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Märchen

Johann Meyer: Märchen - Kapitel 5
Quellenangabe
typefairy
authorJohann Meyer
booktitleMärchen und Rätsel
titleMärchen
publisherVerlag von Lipsius und Tischer
seriesJohann Meyer's Sämtliche Werke
volumeFünfter Band
year1906
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080222
projectid437f0239
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Die alte Uhr.

Tick! tack! – tick! tack! – sagte die alte Uhr, und das Kind saß und schrieb. Es war Sommer und in den Ferien, und der Aufsatz mußte fertig werden. Aber das war schwer –, der Flug der Zeit war das Thema; – da stand's, – eben erst geschrieben, – und das Thema war noch naß, und weiter wollt' es nicht.

Tick! tack! – tick! tack! – sagte wieder die alte Uhr, und sie sagte es so träge und so langsam, gerade als wenn der lange Perpendikel gar keine Lust mehr hätte und wohl lieber stehen als gehen möchte. Ein Kind und der Flug der Zeit! – Waren ihm nicht schon die Ferien eine Ewigkeit? Vier ganze Wochen, und erst zwei waren vorüber, was für eine Zeit der Wonne und Freude schon dahinten, und was noch alles zu gewärtigen und genießen!

Tick! tack! – tick! tack! – sagte wieder die alte Uhr, und nun fing sie an zu schnurren, und dann schlug's zwei, und da oben rief es: Kuckuck! Kuckuck! Und etwas höher noch, als wo es Kuckuck! rief, marschierte ein kleines Männlein im roten Rock und mit Gewehr und Säbel. Es war die Schildwache, das Kind wußte Bescheid; wie lange kannt' es sie schon, und wie oft hatt' es sich darüber gefreut! Und den Vogel kannt' es auch; wie oft hatt' es ihn schon rufen hören! – Aber nun war er still, und das Thema war schon trocken, und mit dem Aufsatz wollt' es noch immer nicht weiter.

Tick! tack! – tick! tack! – sagte wieder die alte Uhr, noch immer so langsam und so träge wie vorher, und das Kind stützte den Kopf und kaute auf der Feder; das tat es immer, wenn es einen Aufsatz machte und nicht wußte, was es schreiben sollte. Da gähnte es da oben auf der alten Uhr und so laut, daß das Kind es hören konnte. Es war der Kuckuck, ihm wurde die Zeit lang. Er hätte schon gern wieder Kuckuck gerufen; denn draußen war's ja Sommer; aber die Stunde war noch lange nicht um. Und das Kind gähnte auch; der Kuckuck hatte es angesteckt; – aber die alte Uhr blieb standhaft; tick! tack! – tick! tack! sagte sie und ließ die andern gähnen.

Und da draußen war's so warm und so grün, und in der Stube summten die Fliegen, und die liebe Sonne schien so hell ins Fenster. Ach, dachte der Kuckuck, wärst du draußen, und das Kind dacht' es auch; aber bald dachten sie beide gar nichts mehr: – sie hatten die Augen geschlossen und schliefen. Und wie es nun einmal so ist, was einer zuletzt denkt, eh' er einschläft, davon träumt ihm; so ging es auch dem Vogel und dem Kinde. Da waren sie schon draußen, alle beide im Garten, natürlich nur im Traume.

Und im Garten spielte das Schwesterlein, das mit den blonden Locken und den hellblauen Augen. Bruder, rief es, wie schön, daß du kommst! ich spiele! Das kannte er, und mit der Schwester spielte er gern, weil er sie so lieb und nur die eine hatte. Und die Kinder spielten und freuten sich über den schönen Tag. Wie der Himmel auch so blau war! und wie die Blumen blühten, und die Lerchen sangen! O, es war gar prächtig heute, und der Kuckuck meinte es auch und rief fröhlich dazwischen.

Hörst du's, Bruder? rief das kleine Mädchen,

Kuckuck, in'n Heben,
Wa lang schall ick leben?

Und der Kuckuck rief: Kuckuck! Kuckuck! Kuckuck! und sie lachte und zählte: eins! zwei! drei! und sie zählte bis zwanzig, aber da war's aus; und er rief nicht mehr. Er war aus seinem schönen Traum gar unsanft geweckt morden und nicht mehr im Garten. Es hatte drei geschlagen, und die Stunde war um, und dann bekam er immer einen Ruck von hinten und mußte rufen. o zwanzig! das ist herrlich! das ist eine herrliche Zeit! rief das kleine Mädchen, – dann bin ich lange groß, und du bist es auch, Bruder!

Und in der Stube klang noch die alte Uhr vom letzten Schlage und das kleine Männchen marschierte hin und her, und der Kuckuck wollt' ihm eben erzählen, wie schön es draußen sei; aber er kam nicht dazu. Hab' keine Zeit, sagte das kleine Männchen, ich muß marschieren.

Und das kleine Männchen marschierte, – und die alte Uhr sagte: tick! tack! – tick! tack! – und bald war die Stunde um, und der Kuckuck mußte wieder rufen.

Da erwachte der Knabe; ihm war, als hörte er ihn noch rufen im Garten, und verwundert rieb er sich die Augen. Hatte ihm denn alles nur geträumt? In der Hand hielt er die Feder, und vor ihm lag das Buch; – aber der Aufsatz war noch immer nicht fertig.

Es hat noch gar keine Eile, dachte der Knabe, und dann stand er auf und ging wirklich hinaus zu seiner Schwester in den Garten.

