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Männer und Masken

Franz Blei: Männer und Masken - Kapitel 6
Quellenangabe
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typeessay
authorFranz Blei
titleMänner und Masken
publisherErnst Rowohlt Verlag
printrun1. - 4. Tausend
year1930
firstpub1930
correctorreuters@abc.de
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Charles Baudelaire.
Nach einem Gemälde von Emile Deroy

Baudelaire

»Keusch wie das Papier, nüchtern wie das Wasser, der Andacht ergeben wie eine Kommunikantin, wehrlos wie ein Opfer, mißfiel es mir nicht, für einen Wüstling zu gelten, einen Trunkenbold, einen Ketzer und einen Mörder«, schreibt Baudelaire in einer nicht veröffentlichten Vorrede zu den »Blumen des Bösen«. Ich habe in einleitenden Worten zu einer deutschen Ausgabe der Werke des Dichters ausgeführt, daß die kritische Praxis, welche durch die Kenntnis und Deutung der Lebensumstände eines Dichters dessen Werk auf die geheimen Spuren zu kommen, und damit ein ästhetisches Urteil zu gewinnen glaubt, von falschen Voraussetzungen über den Charakter des Gedichtes ausgeht, und darum wertlos ist. Was das dichterische Leben, ausgedrückt im Werke, mit dem sozialen Leben, ausgedrückt in Tun und Lassen, gemeinsam haben – und sie haben natürlich etwas Gemeinsames –: dieses Gemeinsame ist weder literarisch noch sozial. Biographie beschreibt Oberfläche, des Lebens sowohl wie des Werkes: in einiger Tiefe zeigen sich sofort die Diskrepanzen, was dann den Biographen zu der Annahme führt, der Dichter habe entweder in seinem sozialen Leben gewisse Gefühle unterdrückt, oder er habe in seinem Werke gewisse Gefühle geheuchelt, die er »wirklich« niemals gehabt habe. Aber es ist eine Tendenz des menschlichen Geistes, im dichterischen Werk die dichterische Persönlichkeit zu entdecken und zu sichern. In den nur scheinbar stückweisen Äußerungen eines Werkes sucht man die gelebte Kontinuität, weil man sich das Phänomen des Dichters »menschlich« näherbringt, allerdings mit notwendig damit verbundener Senkung des Niveaus, auf das sich das Phänomen begibt, und notwendig damit verbundener Minderung seiner Größe. Es gibt kein Werk, so gering es auch sei, in dem sich nicht die Sensibilität seines Verfassers, also die Persönlichkeit, ausdrückt, sei diese auch noch so schwach; mehr von ihr zu wissen lockt, nicht aus Gründen trivialer Neugierde, sondern weil solches Wissen der Persönlichkeit die Perzeption des Werkes erleichtert. Dieses dem Menschen eingeborene Bedürfnis zu befriedigen, wirft die Biographie sich auf, um – das Bedürfnis zu enttäuschen, oder es zu korrumpieren. Bei schwachem ästhetischen Urteilsvermögen, aber starker Wissenschaftlichkeit meint man dem Unbestimmten der dichterischen Persönlichkeit, aus dem Werke gewonnen, größere Bestimmtheit, ja überhaupt solche zu geben damit, daß man die dokumentierte Genauigkeit der sozialen Person des Dichters in einer Art von Paralogismus in die Kritik einführt.

Hier aber ist nun eine andere als eine ästhetischkritische Aufgabe gestellt. Für eine bestimmte geistige und emotionale Haltung, welche die erotische Morbidezza genannt sei, und die sich als charakteristisch für die Zeit um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, den absterbenden Romantismus, aufdrängt, summieren sich alle wesentlichen Züge in dem repräsentativen Beispiel Baudelaires. Der dichterische Niederschlag, den diese Haltung gefunden hat, muß, um das Beispiel deutlich zu gewinnen, es sich gefallen lassen, in seine Elemente aufgelöst und mit anderen Elementen verbunden zu werden. Das Resultat dieser Untersuchung sagt gar nichts über das Baudelairesche Gedicht aus, denn solches ist nicht der Zweck dieser Untersuchung. Hier muß die dichterische Person, wie sie sich einmalig im Werke ausdrückt, gemindert werden zu einem Typus, als der er bei allen individuellen Zügen charakteristisch ist für die Zeit seines Auftauchens. Es könnten, um es drastisch zu sagen, die Gedichte in eines jeden Sinn und Urteil mißlungen und schlecht sein, sie würden im Sinne dieser Untersuchung, die nicht auf das Ästhetische gestellt ist, den gleichen Wert behaupten, den sie in ihrer hohen Qualität besitzen. Was im ästhetisch-kritischen Sinne ein falsches Urteil wäre, wird im kulturell-soziologischen Sinne ein richtiges. Es könnten die besonderen Lebensumstände und Schicksale Baudelaires ganz andere gewesen sein, und sie hätten doch wieder, wenn auch anders veranlaßt, den Typus der erotischen Morbidezza gegeben als zeitbedingt.

