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George Gordon Noël Byron: Manfred - Kapitel 4
Quellenangabe
typepoem
authorGeorge Gordon Noel Lord Byron
titleManfred
created20020311
senderSteffen.Fahl@t-online.de
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Dritter Akt

Erste Szene

Eine Halle in Manfreds Schloß

(Manfred und Hermann)

Manfred: Wie spät ist's?

Hermann: Eine Stunde fehlt zum Abend,
Und schöne Dämmerung verspricht sie.

Manfred: Sprich!
Ist alles so geordnet in dem Turme,
Wie ich's bestellte?

Hermann: Alles Herr! Hier ist
Der Schlüssel und das Kästchen.

Manfred: Wohl! du kannst Nun geh'n.

(Hermann ab)

Manfred: (allein)
In mir ist Ruhe, eine Stille,
Die unbeschreiblich ist, und nie bis jetzt
Dem Leben, wie ich's kenne, eigen war.
Wenn ich nicht wüßte, daß Philosophie
Die scheckigste von aller Torheit ist,
Das schalste Wort, das je das Ohr genarrt
Im Kauderwälsch der Schule – dächt' ich fast,
Das goldene Geheimnis »Kalon« hat
In meiner Seele Sitz. Es wird nicht dauern;
Doch gut, daß ich's gekannt, wenn auch nur einmal.
Mit neuem Sinn erweitert es mein Denken,
Und in mein Tagebuch möcht ich bemerken,
Daß solcherlei Gefühl es gibt. Wer kommt?

(Hermann tritt wieder ein)

Hermann: Der Abt von St. Maurice begehrt Euch, Herr!
Zu grüßen.

(Der Abt tritt ein)

Abt: Friede sei mit dir, Graf Manfred!

Manfred: Dank, heil'ger Vater! Sei willkommen! Ehre
Ist diesen Mauern deine Gegenwart,
Und Segen den Bewohnern.

Abt: Wär'es so!
Doch dich allein nur möcht' ich gerne sprechen.

Manfred: Geh'Hermann!
Nun – mein hochehrwürd'ger Gast?

Abt: So, ohne Eingang. – Alter, Eifer, Amt,
Und gute Absicht muß mein Freibrief sein,
Wie uns're Nachbarschaft, zwar nie vertraut,
Mir Herold werde. Seltsames Gerücht,
Und von unheil'ger Art läuft um und schaltet
Mit deinem edlen Namen, edel seit
Jahrhunderten. O daß ihn unbescholten
Der jetzt ihn trägt, vererbe.

Manfred: Nun? ich höre.

Abt: Man sagt, daß du Verkehr mit Dingen hältst,
Wonach zu forschen Menschen nicht erlaubt ist,
Daß mit Bewohnern finstern Aufenthalts,
Mit vielen bösen, gottverstoß'nen Geistern,
Die in dem Schattental des Todes wandeln,
Du Umgang pflegst. Ich weiß, daß du mit Menschen,
Mit deinen Mitgeschöpfen selten nur
Gedanken wechselst, daß in Einsamkeit
Du Eremiten gleichst. Wär'sie nur heilig!

Manfred: Und welche sind es, die mich dessen zeihen?

Abt: Die frommen Brüder – die erschrock'nen Bauern,
ja deine Mannen selber, deren Blick
Dir bangend folgt. Dein Leben ist gefährdet.

Manfred: Nimm's!

Abt: Nur zu retten, nicht zu töten kam ich,
Ich will nicht spähn in dein geheimes Herz;
Doch wäre jenes wahr, so ist noch Zeit
Zur Buße, wie zur Gnade. Söhn'dich aus
Mit uns'rer Kirche, und durch sie mit Gott!

Manfred: Ich hörte – dies sei Antwort: was ich auch
Gewesen oder bin, ruht zwischen mir
Und Gott; ich werde keinen Sterblichen
Zum Mittler wählen. Habe ich gesündigt,
Zuwider eu'rer Satzung – forscht und straft!

Abt: Mein Sohn! ich sprach ja nicht von Strafe, nur
Von Buße und Vergebung, und dir selbst
Bleibt ja die Wahl. In Anbetracht der letztern
Ist durch Gesetz und unsern starken Glauben
Mir Macht erteilt, von Schuld den Weg zu bahnen
Zu höh'rem Hoffen und zu bess'rem Denken;
Die erste lass' ich Gott. »Mein ist die Rache!«
So spricht der Herr, und voll von Demut ruft
Sein Knecht das Echo des erhab'nen Wort's.

