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Männer und Masken

Franz Blei: Männer und Masken - Kapitel 9
Quellenangabe
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typeessay
authorFranz Blei
titleMänner und Masken
publisherErnst Rowohlt Verlag
printrun1. - 4. Tausend
year1930
firstpub1930
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Die Magier

Der Glaube an die Wirksamkeit und die Macht von Geheimbünden, zumal jener von einigem Alter, ist viel weiter verbreitet als diese Bünde selber, und nicht nur bei den Mitgliedern, was menschlich begreiflich, sondern bei den Außenstehenden, die überzeugt sind, daß zum Beispiel die Freimaurer teils Kriege entfachen, teils verhindern. Ich kenne ein paar Freimaurer, und es sind harmlose Spießbürger, die ihrem simplen Dasein mit der Zugehörigkeit zu dem Maurerorden so was wie einen Glanz geben, eine Distinktion, nicht anders wie ein Kegelbruder, der sich sein Vereinsabzeichen ins Knopfloch steckt. Meine drei Freimaurer haben ihren Laden, ihren Kredit, Weib und Kinder, gehen in Kirche oder Tempel und sind, wie sie sagen, »geringen Grades« in der Maurerei, deuten so was wie eine entgegenkommende Unterstützungskasse aller Logenbrüder an, aber auch tiefere und höhere, ihnen verborgene und nur den Obersten bekannte und von ihnen verfolgte Ziele, höchst mysteriöse. Es sucht und liebt der Mensch das Wunderbare, zumal wenn es ihn einschließt, sei es nur in einem Verein mit Abzeichen und Parolen, Riten und Gebräuchen und einer hierarchischen Stufung der Eingeweihten in viele Grade und Würden, deren höchste Träger die Bewahrer des ganzen Geheimnisses einer Doktrin sind, die den tieferen Graden nur in Portionen zugeteilt und zuteilbar ist.

Es war in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, der Symbolismus stand in Blüte, und Baudelaires Parafernalien begannen populär zu werden, da lebte in Paris ein junger, reicher und begabter Mann aus lothringischer Familie, Stanislas de Guaita. Drei lyrische Bändchen kamen nicht so weit herum, um den Zwanzigjährigen berühmt zu machen, so sehr berühmt, wie er es seiner Jugend und Schönheit, seinem Reichtum und dem Alter seiner Familie für entsprechend hielt. Der Zufall, dieses vortastende Schicksal, brachte ihn in seltsame Gesellschaft, der er erlag. Bücher zunächst, wie die des A. L. Constant, der dummes Zeug schrieb, bis er auf sich selber kam, sich hebräisierend Eliphas Lévy nannte, und als solcher seelisch gewandter Lévy sehr eindrucksstarke Bücher über die schwarze Kunst verfaßte, die man am Hof des dritten Napoleon mit Hingebung las. Dann verließ ihn auf einmal der Dämon, er konnte gar nichts mehr und starb im Schoß der Kirche als armer Fruchthändler. Guaita las, erstaunte und nannte sich einen Schüler Lévys. Auch des Sonderlings d'Alveydre, der Gold machte und mit dem großen Lama in Lhassa korrespondierte, wie unser Gustav Meyrink. Guaita wurde, um sie zu bekämpfen, Spezialist der schwarzen Magie und richtete sich entsprechend in einem Rez-de-Chaussée der Rue Trudaine ein. Mit einer Bibliothek von Zauberbüchern, einem alchimistischen Laboratorium, einem anderen für allerlei Gifte, die er ausprobierte. Er traute sich zu, an zwei Orten gleichzeitig sein und Tote erwecken zu können. Zuweilen materialisierten sich schattenhafte Gebilde zum großen Schrecken seiner Wirtschafterin. Aber auch Paul Adam sah es mit seinen wirklichen Augen, wie aus einem Becher auf Befehl Guaitas ein fliegender Geist auftauchte. Den Dichter Dubus machte der Verkehr mit allen diesen Dingen so verrückt, daß er plötzlich daran starb, in einem Urinoir der Place Maubert.