Aber der Kuckuck blieb drinnen. Der Ruck von hinten, so mitten im Schlaf, war ihm doch gar zu unangenehm, und lieber wollt' er wachen und nicht mehr draußen sein, als sich auf solche Weise schon mit dem nächsten Schlage wieder aus einem so schönen Traum schrecken lassen.

Und die Kinder spielten im Garten. Aber bald war es Abend, und die Nachtigall fing an zu schlagen, dann ging der Mond auf, und es kamen die Sterne, einer nach dem andern; und auf der Wiese in der Ferne war's wie ein großes Meer, und all' die kleinen Blumen darin versunken. Es war der Nebel. Das ist der »Fuchs«, sagte der Bruder, der »braut«;Volkstümliche Bezeichnung für das Steigen des Nebels. und die Kinder sahen immer und immer wieder auf das große Wasser, und immer lauter schlug die Nachtigall, immer heller wurden die kleinen Sterne, und der liebe Mond guckte schon über die Büsche.

Nun rief die Mutter; es war Zeit zum Essen. Nachher schlug's neun, und die Kinder mußten schlafen geh'n. – Die liebe Mutter! wenn sie dann im Bette lagen, küßte sie die Kinder und ließ sie beten, und dann erzählte sie ihnen vom lieben Gott und den kleinen Engeln oder vom Dornröschen und Sneewittchen oder sonst ein hübsches Märchen. Märchen hörten die Kinder am liebsten, und der kleine Knabe fragte dann immer die Mutter, wer ihr doch all' die hübschen Märchen erzählt habe. Wenn sie ihm dann sagte: die Dichter, – gar liebe und prächtige Menschen, – dann sagte er immer: weißt du was, Mama, – ich will auch so ein Dichter werden, und so hübsche Märchen erzählen, wie die Dichter.

Aber bald waren sie stiller und stiller geworden, und dann kam der Schlaf und nahm sie beide in seine Arme.

Und in der Stube am Tisch saßen Vater und Mutter. – Der gute Vater! – Er war immer so fleißig vom frühen Morgen bis zum späten Abend, und wie lieb hatte er den kleinen Knaben und das kleine Mädchen, und wie oft küßte er die Mutter! Der ist der Beste, sagte sie dann, er arbeitet für uns alle! Und der kleine Knabe meinte es auch; aber das Schwesterlein hielt's mit der Mutter, und der Vater sagte: die Mutter ist die Beste; denn wenn wir die nicht hätten, was sollten mir einmal anfangen!

Und tick! tack! – tick! tack! sagte die alte Uhr, als Vater und Mutter schon lange schliefen, und das kleine Männchen mußte marschieren und der Kukuk rufen, so oft sie schlug; und bald war's elf, bald zwölf, dann wieder eins, dann zwei und drei, und bald war's wieder Morgen.

Und dann schien die liebe Sonne wieder ins Fenster, im Garten zwitscherten und sangen die Vögel, und bald waren die Kinder aufgestanden, bald klirrten die Tassen, und dann waren sie wieder draußen und spielten im Garten.

Aber bald war's wieder Abend und bald wieder Morgen, und der eine Tag folgte dem andern, und der Aufsatz war noch immer nicht fertig.

Es hat noch gar keine Eile, dachte der Knabe, – und dann ging's nach der Wiese, Butterblumen und Lichtnelken in Hülle und Fülle, – was gab es da zu pflücken! – Und schlängelte sich dort nicht auch der Bach mit den großen, breiten Blättern und den herrlichen Wasserrosen? Und die alten Weiden, und das Schilf mit den schwarzen Keulen? Und der schöne Knick mit Geißblatt und Hopfen und voller Sternblumen und Anemonen!

Aber bald war's wieder Abend und bald wieder Morgen, und der Aufsatz war noch immer nicht fertig!

Es hat noch gar keine Eile, dachte wieder der Knabe, und dann ging's in den Wald. Im Walde waren die Kinder am liebsten; o, wie herrlich war's im Walde! Da flötete die Drossel und schlugen Fink und Meise und dufteten Waldmeister und Lilien und Primeln. Da sprang ja auch das Eichhörnchen und klopfte der Specht, und unter Dorn und Brombeeren wucherte das krause Kraut, das für die Schlangen und ihre Königin mit der goldenen Krone! – Und wie wunderbar rauschte es durch die alten Buchen und Eichen! Ja, im Walde waren die Kinder am liebsten!

Aber bald war's wieder Abend und bald wieder Morgen, und der Aufsatz war noch immer nicht fertig.

Es hat noch gar keine Eile, dachte noch immer der Knabe, und dann ging's auf die Heide. Da wohnte der alte Schäfer mit der ledernen Tasche. Er und Spitz hüteten die Schafe. Der alte Schäfer! – sie dachten gleich an ihren Vater, – wie oft hatte die Mutter es gesungen:

Schlaf', Kindchen, schlaf'
Dein Vater hütet die Schaf'! –

Und nun waren sie bei ihm! – Kein Raum, kein Strauch, aber Blüte an Blüte im rosigen Schimmer und darüber flammend der goldene Sonnenschein, so weit das Auge nur reichte. Der Alte und Spitz saßen vor ihrer Hütte; sie war schwarz und garstig; denn sie war nur von Erde, aber die Kinder krochen doch gleich hinein. Und der Alte zeigte ihnen das Nest, das der Kibitz hatte zwischen den Binsen, der hübsche Vogel, fast hätten sie ihn gegriffen.

