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Märchen

Johann Meyer: Märchen - Kapitel 2
Quellenangabe
typefairy
authorJohann Meyer
booktitleMärchen und Rätsel
titleMärchen
publisherVerlag von Lipsius und Tischer
seriesJohann Meyer's Sämtliche Werke
volumeFünfter Band
year1906
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080222
projectid437f0239
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Die Flachsjungfern.

Der Flachsbauer war ein reicher Mann, Er war reich geworden durch den Flachsbau; darum hieß er der Flachsbauer. Mitten im Dorfe, wo sich die Straßen kreuzen, lag sein stattlicher Hof. In den polierten Fensterscheiben spiegelte sich der grüne Garten, und zwei mächtige Ställe standen wie zwei prunkende Grenadiere zu jeder Seite des Hauses. Hier eine Menge hübscher Stuben mit schneeweißen Gypsdecken und geölten Fußböden, hübsch tapezierten Wänden und seinen Mahagoni-Möbeln, – dort ein Stapel blanker Kühe an den rasselnden Ketten, ein glänzender Staatswagen in der Remise, dazu zwei so herrliche Blauschimmel, daß ihn ein Graf darum hätte beneiden können. Mehr aber noch als dies waren's die Seinigen, warum der Flachsbauer für reich gelten konnte. Ich habe sie gut gekannt alle drei, die junge, hübsche Frau, so lieb und sanft wie eine Taube, das blühende Mädchen und den lustigen Knaben, beide mit flachshellen Locken und so sanften blauen Augen, als hätten die Flachsblüten selbst ihre Farbe dazu hergeben müssen. Ich war aber auch allen ein gern gesehener Gast, den Eltern ihrer Kinder wegen, und den Kindern, weil ich ihr liebster Spielkamerad war. Des Flachsbauern Sohn war mein bester Freund und seine rotwangige Schwester eigentlich schon einmal meine Braut; denn ich hatte ihr ins Album geschrieben, und beim Vogelschießen war sie meine Königin gewesen. Das war damals, als ich noch klein war und mein Vater noch in dem Dorfe wohnte, wo des Flachsbauern stattlicher Hof lag.

Trotz seines Reichtums war aber der Flachsbauer doch nicht glücklich. Ein Steinchen ins stille blanke Wasser geworfen, kräuselt allmählich den ganzen Teich, und keiner ist vor dem Verhängnis sicher. Weil dem Flachsbauern eines fehlte, das er sich wünschte und nicht erreichen konnte, war er nicht zufrieden, und ohne Frieden gibt's ja kein Glück. Was wollte denn der Flachsbauer? doch wohl nicht gar ein König werden oder ein Fürst ober Edelmann? wünschte er sich einen Titel oder Orden? sah er scheel auf den Amtmann, vor dem die Leute noch tiefer als vor ihm den Hut zogen? – von allem nichts, – und gleichwohl noch mehr als alles! denn er wollte geradezu das Unmögliche können, was nur Gott kann und eine weise Vorsehung dem Sterblichen vorenthält: er wollte in die Zukunft schauen.

Närrische Käuze die, welche so etwas wollen! und doch gibt es deren garnicht so wenige. Ja, wir selbst, – du und ich, – haben wir nicht oft schon dasselbe gewünscht? war's dann nicht mit solcher Leidenschaft wie bei ihm, so war's zu unserm Glück, und es bedurfte für uns nicht eines solchen Mittels wie für ihn, um unsere eitlen Wünsche wieder fahren zu lassen. So lange aber ein Menschenherz wünscht, kann auch leicht der eine Wunsch noch hinzukommen, für welchen der Flachsbauer seinen Frieden gab.

Ich kenne ein Lied, einem blühenden Kinde gesungen, und weil du selbst solch ein Kind bist, sollst du es hören:

Du süße Menschenblume,
Wie stimmst du mein Gemüt,
Du, in dem Heiligtume
Der Unschuld still erblüht!

Von allem Glanz umwoben
Des Himmels, licht und rein,
So müssen wohl dort oben
Die Engel Gottes sein!

O, könnt' ich all der Kleinen
Himmlischen Schutz dir erfleh'n!
Mir ist, als müßt' ich weinen,
Weil du so hold und schön!

