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Pedro Antonio de Alarcón: Manuel Venegas - Kapitel 2
Quellenangabe
pfad/alarcon/venegas/venegas.xml
typefiction
authorPedro A. de Alarcon
titleManuel Venegas
publisherVerlag von W. Spemann
firstpub
translatorF. Eyßenhardt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Erstes Buch

Auf der Höhe des Gebirges

1.

Naturfriede

Ein gewaltiger Vorsprung der höchsten und schönsten Sierra Spaniens trennt die Hauptstadt einer der am weitesten zurückgebliebnen Provinzen des Landes von der alten Stadt, in welcher der Bischof seinen Sitz hat.

Dieser Ast der mächtigen Gebirgskette ist etwa zehn Meilen breit – ebenso breit als die Entfernung zwischen den beiden Städten beträgt – und hat eine Höhe von durchschnittlich sechs- bis siebentausend Fuß über dem Meeresspiegel. Zu dieser Höhe auf gewundnen Pfaden hinauf- und wieder von ihr herunterzusteigen ist die gewöhnliche Anstrengung für alle die, welche von dem einen Distrikt in den andern reisen. In der Zeit, in welcher unsre Erzählung beginnt, konnte man dies nur auf einem schlechten Saumweg thun, welchen man seit dieser Zeit in einen noch viel schlechtern Fahrweg verwandelt hat.

Die erste Szene des romantischen und streng historischen – wenn auch nicht politischen – Dramas, welches ich so erzählen will, wie ich es selbst erlebt habe, fand auf der Höhe des erwähnten Bergjoches statt, in der Mitte des Weges, wo man die freie Aussicht nach beiden Seiten hat, fünf Meilen von jeder der beiden Städte entfernt, und wo die Reisenden, welche mit Sonnenaufgang aufgebrochen sind, sich mittags zurufen: »Mit Gottes Frieden, Kaballeros!«

Es ist eine rauhe steinige Gegend, ohne Geschichte, ohne Namen und ohne Herren, bewacht von furchtbaren Riesen aus Schiefer, eine Gegend, in der die Natur, jungfräulich und spröde, wie sie aus der Hand des Schöpfers hervorgegangen ist, arm und ohne viel Sorgen lebt, ganz dem Wechsel ihrer unabänderlichen Aufgaben hingegeben. So dürftig und rauh ist sie, daß niemand jemals Lust empfunden hat, den Tieren des Waldes den seit unvordenklicher Zeit unbestrittnen Besitz der dürftigen Kräuter und des harten Gestrüpps zu rauben, welche diese schroffen Felsen bekleiden. Ja selbst heute, nach dem allgemeinen Verkaufe alles Geschaffnen, figuriert dieser Teil unsers Planeten noch nicht auf der Liste des Staatsvermögens. Trotzdem lebten in der Zeit, von welcher wir sprechen, die unzivilisierten und ungebundnen Bewohner jener erhabnen Einöde nicht völlig nach ihrem Belieben, denn abgesehen von den gewöhnlichen Störungen, die ihnen zu gewissen Stunden die Nähe eines menschlichen Pfades immer bereitet hat, pflegte es damals nur allzu häufig zu geschehen, daß Räuber, in Scharen oder einzeln, bewaffnet mit furchtbaren Gewehren, friedlichen Reisenden oder gar den Organen der Landesjustiz auflauerten, da der Ort in strategischer Beziehung außerordentlich günstig gelegen war, um den Gesetzen der menschlichen Gesellschaft eine Schlacht zu liefern.

Am Sonnabend den fünften April hatte sich nachmittags um ein Uhr noch kein lebendes Wesen an jenem Punkte, von welchem man nach beiden Seiten nur die Wellenlinien niedrigerer Berge erblickte, sehen lassen. Allein mit ihrem Glück bewohnten ihn in diesem Augenblicke die Sperlinge und das kleine Getier des Waldes, alle um so zufriedner und umsomehr zu ihren Spielen aufgelegt, als der schöne großmütige Frühling auf einige Tage zu jenen Höhen hinaufzusteigen nicht verschmäht hatte.

