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Märchen

Johann Meyer: Märchen - Kapitel 3
Quellenangabe
typefairy
authorJohann Meyer
booktitleMärchen und Rätsel
titleMärchen
publisherVerlag von Lipsius und Tischer
seriesJohann Meyer's Sämtliche Werke
volumeFünfter Band
year1906
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080222
projectid437f0239
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Fritz Kruse oder
Der alte Meerkönig und seine Töchter.

1.

Da waren zwei kleine Knaben, die wohnten in einem kleinen Hause auf einer Insel am Strande; ihr Vater war ein Lotse, und ihr Großvater war es auch gewesen, – und Schiffer wollten sie werden.

Aber der Mutter war das gar nicht lieb; sie hatte der Sorgen wohl genug, weil der Vater es war, – denn die Lotsen sind auch Schiffer, – und es ist doch gar zu gefahrvoll, so zeitlebens das liebe Brot auf dem Meere zu suchen, – und die Mutter hatte wohl recht.

Ja, ja, das hatte sie wohl; das meinte doch auch der alte Großvater, – und alte Leute sind weise, sie haben ein langes Leben hinter sich und sprechen aus Erfahrung.

Aber die beiden Knaben wollten Schiffer werden. Sie hatten sich ein niedliches Schiff gemacht und ließen es segeln in der Stube.

Und die Mutter, die es gesehen, hatte den alten Großvater gerufen, und, Großvater, hatte sie gesagt, da segeln sie schon wieder; aber nichts da! Schiffer werden sie nicht! Geh' mal hin und vertreib' ihnen die Lust daran.

Und der Großvater hatte seinen Stuhl genommen und war hingegangen, und da saß er nun, ihnen die Lust daran zu vertreiben.

Also Schiffer! sagte er, hm! hm! Und dann nahm er die Pfeife aus dem Mund, schlug ein Bein über das andere und krauelte sich hinter den Ohren. Und die beiden Knaben wußten Bescheid; das tat er immer, wenn er ihnen etwas erzählen wollte.

Da erzählte er schon.

Tief unten, sagte er, auf dem Grunde des blauen Meeres, steht ein großes Schloß. Es steht in einem großen Garten voll seltenen Gesträuchs und schattiger Grotten und ist vom reinsten Kristall. Und wenn hier oben die Sonne scheint, dann blitzen und funkeln da unten alle seine Fenster. Und in dem Schlosse, da wohnt der alte Meerkönig mit seinen Töchtern, den Nixen. Er hat der Töchter wohl so viele, als sein Schloß Zimmer und Säle hat; aber keinen einzigen Sohn hat der alte Meerkönig, und keinen einzigen Bruder haben alle seine Töchter! Glänzend weiß ist sein königlich Gewand und so klar wie Wasser; glänzend weiß ist auch sein Bart, er wallt ihm in langen Locken herunter bis über den Gürtel. Aber eine Krone trägt er nicht, der alte König, er trägt nur ein Zepter, lang und dreizackig, und wenn er es schwingt, so braust der Sturm und bäumen sich die Wogen. Schwingt er es aber nicht, so herrschet Ruh' und Frieden in seinem großen Reich, und hier oben, da plätschern die Wellen und singen allerlei Lieder, und Sonne, Mond und Sterne, sie tanzen zu ihren Füßen. Und dann, gerade dann, aber nur, wenn es keiner sieht, kommt der alte König daher gefahren auf seinem prächtigen Muschelwagen, von großen Delphinen gezogen. Und mit ihm kommen alle seine Töchter und alle Tiere des Meeres, und auf den plätschernden Wellen, da wimmelt es dann von Millionen wunderbarer Gestalten.

O, sagten die beiden Knaben, könnten wir das einmal sehen!

Ja, sagte der alte Großvater, das möchtet ihr wohl; aber das bekommt keiner zu sehen!

Woher weißt du es denn?

Ich! – hm! hm! – ich weiß es von der Großmutter, der hat es wieder die Großmutter erzählt, und der wieder die Großmutter; – aber gesehen hat es eigentlich doch keine.

