren eigenen Kopf, und wenn die Frau Kirchspielvögtin ihn hinten drückte, so knarrte er und ging vorn wieder in die Höhe; drückte sie ihn aber vorne, so neigte er sich wieder knarrend nach hinten; und so war es gegangen knarrend und knurrend hin und her, gerade wie eine Brettschaukel, und die Frau Kirchspielvögtin hatte gedrückt und gedrückt, und es doch nicht zurecht gedrückt. Zuletzt war aber die Frau Kirchspielvögtin ganz rot dabei geworden vor lauter Aufregung. Der Kirchspielvogt hatte im stillen seinen Spaß daran gehabt und sich darüber gewundert, wie so kluge Frauen doch mitunter noch so einfältig sein könnten. Endlich war er ihr jedoch zu Hilfe gekommen und hatte denn auch gleich den Fuchs zum Loche herausgekriegt. Es war das kleine Bauermädchen, aber gewiß nicht mit Absicht; denn eigensinnig zu trotzen war sicherlich nicht ihre Weise. Sie hatte nicht recht mit in die Schachtel hineinkönnen, weil der dicke Bauer und seine Frau, und die Knechte und die Pferde und Kühe, und was noch sonst an solchem Vieh alles mit darin war, gar zu viel Platz einnahmen. Der Kirchspielvogt hatte aber kurzen Prozeß mit ihr gemacht; er hatte den widerspenstigen Deckel schnell gelüftet und sie herausgenommen, und da er nicht gewollt, daß das kleine dralle Mädchen so zwecklos beiseite gelegt werden sollte, hatte er ihm schnell einen Faden um die Taille gelegt und es unten in die Tanne gehängt. So war denn auch die kleine Holzpuppe mit an den hübschen Weihnachtsbaum gekommen, aus purem Zufall und lauter Trotz von seiten der widerspenstigen Schachtel.

Auch sie träumte wie die andern und dachte nicht im Traum daran, was ihr bevorstand. Als nun der alte Gravensteiner den jähen Fall tat und sogar dicht an ihr vorüberstürzte, fuhr auch sie erschrocken empor und juchzte nach ihrer Weise laut auf. Dadurch auf sie aufmerksam gemacht, gewahrte sie zuerst der dicke Nußknacker, und da auch er ganz von Holz war, wie sie, und sie gleich gern leiden mochte, wurde er gleich so sterblich in sie verliebt, daß er ihr auf der Stelle einen Antrag machte und sie kurz und bündig fragte, ob die Jungfer nicht Lust habe, sein ehelich Gesponst zu werden. Die kleine Holzpuppe mochte ihn aber nicht leiden und sagte kurzweg nein; und als er nun wie ein begossener Pudel so dastand und es recht gut merkte, wie sie mit vielsagendem Blick bald seinen dicken Bauch und bald wieder seine rote Kümmelnase betrachtete, wurde er ärgerlich und fing an, ganz fürchterlich zu schimpfen. Du hochnäsiges Bauernpostür, schrie er, glutrot vor Zorn, wer bist du denn? und wo kommst du hergelaufen? – Mach' daß du fortkommst und friß Klöße! – In solcher und ähnlicher Weise donnerte er auf sie nieder, und dabei riß er das Maul so weit auf und wackelte so wütend mit dem Zopfe, daß ihr ganz angst und bange wurde. – Kaum war er ruhiger geworden, als schon von der andern Seite her sich ein anderer an sie heranmachte. Es war der Hampelmann. Er hatte zwar dieselben Absichten wie sein unglücklicher Vorgänger, denn das Junggesellenleben gefiel ihm nicht länger; aber er war doch etwas manierlicher und fiel nicht gleich so geradewegs mit der Tür ins Haus. Da er große Stücke auf seine Kunst gab, hielt er es, um desto sicherer zu gehen, für sehr passend, sie bei seiner Werbung mit zu Hilfe zu nehmen. Er ging denn auch sofort ans Werk. Zuerst machte er einen Diener gegen sie, der so schlank war, als ob er gar keine Knochen im Leibe hätte; dann sprang er pfeilschnell wie ein Bock schnurgerade in die Höhe und schlug dabei zu gleicher Zeit mit Händen und Füßen über dem Kopf zusammen. Als er darauf wieder Posto gefaßt hatte, machte er noch einmal jenen Kautschuckdiener wie vorher und sagte: Liebes Kind – denn das war so seine Weise, alle Mädchen vom Lande anzureden – liebes Kind, wenn Sie Lust haben, als Frau Hampelmann durchs Leben zu tanzen, so – und nun fing er an zu singen – reich' mir die Hand, mein Leben!