Alles das ist weder Schwindel noch als Selbsttäuschung zu belächeln. Es ist nicht zu bezweifeln, daß, wer sich mit seiner ganzen Lebensweise auf die Nachtseite des Daseins begibt, den Dämonen erliegt, die in uns hausend so mächtig durch solches Training werden, daß sie nach außen spazieren und Gesicht bekommen. Nicht als Halluzinationen, sondern als Wirklichkeiten. Wir fragen, warum einer mordet, und wissen darauf keine bessere Antwort als: weil er ein Mörder ist. Aus allen Schachten unserer seelischen Inwelt führen nicht nur gerade, sondern auch schiefe Bahnen ins Freie. Wer sich aus dem Kader des sozial Übernommenen, Gewohnten, Eingeübten heraus und auf sich stellt, riskiert alles. Auch vom Teufel geholt zu werden. Damit das nicht geschehe, muß er aus seiner Nachtwelt eine Welt beschwören, stützende Genossen oder ein System des Denkens finden, das ihm wieder den haltenden Rahmen gibt. Die Gesellschaft der Rosenkreuzer zum Beispiel, die Guaita zusammen mit Dr. Papus und Péladan gründete gegen die Machthaber der schwarzen Magie, den Abbé Docre zum Beispiel in Huysmans Là-Bas, der nach dem Leben gezeichnet ist, dem eines Lyoner Priesters, einen Satyriasten wie Rasputin.

Guaita ist jung gestorben, an seinem eigenen Leben eines diabolischen Eremiten, dem, wie sein Jugendfreund Barrès sagte, alles fremd war außer der Wahrheit, der Schönheit und der sittlichen Güte, und der dauernd in der Kategorie des Idealen lebte. Er führte den astralen Kampf der weißen Pariser Magie gegen die schwarze Magie der Lyoner und deren Haupt, eben jenen Abbé Boullan, das Vorbild des Abbé Docre, und vernichtete ihn auch, um vier Jahre darauf selber zu sterben, sechsunddreißig alt, an Überarbeitung und Erschöpfung. Er hat ein vierbändiges Werk hinterlassen, die Essais de sciences maudites. Er war der Denker des neugegründeten Rosenkreuzerordens gewesen wie Péladan dessen Plakat und Ausrufer und Papus der Vulgarisator mit sozialem Programm.

