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George Gordon Noël Byron: Manfred - Kapitel 3
Quellenangabe
typepoem
authorGeorge Gordon Noel Lord Byron
titleManfred
created20020311
senderSteffen.Fahl@t-online.de
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Zweiter Akt

Erste Szene

Eine Hütte in den Berner Alpen

(Manfred und der Gemsenjäger)

Gemsenjäger: Nein; bleibe noch! Schon fortgehn'darfst du nicht;
Denn Geist und Leib sind noch gleich ungeschickt,
Sich zu vertrauen – wenigstens für Stunden.
Fühlst du dich wohler, will ich Führer sein.
Allein wohin?

Manfred: Was kümmert's dich! Ich kenne
Den Weg recht gut, und brauch' nicht fern're Leitung.

Gemsenjäger: Kleid und Gestalt verraten hohe Abkunft,
Wohl einen der Gewalt'gen, deren Türme
In tiefre Täler schauen. Welcher nennt
Dich seinen Herrn? Ich kenne nur die Tore.
Mein Lebensweg führt selten mich hinab,
Am Herd der alten Hallen mich zu wärmen,
Zu zechen mit Vasallen; doch die Pfade,
Die vom Gebirg' zu ihren Toren führen,
Kenn'ich von Kindheit. Welcher ist der deine?

Manfred: Was soll's?

Gemsenjäger: Nun, Herr! verzeihe mir die Frage.
Sei bess'rer Laune – koste meinen Wein.
Er ist von alter Lese; manchen Tag
Hat zwischen Gletschern er mein Blut getaut
Er soll's auch dir. Tu' freundlich mir Bescheid!

Manfred: Hinweg! hinweg! Blut ist an seinem Rande.
Will es denn nie – nie in die Erde sinken?

Gemsenjäger: Wie meinst du das? du bist ja nicht bei Sinnen.

Manfred: Ich sage Blut – mein Blut – das reine, warme,
Das in der Ahnen Adern rann und unsern,
Als wir noch jung, ein Herz nur hatten und
Uns liebten, wie wir uns nicht lieben sollten.
Vergossen ist's – doch immer steigt es auf,
Färbt Wolken, die mich aus dem Himmel schließen,
Wo du nicht bist, und ich nicht werde sein.

Gemsenjäger: Mann dunkler Worte! und halb tollen Sinn's,
Der öden dich bevölkern läßt – was immer
Dein Schreck und Leiden sei; noch gibt es Trost:
Des Priesters Beistand und des Himmels Langmut.

Manfred: Langmut und Langmut! fort! dies Wort ist nur
Gemacht fürs Lasttier, nicht für Raubgeflügel.
Den Menschen deines Staubs magst du es pred'gen
Ich bin nicht deines Standes

Gemsenjäger: Dank dem Himmel!
Ich mag's nicht werden um den freien Ruhm
Des Wilhelm Tell. Doch was dein übel sei
Du mußt es tragen; nutzlos fährst du auf.

Manfred: Und trag' ich's nicht? Blick' her auf mich! Ich lebe.

Gemsenjäger: Das ist nur Krampf, und kein gesundes Leben.

Manfred: Ich sag' dir, Mann! ich lebte viele Jahre,
Viel lange Jahre –doch sie sind ein Nichts;
Die ich noch zählen muß, sind Alter –Alter
Unendlichkeit und Ewigkeit – Bewußtsein
Mit heißem Durst nach Tod – stets ungelöscht.

Gemsenjäger: Wie – deine Stirne trägt ja kaum das Siegel
Der mittlern Jahre; älter bin ich wohl.

Manfred: Und denkst du, Dasein hängt von Zeit ab? Wohl!
Doch Taten sind Epochen – und die meinen,
Sie machten Tag'und Nächte unvergänglich,
Endlos, und alle gleich wie Sand am Ufer
Unzählige Atome – eine Wüste,
Verdorrt und kalt, wo wilde Wogen branden,
Wo nichts sich zeigt als Leichen, Trümmer, Felsen,
Und salzbespritzten Unkrauts Bitterkeit.

Gemsenjäger: Weh! er ist toll, doch darf ich ihn nicht lassen.

Manfred: Wär'ich's! dann wären auch die Dinge, die
Ich sehe, nur ein kranker Traum.

Gemsenjäger: Und was Erblickst du, oder glaubst du zu erblicken?

Manfred: Mich selbst, und dich, den Bauer aus den Alpen,
Dein gastlich Haus und deine schlichte Tugend,
Ein Herz, geduldig, fromm und stolz und frei,
Selbstachtung, eingepfropft dem Sinn der Unschuld,
Bei Tag Gesundheit, Schlaf bei Nacht, und Arbeit,
Geadelt durch Gefahr, doch schuldlos – Hoffnung
Auf heit'res Alter und ein stilles Grab,
Mit Kreuz und Kranz auf seinem grünen Rasen,
Und drauf als Grabschrift deiner Enkel Liebe
Das sehe ich, und schaue dann hinein –
Gleichviel! schon ausgebrannt ist meine Seele.