Es fiel ihm gar nicht ein, daß sie nein sagen würde, aber die kleine Holzpuppe sagte dennoch nein und meinte, dann wolle sie doch lieber ledig bleiben und beim Bauern dienen, als eine Seiltänzersche werden, selbst wenn sie Schweine füttern und Mist streuen müsse. Damit wolle sie freilich nicht im geringsten etwas Arges gesagt haben; aber den Hampelmann wurmte es doch gewaltig, daß er einen Korb bekommen und sie sich noch obendrein so wegwerfend über sein Metier geäußert habe; er sann auf Rache. He, Bruder Nußknacker, wandte er sich nun großprahlend an seinen Nachbar, war es wirklich dein Ernst, dieser Gans deine Hand anzubieten? I, bewahre, rief der andere, dachte nicht daran! – Ja, siehst du, ich auch nicht! – wollte mir nur mal einen Jux machen mit dieser Runkelrübe, weiter nichts! Und dabei schnellte er sich herum und drehte ihr eine Nase zu. Der dicke Nußknacker wollte sich vor Lachen den Bauch halten; der Hampelmann lachte mit; er freute sich über seinen Witz, und damit war die Geschichte zu Ende.

Es war aber dieses erst die Einleitung zu all dem Skandal, welcher jetzt von allen Seiten über das arme kleine Bauermädchen hereinbrach. Johann! rief nun zuerst die Frau Gräfin und wandte sich an ihren hochnäsigen Lakai, sieh mal zu, was der Pöbel da unten auf der Straße macht; fi donc! ich glaube, sie schimpfen sich. Fi donc! sagte Johann, sie schimpfen sich, gnädige Frau, das ist garstig! Sehen gnädige Frau denn nicht die Bauertrutsche da, grad' unten auf dem Rasen? Eine Bauerdirne, kreischte die Gräfin, in unserer Nähe?! Johann, mein Fläschchen! mir wird übel! sie riecht nach dem Kuhstall! – Sie riecht nach dem Kuhstall, sagte Johann wieder, und dabei gab er ihr das Fläschchen; und als sie es ihm wieder zurückgab, roch auch er daran und rümpfe die Nase und sagte fi donc! – Das waren harte Worte für die Kleine zu verschlucken; sie wurde glutrot und sah betroffen zur Erde; denn zu Leuten, die so hoch über ihr standen, wagte sie nicht einmal hinaufzublicken. Kaum war ihr dieses Leid geschehen, als auch schon der schmächtige Leutnant anfing, sich über sie lustig zu machen. Er tat es offenbar in der Absicht, seinen Witz zu zeigen, um dadurch dem vornehmen Fräulein gegenüber, das er schon lange zudringlich durch seinen Kneifer visiert hat, ein Lächeln abzugewinnen. – Charmant, auf Ehre! schnarrte er durch die Nase, ein solches Prachtexemplar von Butterblume hab' ich noch in keinem Sumpf' gefunden! – Er hatte seinen Zweck erreicht, das vornehme Fräulein lächelte und warf der armen Holzpuppe einen verächtlichen Blick hinab. – Belieben Fräulein nur mal zu sehen, schnarrte er wieder, ich bitt' Sie, auf Taille! rekognoszieren Fräulein sich einmal diese Kanone! Welch ein Gußstahlkaliber!

Das vornehme Fräulein lachte wieder, – dem Offizier zog es ordentlich dabei in die Watte. Dann tat aber auch sie den kleinen Mund auf, und der Leutnant freute sich ordentlich, als er merkte, daß sie nun wirklich mit ihm sprechen wollte.

