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Märchen

Johann Meyer: Märchen - Kapitel 4
Quellenangabe
typefairy
authorJohann Meyer
booktitleMärchen und Rätsel
titleMärchen
publisherVerlag von Lipsius und Tischer
seriesJohann Meyer's Sämtliche Werke
volumeFünfter Band
year1906
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080222
projectid437f0239
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Der gute alte Dichter.

Hans Christian Andersen zu seinem 70. Geburtstage. (2. April 1876.)

I.

Die Gratulanten.

Es war einmal ein alter Dichter, so recht ein »guter alter Dichter,« – der liebte die Kinder über alles. Aber er selbst hatte keines, weil er keine Frau hatte, welcher der Storch eins bringen konnte. Er hatte immer nur gedichtet und darüber das Heiraten ganz vergessen, und nun war er alt, und es betrübte ihn, daß er gar keine Kinder hatte.

Und da saß er nun im großen Lehnstuhl in seiner Stube und war recht traurig, der gute alte Dichter; denn gerade heute war sein Geburtstag. Ach, dachte er, wenn du doch Kinder hättest, und sie kämen nun und küßten dich und riefen: Guten Morgen, lieber Vater! wir gratulieren! wir gratulieren! – ja, wie würde das dich freuen! – Da bekämest du gewiß einen Strauß und eine Torte und auch ein Gedicht und noch sonst was Schönes, und du könntest sie auf deinen Schoß nehmen, die es dir brächten, und könntest sie wieder küssen und ihnen eine schöne Geschichte erzählen; wie müßte das doch herrlich sein!

Ja, solche wirkliche kleine Kinder hatte der gute alte Dichter nun freilich nicht; aber Kinder hatte er doch, weil er ein Dichter war: – denn jedesmal, wenn einer dichtet, so schenkt der liebe Gott ihm ein Kind, das ist das Kind seiner Muse; – und wenn er nun ein wirklicher Dichter ist, so ist es auch fast wie ein wirkliches Kind, fast eben so hold und lieblich und ordentlich so mit Geist und Seele, so daß alle guten Menschen, welche es sehen, es auch lieb gewinnen und ihre Freude daran haben. – Und solch ein wirklicher Dichter war er ja doch, der gute alte Dichter, und er hatte immer nur gedichtet, und heute war sein siebenzigster Geburtstag! wie viele solche liebliche Kinder mußte der nicht schon haben!

Aber wo waren sie denn? – ja, wo waren sie? – In der ganzen Stadt, im ganzen Lande weit, weit, – und noch viel weiter. – Der gute, alte Dichter hatte nur noch gar nicht an sie gedacht, und doch war schon eins in aller Frühe draußen vor dem Hause. Der war Soldat, und – die Soldaten sind immer auf ihrem Posten; – da hatte er denn Posto gefaßt gerade vor der Haustür, und hier stand er nun, den Säbel an der Seite und das Gewehr im Arm, wie eine Ehrenwache am Ehrentage des guten alten Dichters. Nur gut, daß du da bist, sagte er zu sich selber, – er ist doch ein alter Mann und hat ein weiches Herz, wie leicht könnt' es zuviel werden! Aber wenn's genug ist, dann fällst du das Gewehr, und dann kommt keiner mehr hinein, und wär's dein König selber!

Für den war es nun freilich wohl noch etwas zu früh; aber es war doch schon jemand dagewesen. Das war die kleine Ida mit ihren Blumen.Siehe Andersens Märchen, denen die hier als Gratulanten auftretenden Märchenfiguren entnommen sind. Sie hatte nur solche genommen, welche in der Nacht vorher nicht zu Ball gewesen und noch frisch und duftig waren; aus diesen hatte sie einen Kranz geflochten und die Türe bekränzt und sich dann leise wieder davongeschlichen.

Das ist hübsch, sagte der Soldat, als er die bekränzte Tür erblickte, wir Soldaten wissen das zu schätzen! – Aber es fehlt noch die Inschrift, – und dann nahm er ein Stück Kreide aus seiner Tasche und schrieb die Inschrift auf die Tür:

Vivat der gute alte Dichter!

Das war gerade wie ein Transparent Und machte sich prächtig. – Und nun kamen auch schon die ersten Gratulanten.

Guten Morgen, Bruder Zinnsoldat! – Guten Morgen, Johannes! sagte der Soldat; – denn keine anderen waren es, die sich guten Morgen sagten, als der arme Johannes und der kleine standhafte Zinnsoldat. – Du warst immer ein guter Sohn, Johannes. – Das war ich, sagte er, darum ist es mir auch so gut ergangen, daß ich die Prinzessin bekam und König wurde. Ich hab' ihm viel zu danken, dem alten guten Dichter; ist's erlaubt, hineinzugehen?

Ja, wenn Sie's gefälligst erlauben wollten, – sagte mit einem Male noch ein anderer, – und da stand der Reisekamerad. Er war mit Johannes gekommen und hatte sich eben erst wieder sichtbar gemacht. Der gute, alte Dichter ist ja ein alter Mann, sagte er; wenn er die Gicht hätte, oder sonst so was, – ich hab' eine Salbe, die ist gut für alles!

Könnt' passieren! sagte der kleine Zinnsoldat, und dann ließ er sie passieren.

Aber da kam schon wieder einer, der trug eine Rose und eine Nachtigall. Ich bin nur der Schweinehirt, sagte er; aber eigentlich bin ich doch nicht der, der ich bin, sondern ein Prinz, – und hier die Rose von meines Vaters Grabe, die so süß duftet, daß man alle seine Sorgen und seinen Kummer darob vergißt, und hier die Nachtigall, welche singen kann, als ob alle süßen Melodien in ihrer kleinen Kehle säßen, die will ich ihm schenken!

