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Märchen

Johann Meyer: Märchen - Kapitel 6
Quellenangabe
typefairy
authorJohann Meyer
booktitleMärchen und Rätsel
titleMärchen
publisherVerlag von Lipsius und Tischer
seriesJohann Meyer's Sämtliche Werke
volumeFünfter Band
year1906
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080222
projectid437f0239
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Der Glückspilz.

Menschen sind wie Blätter, – sie kommen und vergehen. – Aber sie kommen, auch wie die Pilze, und ist gar einmal ein Glückspilz darunter, so hat er seine liebe Not. Denn keiner gönnt es dem andern, daß er ihm über den Kopf wachse; das macht der Neid, der böse Neid; – und zwischen den Menschen und den Pilzen ist ein ewiger Krieg. Trifft einmal einer einen armen Pilz, so macht er kurzen Prozeß mit ihm, gerade wie der Scharfrichter mit dem armen Sünder. Er haut ihm den Kopf ab, und je weiter er fliegt, desto mehr macht's ihm Vergnügen. Ja, einige machen es noch schlimmer; sie zermalmen ihn mit den Füßen, daß die Fetzen nur so am Stiefel kleben. Aber die schlimmsten von allen, das sind doch die Pilzfresser. Ihr wißt, es gibt Menschen, welche ihre Feinde verzehren; solche und deren viele haben auch die Pilze zu Feinden. Sie suchen sich nur erst die rechten aus; denn auf die rechten ist's ja immer am meisten abgesehen; und wenn sie die erst haben, so fressen sie sie mit Haut und Haaren. Kein Wunder also, daß Krieg ist zwischen den Menschen und den Pilzen. Tut es nicht der Neid, so tut's die Notwehr, und tut es diese nicht, so tut's die Rache; denn süß ist die Rache!

Die armen Pilze! was vermögen sie aber gegen die klugen Menschen? – Auf den ersten Blick freilich nicht viel, auf den zweiten aber schon mehr, und das Kriegführen haben sie los, das muß man ihnen lassen. Da sind zuerst die Großen, die sind so die Anführer; sie beraten den Plan und geben die Befehle, und ist einmal ein so recht grimmiger darunter, wie der Hausfresser oder der Windmacher ober der Giftmischer, so geht er auch wohl selber mit darauf los. Aber die andern bleiben doch hübsch dahinten, gerade wie bei uns; die schicken ihre Leute ins Feuer und das sind die Kleinen, und die sind so zahlreich wie der Sand am Meere. Und was das Schlimmste ist, die sind so klein, so klein, daß sie wirklich noch kleiner sind, als klein und der Mensch mit seinen scharfen Augen sie gar nicht einmal sehen kann.

Aber hört nun weiter, wie die Pilze es machen. Gleich wenn ein Mensch geboren wird, halten sie Kriegsrat. Das sind so die Großen, die Anführer; und ihr habt eine solche Versammlung gewiß schon gesehen. Stramm wie die Königsgrenadiere stehen sie da, der eine bei dem andern, einige auch in gar prächtigen Uniformen und alle mit einem großen mächtigen Hut auf dem Kopf'; daran erkennt man den Generalstab.

Und wieder hatte der Storch so ein kleines Kind auf die Welt gebracht; es war ein kleiner prächtiger Junge. Vor der Mühle im Teich, da, wo die großen Blätter schwimmen mit den weißen Lilien, hatt' er ihn herausgeholt, und die Pilze hinterm Knick auf der Wiese hatten's gesehen. Aber weil ihnen der Nacken so steif und der Hut so groß war, hatten sie den Storch aus den Augen verloren, und nun hielten sie Kriegsrat. Da flog er hin! sagten sie alle. Ja, freilich, da flog er hin! – Aber wohin er den kleinen Jungen gebracht, das wußte doch keiner, und nun war guter Rat teuer.

Quack! Ouack! rief es da mit einemmale im Grase. – Aha! dachten die Pilze, der will sich die Welt besehen, und komm! komm! liefen sie ihm alle entgegen. Und richtig, er kam, und als er gekommen war, da war's ein Frosch, ein großer grüner Frosch, und er machte einen Satz, – und wuppdi! so war er da, ganz oben auf dem Hut eines großen Pilzes. Und wie so niedlich es da saß, das kleine grüne Männchen, hinten niedrig und vorne hoch, gerade wie der Hund vor der Haustür, und wie es so klug dareinschaute! Hatten's die Kinder im Dorfe gesehen, gewiß sie hätten gerufen:

Pogg, Pogg op'n Poggenstohl!

denn die Kinder sprachen plattdeutsch, und den Frosch nannten sie Pogg und den Pilz Poggenstohl! Aber die Kinder sahen's nicht; sie waren gerade nicht da, und der Frosch beguckte sich die Welt und quackte vor Vergnügen.

Die alten häßlichen Pilze! Das wollten sie nur, und der eine stieß den andern an und sagte leise: paß auf, wenn nur erst der Storch käme. Darauf rechneten sie gerade; denn der Storch ist ein Philosoph, und Philosophen suchen alles zu ergründen und gehen gerne spazieren, und wenn sie spazieren gehen, so sprechen sie mit sich selber. – Und der Schlauste von ihnen, der verschmitzte Champignon, gerade einer von denen, welche von den Menschen so gern verzehrt werden, rief gleich hinauf: Quack, lieber Frosch, quack, lieber Frosch! – da oben kannst du's prächtig sehen! – und der Frosch quackte lustig weiter.

Da kam auch schon der Storch; er hatt' es gleich gehört und die Reise mit dem Kinde hatt' ihn hungrig gemacht. Husch! Husch! kam er herunter, und marsch! marsch! gingen ihm die Beine, und schwapps! sagte es, da hatt' er den Frosch auch schon im Schnabel. Und als er ihn erst im Leibe hatte, besah er sich die Pilze und fing an zu philosophieren. Das sind Pilze, sagte er, das ist richtig! – Aber nun möcht' ich doch wissen, warum es auch Menschen gibt, die Pilze sind? – – und dabei krauelte er sich im Nacken und legte den Fuß an den Schnabel, gerade wie die Philosophen den Finger an die Nase. – Ja, das möcht' ich wissen, sagte er; denn der kleine Junge, den ich da eben ins Dorf brachte und in den Schornstein des dicken Müllers, war doch auch ein Pilz! – Die Fee, da unter den Wasserlilien, welche mir ihn gab, sagte es ja! Der ist ein Glückspilz, sagte sie, – dem wird's gut gehen! – und Feen lügen nicht! – Aber Pilz ist doch Pilz, und Kind ist Kind, – – wie kann denn nun das Kind ein Pilz sein? – – – Und er stand noch lange und grübelte; aber er kriegte es doch nicht heraus, da sprach er auch noch Latein: plenus venter non studet libenter, sagte er und spazierte gemächlich weiter.

Also ein Glückspilz war es gewesen, ah, – ein Glückspilz! – und ins Dorf hatt' er ihn gebracht und in den Schornstein des dicken Müllers! – Nun wußten sie genug. Der Glückspilz sollte sterben, – sterben um jeden Preis! – Krieg dem Glückspilz!

In der Mühle war große Freude. Ein Knabe fehlte gerade, und nun hatte der Storch ihn gebracht. Der dicke Müller und die Müllerin meinten, einen größeren Gefallen hätt' er ihnen gar nicht erzeigen können. Was war es aber auch für ein Junge! so kugelrund und so kerngesund und auch schon so prächtig bei Stimme! Die drallen Arme und die dicken Beine, meinte der Müller, die hätt' er doch gewiß von ihm. Und die Müllerin meinte, solche Kinder gäb' es gar nicht mehr, und es fehlten nur noch die Flügel, so wär's ein Engel. Und lachen könnt' er auch schon und beißen auch, und ich sag' euch wie! so daß die Müllerin oft laut aufschreien mußte, wenn sie den kleinen Gast bei sich zu Gast hatte. Und wenn er dann satt war und mit seiner Mutter Mützenband spielte und lächelte, dann war es ihr und dem Müller gerade, als ob ihnen etwas in die Augen käme, und das war doch sonderbar, daß sie weinen mußten, wenn er lächelte; – aber in der Mühle war ja große Freude! –

In der Mühle war aber auch noch etwas anderes. Da unter den Balken und Brettern, zwischen den Wänden und hinter der Decke lauerte giftige Bosheit über solch ein Glück. Da hauste der tückische Feind, verborgen im Dunkeln und kommandierte seine Rotten. Und wie sie es verstanden, diese Vandalen, das Werk der Zerstörung! Aber leise, ganz leise, so daß keiner es merkte, und alles um den Glückspilz! Und durch alle Ritzen wurzelte es hindurch, durch alle Fugen und Poren; an den Wänden kroch es empor, höher und immer höher; hinter der Decke breitete es sich aus, weiter und immer weiter, und in die Balken und Bretter bohrte es sich hinein, tiefer und immer tiefer. Und der Müller sagte zu seiner Frau: Du mußt mehr lüften, es riecht hier so moderig. Und die Müllerin sagte zu ihrem Mann: was für ein Korn mahlt deine Mühle? sieh doch, wie rötliches Pulver liegt es auf allen Möbeln! Und die Müllerin lüftete und ulte und wischte; aber die Luft blieb ganz dieselbe, und der rötliche Staub kam immer wieder.

Und der kleine Glückspilz? – Er machte sich wenig daraus; aber nun war er zwei Jahre alt, und der Müller hatte ihn noch immer nicht impfen lassen; nun sollte er geimpft werden. In demselben Dorfe, nicht weit von der Mühle, wohnte der alte Doktor; der besorgte das Impfen, und der Doktor war ein Pilzfresser; Champignon und Trüffel waren sein Leibgericht, und Trüffel sind auch Pilze. Die Bauern konnten's garnicht begreifen und der Müller auch nicht, was er daran für ein Fressen fände; aber der Doktor wußte wohl: Wat de Buer nich kennt, dat frett hei nich, und er war ein kluger Mann und hatte studiert und kannte alles beim rechten Namen. Und wenn im Dorfe mal, eine schlimme Krankheit war, als Masern oder Scharlach oder Typhus, und wenn er dann geholt wurde, so sprach er gleich Lateinisch und nannte es gleich beim rechten Namen und sagte dann immer hinterher: Die verfluchten Pilze! Das konnten die Bauern nun freilich erst recht nicht klein kriegen und meinten dann jedesmal, er habe wohl wieder Pilze gefressen und es sei wohl ein giftiger darunter gewesen, der ihm Leibweh mache.

