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Friedrich Huch: Mao - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleMao
authorFriedrich Huch
year1986
publisherNorchia Verlag
addressBergisch Gladbach
isbn3-926005-00-9
titleMao
pages3-158
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1907
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Friedrich Huch

Mao

Roman


Erstes Kapitel

Thomas war in einem großen, alten Hause geboren, das zurückgezogen und ernst in einer breiten Ecke des Marktes lag, im Mittelpunkt der Stadt. Es hatte weniger Stockwerke und viel höhere Fenster als die Nachbarhäuser, die es hart begrenzten. Hinter dem sonneverbrannten braunen Torbogen lag ein kühler, hoher Flur, dessen Decke zwei wuchtige weiße Säulen stützten; eine weite Treppe mit sehr niedrigen Stufen führte empor bis zur ersten Plattform, bis zu dem quadratisch geschnittenen, riesigen weißen Schiebefenster, gegen das die leuchtenden Blätter der Fliederbäume klopften:

Da lag ein weiter Garten mit alten Bäumen und wilden Rasenflächen, und ein tiefer Hof, überschattet von dem hohen Grün des Gartens, und stumm und alt schaute die lange Fensterreihe einer ungeahnten Seitenfront des Hauses auf ihn nieder. Wo sie endete, war ungewiß. Es war auch ungewiß, was auf der anderen Seite des Gartens lag. Thomas wußte es, seitdem er sich einmal durch die dichte hohe Buschmauer bis an den schwärzlichen Lattenzaun hindrängte: Da sah er tief unter sich ein schmales, dunkles Wasser ziehen, dahinter kauerten verbaute kleine Häuser. – In seine Tiefe hinein nahm der Garten endlich jählings ein Ende: Es legte sich eine rauhe, breite, fensterlose Wand davor, an der in großen Abständen auf dicken schwarzen Holzplatten schwere eiserne, verrostete Ringe hingen, unbeweglich, ein Jahr wie das andere. Die Wand mußte wohl zu einem Gebäude gehören, denn es lag ein düsteres, schräges Dach darüber, in dessen einziger Luke einmal ein rohes Gesicht erschien, und eine Hand dazu. Dies Erlebnis verschwieg Thomas selbst seiner Mutter. Aber unbeweglich, ein Jahr wie das andere, sah alles wieder herab, und er vergaß sein Mißtrauen. Zuweilen aber, ohne daß er selbst es wußte, kehrte er sich von dieser Mauer ab und schritt dem entgegenliegenden Ende des Gartens zu:

Durch die Stämme hindurch nahte sich die weite Steinhalle zu ebener Erde, mehr und mehr hob sich der grüne Blättervorhang, es erschienen die großen grauen Fensterbogen, die Pilaster wuchsen höher und höher, bis sie in reichem, schwerem Kapitell unter dem Giebel endeten, und aus seiner düsteren Miene grüßte das altvertraute, verblaßte Wappenschild herab.

So lag der Garten und auch das Haus versteckt vor aller Welt, denn von dem Markt aus sah man nur den kleinsten Teil von ihm, von dem Garten aber nichts, und nur der hohe, finstere Turm, der jenseits des Wassers in ungewisser Ferne in den Himmel ragte, der sah alles ganz.