Kannst passieren! sagte der kleine standhafte Zinnsoldat, – und dann kam schon wieder einer, und dann noch einer, – ja, nun ging es flott mit den Gratulanten.

Aber der erste war nur eine Ente, eine recht häßliche junge Ente; und das häßliche junge Entlein erzählte dem kleinen, standhaften Zinnsoldaten eine lange Geschichte, wobei er immer an den alten Dichter denken mußte und so gerührt wurde, daß ihm nur so die hellen Tränen über seine zinnerne Nase liefen. Es erzählte ihm, daß es eigentlich gar kein Entlein sei, sondern ein Schwan, der nur unter einer Entenmutter zur Welt gekommen, und wie keiner es zuerst hätte leiden mögen, ja, alle es geschmäht und verspottet hätten, und wieviel es erduldet und ertragen und wie her Sommer darüber vergangen, der Herbst und der Winter; – aber dann sei der Frühling gekommen und mit dem Frühling die Freude, – und das häßliche junge Entlein sei mit einem Male ein hübscher junger Schwan geworden.

Und der andere Gratulant war der Storch, – der sagte, daß er sonst wohl durch den Schornstein komme ober durchs Fenster, wenn er so für sich komme und etwas bringe. Aber heute komme er im Namen aller Störche, die von allen Vögeln dem Dichter doch die liebsten seien, weil sie die Kinder brächten.

Und dann kamen zwei allerliebste kleine Kinderchen, – der kleine Tuk und Däumelinchen. Komm' nur her, du kleiner Tuk! sagte der kleine Zinnsoldat; du kommst schon hinein, weil du der kleine Tuk bist. Aber nun erzähl' ihm auch, wie du gelernt hast und was du geworden bist, und dank' ihm für dein gutes Herz, dem du alles zu verdanken hast. Und Däumelinchen nahm er auf seine Hand; denn sie war nicht größer als ein Daumen, darum hieß sie Däumelinchen, – und dann küßte er sie, und sie erzählte ihm, wie sie bei der kleinen Maus gewesen und wie der häßliche Krötensohn und der alte, blinde Maulwurf sie durchaus hätten heiraten wollen, wie sie aber entflohen und auf einem großen Blatte, welches der kleine Schmetterling gezogen, längs dem Fluß gesegelt sei, bis nachher die kleine Schwalbe gekommen, welche sie davongetragen.

Könnt passieren! sagte wieder der kleine Zinnsoldat und ließ sie alle hinein.

Schon wieder einer, – ein kleiner Knabe mit hellen Augen und blonden Locken. In der Hand trug er einen Bogen, damit schoß er nach allen Leuten und allen immer nur so gerade ins Herz. – Kommst nicht hinein! sagte der kleine, standhafte Zinnsoldat, du bist unartig gewesen; – denn auch den alten Dichter und den kleinen Zinnsoldaten hatt' er schon früher einmal geschossen. Als er aber sah, daß er nicht hinein sollte, wollt' er schon wieder nach ihm schießen; – das half, da kam er doch hinein; aber den Bogen mußte er draußen lassen.

Schon wieder einer, – ein altes Mütterchen, ein ganz altes Mütterchen in einem grünen Kleide mit weißen Blumen, gerade wie ein alter Fliederbusch. Was willst du denn? sagte der kleine Zinnsoldat; kommst nicht hinein! – Heute brauchen mir keinen Fliedertee, heut' trinken wir nur Wein und Schokolade. Aber da war mit einem Male das alte Mütterchen ein niedliches junges Mädchen geworden, noch in demselben Kleide; doch am Busen war eine wirkliche Fliederblume und um ihre blonden Locken ein Kranz von wirklichen Fliederblumen. – »Ihre Augen waren so groß, so blau, – sie war so herrlich anzuschauen!« –

Sikken Pige! dachte der kleine Zinnsoldat, und da kam sie doch hinein.

Ja, nun ging es flott mit den Gratulanten, es ging in einem fort.

Da kam auch das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern. Sie öffnete vor dem kleinen Zinnsoldaten den Korb.

Wenn der gute, alte Dichter auch mal raucht, sagte sie, dann könnte er wohl eins davon gebrauchen. – Na, sagte der kleine Zinnsoldat, du bist freilich schon gestorben; aber darum lebst du doch, – und ließ sie hinein.

Und dann kam ein Engel, – ein großer, schöner Engel, – da präsentierte der kleine Zinnsoldat das Gewehr. Es war derselbe, welcher die gestorbenen Kinder in den Himmel trägt; er hatte das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern auch schon einmal dahin getragen. – Bitte, Herr Engel, treten Sie gefälligst näher! sagte der kleine Zinnsoldat und öffnete ihm schnell die Tür.

Wenn's nur nicht zu viel wird, dachte er wieder; er ist doch ein alter Mann und hat ein weiches Herz, – und nun gar solch ein Engel! –

Aber da kam schon wieder einer, das war der alte Holger Danske. Geh' nur hinein, sagte der kleine Zinnsoldat, – ich weiß Bescheid, mir sind ja alle Dänen! »Die Löwen sind die Stärke und die Herzen die Milde und Liebe!« – Knud, – Waldemar, – Margarete, – Eleonore Ulfeld, – Hvitfeldt, – Hans Egede, – Friedrich der Sechste, – Holberg, – Tycho Brahe – und Berthel. – Und dann sagte es bum! bumbum! – gerade wie die Schiffe bei Kronburg, wenn sie sich: Guten Tag! sagen; es waren die Ehrenschüsse zum Geburtstage des alten Dichters.

Und dann kam der April, den wollte der kleine, standhafte Zinnsoldat aber durchaus nicht hineinlassen. Er ist ja ein alter Mann, sagte er, du bist ihm zu rauh und zu kalt und gehörst auch gar nicht mit dazu. – Was? sagte der April, ist er nicht ein Aprilkind? – Ich bin sein Aprilvater und seine Aprilmutter und bringe ihm einen Strauß von weißen Schneeglöckchen und blauen Veilchen! – Und der kleine Zinnsoldat ließ ihn passieren.