Eine herrliche Roggengarbe! rief sie mit einschmeichelnder Stimme, muß da ein Weizenboden sein, wo solches Korn gedeiht! – Das war ein herrlicher Einfall, er war so natürlich – ihr Papa war ein reicher Gutsbesitzer, – der Leutnant lachte laut auf. – Das ärgerte aber doch den kleinen Landjunker nicht wenig. So mit dem Segen Gottes zu spotten, und obendrein noch den Stand zu verhöhnen, welchem auch er angehörte, das konnte er nicht ertragen. Er hielt schon seine Fäuste geballt und wollte einen Dämpfer daraufsetzen, als ihn der kleine Engel anstieß und pst! pst! sagte, – siehst du denn nicht, daß es eine Dame ist? Daran hatte er freilich gar nicht gedacht, und da es überdies ein Engel war, der ihn zu Ruhe wies, ließ er den Arm wieder sinken und verbiß den Ärger. Das vornehme Fräulein aber hatte nichts davon gemerkt und spottete weiter. Aber diesmal wählte sie ein anderes Bild, absichtlich, um nun auch einmal dem Offizier zu imponieren. Du himmlische Gerechtigkeit, rief sie, was für ein Trompeter! – Charmant! schnarrte wieder der Leutnant, Trompeter, charmant! – Ja, und die Garderobe! sagte das vornehme Fräulein wieder, Herr Leutnant, die Garderobe! Das wäre eine Ehrendame für Ihre Majestät die Königin! – Charmant, schnarrte der Leutnant wieder, über die Barriere charmant! und dabei lachte er laut. Fräulein überbieten sich; ein köstlicher Einfall! Ehrendame! Charmant, auf Ehre! –

Die arme Holzpuppe! Das war fast mehr, als sie zu ertragen vermochte. Die Röte ihres Antlitzes verwandelte sich in Blässe, und zwei große Tropfen rollten ihr über die Backen.

Schließlich kam nun auch noch Herr von Habenichts mit der Lorgnette. Er hatte ernstere Absichten auf das vornehme Fräulein als der Offizier; denn die Offiziere tun nur schön, haben kein Geld und heiraten nicht, und wenn die Trompeten blasen, so reiten sie davon. Er hielt sie für sehr reich und tat sich darum alle mögliche Mühe, dem schmächtigen Leutnant mit noch besserem Witz den Rang abzulaufen. Ei, ei, meine Schöne, sagte er, sich tief vor ihr verneigend und dabei zugleich mit Hut und Fuß nach hinten schlagend, welch attische Salzkörner entfallen ihren rosigen Lippen! Wahre Perlen, wert, sie in eine goldene Schale zu sammeln, und viel zu kostbar für solch eine Pandora! – Olympischer Jupiter, was für eine Aphrodite! Heda, Sie schöne Helena, welchem Paris verdanken wir das Glück, Sie hier zu sehen?

Davon verstand nun freilich das kleine Bauermädchen kein Sterbenswort, und auch dem Landjunker waren es böhmische Dörfer. Aber daß es Spott sei, konnte sie doch recht gut merken, und das hatte auch er gleich heraus. Sie war nicht imstande, ein Wort darauf zu erwidern, erst recht nicht, als nun noch das vornehme Fräulein und der Leutnant und die Gräfin und ihr Lakai in ein schallendes Gelächter ausbrachen. Es ging ihr förmlich wie ein Stich mit dem Messer durchs Herz, und der kleine Landjunker wollte schon wieder dreinschlagen; aber der kleine Engel sagte wieder pst! pst! und da mußte er's lassen. Auch der Rute fehlte es nicht an Lust, ihr hatten schon längst die Finger gejuckt; aber sie war machtlos, sie war ja gebunden.

Als nun auf all diese Schmähungen auch nicht ein einzig Wort erwidert wurde, stieg der Hoch- und Übermut der andern immer höher, und er kannte zuletzt gar keine Grenzen mehr. Schmähungen über Schmähungen ergossen sich auf das arme Mädchen, und alle nannten es laut eine Schande, eine solche Person in ihrer Gesellschaft zu haben, und bestanden darauf, daß sie fort müsse. Ja sogar der Hampelmann und der Nußknacker fingen wieder an, und es wurde zuletzt eine förmliche Judenschule und ein Lärm und ein Spektakel, daß man sein eigenes Wort nicht hören konnte.