Manfred: Nein, alter Mann, nicht heil'ger Männer Kraft,
Nicht Zauber des Gebet's, nicht Reinigung
Durch Buße, nicht der äuß're Schein, nicht Fasten,
Nicht Bangigkeit, nicht – mehr als alles dies
Nicht innere Folter der Verzweiflungstiefe,
Der Seelenangst, die nicht die Hölle fürchtet,
Und für sich selbst doch ganz und gar genügend
Aus Himmel Hölle machte – nichts vertreibt
Aus grenzenlosem Geist lebendiges
Gefühl von Unrecht, Schmerz und Rache an
Sich Selbst, und keine künft'ge Qual übt so
Gerechtigkeit an Selbstverdammten, als
Er selbst an eig'ner Seele.

Abt: Alles wahr!
Doch alles dies vergeht und wird gefolgt
Von ahnungsvoller Hoffnung, die hinauf
Mit sich'rer Ruhe blickt zum sel'gen Port,
Den jeder, der ihn sucht, gewinnt, was auch
Sein Fehl hienieden war – wenn nur versöhnt.
Und der Versöhnung Anfang ist, zu fühlen,
Daß man Versöhnung braucht. Vertraue mir!
Die Kirche wird in allem dich belehren.
Und was sie nur verzeihen kann, verzeihn.

Manfred: Als nah' dem End' Rom's sechster Kaiser war
Ein Opfer der sich selbst gegeb'nen Wunde,
Um Schmach zu meiden öffentlichen Tod's
Durch Senatoren, seine Sklaven einst;
Da wollte ein Soldat erbarmend stillen
Der Wunde Strom mit dienstbefliss'nem Kleid:
Doch sterbend stieß der Römer ihn von sich,
Und sprach, noch herrschend mit gebroch'nem Blick:
»Es ist zu spät! Ist dieses deine Treue?«

Abt: Wie meinst du das?

Manfred: Ich sage wie der Römer:
Es ist zu spät!

Abt: O nimmer ist's zu spät,
Dich mit dem eig'nen Geiste auszusöhnen,
Und deinen Geist mit Gott. Kannst du nicht hoffen?
’s ist seltsam! Grade die für dort verzweifeln,
Träumen ein ird'sches Ideal, woran
Wie Schwindelnde am schwachen Zweig sie hangen.

Manfred: ja, Vater! einmal träumt' ich irdisch auch,
Und edel war mein Trachten in der Jugend,
Zum Geist der andern meinen Geist zu machen,
Die Völker zu erleuchten, und zu steigen
Ich weiß nicht mehr wohin – und sei's zum Falle;
Zum Falle aber, wie der Katarakt,
Der selbst herabgestürzt von stolz'rer Höhe,
In seines Abgrund's schäumender Gewalt,
(Die aufwärts Nebelsäulen schleudert, die
Als Wolken vom erstieg'nen Himmel regnen),
Tief aber mächtig liegt. Das ist vorbei!
Mein Geist ward an sich selber irr!

Abt: Warum?

Manfred: Nicht nieder zähmen konnt' ich ihn.
Er, der Gern herrschte, sollte dienen, schmeicheln, bitten,
Und allzeit wachen, aller Orten späh'n,
Lebend'ge Lüge sein – er, der gewaltig
Wohl unter Wichten würde – und das sind
Die Massen. Nein! nicht mischen mocht'ich mich
Zur Herde, selbst als Führer nicht – von Wölfen.
Der Löwe ist allein, und so bin ich.

Abt: Warum nicht leben, wirken mit den Menschen?

Manfred: Weil Leben meinem Herzen widerstrebt,
Es ist nicht grausam; denn nicht machen, finden
Nur wollt'ich eine Wildnis, wie der Wind,
Der einsamste, der rote heiße Smum,
Der nur in Wüsten wohnt, und dort durchfegt
Den dürren Sand, der nichts zum Sengen bietet,
Auf seinen wilden, trocknen Wogen tobt,
Nicht sucht, so daß er nicht gesucht – allein
Begegnend tödlich wird. Und so war ich
Auf meiner Lebensbahn, und Dinge kamen
Mir in den Weg, die nicht mehr sind.