Und da kamen auch noch die kleine Seejungfrau und die Schneekönigin und die Prinzessin auf der Erbse. Auch das kleine Gänseblümchen kam; wie es die kleine Lerche geliebt hatte, so liebte es den alten Dichter, weil er ein Sänger war. Selbst die Stopfnadel hatte sich eingefunden, obgleich sie schon lange im Rinnstein gelegen und der Frachtwagen darüber hingegangen war; – sie bildete sich noch immer etwas ein. – Und mit der Stopfnadel kam auch die alte Straßenlaterne; ihr hatt' es ja geträumt, daß sie einmal umgegossen als eiserner Engel mit einem Wachslicht in der Hand als Leuchter auf dem grünen Schreibtisch eines Dichters stehen würde, – sie wünschte, daß es dieser wäre. – Ja, sogar das alte Haus würde gekommen sein, das liebe alte Haus, wär' es nicht schon längst abgebrochen und von der Stelle verschwunden gewesen. –

Sie gehören doch alle mit dazu, dachte der kleine Zinnsoldat, und dann ließ er sie alle wieder passieren.

Aber nun kamen gar absonderliche Gratulanten; sie sprühten und zischten gerade wie die Blitze über dem Buchweizen auf der Koppel bei der alten Weide. Es waren Telegramme; sie kamen aus allen Ländern, weit, weit her, – aus Schweden und Norwegen, – aus Spanien und Portugal, – aus Frankreich und Italien, – aus England – und erst recht aus Deutschland! – ja, aus Deutschland auch sogar noch eine Deputation, die lieblichste, welche man sich nur denken konnte: Schneewittchen, – Dornröschen, – Aschenbrödel. – – Was machte der kleine Zinnsoldat für Augen! Er dachte gleich an den kleinen unartigen Knaben. – Nur gut, dachte er, daß er nicht mehr hier außen ist und keinen Bogen mehr hat, – und dann ließ er sie schnell hinein.

Und dann kamen allerlei Räte: – der Kommerzienrat, der Kammerrat, der Kriegsrat, der Hofrat, der Geheimrat, der Etatsrat und der Konferenzrat, – das Raten wollte gar kein Ende nehmen, – und zuletzt auch noch der alte Justizrat mit den Galoschen des Glücks, – alle im schwarzen Frack und strahlend vor Glück und Freude, – und der kleine Zinnsoldat ließ sie alle wieder hinein.

Und dann kamen auch noch zwei vagabondierende Künstler. Der eine war nur ein Geiger und der andere ein Improvisator. Und der eine strich seine Geige, während der andere improvisierte: Herr Offizier vor dieser Tür, erlauben Sie mir, wohnt Andersen hier? und könnten wir passieren, wir wollten ihm gratulieren. – – –

Na, dachte der kleine Zinnsoldat, zwei Künstler, und der eine noch dazu ein Dichter, – – med Fornöielse! sagte er und ließ sie hinein.

Wenn's aber nur nicht zu viel wird, dachte er wieder, für den alten Mann und sein weiches Herz, – es muß doch endlich einmal aufhören.

Aber da kam der König, der wirkliche König, – König Christian IX. von Dänemark. Wie erschrak der kleine Zinnsoldat, und wie stramm und kerzengerade stand er da und präsentierte nun wieder sein Gewehr! – Der König lächelte und sagte freundlich: Wir kennen uns; – guten Morgen, Kamerad! – und dann ging er hinein und brachte dem alten Dichter selbst einen seiner höchsten Orden.

Wenn's nur nicht zu viel wird, dachte wieder der kleine Zinnsoldat, für den alten Mann und sein weiches Herz; – er könnte sterben vor lauter Glück und Freude!

Aber da kam es erst recht! – eine ganze Schar Kinder, Knaben und Mädchen bunt durcheinander, alle in ihrem Sonntagsstaat, und die kleinen Mädchen alle in weißen Kleidern mit roten Bändern und mit Kränzen und mit Blumen. Und auch Kuchen trugen sie, Torten und allerlei Süßes und Schönes, – alles für den guten, alten Dichter. Wie freuten sie sich über den kleinen Zinnsoldaten, – sie kannten ihn ja alle.

Aber zurück da! rief der kleine standhafte Zinnsoldat; ist kein Platz mehr! ist schon alles voll! –

Bekam er aber da ein Hurra! – er wird es in seinem Leben nicht vergessen. Und dann trat ein kleines Mädchen nur so dicht vor ihn hin und zupfte ihn an seinem Schnurrbart und hielt ihm ein rote Mappe vor die Nase, darin war ein Gedicht, das sollte es deklamieren! – Weißt du es denn gar nicht, was ich ihm sagen soll? sagte es, ich soll ja deklamieren! – Im Rosenburger Schloßgarten, unserm liebsten Spielplatz, da soll er wohnen, der gute alte Dichter, – da wollen wir ihm ein Denkmal setzen, – wir Kinder, wir, – daß er uns immer sieht, und wir ihn immer sehen, – und mit Rosen wollen wir es bekränzen und umhegen, – wir Kinder, wir, – du kleiner Knirps, du! – Und das sollten wir ihm nicht sagen?! – – – Und dann zupfte es ihn wieder an seinem Schnurrbart'; aber das wäre nun gar nicht einmal mehr nötig gewesen. Den kleinen Zinnsoldaten hatt' es so gerührt, daß ihm nur wieder so die hellen Tränen über seine Nase liefen, und dann lachte er schon zu gleicher Zeit, als er noch meinte, und rief: Nur herein! Ihr Herren Jungen und Mädchen! – herein! herein! – wie wird der gute, alte Dichter sich freuen! – – –Und dann kamen sie noch alle hinein. Du guter, alter Dichter, nun hast du sie doch an deinem Geburtstage, die wirklichen kleinen Kinder, und bekommst Blumen und Kuchen, auch ein Gedicht und noch sonst was Schönes, und kannst sie auf deinen Schoß nehmen, die es dir bringen, und sie wieder küssen und ihnen eine schöne Geschichte erzählen, – wie muß das schön sein! – du guter, alter Dichter!