Und auch von den Töchtern des alten Meerkönigs hat mir die Großmutter erzählt; hört mal, was sie mir sagte:

Das sind dir Mädchen, sagte sie, die können schwimmen wie die Fische, und wenn sie so schwimmen, gibt es gar keine Mädchen, die niedlicher wären, als diese. Sie sind ja auch alle Prinzessinnen; da kannst du dir wohl denken, daß sie schön sind. Wie Lilien und Rosen ist ihr Angesicht, und ihre Augen, die blitzen wie die Sterne. Blendend weiß sind Brust und Arme, grün wie das Meer die Locken, und durch die Locken, da schlingen sich lange Schnüre schimmernder Perlen. Perlen tragen sie alle, die größten und die kostbarsten Perlen, – ihr ganzer Garten ist voll davon, – und da liegen sie in blanken Schalen überall umher, so zahlreich wie bei uns die Steine. Aber eins, eins ist doch recht schlimm,– – all die hübschen Prinzessinnen haben gar keine Beine.

Gar keine Beine?! riefen die beiden Knaben, verwundert – aber Großvater, Prinzessinnen und keine Beine! – Dann sind sie ja nur halbe Prinzessinnen!

Das sind sie auch, sagte der alte Großvater, und auch nur halbe Menschen. Denn statt der Beine haben sie lange, häßliche Schwänze, ordentlich mit Schuppen und Flossen, gerade wie bei den Fischen.

Pfui! riefen entsetzt die beiden Knaben, das ist garstig!

Garstig! – hm! hm! sagte der alte Großvater, die Großmutter hat mir noch etwas viel Schlimmeres von ihnen erzählt. Sie wollte es auch nicht haben, daß ich Schiffer würde und erst recht nicht Lotse, und meine Mutter auch nicht, gerade wie die eurige. Und als ich es nun doch werden wollte, da hatte sich die Mutter hinter die Großmutter gemacht, und die Großmutter sagte zu mir: Lotse willst du werden? hm! hm! – aber graut dir denn garnicht vor dem alten Meerkönig und seinen Töchtern, den bösen Nixen?

Ach was, sagte ich, das ist dummes Zeug; einen Meerkönig gibt es garnicht und auch keine Nixen!

Aber die Großmutter sagte zu mir: du Naseweis, du wirst es früh genug erfahren! Woher kommt es denn, daß immer so viele Schiffe untergehen und so viele Menschen ertrinken? – Das tut der alte Meerkönig mit seinen Töchtern, den Nixen. Er ist ein alter, brummiger Patron und sagt: in meinem Reiche, da bin ich Herr, da haben die anderen nichts verloren. Aber die anderen, die sind alle gerade ebenso naseweis wie du, sie kehren sich wenig daran. Und da kommen sie denn auf ihren großen Schiffen, einige sogar mit Feuer und Flammen, und die Räder und die Schrauben peitschen und schlagen die Wellen, daß sie schneeweiß werden von Gischt und Schaum und entsetzt übereinander stürzen. Und mit ungeheuren Lasten kommen sie und zwingen die armen Wellen, sie zu tragen. Oder sie werfen wohl gar ihre großen Anker auf das schöne Schloß und in die funkelnden Fenster. Und auch auf ihren Böten und Jachten kommen sie in das Reich des Meerkönigs und verfolgen und rauben seine Tiere und stehlen ihm die Perlen und das schönste Gesträuch aus seinem Garten. Ja, sogar von seinem Königreiche stehlen sie ihm frech und schlau Stück um Stück und verbergen es hinter Bollwerken und hohen Deichen.

Und wenn nun das alles der alte Meerkönig so merkt und sieht, ist es da ein Wunder, wenn er mal böse wird und sein Zepter schwingt, daß der Sturmwind braust und sich die Wogen türmen und die großen Schiffe so darauf tanzen, als wären sie alle nur Nußschalen?

Da hast du recht, Großmutter, sagte ich, wenn es wirklich der alte Meerkönig wäre, der es täte; aber ich glaube doch nicht daran und erst recht nicht an seine Töchter mit den Fischschwänzen.

Du Naseweis! sagte sie wieder, paß nur auf, du wirst sie schon mal sehen.

Und richtig! Später hab' ich sie auch wirklich einmal gesehen, und da mußte ich doch daran glauben.

Aber die hier oben, sagte die Großmutter wieder, auf ihren Schiffen und Böten, die glauben's auch nicht, ebenso wie du, und wenn der alte Meerkönig auch einmal sein Zepter schwingt, sie machen sich nicht viel daraus. Es stürmt einmal wieder, sagen sie, und lassen sich garnicht stören und treiben's nach wie vor.

Und da unten in seinem großen Schlosse, da sitzt dann der alte Meerkönig und wird verdrießlich und immer verdrießlicher und sitzt den ganzen Tag und fängt Grillen. Du bist doch ein armer König, denkt er, weil du gar keine Söhne hast. Hättest du nur Söhne, daß sie dir hülfen, dein Reich zu verteidigen!