Abt: Ach, schon
Entronnen, fürcht' ich, bist du aller Hilfe,
Wozu Beruf mich treibt. Und doch – so jung!
Noch möcht' ich –

Manfred: Sieh'mich an! Auf Erden gibt
Es Sterbliche, die in der Jugend altern,
Und vor den mittlern Jahren sterben ohne
Gewalttat eines kriegerischen Todes:
Die an der Freude – die am tiefen Denken
Die Müh'erlegen – die vor Überdruß
Die an Gebrechen – die an Geistzerrüttung
Und die an welken und gebrochnen Herzen;
Denn das ist eine Krankheit, welche mehr
Erschlägt, als in den Totenlisten steh'n,
In jeder Form und mit verschied'nen Namen.
Nun sieh'mich an! An allen diesen Übeln
Nahm ich auch teil, von allen diesen Übeln
War eins genug – und wund're dich – nicht daß
Ich das bin, was ich bin – nein! daß ich's war,
Es war – und immer noch auf Erden wandle.

Abt: Doch höre –

Manfred: Greis! ich achte deinen Stand,
Und ehre deine Jahre, deine Absicht auch
Erscheint mir fromm; allein es ist vergebens.
Nimm's nicht für Starrsinn; Schonung ist's für dich
Weit mehr als mich, daß jedes fernere
Gespräch ich meide nun. Und so – leb'wohl.

(Ab)

Abt: Ein edles Wesen konnte dieser werden,
Er hat die Vollkraft ganz, die formen mag
Ein herrlich Bild aus lichten Elementen,
Wenn sie sich weise einen. So ist nur
Ein grauses Chaos, Licht und Dunkel, Geist
Und Scholle, Leidenschaft und klares Denken,
Gemischt und streitend ohne End' und Zweck,
Zerstörend oder schlummernd. Er will sterben,
Und soll nicht; einmal noch will ich's versuchen.
Ein solcher ist der Rettung wert, und Pflicht
Heißt alles wagen für gerechte Sache.
Ich folge ihm, behutsam – doch beharrlich.

(Ab)

Zweite Szene

Ein anderes Zimmer

(Manfred und Hermann)

Hermann: Herr! Ihr befahlt,
Euch abends zu erwarten
Die Sonne sinkt schon in die Berge.

Manfred: Wirklich? Lass'sehen!
(Manfred tritt ans Fenster)
Strahlenkugel! Abgott einst
Der jungen Welt! des kräftigen Geschlechts
Gesunder Menschheit, jener Riesensöhne,
Die Engel mit noch schön'ren Wesen zeugten,
Als jene waren, die herabgelockt
Verirrte Geister, die zurück nicht können;
Glorreichster Ball! der angebetet wurde,
Eh'kund war das Geheimnis deiner Schöpfung;
Du des Allmächt'gen erster Abgesandter!
Der auf Chaldäas Bergeshöh'n erfreute
Das Herz der Hirten, bis es sich ergoß
In Dankgebet; du körperlicher Gott!
Des Unerkannten Stellvertreter! der
Zum Schatten dich erkor; du erster Stern!
Du Sternen-Mittelpunkt! der noch die Welt
Erträglich macht, und Herz und Farbe allen
Gestimmt hat, die in deinen Strahlen wandeln;
Der Jahreszeiten Vater! der Klimate
Und ihrer Völker Fürst! denn nah'und fern
Nimmt eingeborner Geist wie äußeres
Erscheinen Färbung an von dir – du steigst
Und scheinst und sinkst in Glorie! Leb'wohl!
Ich seh' dich nie mehr! – Wie mein erster Blick
Voll Lieb'und Staunen dein war, so nimm'auch
Den letzten nun. Nie strahlen wirst du mehr
Ihm, dem die Gaben der Natur und Wärme
Nur unheilbringend waren. – Sie ist hin!
Ich folge.

(Ab)

Dritte Szene

Die Gebirge. Manfreds Schloß in einiger Entfernung.
Eine Terrasse vor einem Turm. Dämmerung

(Hermann, Manuel und andere Diener Manfreds)

Hermann: Seltsam genug! Schon Jahre, Nacht für Nacht,
Blieb er in diesem Turme lange wach,
Und ließ nicht Zeugen zu. Ich war darin,
Wie wir zu Zeiten alle; doch aus ihm
Und seinem Inhalt wäre es unmöglich
Bestimmten Schluß zu zieh'n auf das, wohin
Sein Forschen zielt. Zu größ'rer Sicherheit
Dient ein Gemach, das niemand noch betrat.
Ich gäbe von drei Jahren meinen Lohn
Die Heimlichkeit zu seh'n.