Da schlug plötzlich wieder die alte Turmuhr von der nahen Kirche; eilige Schritte kamen über die Vordiele, ein Schlüssel rasselte im Schlüsselloch, und die hohe Saaltür ging plötzlich auf. Es war der Kirchspielvogt mit einem Licht in der Hand und ihm nach die Frau Kirchspielvögtin, die nun in den Saal traten. Alles war jetzt mäuschenstill, aller Lärm hatte ein Ende.

Sie kamen, um die Kerzen anzuzünden; es hatte sechs geschlagen, die Bescherung sollte beginnen, und wenige Augenblicke nachher prangte auch schon der schöne Baum in vollem Strahlenglanz. Da gab denn der Kirchspielvogt mit der Glocke das Zeichen, und mit Jubel und mit Freudengeschrei drängte und tobte und stürzte es herein über die Diele. Wir wollen sie jubeln und sich freuen lassen vom Ersten bis zum Letzten, vom Herrn Sohn, der schon das Cerevis trug und die lange Pfeife rauchte, bis zum kleinen Paul mit der aufgeknüpften Hose, der zuletzt kam, weil seine Beine noch so kurz waren. Wir kennen's ja, das O und das Ach und die Lust und die Freude und das Glück der Eltern und die Tränen in ihren Augen, wir kennen's ja, ich von einst und ihr von jetzt, – aber den kleinen Paul, den wollen wir uns doch auf einen Augenblick aufs Korn nehmen! Er hatte seinen Stuhl leicht gefunden, es war ja der allerletzte, und als er alles, was darauf lag, flüchtig gemustert, die hübsche Flinte und das Steckenpferd und den Wagen und die Trommel und auch noch die Schachtel mit den Holzfiguren, ließ er's liegen und hüpfte um den hübschen, vollen Weihnachtsbaum. Da fiel ihm denn auch sogleich der schöne Hampelmann in die Augen. Hei, wie der schlank war und die Beine werfen und springen konnte! Das war Wasser auf Pauls Mühle. Die Hampelmänner hatte er für sein Leben gern, und er zog und lachte und lachte und zog fast in einem fort, daß der arme Hampelmann zuletzt fast ganz außer Atem kam, und je lustiger er sprang, desto unbändiger zog und lachte der kleine Paul. Aber das Glück ist wie Glas, und keins ist beständig, nicht einmal das eines Kindes. Es zerbricht ebenso schnell wie ein Spielzeug, – am Weihnachtsabend geschenkt, – am Weihnachtsabend wieder aus dem Leim. Der Hampelmann sollte die Beine immer noch höher werfen, und der kleine Paul riß immer noch heftiger; – da mit einem Male knackte der Faden, und die beiden Hampelmannsbeine lagen auf der Erde. Hätte aber nun einer den Schrei hören können, welchen der arme Hampelmann ausstieß, – es war herzzerreißend. Paul bekam freilich Schelte; aber was half es dem andern. Paul machte sich auch nur wenig daraus, sammelte die beiden Beine auf und legte sie auf seinen Stuhl, wo ihn nun wieder die Flinte und die Schachtel mit den kleinen Holzfiguren ergötzten. Aber ein Unglück kommt selten allein; das sollten bald darauf der alte Nußknacker und Paul erfahren. Es dauerte nicht lange, da war mein lieber Paul wieder beim Weihnachtsbaum, und nun der Spaß mit dem Hampelmann vorbei war, fing's mit dem Nußknacker wieder an, Paul besah und betastete ihn von allen Seiten, und jedesmal, wenn er ihn berührte, fing der Nußknacker an zu schaukeln und zu hüpfen; denn er war ziemlich korpulent und sehr schwer, und der lange Zweig, an welchem er hing, war sehr elastisch. Das war denn wieder ein herrliches Spielzeug für Paul; er ließ den Nußknacker auf- und niedertanzen. Da wollte es das Unglück, daß der Faden, an welchem er hing, herabglitt, und plumps lag der dicke Nußknacker auf der Erde und hatte sich gerade hinten so furchtbar gestoßen, daß er laut aufschrie und gar nicht wieder aufstehen konnte. So hatte denn diese Freude auch wieder ein Ende. Paul schlich natürlich leise davon, und als der Vater bemerkte, was passiert war, erhielt er schon den zweiten Verweis. Pauls Bruder aber, der Student, hob den armen Gefallenen wieder auf und legte ihn auf den Schemel unterm Tannenbaum, gerade da, wo oben die kleine Holzpuppe hing. Als nun diese sah, wie jämmerlich der Nußknacker dalag, tat es ihr doch sehr leid, und sie wäre gern heruntergestiegen, um ihm Mut und Trost einzusprechen und Flanell und Kampfersalbe zu holen, ihn damit zu reiben. Das hätte ihm gewiß wohlgetan und ihn gebessert; denn er schämte sich schon, als er nun so hilflos dalag und ein so jämmerliches Gesicht aufspielen mußte, gerade der gegenüber, die er so roh beleidigt hatte. Als er nun solches und dergleichen dachte und dabei doch dann und wann mal nach oben schielte, fiel sein Blick zufällig auf den schlanken Leutnant, der sich offenbar in einer sehr großen Gefahr befand. Der kleine Paul war wieder zum Tannenbaum gesprungen und betrachtete mit lüsternen Augen den hübschen Leutnant. Dieser hing ihm jedoch ein wenig zu hoch; es fehlte noch gerade eine Handbreit daran, zu ihm hinaufreichen zu können. Aber besehen wollte er ihn doch gar zu gern einmal. Da hatte denn der Allerweltsjunge zwar einen gescheidten, aber für den schmucken Leutnant doch sehr verhängnisvollen Einfall. Er sprang nämlich senkrecht in die Höhe und faßte den Leutnant bei den Beinen. Zum Unglück wollte aber der Faden, an welchem er hing, nicht vom Zweig herab, und als Paul wieder auf den Füßen stand, hatte er ein entsetzliches Unglück angerichtet. In der Hand hielt er einen kopflosen Leichnam, und oben am Faden baumelte ein grinsendes Haupt. Der alte Nußknacker sah es mit Entsetzen; aber Paul schien sich gar nicht einmal so viel daraus zu machen.