Als nun der alte Doktor kam, schnupperte er mit der Nase und öffnete sogleich das Fenster. Frische Luft, sagte er, frische Luft, mein lieber Müller, das ist das beste Wasser auf die Mühle der Kinder! Ja, sagte der Müller, riechen Sie etwas, Herr Doktor? weiß der Kuckuck, woher das kommt, meine Frau und ich, wir riechen es schon lange! Das Fenster war nun offen; aber so recht frisch wollt' es in der Stube noch immer nicht werden, und der Dokter schnupperte weiter und zuletzt sogar bei dem Kleinen herum, gerade als wenn er sagen wollte: vielleicht hat der's getan, worüber die Müllerin schon ganz rot wurde. Aber der Kleine war unschuldig, und der Doktor fing an ihn zu impfen. Das war nun freilich eine Heidenarbeit, er schrie entsetzlich, und der Müller mußte ihn halten. Und dem dicken Müller tat's ordentlich weh, als nun so der Doktor mit der scharfen Nadel in den kleinen dicken Arm seines Kindes stach, und er meinte, das sei doch eigentlich eine Quälerei und zu nichts was nütze, und wer darum die Blattern haben solle, der bekäme sie doch. »Oho!« sagte da der Doktor und nannte es gleich beim rechten Namen. Torula rufescens, – das ist der Blatternpilz, – ja, wenn der nicht wäre, dann hätten mir auch keine Blattern, die verfluchten Pilze! Und das Contagium, was man so Contagium nennt, das will sagen: der Ansteckungsstoff, – das ist der Mikrokokkus, der verfluchte Mikrokokkus, der alles Unheil anrichtet und an allem schuld ist. Damit war nun freilich der Müller noch eben so klug und konnt' sich's garnicht erklären, was das alles mit dem Impfen zu tun habe, und der alte Doktor erzählte ihm nun weiter, wenn seine Kühe einmal die Pocken kriegen sollten, so käme das von dem Blatternpilz, der mitunter auf ihrem Futterkraut wachse. Denn wenn sie solches Futter fräßen, so verschlängen sie damit zugleich auch den Pilz und mit dem Pilz zugleich den Mikrokokkus, das wolle sagen: seinen Samen, der dann auf dem Euter der Kühe als Pilz wieder herauswachse und dort die Pocken bilde. Und was er da soeben dem kleinen Schreihals in den Arm praktiziert, das sei gerade der Same von diesem Pilz, damit der Junge angesteckt werde und auch die Blattern bekomme. Der Müller fuhr erschrocken zurück und die Müllerin auch; denn das hatten sie noch alle beide nicht gewußt. Aber der Doktor sagte: Bangemachen gilt nicht! – Kuhpocken sind keine Menschenpocken; aber Pocken sind's doch, – und wer einmal die Pocken gehabt hat, der bekommt sie so leicht nicht wieder.

Als nun der Kleine geimpft war, mußte sich der Doktor aufs Sofa setzen und ein Glas Wein trinken. Da schnupperte er wieder mit der Nase, und diesmal flog ihm etwas hinein, daß er niesen mußte. Zur Gesundheit! sagte der Müller; Dank schön! sagte der Doktor, Sie haben hier starken Tabak in der Stube. Der Müller mußte gar nicht, was er damit meinte; aber der Doktor zog seine Lupe aus der Tasche und besah sich den feinen rötlichen Staub, von dem wieder etwas auf der Tischdecke lag. Und nun ging ihm mit einemmale ein Licht auf. Mein lieber Müller, sagte er, da haben wir die Bescherung! – die verfluchten Pilze! – in Ihrem Hause ist der Schwamm! – –

Der Müller und seine Frau machten ein ellenlanges Gesicht und wollten's gar nicht glauben; aber der alte Doktor nannte es gleich wieder beim rechten Namen. Merulius lacrymans, sagte er, das ist der Hausschwamm, und der ist ein Pilz, und der rosenrote Staub hier, das sind seine Sporen, will sagen: sein Same, also dasselbe bei den Großen, was bei den Kleinen der Mikrokokkus ist. – Konnt' er auch dem dicken Müller nichts anhaben, dem kleinen dicken Müllerburschen da könnt' er unter Umständen doch sehr gefährlich werden; denn er verursacht Schlingbeschwerden und Erbrechen und bei kleinen Kindern zuweilen sogar den Tod. Der Junge muß aus der Stube und Sie beide dazu, das ist das Beste!

Und der Doktor nahm seinen Hut und sagte: Guten Morgen! und der Müller und seine Frau und der kleine Glückspilz zogen denselben Tag noch eine Treppe höher.

Da oben in der besten Stube, da war's anders; da war's frisch und schön und nur selten ein rotes Stäubchen zu finden. Aber der kleine Glückspilz war auch dort nicht sicher, und der schlimme Feind wußte ihn bald zu finden. Ging auch ein Jahr darüber hin und noch eins, – sie gingen schnell, und es dauerte nicht lange, da fing es auch dort schon an dumpf und moderig zu werden, und auf den hübschen Möbeln der Müllerin gab es alle Tage zu bürsten und zu wischen.

Ein Glück, daß das Haus alt war; denn nun mußte der Müller bauen. Und bauen können die Müller immer, das kommt vom Matten. Und der Müller ging zum Zimmermann und der Zimmermann zum Maurer, – und als das Frühjahr kam, da kamen auch schon die Wagen und brachten Holz und Steine, und nachher kamen die Handwerker, und der dicke Müller konnte kaum so viel mahlen und die Müllerin kochen und backen, als sie alle verzehrten.

War das ein Leben für den kleinen fröhlichen Glückspilz! und dazu das Umziehen! das macht den Kindern ja immer so viel Vergnügen. Aber diesmal ging's keine Treppe höher; denn dann wären sie auf den Boden gekommen; sondern es ging die Treppe wieder hinunter und durch die offene Haustür. Drüben, jenseit der Straße, wohnte Nachbar Johannsen, der hatte dem Müller sein Nebenhaus vermietet. Nachbar Johannsen war ein reicher Mann; er hatte nicht bloß viel Geld, sondern auch viele Kinder und alle gesund und munter, und wer so beides hat, der ist reich! All das Geld hatte er einmal in der Lotterie gewonnen, über hunderttausend Taler, – all die lieben Kinder hatte ihm aber so nach und nach der Storch gebracht aus des Müllers Mühlenteich, und dafür war Nachbar Johannsen denn auch dem Müller wieder erkenntlich gewesen und hatte ihm sein Nebenhaus vermietet. Es waren liebe, prächtige Kinder, das eine noch hübscher als das andere; aber die allerhübscheste war Nachbar Johannsens Lenchen, – die war gerade so alt wie der kleine Glückspilz und seine liebste Spielgenossin.

Sonst war Nachbar Johannsen nicht gerade der Klügste. Und weil er so im Schlaf dabei gekommen war, sagten die Leute immer, er sei ein Glückspilz. Und das sagte der Doktor auch; aber er dachte dabei nicht an das große Los, sondern an die große Familie, namentlich an all die lieben Kinder, die ihn und den Apotheker noch nicht einmal in Nahrung gesetzt hatten. Denn das mußte er wohl und mußte es als Doktor auch am besten wissen: die Gesundheit ist doch immer das größte Gut im Leben!

Als nun der Müller umzog, schleppten der kleine Glückspilz und Nachbar Johannsens Lenchen lustig mit hinüber, einmal den Stiefelknecht und einmal die Kaffeemühle und dann wieder den Brotkorb und den Spucknapf. – Und als nun alles hinüber war, das Große wie das Kleine, da ging es los von unten und oben an allen Ecken und Enden. War das ein Brechen und Stoßen, ein Reißen und ein Poltern, daß es knisterte und knackte und kein Stück auf dem andern blieb! Und siehe da! auf den Brettern und Balken, da saß es in langen weißen Streifen mit zierlichen Ranken nach allen Seiten, gerade wie der Efeu an der Mauer im Garten, und war gar prächtig anzusehen. Aber es roch entsetzlich, und die Leute rissen es unbarmherzig herunter, und der eine zeigte es dem andern, und wo's gesessen, da war alles morsch und verfault, daß von den Pfosten und langen Brettern und dicken Balken die Stücke Holz nur so herunterbröckelten.

Und der kleine Glückspilz und Nachbar Johannsens Lenchen waren immer dazwischen. Immer die längsten und die schönsten Ranken suchten sie sich aus und zerrupften sie. Das ging so leicht, und die Kinder tun's so gern! und rund um sie her lag es voll von kleinen Stücken. Und es war ordentlich, als ob sie sich krümmten und wänden unter den Händen der Kinder, gerade wie die Stücke eines zerrissenen Regenwurms. Aber es waren ja keine Würmer, es war ja nur der Schwamm, – und den Kindern machte es Vergnügen.

Da kam der Doktor, – und wenn der Doktor kommt, dann laufen die Kinder weg. – Fort waren sie. – Und der Doktor betrachtete sich die Bescheerung und sagte: Die verfluchten Pilze!