Paßt es nicht auch auf des Flachsbauern blühende Kinder? Die Wehmut aber, womit der Dichter es gesungen, die ist dieselbe, welche gar oft auch den Eltern ins Herz schleicht, wenn ihr liebendes, sorgendes Auge auf ihren Kindern ruht. Du selbst weißt noch nichts davon, eben weil du ein Kind bist; aber deine Eltern, die wissen's recht gut, und auch der weiß es, welcher dir dies erzählt. Und wird dann einmal das Herz gar so wehmütig und trüb, daß es die Augen mit Tränen füllt, so ist es nur das Gottvertrauen, welches sie trocknen kann, – die Überzeugung, daß der liebe Gott, dessen Kinder wir ja alle sind, auch ein Vater der Witwen und Waisen, der Verfolgten und Bedrängten, der Verlassenen und Betrübten ist und daß sein Auge für alle wacht, sein Herz für alle sorgt, wenn sie nur redlich das Ihrige tun, – ja sogar für den Vogel auf dem Dache und die Lilien im Felde.

Das aber hatte der Flachsbauer zu seinem Unglück ganz vergessen, und darum gerade wollte er so gern in die Zukunft schauen. Denn nur dann, meinte er, könne er am besten für seine Lieben sorgen, sie vor Leid und Trübsal schirmen, die Not von ihnen abwenden und ihnen ihr künftiges Wohlergehen am besten sichern. Weil er nun aber das nicht konnte und an jenes nicht dachte, konnte er auch nicht wieder zum Frieden kommen.

So kam es denn, daß sich seine sonst so heitere Stirn allmählich in Falten legte, sein Gesicht abfiel und seine Lippen verschlossen wurden. Bald sagten auch schon die Leute im Dorfe, dem Flachsbauer müsse etwas fehlen. Einige meinten ein schleichendes Fieber, andere die Zehrung und noch andere gar das gute Gewissen. Hätte er nur einmal den Mund aufgetan, er würde sie leicht eines anderen belehrt haben, und wer weiß, ob sich vielleicht nicht einer gefunden, der ihm die Grille wieder vertrieben hätte; aber nicht einmal gegen seine Frau sprach er von dem, was ihn quälte, wenn auch nur aus Liebe zu ihr, befürchtend, mit seinem Kummer sie anzustecken, die er, wie seine Kinder, über alles liebte und um alles in der Welt nicht betrüben wollte.

Was aber schon die Leute wußten, hatte sie längst gewußt, und noch mehr obendrein, nämlich, daß ihr Mann im Gemüte krank sei; so oft sie ihn aber gefragt, hatte er ihr das Gegenteil versichert, und da sie ihn jedesmal umsonst gebeten, ihr sein Leid zu sagen, bestürmte sie ihn nicht mehr mit Fragen und suchte, um ihn nicht noch trüber zu stimmen, sorgfältig alles zu vermeiden, was ihn glauben machen könnte, daß sie sich seinetwegen härme. So lächelte sie mit verbissenem Schmerze, wo sie lieber hätte weinen mögen, und suchte ihm mit erheucheltem Frohsinn die Sorge von der Stirn zu scheuchen; dann aber, wenn sie allein und ungesehen war, weinte sie sich das gepreßte Herz gern einmal leichter, meistens, wenn sie ihre geliebten Kinder in der Schule und ihren Gatten auf dem Felde wußte, wo die Leute, welche er zur Bearbeitung seiner großen Flachsstücke im Dienste hatte, gar oft seiner Aufsicht und Anweisung bedurften.

Eines Tages, – es war zur Zeit der Rosen, dann blüht ja auch der Flachs, – saß sie allein im Zimmer, ihrem Harm sich hingebend, mit tränenschweren Augen. Auf ihrem Schoße lag ein Stück weißes Leinen, eigengemacht, wie es so heißt, aus Flachs, den der Flachsbauer selbst gebaut und seine Frau gesponnen hatte. In den Saum, womit sie es umfaßte, war schon mancher Seufzer hineingenäht, und manche Tropfen, warm geweint, waren darauf herabgefallen. Der aber, um den sie fielen, war im Felde auf einer seiner Koppeln, auf welcher in voller Blütenpracht das blaue Flachsmeer auf- und niederwogte. Bleich und finster und sorgend wie immer stand er davor und starrte, wie im Traum versunken, in die blaue Blütenfülle.