Ich glaube, für die Dichtung Baudelaires ist zuerst das mißverständliche Wort »dekadent«, als deren Charakter bezeichnend, aufgekommen, das im Ablaufe dieses und des ihm folgenden Jahrhunderts ein beliebtes kritisch vermeintes Schlagwort wurde. Man dachte in diesem Worte sich etwas zusammen, das unsauber, unmoralisch, ungesund bedeutete, zumal das letztere. Mit diesen Inhalten lebt noch heute das Wort weiter, das ehemals ein historisches Hilfswort war, von Historikern für Zeiten gebraucht, wo alte Institutionen zusammenbrechen, und neue sich zu bilden beginnen, für Perioden des Überganges von einem sozialen Ideal zu einem anderen. Auf die Literatur bezogen kann das Wort dekadent, historisch angewandt, die Literatur einer Zeit der Dekadenz bedeuten, oder metaphorisch die Literatur eines Überganges von einem literarischen Ideal zu einem anderen. Diese zwei ganz verschiedenen Bedeutungen des Wortes werden aber immer in eine Bedeutung zusammengeschlagen, so, als ob eine literarische Dekadenz notwendige Konkomitanz einer sozialen Dekadenz wäre. Auf diesen Bolus hat man außerdem noch die Farben einer undeutlichen Erinnerung an die Orgien der römischen Kaiserzeit aufgelegt, und nun bleibt die Gedankenlosigkeit dabei, unter dekadenten Dichtern solche zu verstehen, die unmoralisch leben und Ungesundes dichten, also – »schlechte« Dichter sind.

Es mögen die Literaturen dekadenter Perioden ihr Gemeinsames haben. Aber daß die Literatur einer sozialen Dekadenz als Literatur dekadent und daher minderwertig sein müsse, ist ein populärer Irrtum. Baudelaire ist der Dichter einer sozialen Dekadenz, aber er ist in keinem Sinn ein dekadenter Dichter, sondern dessen Gegenteil: stark, männlich, zuchtvoll, bestimmt, klassisch. Durchaus nicht Epigone, sondern heroischer Begründer eines neuen dichterischen Geschlechtes. Das Besondere seines Werkes kommt von der Interaktion zweier verschiedener Faktoren: der Dekadenz, in der er lebte, und seiner dichterischen Stärke und Bestimmtheit. Was sein Werk an sogenanntem Perversen wie »Lesbos« enthält, ist das wenigst Relevante. Pervers zu sein, trafen nach ihm die windigsten Poetaster. Aber sie trafen es nicht auf seinem schwierigen Wege. Denn er war keineswegs ein Schnüffler in unsauberen Dingen, sondern der bedachte und entschlossene Dichter einer heroischen Stellung zum Leben. Er hatte keine Vorlieben, sondern eine Überzeugung. Die ganz wenigen sogenannten perversen Gedichte Baudelaires sind auch seine wenigen schlechten Verse, in denen er, was Heine fast ausnahmslos tat, mit dem bewußten Effekt begann, statt mit dem unbewußten Effekt zu enden: und gerade dieser Baudelaire, der baudelairisiert, fand als der Effektvolle seine nachahmenden Poetaster, wie Heine sie in seiner Fratze fand, bis auf den letztgekommenen Verfertiger von Operettenreimen.