siehe Bildunterschrift

Josefin Peladan.
Nach einer Photographie. Sammlung Handke, Berlin

Josephin Péladan, der Sâr, wie er sich nannte, nicht unpassend so persisch, wenn man das schwarze wirre Rabennest der Haare, den assyrischen Bart, die schimmernden roten vollen Lippen und den sonstigen priesterlichen Auf- und Anzug dieses Mannes sah, für dessen ersten Roman »Le vice suprême« kein Geringerer als der alte Connétable der Literatur, Barbey d'Aurevilly, die Vorrede geschrieben hatte. So schlecht, wie die deutschen Übersetzungen des Herrn Schering es glauben machen wollen, sind die vielen Romane Péladans nicht, aber doch das, was man in Paris Articles de bazar nennt, musikalisch, ohne irgendeine Realität, schwärmerisch und hohl schöngeistig. Das Aussehen Péladans, mehr als sein Talent, bestimmte ihn dazu, aus sich was Ungewöhnliches zu machen. Er brauchte, ein sehr armer Teufel, der er war, und durchsetzen, wie er sich wollte, ein auffallendes Plakat, und er machte sich selber dazu. Der Rahmen war rasch entsprechend in der okkultistischen Geheimnistuerei gefunden. Mit weihevollen Gesten eröffnete er die erste Bilderausstellung der Rosenkreuzer in Guaitas Wohnung, eigenmächtig kostümiert und gänzlich unfrisiert. Was mit der Malerei zusammenhängt kann sich, was Aussehen betrifft, in Paris ja manches erlauben, und Péladan mußte stark auftragen, um über das Maß des Gewohnten aufzufallen. Was ihm sein Aussehen erleichterte. Aber es wäre falsch, ihn einen Faiseur zu nennen mit seinem Sârtume, das er, in die Jahre gekommen, zusamt dem Rabennest auf dem Kopfe aufgab, um ein einfacher Romancier zu werden, als der er sogar ein noch heute lesbares Buch, »Peregrine et Peregrin«, geschrieben hat. Als Strindberg, ein bißchen verrückter tuend, als er war, damals nach Paris kam, stieß er auf den Sâr, und der stellte ihm das Zeugnis des Genies aus, was niemand kontrollieren konnte. Strindberg war dankbar und erklärte seinerseits – denn er wollte ja auch dem ihm ausgestellten Zeugnis Wert geben – den Sâr für ein Genie, was Herr Schering um so lieber glaubte, da er nach Strindbergs Tod auf der Suche nach einem bändereichen, in sein Deutsch zu übersetzenden Genie war und bei dieser Gelegenheit auch Französisch lernen wollte. So wurden die Deutschen mit etlichen zwanzig Bänden Péladan überrascht, und Ladenmädchen sollen das gern lesen, was in Paris kein Mensch mehr anschaut. Wie es oft mit solchen auf nie zu Ende diskutierbaren Voraussetzungen gegründeten Bünden geht, daß ihre Häupter und Gründer anderer Meinung werden und was Neues gründen, so war's auch bei den Rosenkreuzern Guaitas. Péladan fiel ab und machte seinen eigenen Laden auf in dem Dritten Orden der Rosenkreuzer. Dr. Papus war schon bei der Ordensgründung so schlau gewesen, eine zweite zu inszenieren, die Martinisten oder Schottischen Brüder. Péladans neuer Salon, die »erste Geste«, eröffnete bei Durand-Ruel, und die Leute standen an der Rue Vivienne bis zur Rue Taitbut in solchen Massen, daß die Polizei den Omnibusverkehr einstellen mußte. 22 000 Besucher sah der erste Tag, den interessierten Zola darunter und Verlaine, der direkt aus dem Spital kam, mit seinem Sokrateskopf nickte und sagte: »Ja ja, gewiß, wir sind Katholiken, aber solche Sünder!« Man posaunte das »Parsifal«-Vorspiel, wie als eine Warnung gegen die Damen, ihre Verführungskünste nicht kundryhaft zu üben, weil anders sie der Feme verfallen. So stand es in Péladans, dem Gralsrittertum sehr nachempfundenen Programmbuch. Magier und Engel zu sein, wurde bald große Pariser Mode. Sogar Bruant gab es in seinem Kabarett am Boulevard Rochechouart auf, die Gäste im Patois anzuflegeln und ließ Inkarnationen mit Weihrauch singen. Mit diesem desokkultierten Okkultismus Péladans aber hatte der Dr. Papus eigentlich nichts mehr zu tun. So nannte sich Gérard Encausse nach dem esoterischen Brauch, wie Guaita sich Nebo, Péladan sich Mérodack nannte. Sohn eines gascognischen Abenteurers und einer spanischen Mutter, sah er, dieser schwarzlarvige Montmartre-Zigeuner, aus wie ein Mongole und hieß auch in seinem Kreise »der Großmogul«. Als Schüler im Collège Rollin wurde er Theosoph der Richtung Blavatzky. Damit fing er seine Cagliostro-Karriere an, um derentwillen er auch Medizin studierte. Er wollte sein Doktorat machen, sich in einem Karren installieren, auf den in großen Buchstaben gemalt war: Doktor Papus, Scharlatan. Das war er auch: Doktor, Scharlatan und das Genie, Geheimbünde zu inszenieren. Der theosophischen Gesellschaft der Frau Blavatzky gab er bald einen Tritt, womit er sie auch für die nächsten zwanzig Jahre in Frankreich erledigte, und gründete die unabhängige Gruppe der esoterischen Studien und der Martinistenloge. Den Ritus entnahm er dem »Ägyptischen« des Cagliostro. Er hatte damit einen starken Erfolg bei den Russen, denen, die in Paris lebten, und denen in Zarskoje Selo. Ein gewisser Philippe war sein mondäner Assistent. Papus hat sicher dem Auftreten Rasputins vorgearbeitet, wie auch dieser Lyoneser Philippe, die graue Eminenz des Martinismus, wie er genannt wurde am Petersburger Hof, wo er die Geburt des Thronfolgers aus den Sternen vorhersagte. Die graue Eminenz versuchte den Zaren gegen den japanischen Krieg zu beeinflussen, worauf er vom Generalstab aus Petersburg entfernt wurde.