Und nachher pflückten sie von dem Grase mit den seinen weißen Flocken, sie waren so weich wie Seide; und vom Post pflückten sie, um daran zu riechen, und vom grünen Bram, weil er so schöne gelbe Blüten hatte. Was hatte nicht alles die Heide! sogar Beeren hatte sie, schone schwarze und rote, wohlschmeckende Beeren, welche nur so an der Erde wuchsen, wie die zu Hause am Busch im Garten.

Aber der Alte hielt sich die Hand vor die Augen und sah nach der Sonne. Die Sonne war seine Uhr. Ihr müßt nach Hause, sagte er, bald ist's Mittag; und die Kinder gingen nach Hause.

Und bald war's wieder Abend und bald Morgen, und tick! tack! – tick! tack! – sagte noch immer die alte Uhr, und der eine Tag folgte dem andern, und der Aufsatz war noch immer nicht fertig.

Er wurde auch nicht fertig: denn nun waren die Ferien zu Ende; und als der Knabe wieder zur Schule kam und nichts von dem Aufsatz hatte als nur die Überschrift, wurde der alte Lehrer sehr böse, und er ließ ihn nachsitzen und zur Strafe ein Gedicht lernen, und das war dieses:

Was fliegt am schnellsten wohl? sag' mir's geschwind?
Ist's durch die Zweige der rauschende Wind?
Ist es zum Meere der schäumende Strom?
Sind es die Wolken am Himmelsdom?

Ist es im Walde das fliehende Wild?
Ist es der Adler im luft'gen Gefild?
Sind es die Segel auf wogender Bahn?
Ist es im Wetter der milde Orkan?

Ist es das Dampfroß in rasender Eil'?
Ist es vom Bogen der schwirrende Pfeil?
Ist es die Kugel aus krachendem Rohr?
Ist es am Himmel das Meteor?

Ist es der Blitz im metallenen Draht?
Ist es die Erde auf kreisendem Pfad?
Ist's aus der Sonne das strahlende Licht?
Ist's der Gedanke? – Auch der ist's nicht!

Was fliegt am schnellsten denn? sag' mir's geschwind!
Warte nur, wart' nur ein wenig, mein Kind.

Bald gibt das Leben dir selber Bescheid,
Ach, und dann sagst du: die Zeit ist's, die Zeit!

Also die Zeit, dachte der Knabe, als er endlich das Gedicht gelernt hatte und wieder nach Hause ging, wer konnte das auch wissen! – Aber er glaubte es doch nicht; denn er dachte schon wieder an die Zeit, wo die Ferien wieder beginnen würden, und wie lange, ach, wie lange war das noch hin!

Aber endlich, endlich kam auch diese, es war die Weihnachtszeit, die schönste für die Kinder.

O, du fröhliche,
O, du selige,
Gnadenbringende Weihnachtszeit!

Da sangens sie's schön, er und das fröhliche Schwesterlein. Und als nun der Vater klingelte und die Mutter die Tür öffnete, da stand der Weihnachtsbaum im Glanze flammender Kerzen, und ihnen entgegen strömte der liebliche Duft, welcher das Zimmer füllt, wo am Christabend die Tanne brennt! Und welch eine Freude, welch ein Glück für die Kleinen und für die Großen! Da wurden auch die Eltern Kinder wie ihre Kinder.

Und das war auch wieder einmal eine Freude für den Kuckuck. Der schöne Weihnachtsbaum zauberte ihm allemal den Frühling in die Stube. Die hübsche Tanne und die fröhlichen Kinder darunter, was bedurfte es mehr, ihm das Herz groß zu machen? Und er wandte sich nach oben an das kleine Männchen und sagte: sieh doch, sieh doch, nun ist's wieder Frühling! Wie die Bäume schon wieder grün sind! Und was schon alles daran sitzt! Und wie die Kinder wieder jubeln und sich freuen! Aber das kleine Männchen stand nicht einmal still, um darnach zu sehen. Hab' keine Zeit, sagte es, ich muß marschieren!

Und tick! tack! – tick! tack! – sagte die alte Uhr; aber die Kinder und die Eltern hörten's nicht vor all der Freude, ja, sie hörten's nicht einmal, als der Kuckuck wieder rief; und bald waren die bunten Lichter schon heruntergebrannt, eines nach dem andern, und bald war's spät, spät am Abend, und alles wieder still und dunkel.

Und in der Stube nebenan schlummerten die Kinder, noch einmal im Traum durchlebend die süßen Stunden des Abends; was sie so heiß ersehnt, worauf sie sich so lange gefreut, – nun war's gewesen.

Aber noch nicht alles, – noch eine ganze Woche Ferien, – sieben Tage, – welch eine Zeit! Aber auch diese gingen vorüber und als das Neujahrsfest gewesen und Schwester und Bruder morgens wieder die Ränzel schnürten, um zur Schule zu gehen, da seufzten sie und dachten an die lange, lange Zeit bis zu den nächsten Ferien.

Ja, wie lange währte es auch, bis sie kamen; aber sie kamen doch, – und die alte Uhr sagte noch immer: tick! tack! – tick! tack! – und sie kamen und gingen, – und der Knabe glaubte noch immer nicht an den Flug der Zeit.

Wie sollte die Zeit auch fliegen! – war er nicht immer noch ein Knabe und sein Schwesterlein ein kleines Mädchen? – waren sie nicht immer noch Kinder? – Flöge die Zeit, sie wären es längst nicht mehr!

Und sie waren es doch auch da noch, als sie nebst so vielen ihresgleichen in der Kirche ihren Taufbund erneuerten, und die Hand des Predigers segnend ihre Scheitel berührte. – O, der Freude, daß sie es waren! Was ist lieblicher als eine kindlich reine Seele! – Solcher ist das Himmelreich! –

Tick! tack! – tick! tack! – sagte noch immer die alte Uhr und vier Jahre schon hatte sie es gesagt, vier lange Jahre schon seit jenem Tage in der Kirche.