Der gottlose Bube steckte den kopflosen Leichnam schnell in die Tasche und stand nun wieder bei seinen Sachen, als wenn nichts passiert wäre. Doch kaum war diese schreckliche Mordtat von ihm begangen, als sich auch schon etwas höher hinauf an derselben Seite des Baumes ein Drama entwickelte, das in seinem Ende noch tragischer war.

In der Nähe des vornehmen Fräuleins mit der großen Krinoline und dem Hut mit der Traube stand eine rote Wachskerze, die durch die Erschütterungen, welche der unartige Paul bei seinem letzten todbringenden Sprunge in den Zweigen des Weihnachtsbaumes veranlaßt hatte, in eine etwas schiefe Stellung geraten war. Das vornehme Fräulein hatte leider nichts davon bemerkt; denn als das Unglück mit dem jungen Leutnant, sozusagen vor ihren Augen, passierte, wurde sie von dem gräßlichen Anblick so gewaltig ergriffen, daß sie ohnmächtig wurde und seitwärts nach der Wachskerze hin niedersank. Unglücklicherweise kam dabei der Faden, an welchem die besinnungslose junge Dame hing, in die Flamme der Wachskerze. Ein aufflackernder heller Lichtschein, – ein prasselnder Fall, – und das unglückliche junge Mädchen lag zerschmettert am Fußboden.

Die Folgen dieses jähen Sturzes aus schwindelnder Höhe waren so grauenhaft, daß dem dicken Nußknacker, der auch dieses noch miterleben mußte, die rote Nase ganz kreideweiß wurde. Ringsum lagen die Stücke des zerschmetterten Mädchens am Fußboden, und die Stelle, auf welche sie niedergestürzt war, bedeckte eine Menge zerbrochener Stäbchen; es war das zersplitterte Gestell ihrer Krinoline. Der kleine Zeisig war weit in die Stube hinausgeflogen, und Paul, wieder der Erste an der Unglücksstätte, hob ihn auf und steckte ihn ohne viel Federlesen in den Mund und verzehrte ihn. Seinem Beispiel folgten nun die andern. Dieser fand hier ein Stück und jener dort, und nach wenigen Augenblicken war von dem unglücklichen jungen Mädchen nichts weiter übrig, als das zerbrochene Gestell ihrer Krinoline. Ja, Paul steckte zuletzt sogar auch noch dieses in den Mund, die letzten Fetzen davonnagend. Schreckliches Los, zerschmettert und von Menschen gefressen zu werden!