Da mit einem Male, wie geschah ihnen denn? – Beiden zu gleicher Zeit, wie sonderbar! – Ihr daheim in der stillen Stube fiel die Nadel aus der erschlafften Hand. Die Fäden in dem Leinen fingen an, sich zu regen und zu bewegen, und es schwirrte ihr vor den Augen, als ob sie der Sandmann mit Sand bestreute. Das war der Schlaf, und auf dem Fuße folgte ihm sein Bruder, der Traum. In der Ferne wogte eine blühende Flachskoppel, und mitten darin schritt der Flachsbauer an der Hand einer lieblichen Fee. Plötzlich veränderten sich aber die wogenden Blüten in blaue Meereswogen, darin die Wandelnden allmählich vor ihren Augen versanken. Sie schrie auf und erwachte; ihr eigener Schrei hatte sie geweckt, und sie freute sich, daß es nur ein Traum gewesen.

Ihm aber, dem Flachsbauer, erging es noch anders. Als er so dastand, brütend und hadernd und hineinstarrte in den blühenden Flachs, weckte ihn plötzlich ein Geräusch wie von rauschender Seide, und ein schneeigter Arm senkte sich leise auf seine Schulter. Erschrocken wandte er sich um, und: – Alle guten Geister – – fuhr es ihm über die Lippen. Aber weiter kam er nicht, das andere blieb ihm im Munde stecken. Und vor ihm stand kein Geist, sondern ein liebliches Mädchen, so frisch und so blühend wie sein herziges Töchterlein, mit eben so blauen Augen und blonden Locken. Ein glänzendes Gewand von blauer Seide umhüllte ihren schlanken Leib, und auf dem Haupte strahlte eine Krone von blauen Edelsteinen.

Komm mit mir, sagte sie, ich bin die Flachskönigin und habe Mitleid mit dir, weil du der Flachsbauer bist und mich und die Meinigen schon so viele Jahre treu geschirmt und gepflegt hast. Und als sie dies gesagt, ward es ihm blau vor den Augen, und ihm schwanden die Sinne wie von einer Ohnmacht. Es währte aber nur eine kurze Zeit, und als er zum Bewußtsein zurückgekehrt war, befand er sich in einem großen blauen Saale voll geschäftiger kleiner Mädchen, alle mit rosigen Gesichtern und flachshellen Locken und eine jede bekleidet wie die, welche ihn bezaubert hatte, mit einem blauen Gewande. In seinem Arme aber lehnte derselbe weiße Arm, welcher soeben auf seiner Schulter geruht hatte, und dasselbe liebliche Mädchen stand noch an seiner Seite. Ihr blühendes Antlitz lächelte ihm freundlich zu, und ihre sanften blauen Augen schauten teilnehmend und liebevoll in die seinigen. Siehst du, sagte sie, weil du der Flachsbauer bist, ist es dir vergönnt, den Saal der Flachsjungfern zu betreten; so folge mir denn nun, um zu schauen, was diese hier für euch Menschen wirken und spinnen. Da arbeiteten sie denn, die kleinen, fleißigen, blauen Mädchen in unzähliger Menge, je nach ihrer Arbeit gruppenweise verteilt; und ohne Aufhören regten und bewegten sich die Händchen, und es surrte und schnurrte im Saale, als ob sich tausend Rädchen lustig drehten. Die Flachskönigin aber zog den Flachsbauer sanft mit sich fort bis an die erste und nächste Gruppe ihrer spinnenden Jungfern.

Diese hier, wandte sie sich nun an den Flachsbauer, wirken nur Glück und Freude. Denn die Fäden, welche sie spinnen, sind von der Vorsehung bestimmt zur Aussteuer für eine glückliche Braut. Alle werden sie sich verschlingen zur schimmernden Leinwand, jene zu Laken für die kostbaren Betten, diese zu blumendurchwirktem Damast wertvoller Tischgedecke. Um das saubere Tuch, auf welches einst die fröhliche Hausfrau das duftige Mahl setzt, wird sie sitzen mit den Ihrigen, an der Seite ihres zärtlichen Gatten, mit ihm sich freuend über des Hauses Glück und Segen und den lieblichen Kranz ihrer blühenden Kinder, welche, die gefalteten Händchen darauf legend, »Aller Augen« beten.

Und weiter führte sie ihn zu einer anderen Gruppe.