»Der Dichter sitzt auf Bildungstendenz, Willens- und Leidenslage seines Zeitalters und seiner Generation so fest auf, wie das Juwel auf dem Mineral seines Vorkommens, in dem seine Verfärbungen schon ahnungsvoll und trübe ziehen; wie und wodurch er auf ihm entsteht, ist schon Geheimnis genug und ausreichend für das Los seiner Einsamkeit«, schreibt Rudolf Borchardt im »Ewigen Vorrat deutscher Poesie«. Baudelaire erkannte sein Zeitalter als eines der Dekadenz. Wir kennen es als solches nicht nur aus seinem leidenschaftlichen Protest, sondern auch aus Balzacs romanesker Anatomie. Die neue demokratische Ordnung, welche die alte aristokratische, die gefallen war, ersetzen sollte, war noch nicht geschaffen. In den Ruinen wuchs das Unkraut. Verehrung des Reichtums um seiner selbst willen war das einzige Prinzip einer geistigen und sozialen Ordnung, Guizots: »Bereichert euch!« ein sozialer Nadir. Häßlich und ohne Kontrolle, wie ausbrechende Schlammvulkane, wuchsen die großen Städte auf; gegen einen alles wie eine Krätze überziehenden Industrialismus wehrten sich mißlingende Revolutionen. Sieghaft blieb das Geld. Die Romantiker bücherten Proteste. Baudelaire stellte sein Leben auf diesen Protest. Er machte keine Konzessionen, weder an die Fiktion einer Utopie »besseren Lebens« noch an die den romantischen Zeitgenossen so teure »Natur«. Er konfrontierte die gegebene, gesehene Welt mit den höchsten religiösen Begriffen, Gott und seinem Widerspiel Satan. Er hatte das höchste Maß. Sein Horror vor Cybele und ihren Altären hat einen religiösen Ernst. Die Natur – davon war man hergekommen, herausgekrochen –, auf sie zurückzublicken, versteint. Kaum ein Stückchen Landschaft ist in seinen Werken. Er bekannte sich unfähig, »über Vegetabilien in Tränen zu zerfließen.« Die Natur erschien ihm schamlos. Er schreibt einem Freunde: »Meine Seele rebelliert gegen diese seltsame neue Religion, die für jedes spirituelle Wesen immer ein gewisses Etwas von Shocking haben wird.« Die Epoche stellt ihn und er die Epoche auf dem gegebenen Felde ihres intensivsten Lebens: dem künstlichen der Stadt. Bis auf Baudelaire hat die Stadt den Dichtern nicht als poetischer Ort gegolten. Die Lyriker entwanden sich ihr und ihrem Diktat in eine bukolische Landschaft, so in Alexandrien, so in Rom, so im Paris von 1760. Das städtische Leben wird als verdorben und künstlich dem natürlichen und reinen Leben auf dem Lande in der Satire entgegengesetzt und abgelehnt als ein unsauberer und stinkender Quell für den Hippogryphen. Baudelaire, der erste Dichter der Stadt, liebte den steinernen Wald ihrer Häuser, das ausgedörrte Flußbett ihrer Straßen. Seine Einsamkeit brauchte die Menge: »Menge, Einsamkeit, das sind austauschbare Begriffe für den aktiven und fruchtbaren Dichter. Wer seine Einsamkeit nicht zu bevölkern weiß, der weiß auch nicht allein zu sein inmitten einer geschäftigen Menge.« Die Blumen des Bösen sprießen aus dem Straßenpflaster. Alles, was den Menschen und besonders die Frau vom Zustande der Natur entfernte, schien ihm glücklichste Erfindung und Zeichen menschlichen Willens, die von der Materie gelieferten Formen nach seinem Dünken zu korrigieren, berichtet Gautier. Das ist nicht Romantik, sondern ein sublimierter Realismus, der das Leben sieht, wie es sich gibt. Auch ein anderes Paradestück der französischen Romantik lehnte er ab: die erotische Leidenschaft. »Mir graut vor dieser Leidenschaft«, schreibt er in einem Liebesbriefe. Er fand sie roh, familiär, maßlos. Er glaubte an die Erbsünde, und gar nicht an den edlen Wilden. Auch nicht an den Fortschritt und die demokratischen Abergläubigkeiten. Ganz wie ein katholischer Mystiker, ein Mensch völlig spirituellen Wesens, der »durch alle Fenster nichts sonst sieht als das Unendliche«, drückt er die Verzweiflung des erdgebundenen Menschen aus, der nichts als das Ewige und Absolute liebt und »nie austreten möchte aus Zahlen und den Wesenheiten«. Der Vierundzwanzigjährige schreibt, Selbstmordkandidat wie jeder sensible Jüngling dieser Zeit, einem Freunde: »Ich töte mich wegen der Verzweiflung und Unordnung meines Lebens,... und weil ich mich unsterblich glaube, und weil ich hoffe.« Er ist ein Sensualist, der rast, nichts als das zu sein, aber in der Sensation bis an die äußerste Grenze geht, sagt Barbey d'Aurevilly von ihm, als ein Wesensverwandter, und rührt an den Nerv. Wäre er als ein Häretiker geboren und aufgewachsen, hätte er vielleicht in der Konversion zum wahren Glauben die Rettung gefunden und die Medizinen nicht gebraucht, die er sich mit Haschisch und Opium gab, nicht um Lust zu größerer Lust zu steigern, sondern als verzweifelte Heilmittel einer Seele gegen einen rebellischen Leib. Er glaubte an eine von Gott für alle Ewigkeit etablierte geistige Mathematik, nach der auch der geringste Bruch des sittlichen Gesetzes seine eigene grausame Wiedervergeltung in sich trägt, seine unvermeidliche Folge von Angst, Reue, Gewissensqual, Ekel, Verzweiflung. Er begehrte so inbrünstig nach dem Einen, dem Unbewegten und Ewigen, daß ihm nichts sonst völlig wirklich erschien, nicht einmal die geliebteste Sensation der Schönheit. Beinahe hätte er, aus dem Stoff der Heiligen gemacht, die Zauberei der Kunst und das Lügengebilde des Kunstwerkes überwunden, aber der klarsichtige Geist überwand nicht seine Sinne, und er bittet: »Laßt mein Herz an einer Lüge sich berauschen.«

Für die Frauen, die mit der irdischen und der himmlischen Liebe sein Leben und sein Denken in Atem hielten, fühlte er im letzten Grunde seines Wesens eine Verachtung, die sich in Mitleid äußerte, wenn die weibliche Kreatur alt und arm und häßlich und krank war, in Mitleid bis zum äußersten Opfer seiner letzten Habe. Ihm graute vor diesen »allzu natürlichen Geschöpfen«, wie er mit emphatischem Widerwillen sagte, vor diesen »verführerischen Formen des Teufels«, deren Zulassung in die Kirche ihn erstaunte, und die er zusammen mit Freidenkern, Liberalen, Generalen, Utopisten, Philanthropen, Demokraten, Victor Hugo und Musset für eine gleichgültige Horde inferiorer Kreaturen hielt.

»Das junge Mädchen ist in Wirklichkeit eine kleine Gans und ein kleiner Schlampen; größte Dummheit vereinigt mit größter Verderbtheit. Im jungen Mädchen steckt alle Gemeinheit des Strizzis und des Gymnasiasten.« Das Urteil Baudelaires über die, als er es fällte, eben erst fünfzig Jahre alte letzte erotische Schöpfung männlicher Phantasie und wirtschaftlicher Notwendigkeit, das »Junge Mädchen« – dieses Urteil greift der Entwicklung vor, und man muß es auch für Baudelaire und seine Zeit etwas einschränken. Er hatte ja eigentlich nur immer mit Prostituierten zu tun und lebte in der Stadt, deren Atmosphäre das Miasma der Prostitution enthält, und das zu atmen auch jene Frauen kaum hätten vermeiden können, die sich nicht prostituieren. Daß das sorgsam gehütete und sich vorsichtig hütende bürgerliche Mädchen seine lebhafte Sinnlichkeit verbirgt und wie nicht vorhanden zu machen sucht, daß es über diese zu Kobolden werdenden Inversionen den Schleier einer Unschuldigkeit legt und vom seriösen, vielfach elterlich geprüften Freier das Mitspielen in einem wohlchaperonierten sentimentalen Getue verlangt, das zur Verlobung führt, um im Banalen einer nun doch geübten und durch nichts als die Ehe entsündigten Sexualität zu enden, der man sich mit mehr oder weniger Dauer und Ausdauer, mit mehr oder weniger großem Vergnügen hingibt: das fällt für einen religiös gerichteten und sinnlich heimgesuchten Typus, wie ihn Baudelaire darstellt, nicht nur in das verhaßte Juste-Milieu des Bürgerlichen, sondern auch in das schlechthin Sündige und Gottlose. Das komplexe Problem, das ich, ohne damit eine sittliche Minderwertigkeit bezeichnen zu wollen, die erotische Morbidezza nenne, rückt ins Licht.