Manuel: Es wär'gefährlich,
Begnüge dich mit dem, was du schon weißt.

Hermann: Ach, Manuel, du bist älter und erfahren,
Und wüßtest viel – du wohnst ja hier im Schloß
Wie lang ist's?

Manuel: Eh' Graf Manfred noch geboren.
Dem Vater dient' ich, dem er gar nicht gleicht.

Hermann: Mehr Söhne noch gibt's von demselben Schlage!
Worin sind sie verschieden?

Manuel: Ich erwähne
Nicht Miene und Gestalt, nur Geist und Sitten.
Graf Sigismund war stolz, doch froh und frei,
Ein Krieger und ein Schwelger; lebte nicht
In Einsamkeit und Büchern; weihte nicht
Die Nacht zu düst'rem Wachen – nein, zu Festen,
Noch lust'ger, als bei Tag; durchstriff nicht Felsen
Und Wälder, wie ein Wolf, und floh die Menschen
Und ihre Freuden nie.

Hermann: Verwünschtes jetzt. Das waren gute Zeiten!
O, besuchten Sie nur die alten Mauern wieder!
Seh'n ja aus, als ob sie's schon vergessen.

Manuel: Ja,
Sie müssen erst den Herrn verändern. O
Was sah ich alles.

Hermann: Komm'! sei offen, und
Erzähl'mir was, das Wachen wegzuplaudern.
Du sprachst schon dunkel einst von einem Vorfall
Der hier herum sich zutrug bei dem Turm.

Manuel: ja, das war eine Nacht! Noch denk'ich d'ran
Im Zwielicht war's, wie jetzt, es war gerade
Ein solcher Abend. jene rote Wolke,
Die auf der Zinne liegt, lag eben so,
So daß es ganz dieselbe scheint; der Wind
War schwül und stürmisch, und der Bergschnee fing
Graf Manfred war, wie jetzt, in seinem Turme, –
Wer weiß womit beschäftigt, – und bei ihm
Die einzige Gefährtin seines Wanderns
Und Wachens, die von allen Erdendingen,
Die leben, er allein zu lieben schien,
Wozu er auch durchs Blut verpflichtet war –
Astarte nämlich, seine – Still! Wer kommt?

(Der Abt von St. Maurice kommt)

Abt: Wo find'ich euren Herrn?

Hermann: In jenem Turm.

Abt: Ich muß ihn sprechen.

Manuel: ja, das ist unmöglich
Er ist jetzt ganz allein, und überlaufen
Darf man ihn nicht.

Abt: Ich nehme auf mich selbst
Des Fehlers Ahndung, wenn's ein Fehler ist.
Ich muß ihn seh'n.

Hermann: Du sah'st ihn einmal schon
Heut’abend.

Abt: Hermann! ich befehle dir:
Klopf' und bericht' dem Grafen meine Nähe.

Hermann: Wir dürfen nicht.

Abt: So muß ich, scheint es, selbst
Ihm melden den Besuch.

Manuel: Ehrwürd'ger Vater!
Ich bitt' Euch, bleibt!
Zu glitzern an im aufgegang'nen Monde.
Abt: Warum?

Manuel: Kommt nur mit mir!
Ich sage Euch dann mehr.

(Beide gehen ab)

Vierte Szene

Das Innere des Turms

(Manfred allein)