Aber wenn es bloß nicht zu viel wird, dachte wieder der kleine, standhafte Zinnsoldat, für den alten Mann und sein weiches Herz! – Er könnte sterben vor lauter Glück und Freude! – Ja, nun kommt keiner mehr hinein, auch keiner! keiner!

Und doch kam noch einer, der wollte auch noch hinein; er wollt' es wenigstens versuchen. Es war ein ganz unheimlicher und düsterer Gast in einem langen, weißen Gewande. Wo Kinder weilen, – kleine, lustige Kinder, – umschleicht er sie gar gern, und so war er auch heute wieder in ihrer Nähe. – Hinter den Kindern, dachte er, drängst du dich hinein; – der alte Dichter, er ist ja schon alt und hat ein weiches Herz, – all' die Freude könnte ihn töten. ––

Halt! wer da?! rief der kleine, standhafte Zinnsoldat, – stop lidt! – es kommt keiner mehr hinein! – –

Keiner mehr hinein? – sagte der andere mit hohler Stimme; – des Menschen Leben währet siebenzig und, wenn es hoch kommt, achtzig Jahre. – Er hat des Glückes und der Freude wohl genug gehabt, und was ist alles gegen die Freuden, zu welchen ich führe! –

Du kommst mir verdächtig vor, sagte der kleine, standhafte Zinnsoldat; wer bist du, und was willst du? – Nun laß' ich dich erst recht nicht hinein!

Wer ich bin? sagte der andere; kennst du die Geschichte von einer Mutter? – Frage nur die Mutter; sie lernte mich kennen, als ihr der liebe Gott das Kind genommen. – Ich bin derselbe, welcher zu dem Diagoras kam, dem glücklichen, alten Vater, als seine Söhne, die Sieger, ihn zu Olympia mit ihren Kränzen schmückten und auf den Armen durch das jubelnde Volk trugen. – Ich bin derselbe, welcher zu dem alten, deutschen Vaterlandssänger kam, als sie seinen neunzigsten Geburtstag gefeiert hatten, zu Bonn am Rhein.Ernst Moritz Arndt – Und was ich will, das sollst du bald erfahren: – eine Blume will ich verpflanzen! – – – Und damit schritt er auf die Türe zu und wollte sie öffnen, als stände ihm schon gar nichts mehr im Wege.

Pine Död! schrie der kleine, standhafte Zinnsoldat und fällte das Gewehr, und dann gab er ihm einen Rippenstoß, daß es nur so krachte. – –

Und da klangen die Gläser in dem Zimmer des alten Dichters und

Vivat den gode, gamle Digter!
Vivat Hans Christian Andersen!

scholl es zu gleicher Zeit, wie aus hundert Kehlen. – –

Und da kam noch einer, der wollte auch noch hinein. Es war ein alter, freundlicher Herr mit einer großen Spritze und einem bunten Schirm, – er kam wohl gerade zur rechten Zeit.

Zurück da! sagte er zu dem unheimlichen Fremden, wer hat dich gerufen? – Du kamst von selber; aber mich schickte Gott. – Geh' zu dem guten, alten Dichter, sagte der liebe Gott zu mir, – es muß genug sein für heute, sonst tötet ihn die Freude. –

Ah! Ole-Luk-Oie! Ole-Luk-Oie!Ole-Luk-Oie, wörtlich: Ole Augenschließer, Ole, welcher (den Müden) die Augen schließt, ähnlich unserm Sandmann. Nach dem dänischen Volksglauben trägt Ole-Luk-Oie eine große Spritze und einen bunten Schirm. Mit jener spritzt er den Müden Milch in die Augen und schläfert sie ein, worauf er mit Hülfe des Schirmes, indem er ihn aufspannt, die Träume in der Seele des Schlafenden hervorruft. Siehe Andersen's Märchen »Ole-Luk-Oie.« rief jubelnd der kleine, standhafte Zinnsoldat, – Gott sei gedankt, daß er dich sandte! – und dann öffnete er schnell die Tür und drängte ihn hinein; – aber der andere schlich sich unwillig von dannen. –

Und da drinnen wußten sie Bescheid, – sie kannten ihn ja alle. – Was machten die Kinder für Gesichter, als sie ihn sahen! – Es ist Mittag, sagte Ole-Luk-Oie, ihr müßt nach Hause, sonst bekommt ihr nichts zu essen! – Und dann tat er, als ob er nach ihnen spritzen wollte, – und im Nu waren sie alle schon wieder draußen.

Da kamen auch schon all' die Räte, – der Kommerzienrat, – der Kammerrat, – der Kriegsrat, – der Hofrat, – der Geheimrat, – der Etatsrat und der Konferenzrat, und zu guterletzt auch wieder der alte Justizrat in den Galoschen des Glücks. Nein, wie der glücklich war! – Und alle waren sie glücklich und glühten vor Freude, – und alle mit so roten, kleinen Augen, als hätte Ole-Luk-Oie es ihnen schon angetan. – Aber das hatte er doch nicht; – der kleine, standhafte Zinnsoldat da draußen wußte es besser. Na, dachte er, müssen die aber pokuliert haben!

Und auch der König sagte dem alten Dichter Adieu und entfernte sich; denn vor Ole-Luk-Oie, das wußte er wohl, muß sich auch ein König bescheiden.