Kurz vor dem Ausbruch des letzten Krieges sagte Vater Papus seinen bevorstehenden Tod voraus, aber auch die Weiterentwicklung seines Ordens. »Ich habe den Logen ein soziales Programm ausgearbeitet, das viel Erfolg haben wird: den obligatorischen Zivildienst.« Das war 1913. Zwei Jahre darauf starb der seltsame Mann, der diese Urformel der Sowjets ausgesprochen hatte.

*

Alles Religiöse ist mit dem seelisch Kranken verwurzelt. Die krankhafte Furcht vor dem Tode produziert immer aufs neue diese sonderbaren Abwehr- und Schutzformen des Religiösen, denn der Mensch will leben. Ihn vor diesen dunklen Gewalten seiner Seele zu schützen, dazu sind die Kirchen da. Die Kirchen kanalisieren das trübe, morastige Gewässer, bauen Schutzwehren, Dränagen, geben Gott was Gottes, dem Leben was des Lebens ist. Die Kirche ist der rationelle Faktor im Irrationalen des religiösen Zustandes. Nie gab eine Kirche das Gebot, die Vernunft nicht zu gebrauchen. Und immer ist eine ihrer Aufgabe bewußte Kirche höchst mißtrauisch gegen Wunder und Stigmata, mögen sie sich auch noch so sehr in den geläufigen Formen einer dogmatischen Orthodoxie bewegen. Sie sieht in dem Grob-Materiellen solcher Erscheinungen durchaus keine erwünschte Bestätigung ihrer ganz auf das Spirituelle gerichteten Arbeit und Lehre. Sie weiß aus alter Erfahrung, daß, wo immer solche vom Religiösen Besessene auftauchen, ein trüber Schwall von allerlei Aberglauben einbricht, der nur zu oft die geistliche Macht zwingt, die weltliche Macht des Gendarmen anzurufen, also abzudanken. Dagegen spricht nicht, daß da und dort der Pfarrer des Ortes konfus wird und den Portier seines stigmatisierten Pfarrkindes macht. Er weiß nicht, daß durch einen Zufall der Vorsehung sich Wunder immer nur vor jenen produzieren, die daran glauben müssen, weil – sie keinen Glauben haben, aber private Wünsche, für deren Erfüllung sie auf dem Umweg über ein Wunder den lieben Gott inkommodieren.

Wie alles, so mechanisieren sich auch die kultischen Gebräuche eines Glaubens, und das Gebet wird bald nicht mehr gebetet, sondern hergesagt. Aufrüttelnd wirkt auf solche Mechanik dann immer das Wunderbare, seien es in der Küche herumfliegende Töpfe oder Blut, das am Freitag aus den Augen rinnt. Und was der Kirche in ihrem Vertreter, dem Pfarrer, nicht gelang, daß er zum Beispiel einen Bruder davon abbringe, eine Zivilehe zu schließen oder einem Stummen die Sprache wiederzugeben, das erhofft man sich nun von der wundertätigen Magd. Es ist erbärmlich wenig, was sich Christen da wünschen. Es drückt sich da keine besonders große und tiefe Vorstellung vom Göttlichen aus. Aber der Mensch ist ja nur ein Mensch. Und dem armen Laien ist nicht zu verdenken, wenn er, am Leben hängend, so sehr an sich und an sein bißchen Leben denkt; wenn Scharen kranker Priester in Lourdes auf das Wunder ihrer Genesung warten, wo man doch annehmen müßte, daß es für die Priester nichts Erwünschteres geben könnte, als diese Erde so rasch wie möglich gegen das Himmelreich zu vertauschen, hic et nunc, und nicht in zwanzig Jahren.