Gemsenjäger: Und möchtest du dein Los mit meinem tauschen?

Manfred: Nein! Freund! ich will dich nicht betrügen, will
Mein Los mit niemand tauschen – tragen kann ich's;
Wie elend auch, zu tragen ist es doch,
Was and're nicht im Traum ertrügen, was
Im Schlaf sie tötete.

Gemsenjäger: Und du, mit so Besorglichem
Gefühl für fremden Schmerz,
Du wärest schwarz von Bosheit? Sprich nicht so!
Hat einer, sanften Sinnes, Rache je
Geübt an seinen Feinden!

Manfred: Nein! o nein!
Ich habe die verletzt, die mich geliebt,

Die ich am meisten liebte.
Nie erschlug Ich einen Feind, als in gerechter Notwehr
Umarmend gab ich Tod. –

Gemsenjäger: Gott schenk' dir Ruhe!
Und Buße bringe dich zu dir zurück!
Auch ich will beten für dich –

Manfred: Hab's nicht Not;
Duld'aber doch dein Mitgefühl. Ich scheide –
's ist Zeit. Leb'wohl! – Da, Gold und Dank für dich-
Kein Wort! Du hast's verdient. – Nein, folg'mir nicht!
Ich weiß den Weg –die Berggefahr verschwand
Ich bitte dich noch einmal, folge nicht!

(Manfred geht ab)

Zweite Szene

Tieferes Tal in den Alpen. Wasserfall

(Manfred kommt)

Manfred: Noch Mittag nicht. Des Sonnenbogens Strahlen
Umwölben noch den Strom mit Himmelsfarben,
Und zieh'n sich um der Wogensäule Silber,
Über des Felsens scheitelrechten Absturz,
Und spielen längs des Schaumlichts Streifen her
Und hin, wie jenes fahlen Rosses Schweif,
Des Riesenpferds, worauf der Tod saß, wie
Es in der Offenbarung heißt. Kein Auge
Als meines jetzt verschlingt den schönen Anblick.
Hier sollte ich in süßer Einsamkeit
Allein, nur teilen mit dem Geist des Orts
Die Heimat dieser Flut! – Ich will ihn rufen.
(Manfred schöpft etwas Wasser auf die Handfläche und spritzt es in die Luft, eine Beschwörung murmelnd. Nach einer Pause steigt die Alpenfee empor unter dem Bogen der Sonnenstrahlen auf dem Strome.)
O schöner Geist! mit deinem Haar von Licht
Und blendend hellem Blick, in dessen Bild
Die Anmut sterblich kleiner Erdentöchter
Zu überird'scher Höhe wächst, zum Wesen
Aus rein'rem Element, dem Jugendblüte
Wie schlummernd sich des Kindes Wange färbt,
Woran die Brust der Mutter wallend schlägt;
Wie Sommerzwielicht Rosenschimmer läßt
Auf jungfräulichem Schnee erhab'ner Gletscher,
Die Erdenröte an den Himmel schmiegend
Im Himmelsantlitz leuchtet, und den Reiz
Der Iris zähmt, die über dir sich wölbt;
O schöner Geist! auf ruhig klarer Stirne,
In der sich Heiterkeit der Seele spiegelt,
Die durch sich selbst Unsterblichkeit verrät,
Les' ich Verzeihung für den Erdensohn,
Dem die geheim'ren Mächte es erlauben,
Mit ihnen manchmal zu verkehren, wenn
Er Zauberkräfte nützt – daß ich dich rief,
Und für Momente schaue.

Fee: Sohn der Erde!
Ich kenne dich und sie, die Macht dir gaben,
Ich kenne dich als Mann von viel Gedanken
Und Taten, gut und bös, in beiden maßlos,
Verderblich und verderbt in deinen Leiden.
Ich habe dies erwartet. – Sprich! was willst du?

Manfred: Nur deine Schönheit schauen – weiter nichts.
Der Erde Antlitz brachte mich zum Wahnsinn,
Und Zuflucht suchend im Geheimnis drang
Ich in die Wohnung ihrer Herrscher ein
Doch helfen können sie mir nicht. Ich suchte,
Was sie zu geben nicht vermocht, und suche
Nicht weiter mehr.

Fee: Was konntest du verlangen,
Das in der Macht der Mächtigsten nicht wäre,
Der Herrscher des Unsichtlichen?

Manfred: Ein Gut –
Was soll ich's wiederholen! –'s ist umsonst.

Fee: Ich kenn' es nicht; lass' deinen Mund es nennen.