Manfred: Schon blinken die Gestirne, und der Mond
Bestrahlt schneeflimmernde Gebirge – Herrlich!
Noch fesselt mich Natur; denn ihre Nacht
War traulicher für mich von Angesicht
Als Menschen, und in ihres Sternendunkels
Geheimer, sanfter Lieblichkeit erlernte
Die Sprache ich von einer andern Welt.
Es mahnt mich jetzt, wie ich in meiner Jugend,
Als ich ein Pilger war, in solcher Nacht
Im Kolosseum weilte, mitten unter
Den größten Resten des allmächt'gen Roms.
Die Bäume längs gebroch'nen Bogen wiegten
Sich dunkel in der blauen Mitternacht;
Gestirn schien durch die Spalten des Ruins,
Gebell scholl fernher über'n Tiberstrom,
Und näher vom Palaste der Cäsaren
Der Eule banger Schrei, und unterbrochen
Begann entfernter Wächter Wechselsang,
Und starb auf sanftem Winde hin. Zypressen
Zeigten durch zeitzerfress'ne Breschen sich
Wie fern am Horizont, und standen nah'
Auf einen Bogenschuß – wo Kaiser wohnten,
Und jetzt gesanglos Nachtgeflügel wohnt
In einem Hain, entsproßt geschleiften Zinnen,
Und wurzelnd in dem kaiserlichen Herd.
Den Lorbeer hat der Eppich dort verdrängt;
Allein des Fechters blut'ger Zirkus steht
Noch edel in Ruin'-Vollkommenheit,
Weil Cäsars Säle und Augustus' Hallen
Am Boden kriechen im verworr'nen Schutt.
Und du, hinwandelnd, sahst auf alles dies,
Und warfst, o Mond! dein volles, sanftes Licht,
Das mild hinwegschmolz die ergraute Strenge
Rauher Verödung, und aufs neue täuschend
Die Klüfte füllte der Jahrhunderte,
Schön lassend Immerschönes und verschönend
Das, was nicht schön war, bis zum Heiligtum
Die Stätte ward und Herzen überflossen
Von stiller Andacht vor der alten Größe,
Wo Herrscher selbst im Tod bezeptert noch
Aus Urnen uns regieren. – Solche Nacht war's.
Wohl seltsam! daß ich jetzt mich d'ran erinn're;
Doch die Gedanken – ich erfuhr es – nehmen
Gerade dann den wild'sten Flug, wenn Ernst
Sie ordnend sammeln soll.

(Der Abt tritt ein)

Abt: Mein guter Herr!
Um neue Nachsicht fleh'ich für mein Kommen.
Lass'meines Eifers Demut dich nicht kränken
Durch Überdrang! Was daran Böses ist,
Das fall'auf mich; die gute Wirkung aber
Treff' Euer Haupt – o könnt' ich sagen: Herz!
Und könnt'ich's rühren durch Gebet und Lehre!
Dem Irrtum wär' ein edler Geist entrissen.
Noch ist nicht alles hin!

Manfred: Du kennst mich nicht.
Gezählt sind meine Tage, angemerkt
Sind meine Taten. – Fort! sonst ist's gefährlich.

Abt: Du willst mir doch nicht drohen?

Manfred: Nein, nicht ich,
Ich sag' dir nur, es ist Gefahr zur Hand;
Bewahren will ich dich.

Abt: Was meinst du?

Manfred: Sieh'! Was schau'st du?

Abt: Nichts.

Manfred: Da sag'ich, blicke hin,
Und unverwandt! – Nun sag' mir, was du sieh'st.

Abt: Was schrecken sollte – doch ich fürcht' es nicht.
Ich sehe Qualm und eine Schreckgestalt,
Gleich einem Höllengott, steigt aus der Erde;
Sein Antlitz ist verhüllt, und seine Form
Wie angetan mit Zorngewölk. Er stellt
Sich zwischen uns; allein ich fürcht' ihn nicht.

Manfred: Mit Recht! Er soll kein Leid dir tun; doch treffen
Kann dich der Schlag bei seinem Anblick, Greis!
Ich sag' dir, geh'!

Abt: Und ich entgegne dir:
Nie – bis ich mit dem Teufel erst gerungen.
Was tut er hier?

Manfred: Wie – ja, was tut er hier?
Ich rief ihn nicht, er kommt auch ungebeten.

Abt: Ach du Verlorener! Mit solchen Gästen
Hast du zu tun? Ich zitt're für dein Los.
Warum blickt er auf dich und du auf ihn?
Weh'! er enthüllt sein Antlitz – auf die Stim
Grub Narben ihm der Donner – aus dem Blick
Loht die Unsterblichkeit der Hölle auf –
Entfleuch!

Manfred: Sprich! was ist deine Sendung?

Geist: Komm!

Abt: Wer bist du, unbekanntes Wesen? Antwort!

Geist: Der Dämon dieses Menschen. – Komm'! 's ist Zeit.

Manfred: Ich bin bereit zu allem, doch ich leugne
Die Macht, die mich beruft. Wer schickt dich her?

Geist: Bald wirst du's wissen. Komm'! komm'!

Manfred: Ich gebot
Schon Wesen, die weit größer sind, als du,
Und rang mit deinen Meistern. Heb' dich fort!