Die alten häßlichen Pilze hatten sich aber doch sehr verrechnet. Wer einem sein Haus nimmt, hatten sie gedacht, und den Herd dazu, der nimmt ihm auch schon das halbe Leben; aber sie hatten nur keine Ahnung davon, daß der Müller Geld hatte und sich ein nagelneues Haus wieder bauen konnte und daß der kleine Glückspilz ein kerngesunder Junge war, der einen so guten Magen hatte, daß ihm das rötliche Giftpulver nicht einmal Leibweh machte. Nun war es aus mit ihnen, und drüben hinterm Knick auf der Wiese war große Aufregung; denn einer ihrer besten Anführer, der grimmige Hausfresser, war mit allen seinen Leuten jämmerlich zu Grunde gegangen. Und nun standen sie auch schon wieder da und brüteten aufs neue Verderben und diesmal sollt' eine Armee der Kleinen vor, der ganz Kleinen, die niemand sehen kann, und von ihnen gerade wieder diejenigen, welche den Kindern am meisten nachstellen und ihre größten Feinde sind. Sie waren aber gerade nicht zu Hause, sondern alle ausgezogen gegen die Kinder eines anderen Dorfes, das nicht weit davon lag, und unter denen sie bereits so entsetzlich wüteten, wie einstmals die Soldaten des Herodes zu Bethlehem. Da mußten sie plötzlich mit Morden innehalten; denn es traf die Ordre ein, so schnell wie möglich nach dem Dorfe zu kommen, wo der reiche Müller wohne mit dem kleinen Glückspilz; und wie froh nun die Leute waren, als die lieben kleinen Kinder nicht mehr starben, das läßt sich gar nicht beschreiben. Aber wie machten sie's nur möglich, so von einem Dorfe nach dem andern zu gelangen? so ganz kleine Leute haben doch auch nur ganz kleine Beine, und auf den kleinen Beinen ist's schlecht zu marschieren. Ja, seht mal, vom Marschieren war gar nicht bei ihnen die Rede, sie hatten's viel bequemer, sie ließen sich nämlich tragen, und der, welcher sie tragen mußte, war der Wind. Was heißt diesmal; denn allemal war's auch der nicht, sondern zuweilen sogar die Menschen selber, denen sie gerade zu schaden suchen und von denen sie tödlich gehaßt werden. Aber das macht's ja gerade, daß sie so klein sind, daß sie niemand sehen kann, und natürlich auch so leicht, daß es keiner merkt, der sie tragen muß, und wenn sich dann einmal eine Schar nun ihnen an die Kleider eines Menschen hängt, so schleppt er sie mit sich fort, ohne daß er selbst auch nur die geringste Ahnung davon hätte. Doch diesmal war's der Wind, weil der Wind gerade so günstig für sie wehte, und der Wind ist schnell, im Nu hatt' er sie hinübergetragen.

Der alte Doktor aß eben zu Mittag, gerade wieder sein Leibgericht, Champignons und Trüffeln, da kam ein Bauer und holte ihn. Der Bauer hatte eine kleine Tochter, die war krank aus der Schule gekommen mit starkem Nasenbluten und heftigem Kopfschmerz. Am andern Tage war sie auch heiser geworden und hatte Husten gekriegt, und zu gleicher Zeit hatten ihr die Augen getränt und waren rot unterlaufen, und ihre Nase war ganz verschnupft gewesen. Da hatten denn die Eltern gemeint, sie habe sich wohl stark erkältet, und hatten sie ins Bett gelegt und ihr Ei und Zucker und heißen Fliedertee gegeben. Das hatte aber gar nichts verschlagen, und ein paar Tage nachher hatte sie auch noch gefiebert und war am ganzen Leibe ganz bunt geworden von lauter kleinen blaßroten Flecken, und da hatte denn die Frau gemeint, sie müßten doch wohl lieber den Doktor holen. So haarklein erzählte ihm alles der Bauer, und der alte Doktor sagte hm! hm! setzte den Hut auf und ging mit. Als er das kleine Mädchen nur gesehen hatte, wußte er auch schon Bescheid und nannte es gleich wieder beim rechten Namen. Mucor mucedo, sagte er, das ist der Masernpilz, der hat's besonders auf die Kinder abgesehen, die verfluchten Pilze! Wo mag die Kleine sich den Mikrokokkus nur hergeholt haben? – gewiß ist die Luft wieder voll davon! – Die geringste Kleinigkeit ist genügend; wenn ein Kind sie einatmet und individuell zu dieser Krankheit disponiert ist, so hat es sie weg. Und durch die Lunge kommt's ins Blut und durch das Blut wieder in die Haut, und da haben wir die Bescherung, – lauter kleine blaßrote Fleckchen, – alles Pilze, die vom Schimmel kommen! – Mucor mucedo, – der verfluchte Schimmel! – Vom Schimmel? sagte der Bauer erstaunt und wollt's gar nicht glauben; er hatte nämlich zufällig einen Schimmel im Stall, einen prächtigen Apfelschimmel, den ihm schon der Doktor einmal abkaufen wollte, und er meinte nun, daß der Doktor diesen meinte. Hatte aber da einer sehen sollen, was der alte Doktor für Augen machte, als er merkte, was der Bauer meinte! Ach was Schimmel, sagte er, ich meine nicht den Apfel- sondern den Masernschimmel, auf welchem sich der Pilz bildet, von dem die Masern kommen, – die verfluchten Pilze! Aha! dachte der Bauer, nun weißt du Bescheid; er sagte aber nichts mehr, sondern dachte seinen Teil; der alte Doktor hatte ja eben Pilze gegessen und gewiß wieder Leibweh davon bekommen. Nachher mußte er nach der Stadt, um Medizin zu holen, und alle Fenster in der Stube, wo das kranke Kind lag, wurden dicht verhängt.

Der alte Doktor war erst eben wieder zu Hause, als auch schon ein anderer kam, um ihn zu holen, und das war Nachbar Johannsen; zum erstenmal in seinem Leben holte Nachbar Johannsen den Doktor, da riß denn freilich der Doktor die Augen noch viel weiter auf als über den Bauer mit seinem Schimmel. Und Nachbar Johannsen war ganz betrübt; sein kleines Lenchen war plötzlich krank geworden, und was krank sein bedeutet, das hatte Nachbar Johannsen ja noch niemals erfahren. Auch bei Lenchen war es zuerst so angefangen mit Kopfweh. Nachher hatten sich Halsschmerzen eingestellt, und Nachbar Johannsen und seine Frau hatten's ebenfalls nur so leicht genommen und für eine Erkältung gehalten. Es war aber von Tage zu Tage schlimmer geworden, und als nun der Doktor kam, lag das arme kleine Lenchen schon im heftigsten Fieber. Und dabei war sie so heiß wie Feuer und feuerrot über den ganzen Körper und phantasierte in einem fort immer nur von dem kleinen Glückspilz, ihrem liebsten Spielkameraden. Der Doktor fühlte ihr nach dem Puls und schüttelte bedenklich mit dem Kopfe, und dann fing er wieder an Latein zu sprechen und nannte es gleich beim rechten Namen und fluchte auf die Pilze. Scarlatina, sagte er, das ist der Scharlach, – die verfluchten Pilze! Der ist eben so klug, wie er tückisch ist, und weiß der Teufel, wo dieser Racker sein Nest hat; aber Pilze sind's doch, das ist sicher! die verfluchten Pilze! – Und Nachbar Johannsen und seiner Frau ging es nicht besser als dem Bauern mit seinem Schimmel. Daß das Scharlachfieber eine Krankheit sei, die von Pilzen herrühre, kam ihnen doch gar zu spanisch vor, und hätten sie nicht gewußt, daß der alte Doktor ein Pilzfresser sei, so wären sie wohl nimmer daraus klug geworden. Nun aber war es ihnen schon so klar wie dicke Tinte; er hatte denn wohl des Guten einmal wieder zu viel genossen und Leibschmerzen bekommen. Was sollten sie dazu sagen? – Sie sagten nichts; aber im stillen bedauerten sie ihn.

Noch das alles war nur der Anfang, und bald kam eine Zeit für den alten Doktor, wo er fast Tag und Nacht nicht mehr aus den Kleidern kam.

Die alten scheußlichen Pilze! Haus bei Haus gab es kranke Kinder, und Masern und Scharlach waren in vollem Gange. Es dauerte auch nicht lange, da kam der Tod und hielt eine reiche Ernte, und was für Trauer und Tränen rings bei den armen Eltern! Hatt' er da zu schimpfen, der alte Doktor, und zu fluchen auf die Pilze! Schlimmer hätten sie aber auch gar nicht wuchern können, als nun im Dorfe. Und bei Nachbar Johannsen war's gerade wie in einem Lazarett. Da lagen sie eins beim andern, all die kleinen Johannsen, und hatten das Scharlachfieber.

Und der dicke Müller und seine Frau vergingen fast vor Angst um ihr liebes kleines Söhnchen; aber auch diesmal konnten ihm die bösen Pilze nichts anhaben; er war ja ein Glückspilz, die Fee hatt' es gesagt, und wär' er krank geworden oder gar gestorben, so war's ja nicht wahr gewesen, – und Feen lügen nicht.

Und Nachbar Johannsen? war der's denn auch noch? Der alte Doktor meinte ja, und der wollt's wohl wissen, – alle seine lieben kleinen Kinder wurden glücklich wieder besser.

Und draußen hinterm Knick auf der Wiese, da schäumten sie vor Wut. Nun kam der Winter, und dann will's mit den Pilzen nicht so recht mehr gehen. Masern und Scharlach waren vorbei. Über die Wiese wirbelten die Flocken, und wo der Generalstab der Pilze gestanden, war eine leere Stätte.