Albert Thibaudet, der vortreffliche Kritiker, staunt, daß sich die Psychoanalyse noch nicht des Falles Baudelaire als eines klassischen Beispieles für das, was diese Theorie den Ödipus-Komplex nennt, erinnert hat. Baudelaire war ein Junge von sechs Jahren, als sein greisenhafter Vater starb. Bald darauf heiratete die schöne und kaum dreißigjährige Mutter den General Aupick, einen durchaus loyalen Mann, dem der Stiefsohn nicht das geringste vorzuwerfen hatte, bis auf das eine: daß er der Mann der über alles geliebten Mutter ist. Dafür haßt er ihn bis ans Ende. Und in diesem Manne auch alles, was er für ihn personifiziert: den glücklichen Rivalen in der mütterlichen Zärtlichkeit, die Familie, den Staat, die Armee, die Gesellschaft. Der gar nicht republikanisch oder sonstwie politisch interessierte Baudelaire packt 1848 ein Gewehr, schießt auf den Barrikaden und erklärt seinen Mitkämpfern, das alles sei gar nichts, man müsse den General Aupick töten. Solchen sinnlosen Haß bildete die Liebe zur Mutter aus, und den Begriff einer reinen, höheren Form der Liebe bei einer seltsam von ihm geliebten Frau, die Muse, Madonna, Schutzengel ist, lichtes Bild gegen das Dunkel, in das er stürzt, wenn er erliegend die Huren umarmt, die er, mit solchem Bilde der reinen Liebe im Herzen, allein umarmen kann, denn ihr unfruchtbarer Schoß ist des Teufels Gefäß für seine immer als sündhafte Unzucht erkannte sterile Umarmung. Auf dem Doppelgipfel dieses erotischen Parnasses entspringen zwei inspirierende Quellen, und sie geben den beiden Realitäten, da jede vom Standpunkt der andern aus immer gesehen ist, das Gesicht eines zwiefachen Heimwehs: vor der Madonna das nach der schwarzen Venus, vor dieser nach der Madonna. Baudelaire gehörte zu den wenigen Pariser Bewunderern des Tannhäuser, als dieser in der Oper von den Pfeifen des Jockeiklubs niedergepfiffen wurde. Daß Tannhäuser im Sängerwettkampf und vor der Madonna-Elisabeth die Hymne an die Venus singen muß, in dieser Not erkannte Baudelaire die seine. Als einen metaphysischen Zustand jedoch, nicht als einen psychologischen Konflikt. Anders hätte er wie Wagner eine Minna geheiratet und sich bei einer Mathilde dafür entschädigt.

Eine disproportionierte, pathologische, senile Vereinigung nannte er die Ehe seines zweiundsechzigjährigen Vaters mit der siebenundzwanzigjährigen Mutter und sah verzweifelnd auf sich als das Kind solches ungleichen Paares. Saint-Beuve, ebenfalls das Kind eines alten Vaters, dachte sich aus diesem Umstand intelligent, depraviert und unentschieden. Der als junger Mann einer der aufeinander sich folgenden Geliebten der Frau Victor Hugo gewesen war, schleppte sich siebenzigjährig aus seinem von derben Schlafköchinnen bevölkerten Hause ins Bordell: Kann man schon die Blume nicht mehr brechen, erklärte er, so liebt man doch ihren Duft. Und gewann mit seiner Intelligenz, die sich zu schicken wußte, eine erotische Praxis als Umweg zu dem ihm nötigen Verkehr mit Frauen. Er zog die weibliche Intelligenz, die auch seine eigene war, den weiblicheren Eigenschaften vor, hatte aber bald gefunden, daß sich diese Intelligenz erst dann zeige, wenn sowohl beim Mann wie bei der Frau das nötige Sexuelle ausgetauscht war. Um die dauernde Freundschaft einer Frau zu gewinnen – und er suchte sie bei vielen Frauen –, näherte er sich ihr zunächst nur als Liebhaber. Das war ihm ein Prinzip geworden. Seine Intelligenz verlangte klare Augen auf beiden Seiten. Das zu erreichen, müsse man sich einige Zeit im Schlafzimmer aufhalten.

Vom Haß gegen seinen Stiefvater, in dessen Haus er leben mußte, inspiriert, legte Baudelaire alles darauf an, ihn durch seine Lebensführung, an der er selbst nicht den geringsten Gefallen hatte, zu kompromittieren, denn der Stiefvater war große öffentliche Figur. Verkehr mit zweifelhaften Burschen, mit Huren, Trunk, exzentrische Kleidung und Verse: weniger hätte genügt, den honetten Stiefvater besorgt zu machen. Es mußte etwas geschehen. Man schickte den Zwanzigjährigen nach Kalkutta, in der Hoffnung, daß er anderen Sinnes werde. Er brachte von dieser Reise mit den Knabenaugen jenen Exotismus mit, der magisch über vielen seiner Gedichte leuchten sollte, und die ihm höchsten symbolischen Werte von See und Schiff, aber auch jenen wie für ihn hinbereiteten Fund, mit den eindrucksgierigen Augen des Jünglings und Passanten erhascht und aufgesaugt: das brütend Lauernde, das Katzenhafte, im Blick Unbewegliche, wild-grausam Vermutete des dunkelfarbigen Weibes, Sklavin und Tyrannin zugleich, zu verachten und doch zu umschlingen, zu verfluchen und doch zu besingen, im ganzen ein rechtes Höllenstück, mit dem das Teuflische zu tun den Teufel vielleicht doch überlisten könnte.