Und Grillen fangen auch seine Töchter, die Nixen; sie langweilen sich, weil sie gar keine Brüder haben, mit denen sie spielen und die sie liebhaben könnten, und hätten alle eine jede doch gar zu gerne einen Bruder.

Und da kommen sie alle und bitten und quälen den alten Vater Meerkönig und machen ihm den Kopf noch immer heißer. Vater Meerkönig, sagen sie, bitte, bitte, schwing' einmal dein Zepter, daß wir Brüder bekommen zu Gespielen und du Söhne zur Hilfe gegen die bösen Menschen da oben. Siehst du wohl? Da schlagen und peitschen sie schon wieder die armen Wellen und werfen ihre großen Anker uns nur so gerade in die Fenster! Da verfolgen und rauben sie schon wieder deine Tiere! Da stehlen sie dir schon wieder die Perlen und das schönste Gesträuch aus deinem Garten! Vater Meerkönig, schwing' dein Zepter! Da rauben sie dir schon wieder ein Stück von deinem Reiche!

Und dann ist das Maß voll, dann schwingt der alte Meerkönig das Zepter noch viel gewaltiger als sonst, und immer mächtiger erbraust der Sturm, immer entsetzlicher tobt das Meer, und die größten Schiffe schleudert er nur so gegen die Felsen, daß sie knack sagen wie ein Stock, den man entzwei bricht. Und über Deiche und Dämme braust die Flut, alles niederreißend, was ihr im Wege steht, und alles wiedernehmend, was man dem alten Meerkönig von seinem Reiche gestohlen hat.

Großvater, sagten die beiden Knaben, gerade wie im vorigen Jahre, als der Sturmwind einmal so brauste, und das Meer so hoch ging und der Mutter so bange war! – Weißt du noch? Das Wasser wollte schon in unseren Garten hinein, und allenthalben waren Schiffe untergegangen und Menschen ertrunken.

Ja, sagte der alte Großvater, gerade wie im vorigen Jahre und zuweilen wohl auch noch schlimmer. Und dann passen sie auf, alle seine Töchter, die bösen Nixen, einige hier, andere dort, überall im weiten Meer und auf den Wogen treibend. Und wo ein Schiff dann im Sturme ringt, gleich merken sie's und gleich sind sie da; oder wo die Flut über Deiche und Dämme braust, gleich folgen sie nach und haben ihre Lust daran. Hei! denken sie, nun bekommen wir Brüder! Nur immer besser, Vater Meerkönig! – Und wehe den armen Schiffern, deren Schiff dann zu Grunde geht! Wehe den armen Leuten, deren Haus dann die Flut begräbt! – Da sind die Nixen und umfangen und umarmen sie, und wo immer noch einer treibt und sich zu retten hofft, er ist verloren, sobald sie ihn nur sehen. Du bist mein! du bist mein! rufen sie, und hinunter geht es in die unendliche Tiefe. –

Hu! sagten die beiden Knaben, das ist grausig!

Das sollt' ich meinen, sagte der Großvater, ob und wie! – Aber die Freude ist doch nur kurz. Kaum sind sie unten, so verwandelt sich der Jubel schon in Trauer; denn von allen, die sie ins Schloß gebracht, ist keiner mehr am Leben, – still, bleich und tot sind sie alle, alle! –

Und ein toter Bruder frommt keiner Schwester mehr, ein toter Sohn keinem Vater. Da klagen und jammern sie denn, der alte Meerkönig und seine Töchter, wohl ebenso wie wir hier oben, wenn uns einer gestorben ist, den wir lieb hatten. Aber was hilft's? Die Toten muß man lassen, und es dauert nicht lange, so sind sie alle wieder da, alle, die von den Nixen umarmt und heruntergezogen sind, und dann treiben sie hier oben auf dem Wasser oder werden an den Strand gespült; und die Leute, die sie finden, fischen sie auf und sagen: sie sind ertrunken!

Aber die hier oben, die noch gut davon gekommen, kümmern sich wenig darum. Das war einmal wieder ein Orkan, sagen sie, und kaum ist er vorüber, so sind sie auch schon wieder da und treiben's nach wie vor.