Und aus dem Knaben war ein stattlicher Jüngling, aus dem kleinen Mädchen eine blühende Jungfrau geworden. Glaubte er noch immer nicht an den Flug der Zeit? – Noch immer nicht! denn noch immer hatte er auf der Schulbank gesessen, gerade wie damals, – und noch immer sich auf die schönen Tage der Ferien gefreut, so oft sie gekommen. Und so oft sie gekommen, war er daheim gewesen bei den Lieben im Elternhause, und er und die Schwester, – es war noch immer gewesen, als wären sie Kinder.

Aber ein neues Leben stand nun mit einemmale vor ihm da. Er war Student geworden und wollt' ein Prediger werden; dem Vater war das schon recht, und wie die Mutter sich dazu freute!

Und die Studenten sind ein gar lustiges Volk; sie singen's ja auch selber:

Es gibt kein schöner Leben
Als Studentenleben!

Und sie tragen hübsche, farbige Bänder und ein goldgesticktes Käppchen, das nennen sie Cerevis. Und das Mädchen, welches ihnen die Stube fegt und morgens den Kaffee bringt, nennen sie Besen, und ihren Hauswirt gar Philister. Wie komisch! Aber das ist die Studentensprache. Und jeden Sonnabend versammeln sie sich in einem großen Saal, wo sie singen und trinken und rauchen und fröhlich sind, und das nennen sie kneipen.

Und zum Kneipen ging auch er; er versäumte es nie. Glaubte er denn noch immer nicht an den Flug der Zeit? – Noch immer nicht! – Was kümmerte ihn auch die Zeit? Er hatte keine Zeit, sich um sie zu kümmern.

Und wenn dann die Ferien kamen und das Semester zu Ende war, dann kam der Kommers, das letzte fröhliche Beisammensein aller vor Beginn der Ferien. Was für eine lustige Gesellschaft! Und in vollen Tönen erbrauste, es wie aus einem Munde:

Frei ist der Bursch'!

Ja, frei ist der Bursch'! nun war er es; der Kommers war zu Ende, und nun zum Besuch im Elternhause!

Da stand noch immer die alte Uhr und sagte: tick! tack! – tick! tack! – Wie freuten sich Vater und Mutter, und was machten das Schwesterlein und der Kuckuck für Augen, als sie ihn wiedersahen! Des Erzählens war gar kein Ende; wie konnte der Junge auch räsonnieren! – Und das hübsche Band und die schöne goldgestickte Mütze! – Die Mutter und das Schwesterlein besahen's wohl hundertmal, und allezeit schielte der Kuckuck darnach hinüber.

Aber das kleine Männchen nahm gar keine Notiz davon, und das ärgerte den Kuckuck. Sieh doch! sieh doch! rief er, was für ein prächtiger Junge ist er geworden? Kennst du ihn denn gar nicht mehr? Hast wohl wieder keine Zeit gehabt und nichts davon gehört; aber das war lustig, das mußt du hören! Und nun fing er an und wollt' ihm alles erzählen, was ihnen der Bruder Studio alles erzählt hatte; aber das kleine Männchen ließ ihn wieder gar nicht zu Worte kommen. Hab' keine Zeit, sagte es, ich muß marschieren.

Und marschieren mußte bald auch schon wieder der Bruder Studio, die alte Uhr hatte tick! tack! – tick! tack! gesagt, und die schöne Zeit der Ferien war vorüber. Und das Schwesterlein schenkte ihm einen gestickten Geldbeutel, welchen ihm der Vater mit blanken Talern füllte, und die liebe Mutter steuerte ihn aus wie einen Bräutigam. Die lieben Eltern, wie gut waren sie noch immer! Sie gaben ihm fast mehr, als sie konnten. Aber als er nun Abschied nahm, bekam er doch gar ernste Worte mit auf die Reise.

Spar' auf den Schilling, sagte ihm der Vater, so hältst du den Taler; das Geld ist rund, ich muß es sauer verdienen. Und die Mutter sagte: Die Zeit fliegt, denk' ans Examen und sei fleißig und sitz' mir nicht so viel zu träumen!

Er wußte wohl, was sie damit meinte; er wollt' ja früher einmal Dichter werden, er wär' es auch wohl jetzt am liebsten noch geworden; und gar oft saß er nun zu träumen, und dann machte er ein Lied oder ein Märchen, und manches davon hatt' auch die Mutter schon gesehen.

Aber im zweiten Semester, – – was die Mutter sich auch für Sorgen machte! Zeit genug! Es hat noch gar keine Eile!

Und da saß er wieder im traulichen Stübchen bei seinen Freunden, den Büchern, und wären's nur die rechten gewesen, er hätt' es weit gebracht; aber die rechten waren's leider nicht, – es waren Dichter, – Schiller, – Goethe, – Lessing, – o, könnt' er solch ein Dichter werden!

Und dann trieb es ihn so wonnig, so wonnig, er wußt' es selbst nicht wie; – und das war's ja gerade, was die Mutter gemeint: Verträume die Zeit nicht! – Er saß zu träumen, und was er träumte, waren Märchen und Lieder.

Aber tick! tack! – tick! tack! – sagte die alte Uhr im Elternhause, – und der eine Tag folgte dem andern, und die Tage wurden Wochen, und die Wochen Monden, und es dauerte nicht lange, da sangen sie wieder:

Frei ist der Bursch'!