Heimgekehrt, wurde er durch eine kleine Erbschaft von 50 000 Frank frei. Er hatte mit sechzehn, ohne Lehrjahre, eines seiner schönsten Gedichte geschrieben. Er wußte, daß er mit einundzwanzig sein eigener Herr sein würde. Sein Stiefvater würde bald nichts mehr zu lachen haben. Mit dem Gewehr und der Revolution gelang es nicht. Aber neun Jahre später, als die Blumen des Bösen, handschriftlich unter den Freunden schon bekannt, als kleines Buch erschienen, und der Dichter wegen Gotteslästerung und Unsittlichkeit angeklagt, doch nur wegen Unsittlichkeit verurteilt wurde – er litt außerordentlich unter dem infamierenden Mißverständnis seiner Konfessionen –, da starb im selben Jahr der General, und er versöhnt sich mit der gelähmten Mutter. Geständnisse: Baudelaire hat nie, wie alle seine Freunde aussagen, von Frauen gesprochen. Er liebte und goutierte außerordentlich seine Einsamkeit und den Reiz der Undurchdringlichkeit. Das ging bis zur Mystifizierung Neugieriger, woraus eine Legende seines Lebens sich aus Anekdoten wob, die ihn als einen Desequilibrierten, einen Besessenen darstellt, in der Liebe als einen Wüstling und Zyniker vom gewöhnlichen Niveau jener, die sowohl staunen wie auch verstehend mittun wollen. (Eine kleine Ähnlichkeit mit Frank Wedekind ist hier bemerkbar, der vor ihm passenden Zuhörern gern den wilden Mann in Eroticis spielte und Geschichten um seine Liebesaffären herum erfand, deren einfach konstituierte Substanz solche Belastung mit »Raffinements« nicht vertrug, aber den Bohèmien, der Wedekind zu einem Teile war, über sich hinaushob, ohne den Bürger, der er zum andern Teile war, ernsthaft zu schädigen, denn diesen wie jenen verband die etwas schwanke Konstruktion eines Schönheits- und Liebesideals, das sich aus der vollendeten Leiblichkeit gewann und deren freier Spiegelung. Unter dieser windigen Brahma-Brücke war immer alles am rechten Ort, denn alles reckte ein bißchen das lüsterne Zünglein und war dadurch einander ähnlich, wenn nicht gleich. Hier war nur der Zweifel an der Gottesgabe der Sinnlichkeit tödlich, oder die körperliche Häßlichkeit ein Stigma. Doch auch dieses ist nicht deutlich, denn Wedekind war dessen, was er meinte, nie sicher, was nicht bedeutet, daß er fähig gewesen wäre, sich zu widersprechen.)

Baudelaires Frauen: Die Riesin, die er liebte, ist eine Fabel wie die Zwergin. In solchen Aufschneidereien gefielen sich die jungen Leute um 1840, weil sie recht auffällig unbürgerlich nicht nur oft waren, sondern öfter noch erscheinen wollten. Die ersten Frauen werden die aus den heißen Gassen gewesen sein, die erste vielleicht diese kleine rote Straßensängerin mit dem jungen kränklichen Leib voll Sommersprossen, und Brüsten, strahlend wie Augen. Ihr, die er flanierend traf, widmet er seine ersten Verse, ein Freund, der Maler de Roy, stellt ihr Bild als die kleine Gitarrespielerin im Salon aus. Wie man sich zufällig fand, verlor man sich wieder; ein sentimentales Parfüm der ersten Küsse hielt lange vor; Erinnerung kehrte später zuweilen bei der kleinen Straßenbettlerin ein.

Baudelaire war zwanzig, als er in einem Café chantant die Mulattin Jeanne Duval traf, die am Quai de Bethune auf den Strich ging. Die sie kannten, sagten, sie sei nicht einen Groschen wert gewesen, ohne Charme, ohne Schönheit, ohne Witz, ohne Talent, ohne Herz. Aber hätte sie alle diese Eigenschaften besessen, so wäre sie ein durch unglückliche Umstände in die Prostitution geratenes gutes Mädchen gewesen, fast wert, von einem braven Manne gerettet und geheiratet zu werden. Nie hätte Baudelaire einer solchen bloß verunglückten Person sein Leben geopfert, wie er es für diese rätselhafte Bestie tat. Sie ließ ihn auf ihre Gunstbezeugungen warten, schickte ihn erst immer wieder zu dem Judenmädchen Sarah Louchette, die er ihr geopfert hatte, zu dieser kahlköpfigen Sarah, die eine Perücke trug, und deren eines Auge schielte. Sich um ein Paar Schuhe hingab, mit elf Jahren angefangen hatte und mit zwanzig ein altes Weib war.

Als ich bei einer Jüdin lag zur Nacht,
Ein Leichnam bei dem andern hingebreitet ...

Baudelaire hat oft an den Rand seiner Handschriften das Bild der Mulattin gezeichnet: große, völlig indifferente kalte Augen, anspringende Brüste, breite Hüften, diabolus in lumbis. Sie liebte starke Getränke, war streitsüchtig, verräterisch, hysterisch. Einen Liebhaber zu haben, erhöhte ihr das Vergnügen ihres Prostituiertenlebens. Als sich ihr Schicksal in Lues und Erblindung erfüllte, hungerte Baudelaire für sie, dachte er erst an ihr Leben, dann an seines. Sie war nie die Geliebte seiner Liebe gewesen. Und auch nur über einen Umweg, was man die Muse nennt. Sie war Spiegel und Relief seiner Erinnerungen an die tropische Landschaft: ein Tier, das sie belebte.