Ja, hier empfand man ihn, den freigebigen Gott, hier fühlte man den zauberhaften Einfluß seiner Anmut und Schönheit. Ueberall sah man Blumen; an den sonnigen wie an den schattigen Stellen, zwischen den Felsklippen wie mitten in dem Moose, welches sie bekleidete, selbst auf dem gewundnen Pfade, den der Mensch gebahnt hatte, und an den Kreuzen und Steinen, welche die Erinnerung an barbarischen Mord bewahren sollten. Man atmete eine Luft, die gefüllt war mit köstlichen Wohlgerüchen. Die Vögel gestanden sich ihre Liebe in kurzen und hellen Lauten, die das tiefe und feierliche Schweigen der übrigen Schöpfung nur umsomehr bemerken ließen. Nur manchmal vernahm man das leise Murmeln kleiner Bäche, welche sich einen Pfad zwischen den Kieseln hindurch zu bahnen suchten; doch bald hörte auch dieses Geräusch auf, wenn das Wasser seinen Weg gefunden hatte. Bunte Schmetterlinge flogen hin und her, nicht schöner als die Blumen, deren Duft sie schlürften. Furchtsames Wild und argwöhnische Vögel, denen so viele Jäger nachstellen, schäkerten ohne Angst mitten auf dem verhaßten Saumpfade. Der Himmel selbst lächelte wie ein Vater, den das Glück seiner Kinder freut. Man hätte glauben mögen, daß die Welt eben erst geschaffen sei; die unermüdliche Natur schien ein Mädchen von fünfzehn Jahren zu sein.

Mit einem Schlage wurden alle Tiere unruhig und entfernten sich, laufend oder fliegend, von der Straße. Eine Staubwolke verdunkelte die Luft in der Richtung nach der Hauptstadt.

Da der Mensch, der König der Schöpfung, allein auf jener Höhe das böse Beispiel gab, seinen Nächsten zu fürchten, so hatte es nichts Seltsames, daß auch die armen Tiere sich heute wie alle Tage beeilten, seine königliche Gegenwart zu vermeiden.

2.

Unser Held.

Jene Staubwolke verbarg in ihrem Innern einen eleganten Reiter, dem ein Maultiertreiber zu Fuß und drei schöne starke Maultiere, mit Gepäck beladen, folgten.

Der Reiter konnte nach seiner Gestalt und Kleidung, sowie nach dem bunten Aussehen seines Gepäckes ebensowohl ein reisender Kaufmann wie ein Schmuggler oder ein in den Kolonien reich gewordner Mann sein. Ebenso hätte man ihn für einen Räuberhauptmann ersten Ranges halten können, der mit der reichen Beute einer glücklichen Unternehmung in seinen Schlupfwinkel zurückkehrt.

Es war ein Mann von etwa siebenundzwanzig Jahren, von vornehmem Aussehen, obgleich er (wie in Andalusien damals häufig noch Männer aus den höhern Ständen) eine Jacke trug. Sein Aeußeres hatte eine solche Grazie, Kraft und Schönheit, daß er der Statue des sterbenden Fechters hätte zum Modell dienen können. Jacke, Weste und Reithosen waren von einem blauen, dicht an den Körper anschließenden Stoffe. Den Rest seines Anzuges bildeten graue Reitstiefel von Gemsenleder mit silbernen Sporen in erhabner Arbeit, die ein Feldmarschall hätte tragen können. Dicke silberne Knöpfe waren auf den weiten Aermeln der Jacke bis zum Ellenbogen angebracht, ebenso wie auf der Weste. Ein schwarzes Tuch von dünner Seide diente ihm als Krawatte, ebenso hatte er ein Stück schwerer schwarzer chinesischer Seide wie eine Schärpe um seine schlanke Hüfte gewunden. An den Manschetten und dem Kragen des Hemdes blitzten kostbare Brillanten; keiner jedoch so kostbar wie der, welchen er an dem kleinen Finger der linken Hand trug. Endlich der Hut – den er eben abgenommen hatte – war von feinstem kaffeefarbigem Stroh, mit breiter Krämpe und sehr hoch und spitz, wie man ihn vielfach in Amerika, Neapel und Sizilien trägt, und hatte die Form, welche man in Granada mit dem malerischen Namen Zuckerhut bezeichnet.