Die großen Heiligen aller Religionen haben sich immer gegen das Wundertun gewehrt. Sie haben es nie als ihr Wesen charakterisierend erkannt, denn sie waren nicht dafür gekommen, um zu verblüffen, Staunen zu erregen, als Magier zu gelten. Jesus hatte nicht wenige wundertätige Zeitgenossen. Nur Mitleid mit der hilfsbedürftigen Kreatur mochte ihn dazu bringen, heilend die Hände aufzulegen. Ein Beweis seiner Mission war das mitnichten. Eine Legitimation seiner Lehre war es ihm nie.

siehe Bildunterschrift

Therese Neumann.
Nach einer Photographie von Höhl, Waldsassen

Wem und was beweist das oberpfälzische Mädchen, die Theres? Daß eine seit Jahren erkrankte Seele Macht über den sie behausenden Leib gewinnt, von einem eiternden Blinddarm, der über Nacht kommt und vergeht, bis zu Blutungen, die sich in die traditionellen Blutmale Christi begeben, mit welchen Vorstellungen die Phantasie von früh auf genährt wurde in dieser überaus frommen Oberpfalz – es wäre erstaunlich, wenn bei dieser Kranken diese Blutmale nicht aufträten. Sie würde in der unübersehbaren Schar der religiös Besessenen eine seltene Ausnahme darstellen, denn ihnen allen sind die Stigmata und das sentimentale Miterleben der Kreuzigung die Höchstleistung, die immer erreichte, ihres Gleichgewichtsverlustes. Denn nichts anderes als ein Verlust dieses Gleichgewichtes ist solche individuelle religiöse »Erfahrung«, des Gleichgewichtes zwischen dem Leben im Geiste und dem Leben in der Gesellschaft. Man stelle sich etwa eine Epidemie solcher seelischen Erkrankung vor, hunderttausend Frauen einer Stadt davon ergriffen, – jede Form Lebens würde ins Chaotische stürzen, irdisches Leben würde ein Tollhaus werden, und das spirituelle Leben würde nichts davon gewinnen. Es gab solche Epidemien, und die Kirche als die Ratio war es, die dagegen auftrat, wenn nicht anders, so mit Feuer und Schwert. Die Kirche weiß, daß sie im gefährlichsten Material arbeitet, welches das Religiöse ist. Sie manipuliert mit stärksten Sprengstoffen und Giften. Sie kann nicht vorsichtig genug sein. Denn diese Vorsicht ist ihre wesentliche, vielleicht ihre einzige Aufgabe. Sie weiß, daß sie einen Widerspruch lebt und einen Kompromiß darstellt. Sie muß diesseitig und jenseitig sein, starr und elastisch. Sie darf die die Kirche speisenden Quellen des Religiösen nicht unterdrücken, muß gefaßt sein und ist es, daß sie am unbewachtesten Ort aufbrechen. Denn sie weiß, die Geschichte der Kirche ist im Grunde eine Geschichte der Häresien. Sie verstellt keiner religiösen Kraft den Weg; sofern diese Kraft stark genug ist, selber Weg zu weisen, folgt sie ihr. Das zeigen alle Figuren der großen Heiligen: Bernhard, Franz, Ignaz.