Was ist schneller als die Zeit? – Es dauerte nicht lange, da war's Weihnacht, und als die Kinder sich in den April geschickt hatten, hatten sie auch schon den Storch gesehen, und da kam der Frühling, Ja, was ist schneller! Bald waren die Bäume wieder grün, und die Blumen blühten, und drüben hinterm Knick auf der Wiese standen auch schon die Pilze. Das neue Müllerhaus war längst wieder bezogen. Und aufs neue hielten sie Kriegsrat, ihr wißt, warum; und über die Straße in der Mühle ging's lustig her. Da brannte die Geburtstagstorte, – vier Lichter, und eins in der Mitte, – der kleine Glückspilz war vier Jahre alt geworden. Und Lenchen und ihre Brüder waren gekommen, ihm zu gratulieren, der dicke Peter und der lange Johannes und die beiden kleinen Zwillinge Hans und Jakob. Das waren so die Kleinen von Nachbar Johannsen, – die Großen, Theodor und Gottlieb, paßten nicht mehr dazu; sie sollten im nächsten Jahre konfirmiert werden und mußten fleißig zur Schule gehen. Selbst der lange Johannes war eigentlich schon zu groß und paßte auch nicht mehr dazwischen; aber er spielte noch so gern und war sanftmütig und ließ sich alles gefallen, und für Schokolade und Geburtstagskringel ließ er sein Leben. Da hatte denn die Mutter gesagt: Geh' nur mit, Johannes, und paß mir hübsch auf die Kleinen und sieh mir auch nach dem Dicken, daß er artig sei und mir die andern nicht necke. Sie wußte es wohl, Bruder Peter war ein Ausbund, und die Kleinen hatten oft ihre liebe Not mit ihm. Und der lange Johannes hatte sich das nicht zweimal sagen lassen; – so war denn auch er mit zum Geburtstag gekommen.

Als nun die Schokolade alle und der Kringel verzehrt war, ging's nach der Koppel hinter Nachbar Johannsens Garten. Da wollten sie spielen, und da war's auch prächtig. Platz im Überfluß und nichts als Blumen; es waren lauter Stiefmütterchen, und die ganze Koppel schimmerte in violetter Farbe. Der dicke Peter war der Erste durch die Pforte; – sie wollten Soldaten spielen, das war sein Leben, – und als nun auch die andern kamen, knackte er schon im Zaun herum und brach die Flinten. Aber wo war der Feind? – Die Soldaten müssen doch auch in den Krieg, und zum Kriege gehören die Feinde; – aber die Feinde fehlten. Ja, hätten sie's nur gewußt und sie gekannt, sie wären auch um die Feinde nicht verlegen gewesen! Dafür hatte der Generalstab gesorgt, hinterm Knick auf der Wiese. Sie waren schon da, ehe noch die Kinder gekommen waren, ringsumher zwischen den blauen Blumen in großer Anzahl über die ganze Koppel hin. Und ein jeder eben so rund und dick wie der dicke Peter, aber viel kleiner und von schwarzer garstiger Farbe. Und als sie nun das kleine Geburtstagskind so lustig und fröhlich zwischen den anderen sahen, da schwollen sie an und wurden noch viel runder und dicker aus lauter Haß und Grimm gegen das Kind, und still und lautlos standen sie da, jeder auf seinem Posten und harrten gierig des einen, auf den sie alle es abgesehen hatten. Aber für diesen und seine Spielkameraden fehlten die Feinde, und die Kinder wollten ja Soldaten spielen, und nun die Feinde fehlten, machten sie sich sie selber. Das war leicht, der dicke Peter schaffte Rat. Bruder Johannes wurde Major, und die beiden Zwillinge wurden sein Regiment. – Da standen die Feinde! – und Lenchen und der kleine Glückspilz sollten sie angreifen, diese kommandierte Peter, und nun begann die Schlacht. Das war ein lustiges Spiel, bald schoß der eine und bald schoß der andere, und piff! und paff! ging es hüben und drüben. Aber mit den Flinten hatt' es leider einen Haken, – wenn sie auch knallten, so gaben sie doch keinen Dampf, und es wollte noch immer keiner stürzen. Darüber kam nun der dicke Peter ganz außer sich vor Wut und stampfte grimmig auf die Erde. Und siehe da! als er es tat, qualmte nur so der schwarze Dampf unter seinem Fuße hervor, gerade als ob er mit dem Stiefel geschossen hätte! Überrascht hielt er inne und hob den Fuß in die Höhe, und da lag ein schwarzgraues Ding wie ein kleiner breitgedrückter Ball, und dicht dabei stand ein zweiter noch rund und voll und zum Platzen geladen. Und den hob der dicke Peter auf und warf seine Flinte beiseite, und nun drückte er los, daß der schwarze Dampf nur so davonprustete. Und als das Johannes sah und die Zwillinge und Lenchen und der kleine Glückspilz, warfen auch sie ihre Flinten weg und suchten sich solche Bälle. Und bald waren alle Taschen voll davon und dann marschierten sie auf einander los und gaben Feuer, und es war ordentlich wie eine Schlacht mit Pulverdampf. Und in den Händen der Kinder und zwischen den Blumen am Boden freuten sich die kleinen häßlichen Bälle, wie kleine schwarze Kobolde. Kein Wunder auch, daß sie sich freuten! – Es waren ja Menschen, ihre Feinde, die nach ihnen griffen, und gerade der darunter, auf den sie vor allem es abgesehen, und wenn es ihnen glückte, was sie im Sinne hatten! – gewiß! er würde diesen Geburtstag in seinem ganzen Leben nicht wieder vergessen! –

Aber Lenchen hatte bald genug davon; sie trug eine schneeweiße Schürze, und die beiden Zwillinge hatten ihr die hübsche Schürze ganz schmutzig geschossen. Darüber wurde sie böse und warf die alten schwarzen Bälle wieder weg. Der kleine Glückspilz war glücklicher gewesen; ihm hatte noch keiner so dicht auf den Pelz gebrannt; aber er hatte doch auch sein sonntägliches Zeug an, und als er sah, daß Lenchen keine Lust mehr hatte, hatte auch er sie nicht mehr, und er und Lenchen fingen an zu retirieren und machten sich beide aus dem Staube.

Desto grimmiger gingen aber die andern auf einander los. Drei gegen einen, da hatte der dicke Peter was zu tun. Er kämpfte aber so ungestüm, daß er doch die Schlacht gewann. Als er nun den langen Johannes gefangen nahm, wollt' er ihm auch keinen Pardon geben und schoß ihm so gerade ins Gesicht, daß ihm der dicke Dampf nur so um die Nase zog. Und Johannes wußte gar nicht, was ihm passiert war; er schrie laut auf und kniff die Augen zu, und sie brannten ihm wie höllisches Feuer, Da war guter Rat teuer. Der dicke Peter hatte wieder einmal einen dummen Streich gemacht und rief Lenchen. Aber Lenchen wußte auch keinen Rat, und Johannes rannte nach Hause und heulte entsetzlich. Es war auch schlimm genug, alles Waschen wollte nichts helfen, und Nachbar Johannsen holte den Doktor, – zum zweitenmal in seinem Leben.

Als der Doktor kam, hatt' er's auch bald heraus. Johannes sagte, daß Bruder Peter es getan, und Bruder Peter hatte noch beide Taschen voll und mußte beichten. Ei! ei! sagte der Doktor – und dabei nahm er einen zwischen die Finger und drückte den schwarzen Rauch daraus, und dann sprach er wieder Latein und nannte es gleich beim rechten Namen. Bovista plumbea, sagte er, das ist der Bauchpilz, und was der da in die Augen gekriegt, das ist sein Same, – die verfluchten Pilze! Und diesmal glaubten's Nachbar Johannsen und seine Frau doch auch, daß die Pilze die Schuld hatten; denn sie kannten sie beide recht gut noch von ihrer Kindheit her und hatten's schon damals oft gehört, daß einer blind werden könne, wenn er etwas davon in die Augen kriegte.

Und der lange Johannes war's auch geworden, und der Doktor besuchte ihn jeden Tag und fluchte auf die Pilze. Aber alles Fluchen und alle Salben, die er verschrieb, wollten doch nichts helfen, der lange Johannes wurde nicht wieder sehend, – die bösen Pilze hatten ihn wirklich geblendet.

Das waren die Blindmacher; aber den Rechten hatten sie doch nicht getroffen, – der kleine Glückspilz war glücklich davongekommen!

Und Nachbar Johannsen und seine Frau waren trostlos über den armen Johannes, und auf der Koppel mit den blauen Blumen ging Nachbar Johannsens Pflug, und alle Pilze wurden lebendig begraben.

War der arme Johannes auch blind, die Bauern im Dorfe hielten Nachbar Johannsen doch noch immer für einen Glückspilz. Der alte Doktor aber dachte anders. Was nützen ihm all seine blanken Taler, dachte er, ein Paar andere Augen kann er seinem Kinde doch nicht dafür kaufen. Und die Pilze auf der Wiese schwuren grimmige Rache, vor allem dem kleinen Glückspilz, um dessentwillen nun auch die Blindmacher ein so schmähliches Ende gefunden hatten. Und wiederum mußten die Kleinen vor, die ganz Kleinen, aber noch viel schlimmere als die andern. Sie waren gleichzeitig mit diesen gegen die Menschen in den Krieg gezogen, da ihnen aber die Landluft nicht behagte, hatten sie sich die Stadt gewählt und in dieser wieder die engsten und schmutzigsten Gassen, wo sie in den niedrigen und dumpfen Wohnungen der Armen entsetzlich wüteten. Als sie nun den Befehl erhielten, den kleinen Glückspilz zu ermorden, machten sie sich eiligst bereit; aber der Wind wehte nicht günstig, und nun waren's die Menschen selber, welche sie tragen mußten.