Beiß' ich in deine schweren schwarzen Zöpfe,
Ist mir's, als äße ich Erinnerungen ...
Asiens Schmachten, Afrikas Erglühen,
Die Ferne fühl' ich, längst verwehte Luft,
Duftenden Wald aus deinen Tiefen sprühen.

Das exotische Gefäß dieses mulattischen Weibes war wie kein anderes geeignet, daß er darein das Kostbarste seiner eignen träumenden Seele goß, die fließenden, duftenden Erinnerungen an sein Jünglingserlebnis in den Tropen. Die gestaltete Form dieses Weibes gab ihnen deutlicheren Umriß. Was er an der Mulattin liebte, war er selber in einem andern Leibe. Wenn die Beziehung zu Jeanne eine Ausschweifung war, bürgerlich gesprochen, dann war sie, bei der außerordentlich geringen Virilität des Dichters, ganz zerebral. Man könnte hier medizinisch deutlich werden und von Impotenz sprechen. Aber auch eine sehr viel tiefere Konzeption der Liebe verhinderte als Angst vor der Liebe, als Grauen vor dem Sinnlichen, als Abneigung gegen die Leidenschaft, als Unfähigkeit zu Besitzgefühl und Eifersucht, daß sich das, was man Gefühl nennt, in die üblichen Normen und Funktionen einer sexuellen Beziehung begibt. Baudelaire war nur einmal und sehr determiniert eifersüchtig gewesen: als Kind auf seinen Stiefvater. »Die Liebe kann von einem generösen Gefühl derivieren: die Lust an der Prostitution; aber sie ist allsofort verdorben von der Lust am Besitz, am Eigentum.« Diese Paradoxie löst sich aus der ganz mütterlichen Konzeption, die Baudelaire der Liebe gibt. Wie er auch sagen muß, daß ihm die Liebe zu einer intelligenten Frau als eine Perversion erscheint. Und der sexuelle Kontakt mit einer geliebten Frau als ein Inzest. Ohne den funktionellen Impetus des Sexuellen droht dem geschlechtlichen Kontakt nicht nur die Gefahr des Lächerlichen im unzulänglichen Versuch, sondern auch des Schamlosen, weil von einem Bemühen Isolierten, das größere Aufmerksamkeit auf sich lenkt, als es darf. Diese Schamlosigkeit verschwindet vor der Prostituierten als der nichts als Schamlosen. Oder wie im Falle des faunischen unfähigen Greises beim Kinde als dem mit dem Schamgefühl noch Unbekannten.

Da hier nicht vom Dichter die Rede ist, kann auf einem konstituierenden Element des dichterischen Wesens, dem imaginativen und bildhaften Erleben, nicht insistiert werden, auf dieser passiven Ruhe in der Bewegung, auf dem Kontemplativen in der Aktion, dort und hier hemmend, transponierend, anders richtend. Aber es wird dieses Element als eine Teilerscheinung der erotischen Morbidezza auch dort vorhanden sein, wo nicht durch den Hinzutritt noch weiterer Bedingungen aus dem so Gearteten der Dichter wird. Denn für diesen ist die erotische Morbidezza ja keineswegs eine notwendige Voraussetzung seines dichterischen Daseins. Die Spaltung des emotionalen Stromes in eine Deltamündung, wie man graphisch die erotische Morbidezza zeichnen könnte, wird, auch bei vollkommener Virilität, als Effekt einer ethischen oder ästhetischen Hyperästhesie zur Erscheinung kommen, wie in dem nicht so seltenen Fall, daß der Mann außerstande ist, seine über alles verehrte und geliebte Frau sinnlich zu »beschmutzen«, und die Wirkungen, welche seine seelischen und geistigen Ekstasen auf seine Mannheit haben, nur in den Armen der häßlichen Prostituierten kühlen kann, die für solches »gerade gut genug« ist. Kein Akt in den Vollziehungen der Liebe ist zu sublimieren. Wohl aber das Objekt bis zur keusch angebeteten Madonna.

Baudelaire verachtete die Frau der Zivilisation, weil sie zu wenig zivilisiert, zu natürlich, zu instinktiv sei: »Die Frau hat Hunger, will essen, hat Durst, will trinken, ist läufig, will beschlafen werden: großartiges Verdienst!« schreibt er in sein Tagebuch. Sie ist für ihn inferior, weil sie nie Seele und Leib, Gefühl und Sinnlichkeit trennen kann. Aber der Tag solcher männlichen Fähigkeiten der Frau war 1860 noch weit vom Anbruch: man erlebte erst 1925 das noch etwas zwittrige Zwischengebilde, das Bedenkliche fragen läßt, ob die Freiheit der Frau (oder die Befreiung der Frau vom männlichen Vorurteil, daß sie »lüstern« sei) diesen Preis wert ist. (Den Stadien der Befreiung entsprechend versuchte die Namengebung dem neuen Wesen nachzukommen: Demivierge, Garçonne, Girl – der erotisch indistinkt gewordne Sammelbegriff des männlichen appetitiven Verhaltens differenziert sich, verliert seine sexuelle Polarität, zerfällt in andere Benennungen.)