Und der Kommers war gewesen und das Semester zu Ende.

Und als er nun wieder nach Hause kam, der lustige Bruder Studio, da war die Reihe an ihm, sich zu verwundern und große Augen zu machen. Freilich, Vater und Mutter waren noch immer dieselben und der Kuckuck und das kleine Männchen auch; aber das Schwesterlein, das liebe, fröhliche Schwesterlein, das war es nimmermehr.

Bruder! Bruder! sprang sie ihm fröhlich entgegen und zeigte auf ihren Finger. Aber dann hielt sie inne und wandte sich ab und weinte. Und an ihrem Finger blitzte ein Ring. War es Wonne, war es Wehmut, warum sie weinen mußte? – Es war beides, – sie weinte Tränen der Freude!

Und er umarmte und küßte sie und strich ihr die wilden Locken von den brennenden Wangen. Was hatte sie ihm für einen Streich gespielt! Wer hätte das gedacht!

Und die alte Uhr sagte: tick! tack! – tick! tack! – aber sie hörten's nicht vor all der Herzlichkeit und Freude. Und dann fing sie an zu schlagen, und es rief: Kuckuck! Kuckuck! gerade so laut und so lustig wie damals, als er draußen war und das Schwesterlein ihn fragte im Garten.

Zwanzig Jahre! – Das ist herrlich! Das ist eine lange Zeit! Dann bin ich längst groß, Bruder, und du bist es auch!

Und nun waren sie's, und das Schwesterlein war eine glückliche Braut, noch ehe sie zwanzig war!

Und die alte Uhr sagte: tick! tack! – tick! tack! – Und bald war's Abend und bald wieder Morgen, und dem einen Tage folgte der andere, und dann kam ein gar schöner – der Geburtstag der Braut – ihr zwanzigster! Wie nett, daß ihn Bruder Studio noch mitfeiern konnte!

O, Schwesterlein, du fröhliches und du glückliches Herz, wie rosig und wie golden lächelte dir der Morgen dieses Tages! Im Busch schlug die Nachtigall, auf dem Dache zwitscherten die Schwalben, und durch das offene Fenster guckte der blühende Kirschbaum. Da stand der Geburtstagstisch, und auf seiner schneeweißen Decke blühten die Veilchen, Und zwischen den Blumen schimmerte es golden, – es war eine Uhr, das Geschenk deines Bräutigams. – Sollt' es dich mahnen an den Flug der Zeit? – O, das Glück zählt ja nicht die Stunden!

Und die alte Uhr sagte: tick! tack! – tick! tack! – Und: ticke! ticke! ticke! das glänzende Brautgeschenk dazwischen, – und der Kuckuck machte wieder den Hals lang und wußte gar nicht, was es war. Sieh doch! sieh doch! rief er verwundert nach oben, sieh doch, was ist das? – Aber das kleine Männchen kümmerte sich auch um dieses nicht. Hab' keine Zeit, sagte es, ich muß marschieren.

Und marschieren mußte bald auch wieder der Bruder Studio. Und da saß er wieder bei seinen Freunden, den Büchern, aber wieder nicht bei den rechten. Es hat noch keine Eile, dachte er und saß, zu träumen und zu dichten.

Und da kam ein Brief, – er war vom Vater, und was darin stand, mußte nichts Gutes sein; dem Sohne, als er ihn las, rollten die Tränen über die Backen. Komm' schnell, schrieb der Vater, deine liebe Schwester ist schwer erkrankt, – – Gott gebe das Beste!

Und tick! tack! – tick! tack! – sagte die alte Uhr daheim, – und still und traurig saßen Vater und Mutter in der Stube.

Und da lag sie, in wirren, milden Träumen, die Beute eines tückischen Fiebers, und die lieben, blauen Augen erkannten keinen mehr.

Wie war es gekommen? – ja, wer konnt' es sagen. Schon bald nachher und mit einemmale war's gekommen, und keiner wußte, wie.

Und die alte Uhr sagte: tick! tack! – tick! tack! – und dann fing sie an zu schlagen und es rief: Kuckuck! Kuckuck! – Und das kranke Kind fuhr hoch empor. Zwanzig! zwanzig! hörst du's, Bruder? o, das ist lange, lange! – Und weinend kam die Mutter und beruhigte es mit sanften Worten. Da ward es wach, vom süßen Mutterlaut geweckt; o, Mutter, sagte es leise, wie schön ist das Leben!

Und der ferne Bruder eilte nach Hause; aber wie schnell er auch kam, er kam dennoch nicht schnell genug; sein fröhliches Schwesterlein war schon gestorben.

Die armen Eltern, wie beugte sie dieser Schlag! Was vermochte des Sohnes Trost auch bei solchem Jammer! – Da saßen sie bei einander im Garten und weinten.

Und in der Stube war es still, ganz still. Auch die alte Uhr war still; der Vater hat es vergessen, sie aufzuziehen, und der Kuckuck ließ das Rufen und das kleine Männchen das Marschieren.

Und da lag ihr zu Füßen das tote Mädchen, auf Blumen gebettet, und durch das verhangene Fenster stahl sich ein gold'ner Sonnenstrahl und küßte seine Hände.

Wie das glänzte! – es war der Ring, aber der Kuckuck mußte es nicht; da fragte er das kleine Männchen, und nun hatt' es Zeit.

Was da glänzt? Du fragst mich noch? – ja, das ist wahr, du bist ja nur ein Vogel! – es ist der Ring, das Symbol der Ewigkeit. Die Liebe höret nimmer auf, sie währet ewig.