Auch hier, sprach sie, werden Fäden gewirkt zu Tisch- und Betttüchern, aber ein wie ganz anderes ist das Los derjenigen, denen sie dienen sollen. Kein feiner Damast, sondern grobes Leinen, und die es decken und mit den Ihrigen daran sitzen wird, ist keine glückliche Hausfrau und Mutter, – sondern eine arme Witwe, welche kaum mehr als Stücke trockenen Brotes darauf zu legen vermag. Wie sie bleich sind und elend, die hungernden Kleinen, und wie der Mutterharm am Herzen ihrer Versorgerin nagt! Auch auf diesem Tuche werden sich, so oft es gedeckt liegt, die Händchen zum Gebete falten; aber zu den Brotstücken, nach welchen sie greifen, wird es keine andere Würze geben als das Salz der Muttertränen.

Und weiter führte sie ihn zu einer anderen Gruppe.

Sieh hier die Spinnerinnen für ein Stück Leinen, auf welchem der frühe Tod eine Rose knicken wird! Da liegt sie, die kaum erblühte Knospe, entkräftet und erschlafft, als ob ein glühender Wind darüber hingefahren wäre. Wo blieb die Fülle ihrer Jugend, wo der sanfte Zauber ihrer süßen Augen? Wild und irre schweift ihr Blick umher, hager und abgefallen ist das einst so liebreizende Antlitz. Die einst so frischen Lippen brennen vor Dürre und in den Adern wütet das tödliche Fieber. Ob die bangenden Eltern Tag und Nacht ihr Lager umstehen, ob sie jammern, beten, weinen – was hilft's? Die Vorsehung hat es anders beschlossen. Schwarze Männer tragen sie von dannen, die Glocken klagen und die Gespielinnen singen:

»Es ist bestimmt in Gottes Rat,
Daß man vom Liebsten, was man hat,
Muß scheiden!«

Und weiter führte sie ihn zu einer anderen Gruppe.

Was diese spinnen, muß auch sein; denn unendlich mannigfach ist dem Menschen der Nutzen des Flachses. Sie spinnen die Fäden zu Säcken. – Je fünf für einen Reichen, daß er sein Geld darin schütte, – je fünf für einen Armen, daß ihm der Bettelsack nicht fehle. Jener ist ein Kind armer Eltern, und in seiner Wiege ward es ihm nicht vorgesungen, daß er's noch einmal zum Millionär bringen werbe; aber Fleiß und Ausdauer, Geschicklichkeit und Glück werden ihn dennoch dazu machen. – Dieser ist reicher Eltern Kind. Im glänzenden Hause eines Vornehmen stand seine Wiege; aber sein Sterbebett wird im Werkhause der Kommune stehen. Übermut und Ungeschick, Trägheit und Unglück werden ihm sein bitteres Los bereiten.

Und weiter führte sie ihn zu einer anderen Gruppe.

Aus diesen Fäden werden Kissen, darauf die Müden ihr Haupt legen. Jene sind für das Kissen eines Glücklichen, das ihm sanft sein wird, weil er ein gutes Gewissen hat. Allabendlich wird ihm der Schlummer freundlich die Augen schließen und süße Träume werden ihn umschweben. Er hat aber auch noch gar manches mehr, nicht darnach angetan, ihm die Erquickung des Schlafes zu schmälern. Im Vollgenuß der Gesundheit und mit irdischem Gute reichlich gesegnet, weiß er wenig von des Lebens Müh' und Sorgen, und fröhlich kann er sich schlafen legen, fröhlich das Licht des Morgens wieder begrüßen.

Diese aber sind für das Kissen einer Unglücklichen, und nimmermehr wird's ihr ein sanftes sein. Der Ehestand wird ihr der Freuden nur wenig, des Kummers aber gar viel bringen. Es reißt ihr der Tod das einzige Kind vom Herzen, und der, welcher sie zur Zeit der Not und Angst tragen und trösten sollte, ihr Gatte, wird ihr junges Leben vollends knicken. Nicht aus Liebe, sondern nur des Geldes wegen hat er um sie geworben. Da er aber dessen Wert eben so wenig zu schätzen weiß wie den seines schwergeprüften Weibes, wird ihm auch das Geld keinen Gewinn bringen. Er scheut die Arbeit, und der Leichtsinn ist sein Genosse. Der Weg, den er zu wandern pflegt, geht ins Wirtshaus; seine Wirtschaft aber geht den Krebsgang. Bald folgt die Sorge, und in berauschenden Getränken sucht er sie zu ersticken. Aus dem Müßiggänger wird ein Säufer, und während er im Wirtshause zecht, zählt sein unglückliches Weib die Minuten der schlaflosen Nacht mit Tränen.