Verlust seines Geldes, Armut, Schulden, Elend, dadurch grauenvoll nahegerückte Leiblichkeit der Mulattin, die sich in den schmutzigsten Chambres garnis wohler fühlt als im Luxus, weil in ihnen die Gassen und die Gossen münden, voll Lust an solchem Elend ihres gepeinigten Liebhabers, weil sie dieses versteht und seinen sentimentalen Sensualismus nie verstand, wird sie – zehn Jahre hat die Liebe gedauert – von der bösen Krankheit heimgesucht, an den Händen gelähmt, erblindet, ein altes schauerliches Weib mit vierunddreißig, die Fürstin dieser Hölle, mit keinem Mitleiden versöhnbar, das er nun allein für sie fühlt, seine letzte Habe verkauft, um ihr Geld schicken zu können, das die fast Erblindete vertrinkt. Auf dem Sterbebett bittet er Freunde, sich der Unglücklichen anzunehmen, die ihn überlebte und starb, man weiß nicht wann und wo.

»Es gibt keinen Pardon für die Sünden der Jugend; ihre schreckliche Strafe währt das ganze Leben.« Der Dichter hat ihr Ende vergeblich in der Tiefe der Finsternisse gesucht. Der hier seiner Gier gereichte Becher stillte den Durst nicht. Er wandte sich nach dem Oben der Liebe, suchte Fuß zu fassen an den Ufern des zärtlichen Friedens, deren bloßer Anblick ihn schon beglückt.

Apollonie Sabatier pinselte, unter Meissonniers Anleitung, ein bißchen auf der Leinwand. Aber ihr Ruhm war ihre etwas mollige Schönheit, ihr um den prüden Anstand wenig bekümmerter Witz, ihre immer frohmütige Laune, ihre menschliche Güte. Das alles setzte ein sehr reicher Herr Mosselmann in den rechten Rahmen eines Palais in der Rue Frochot, das zu den beliebtesten Häusern des zweiten Kaiserreiches gehörte. Madame war die Präsidentin eines Kreises von Gästen, zu denen neben den Malern und Bildhauern der Zeit Gautier, Flaubert, die Brüder Goncourt gehörten. Clésinger stellte im Salon ihr Porträt in Marmor aus: die Frau von der Schlange gebissen, und Ricard ein Jahr darauf ihr Porträt als Dame mit Hund. Meissonnier mit einer Polichinelle folgte, und jedes Jahr ein anderer, der die leiblichen bedeutenden Reize dieser Frau festhielt. Edmond de Goncourt ist nicht gnädig mit ihrer Moralität – er nennt Madame eine Marketenderin für Faune. Der Ton muß etwas frei gewesen sein, der hier herrschte, anders hätte Gautier kaum seine etwas pornographische Lettre à la Présidente an Madame Sabatier geschrieben. Herr Mosselmann, der einen Architekten fragt: »Was kostet Ihre Kirche komplett fertig, Hostie im Maul«, war nicht der Mann, der Madame gehindert hätte, immer ein gutes Herz zu haben, wenn man es von ihr verlangte, und sie konnte Verliebte nicht leiden sehen mit ihren glücklich lachenden Augen in einem etwas kindlichen Gesicht. »Eine exzellente und vor allem gesunde Kreatur« nannte sie Flaubert und beschreibt damit schon jene spirituelle Mütterlichkeit, die auf den gleichaltrigen Baudelaire, der sich aus den Armen der schwarzen Venus löst, einen so starken Eindruck machte.

Über der Hölle der von keiner Liebe konsekrierten sinnlichen Lüste errichtete Baudelaire Stein um Stein in jahrelangem Dienste die Kirche eines reinen Liebeskultes mit dem Hauptaltar der Madonna-Apollonia.

Mit verstellter Schrift und anonym schickt er am 9. Dezember 1852 an Frau Sabatier Verse, für sie geschrieben mit der Bitte, sie niemandem zu zeigen. »Die tiefen Gefühle haben eine Scham, die nicht verletzt werden will. Die Abwesenheit meiner Unterschrift – ist es nicht ein Symptom dieser unbesiegbaren Scham? Der diese Verse geschrieben hat, in einem dieser Zustände der Träumerei, in die ihn oft das Bild jener stürzt, die der Gegenstand dieser Verse ist – er liebt sie, ohne es ihr je gesagt zu haben ...« Das begleitende Gedicht »An eine Frau, die allzu lustig ...« feiert die Reize dieser Frau und die Wut, die den Liebenden packt, der seine Qualen schleppt, und den solcher Glanz und solche Glut des Frühlings ins Herz treffen, so sehr, daß er in Wut auf die Blumen schlägt, um die Natur zu strafen.

Ich möchte einst zur Nacht
– – – – – – – – –
Zu deinen Schätzen dringen,
Ein Feigling, zu dir kriechen, stumm und sacht,
– – – – – – – – –
Dich züchtigen, du Gesunde,
Zerpressen deine Brust,
Ins blühende Fleisch voll Lust
Dir schlagen eine tiefe breite Wunde ...