In dem Dorfe, wo der kleine Glückspilz wohnte, war auch ein Schneider, der hatte einen Bruder in der Stadt, und der war gestorben. Da mußte denn der Schneider zum Begräbnis und erbte den ganzen Nachlaß, Rock, Hose und Weste und auch noch ein Paar Stiefeln, – das war alles. Rock und Weste waren aber schon ziemlich mitgenommen und die Stiefeln auch, – die Hose dagegen war noch gut erhalten, das sah der Schneider gleich, und war ein Prachtstück, – bunt karriert und nach dem neuesten Schnitt. Und, wie die Schneider sind, kaum zu Hause, wurde auch die Hose des verstorbenen Bruders schon seine Sonntagshose, und so oft er bestellt wurde, seinen Kunden das Maß zu nehmen, tat er's niemals ohne diese. Die verhängnisvolle Hose! wer könnt' es ahnen, welches Unglück sie über das ganze Dorf bringen sollte! – Da schickte Nachbar Johannsens Frau zum Schneider: er möchte doch sobald wie möglich kommen, ihrem Manne das Maß zu nehmen, und da kam der Schneider in seiner karrierten Hose. Nachbar Johannsen sollte einen neuen Anzug haben; aber ehe noch der Anzug fertig war, wurde Nachbar Johannsen krank; und der Schneider wurde auch krank, und beide mußten sich legen. Kein Essen wollte ihnen schmecken, und schlafen konnten sie auch nicht, und bald stellte sich Kopfweh ein und Fieber, und nach wenigen Tagen war's schon so schlimm, daß sie beide zum Doktor schicken mußten.

Hm! Hm! sagte der alte Doktor, sowohl bei Nachbar Johannsen als auch beim Schneider, das ist eine schlimme Geschichte! Und sowohl bei Nachbar Johannsen als auch beim Schneider rief er die Frauen allein; denn die Kranken sollten's garnicht wissen, was ihnen fehle, und dort wie hier sprach er gleich wieder Latein und nannt' es beim rechten Namen. Schon wieder die Pilze, sagte er, die verfluchten Pilze! und sogar zwei für einen, Rhizopus nigricans und Penicillium crustaceum, so heißen die kleinen Übeltäter, und ihr Mikrukokkus hat uns den Typhus gebracht. Die beiden Frauen hatten nichts davon verstanden als das Wort Typhus; das genügte aber auch schon, sie aufs höchste zu erschrecken. Und der alte Doktor zerbrach sich vergeblich den Kopf damit, woher der Mikrokokkus zu dieser Krankheit wohl so urplötzlich gekommen sei; denn im Dorfe und in der ganzen Umgegend war im letzten Jahre auch nicht ein einziger Typhuskranker gewesen, und nun mit einemmale zwei? Das war doch sonderbar! Hätt' er nur die Geschichte von der Hose gekannt, so würde er vielleicht darauf gekommen sein; aber die kannte er ja nicht. Und Nachbar Johannsen und der Schneider wurden sehr krank; sie lagen viele Wochen ganz ohne Besinnung in fortwährenden Fieberphantasien, und der alte Doktor besuchte sie Tag und Nacht und fluchte auf die Pilze.

Und um dieselbe Zeit, als Nachbar Johannsen und der Schneider so krank waren, bekam der dicke Müller einen neuen Gesellen. Der war aus der Stadt gekommen, da hatt' er zuletzt gearbeitet; daß er aber sein Bündel geschnürt und sich auf die Wanderschaft begeben, das hatte seinen guten Grund. Er war nämlich krank gewesen und hatte im Hospital gelegen, und als er wieder entlassen war, hatt' ihn der Müller in der Stadt nicht wieder in Arbeit haben wollen, und auch das hatte seinen guten Grund. Er hatt' ihn nämlich nicht wieder im Hause haben wollen wegen der bösen ansteckenden Krankheit, die er gehabt; und da hatte denn der Geselle gedacht: was einer nicht weiß, macht einen nicht heiß, – und war in die Fremde gegangen. Und der dicke Müller war so einer, der's nicht wußte, und da ihm gerade ein Geselle fehlte, hatt' er ihn in Dienst genommen. Aber kaum waren acht Tage vergangen, da sollt' es dem dicken Müller mit seinem neuen Gesellen noch schlimmer ergehen als dem Schneider mit seiner karrierten Hose. Weiß der Kuckuck, was mir in den Knochen steckt, sagte der dicke Müller zu seiner Frau, als sie gerade beim Mittag saßen; – aber heute fehlt mir was, das Essen will mir gar nicht schmecken, – und damit legte er den Löffel wieder hin.

Desto besser schmeckte es dem kleinen Glückspilz, der konnte essen für zwei, und eine Stunde später, als die Müllerin mit dem Kaffee kam, bat er seine Mutter schon wieder um ein Butterbrot. Dem dicken Müller schmeckte aber heute auch nicht der Kaffee, und die Pfeife, welche er sonst immer dabei zu rauchen pflegte, eben so wenig. Er schüttelte sich vor Frost, und die Glieder waren ihm wie lahm, und dabei hatt' er die heftigsten Kopfschmerzen. Das wird das Fieber, sagte er, und legte sich zu Bett. Und das Fieber ward es auch, aber nur nicht das kalte Fieber, welches der Müller meinte, sondern schon in der eisten Nacht ein so hitziges Fieber, daß ihm ganz schwindlig dabei wurde und es ihm vorkam, als ob er bei lebendigem Leibe gebrüht würde. Schon früh morgens mußte der Doktor her, und als er den dicken Müller so fiebern sah, schüttelte er bedenklich mit dem Kopf, und sagte: Hm! Hm! da ist etwas Schlimmes im Anzuge, – wenn's nur keine Pilze sind und nur nicht dasselbe wird wie bei Johannsen und dem Schneider! Dasselbe war's nun freilich nicht; aber Pilze waren's doch, der alte Doktor war ja ein Pilzfresser, er hatt' eine viel zu scharfe Nase und witterte sie schon aus der Ferne. Sie ließen auch nicht lange auf sich warten; am vierten Tage waren sie schon da, und als der alte Doktor seinen Kranken besuchte, prallte er vor Überraschung zurück und hatte nicht im Traume erwartet, eine solche Entdeckung zu machen. Dem dicken Müller war das ganze Gesicht voll kleiner roter Fleckchen, ganz so, als ob es der Tummelplatz für unzählige Flöhe gewesen wäre; und als der Doktor die Decke zurückschlug, waren Brust und Arme schon eben so, und auch der Leib und die Beine fingen bereits an, bunt zu werden. Der dicke Müller wußte schon gar nicht mehr, was um ihn vorging, da brauchte denn der alte Doktor die Müllerin auch gar nicht erst allein zu rufen, um ihr zu sagen, was dem Müller fehle. Daß es aber etwas sehr Schlimmes sein müsse, das merkte sie sogleich; denn er machte ein gar zu ernsthaftes Gesicht. Meine liebe Frau, sagte er, erschrecken Sie nicht, mit Ihrem Manne steht es schlimm, sehr schlimm, – die verfluchten Pilze! Ihr armer Mann hat den Mikrokokkus der Torula rufescens eingeatmet, und die roten Fleckchen, welche er überall schon im Gesicht hat, werden die Blattern. – Die arme Müllerin, welch eine Hiobspost! sie fiel beinah' in Ohnmacht. Was half das all? – Der alte Doktor wollt's wohl wissen, und als er sah, wie ihr die hellen Tränen nur immer so über die Backen liefen, blieb er noch einige Zeit da und tröstete sie. Ihre nächste Sorge war ihr Kind, der kleine Glückspilz; an sich selbst hatte sie noch garnicht gedacht. Das hatte aber für sie schon der Doktor getan; er war fortgerannt und hatte sich Lymphe geholt und sie dann geimpft, und als sie ihm darauf von dem Kleinen gesagt, hatt' er sie nach ihren Verwandten und guten Bekannten gefragt und ihr geraten, ihn lieber auf einige Zeit gänzlich aus dem Hause Zu schicken. Auf solchen Einfall war sie in ihrer Herzensangst noch garnicht gekommen, und damit hatte der Doktor ihr wirklich einen schweren Stein vom Herzen genommen. Sie hatte eine Schwester, die einen Bauern hatte, der im andern Dorfe wohnte, und an diese schrieb sie und bat sie, so schnell wie möglich herüber zu kommen, um ihren kleinen Sohn zu holen, und schon am andern Tage war sie gekommen und der kleine Glückspilz über alle Berge.

Der alte Doktor aber zerbrach sich vergeblich den Kopf damit, wo sich wohl der dicke Müller die Blattern geholt. Doch der neue Geselle in der Mühle blieb stumm wie die karrierte Hose des Schneiders, und im Dorfe grassierten Typhus und Blattern, ja die Blattern sogar in der Mühle.

Und der alte Doktor kam wieder Nacht und Tag nicht aus den Kleidern, und viele mußten sterben; aber die Pilze erreichten doch nicht ihren Willen. Es hatte ihnen einer einen Strich durch die Rechnung gemacht und gerade ihr Todfeind, der alte Pilzfresser.

Und wieder war der Storch von dannen gezogen, und der Generalstab der Pilze hatte sich wieder verkrochen. Und wieder kam der Winter und nach dem Winter der Frühling, und mit dem Frühling wieder der Storch und die Pilze auf der Wiese. Und Typhus und Blattern waren längst nicht mehr im Dorfe. Der alte Doktor hatte sein Möglichstes getan, und der Winter hatte ihm wacker mit geholfen; denn im Winter geht es den Pilzen wie den Franzosen unter Gambetta; dann erfrieren sie, und mit ihrem Kriegführen ist's zu Ende. Und Nachbar Johannsen und der dicke Müller waren längst wieder besser, und bei Vater und Mutter im neuen Müllerhause war schon längst wieder der kleine muntere Glückspilz.

Die alten Pilze aber hinterm Knick auf der Wiese brüteten aufs neue Verderben; und so recht mitten im Sommer, als die Blumen blühten und die Bienen schwärmten, hatte der Generalstab seinen neuen Feldzugsplan wieder fertig.

