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Hans Christian Andersen: Märchen - Kapitel 152
Quellenangabe
titleMärchen
authorHans Christian Andersen
year2017
correctorgerd.bouillon@t-online.de
typefairy
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Der Wassertropfen (1. Quelle)

Du kennst ja wohl ein Vergrößerungsglas, so ein rundes Brillenglas, das alles viele Male größer macht, als es ist? Wenn man es nimmt und vor das Auge hält und dadurch den Wassertropfen draußen vom Teiche betrachtet, so erblickt man über tausend wunderbare Tiere, die man sonst nie im Wasser sieht, aber sie sind da, es ist wirklich so. Es sieht fast aus wie ein ganzer Teller voll Krabben, die untereinander herumspringen, sie sind sehr raubgierig, sie reißen einander Arme und Beine, Enden und Stücke ab, und doch sind sie auf ihre Weise froh und vergnügt.

Nun war einmal ein alter Mann, den alle Leute Kribbel-Krabbel nannten, denn so hieß er. Er wollte immer das Beste von jeder Sache haben, und wenn das durchaus nicht gehen wollte, dann nahm er es durch Zauberei.

Dieser Mann saß eines Tages und hielt sein Vergrößerungsglas vor das Auge und betrachtete einen Wassertropfen, der von draußen aus einer Pfütze im Graben genommen war.

Wie es da kribbelte und krabbelte! Alle die tausend Tierchen hüpften und sprangen, zerrten aneinander und fraßen voneinander.

"Aber das ist ja abscheulich!" sagte der alte Kribbel-Krabbel. "Kann man sie nicht dahin bringen, in Ruhe und Frieden zu leben und daß sich jedes nur um sich bekümmert?" Er dachte und dachte, aber es wollte nicht recht gehen, und deshalb mußte er zaubern. "Ich muß ihnen Farbe geben, damit sie deutlicher gesehen werden können!" sagte er, und dann tröpfelte er etwas, einem kleinen Tropfen Rotwein ähnlich, in den Wassertropfen, aber das war Hexenblut von der feinsten Art zu sechs Pfennigen aus dem Ohrläppchen. Nun wurden die wunderbaren Tierchen über den ganzen Körper rosenrot, es sah aus wie eine ganze Stadt voller nackter, wilder Männer.

"Was hast du da?" fragte ein anderer alter Zauberer, der keinen Namen hatte, und das war gerade das Feine an ihm.

"Ja, kannst du raten, was es ist", sagte Kribbel-Krabbel, "so will ich es dir schenken, aber es ist nicht leicht herauszufinden, wenn man es nicht weiß!"

Der Zauberer, der keinen Namen hatte, sah durch das Vergrößerungsglas. Es sah wirklich aus wie eine ganze Stadt, wo alle Menschen ohne Kleider herumliefen. Es war schauerlich, aber noch schauerlicher war es, zu sehen, wie der eine den andern puffte und stieß, wie sie gezwickt und gezupft, gebissen und gezaust wurden! Was unten war, sollte nach oben, und was oben war, sollte wieder nach unten! "Sieh! Sieh! Sein Bein ist länger als meins! Bah! Weg damit!" Da ist einer, der hat eine kleine Beule hinter dem Ohr, ein kleines, unschuldiges Beulchen, aber sie quält ihn, und darum soll sie ihn noch meh quälen. Sie hackten in sie hinein, und sie zerrten ihn, und sie fraßen ihn der kleinen Beule wegen. Da saß einer so still wie eine kleine Jungfrau und wünschte nur Ruhe und Frieden. Aber nun sollte die Jungfrau hervor, und sie zerrten an ihr, und sie zerrissen und verschlangen sie.

"Das ist sehr belustigend!" sagte der Zauberer.

"Ja, aber was glaubst du wohl, was es ist?" fragte Kribbel-Krabbel. "Kannst du es ausfindig machen?"

"Nun, das ist ja leicht zu sehen!" sagte der andere. "Das ist irgendeine große Stadt, sie gleichen einander ja alle. Eine große Stadt ist es!"

"Es ist Grabenwasser!" sagte Kribbel-Krabbel.

 


 

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