Man sagte auch, daß Geister in diesem Haus umgingen, das einst von einem alten Fürstengeschlecht erbaut war, und auch Thomas wußte davon, obgleich sein Vater sagte, es gäbe keine Geister, und nur ungebildete Menschen könnten an sie glauben. Und sie erschienen ihm auch nicht schrecklich, sondern freundlich, er dachte ihrer zuweilen selbst mit einer unbestimmten Sehnsucht. Aber er sprach zu niemandem davon, besonders nicht zu seiner Schwester, die um zwei Jahre älter war als er. Sie kam ihm ganz erwachsen vor. Ursula hieß sie – ein Name, den er aussprach wie jeden andern und der doch von ganz besonderem Klange war. Es lag in ihm eine Weit für sich, jene Welt, die nicht Thomas' Welt war, und doch hatte er zugleich eine Kraft von fast schicksalsmäßiger Gewalt, denn sie war die Ältere, die Stärkere, der er sich in ihrem tageshellen Beieinandersein willenlos zu beugen pflegte. Sie liebte das Zusammensein in größerer Gesellschaft, die er mied. Sie hatte viele Freundinnen und er keinen Freund. Doch konnte es geschehen, daß er draußen auf der Straße ein Kind sah, dessen Bild sich mit Heftigkeit in sein Herz eingrub, das er dann kaum wiedersah, und so lange nicht vergaß, bis es durch ein anderes Bild ersetzt ward. Eine solche halbgesehene Gestalt fand er in der Laube des Gartens wieder, unter der großen Linde, die ihre Zweige in weitem Umkreise zur Erde sandte, oder im Wipfel des weitästigen, vielgestaltigen Fliederbaumes, in dessen Höhe er sich einen Sitz gezimmert hatte. Auch in seinen Märchenbüchern, die noch aus der Kinderzeit Frau Elisabeths stammten und schon damals alt waren, fand er solche Sehnsucht weckenden Gestalten, und zuweilen mischten sie sich mit denen der Wirklichkeit.

Niemand ahnte etwas von seinen träumerischen Erlebnissen. Wenn einmal ein Strahl von außen in sie hineinzudringen drohte, zog er sich tiefer in sich selbst zurück und wartete, bis die Gefahr vorüberging.

So war es einmal zur Zeit der beginnenden Kirschenreife.

Ursula hatte ein weit beweglicheres Auge als er selbst, kletterte auch besser, und so gelang es ihr zumeist, die spärlichen, in ihrer Entwicklung vorausgeeilten Früchte zu verspeisen, noch ehe er sie zu Gesicht bekam; sie machte sich einen Spaß daraus, ihn mit den nassen Kernen zu bewerfen. Frau Elisabeth kam dazu, sah ins Grün hinauf, wo sie sich versteckt hielt, und schalt sie. Wie ein großes schönes Mädchen stand sie da im Rasen, mit unbestechlich ehrlichen Augen, die keinen überzeugteren und ehrlicheren Ausdruck hätten zeigen können, wenn es sich um Schuldig oder Nichtschuldig eines Mörders gehandelt hätte. Sie entfernte sich wieder, und nun fiel bald hier, bald da eine vereinzelte Kirsche herab, die Thomas zu einer späteren Teilung sammeln sollte. Und wie er hinauf zu dem Baume sah, sah er auch hinauf zum Himmel, auf dem die weißen Lämmerwolken zogen, und er wurde immer träumerischer. Der Himmel ward zur Halde, und nun sah er auch den Hirtenknaben. Er schloß die Augen: Blond wie er selbst, aber viel, viel schöner. Eine heftige Sehnsucht faßte ihn, das Bedürfnis, irgend etwas für ihn zu tun, etwas, das ihm lieb war, ihm zu opfern. Da machte er in aller Hast ein Loch in die Erde und vergrub alle Kirschen da hinein. Ursula stieg nun vom Baum, und er log stotternd, er habe sie alle allein gegessen. Die Wahrheit entging jedoch ihrem Spürblick nicht, empört erzählte sie alles ihrer Mutter, und Frau Elisabeth konnte es nicht fassen, wie ihr Sohn, dem jede Berechnung so fern lag, plötzlich Züge allerkleinlichster Mißgunst zeigen konnte, deren Ursprung sie vergebens herauszufinden suchte. Denn Thomas schwieg. Er verstummte, noch ehe das erste halbgedachte Wort heraus war, so wie jemanden die ungewisse Tiefe abhält, herabzuspringen. – Grübelnd sah sie in sein Gesicht, das auf sie blickte, als sähe er sie in der Ferne.