Es war ein herrlicher Sommertag. In Nachbar Johannsens Garten spielte der kleine Glückspilz mit den kleinen Johannsen. Auch der lange Johannes war wieder dabei und freute sich über den warmen Sonnenschein, den er doch fühlen konnte, wenn er ihn auch nicht mehr sah. Nur der dicke Peter fehlte; der schwitzte in der Schule, und die andern freuten sich, daß er nicht da war. Der kleine Glückspilz und Nachbar Johannsens Lenchen bauten sich ein Haus, darin wollten sie wohnen; die beiden kleinen Zwillinge waren ihre Pferde und mußten das Bauholz schleppen, und der lange Johannes war ihr Knecht; der diente für die Kost, weil er blind war. Da stand das Haus, fertig war es, und eine Fahne stand auch darauf, – das war ein Stock mit Lenchens Taschentuch, und Lenchen hatte sogar einen Kranz gemacht und Johannes eine Rede gehalten, und die beiden kleinen Pferde hatten Hurra geschrieen. Der Bauherr aber und seine Frau waren der kleine Glückspilz und Lenchen gewesen, die hatten sie leben lassen. Als nun das Haus fertig war, kamen ordentlich die Hühner und besah'n es sich. Der alte Hahn wollte sogar hineinspazieren; er hielt es wohl für einen Hühnerstall; aber die Spatzen im Buschberg riefen: Jipp! Jipp! – und da kehrte er um, und die Hühner auch, denn nun gab es Futter, und Jipp war Nachbar Johannsen, das riefen die Spatzen immer, wenn er mit Futter kam.

Nun aber die Hühner essen sollten, fiel es Lenchen ein, daß sie die Frau im Hause war. Es war ja Richtfest heute, da mußte doch auch ein Richtschmaus sein, gerade so wie damals, als das neue Müllerhaus gerichtet morden; aber kein Richtschmaus ohne bunten Mehlbeutel, und kein Mehlbeutel ohne Mehl. Und Lenchen schickte den Knecht mit seinem Fuhrwerk nach der Mühle, die war nicht weit davon im Wall, wo die Sonne den Sand mahlte, und den kleinen Glückspilz schickte sie fort, um die Schüsseln zu holen, das waren allerlei Topfscherben, die hinterm Buschberg lagen, da wo die Spatzen Jipp! riefen.

Aber wo die Spatzen Jipp! riefen, da war auch noch etwas anderes, und so was Prächtiges hatte der kleine Glückspilz noch niemals gesehen. Lauter schöne Kuchen mit feuerrotem Johannesbeersaft darüber, und der weiße Zucker lag nur so dick daraufgestreut, daß sie bunt waren, wie Hermelin. Und wie die Fliegen dabei herumsummten! gewiß, die mußten süß sein! – Der kleine Glückspilz dachte gleich an Lenchen und an den bunten Mehlbeutel, und hätt' er nicht so viel von ihr gehalten, so hätt' er wohl gleich mal hineingebissen. Aber nun ließ er's doch hübsch bleiben und suchte schnell die Schüsseln, grüne und gelbe und in allerlei Farben, und auch eine große weiße fand er, und in diese legte er behutsam die schönen Kuchen und brachte sie Lenchen. Und Lenchen meinte auch, so schöne Kuchen hätte sie ihr Lebtag noch nicht gesehen, und nun gebrauche sie nicht einmal Korinthen und Rosinen, und auch das Mehl von der Mühle gebrauche sie nicht; denn die wären ja schon so bunt, wie ein bunter Mehlbeutel, und wenn sie die zusammenrührte und kochte, so müßte der schönste bunte Mehlbeutel daraus werden.

Und Lenchen kochte ihn, und der Tisch war gedeckt und das Essen darauf; aber der blinde Johannes war mit seinem Fuhrwerk noch immer nicht von der Mühle zurück. Da mußte der kleine Glückspilz hin, ihn zu holen; aber der kleine Glückspilz kam auch nicht wieder, und nun ging Lenchen selbst und fing ordentlich an zu schelten, gerade wie ihre Mutter, wenn das Essen schon auf dem Tische stand und Nachbar Johannsen noch nicht da war, oder sich der dicke Peter noch auf der Straße umhertrieb.

Lenchen kam auch nicht wieder. Die beiden kleinen Zwillinge hatten ein Vogelnest gefunden, und nun standen sie alle herum und betrachteten die hübschen Eier.

Da wollte es der Zufall, daß der dicke Peter in den Garten trat. Er war eben aus der Schule gekommen und entsetzlich, hungrig. Und als er nun das kleine Haus fand und den bunten Mehlbeutel auf dem Tisch, aber niemand, der ihn essen wollte, meinte er, dann könne er es ja tun; denn das Essen wäre ja doch zum Essen da, und Lenchens Mehlbeutel, die hatt' er immer gern gemocht, so oft die Mutter ihr Kuchen gegeben, einen zu kochen, und so oft ihn Lenchen davon hatte schmecken lassen. Er ließ sich denn auch garnicht erst nötigen, sondern setzte sich gleich zu Tisch und langte wacker zu. Und als er so recht dabei war, kamen auch noch die Hühner zu lungern. Aber das war ihm gerade recht; er brachte es doch nur bis zur Hälfte, so schön als sonst wollt' ihm Lenchens Mehlbeutel heute doch nicht schmecken und das andere kriegten die Hühner. Wie der dicke Peter schlau war! Die Hühner, dachte er, haben ja immer Hunger, und wenn ich fort bin, so fallen sie noch über die Schüsseln her, und dann denkt keiner an mich, und die Hühner kriegen die Schuld. Und kaum war er aus dem Hause, da sprangen auch schon die Hühner auf den Tisch, und der alte Hahn kratzte dazwischen herum, daß all' die Teller und Schüsseln nur so herunterflogen.

Die andern standen noch immer um das Vogelnest und betrachteten die hübschen Eier. Nun war auch noch der kleine Vogel gekommen, der war ganz gelb und saß oben auf dem Wall und rief immer:

Griep, griep, griep, griep, griep den Spitzbov!
Griep, griep, griep, griep, griep den Spitzbov!

Aber das verstanden sie nicht, und der blinde Johannes, der ihn gar nicht mal sehen konnte, sagte gleich: Das ist 'n Gählgöschen!

Der Spitzbov war auch schon lange über alle Berge; nur die Hühner kratzten noch immer auf dem Tisch herum, und als endlich Lenchen und der kleine Glückpilz und Johannes und die Zwillinge wieder ans Haus kamen und der Schmaus nun vor sich gehen sollte, stoben auch die Hühner davon, und die Hühner kriegten die Schuld und mußten dafür büßen.

Aber die Hühner nicht allein. Unrechtes Gut gedeihet nicht, und gestohlenes Essen gehört auch mit dazu. Was der dicke Peter da von dem Mehlbeutel genossen, brachte ihm ganz etwas anderes als Gedeihen. Es dauerte nicht lange, so bekam er entsetzliche Leibschmerzen und krümmte sich wie ein Regenwurm. Und je mehr er sich krümmte, desto schlimmer wurde es, so daß er es zuletzt garnicht mehr aushalten konnte. Bald lag er an der Erde, bald lief er wie besessen umher, und dabei schrie er, daß nicht bloß die andern aus dem Garten darüber herbeikamen, sondern auch Nachbar Johannsen und seine Frau aus der Stube. Und er wurde kreideweiß uni die Nase, und der dicke Schaum stand ihm nur immer so auf den Lippen, und er schrie in einem fort: Au! au! – mein Leib! mein Leib! – Und seine Mutter brachte ihn gleich zu Bett und legte warme Tücher auf seinen Leib; aber es wollte alles nicht helfen, und Nachbar Johannsen mußte wieder zum Doktor.

Es dauerte auch nicht lange, da war der alte Doktor auch schon wieder auf der richtigen Spur. Er merkte es gleich, daß Peter etwas Schlimmes gegessen haben mußte, und fragte ihn, was es gewesen sei. Da mußte denn Peter mit der Sprache heraus, und als die andern hörten, daß es ihr Mehlbeutel gewesen sei, wurden sie ordentlich böse, und sie würden ihn sicherlich ausgescholten haben, hätt' er sich nicht gerade wieder so furchtbar gekrümmt und dabei immer au! au! – mein Leib! mein Leib! geschrieen. So war der Doktor denn schon glücklich auf der Spur, und nun mußte Lenchen herhalten; denn zunächst mußte er wissen, woraus sie den Mehlbeutel gekocht habe. Und Lenchen sagte natürlich aus schönen roten Kuchen, die mit Zucker bestreut gewesen waren, und als der Doktor hörte, wer sie ihr gegeben, mußte endlich auch noch der kleine Glückpilz vors Brett. Und nun nahm ihn der Doktor bei der Hand und er mußte mit ihm nach dem Buschberg, um ihm die Stelle zu zeigen, wo er sie gefunden habe. Und die Spatzen riefen wieder: Jipp! denn sie hielten den alten Doktor für Nachbar Johannsen, aber von den Hühnern rührte sich keins, sie lagen zerstreut umher mit ausgestreckten Beinen, nur in dem alten Hahn war noch etwas Leben; aber er lag auch schon im letzten und krümmte sich gerade wie der dicke Peter. Das war verdächtig, sehr verdächtig, und als der kleine Glückspilz erzählte, daß auch die Hühner mit von dem bunten Mehlbeutel gegessen hätten, wurde dem Doktor die Sache immer bedenklicher. Aber nun waren sie da, wo der kleine Glückspilz die Kuchen gefunden hatte, und siehe da, er hatt' sie garnicht einmal alle mitgekriegt; denn einige standen noch etwas tiefer unter dem Busch hinein, und der alte Doktor wurde sie gleich gewahr und lief so schnell er nur konnte, wieder ins Haus zurück. Jetzt wußte er genug und nannte es auch gleich wieder beim rechten Namen. Agaricus musicarius, sagte er, das ist der Fliegenschwamm, – die verfluchten Pilze!