Und weiter führte sie ihn zu einer anderen Gruppe.

Auch diese arbeiten zu Nutz der Menschen; dreifach verschieden ist, was sie wirken. Hier die Fäden, mit denen sich eine arme Näherin ihr Brot verdienen wird. Im Dienste anderer für kärglichen Lohn gibt sie die Freuden der Jugend und das Glück der Gesundheit hin. Eine Dachkammer ist ihre armselige Wohnung, und vom Golde der Sonne wird ihr tagaus, tagein nicht mehr, als nötig ist, der Nadel den Weg zu zeigen. Gebückt sitzt sie über der Arbeit vom frühen Morgen bis zum späten Abend, und in der einst so fröhlichen Mädchenbrust bildet sich langsam der Keim einer tödlichen Krankheit.

Dort die Fäden zu Wickeln für einen lächelnden Säugling, für den die glückliche Mutter sie säubern und glätten wird. Hier die Fäden für Charpie und Binden, welche das Blut eines gefallenen Kriegers tränkt, bis aus der tödlichen Wunde sein junges Leben entflohen ist.

Und abermals weiter ging es zu einer anderen Gruppe.

Diese spinnen für die schimmernde Wäsche eines reichen Lebemannes, jene für die groben Kittel eines armen Tagelöhners. Gold und Diamanten glänzen und funkeln im Lichte strahlender Kerzen auf den seinen Kragen und Manschetten des Reichen, Schweiß und Staub im glühenden Sonnenbrand auf der groben Bluse des Armen.

Und abermals weiter ging's zu einer anderen Gruppe.

Aus den Fäden dieser Spinnerinnen wird gar bald eine Menge schneeigter Taschentücher. Wie verschieden die Lose derjenigen, welche sie besitzen und nutzen werden! Ich könnte sie dir alle nennen und die Zukunft eines jeden; von zweien nur sollst du sie hören. Siehe, die Fäden zu einem Tuch für eine glückliche Braut! Emsig daran stickend, wird sie es schmücken mit den lieblichsten Blumen, frisch gebrochen aus dem Garten ihrer Herzensfreude. Denn während sie beschäftigt ist, mit unendlicher Sorgfalt und Mühe Stich auf Stich die zierlichen Blumen darüber hinzustreuen, kreiset all ihr Sinnen und Denken in süßen Träumen um den Mann ihres Lebens. Den Geliebten grüßend, wird sie es schwenken zum Abschied und zum Willkommen, und Tränen wird sie damit trocknen, aber Tränen der Freude!

Auch diese Fäden werden verkettet werden zu einem Tuch, wohl noch schöner gar und kostbarer als jenes. Die lieblichsten Blumen werben es schmücken, die kostbarsten Spitzen es umfassen. Aber die, für welche es bestimmt ist, wird ein Bild sein zum Jammern und Erbarmen. Als die Rosen ihrer Wangen blühten und im Glänze der Unschuld ihre Augen leuchteten, trat der Versucher an sie heran, und sie erlag. Dem Leichtsinn folgend, verließ sie den Pfad der Tugend. Stufe auf Stufe sank sie tiefer und tiefer. Ausgestoßen von der Menschheit, versunken in Schande, gepeinigt von der Scham, wie viele Tränen wird sie darauf weinen, – Tränen der bittersten Reue!

Und wiederum weiter führte sie ihn zu einer anderen Gruppe.

Auch was diese spinnen, will ich dir sagen; es werden Stücke für uns alle; denn sein Hemd hat ein jeder gern. Siehe hier die Fäden zu dem Hemde eines Reichen und Vornehmen, vielleicht gar eines Kronenträgers, und siehe dort die für das Hemd eines Bauern, vielleicht gar für das Lumpenhemd des Bettlers. Für das schwache Alter, wie für die stürmende Jugend, für den Lebensfrohen wie für den Sterbensmüden, den vom Glück Gesuchten und den vom Leid Verfolgten, für alle allzumal werden hier die Fäden gesponnen, und so verschieden die Lose der Menschen, so mannigfach und zahlreich die Stücke, welche daraus gemacht werden.