Und es währt nicht lange, so wird der alte Meerkönig schon wieder verdrießlich, und da sitzt er wieder und fängt Grillen, und Grillen fangen auch schon wieder seine Töchter. Hätt' er doch Söhne! hätten sie doch Brüder! – und es währt nicht lange, so ist das Maß schon wieder voll. –

Und dann schwingt er wieder sein Zepter, und dann haben wir's, – wieder einmal die alte Geschichte; – so und so viele Schiffe zu Grunde gegangen und so und so viele Menschen ertrunken!

Hu! sagten wieder die beiden Knaben, und der jüngere stieß den älteren an und sagte: Nein, Bruder Fritz, ich will doch lieber kein Schiffer mehr werden!

Und dann fragte er seinen Großvater: Großvater, da holen die bösen Nixen auch wohl die Lotsen?

Und der Großvater freute sich. Aha, dachte er, da hättest du schon dem einen die Lust daran vertrieben, nun kriegst du wohl auch noch den andern, – und er fing lustig wieder an zu erzählen.

Die Lotsen? sagte er, ob und wie! erst recht die Lotsen! – Sie arbeiten dem alten Meerkönig und seinen Töchtern ja immer entgegen; denn wären nicht die Lotsen, so würden wohl noch einmal soviel Schiffe zu Grunde gehen und noch einmal soviel Menschen müßten ertrinken. Führen sie doch gerade die Schiffe an den Klippen und Untiefen vorüber und lotsen sie durch Sturm und Wogendrang in den schützenden Hafen. Aber darum hassen sie auch der Meerkönig und seine Töchter und trachten ihnen allezeit nach dem Leben. – Hei! wie sie sich freuen, können sie einmal einen Lotsen mit in die Tiefe ziehen!

Hu! sagten wieder die beiden Knaben, und der jüngste fing an zu weinen; er dachte an seinen Vater, der war ja auch ein Lotse, und nun würden die bösen Nixen ihn gewiß bald mal holen.

Doch der alte Großvater, als er merkte, was er angerichtet, beruhigte ihn wieder. Na! na! sagte er, wer heult denn gleich? Haben sie mich doch auch nicht geholt, und den Vater holen sie auch nicht mehr; denn hätten sie es gewollt, so wäre es längst geschehen; er ist ihnen gewiß schon zu alt geworden.

Und Bruder Fritz meinte es auch. Aber wo in aller Welt hatte denn der alte Großvater den alten Meerkönig und seine Töchter gesehen? Bruder Fritz wollte immer noch mehr wissen, und der alte Großvater sollte es ihm erzählen.

Ja, ja! sagte er da, das ist wahr; – aber er wußte eigentlich noch gar nicht, was er sagen sollte, bis ihm mit einem Male ein glücklicher Einfall kam. Halt! dachte er, das geht. Und nun erzählte er dem Bruder Fritz, daß er sie schon als Schiffsjunge gesehen habe auf seiner ersten Reise. Aber weit von hier in einer großen Stadt am Wasser. Und da habe der alte Meerkönig gestanden, so mitten auf dem Markte, wie er leibt und lebt, in seinem weißen Gewande und mit seinem großen Bart und in der Rechten das Zepter, lang und dreizackig. Und rund um ihn herum hätten seine Töchter, die Nixen, gelegen, aber nicht alle, nur einige, – und es sei ihm, als sehe er sie noch, die hübschen Prinzessinnen mit ihren Liliengesichtern, mit ihren schneeweißen Armen und mit den langen Locken und all den Perlen darin, aber auch mit ihren garstigen Schwänzen, so ordentlich mit Flossen und voller Schuppen. – –

Hätte er es nur lieber nicht gesagt! – denn nun wollte Bruder Fritz auch noch wissen, wie das möglich sei, der alte Meerkönig und seine Töchter da so mitten auf dem Markte,– – und da hatte er den alten Großvater in der Enge.

Und der alte Großvater dachte: Hm! hm! Du mußt ihm nur lieber die Wahrheit sagen; denn sonst fragt der Schelm von Junge doch noch immer weiter. Und da erzählte er ihm denn, daß es doch eigentlich nur ein großer Brunnen gewesen sei, auf dem der alte Meerkönig gestanden und seine Töchter so rund um ihn gelegen hätten, – alle von weißem Marmor, – und da wären sie noch heutigen Tags und spieen Wasser, und alle Schiffer, welche dahinkämen, könnten es bezeugen.

Aber damit hatte sich der alte Großvater gerade die Geschichte verdorben; denn nun war dem Bruder Fritz auch einmal ein Einfall gekommen.