Und als sie alle hinaus waren, alle, alle, da trat Ole-Luk-Oie vor den Lehnstuhl und gratulierte dem guten, alten Dichter zu seinem siebenzigsten Geburtstage. –

Kommst du, alter Freund? – sagte der gute, alte Dichter, – ich dacht' es mir wohl, – sei mir tausendmal willkommen! –

Aber Ole-Luk-Oie nahm seine Spritze und spritzte ihm leise in die Augen, – in die großen, schönen Augen, und dann spannte er seinen Schirm auf, – und lächelnd neigte der gute, alte Dichter das Haupt, – er neigte es vor Ole-Luk-Oies bunten Bildern und Geschichten. – – –

II.

Die Träume.

Sei mir gegrüßt, du liebliches Städtchen auf grüner Insel im blauem Meere! – Seid mir gegrüßt, ihr wogenden Ährenfelder, – ihr duftigen Wiesen – und du, rauschender Buchenwald!– –

O der Freude! daß ich dich wiedersehe, du kleines Häuschen des armen Schusters, mein teures Vaterhaus! – – Hier die Wohnstube – und die Schlafstube – und die Werkstätte, – alles in einem! – – Da die Küche, voll glänzender Teller und Geschirre, – und da die Diele mit der Leiter; – – auf der Leiter geht's hinauf nach dem Boden, – und hinter der Bodenluke auf der Dachrinne gegen das Nachbarhaus der Mutter kleiner Garten, – ein kleiner Kasten mit Erde und Suppenkraut. – – Du süße Mutter, wie wenig und doch genügend! – Als Kind hattest du ja nicht einmal solchen Garten und mußtest vor fremden Türen betteln gehen. – –

Der arme Schuster! – Es hätte auch wohl anders sein können! – Seine Eltern waren wohlhabende Leute, – er wollte studieren; – aber da war das Unglück gekommen. – Das Vieh war gestürzt, – der Hof abgebrannt, – und sein Vater hatte den Verstand verloren. – Nun waren sie arm, – und ihr Kind mußte ein Handwerk erlernen.

Wie reißt er den Draht, und wie klopft er die Stiefel! – Und neben ihm auf dem Fußboden sitzt sein einziger, kleiner Sohn mit den großen, blauen Augen und den hellblonden Locken. – Der wird gewiß kein Schuster, – er macht sich bunte Puppen und spielt Komödie und lebt in der Welt seiner Träume. –

Auf dem Hofplatz steht ein Johannisbeerstrauch. – Wer ist der kleine Knabe, welcher darunter sitzt? – Er blickt hinauf in die sonnebeleuchteten Blätter und träumt Märchen; – vom Geschrei der Straßenbuben wird er wach, – was mögen sie haben? – einen geisteskranken, alten Mann. – Der kleine Knabe kennt ihn; aber er fürchtet sich vor ihm: denn der alte Mann hatte schon einmal mit ihm gesprochen, und da hatt' er ihn »Sie« genannt. – Er schnitzt Bilder aus Holz, – Menschen mit Tierköpfen, – Tiere mit Flügeln – und geht damit hausieren. – Schreiend folgt ihm der Kinderschwarm, – und vor Schreck verbirgt sich der kleine Knabe hinter der Haustür und weint; – – es war sein Großvater, den sie verspotteten und verhöhnten.


Soldaten! nichts als Soldaten! das ganze Städtchen voll! – Fremde Menschen mit braunen Gesichtern und dunklen, blitzenden Augen, – weit, weit her, aus Spanien. – O, Gott, da soll einer erschossen werden! – Sie führen ihn hinaus zur Richtstätte, – und der kleine Knabe, den Ernst der nächsten Augenblicke nicht erwägend, läuft neugierig hinterher. – – –

Es geht bei gedämpfter Trommel Klang;
Wie weit noch die Stätte, der Weg wie lang!
Oh, wär' er zur Ruh' und alles vorbei!
Ich glaub', es bricht mir das Herz noch entzwei!

Nun schaut er auf zum letztenmal
In Gottes Sonne freudigen Strahl, –
Nun binden sie ihm die Augen zu, – – –

da krachen die Schüsse, – und mit klingendem Spiel geht es wieder zur Stadt hinein.In Folge dieser Begebenheit, deren Augenzeuge der Dichter als kleiner Knabe gewesen, und an welche ihm die Erinnerung, wie er selbst sagt, allezeit im Gedächtnis geblieben, verfaßte Andersen viele Jahre später das von Chamisso ebenso vortrefflich übersetzte wie von Silcher schön komponierte Gedicht: »Es geht bei gedämpfter Trommel Klang«.

O! stöhnte der alte Dichter und seufzte schwer! es tat ihm wohl leid um den alten Mann und den kleinen Knaben und um den armen Soldaten, welcher erschossen worden.


Arme Frauen, – sie sammeln Ähren auf dem Felde, – ein kleiner Knabe und seine Mutter sind auch dabei. – Da kommt der böse Verwalter mit langer Peitsche; – alle laufen davon; – der kleine Knabe verliert die Holzschuhe, – die scharfen Stoppeln stechen ihn, – er kann nicht weiter, – und schon hat ihn sein Verfolger gepackt und hebt die Peitsche. – – Mit seinen großen, blauen Augen blickt das Kind unerschrocken zu ihm hinauf. »Wie darfst du mich schlagen, da doch Gott es sehen kann!« Und der strenge Mann wird mit einemmale ganz mild, klopft ihn auf die Schulter und beschenkt ihn mit Geld.


Bei den alten Frauen in der Spinnstube im Hospital, – wie war es da schön! – was wußten die für Märchen und Geschichten! – Und beim Hospital der Garten, in welchem die alte Großmutter für Tagelohn arbeitete und der kleine Knabe spielen durfte!