Sie fühlte wohl, dies Kind war anders als Ursula, schwerer zu durchschauen, obgleich auch Ursula ihr manches Kopfzerbrechen machte. Aber sie war doch gesprächig und äußerte sich über alles, was in ihren Kreis trat, so daß sie leichter zu behandeln war als Thomas, der über alles schwieg. Und wenn sie ihn einsam, unbeweglich im Grase sitzen sah, eine Viertel-, eine halbe Stunde lang, wenn sie dann endlich auf ihn zutrat und sein träumerischer stiller Blick durch sie hindurchzugehen schien, dann ward ihr sonderbar zu Sinn.

»Ein merkwürdiges Kind!« hatte der Justizrat einst gesagt, als er nach der ersten aufgeregten Begrüßung seiner Frau den neugeborenen Thomas betrachtete. Und eine Zeitlang glaubte er, es sei überhaupt blind, da es nicht so wie früher Ursula die Augen drehte nach den Gegenständen, die er über seinem Kopf hin und her schwang. Und später mißfiel ihm, daß er nicht unaufhörlich schrie, wenn man ihn nicht beschäftigte, sondern daß er meist unbeweglich da lag, die Augen an die Decke geheftet. Da war Ursula anders gewesen! Schon in der Wiege zeigte sie sich wählerisch in ihrem Spielzeug, und die gleichen Lieder, oft gehört, taten keine Wirkung, während man für Thomas nur immer dieselben kleinen Töne zu singen brauchte. Und Ursula machte schon vorzeitig und ganz von selber Gehversuche, während es schien, daß Thomas, wenn es nach seinem Wunsche gegangen wäre, niemals seine horizontale Lage verlassen hätte. Die Jahre strichen hin, und nun sagte der Justizrat: »Habe ich nicht recht gehabt? Hat sich der Junge entwickelt? Noch immer starrt er an die Decke, mit dem Unterschiede, daß er es nun weiß und sich schämen sollte! Gehen kann er, aber braucht er seine Beine! Es steckt eine ganz verdammte Verträumtheit in ihm; von uns hat er die nicht!« –

Damit meinte er seine eigene Familie, ein rasch emporgekommenes Geschlecht, das sich in Not und Arbeit durch das Leben schlug, und dessen letzte herangereifte Glieder, er und sein Bruder Matthäus, nun zu den angesehensten Männern der Stadt gehörten. Er pflegte zuweilen hinzuweisen auf seinen bescheidenen Stammbaum, scheinbar ihn herabsetzend im Gegensatz zu der Familie seiner Frau, die von jeher angesehen und geachtet war, in Wirklichkeit aber in einem ganz bewußten Stolze, daß er als der erste seines Stammes vollgewappnet, in dem Gefühl lauterer Unantastbarkeit, in einem Kreise stand, den er sich selbst geschaffen, in dem er bewundert und befehdet ward.