Etsch! etsch! rief er, wenn sie da immer auf dem Markte stehen und Wasser speien, dann sind sie ja auch gar nicht mehr im Meere! – Großvater, du hast mit uns deinen Scherz getrieben, und die alte Großmutter hat es auch mit dir getan! Etsch! etsch! – Und ein Schiffer will ich werden!

Was sollte der alte Großvater dazu sagen? Er sagt: Hm! hm! du Naseweis! gerade wie die alte Großmutter auch einmal zu ihm gesagt hatte.

Und Bruder Fritz, dem hatte er die Lust daran doch nicht vertrieben, – ein Schiffer wollte er werden.

II.

Der alte Großvater, welcher das alles den beiden Knaben erzählt hatte, war längst gestorben. Aber das Märchen vom alten Meerkönig und seinen Töchtern hatten sie nicht wieder vergessen; sie wußten es noch so gut, als hätten sie es erst heute von ihm erzählen hören.

Und heute schwang der alte Meerkönig einmal wieder sein Zepter. Es war noch früh am Tage; er hatt' es die ganze Nacht getan. Und in dem kleinen Hause auf der Insel am Strande, da saßen wieder die beiden Knaben; sie saßen mit Vater und Mutter beim Morgenbrot.

Ein gräuliches Wetter! sagte die Mutter. Gottlob, mein Mann, daß du hier bist! Möchte doch heute keiner dich rufen; es würden wieder recht lange und ängstliche Stunden für mich sein, müßtest du bei diesem Wetter hinaus an Bord eines Schiffes.

Nun, nun, sagte der Mann, und wenn ich's müßte, so tät' ich's doch! Es ist ein schöner Beruf, so andern beizustehen, wo ihnen Gefahr droht, und da es der meinige ist, tät' ich ja nur meine Pflicht auch heute, wenn ich bei diesem Sturm ein Schiff durch den Sund lotste.

Ein schöner Beruf, – ei freilich! sagte wieder die Mutter, wär' er nur nicht so schwer und gefährlich! Da wollt' ich doch lieber die Kühe hüten, als Lotse sein!

Und immer heftiger wurde das Unwetter und immer lauter das aufgeregte Meer. Der Vater und die Knaben hatten ihre Lust daran; sie stellten sich ans Fenster und schauten darein.

Wie mögt ihr nur so dastehen und euch darüber freuen? sagte die Mutter; ich begreif' euch nicht, es ist ja ein Wetter, als ob die Welt vergehen sollte!

Nun, nun, sagte wieder der Vater, warum nicht? Wer die Sonne scheinen und das Land grünen läßt, dem müssen doch auch Wind und Wasser gehorchen, und der Sturm auf dem Meere kommt ebenso gut aus seiner Hand, wie die Blume im Garten. Ich meine, da bleibt es sich gleich, ob man hier ober dort seine Nähe spürt und seine Allmacht bewundert.

Was sollte die Mutter dagegen sagen? Sie ließ den Vater und die Knaben gewähren. Es war auch wohl die Furcht, die aus ihr redete. Das Mutterherz sorgt immer; aber ein Lotse, was weiß der von Furcht? Und wer, wie dieser, schon unzählige Male dem Sturm und dem Unwetter Trotz geboten auf offener See und im offenen Boote, wie könnte dem nur grauen im sicheren Hause? – Und die Knaben? – Fürchtete sich doch der Vater nicht, warum sollten sich die Kinder fürchten?

Bruder Fritz, welch ein Wetter! rief der Jüngere; das tut der Meerkönig! Die armen Schiffer! Aber Bruder Fritz der lachte und sagte: Glaub' nicht daran! einen Meerkönig gibt es nicht und auch keine Nixen!

Und immer gewaltiger erbrauste der Sturm, immer höher rollten die Wogen. Und der Vater zog die großen Stulpen an, setzte den Südwester auf und ging hinaus. Ihn trieb die Unruhe, er dachte an seinen Beruf, und durch die Scheiben war nicht weit zu sehen; aber bald kam er wieder; nirgends auf hoher See war ein Segel zu erspähen.

Es kann nicht lange mehr währen, sagte er, der Sturm wird sich legen, ich weiß es an der Höhe des Wassers; es steht nicht mehr weit vom Garten und höher pflegt es doch nur selten zu steigen.

Aber es stieg immer höher, und schon geraume Zeit war verstrichen, seit der Vater es gesagt, – und es stieg noch immer höher.