Ein Morgen voll Leid und Trauer! – – der gute Vater ist gestorben; – die Mutter und der kleine Knabe stehen an seinem Bett und weinen. – Sie hatten ihn so lieb! – Nun haben sie keinen mehr, der für sie arbeitet, und die Mutter muß ausgehen, um für Geld zu waschen.


Wie die Zeit läuft, und wie die Kinder wachsen! – Nun ist er schon ein großer Knabe; – er besucht die Armenschule und lernt wenig. – Aber zu Hause, da spielt er noch immer Komödie oder liest in des Vaters Büchern und lebt fort in der Welt seiner Träume.

Das geht nicht länger, sagte die Mutter, du sollst konfirmiert werden und zu einem Schneider in die Lehre, damit etwas Ordentliches aus dir werde.

Und die Mutter kaufte ihrem Sohne die ersten Stiefel, – die ersten Stiefel! – – wie er sich freute! – und aus dem großen Rock des Vaters wurde sein Konfirmationsrock genäht, – und dann wurde er konfirmiert mit der Hose in den Stiefeln, damit doch alle Leute in der Kirche seine schönen Stiefel sähen. – Aber zu einem Schneider kam er doch nicht. Er hatte in des Vaters Büchern von berühmten Männern gelesen. Ich will berühmt werden, sagte er; man hat erst gewaltig viel Widerwärtiges durchzumachen, und dann wird man berühmt. –

Und eine alte Frau vom Hospital kam, um ihm die Karten zu legen und aus dem Kaffeedick sein künftiges Schicksal zu prophezeien.

Dein Sohn wird ein großer Mann, sagte die Alte zu der Mutter, und ihm zu Ehren wird die Stadt einmal illuminiert werden. – –

Die Mutter weinte, als sie das vernahm, und nun durfte er werden, was er wollte.


Der gute, alte Dichter, wie schläft er fest, und Ole-Luk-Oie hält noch immer den Schirm. Laß ihn nur schlafen, den guten alten, daß ihn der Schlummer erquicke, und laß ihn weiter blättern im Bilderbuch der Träume! –


Wie ist es schön in der großen Stadt, wo der König wohnt! und wie groß ist das Theater! – Und vor dem Theater da steht ein großer Knabe, den großen Hut im Nacken, daß er ihm nicht über die Augen gleite, und mit der Hose in den Stiefeln.

Kaum vierzehn Jahre alt, – und nicht einmal einen Taler in der Tasche, – und Schauspieler will er werden. –

Guten Tag! wohnt hier die Tänzerin Madame Schall?

Das Dienstmädchen wirft ihm einen Schilling hin, – es meinte, er wolle betteln. –

O nein; – ich möchte sie sprechen. – – Da wird er vorgelassen. –

Welche Partie kannst du spielen?

Aschenbrödel; – aber es muß mir erlaubt sein, die Stiefel abzuziehen, weil sie mir für diese Rolle zu schwer sind. Und auf den Socken tanzend, seinen großen Hut als Tamburin benutzend, singt er:

»Rang und Reichtum bleibt hienieden
Von der Sorge nicht verschont.«

Die Tänzerin hielt ihn für wahnsinnig und freute sich, als er wieder fort war.

Noch an demselben Tage steht er vor dem Direktor des großen Theaters.

»Du bist für das Theater zu mager, mein Sohn, und zu bäuerisch; wir können nur Menschen gebrauchen, welche Bildung haben.«

Gibt es einen stillen Ort in der großen Stadt für getäuschte Hoffnung und zwei nasse Augen? – Er hat ihn gefunden. – Da sitzt er und weint sich satt; und dann wird ihm leichter, als ob einer dagewesen, der ihn ermuntert und getröstet.


O! seufzte wieder schlafend der gute alte Dichter. Läßt du ihn weinen, Ole-Luk-Oie? – Es war, als ob er weinte nun auch um den großen Knaben, wie schon früher einmal um den kleinen.


In der großen Stadt und ohne Freunde, – kein Geld und nichts zu essen! – Wer gibt mir Brot für meine Hände? – Habt Dank, Meister Tischler, ich will euch ein treuer Arbeiter sein! – Aber o, des Schmerzes! – diese rohen Menschen mit ihren gemeinen Gedanken verhöhnen und verspotten mich, wie die Straßenkinder den alten Großvater; – und ich bin doch nicht wahnsinnig! – – Habt Dank, Meister Tischler, – und in die Werkstatt kam er nicht wieder. – –

Es gibt noch gute Menschen, auch in der großen Stadt; du unverzagtes Knabenherz, klopf' nur an die rechten Türen!

Da singt und deklamiert er schon wieder, aber diesmal vor keiner Tänzerin, – vor einer Gesellschaft vornehmer Herren; – der mitleidigen Köchin, der er sein Herz geöffnet, verdankt er den Einlaß. – Und es ist auch ein Dichter darunter, solch ein wirklicher Dichter, – und Dichter sind Propheten.

Aus ihm wird einmal etwas werden, sagte er, und alle applaudieren.


Wie er lächelt, wie er freundlich lächelt, der gute alte Dichter! – Ole-Luk-Oie, das muß ein schönes Bild gewesen sein!


Aus ihm wird einmal etwas werden, – – – aber wann? wann? – Schon im zweiten Jahre in der Fremde in der großen Stadt, – und noch immer ist nichts aus ihm geworden.

Es ist am Neujahrstage – und wieder steht er vor dem großen Theater, und was mag er wollen? – Abergläubische meinen, wie es einem am Neujahrstage ergehe, so werde es einem auch ergehen im Laufe des Jahres. Er hatte es oft gehört, – und an dem alten, halb blinden Portier vorbei schleicht er sich hinein und schlüpft mit pochendem Herzen zwischen die Kulissen und Vorhänge hindurch auf die Bühne. Da fällt er auf die Kniee und betet laut das Vaterunser in dem festen Glauben, daß er nun, weil er am Neujahrstage die Bühne betreten, sie im Laufe des Jahres noch oft betreten werde.