Und Nachbar Johannsen und seine Frau wußten garnicht, was sie dazu sagen sollten. Aber der arme Peter war vergiftet, kein Wunder, daß er sich so krümmte und immer au! au! – mein Leib! mein Leib! schrie. Er bekam nun gleich warme Milch zu trinken, und der Knecht mußte ein Pferd satteln und mit dem Rezept nach der Apotheke reiten, der alte Doktor hatte etwas zum Brechen verschrieben, eine ganze Schachtel voll Pulver. Aber es dauerte lange, ehe der Knecht wieder kam; denn die Apotheke lag in der Stadt, und der arme dicke Peter kriegte die Schachtel nicht einmal leer. Schon am Abend lag er wie die Hühner stumm und still und mit ausgestreckten Beinen. Der böse Fliegenschwamm hatte ihn vergiftet, er war gefallen wie eine Fliege.

Da gab's denn viel Trauer und Herzeleid bei Nachbar Johannsen und den Seinen. Auch der Müller und die Müllerin waren sehr betrübt darüber, und als der kleine Glückspilz sah, daß Lenchen weinte, fing er auch an, und Freudentränen waren's sicherlich nicht; die können Kinder noch gar nicht weinen. Und doch hätt' er sie wohl meinen können, daß er und Lenchen und all die andern so glücklich davongekommen.

Einige Tage später wurde Peter begraben, da mußte denn auch der Doktor mit. Und als der Sarg in der Erde war, und die Leute den Hut abnahmen, tat es der alte Doktor auch und in seinen Hut hinein murmelte er: Die verfluchten Pilze!

Hatte Nachbar Johannsen auch ein Kind verloren, und hatt' er eins, das blind war, die Bauern hielten ihn doch noch immer für einen Glückspilz. Wer hat viele Kinder, dachten sie, und sollte nicht mal eins davon verlieren! – das passiert, ja so manchem. Aber die Hauptsache sei doch immer der gespickte Beutel, – ein so reicher Mann, wie Nachbar Johannsen, könne wohl lachen, und der Storch könne ihm für das verlorene Kind ja noch immer eins wiederbringen. So dachten die Bauern, – zuerst die blanken Taler und dann die Kinder. Und der Bauer ist zäh, was er einmal glaubt, daß läßt er so leicht nicht wieder fahren.

Nun war es Herbst. Die Pflaumen fingen an, sich in ihr duftiges Kleid zu hüllen, und hie und da flatterte schon ein gelbes Blatt von den Bäumen. Hinterm Knick auf der Wiese stand noch immer der Generalstab der Pilze, wütend, daß er wieder einen seiner stattlichsten und grimmigsten Anführer, den hübschen Giftmischer, verloren, und Rache schnaubend gegen den unschuldigen kleinen Glückspilz und den alten Doktor. Sterben sollte er doch, sterben auf jeden Fall! und ihr Todfeind, der alte Pilzfresser, nicht minder.

Und wiederum mußten die Kleinen vor, die ganz Kleinen, und diesmal die schlimmsten von allen. Es waren die letzten, welche sie noch hatten, aber auch so grimmige und unbarmherzige kleine Mordgesellen, daß schon der Gedanke an sie ihre Feinde, die Menschen, mit Angst und Grausen erfüllte. Aber sie waren weit, weit weg und es konnte immerhin noch einige Zeit darüber hingehen, bis sie anlangten; daß sie jedoch unterwegs waren, daß wußte der alte Doktor schon, denn er steckte abends gern mal seine Nase in die Zeitung und da hatt' er sie gewittert. Nun freilich, aus der Zeitung konnten sie wohl nicht kommen, und wären sie gar in der Zeitung gewesen, so hätt' er auch gewiß nicht seine Nase hineingesteckt; aber so eine Zeitung gibt ja Nachricht über alles, und da hatt' es gestanden mit großen Buchstaben, pr. Telegraph, wie man so sagt, daß sie sich schon auf die Reise begeben, und daß es Zeit sei, auf sie aufmerksam zu machen und sich auf den Kampf mit ihnen zu rüsten, Si vis pacem, para bellum, dachte der alte Doktor, das heißt: willst du Frieden, so bereite dich auf den Krieg vor, – und aus der Stadt ließ er sich ein ganzes Fuder von Waffen kommen, die er später, wenn Not an den Mann käme, seinen Kunden wieder überlassen wollte, natürlich für den Einkaufspreis. Und die Bauern, welche den Wagen sahen und nicht wußten, was es zu bedeuten hatte, machten den Hals lang und sich gar wunderbare Gedanken darüber. Es waren nichts als lauter Tonnen, das ganze Fuder, die alle in des Doktors großen Keller kamen, und da die Bauern wußten, wie gern der alte Doktor die Pilze mochte und wie oft er sie aß, glaubten die meisten, daß sie voll seien von Champignons und Trüffeln, die er sich für den Winter verschrieben und gekauft habe. Und hatten sie ihn recht verstanden, so war's auch so, – denn als ihn einer darnach gefragt, hatt' er geantwortet: zur Desinfektion für die Pilze. Also Pilze! hatten sie gedacht, und Desinfektion das sei denn wohl so etwas Gesalzenes ober Eingemachtes, was so die Kaufleute mariniert nannten bei den Heringen.

Und wieder hatte der alte Dokter Champignons gegessen und, als er satt war, die Nase in die Zeitung gesteckt. Und was er da gelesen, mußte nichts Gutes sein; denn er hatt' sie unwillig hingeworfen und ging in großer Erregung auf und nieder in seiner Stube. Und dabei fluchte er auf die Pilze, gerade als ob er zuviel gegessen und wieder Leibschmerzen hätte. Und hätten's die Bauern gesehen, gewiß, sie hätten's gedacht; denn sie wußten, was er im Keller hatte. Aber nicht im Leibe saß es ihm, sondern im Kopf. Es verdroß und ärgerte ihn, was er da soeben gelesen, und von den Pilzen war's, den ganz kleinen, die nun schon so nahe waren. Einen entsetzlichen Sprung hatten sie gemacht, über hundert Meilen, und ihre Vorposten und Quartiermacher hatte man schon in der Stadt bemerkt, wo der Mann wohnte, der die Zeitung schrieb und wo der Schneider erst im vorigen Jahre seinen Bruder begraben und der Geselle des dicken Müllers im Hospital gelegen. Und gerade im Hospital hatten sie schon einige ermordet, und auch diesmal war es wieder ein Mensch, ihr Feind, gewesen, der sie getragen hatte.

Da war ein armer Jude gekommen, weither aus Rußland, der einen Bruder in der Stadt hatte, dem es gut ging und bei dem er bleiben sollte; und der arme Jude hatte sie mitgebracht. Und nichts hatt' er davon gewußt, auch nicht das Allergeringste; aber kaum war er angekommen, da hatt' er's auch schon gemerkt und war übel und krank geworden, und wie die Juden so sind, wenn ihnen etwas Schlimmes passiert, hatt' er immer au weih! au weih! geschrieen und sich gekrümmt, gerade wie der dicke Peter, als er das Gift im Leibe hatte. Und eine sehr gefährliche Krankheit mußte es gewesen sein; denn der Arzt, welchen der Bruder des armen Juden gleich hatte kommen lassen, hatt' ein gar bedenkliches Gesicht gemacht und sofort darauf bestanden, daß der Kranke aus dem Hause und ins Hospital geschafft werde. Gleich nachher war er zur Polizei gegangen und hatte Anzeige davon gemacht, und noch selbigen Tags hatte der Magistrat eine geheime Sitzung gehalten; ohne Zweifel, es mußte etwas Wichtiges passiert sein, und mit dem armen Juden mußt' es eine besondere Bewandtnis haben. Nach wenigen Tagen wußten's auch schon alle Leute, und die ganze Stadt war in Furcht und Schrecken, denn nun waren sie da, die kleinsten und grimmigsten Feinde der Menschen, und nicht allein im Hospital, sondern überall schon in der Stadt und besonders wieder in den engsten und schmutzigsten Straßen, wo die Menschen starben, wie die Fliegen.

Und weiter zogen die kleinen Vorposten und Quartiermacher, immer weiter, und die Menschen und der Wind mußten sie tragen, und nach dem Dorfe, wo der kleine Glückspilz wohnte und der alte Doktor, mußt' es ein Bauer. Gesund und munter hatt' er morgens ein Fuder Torf in die Stadt gebracht und war abends krank wieder nach Hause gekommen, und in der Nacht war's schon so schlimm geworden, daß der alte Doktor aus den Federn mußte. Es mußte hohe Not gewesen sein; denn ohne diese holt der Bauer keinen Doktor, am wenigsten in der Nacht, und als der alte Doktor gekommen, war für den armen Bauer schon kein Kraut mehr gewachsen. Zum Verzweifeln lag er da, wie der arme Jude aus Rußland, seine Stimme war rauh und heiser, seine Junge trocken und brennend vor Durst, eisige Kälte über den ganzen Körper, die Augen hohl und glanzlos, die Nacken eingefallen, Lippen und Hände blau, den heftigsten Krampf in Bauch und Waden, Durchfall wie Wasser und fortwährendes Erbrechen, – – welch ein entsetzlicher Zustand! – Und langsamer und immer langsamer schlug der Puls, gerade als wenn er schon aufhören wollte zu schlagen; der alte Doktor brauchte ihn gar nicht erst zu fühlen, er wußte Bescheid, es hätt' nicht schlimmer werden können. Was sich machen ließ, wurde getan, – heiße Tücher auf den Leib, warme Kruken ins Bett, große Senfpflaster auf die Waden und warmer Wein und Pfeffermünztee, so viel der arme Teufel nur immer schlucken konnte, aber alles umsonst, noch ehe die Hähne krähten, war der Bauer schon tot.