Die stolze Gräfin und ihr Lakai, die sich an der entgegengesetzten Seite des Baumes befanden, hatten glücklicherweise von allem diesen nichts bemerkt. Auch der kleinen Holzpuppe war es verborgen geblieben. Sie hatte zwar den Fall gehört und gesehen, wie zuerst Paul und dann die andern herbeigesprungen waren und die vielen kleinen Stücke aufgesammelt hatten, hatte aber geglaubt, daß es ein Bonbon gewesen, welcher hinabgestürzt sei. Der dicke Nußknacker aber hatte ihr das Unglück verheimlicht; denn er hatte es nun wohl eingesehen, wie schwer er sie beleidigt, und wollte sie nicht noch mehr betrüben; sie aber hatte das plötzliche Erblassen des Nußknackers für die Folge eines neuen heftigen Anfalles seiner eigenen Schmerzen gehalten.

Doch die Nemesis war mit ihrem schrecklichen Gericht noch nicht zu Ende, und dieser Abend, für den kleinen Paul und seine Geschwister der schönste und herrlichste im ganzen Jahr, wurde für die hochmütige Hautevolee im Tannenbaum ein wahrer Unglücksabend. Auch die vornehme Gräfin und ihr hochnäsiger Lakai sollten nicht verschont bleiben. Johann! Johann! rief die Frau Gräfin plötzlich, mon Dieu! ich brenne! und dabei fuhr sie erschreckt und vor Schmerz in die Höhe, als ob sie von einer Schlange gebissen wäre. So schlimm war es nun freilich nicht, und Johann, der gleich hinzusprang, konnte noch gar keine Flamme an ihr bemerken; aber es war immerhin doch schlimm genug. Ein heißer Wachstropfen von einer etwas höher stehenden Kerze war ihr gerade auf den bloßen Hals gefallen und hatte die Gnädige empfindlich verletzt. Die Wachskerze stand nicht mehr kerzengerade, auch sie hatte etwas abgekriegt bei dem Sprunge Pauls und war so ins Lecken gekommen. Und gerade als Johann hinzusprang, die Sache zu untersuchen, bekam auch er einen Tropfen gerade auf die Nase, der so empfindlich schmerzte, daß er laut aufschrie. Mon Dieu! es brennt, gnädige Gräfin, rief nun auch Johann, und schnell versuchten beide, sich von der gefährlichen Stelle zu entfernen; aber eitles Bemühen! Der kurze Faden hielt sie unerbittlich zurück und gewährte ihnen kaum so viel Raum, wie nötig war, einem fallenden Tropfen auszuweichen. Aber bald flackerte die verhängnisvolle Kerze hoch auf, und auf die unglücklichen beiden fiel bald ein förmlicher Regen von glühenden Tropfen. Es sah recht possierlich aus, wie sie nun auf- und niedersprangen, bald vor- und bald rückwärts, zur Linken und zur Rechten, ohne Rast und Ruhe. Nichtsdestoweniger bekamen sie doch jeden Augenblick, dann mal er und dann mal sie, ein glühendes Sturzbad, und als endlich der Kirchspielvogt das flackernde Licht bemerkte und auf einen Stuhl stieg, um es auszublasen, waren Johann und seine Gnädige halbtot vor Schmerz und Schrecken und von den herabgefallenen Wachstropfen so fürchterlich entstellt, daß sie aussahen wie zwei glasierte Mumien. Die kleine Holzpuppe, die übrigens ganz unten gerade darunter hing, hatte auch von allem diesen nicht das Geringste bemerkt, auch der dicke Nußknacker nicht; denn durch das dichte Gezweig war ihnen jede Aussicht nach dieser Richtung hin genommen. Es war auch nur gut, desto sicherer waren sie vor den fallenden Tropfen geblieben. Auch der kleine Landjunker hatte nichts davon gesehen; er hing ja an der anderen Seite des Baumes bei dem Engel. Nur Herr von Habenichts war von oben herab stummer Augenzeuge gewesen und hatte im stillen seinem Schöpfer gedankt, daß ihn der Zufall so viel höher und diese mörderische Wachskerze nicht gerade über seinem Haupte plaziert hatte.