Dieser seltsame Mann, welchem jener sonderbare, halb andalusische und halb überseeische Anzug vorzüglich stand, nahm noch viel mehr als durch jenen Anzug die Aufmerksamkeit in Anspruch durch die männliche Schönheit seiner Züge. Daß dieselben von außerordentlicher Weiße gewesen waren, sah man noch jetzt an dem Teile seiner breiten und stolzen Stirn, welchen der Hut zu bedecken pflegte. Der übrige Teil jedoch war von der Sonne derartig verbrannt, daß seine marmorartige Bleichheit eine Farbe wie die matten Goldes bekommen hatte, die in ihrem gleichmäßigen und ruhigen Tone einen eigentümlichen Reiz hatte. Seine schwarzen, großen, afrikanischen Augen waren halb unter langen Wimpern verborgen; wenn er sie aber plötzlich weiter öffnete, sobald ihn irgend ein Zufall oder ein plötzlicher Gedanke erregte, dann strömte so viel Licht, so viel Feuer, so viel Lebenskraft von ihnen aus, daß man seinen Blick nicht ertragen konnte. Dieses Auge vereinigte in sich die furchtbare Majestät des Löwen, die Starrheit des Adlers und die Unschuld des Kindes, nur war es trauriger als das Auge des Kindes und gelegentlich weicher als das der beiden Könige der Tierwelt. Sein reiches, schwarzes Haupthaar, hinten kurz geschnitten, umgab in reichen Wellen den obern Teil des Kopfes wie eine gekräuselte Feder, die von der linken nach der rechten Seite um das Haupt gewunden ist, und gab den lebensvollen und leidenschaftlichen Zügen erst den rechten Hintergrund. Es vervollständigte seine wunderbare Schönheit ein untadeliges, eher phönikisches als griechisches Profil, ein klassischer, napoleonischer Mund, der die Thatkraft ebenso wie das Nachdenken zu bezeichnen schien, und vor allem ein schwarzer, welliger, in langen weichen Locken niederfallender Bart, das wahre Abbild der gepriesnen schönen arabischen und indischen Bärte. Kurz, um ihn mit einem Worte zu schildern, sein orientalisches Aussehen, seine wilde Melancholie, sein athletischer Körper, seine männliche Schönheit und der hohe Sinn, der sich in seinen feurigen Augen zeigte, ließen ihn einem jeden Kunstliebhaber – wenn man von den Aeußerlichkeiten des Anzuges absah – wie ein Bild Johannes des Täufers erscheinen, als er im Alter von neunundzwanzig Jahren aus der Wüste zurückkehrte.

Er ritt ein edles junges rabenschwarzes kordofanisches Pferd mit spanischem Sattel. Am Sattelknopf hing ein kleines ledernes Felleisen und hinter dem Sattel eine kostbare mexikanische Decke von lebhaften bunten Farben. Waffen hatte er weder an sich noch auf dem Pferde, aber auf einem der drei Maultiere sah man vier gute Büchsen hängen, von denen zwei sogar den Namen Falkonett verdienten und die in ihrer Gesamtheit einen tapfern Mann aus jeder Gefahr retten konnten.

Um noch ein Wort von dem Maultiertreiber zu sagen, so trug er weite Beinkleider von leichtem Stoff, und auf der Schulter hing ihm wie ein Husarendolman eine Jacke von weißer Leinwand. Die rote, lose umgebundne und fast immer hinten nachschleppende Schärpe, sein im Nacken sitzender Hut, den wir in Spanien nach Calannas bei Sevilla benennen, und seine ebenso beweglichen und falschen Züge wie die eines Schauspielers kennzeichneten ihn als einen Mann aus dem niedrigsten Stoffe der Küstenbevölkerung von Malaga. Geboren in der freien Luft des Strandes, aufgewachsen ohne Haus und Herd, erzogen von den geriebensten Schurken des alten und verderbten Mittelländischen Meeres, war er alles Guten und alles Schlechten fähig, das der Mensch thun kann, ausgenommen zweimal hintereinander die Wahrheit zu sprechen, oder ein Glas Branntwein zurückzuweisen.

Endlich das Gepäck der drei Tiere bestand aus Koffern, Felleisen, alten Kisten, aus Binsen geflochtnen Kästen und Körben von verschiedner Größe und Herkunft, und einer Menge von Bündeln aus verschiednem Stoffe, Material und von den mannigfaltigsten Formen.