Sie währet ewig? sagte der Kuckuck, nein, was du 'sagst, ich meinte immer nur, nicht länger als der Frühling; was ist denn ewig?

Ja, das verstehst du nicht, sagte wieder das kleine Männchen, du bist ja nur ein Vogel. Sieh nach dem Ring, wo ist der Anfang und wo das Ende? Immer da, immer wieder da und dennoch nirgend! gerade wie hier unter uns, da vorn auf der alten Uhr, wo die Zeiger gehn. Sie geh'n und geh'n und messen die Zeit und messen sie nimmer. Und wie sie geh'n, so geht die Zeit, – wo fing sie an? wo hört sie auf? – Aus Sekunden werden Stunden, aus Stunden Tage, aus Tagen werden Jahre und aus Jahren Jahrtausende. Und was ist alles im Schoße der Ewigkeit? – ein Tropfen im Meere!

Nein, was du sagst! sagte wieder der Kuckuck, und so lange währt die Liebe? – Aber das Mädchen ist ja tot, – –

Tot? – sagte das Männchen, ja, das ist wahr, du bist ja nur ein Vogel! – Was ist tot? – ein neues Leben! und Sterben nur geboren werden!

Nein, was du sagst! sagte wieder der Kuckuck, dann lebt sie noch?

Ob sie lebt? siehst du nicht, wie selig sie lächelt? Aber hoch oben lebt sie, wo die Sonne scheint, in einer schöneren Welt als diese Erde, wo's keine Leiden mehr gibt und auch kein Scheiden, und wo es Frühling ist, ewiger Frühling voller Freud' und Liebe!

Nein, was du sagst! sagte wieder der Kuckuck, – ich wollt', ich wär' ein Mensch und wär' gestorben!

Ja, was ich sage! – Und da haben auch die Menschen Flügel und sind doch keine Vögel! Und sie sehen alles und wissen alles, und wissen's auch, wann die andern kommen, die sie hier gelassen und so heiß geliebt haben; und währt's für diese auch noch so lange, – für sie ist's nur ein Augenblick.

Aber nun hielt das kleine Männchen plötzlich inne. Draußen gingen die Glocken, und schwarze Leute traten in die Stube. Sie sangen ein traurig Lied und streuten Blumen und dann trugen sie die Tote hinaus zur ew'gen Ruhe.

Und nachher sagte die alte Uhr wieder: tick! tack! – tick! tack! und der Kuckuck mußte wieder rufen und das kleine Männchen marschieren.

Und marschieren mußte auch wieder der Bruder Studio, – das fröhliche Schwesterlein war längst begraben.

Und da saß er wieder auf seiner einsamen Stube bei seinen Freunden, den Büchern. Es waren noch immer nicht die rechten, er saß wieder zu träumen und zu dichten, aber in die Kneipe ging er nimmer wieder. –

Und die alte Uhr daheim sagte: tick! tack! – tick! tack! – und über seinen Schmerz um das liebe Schwesterlein ging die Zeit, ihn still zu mildern, und sie tat es auch bei Vater und Mutter.

Die liebe Mutter, wie oft gedachte sie des fernen Sohnes, wie oft schickte sie ihm Briefe, lange Briefe! Und ihr gutes Herz, es sorgte noch immer. Verträume die Zeit nicht! stand jedesmal ganz unten im Briefe, denk' ans Examen und sei fleißig.

Es hat noch keine Eile, dachte der ferne Sohn, – und Semester kamen und gingen, und er verträumte sie richtig.

Die guten Eltern! – er vernichtete ihnen eine schöne Hoffnung, und viele Tränen, viel' bittere Tränen hat's der lieben Mutter gekostet, fast mehr noch als um das einzige Töchterlein; denn ein Prediger wollt' ihr Sohn nun nicht mehr werden.

Warum nicht? weil er die Zeit verträumt? – hätt' er das Dichten und Träumen nicht lassen, fleißig studieren und das Versäumte wieder nachholen können? Ei, freilich! hätt' er es nur redlich wollen und hätt' er nur nicht geglaubt, daß er ein Dichter sei.

Manch ein Märchen und viele Lieder hatt' er schon gedichtet. In öffentlichen Blättern hatte schon oft sein Name gestanden, man hatte ihn gelobt und ermuntert, und der Erfolg hatte ihn verblendet.

O, der Ruhm ist so süß! – Nur höher, immer höher! hatt' er gedacht. Es ist doch ganz etwas anderes, ein Dichter zu heißen als ein bescheidener Prediger zu sein. – So hatt' er doch wohl nicht die Zeit verträumt und war was Rechtes geworden!

Aber die Kunst geht nach Brot, – und ein Dichter, der sich sein Brot mit Dichten erwerben muß, ist oft ein armer, ganz armer Mann; wie bald sollte er das erfahren!

Da war er nun, weit, weit vom lieben Elternhause, in einer großen Stadt, und alles, was ihm sein Dichten einbrachte, es reichte nicht einmal hin für sein kümmerliches Auskommen. Sollt' er sich an die Eltern wenden? Nimmermehr! wie oft hatte schon die Mutter um ihn geweint und der Vater um ihn gesorgt; er konnte sie nicht noch mehr betrüben, und sie durften es nimmer missen, daß es ihm nicht besser ergehe.