Während dies alles so vor sich gegangen war, hatten die verrosteten Zeiger der alten Uhr da draußen auf dem Kirchturm schon wieder eine Stunde zurückgelegt. Die Lichter auf dem Weihnachtsbaum waren nach und nach herabgebrannt, und der Kirchspielvogt hatte eins nach dem andern ausgeblasen. Der kleine Paul, von der Freude übersättigt, war müde geworden und zu Bett gegangen, und Vater und Mutter mit den andern Kindern hatten sich wieder in die Wohnstube begeben, um dort die noch übrige Zeit des Abends mit Lotterie- und Affenspiel zu vertreiben. Der große Nußbeutel lag auf dem Tisch, die Frau Kirchspielvögtin verteilte mit vollen Händen, und bald war das Spiel im Gange. Da kamen denn noch einige Stunden harter Arbeit für den armen Nußknacker. Natürlich war auch er bei dem Umzuge nicht vergessen worden, und er mußte nun von Hand zu Hand ohne Aufhören die Runde machen und dabei knacken, daß ihm der Schweiß nur so herunter rieselte und alle Zähne im Munde schmerzten. Als endlich das Spiel beendigt und für alle die Zeit zum Schlafengehen gekommen war, hatte der Mohr seine Schuldigkeit getan, er konnte gehen und wurde in die Ecke gestellt, als ob sich das nur so von selbst verstände. Und keiner würdigte ihn auch nur eines Wortes des Dankes. Undank ist der Welt Lohn, dachte er, und dann machte er es sich bequem, so gut es gehen wollte. Aber es kam nur wenig Schlaf in seine Augen; er hatte die ganze Nacht entsetzliche Zahnschmerzen, und dabei tat es ihm gerade hinten noch so weh, daß er kaum imstande war, auf dem Rücken zu liegen.

Am nächsten Morgen früh war der kleine Paul wieder der Erste auf den Beinen. – Von allen Geschenken, die auf seinem Stuhle gelegen, war ihm doch die kleine Flinte das allerliebste gewesen. Er konnte nun gar nicht die Zeit abwarten, damit ordentlich auf die Jagd zu gehen, und er eilte gar ohne Stiefel, auf bloßen Strümpfen in die Stube, um sie zu holen. Dann zog er den Ladestock heraus und lud sie und begab sich darauf in den Saal. Er wollte nun auf die Jagd gehen, und dort war ja der beste Platz zum Schießen, Kaum war er drinnen, als auch schon die Jagd begann; der kleine Kanarienvogel am Weihnachtsbaum war ihm ein gar zu verlockendes Ziel: er hielt ihn für eine Schnepfe und ließ nun Schuß auf Schuß den Ladestock durch die Tanne schwirren. Aber solange er auch zielte und so oft er auch abdrückte, er schoß doch immer vorbei, und der kleine gelbe Vogel blieb unverletzt am Platze. Das kam vielleicht daher, weil er zu klein, vielleicht auch weil der, welcher nach ihm schoß, im Schießen noch ein Rekrut war, vielleicht aber auch, und wer kann's wissen, weil der kleine Engel sich so dicht dabei befand; denn die Sänger stehen in einer höheren Macht und darum auch in ihrem Schutze, und es ist allemal eine große Sünde, einen kleinen Singvogel totzuschießen, Doch was kümmerte das Paul! Er schoß unverdrossen weiter!

Da mit einem Male jubelte er laut auf. Er hatte einen Meisterschuß getan, so daß der Ladestock zur Seite schnellte und die Stücke aus dem Baum flogen. Als er nun hinzusprang, um den langersehnten Vogel aufzunehmen, machte er große Augen; denn vor ihm lag nicht dieser, sondern Herr von Habenichts mit dem Ladestock mitten im Herzen. Der Hut und die Lorgnette waren weit davon geflogen, und Herr von Habenichts war mausetot. Nun, dachte Paul, ist's denn keine Schnepfe, so ist's wohl ein Kuckuck, und das bleibt sich im Grunde ja auch ganz gleich, und sofort biß er hinein, als ob er schon gebraten wäre.