Das war der Auftakt, um die Angebetete dort zu packen, wo sie empfindlich war: bei den Sinnen, und sie zu erregen, wie es einem Manne zukommt, der sich als ein solcher, und nicht als ein jugendlicher Schwärmer vorstellen will, aber doch auch die also Gemahnte nachdenklich zu machen und auf ihre heilige Rolle vorzubereiten. Schon das zweite, ebenfalls anonym gesandte Gedicht ist eine Litanei: »Engel der Heiterkeit, kennst du die finsteren Mächte ... Engel voll Güte, kennst du das lautlose Hassen ... Engel voll Reinheit, kennst du die fiebrischen Qualen ... Engel voll Güte und Freude, du leuchtende Sonne ... Ich aber flehe nur eines: denk mein im Gebet.«

Er beichtet ihr seine Tränen, seine Fieber, die Runzeln seiner Seele, seine Nächte, muß aber auch lachen über die Komik dieser anonymen Korrespondenz. »Aber was tun? Ich bin egoistisch wie die Kinder und die Kranken.« Um die Zeit dieses Briefes, 9. Mai 1853, ist er bereits häufiger Gast im Hause der Rue Frochot. Er begleitet die Präsidentin einmal nach Hause, und in der Melancholie eines Abends wird die immer fröhliche Frau weich und klagte: Kein leichtes Los, das Los der schönen Frauen. Das Vertrauen, das Vertrauende der Ermüdeten, Enttäuschten, vielleicht Zerstörten steigert des Dichters Liebe zu leidenschaftlicher Devotion.

Fünf Jahre lang bewahrte der Briefschreiber seine Anonymität. Nun fühlte er, es sei Zeit, ihr ein Ende zu machen, bevor dieses mystische Abenteuer ins Lächerliche sich wendete. Der Zufall kommt zuvor. »Sind Sie noch immer in meine Schwester verliebt, und schreiben Sie ihr noch immer so herrliche Briefe?« fragt ihn eines Morgens Frau Sabatiers kleine Schwester.

Mit einem Exemplar der eben erschienenen Blumen des Bösen schickt nun Baudelaire den mit unverstellter Hand geschriebenen letzten und mit seinem Namen signierten Brief:

»... die kleinen Schweine sind Verliebte, aber die Dichter sind Anbeter. Nehmen Sie ein Amalgam an von Träumerei, Sympathie, Respekt, tausend Kindereien voll Ernstes, und Sie haben ein beiläufiges Etwas dieser sehr ehrlichen Sache, die besser zu definieren ich mich nicht fähig fühle ... Sie zu vergessen ist nicht möglich ... Man sagt, es habe Dichter gegeben, die ihr Leben lebten, die Augen fixiert auf ein verehrtes Bild. Ich glaube in der Tat (aber ich bin da allzu persönlich interessiert), daß die Treue ein Zeichen des Genies ist ... Sie sind mehr als mein geträumtes und geliebtes Bild, Sie sind mein Aberglaube. Mache ich eine Dummheit, so sage ich mir: Gott, wenn sie das wüßte! Tue ich was Gutes, sag' ich mir: das bringt mich ihr im Geiste näher. Und das letztemal, wo ich (gegen meinen Willen) das Glück hatte, Ihnen zu begegnen (denn Sie wissen nicht, wie sorgfältig ich Sie floh), da sagte ich mir: Seltsam, wenn dieser Wagen sie erwartete; ich täte vielleicht besser, einen andern Weg zu nehmen. Und dann Ihr ›Gute Nacht‹ mit dieser geliebten Stimme, deren Timbre bezaubert und zerreißt. Ich ging und wiederholte mir meinen ganzen Weg lang dieses ›Gute Nacht‹ und versuchte, Ihre Stimme nachzumachen ... Sie sind meine tägliche Gefährtin und mein Geheimnis. Diese Intimität gab mir die Kühnheit und diesen vertrauten Ton.«

Frau Sabatier gab den Dank für diesen Brief wie sie konnte, und mit dem Besten, wie sie, für Männer wenigstens, zu haben glaubte, um das Bittere des Dichters mit ihrem Süßesten zu trösten: mit ihrem Leibe. Das Wagnis solcher mystischer Metamorphose aller Sinne in einen hätte, wie die Liebe Sentas und des Holländers, mit dem Tode schließen müssen zur Rettung der Illusion. Aber über der einen Nacht brach ein fahler Morgen an, und die Illusion schwand vor dessen Wirklichkeit. Das Leben ist Verführung und Verrat: In der Kathedrale der mystischen Liebe war nur zu deren Vernichtung ein Schlafzimmer zu errichten. Die Madonna durfte, um es zu bleiben, ihre Schleier nicht ablegen, und der Engel nicht seine Flügel wie ein Korsett.

»Vor einigen Tagen noch warst Du eine Göttin, und das ist so bequem, so schön, so unverletzlich. Jetzt bist Du Frau. Und wenn ich nun zu meinem Unglück das Recht auf Eifersucht erwürbe? Ah, wie grauenhaft, bloß daran zu denken! Mir graut vor der Leidenschaft, weil ich sie kenne mit allen ihren Ruchlosigkeiten und Schrecken – und nun wird das vielgeliebte Bild, das alle Abenteuer des Lebens beherrschte, allzu verführerisch.« In dem verzweifelten Chaos dieses Briefes, der Antwort ist auf zwei verlorene Briefe der nun für ihn Verlorenen – daß sie keinerlei Scham besitze, stand in einem, daß sie ihm immer gehöre mit Hirn und Leib und Seele, im andern – greift Baudelaire jedes Mittel auf, seine Flucht aus dieser Liebe zu rechtfertigen. Oder seine Niederlage. Sogar dieses, daß es unrecht wäre, – den liebenden Herrn Mosselmann zu betrügen.

Er hatte in fünfjähriger Anbetung eines Traumes seine Kräfte anders gerichtet als auf die Umarmung einer Leibhaftigkeit. Sein Fleisch stöhnte in diesen Jahren im ungeliebten Fleische der schwarzen Venus. Es mußte die sinnliche Brücke von einem zum andern Erlebnis beim ersten Schritt darauf zusammenbrechen, hinunter in die seelenlose Hölle. Er fand die zarten Hände der Madonna Apollonia erst auf dem Sterbebette wieder, als sie ihm den Todesschweiß von der herrlichen Stirne wischten.

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