Seine Kinder, die er nicht häufig sah, behandelte er launenhaft und ungleichmäßig. Thomas fühlte dieses, Ursula aber, die niemals Angst vor irgendeinem Menschen hatte, kam, ob er lustig oder ernst, nervös oder heiter aussah, unbekümmert auf ihn zu, setzte sich ihm ohne weiteres aufs Knie und verstand es auch zumeist, seine Stimmungen zu verscheuchen, indem sie sie einfach nicht beachtete. Stets wußte sie etwas Neues, und in die größte Heiterkeit konnte sie ihn versetzen, wenn sie ihm das Gesicht und die Sprechweise irgendeines älteren Herrn, etwa eines Magistratsbeamten, vormachte, dem sie auf der Treppe oder oben in ihres Vaters Arbeitszimmer begegnet war. Sie hatte ein ausgezeichnetes Gedächtnis; es ließ sie oft Dinge sagen, von deren Inhalt sie keine Ahnung hatte, und so etwas machte ihn dann ganz glücklich. Er liebte es, ihr fremde Worte vorzusagen, die sie gedankenlos und mit größter Unbefangenheit nachsprach. Thomas hörte zuweilen aus einem Winkel zu, und jene Laute klangen in ihm dunkel wider; sein Vater erschien ihm wie ein höheres Wesen, das Geheimnisse wußte, die anderen fremd waren. Mit Abneigung sah er dann auf seine Schwester Ursula, in deren Mund ihm jene Worte wie entheiligt klangen. Und doch sprach sie das alles wieder so, als seien es ihr längst vertraute Dinge, und er blickte sie mit Scheu an. – Wenn sich dann sein Vater endlich erhob, ihr auf die Backe klopfte, zu ihm hinübersah und fragte: »Nun, Thomas, und du?« – dann legte es sich schwer auf seine Seele, er fühlte, er müsse Rechenschaft ablegen über etwas, und konnte es doch nicht. Und er sah mit Unbehagen auf seine Schwester, die da so sicher und selbstverständlich stand und ihn mit etwas zurückgeworfenem Kopf betrachtete. Oft kam er sich ganz verlassen vor. Am stärksten war dies Gefühl, wenn er im Garten saß und auf die Fensterbogen, auf das Dach sah, oder wenn sein Auge auf dem verblaßten alten Wappenschilde ruhte. Dann lief er voll unbestimmter Unruhe in das Haus hinein, strich durch all die hohen, düstren Zimmer, und seine Angst ward geringer, zerging und löste sich in dämmerige Stille. Seine Schritte wurden langsamer, er sah sich um, überdachte die Räume, die er durchwanderte, bis er zu diesem dunklen, versteckten Winkel kam, horchte auf die fernen Geräusche der Außenwelt, und ihm war wohl, daß er hier drinnen war, allein, ohne daß jemand von ihm wußte.

Er müßte zur Schule gehen! sagte sein Vater. Aber Frau Elisabeth wollte ihn die beiden ersten Jahre, die eigentlich nicht mehr ihr allein gehörten, bei sich behalten. Sie unterrichtete ihn selbst. – »Matthäus hat seinen Sohn auch schon in die Schule gegeben, und der ist jünger als Thomas«, beharrte der Justizrat. Aber Frau Elisabeth entgegnete: »Matthäus' Sohn hat seine Haare auch jetzt schon wie ein Sträfling und trägt einen Männeranzug. Mir ist mein kragenloser Thomas lieber.«

Dieser Onkel Matthäus, um einige Jahre älter als ihr Mann, zeigte in seinem ganzen Wesen noch die Spuren seiner Abstammung. Er war Kaufmann, sehr tüchtig in seinem Fach, bekleidete mehrere Ehrenämter, war Aufsichtsrat an verschiedenen Fabriken und hatte schon früh eine stetig wachsende Familie begründet, nachdem er ein Mädchen aus einer kleinen Beamtenfamilie heiratete, dem er von Anfang an Treue geschworen hatte. In dieser Familie galt er als ein höheres Wesen. In seines Bruders Haus verkehrte er nicht viel, da er eine Abneigung gegen Frau Elisabeth empfand, der seine ganze Art des Wesens fremd war. Trafen sie aber zusammen, so tat er, als habe er sie erst gestern zum letztenmal gesehen. Er hatte eine Art die Hand zu reichen, mit etwas vorgeneigtem Kopf und biedermännisch treuen, froh-ernst gespitzten Lippen, daß es Ursula, die diesen Onkel ganz besonders liebte, erst nach längerer Übung gelang, ihn einigermaßen naturgetreu nachzuahmen.

Thomas aber war er geradezu entsetzlich. Er fühlte sich in seinem ganzen Sein erschüttert, wenn Onkel Matthäus, mit seinem viereckig geschnittenen Vollbart, mit seinem lauten, nur auf die nüchternste Wirklichkeit gerichteten Wesen nur zu ihm sprach, mochten es auch gleichgültige Dinge sein. Er empfand ihn beinah als Feind, und dies untrügliche Gefühl verstärkte sich.