Geist: Mensch! deine Stunde ist gekommen. Folg'!

Manfred: Ich weiß und wußte meine Stunde nah';
Doch einem solchen lass' ich nicht die Seele.
Fort! Ich will sterben, wie gelebt – allein.

Geist: Dann muß ich meine Brüder rufen. Kommt!

(Andere Geister steigen auf)

Abt: Entweicht, ihr bösen Feinde! Folgt! Entweicht!
Ihr habt nicht Macht, wo Macht der Fromme hat.
Ich banne euch beim Namen –

Geist: Alter Mann!
Wir kennen uns, dein Amt und uns're Sendung –
Verschwende nutzlos heil'ge Worte nicht;
Es wär' umsonst. Der Mann ist uns verfallen.
Noch einmal ruf'ich dich. – Hinweg! hinweg!

Manfred: Ich trotz' euch! – Fühl' ich meine Seele auch
Hinweg mir ebben – dennoch trotz' ich euch!
Ich will nicht fort, so lang ich Atem habe,
Euch Abscheu zuzuatmen – Kräfte noch,
Mit Geistern mich zu balgen. Was ihr nehmt,
Nehmt Glied für Glied!

Geist: O Widerstrebender!
Ist das der Zauberer, der gern durchstriff
Die unsichtbare Welt, der uns sich fast
Vergleichen wollte! Kann es sein, daß du
Ins Leben so verliebt bist, in ein Leben,
Das elend dich gemacht!

Manfred: Das lügst du, Falscher!
Ich weiß, mein Leben zählt die letzte Stunde –
Nicht ein Moment daran sei eingelöst!
Ich kämpfe mit dem Tod nicht, nur mit Dir
Und deinem Teufelsanhang. Meine Macht
Ward nicht durch Pakt erkauft von deiner Rotte,
Durch hohes Wissen nur, Entsagung, Wagnis,
Durch langes Wachen, Kraft des Geist's und Kunde
Der Kenntnis uns'rer Väter, als die Erde
Noch Menschen sah mit Geistern traulich wandeln,
Und euch nicht Obmacht zugestand. Ich stehe
Auf meiner Kraft – ich trotze, leugne, stoße
Mit Abscheu euch zurück!

Geist: Doch durch Verbrechen
Bist du – –

Manfred: Was sind sie solchen, wie du bist?
Muß Schuld durch an'dre Schuld gezüchtigt werden,
Durch größ're Lastertat? – Zurück zur Hölle!
Du hast an mir Gewalt nicht – dieses fühl' ich;
Du wirst mich nie besitzen – dieses weiß ich;
Was ich getan, das ist getan. In mir
Trag' ich die Qual, die du nicht mehren kannst.
Der Geist, der ewige, übt an sich selbst
Vergeltung böser oder guter Werke,
Ist eig'ner Ursprung seiner Pein und Ziel',
Ist Raum und Zeit sich selbst; der inn're Sinn
Nimmt seiner Sterblichkeit entschält, nicht Farbe
Von äußern, flüchtigen Gebilden mit,
Ist vollgesaugt von Schmerz schon oder Freude
Nach der Erkenntnis eigenen Verdienst's.
Du hast mich nicht verführt – du konntest's nicht;
Ich war dein Tropf nicht – bin auch nicht dein Raub;
Ich war mein eigener Verderber, will's
Auch sein in Hinkunft. Fort, geprellte Teufel!
Die Hand des Todes liegt auf mir – nicht eure.

(Die Dämonen verschwinden)

Abt: Wie bleich du bist! der Mund ist weiß – die Brust
in Aufruhr – und in heis’rer Kehle röchelt
Der Ton. Schick' dein Gebet gen Himmel! Bete,
Im Geiste mindestens! nur stirb nicht so!

Manfred: 's ist aus! Ich kann dich nicht ins Aug' mehr fassen
Um mich schwimmt alles – und die Erde hebt sich
Als käm' es wühlend unter mir. – Leb' wohl!
Gib mir die Hand.

Abt: Kalt – kalt – schon bis ans Herz.
Nur ein Gebet noch! Ach, wie ist dir denn?

Manfred: O Alter! es ist nicht so schwer zu sterben.

(Er stirbt)

Abt: Er schied – sein Geist nahm den unird'schen Flug
Wohin? mich schreckt's zu denken – doch, er schied.

(Der Vorhang fällt)

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