Und so kam es. – Bei einem mitleidigen Komiker übte er sich im Deklamieren komischer Rollen; bei einem gutherzigen Tanzmeister stand er die ganzen Vormittage am langen Stock und streckte die Beine; und nach monatelangen Übungen und Entbehrungen hatte er endlich seinen Wunsch erreicht, – nun ein Mitglied, des großen Theaters als Figurant beim Ballet und im Chor der Oper. – – Aber alles, was er verdiente, es reichte kaum für Obdach, Licht und Wärme, – und er mußte doch auch zu essen haben.

Wenn seine Wirtin glaubte, er ginge aus, um bei mildtätigen Leuten zu essen, saß er auf der Bank im großen Königsgarten und verzehrte sein kleines Brot, – O, der Hunger tut so weh! –


Nur nicht weiter! nicht weiter, Ole-Luk-Oie! er ist ja doch ein alter Mann. – – Aber Ole-Luk-Oie lächelt und sagt: »Es sind nur Träume!«


Ja Träume, – gar wilde bunte Träume! –

Na liegt ein Schreiben, – der Kontrakt ist gekündigt.

»Ihre Beteiligung am Theater kann zu nichts führen; mögen andere sich Ihrer annehmen und Ihnen die Bildung verschaffen, ohne welche es nichts hilft, irgend ein Talent zu besitzen.« –

O, Gott, auch das noch! – So war er doch kein Prophet, welcher gesagt, aus mir werde einmal etwas werden! Wer sagt noch: die Dichter sind Propheten?! –

Gott sagt es, – er sagt es durch sie selber und führt alles zum Besten!

Und die rechten Türen, er ließ sie ihn finden, – edeldenkende Menschen, – und vor allen einen – seinen zweiten Vater! –

Studieren! studieren! wie jubelte seine Seele! – Adieu, du rauschende Königsstadt! –

Aber schon so alt und so groß, – und noch auf der Schulbank zwischen den Kindern?! – Was tut es?! – Man hat erst gewaltig viel durchzumachen, und dann wird man berühmt! – Ja, gewaltig viel! – – Wer zählt die Stunden seines Fleißes?! und wer die Seufzer seiner Verzweiflung?! Wer kämpft, wie ein Dichter kämpft?! – Wen die Muse geweiht, dessen Herzschlag ist anders, und nicht alle vermögen ihn zu fühlen. – – Und geweiht hatte ihn die Muse, – schon mit ihrem Weihekuß zugleich hatt' er eines seiner lieblichsten Gedichte von ihr empfangen:

»Das sterbende Kind.«In Dänemark wohl das bekannteste und beliebteste von allen Andersenschen Gedichten. Die erste Veröffentlichung desselben, welche in Kopenhagen ein freudiges Aufsehen erregte, war für den jugendlichen Verfasser von großer Bedeutung, weil er durch dieses Gedicht seinen ersten Dichterruhm begründete. Andersen verfaßte es in Helsingör, als Schüler der dortigen Gelehrtenschule und im Hause des Direktors, dessen Pensionär er war.

Mutter, ich bin müde, – schlafumfangen,
Dir am Herzen laß mich schlummernd ruh'n!
Deine Träne brennt auf meinen Wangen,
Süße Mutter, laß das Weinen nun!
Hier ist's kalt – und draußen Sturmes Wehen; –
O, wie schön, wenn mich der Traum umfloß!
Liebe Engelskindlein konnt' ich sehen,
Wenn ich nur die müden Augen schloß.

Mutter, sieh, da kommt ein Engel leise!
Hörest du die Himmelsmelodien? –
Sieh, zwei Flügel hat er, glänzend weiße,
Die ihm wohl der liebe Gott verlieh'n.
Grün und rot und golden seh' ich's schweben, –
Blumen sind's, die mir die Engel streu'n,
Mutter, gibt's auch Flügel schon im Leben,
Oder muß man erst gestorben sein? –

Warum drückst du mir die Hand so bange?
Warum küßt dein Mund mein Angesicht?,
Naß, doch brennend heiß ist deine Wange, –
Liebe Mutter, ich verlaß' dich nicht! –
Aber nun bezwinge auch den Kummer,
Weinst du länger, weinen muß auch ich; –
O, ich bin so müd'! – es naht der Schlummer! –
Mutter, sieh! – nun küßt der Engel mich! – –

Unter den Gönnern und Freunden in der großen Königsstadt flog die Dichtung von Mund zu Mund, und alle freuten sich des jugendlichen Dichters; – aber daheim im Hause des gestrengen Herrn Direktors steht der zwanzigjährige Schüler vor dem herzlosen Mann und hört die bittersten Worte: Sie werden nie Student! – Auf dem Boden des Buchhändlers werden Ihre Verse als Makulatur verschimmeln, – und im Tollhause werden Sie endigen!


Still! – weinte er nicht schon wieder, der alte schlafende Dichter? – O, das war eine böse Zeit, die schrecklichste seines Lebens; denn nun war ja alles, alles umsonst gewesen!


Aber eine Fee hatte ihn gefeit, und sein Stern sollte nicht untergeh'n; – und die Zeit hat Schwingen, – ihre Jahre sind wie Stunden, – wie bald kann sich alles, wenden! – –

Ja, wie bald! – – Er wurde doch Student und noch viel mehr, – ein glücklicher Dichter! – und keiner seiner Verse sollte vergessen werden. –

Und ein glücklicher Dichter durchwandert er die Fluren seines geliebten Heimatlandes, – über die Schwelle des kleinen Hauses, – in die Arme seiner Mutter.