Aber folge mir, daß wir eilen, der Abend ist nicht mehr fern, und daheim sitzet dein Weib und harrt der Rückkehr ihres lieben Gatten.

Siehe, noch eine Gruppe! Wie still und ernst ihre fleißigen Spinnerinnen! Auch sie spinnen für Reiche und Arme, Junge und Alte, Frohe und Trauernde; und dennoch ist kein Unterschied mehr zwischen allen, welche das empfangen, was hier gesponnen wird. Es ist unserer Hände letztes Werk für euch Menschen, unsere letzte Gabe, mit der alle eure Wünsche ein Ende haben. Und ob's ein König ist oder ein Bettelmann, sie bekommen's alle, der eine früher, der andere später, und sie alle nehmen's mit in ein neues Haus, gleich groß für den einen wie für den andern, gleich still und dunkel. Es sind die Fäden zu Leichentüchern und Totenhemden, und wie bald ist's Leinen, und doch wandeln noch alle, für welche die Vorsehung es bestimmte, im rosigen Lichte.

Kennst du den Reiter auf schwarzem Roß? –
Hin fliegt er über die Erde.
Gar sicher und tödlich ist sein Geschoß,
Gar grausig ist seine Geberde.

Kennst du den Reiter? – in wilder Eil'
Rafft er die Beute am Wege,
Es schwirrt die Sehne, – es sitzet der Pfeil, –
Es stocken des Herzens Schläge. –

Von allen aber kein einziger weiß,
Wen er zuerst mag ereilen.
Das Kind in der Wiege, im Stuhl der Greis,
Sie sinken vor seinen Pfeilen.

Die liebende Mutter, der sorgende Mann,
Des Hauses blühende Sprossen,
Ist keiner, welcher entrinnen kann
Dem Reiter und seinen Geschossen.

Und wo er kommt über Tal und Höh'n,
Ist des Jammers viel aller Orten,
Die Glocken klagen, – die Kreuze steh'n
Schwarz hinter den Kirchhofspforten.

Wie still die Kammer, wie leer das Haus,
Wie öd' das Herz, das voll Hoffen!
Was hilft die Träne? – sie müssen hinaus,
Sie alle, die er getroffen!

O, Mensch, bedenk' es, wie bald, wie bald
So oft schon die Stunde geschlagen,
Nach welcher trauernd die Glocke schallt
Und Seufzer und Tränen klagen.

O, Mensch, bedenk' es zu jeder Frist,
Und stets zum Bess'ren dich wende;
Denn eh' das Lied noch zu Ende ist,
Könnt' dir auch nahen das Ende!

Wohl dem, welcher es nicht zu fürchten braucht, er kann ruhig sterben! Aber wehe, wehe jenem Unglücklichen, für welchen das bestimmt ist, was diese spinnet! Und weiter führte ihn die Flachskönigin in den entlegensten Winkel ihres großen Saales. Nur eine einzige Jungfer stand dort zu spinnen, und Gott sei gedankt, daß es nur eine war! Gar schwer schien ihr die Arbeit zu werden; denn oft hielt sie inne unter Seufzern und Tränen. Weine nicht, du liebes Kind, sagte die Königin, sie streichelnd und küssend, deine Hände sind rein wie dein Herz; aber wie Gottes Wille ist, müssen auch wir uns fügen, selbst wenn er das zu tun befiehlt, wozu ich eine von euch berufen mußte. Und an den Flachsbauer sich wendend, sagte sie wehmütig: O, des Jammers, daß es Menschen gibt, für welche solche Fäden gesponnen werden! Auch ein Hemd, aber das Armsünderhemd für einen Mörder! Welch ein Los, und welch eine schreckliche Sühne, ihm von Menschen auferlegt! Und doch ist nicht auch er unserer Brüder einer und ein Kind Gottes wie wir alle?! Und wie wir alle, war auch er einst ein schuldloses Kind, der Eltern Glück und Freude!

Die Mutter bettet mit liebendem Blick'
Ins weiche Kissen den Kleinen.
Schlaf' süß, meine Freude, schlaf' süß, mein Glück!
Dich lieb' ich, dich lieb' ich wie keinen!

Schlaf' süß, mein Kindlein, werd' brav und gut,
Daß wohl dir's gehe auf Erden.
Des Vaters Herz und des Vaters Blut,
Wie der Vater war, wirst du werden!