Und immer gewaltiger wurde der Sturm, und immer wilder wurde das wilde Meer. Wie toste und tobte heute auch das Wasser! grau und dunkel, hoch auf- und niedersteigend, eine wirre Masse, von der Luft und dem Himmel gar nicht mehr zu unterscheiden! Und wie donnerten die Wogen und überstürzten sich im Rollen auf dem Sand des Strandes, daß der weiße Gischt prasselnd gegen die Scheiben flog und hoch über das Dach des kleinen Hauses!

Und da stand auch schon das Wasser vor dem Garten, gerade wie vor Jahren, als es auch einmal so stürmte, als der alte Großvater noch lebte und der Mutter so bange war.

Und neugierig guckten die beiden Knaben durch die Scheiben. Das Wasser im Garten! – nur einmal in ihrem Leben hatten sie es gesehen: – wären sie draußen mit ihrem Schiff, wie herrlich könnten sie es segeln lassen im Garten!

Aber sieh, die Mutter, wie still sie dasitzt, wie bleich sie ist. Bangt ihr denn schon wieder? Daß sie auch immer gleich so furchtsam ist! – Der Vater hat's ja gesagt: es kann nicht lange mehr währen.

Und doch währte es noch länger, und immer wütender tobte der Sturm, – immer mächtiger bäumte sich das Meer, – und über den ganzen Garten schäumten schon die Wogen.

Und wieder trieb es den Vater hinaus; er war besorgt um sein Boot, – es lag seitwärts den Strand hinunter; – die Kette könnte zerreißen und das schöne Boot ihm zerschellen.

Aber wo war das Boot? – die See hatte es vollgespült; und auch kein Weg mehr dahin, das Wasser ging schon darüber; keine Spur und kein Steg mehr zu finden. Und schon stürzte die Brandung auch über den Strand, und weithin in die Ebene dahinter wälzte sich und wühlte schon ihr tosender Schwall über Äcker und Wiesen!

Und der stämmige Mann mit seinen großen Stulpen, nur mit Mühe widerstand er noch der Strömung; fort und fort stieg das Wasser, er mußte eilen, daß er zurück kam, und das wütende Element peitschte ihn wieder nach Hause.

Und da stand sein Häuschen, schon rings umflutet, wie mitten im Meere; und als er es erreicht, erreichte es auch schon das Meer; bis vor die Haustür brausten schon die Wogen.

Aber der Vater hatt' es ja gesagt: es kann nicht lange mehr währen! – Und als er in die Stube trat, da sagte er es wieder der sorgenden Mutter zum Troste.

Und doch währte es noch länger! länger und immer länger! und da! da! – hei! wie das klatschte! – gegen die Haustür schlug schon die erste Woge, und entsetzt schrak die Mutter zusammen.

Und immer wütender raste der Sturm, immer höher türmten sich die Wogen, und da, – schon wieder! – und schon wieder – und wie das dröhnte gegen Schloß und Riegel! –

Und da! da! – am Fußboden in der Stube! – da quoll es schon aus den Fugen der Bretter, hell und klar, wie hundert kleine sprudelnde Quellen! – Die Flut! die Flut! schrie die Mutter, Herr Gott, die Flut! sie kommt uns schon ins Haus! – mir müssen fliehen!

Aber wohin? – Sie war ja auch schon längst da draußen Wasser ringsum, nichts als Wasser schon über die ganze Ebene bis zu den fernen Hügeln! Und ein schäumender Strom, ergoß sich die brausende Masse über einen großen Teil der Insel schon von einem Strande bis zum andern und über den andern wieder ins Meer.

So hatte sich denn auch der Vater geirrt, er, der wind- und wetterkundige Lotse. Eine solche Flut hatte er noch nie erlebt hatte noch keiner erlebt auf der ganzen Insel.

Aber eben darum glaubte er auch noch fort und fort, daß sie höher nun nicht mehr steigen werde. Und fort und fort tröstete er noch die Mutter; es kann nicht lange mehr währen. – Und doch währte es noch länger, und immer höher stieg es noch, das rasende Meer, immer gewaltiger donnerten die Wogen gegen Tür und Mauern!

Wer rettet die Armen aus dem bedrängten Hause?! – Ja, wer rettet alle die andern?! – Es sind deren wohl schon viele, welche das tückische Meer überraschte; – eine solche Flut war seit Jahrhunderten nicht gewesen.

Und noch immer stieg sie höher, – und aus der Stube flüchteten sich die Armen auf den Boden des Hauses. – Und noch immer stieg sie höher, und immer entsetzlicher heulte der Sturm.