Wie gut, daß er doch manches gelernt hatte; denn nun kam bald eine Zeit für ihn, wo es was anderes zu tun gab als zu träumen und zu dichten. Es gab saure Arbeit, er mußte sich den größten Teil seines Unterhalts mit Stundengeben mühsam erwerben, und die Last des Tages ward ihm schwerer, als er es glaubte. Wollte er nun abends in freier Zeit träumen und dichten, so fehlte seinem Geiste oft die Frische, und seine Schöpfungen fanden nicht den Beifall mehr wie früher. Bald kamen auch andere, und wohl noch Tüchtigere als er; ihre Gedichte sprachen mehr an als die seinigen, – man lobte ihn weniger, – er glaubte sich unverdienter Weise zurückgesetzt, – das kränkte ihn, und er wurde mißmutig und verschlossen. Immer weniger wurde er genannt, immer kärglicher spendete man ihm Beifall, und immer düsterer ward seine Stimmung.

Armer Dichter! – wie bald ging nun die Zeit über deinen Namen hinweg! – so warst du doch wohl kein Dichter, und eitel Schäume waren alle deine schönen Träume gewesen!

Was konnte die Fremde ihm noch bieten? Seinem Herzen fehlte der Trost, – da kam das Heimweh und in die Heimat der Fremdling.

Mein Kind! mein Kind! – o, da rufen sie's schon!
Wie süß erklingt es dem Kinde!
So bin ich doch kein verlorener Sohn!
Verzeiht, o, verzeiht mir die Sünde!

Verzeiht mir beide, daß ich der Zeit
Nicht geachtet und eurer Bitten,
Und vergib mir, o Mutter, das Herzeleid,
Das du meinetwegen gelitten!

Es stand mein Sinnen nach Ruhmesglück,
Ein Trugbild lockte den Toren, –
Wie arm nun, wie arm kehrt' ich wieder zurück!
Und die Jahre, die Jahre verloren!

O, legt die Hände mir auf das Haupt
Segnend noch einmal nieder!
Und was ich beweint und verloren geglaubt,
Eure Liebe gibt es mir wieder.

Bist du es denn wirklich? – aber wie bleich ist dein Gesicht, und wie mager bist du geworden! –

Und dann küßten sie ihn, und die alte Uhr sagte: tick! tack! – tick! tack! – und der Kuckuck sah verwundert herunter und wollt' es gar nicht glauben. War das der lustige Bruder Studio? – nimmermehr! – er trug ja nicht die hübsche, goldgestickte Mütze und auch das prächtige Band nicht mehr, und wie schäbig war der Rock! und dieses grämliche Angesicht!

Und er wandte sich wieder an das kleine Männchen. Ich bin ja nur ein Vogel, sagte er, und verstehe mich nicht auf die Menschen, aber du mußt es wissen!

Doch das kleine Männchen ließ sich wieder gar nicht stören, Hab' keine Zeit, sagte es, ich muß marschieren.

Und tick! tack! – tick! tack! – sagte die alte Uhr, und bald war's Abend, und bald wieder Morgen, und Abend und Morgen, bis die Woche zu Ende war; und dann kam wieder eine und noch eine, – es war wie im Traume. – –

Und der Sohn daheim? – träumte er denn noch immer?

Er träumte noch immer; – aber was er träumte, waren keine Märchen und Lieder mehr. Es mußten böse Träume sein; denn finster brütend saß er oft stundenlang da und seufzte wie unter schwerem Kummer.

Aber die Eltern trösteten ihn liebevoll. Nur Mut, mein Sohn! hatten sie freundlich zu ihm gesagt; siehe, der Eltern Segen bauet den Kindern das Haus; wir wollen es dir bauen helfen. Und das taten sie mit Rat und Tat; und auch ihm gab die Liebe wieder fast alles, was er verloren hatte. War's auch nicht die verträumte Zeit, – wer brächte die zurück?! – es war etwas, das noch mehr wert war als diese, – das Vertrauen zu sich selber.

Und mit neuer Lust und frischem Mut war er wieder von dannen gezogen, – war er auch kein Dichter mehr, – ein nützlicher Mensch könnt' er doch wohl immer noch werden.

Und es währte nicht lange, da war er es schon, dank seinem Herzensdrange und der Liebe und Hilfe seiner Eltern und guter Menschen. In einem großen, schönen Garten stand sein liebliches Heim, – die Türen geöffnet für arme, unglückliche Menschenkinder. – Und in seinem mühevollen, aber schönen Beruf erwarb er sich die Achtung aller, die ihn kannten.

Und nachher kam eine Zeit, da blitzte auch an seinem Finger ein Ring; du liebes Schwesterlein, wie glücklich war nun dein Bruder! Und als sie dann in die Heimat kamen zum Besuch bei Vater und Mutter, er und die Braut, – wie machte der Kuckuck den Hals lang! – er hielt sie für das fröhliche Schwesterlein.

Sieh doch! sieh doch! rief er freudig nach oben, da haben wir sie wieder! – Aber wart' nur, du hast gelogen! sie hat ja doch keine Flügel!

Aber das kleine Männchen hatte keine Zeit, es mußte marschieren. Und die alte Uhr sagte: tick! tack! – tick! tack! – und Stunde verrann um Stunde; aber die Glücklichen wurden es nicht gewahr.

Und nach den Stunden kamen wieder die Tage und nach den Tagen die Monden und die Jahre. Und deren schon manche hatte das Meer der Vergangenheit verschlungen, und Vater und Mutter waren alt und grau geworden.

Und da kam wieder einmal ein Brief aus dem Elternhause, ein kurzer, trauriger Brief, diesesmal von der Hand der Mutter geschrieben.

Und als der Sohn ihn gelesen, verbarg er das Gesicht in beide Hände und weinte bitterlich.