Starke Büschel von Bambusschilf und schönen Federn schmückten außerdem die verschiednen Gepäcksstücke, und auf dem Gipfel des größten derselben prangte ein großer Käfig von Blech, in welchem sich der größte und grünste Papagei, der je über den Atlantischen Ozean herübergekommen ist, vor Heimweh verzehrte. Ohne allen Zweifel kam der Eigentümer dieser Sachen oder der, welchem er sie weggenommen hatte (für den Fall, daß wir es mit einem Räuber zu thun haben), soeben aus Amerika zurück. Bis jetzt können wir hierüber noch nichts sagen. Der Maultiertreiber selbst hatte damals noch nichts davon erfahren, wie er bei einem aus zwei Dolchen gebildeten Kreuze schwor. Das Einzige, was er bis dahin wußte, war, daß ihn am Dienstag derselben Woche der Besitzer eines Gasthofes in Malaga engagiert hatte, um das erwähnte Gepäck nach der Hauptstadt der Provinz zu bringen; daß der Besitzer desselben, ob Kaufmann, Amerikaner, Schmuggler oder Straßenräuber, damals schon seit sechs bis acht Tagen die Aufmerksamkeit der Einwohner Malagas durch sein stolzes Auftreten und seinen ebenso seltsamen als kostbaren Anzug erregt hatte; daß das herrliche Pferd, welches er jetzt ritt, in jener Stadt als Eigentum des Marquis von *** allgemein bekannt und bewundert war; – daß er es von demselben sehr wohl gekauft haben konnte; – daß er in dem besten Gasthofe Malagas gelebt und sehr gut gelebt hatte, ohne daß ihn jedoch jemand besucht hätte; – daß er sich in das Fremdenbuch unter dem Namen Manuel Venegas eingeschrieben hatte, und daß der Wirt und die Kellner ihn Don Manuel nannten, wenn sie auch mit den Augen zwinkerten bei dem Gedanken, daß ein so seltsamer Mensch einen so christlichen Namen führen könnte, – und endlich, daß während viertehalb Reisetage der geheimnisvolle Fremde keinen Bekannten getroffen hatte. Freilich war derselbe auch sehr schweigsam, und lud so wenig dazu ein, sich ausfragen zu lassen, daß der Maultiertreiber nichts weiter aus ihm hatte herausbringen können, als viele gute Zigarren zu allen Tageszeiten, viele Hühner mit Reis in den Gasthäusern und viele Gläser Wein oder Schnaps in allen Kneipen, die am Wege lagen – was um so anerkennenswerter war, als der edelmütige Wohlthäter selbst weder rauchte noch trank, und nur sehr wenig aß.

Da die von beiden Städten kommenden Reisenden sich erst auf der Paßhöhe der Sierra zu treffen pflegten, so hatten an dem erwähnten Sonnabend unser Reisender und sein Diener noch niemand unterwegs getroffen; jetzt aber fing man an, aus der Entfernung das gleichmäßige Schellengeläut eines Ganges von Saumtieren, und ab und zu eine jener rednerischen Leistungen der Treiber zu hören, welche die Tiere den Schwanz einzuziehen und sie in Trab zu setzen veranlaßt.

Nicht lange darauf erschien auf der unserm Reisenden entgegengesetzten Seite der schmalen Paßhöhe die Schar der Maultiere, auf Welchen wie in Prozession sämtliche Reisende saßen, die an jenem Tage nach Madrid gehen mußten. Denn in jenen Zeiten herrschte die weise Sitte, diese Reise nur in großen Karawanen zu machen, um das Zusammentreffen mit Räubern weniger gefährlich zu machen.

Aber auch die Vorsicht, nur in großer Gesellschaft zu reisen, Pflegte oft nicht zu helfen, und jede Begegnung mit Räubern endete mit der sichern Niederlage der Reisenden.

»Da sind sie schon!« rief einer der Reisenden aus, indem er sich vom Esel warf, sobald er die Staubwolke erblickte, welche unsre Helden verhüllte.

»Wer in aller Welt, sagen Sie, kommt, Mensch?« fragte ein andrer.

»Die Räuber! Sehen Sie sie nicht? Wissen Sie nicht, daß dies die berüchtigte Stelle der Räuber ist?«

»An die Gewehre!« rief der Leutnant im Kommandotone aus, indem er sich an die Oelhändler wandte, da diese die einzigen waren, die derartige Waffen führten.

»Nein, nein, es ist besser, sich zu ergeben!« stöhnte der erste. »Widerstand ist soviel als sicherer Tod!«

Während dieser Unterhaltung gelangte der Reiter auf die Paßhöhe und befand sich bald so nahe, daß man ihn genau betrachten konnte.

»Ein schöner Mann ist es!« sagte Donna Paz zu Donna Antonia.

»Nur zu schön!« erwiderte diese, die ganz gelb geworden war und sich die Augen rieb, als könnte sie nicht glauben, was sie sah.

»Welch schönes Pferd!« rief der Offizier aus.

Der Reiter war mittlerweile bei der Gesellschaft angelangt. Er grüßte dieselbe ernst, indem er die Hand an den Hut legte, ohne jedoch ein Wort zu sprechen.

»Guten Nachmittag! In Gottes Frieden! Gehen Sie mit Gott!« riefen die aus der Stadt Kommenden, als wären sie dankbar dafür, daß diese Begegnung ihnen nicht teuer zu stehen gekommen war.