Da krachte auch schon die Haustür; ein mächtiger Wogenschlag hatte sie zertrümmert; – da klirrten auch schon die Scheiben, und das Meer brauste hindurch! – Und immer höher stieg es noch, – immer höher, – Herr Gott im Himmel! –

Herr Gott im Himmel, und wenn nun auch die Mauern stürzten! – Wie bebte schon der Boden! wie schwankte das Dach! – Und da hocken sie und umklammeren die Sparren und jammern und schreien um Hilfe. – –

Aber wer sollte sie retten? Nur einer konnte es, der auch dem Sturm gebietet und dem Meere. – Seine Liebe ist unendlich, aber seine Wege sind dunkel!

Ein entsetzlicher Wogenschwall, hoch hinauf bis an die Firste des Hauses, – ein entsetzlicher Schrei, – – und die Unglücklichen hatte das Meer verschlungen. Und dann war das kleine Haus verschwunden; nur ein Teil des Daches tauchte noch empor, – und da trieb es, – fortgeschleudert im Sturme.

Du furchtbares Element, was hatten sie dir getan, die Unglücklichen, daß deine wilden Fluten sie begruben?

War der Vater nicht ein Lotse?! – die Mutter nicht eines Lotsen Weib?!

Und die Knaben? die beiden blühenden Knaben? – – Du bist mein! Du bist mein! – hinunter in die unendliche Tiefe! –

Hinunter? – hob sich da nicht ein Arm? da nicht ein blühendes Lockenhaupt? – Sieh, durch die Latten des kleinen Dachteiles zwängt es sich hindurch, – die See darüber! – und da ist es wieder! – und da, da, ist es ganz! – ein ringender Knabe! –

Triumph! er hat gesiegt, – da ist er oben auf der Firste des zerbrechlichen Stückes Dach, – o, seht doch, welch ein Reiter! und vorwärts stürmte er auf den brüllenden Wogen. –

Wo sind die andern? – Herr Gott, wo ist der Vater? wo ist die Mutter und der Bruder? – du armer Knabe, ihr seht euch hier nicht wieder!

Vorwärts, immer vorwärts, bald turmhoch, wie hinauf zum Himmel, bald tief hinab, als ging's zur Hölle! Und noch immer auf den zerbrechlichen Trümmern im entsetzlichen Sturm und Wogendrang schon weit, weit von der kleinen Insel, schon mitten im Meere!

Halt' dich fest! halt', dich fest! es geht um Tod und Leben! – Und die Füße zwischen die Latten gezwängt, die Arme krampfhaft um eine Sparre, so hielt er sich und rang mit dem Meere, viele schreckliche Stunden voll Grauen und Entsetzen.

Und der Mittag kam, – es kam der Nachmittag, – es kam der Abend, – der Abend so dunkel und so grausig! – –

Gute Nacht! du mutiger Knabe, du! in einer anderen Welt wirst du erwachen! –

Und wer schildert die Angst und all die Qualen in dieser langen, bangen, entsetzlichen Nacht? – Aber endlich, endlich war sie vorüber! – und noch immer heulte der Sturm und raste das Meer, – und noch immer die Füße gezwängt zwischen die Latten und die Sparren krampfhaft umschlungen, auf der Firste des zerbrechlichen Stückes Dach der halbtote Knabe mitten im Meere! – –

Und eisiger Frost macht alle seine Glieder erstarren, wie Feuer brennt sein Hirn, und im wilden Fieberwahn rasen die Gedanken.

Großvater! Großvater! – da ist er! – nun glaub' ich's auch! – Siehst du nicht, wie er das Zepter schwingt? – Er haßt die Lotsen! Wehe! unser Haus! –

Die Flut! die Flut! – wie schreist du Mutter! – halt nur den Bruder! – der Vater hält euch beide! – Es kann nicht lange mehr währen! – –

Großvater! Großvater! sieh, da ist er wieder! – im Muschelwagen! – Siehst du sein Schloß?! wie funkeln die Fenster! – und den Garten?! und die Perlen im Garten?! –

Weh' mir! was war das?! – die Flut! – die Flut! – – Hilfe! – Hilfe! – ich ertrinke! – –

Und da, – da sind sie! hu! die garstigen Nixen! – Großvater! Großvater! hilf mir! hilf mir! – sie kommen! – sie wollen mich umarmen! – sie fassen mich! – ich fühl' es! ich fühl' es! – sie ziehen mich hinunter!