Und daheim im Elternhause lag der gute, alte Vater und schlummerte sanft, und in seinem verklärten Antlitz lächelte die Freude ewigen Glückes.

Es war ein heit'rer Morgen mit Sonnenschein und Vogelsang; – aber in der Stube war es still und dunkel. Die Fenster waren wieder verhängt.

Und die alte Uhr sagte: tick! tack! – tick! tack! – aber langsamer und immer langsamer, – und dann stand sie still. – Wer hatt' es vergessen, sie aufzuziehen?

Da hatte denn auch das kleine Männchen wieder Zeit, und dem Kuckuck war das Herz so voll, daß er wieder mit ihm sprechen mußte.

Das war eine traurige Nacht, sagte er, Gott Lob! daß sie vorüber ist!

Ja, sagte das kleine Männchen, Gott Lob! daß sie vorüber ist!

Der hat nun auch wohl Flügel, sagte der Kuckuck, und ist doch kein Vogel?

Ja, sagte das kleine Männchen, und ist doch kein Vogel, sondern ein Engel!

Ein Engel? fragte der Kuckuck, was ist das?

Ein lieber und guter Mensch, sagte das kleine Männchen, wenn er gestorben ist.

O, sagte wieder der Kuckuck, dann ist er's gewiß? Er tat ja nicht einmal einem Tier etwas zu Leide, und im Winter fütterte er sogar die Vögel!

Und erst recht die armen Kinder und die Handwerksburschen, sagte das kleine Männchen, – er gab den Rock vom Leibe weg. Und weißt du noch, das alte Bettelweib, das da krank war und auf der Straße lag? Er bracht' es huckepack herein und holte schnell den Doktor und auch die Medizin; und als die alte Frau gestorben war, ließ er sie auch noch begraben und bezahlte die Kosten.

Ja, sagte der Kuckuck, und weißt du noch, als er des Nachbars Kinder aus dem Feuer holte und das brennende Dach schon herunterschießen wollte? Er holte sie doch heraus!

Das war brav von ihm! sagte das kleine Männchen.

Ja, sagte der Kuckuck, das war brav von ihm! – Aber du hast ja gesagt, daß er nun ein Engel ist, – was machen denn, die Engel?

Ja, siehst du, sagte wieder das kleine Männchen, das verstehst du nicht, du bist ja nur ein Vogel. – Die Engel, die haben's schön, ganz wunderschön! Sie tragen Kleider wie gold'ner Sonnenschein und Kränze von Lilien und Rosen! und bald sind sie im Himmel und gehen aus und ein beim lieben Gott, bald wieder auf Erden und tun's bei den Menschen. – Hast schon mal einen gesehen?

Nein, sagte der Kuckuck.

Ich auch nicht, sagte das kleine Männchen; denn keiner sieht sie, und keiner kann sie hören. Aber allen bringen sie Hilfe, – dem Armen Brot, den Traurigen Trost, – und wo eben einer stirbt, dem machen sie's leicht; sie singen ihm ein schönes Lied, bis er schläft, und nachher tragen sie ihn sanft in den Himmel.

Nein, was du sagst! sagte wieder der Kuckuck, Gott Lob denn, daß er da ist!

Ja, sagte das kleine Männchen, und dann war es wieder still, ganz still in der Stube.

Und nachher, da sah'n sie's noch, wie sie auch den Vater davontrugen. Die Glocken klangen, und die liebe Mutter stand am Fenster zu weinen.

Und wo sie ihn begraben, stehen zwei weiße Kreuze; sie berühren sich fast mit den Armen.

Und auf dem einen stehen die Worte:

»Ihr Brautkranz wurde zum Totenkranze.
Aber Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibet, der bleibet in Gott und Gott in ihm.«

Und auf dem andern:

»Er war so lieb und gut. In unserer Liebe wird sein Andenken leben ohne Aufhören!«

Er mal so lieb und gut, – – ja, ja! das war er! – das hatten ja alle gesagt, als er gestorben war, auch der Kuckuck und das kleine Männchen.

Wie doch die Zeit geht! der alte Vater ruhte längst im Grabe.

Und tick! tack! – tick! tack! sagte wieder die alte Uhr, aber längst nicht mehr im Elternhause.

Sie macht mich immer so traurig, hatte die Mutter gesagt, als der Sohn sie später wieder besuchte, – nimm sie nur mit, aber halt' sie in Ehren!

Und da stand sie nun in einem großen, schönen Hause, alt und ehrwürdig allein zwischen all den hübschen Sachen in der Stube.

Und wieder einmal in seinem trauten Stübchen, bei seinen Freunden, den Büchern, saß der ferne Sohn zu träumen und zu dichten. Er konnt' es doch nicht lassen.

Und es war schon spät in der Nacht, und tick! tack! – tick! tack! – sagte die alte Uhr; aber er merkte es nicht.

Da schlug es zwölf, und der Kuckuck fing an zu rufen.

Und verwundert wachte er auf und rieb sich die Augen.

Wie doch die Zeit geht! sagte er leise, mir deucht, als wär' es heute. – Die liebe Sonne schien so warm durchs Fenster, – im Garten spielte das fröhliche Schwesterlein, – und in der Stube saß der Knabe, – und der Aufsatz war noch immer nicht fertig. – – War denn alles nur ein Traum gewesen?

Alles ein Traum, – aber der Traum eines halben Lebens!

Und tick! tack! – tick! tack! – sagte die alte Uhr. – –

Und der Aufsatz? – – – ja, nun war er fertig, – und wollt ihr ihn lesen, – da ist er!

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