Da polterte die Magd ins Zimmer mit Feul und Eimer. Der Saal sollte gereinigt werden, und Paul mußte das Feld räumen. Die Magd war vom Lande, wo man solche Besen wie in der Stadt noch garnicht kannte, und wußte daher mit dem langstieligen Leuwagen und Ulbesen auch noch garnicht recht umzugehen. Ungeschick ließ grüßen. Als sie den Staub unter dem Weihnachtsbaum herauskehren wollte, verwickelte sich der lange Stiel des Ulbesens in dessen Gezweig und plumps! fiel die kleine Holzpuppe auf die Erde!

Es war ein Glück für sie, daß sie so weit nach unten hing und so fest und vierschrötig war und die dicken Röcke an hatte; sie verletzte sich nicht weiter und kam mit dem Schrecken davon. Ihre Landsmännin aber, die sie so unvermutet zu Fall gebracht hatte, wurde zuerst ganz verblüfft und wußte garnicht was sie sagen sollte, als das kleine niedliche Bauermädchen so mit einemmale ihr zu Füßen lag. Dann hob sie es sorgsam auf und betrachtete es von allen Seiten: zuerst die Flechten, – gerade solche trug sie auch, – dann den Spenzer und den Rock mit dem grünen und roten Bandstreifen, – akkurat, als wenn er nach dem ihrigen gemacht wäre, – dann die dicken Beine, – und die drallen Arme, – und die roten Backen; – es wurde ihr ganz eigentümlich dabei zu Mute, – das war ja alles gerade so, als wenn sie in einen Spiegel guckte. Nun ging ihr Schreck allmählich in Bewunderung über und ihre Bewunderung in Freude, und als sie die kleine Holzpuppe genug betrachtet hatte, trat sie an den Baum, um wieder einen passenden Platz für sie auszusuchen. Da fiel ihr Blick auf den kleinen Landjunker mit der Bibermütze und der silberbeschlagenen Meerschaumpfeife. Halt, dachte sie, da hast du gesessen, und sie nahm einen Stuhl und hing die kleine Holzpuppe wieder auf. Dann betrachtete sie die beiden mit Wohlgefallen und freute sich über sie und lächelte und meinte: Die könnten wohl noch mal ein Paar werden.

Der alte Saal war längst gereinigt. Es war am ersten Weihnachtstage und ein herrlicher Wintermorgen. Durch die hohen Fenster leuchtete die helle Morgensonne, und ihre goldenen Strahlen umglänzten die grünen Zweige der hübschen Weihnachtstanne. Die Uhr schlug acht; der Küster läutete die Glocken, und über den Kirchhof wallten die geputzten Kirchengänger mit Bibel und Gesangbuch. Wäre aber die Magd nur im Saal gewesen, und hätte der alte Küster mit seinen Glocken nicht einen solchen Heidenlärm gemacht, – sie würde ein Wunder erlebt haben.

Der kleine Landjunker und die kleine Holzpuppe wurden Braut und Bräutigam. Er neigte sich dicht zu ihr hinüber, gerade als ob er sie küssen wollte, und sie legte ihren Kopf an seine Schulter und flüsterte leise: Mein Zuckersüßer!

Gleich nachher verstummten die Glocken, und aus der Kirche herüber tönten die feierlichen Klänge der Orgel.

Es war ein erhebender Anblick, – im Saal war Hochzeit. –

Der kleine Landjunker nahm den Myrtenkranz und setzte ihn seiner Braut auf den Kopf, der kleine Engel breitete segnend seine Flügel über sie aus, und der kleine Maikäfer, der Frosch und der Kanarienvogel sangen ihnen das Hochzeitslied:

Wir winden dir den Jungfernkranz
Mit veilchenblauer Seide.

Der Storch aber war der Erste, welcher gratulierte.

Und da lebten sie nun im Tannenbaum, wie Adam und Eva im Paradiese, und aßen Knackmandeln und Pottrosinen. Und wenn sie nicht daraus vertrieben sind und der kleine Paul sich gebessert hat, – so essen sie sie noch!

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