Hinunter? – Nein, nicht hinunter! – sie zogen ihn hinauf; – aber er wußte es nicht, er hatt' es nicht mehr gemerkt, – das Bewußtsein hatte ihn verlassen, und die müden Augen hatten sich geschlossen.

Und als er sie wieder öffnete, da lag er auf weichem Pfühl in einer prächtigen Kajüte, und fremde, freundliche Männer standen an seinem Lager und erquickten ihn mit stärkender Labung.

Und wie das gekommen? – In allen Zeitungen hat es gestanden, und willst du es hören, – da hast du's!– –

Aufruf.

Durch die Sturmflut vom 13. November vorigen Jahres wurde der am Fehmarnsund wohnende Lotse Hans Kruse, welcher sich mit seiner Frau und zwei Söhnen auf den Dachboden seines Hauses geflüchtet hatte, durch den Wogendrang mit einem Teile desselben, seiner Frau und einem jüngeren Sohne fortgerissen und ein Raub der Wellen.

Dem älteren Sohne Jakob Friedrich war es kurz vor dem verhängnisvollen Augenblicke gelungen, an dem Sparrenwerk emporzuklettern und auf der Dachfirste einen den Umständen nach etwas gesicherten Sitzplatz zu erlangen, indem er die Füße in das Lattenwerk hineinzwängte und Sparren nebst Lattenwerk mit dem darunter befindlichen Hausboden in Verbindung blieben.

So trieb er am Morgen des 13. November ab, dem heftigsten Ungestüm der Wellen, sowie den Unbilden einer kalten Winternacht preisgegeben, in die weite See hinaus, halb verhungert und vor Nässe verkommen.

Dennoch hatte der Junge noch nicht die Geistesgegenwart verloren. Wie ein alter, erfahrener Schiffer suchte er die Dachziegel, soweit er sie zu erreichen vermochte, als überflüssigen Ballast abzustoßen. Als es am 14. November zu tagen begann, befand er sich in einiger Entfernung vom Kieler Hafen.

Gegen Mittag wurde er von einem diesen Hafen suchenden französischen Schiffer auf seinem zerbrechlichen Fahrzeuge bemerkt. Der wackere KapitänRené Cabon, Kapitän der französischen Brigg Locquirec aus Morlaix. Der wackere Mann ist in Anerkennung seiner Hilfe vom deutschen Kaiser mit einem Orden belohnt worden. ließ sofort ein mit vier Leuten bemanntes Boot aussetzen, welches mit großer Mühseligkeit und Beschwerde den Knaben aufnehmen und an Bord bringen konnte.

Nachdem er hier die liebevollste Verpflegung und Behandlung genossen, wurde er nach Kiel gebracht und dem weiteren Schutze der Landesbehörde übergeben.

Von dort ist Jakob Friedrich Kruse nach Burg auf Fehmarn zurückgelangt, und hier ist eine Vormundschaft über denselben eingeleitet worden.

Von allen Schreckensereignissen der Sturmflut des 13. Nov. v. J. ist aber gewiß keines so sehr als das seinige geeignet, die allgemeinste Teilnahme zu begründen.

Die wirksamste Art, in welcher nach unserem Ermessen diese Teilnahme geleistet werden kann, ist die, daß Fritz Kruse, welcher sich, seines schrecklichen Erlebnisses ungeachtet, entschlossen hat, sich der Seefahrt zu widmen, in eine auch für diesen besonderen Zweck geeignete Bildungs- und Vorbereitungsanstalt gebracht wird, wodurch es ihm möglich wird, sich eine feste, gesicherte Lebensweise zu begründen.

Mit kleinen Mitteln ist unter Gottes Hilfe das gute Werk begonnen; viel aber, sehr viel ist noch übrig, um dasselbe in der begonnenen Weise fort und zu Ende zu bringen.

Wir treten deshalb mit der Bitte an unsere Landsleute, durch reichliche Beiträge unser Werk unterstützen zu wollen.

Burg auf Fehmarn, den 22. Januar 1874.

Der Obervormund: Amtsrichter F. Sarauw.

Der Vormund: Ratmann R. Mildenstein.

Da seht den tapferen Jungen! – Der alte Meerkönig und seine Töchter haben ihn doch nicht gekriegt, und ein Schiffer will er werden.

Und er ist es geworden! Es kamen der Gaben viel mehr, als er gebrauchte, um es zu werden! Er ist längst ein Lotse! – Aber, du alter Meerkönig, den kriegst du nicht!

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