Schlaf' süß, mein Kindlein, sei Gott dein Hirt,
Er lasset keinen verderben. – – –
O, wüßte sie, was ihr Kindlein wird,
Vor Jammer würde sie sterben!

Es steht ein Hügel auf öder Heid',
Und um ihn krächzen die Raben, –
Wer ist es, der gekommen so weit,
Daß sie zur Speise ihn haben? – – –

Dem Flachsbauer ward ganz sonderbar dabei zu Mute; es schauerte ihm kalt durch alle Glieder, und mit stummem Entsetzen starrte er auf das spinnende Mädchen. Die Königin aber zog ihn sanft mit sich fort und wieder zurück in den Saal, an den Gruppen ihrer spinnenden Jungfern vorüber bis zu den hohen Pforten des Einganges. Siehe, sagte, sie freundlich, du hast eine Probe gehabt von der Erfüllung deines Wunsches; denn du hast in die Zukunft gesehen, wenn auch nur in die Zukunft des Flachses, welchen deine Hand gesäet und der auf deinem Acker noch grünet und blühet. Aber mehr noch sollst du wissen, damit die Gewährung deines Wunsches kein Stückwerk sei. Ich kenne sie ja alle und will sie alle dir nennen, für welche hier die Flachsjungfern wirken und spinnen, und was für einen jeden hier gesponnen wird, will ich dir sagen. Schon viele sind darunter auch aus deinem Dorfe, und wer weiß, ob nicht vielleicht gar du selber oder die eigenen Lieben, dein Weib und deine Kinder! – – – Und wiederum rieselte es ihm eisig durch alle Glieder. Und wie ein Blitzstrahl traf ihn plötzlich der Gedanke an seine Lieben.

Halt' ein! geliebte Königin, halt' ein! rief er bittend, genug! genug! – Nimmermehr trag' ich Verlangen, noch weiter zu schauen! Entlasse mich, daß ich heimkehre, das Heimweh macht mich bangen. O, wie ich sie liebe, mein Weib und meine Kinder! Ich will Gott danken, daß sie noch mein sind, sie herzen und mich ihrer freu'n! will ihm danken, daß mein Auge so blöde und die Nacht der Zukunft so dunkel ist, und will ihm vertrauen in Demut und im Glauben!

Willst du das? sagte die Flachskönigin, Heil dir, du bist gerettet! So tu' es denn! Tu' selber, was du kannst und deine Pflicht ist, und vertraue auf Gott, er wird's wohl machen! Kehre heim und baue deinen Flachs in Frieden!

Und wenn du einmal dich ergeh'st
Da draußen, wo ein Flachsfeld lacht,
Und wieder so, wie heute, steh'st
Vor seiner Blütenpracht.

Und wenn dein Blick darüber irrt,
Wie heute, so in Furcht und Grau'n, –
Was leis' vor dir gesponnen wird,
Das wünsche nie zu schau'n!

Dank's Gott, daß dir die Zukunft fremd,
Und wieder froh sei dein Gemüt;
Du weißt nicht, wessen Totenhemd
Vor dir schon grünt und blüht! –

Dies sagend, legte sie wieder ihren weißen Arm auf seine Schultern; tiefe Nacht umhüllte seine Sinne, und als er die Augen aufschlug, schien ihm alles ein Traum. Da stand er wie vorhin draußen auf freiem Felde, und vor ihm auf und nieder wogte lautlos das blaue Blütenmeer des Flachses. Aber es war ein gar heilsamer Traum gewesen; denn mit dem Frieden im Herzen kehrte er fröhlich wieder heim und küßte seinem bangenden Weibe die Tränen vom Angesicht.

So erging es dem Flachsbauer, als er in die Zukunft schauen wollte. Jetzt freilich geht's ihm besser; denn er ist längst wieder der Alte. Noch auf derselben Stelle steht sein stattlicher Hof, und noch dieselben sind es, welche ihn bewohnen in Glück und Frieden.

Und als der Flachsbauer und seine Frau ihre silberne Hochzeit feierten, da kam einer und brachte ihnen das Märchen von den Flachsjungfern. Und sie freuten sich sehr darüber und schenkten ihm ein Stück kostbares Leinen. Seine Mutter aber nähte ihm Hemden daraus, und die trägt er noch.

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