Und dann weiter, – – o, der Ruhm ist so süß! – und wie schön ist die Erde! – –

Aber nach dem Schönsten auf Erden für ihn streckte er umsonst die Arme, – es beglückte schon das Herz eines andern.

»Zwei braune Augen sah mein Blick,
Drin lag meine Welt, meine Heimat, mein Glück,
Drin flammte der Geist und des Kindes Frieden,
Und nie und nimmer vergeß ich's hienieden!«

Armer Dichter, es mußte auch so wohl das Beste für dich sein. Das Herz eines Sängers gehört allen, – und wäre sie dein geworden, wie viel weniger hättest du uns gegeben! – – Nur weiter, Ole-Luk-Oie, weiter, weiter! – hörst du, wie es pocht, das liebende Dichterherz? – O, welch eine Welt von Glück und Freude sollte ihm dennoch für alle Zeit verschlossen bleiben! – –

Und weiter geht es, weiter, weiter! Ole-Luk-Oie hält noch immer den Schirm und läßt ihn weiter träumen.

Da kamen sie, die lustigen Musensöhne, Arm in Arm und alle in blauen Mützen, sich dem Hause nähernd, in welchem als gefeierter Gast ein Dichter weilt. – Und wie er ans Fenster tritt und alle Häupter sich entblößen, – o, es war wohl alle Kraft vonnöten, um die Tränen zurückzudrängen. – »Wenn Ihnen Ihr Vaterland und die Länder Europas ihre Huldigung darbringen, dann mögen Sie es nicht vergessen, daß die erste, welche Ihnen gebracht wurde, von schwedischen Studenten ausging!« –


Und nie hat er es vergessen, – auch heute nicht! – Wie leuchtender Sonnenschein schwebt es über das freundliche Gesicht des alten schlafenden Dichters, – und Ole-Luk-Oie lächelt und hält noch immer den Schirm und läßt ihn weiter träumen.


Wonnige, unvergeßliche Stunden im Hause der gräflichen Freundin zu Nysö!Zu Nysö im Hause der Baronesse Stampe verweilten Thorwaldsen und Andersen zu gleicher Zeit als Gäste. Hier dichtete Andersen auch seinen »Ole-Luk-Oie«, und hier hatte er bei der ersten Vorlesung desselben auch Thorwaldsen, der ihn oft in der vorhin erwähnten Weise um ein Märchen bat, zum Zuhörer. – – Bekommen wir Kleinen heute denn kein Märchen? – – Und der ihm leise auf die Schulter klopft und kindlich darum bittet, er freute sich und horchte wie ein Kind, wenn sie eins bekamen. – Ole-Luk-Oie, sieh, da war es, wo auch du ihn sahst, und du warst es, über den er sich zumeist gefreut, – Thorwaldsen, Dänemarks größter Künstler und unsterblicher Meister!


Und Ole-Luk-Oie lächelt, hält noch immer den Schirm und läßt ihn weiter träumen.


Und weiter geht es, immer weiter, – auf den Flügeln des Ruhmes über die schone Erde, durch fast alle Länder Europas, – von den Alpen des Nordens bis unter den sonnigen Himmel Italiens, – durch Romas Tore in die ewige Stadt! – –

Und wo er kommt, der wandernde Sänger, da öffnen sich ihm die Türen, da fühlt er das Menschenherz schlagen, in den Hütten der Armen wie in den Palästen der Mächtigen und Großen, – sie alle haben Kinder! – – – Sein Name ist weltbekannt, seine Brust ordengeschmückt, – und die Besten und Größten seiner Zeit sind seine Freunde. – Ja, die Besten und Größten! – Seine Könige, und Fürsten daheim, wie die Könige und Fürsten auch der anderen da draußen!

Und nur allen jene, die, wie er, geweiht und gefeit, – kommenden Geschlechtern leuchtende Sterne für lange, lange Zeiten! – Oehlenschläger, Ingemann, Tieck, Chamisso, Grillparzer und Heine, – – Oerstedt und Humboldt, – – Meyerbeer und Mendelssohn, – – Cornelius und Kaulbach, – – Rauch, – – Charles Dickens, – – Lamartine und die Rachel, – – und von allen wieder der größte und der beste, – nun schon lange in seinem stillen Häuschen unter Immergrün und Rosen inmitten all seiner unsterblichen Werke, – Berthel Thorwaldsen!

Sie haben ihn alle geliebt, den alten Dichter, ihm alle einmal die Hand gedrückt, – – ach, wo sind sie heute an seinem Ehrentage!? – – –

Träume nur, du guter, alter Dichter, du sollst keine Träne mehr weinen, – es sei denn eine Träne der Dankbarkeit und der Freude! –

Siehe, du bist unser! – und noch viele Jahre wie heute! – – »O, es ist eine Lust zu leben und an Gott und Menschen zu glauben!« –

Und siehe, dein alter Freund hält noch immer den Schirm, – und über deine weißen Locken gleitet leise ein Kranz, und der ihn brachte, er lächelt freundlich: »Dein Leben ist ein hübsches Märchen, eben so reich wie glücklich! – Es gibt einen liebevollen Gott, der alles zum Besten führt!« – – –

Wie sanft er schläft! – aber Ole-Luk-Oie ist fort, – – – und draußen steht noch immer der kleine standhafte Zinnsoldat und läßt keinen mehr hinein. – –

Und doch kommt noch einer. – –

Wer da?!

Ein Fremder!

Woher?

Aus Kiel!

Aus Kiel?! – kommst nicht hinein! – Wer hieß dich kommen, du, aus Kiel, du?! – – und was wolltest du auch hier?! –

Wer mich kommen hieß? –

Mein Herz!

Und was ich wollte?

Ihm gratulieren!

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