»Gott zum Gruß, Kaballeros! Reisen Sie mit der heiligen Jungfrau!« erwiderte der Maultiertreiber aus Malaga, der offenbar etwas Angst gehabt hatte.

Inzwischen stand der furchtsame Reisende mit offnem Munde da und sah den geheimnißvollen Fremden sich entfernen.

Endlich bekreuzigte er sich, trieb sein Tier mit den Schenkeln an und näherte sich, voll von Schrecken, seinen Reisegefährten.

»Donna Paz, Donna Paz,« sagte er, »haben Sie ihn nicht erkannt?«

»Ich nicht. Aber Donna Antonia muß ihn kennen, denn es ist ihr ganz übel geworden. Wer ist es?«

»Es ist der Knabe mit der Weltkugel!«

»Jesus!« rief Donna Paz aus. »Was sagen Sie?«

»Was Sie gehört haben.«

»Ja, ja, Sie haben recht. Aber wie hat er sich verändert!«

»Und wer ist der Knabe mit der Weltkugel?« fragte der Leutnant. »Ein Räuber?«

»Nein, etwas noch Schlimmeres! Obgleich in der Kirche aufgezogen, ist er der leibhaftige Teufel.«

»Erklären Sie mir das, mein Lieber!«

»Nehmen Sie sich mit Ihren Worten in acht!« warf Donna Paz ein. »Donna Antonia hört uns, und Don Bernardino weiß, daß sie Tante zweiten Grades derjenigen ist, welche ... Mit einem Worte, Sie verstehen mich ... Ich mische mich nicht gern in fremde Angelegenheiten.«

»Der Knabe mit der Weltkugel,« fuhr der furchtsame Don Bernardino fort, »ist der mutigste und wildeste Mensch, den Gott geschaffen hat: ein reißendes Tier in der ganzen Bedeutung des Wortes.«

»Aber in Gottes Namen,« fuhr der Offizier fort, »was für entsetzliche Dinge hat denn dieser Mensch gethan? Und vor allem, wie kommt es, daß man ihn frei herumgehen läßt?«

»Ich will es Ihnen sagen. Wir alle glaubten, er sei tot. Vor acht Jahren ist er nach Amerika gegangen; ich weiß nicht, woher er jetzt kommt. Einen schönen Lärm wird es in der Stadt geben, wenn er ankommt. Ich freue mich von Herzen, daß ich gerade abwesend sein werde.«

»Aber,« antwortete der Leutnant, »so reden Sie doch vernünftig! Woran hat man denn bis jetzt gesehen, daß dieser Mensch ein wildes Tier ist? Hat er jemand ermordet? Hat er gestohlen? Hat er eine Stadt angezündet?«

»Nein, nichts von alledem! Aber nur, weil er es nicht gewollt hat! Er hat die Kräfte eines Simson. Denken Sie, er war es, der den Bären getötet hat, der zur Zeit, ehe die Konstitution eingeführt war, in der ganzen Sierra so viel Schaden angerichtet hatte.«

»Wenn er den Bären tötete, so zeigte er, daß er ein braver Mann war,« erwiderte der Offizier, der ein Katalonier war. »Warum ihn also mit dem Teufel vergleichen?«

»Ich leugne gar nicht, daß er ein braver Mann ist, ich leugne nur, daß er ein Mensch ist. Nicht wahr, Donna Paz, ich habe recht? Wenn ich denke, daß ich ihn so genau kenne, wie kein andrer Mensch! Ja, ich habe ihn sogar lieb gehabt! War ich doch Küster in der Kirche, die ihm in seiner Kindheit die Mutter ersetzt hat! Aber ich weiß, daß er ein Löwe, ein Tiger, ein wildes Tier ist! Wenn Sie es nicht glauben wollen, so fragen Sie die Dolorosa, oder vielmehr ihre Familie! Arme Soledad! Was erwartet dich jetzt alles! Und dabei ist sie die schönste Frau der Erde!«

Wir glauben nicht, daß dem Leser daran liegt, die Geschichte der ersten zwanzig Jahre unsers Helden von den Lippen der aufgeregten Reisenden und in dem verwirrten Stile zu hören, von dem sie uns soeben einen sprechenden Beweis gegeben haben. Wir ziehen es also vor, sie in unsrer Weise zu erzählen, um dann unserm Helden zu folgen und mit ihm in der Stadt anzukommen, wo das Drama seines Lebens sich abspielen sollte.

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