Aber die kleinen kranken Bauernmädchen sind solche Kräfte nicht. Ihr Beispiel ist religiös wertlos, wenn nicht schädlich. Es ist weder für den Glauben noch für die Kirche noch auch für eine rechte Lebensführung etwas damit gewonnen, wenn sich in jenem Dorfe noch einige arme Mädchen zu Bett legen und Blut absondern und hungern »um Gottes willen«. Was der Leib alles aushält, wenn eine erkrankte Seele über ihn Gewalt bekommt, mag jene verblüffen, die glauben, der Mensch bestehe nur dank gutverdauter Beefsteaks.

*

Das mit außerordentlicher Feinheit in Jahrhunderten ausgearbeitete Netz der katholischen Theologie läßt über diesem technisch-geistigen Wundergebilde nicht mehr wahrnehmen, was sich darin alles an Menschlichkeiten fängt. Von welcher Art diese sind, das wird zusamt ihnen gleich dort deutlich, wo sich mit entlehnten religiösen Symbolen und durcheinandergebrachten Kultformen neue religiöse Gemeinschaften etablieren und mit solchem zusammengeflickten Netze fischen gehen. Was sie da einholen, ist ein pittoreskes psychologisches Durcheinander von Halbgefühlen und Halbgedanken, Ignoranz und Wissen, Erotismus und Inspiriertheit, Krankheit und Wahn, Überhebung und Geschäft – nichts anderes an Menschlichkeiten, als was das große Netz- und Reusenwerk der Kirche aufnimmt, um es seinem traditionellen Reinigungsverfahren zu unterwerfen, so gut es geht, als welches es gebildet ist aus den normsetzenden Dogmen, den heiligen Inkarnationen und einem instinktsicheren Common sense, daß Leben zu leben ist und nicht zu rasen. Bei aller Strenge sind die kirchlichen Formen, so meisterhaft ist ihre höchst mannigfache Konstruktion, elastisch, ohne je durch Ausdehnung oder Zusammenziehung nach dem Gebot der jeweiligen Stunde des ephemeren Lebens diese ihre Konstruktion zu verlieren und damit die Form zu verzerren. Mehr als achtzehn Jahrhunderte haben daran gearbeitet, und der Vorsprung solcher Bauherren ist nicht einzuholen, auch wenn die Gründer neuer religiöser Etablissements ein organisatorisches Genie besitzen, wie zuletzt der General Booth eines war. Aber sie leihen nur aus dem riesigen Kostümhaus aller Religionen der Welt Masken und Gewänder, Riten und Symbole, Lehren und Sätze aus, nach persönlichem Geschmack, oder weil ihnen die Umstände gerade für diese Wahl Erfolg versprechen. Selbstverständlich sind sie immer der »wahren« Lehre und dem »letzten« Sinn auf die Spur gekommen wie ihre Ahnen, die Gnostiker. Ihre Gründung ist immer gegen etwas gerichtet, und das bedarf einer Rechtfertigung; meistens bezichtigen sie eine geübte Religion der Entartung ins Formalistische, ins Äußerliche leerer Bräuche und Riten und geben als die Raison d'être ihres Auftretens, daß sie wieder auf das »wahre Wesen« und die »geistige Substanz« des Religiösen zurückgeben. Und es gibt immer Menschen, welche diesem Sophismus erliegen.

Denn was das »wahre Wesen« des Religiösen sei, darüber gäbe es eine gültige Aussage nur von außermenschlichen Wesen, nicht aber von Menschen. Wer da sagt, das wahre Wesen des Religiösen sei rein geistig und in der einsamen Stille der Zwiesprache mit Gott und nicht in der formalen Praxis der mechanisierten sozial organisierten Religionen und deren korybantischen Massenemotionen, der äußert nichts weiter als eine persönliche Vorliebe, will ihr aber den Akzent eines natürlichen Gesetzes geben, indem er statt »meine Meinung« sagt »höhere Wahrheit«. Wie es auch der politische Leitartikler macht, der mit Emphase von der »öffentlichen Meinung« spricht, welche mystische Entität er ausdrücke, und nicht schreibt, daß er sich füge, um nicht seine Stellung zu verlieren.