Der alte Doktor war außer sich vor Erregung. Was er längst befürchtet, war eingetreten, und nun galt es, alles aufzubieten, diesen gemeingefährlichsten und schrecklichsten aller Menschenfeinde zu besiegen. Schon früh Morgens ging er zum Bauervogt, der war der Polizeiminister im Dorfe, und wenn einer etwas Wichtiges auf dem Herzen hatte in Polizeisachen und so etwas, dann ging er zum Bauervogt. Der Bauervogt war erst eben aufgestanden, er hatt' noch die weiße Zipfelmütze auf dem Kopf und saß gerade beim Kaffee, als der alte Doktor in die Tür trat. Guten Morgen, Herr Bauervogt, rief er erschöpft, was für eine Nacht, eine schreckliche Nacht habe ich gehabt! – o, die Pilze! Die verfluchten Pilze! – – Der Bauervogt krauelte sich im Haar, daß die weiße Mütze ganz schief zu sitzen kam, – das tat er immer, wenn etwas Schwieriges vorlag, und was es hier war, hatt' der Herr Doktor ja schon gesagt, – die Pilze, die verfluchten Pilze! – Ja, ja, sagte der Bauervogt, es ist nicht leicht aufzuhalten, wenn's gerade am besten schmeckt, – aber warum essen der Herr Doktor auch immer des Abends davon? – wenn ich es nur nicht sollte! Das Zeug kommt mir vor wie Leder und muß wie Blei im Magen liegen. – Was aber der alte Doktor für ein Gesicht machte, als er das vom Bauervogt hörte! – Ein Glück, daß er Latein konnte; denn hätt' er's ihm auf Deutsch gesagt, so würd's Lärm gegeben haben. O, sancta simplicitas! sagte er, das heißt ungefähr so viel als: du lieber Einfaltspinsel! – und der Bauervogt schmunzelte dazu, gerade als wenn er es verstanden hätte und krauelte sich wieder gegen die Mütze und dachte: Aha! dachte er, das ist wohl ganz was Apartes gewesen, diese simplicitas, so eine neue Sorte von Pilzen, worin er sich da gestern abend verfangen gefressen. Aber wie erschrak er, als ihm nun der Doktor erzählte, daß im Dorfe die Cholera sei und schon einer daran gestorben, er wollt' es gar nicht glauben. Ja, ja, sagte der alte Doktor, nichts als Pilze, die verfluchten Pilze! und nun sprach er wieder Latein und nannt' es gleich wieder beim rechten Namen, Urocystis oryzae, sagte er, das ist der Cholerapilz, der ist der schlimmste von allen! Daß der unglückliche Bauer auch den Torf zur Stadt fahren und sich dort den Mikrokokkus holen mußte! – hätt' er doch lieber gleich eine Flasche Blausäure verschluckt, als diesen asiatischen Meuchelmörder, es würde schneller mit ihm vorbei gewesen sein und keine so große Gefahr wäre über das ganze Dorf gekommen. Und dann erklärte er dem Bauervogt noch, daß die Cholera nur in Asien entstehen könne, weswegen sie auch die asiatische Cholera heiße, und daß sie von dort nach Europa eingeschleppt werde. Und die Pflanze, auf welcher sich der Cholerapilz zuerst bilde, das sei der Reis, und jedesmal wenn die Reisernte in Ostindien mißraten, dann breche dort sicher die Cholera aus. Der Reis? fragte der Bauervogt erschrocken, – er hatt' ihn noch gestern abend gegessen und aß den Reis für sein Leben gern, so mit Milch dazu und Zucker und Kaneel darüber und mit einem Klumpen Butter in der Mitte. – Ja, ja, der Reis! sagte der alte Doktor, aber nicht die Körner, sondern die Blätter, die brüten ihn aus, und wenn der Reis nicht wäre, so würden wir auch keine Cholera haben. Aber nun muß der Stock herum, daß die Bauern sich versammeln, und noch heute muß der Stock herum, darum bin ich hier. Und noch heute müssen sie sich versammeln, und wenn sie dann versammelt sind, will ich eine Rede halten, wie der General vor der Schlacht, denn eine Schlacht wird's geben, – und ich will der Anführer und die Bauern sollen die Soldaten sein, – und für die Waffen sorge ich, und dann nur los, – mit Sturm auf die Pilze. Der Bauervogt krauelte sich schon wieder an der Mütze; was der alte Doktor damit meinte, hatt' er noch garnicht so recht verstanden, aber ihm war zu Mute, als wenn er die Cholera schon im Magen hätte. Und als der alte Doktor wieder fort war, nahm er gleich den Stock und schrieb einen Zettel und wickelte ihn darum, und der Stock ging von Haus zu Haus, und auf den Zettel stand geschrieben: cito! cito! Heute nachmittag Punkt vier Uhr große Versammlung im Krug von wegen der Cholera! cito! cito! – Was die Bauern für Gesichter machten, als sie das lasen! und wie da der Krug voll wurde, als es vier geschlagen! Nachbar Johannsen und der dicke Müller kamen auch, und der dicke Müller und die Müllerin waren schon in tausend Ängsten um ihren lieben kleinen Glückspilz. Und als sie alle versammelt waren, kam der alte Doktor und hielt eine Rede und erzählte den Bauern alles, was schon der Bauervogt von ihm gehört hatte. Aber die Bauern hatten so ihre eigne Gedanken darüber, sie wollten's doch garnicht so recht glauben und der eine stieß den andern an und sagte leise zu ihm: Du, sagte er, weißt du nicht? er ist ja ein Pilzfresser, und die Pilze kriegen immer die Schuld! Und als er ihnen nun gar den Vorschlag machte, daß ein jeder eine Tonne nehme von all den Tonnen, die er im Keller habe, – natürlich für den Einkaufspreis, und was darin sei in Wasser tue und es über den Mistberg und ins Appart gieße, – zur Desinfektion, wie er sagte, gegen die Cholerapilze, – da glaubten sie es erst recht nicht. Und der eine hatte keine Lust und der andere nicht, wie er meinte, seinen Mistberg einzusalzen, und der eine nahm seine Mütze, und der andere tat es auch, und im Augenblick hatten die meisten sich fortgeschlichen. Nur Nachbar Johannsen und der dicke Müller und der Bauervogt bestellten sich jeder eine Tonne, und als der alte Doktor wieder nach Hause ging, fluchte er zur Veränderung mal auf die Bauern und sagte ärgerlich:

Wenn der Bauer nicht muß,
rührt er weder Hand noch Fuß.

Aber nun brach die Cholera aus, und schon am andern Tage waren zwei andere Bauern davon befallen. Da holten sich drei jeder eine Tonne aus des Doktors Keller und taten's in Wasser und begossen ihre Düngerhaufen und Apparts damit; aber dem dicken Müller und der Müllerin wollt' es doch auch nicht so recht in den Kopf, wie das etwas nützen könne: sie waren noch immer in größter Angst um den kleinen Glückspilz, und die Müllerin ging selbst zum Doktor, um ihn zu fragen, ob sie denn nun auch wirklich ganz sicher wären. Sicher? sagte der alte Doktor, sicher, wenn das ganze Dorf von Pilzen wimmelt? Ja, hätten sie alle gewollt, was ich wollte, und hätten sie alle desinfiziert, dann wären auch alle so ziemlich sicher gewesen; aber nun ist es keiner, wie leicht geht solch verfluchter Mikrokokkus einem in die Lunge! Da wurde die Angst der Müllerin denn immer größer, und sie fragte, ob es denn kein anderes Mittel gebe, sich vor dieser schrecklichen Krankheit zu schützen. Nur eins, sagte der alte Doktor, ein einziges noch, und das ist, so schnell wie möglich den Ort zu verlassen, wo die Cholera ausgebrochen, und sich einen Aufenthalt zu suchen, wohin sie noch nicht gekommen. Tausend Dank, sagte die bange Müllerin, und dann rannte sie wie besessen nach Hause, Und nachmittags spannte der Müller schon die Braunen vor, und der kleine Glückspilz wurde wieder zu seiner Tante gebracht, die den Bauern hatte, und dem Müller und der Müllerin war ein schwerer Stein vom Herzen.

Die abscheulichen Pilze! wie furchtbar hausten sie in dem armen Dorfe. Nun kamen die Bauern alle und wollten desinfizieren; aber die Seuche war einmal im vollen Gange, und der Unschuldige mußte mit dem Schuldigen leiden. Blieb das neue Müllerhaus auch verschont, der Bauervogt mußte bald daran glauben, und bei Nachbar Johannsen war es entsetzlich. Er verlor alle seine Kinder bis auf den blinden Johannes und das kleine Lenchen, – nun erst recht: Nachbar Johannsen war kein Glückspilz mehr, und nun sagten's doch auch die Bauern.

Den letzten aber, welchen die Seuche hinwegraffte, war der alte Doktor. Treu in seinem Berufe war er Nacht und Tag am Platze und immer darunter und dazwischen. Und unermüdet machte er außerdem noch täglich im Dorfe die Runde, um, wie er sagte, die Desinfektion zu leiten. Aber mocht' er auch Tausende der kleinen schrecklichen Feinde schon getötet haben, ein einziger war hinreichend, sie alle zu rächen. Und wo er sich ihn geholt, wer konnt' es sagen? er wußte es selber nicht; aber in ihm war und wütete er schon, als er sich spät abends nach des Tages Last und Mühen eben bei einer Mahlzeit Champignons stärken und erquicken wollte. So mit einemmale überkam ihn die Krankheit, daß ihm noch ein Champignon im Munde blieb. Kein Mittel wollte ihm helfen, er wußte, daß er verloren war und ergab sich standhaft in sein Schicksal. Als der Augenblick gekommen, ballte er krampfhaft die Hände und hob sich empor und röchelte: Die verflu-flu-flu, dann sank er zurück und war tot.

Es war der letzte Trumpf, welchen die abscheulichen Pilze ausgespielt; mit dem Tode des alten Doktors war die Cholera im Dorfe erloschen. Bald kam der Winter, und als die Flocken wieder über die Wiesen wirbelten, war vom Generalstab der Pilze nichts mehr zu sehen.

Und der kleine Glückspilz? – ja, den hatten sie doch nicht gekriegt, – die Fee unter den Lilien im Teich hatte die Wahrheit gesprochen, und nun hatt' er Frieden.

Und Nachbar Johannsens Lenchen ist seine Frau geworden, und ein Glückspilz ist er geblieben. – – Möchtet ihr es auch sein!

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