Eines Tages hörte er, wie er seinem Vater zuredete, sich, so wie er, im Villenviertel anzusiedeln, wobei er durchblicken ließ, daß seines Bruders Mittel es erlauben würden, ein Haus zu kaufen, wie er selbst es im Leben nie besitzen würde. Ja er nannte ihn geradezu einen reichen Mann, der sich hier mitten in der Stadt vergraben habe und mit dem schönen Gelde doch ganz andere Dinge anfangen könne.

Frau Elisabeth waren diese Worte, gesprochen vor den Kindern, nicht sympathisch. Sie schickte sie hinaus, aber Thomas hörte doch noch, wie sein Onkel sagte: »Nun, wenn du so an diesem Platze hängst, dann steck den alten riesigen Kasten an und bau ein neues Haus an seiner Stelle.« – Ursula drehte sich unter der Tür um und rief: »Und all die alten Möbel ebenfalls!«

Thomas warf einen schnellen, schutzsuchenden Blick auf seine Mutter; aber sie hörte aufmerksam und höflich zu, als handle es sich um irgendeinen gleichgültigen Gegenstand. Ursula, sehr angeregt, lief sogleich zu den Dienstboten und verkündete alles wie etwas Sicheres, Feststehendes. Thomas aber ging langsam in sein Schlafzimmer und blickte hinüber zu den fernen Tür- und Fensterbogen mit den geschweiften Pfeilern, und zu dem Giebel mit dem alten Wappenschilde.

Man kann es gar nicht anzünden, dachte er endlich; es ist viel zu alt. – Und halb getröstet blickte er auf die Scheiben, in denen die Lichter der Abendsonne funkelten. Sie wurden größer, siedender und rosenrot, und jetzt erkannte er auch die hohen, goldgeschnitzten Spiegel an den Wänden, die zu glühen schienen wie von innerem Feuer. Er sah, wie das Feuer höher und höher fraß, wie es den ganzen Saal ergriff und in die hinteren dunklen Zimmer drang, worin die Geister hausten. Sie liefen durch die Tür davon, aber das Feuer drang hinter ihnen her; sie fanden die versteckte Pforte, sie eilten die enge Wendeltreppe hinauf bis hoch zum Boden, und das Feuer schlug zu ihren Füßen auf. Aber Geister konnten doch nicht brennen? – Und doch fühlte er es unerbittlich: Alles verbrannte, alles. Und er selbst, was wurde dann aus ihm? – Er seufzte tief und sah empor zum finsteren Turm, der jenseits des Gartens ferne ragte. Und wie sein Blick endlich zurückkehrte zu den hohen Fenstern, da lagen sie kalt und bleifarben und beinahe drohend. Auch der Garten unten war so still, und auf einem fernen Dach begann ein Ding sich zu bewegen, das unheimlich war. – Er trat zurück vom Fenster in die stille Stube, in der die Dämmerung lag. Dort stand der Schrank, und dort sein Bett, und hoch über ihm hing das alte Bild mit seinem blinden Glase; alles war genau, wie er es seit immer kannte, still und versunken nach müdem Tageslicht. – Verloren blickten seine Augen. Da hörte er das Geräusch der kleinen Pendeluhr. Wie kam es nur, daß er es jetzt erst hörte? Deutlich konnte er die kleine Scheibe herüber- und hinüberfliegen sehen. Er war an ihren Ton gewöhnt, und doch hörte er sie jetzt zum ersten Male wirklich. Und mit Beklemmung lauschte er. Wie sonderbar das war, so mitten in der Stille. – Auf den Zehen trat er näher zu ihr hin, und endlich stand er dicht vor ihr. Unermüdlich flog der Pendel hin und her. Viel lauter klangen die Bewegungen. Sie wurden schneller und immer schneller, und schließlich war es so, als ob irgend etwas Schreckliches, das sich schon lange näherte, im nächsten Augenblick auf ihn hereinbrach.

Voll Angst lief er hinaus. – »Die Uhr wollte mir etwas tun«, flüsterte er leidenschaftlich und barg den Kopf im Schoße seiner Mutter.

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