In Sachen der religiösen Erforschung ist ein jeder nur qualifiziert, von sich selber zu sprechen, und ist, wie Kardinal Newman sagt, solcher Egoismus die wahre Bescheidenheit. »Eines jeden religiöse Erfahrungen sind nur für ihn, aber er kann nicht für andere sprechen; er kann nicht das Gesetz dafür geben; er kann nur seine eigenen Erfahrungen zu der gemeinsamen Masse psychologischer Tatsachen bringen.«

Die Gründer religiöser Sekten haben seit den Martinisten, die sich etablierten, als man die Enzyklopädie schrieb, ein Wissen: daß alle großen Religionsstifter mit der einzigen Ausnahme des Konfuzius als spirituelle Wesen ihre Offenbarung in der Einsamkeit erhielten und keine Neigung für die Praxis einer sozialen Regierung zeigen. Und daß alle etablierten Religionen, denen sie ihren Namen gaben, soziale und formale Religionen wurden, entsprechend der Auffassung, die der gemeine Mensch vom Religiösen hat, als einer Angelegenheit von Riten, mechanisierten Observanzen und Massenemotionen. Dem gemeinen Menschen ist die Religion die Beobachtung bestimmter Formen, die Wiederholung bestimmter Sätze, das Zusammenkommen an bestimmten Orten zu bestimmten Zeiten, und die Herbeiführung gewisser gemeinsamer Emotionen durch dazu geeignete Mittel. Das klassische Beispiel, wie aus einem ganz spirituellen religiösen Leben eine soziale Religion wird, kennt man aus der christlichen Kirche. Das Beispiel des Buddhismus ist nicht weniger instruktiv. Gauthama hinterließ bei seinem Tode eine höchst unvollendet organisierte Religion asketisch lebender Mönche und Nonnen. Im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung bekam der Buddhismus in der Ära des Mahayana das Pantheon der Bodisattwas, eine Liturgie, ein Ritual und statt der alten Chaityas, der einfachen Zusammenkunftshäuser, Tempel, die in dem sinnlichen Reiz ihrer Skulpturen, Malereien, Musiken, Fahnen, Kleidern, Riten und Symboliken hinter den Tempeln der Hindus nicht zurückstanden. Mit der Tantrik-Reformation kamen Göttinnen in den buddhistischen Gottesdienst und eine große Menge magischer und erotischer Riten. Aber der Hinduismus produzierte alles das noch viel reicher und mannigfaltiger, und der so überbotene Buddhismus wanderte aus Indien ab in Länder, deren Religionen nicht so reich an Mitteln waren, in den Gläubigen jenes schwer lastende devotionale Gefühl zu erzeugen, das die Hindus bhakti nennen.

Eine Kritik, die hier von »Verfall« spricht, des Spirituellen ins Materielle, des Innerlichen ins Äußerliche, des Essentiellen ins Formalistische, vindiziert aus Vorliebe und Neigung für das eine diesem einen höheren Wert. Nichts anderes tun aber auch jene, welche das Essentielle einer Religion in den Riten und Sakramentalien sehen. Was hier wertet, sind eines jeden besondere Kapazitäten und eigentümliche Indiosynkrasien.

Der Sektengründer sucht, immer auch das spirituelle, ihm im Alleinsein gegebene Geheimnis betonend, der radikalen Umformung, die seine Lehre erfahren muß, auf daß sie menschlich hingenommen werde, damit zuvorzukommen, daß er diese Umformung gleich selber rituell und formal ausarbeitet. Er will da nichts der Zeit überlassen, die ihn beiseite schieben könnte. In einer kleinen Minorität einer Anhängerschaft zu bleiben, wie es das Schicksal aller nichts als spirituellen Religionen ist – die Quäker sind dafür ein Beispiel –, das widerspricht der universalistischen Tendenz seiner Gründung. Jede Sekte will ihr Hochamt vor dem Hauptaltar zelebrieren und vor der größten Gemeinde, nicht an einem kleinen Seitenaltar vor ein paar Akolyten.

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