Manfred: Nun – mag's mich foltern auch –'s ist einerlei –
Mein Schmerz soll Stimme finden! – Seit der Jugend
Ging meine Seele nicht mit Menschenseelen,
Noch sah ich auf die Welt mit Menschenaugen;
Der Ehrsucht Durst in ihnen war nicht mein,
Mich machten Freude, Schmerz und Trieb und Kraft
Zum Fremdling; trug ich auch die Form –
Mir fehlte Gleichgefühl mit Fleisch, das atmet,
Und mitten unter Staubgeschöpfen fand
Ich Eine nur, die – doch von ihr nachher.
Ich sagte, mein Verkehr mit Menschen und
Mit Menschgedanken war gering; statt dessen
War meine Freude in der Wildnis, dort
Zu atmen schwere Luft des Eisgebirgs,
Wo weder Vögel nisten, noch Insekten
Grasweigernden Granit umflattern, oder
Zu tauchen in den Strom, und hinzuwallen
Auf raschem Strudel aufgeregter Wellen
Des Flusses oder Meers in ihrer Flut.
So jauchzte ich in früher Kraft auf, oder
Verfolgte durch die Nacht den Gang des Mondes
Und die Entwicklung der Gestirne, haschte
Die Wetterstrahlen, bis mein Blick verging,
Und sah auf die zerstreuten Blätter lauschend,
Wenn Winde herbstlich Abendlieder sangen.
Dies und allein zu sein war meine Lust;
Denn wenn mir Wesen meiner Art – schon
Es zu sein war mir verhaßt – den Pfad durchkreuzten,
So fühlt' ich mich zurückgesetzt zu ihnen,
War wieder Staub ganz. Und dann schlich ich fort,
Ging einsam wandernd zu den Totengrüften,
Erforschte aus der Wirkung ihren Grund,
Und zog aus Schädeln, Bein und Aschenhaufen
Mir höchst verpönte Schlüsse. Jahre lang
Durchging ich dann bei Nacht die Wissenschaften,
Nur kund vor Alters, und mit Zeit und Mühe,
Nach grausen Prüfungen und solchem Abbruch,
Als an sich selbst schon Macht gibt über Luft
Und Geister, welche Erd'und Luft umgeben,
Raum und bevölkerte Unendlichkeit,
Ward mit der Ewigkeit mein Blick vertraut,
Wie's Magier vor mir gewesen sind.
Und er, der aus Urwohnungen berief
Eros und Anteros zu Gadara,-
So wie ich dich; und mit der Wissenschaft
Wuchs Durst nach Wissenschaft und Macht, und Lust
Zu dieser glänzendsten Erkenntnis –

Fee: Weiter!

Manfred: Ach darum nur zog meine Rede ich,
Mit diesen eiteln Bildern prunkend, weil –
Nah'ich dem Kerne meiner Herzensqual – –
Zur Sache denn! Noch hab' ich dir nicht Vater,
Noch Mutter, Freundin, Freund genannt, nicht Einen,
An den ein irdisch Band mich kettend schloß;
Denn hatt' ich sie, so schienen sie mir's nicht.
Doch Eine war – –

Fee: Hemm' dich nicht selbst! Fahr' fort!

Manfred: Sie war mir ähnlich von Gesicht;
Ihr Auge, Ihr Haar, die Züge, alle bis zum Klang
Sogar der Stimme sprach, daß sie mir gleiche,
Doch alles sanft, zur Lieblichkeit gemildert.
Sie sann und ging auch einsam gern, und hatte
Hang zur Magie, wie ich, und ein Gemüt
Das All zu fassen; doch nicht dies allein
Dazu noch mild're Gaben als die meinen:
Erbarmen, Lächeln, Tränen –die mir fremd
Und Zärtlichkeit – doch die hatt' ich für sie auch,
Ergebung, Demut – diese hatt' ich nie,
Mein war ihr Fehl, ihr eigen ihre Tugend.
Ich liebte, ich erschlug sie.

Fee: Mit der Hand?

Manfred: Nein, mit dem Herzen, welches ihr Herz brach
Es sah auf mein's – und welkte. Blut vergoß ich –
Doch ihres nicht – und doch ward es vergossen;
Ich sah's und konnte es nicht stillen.

Fee: Und für diese
Ein Wesen jener Art, die du verachtest,
Und die dein Wesen überragen könnte,
Mit uns dich mischend und den unsern – gibst
Du hohe Geisteskräfte auf, und sinkst
Zurück zur feigen Sterblichkeit. – Hinweg!

Manfred: Tochter der Luft! Ich sag' dir, seit der Stunde –
Doch Wort ist Hauch. – Betrachte mich im Schlaf,
Bewach'mein Wachen, komm'und sitz'bei mir.
Nicht mehr ist Einsamkeit mir Einsamkeit
Sie ist mit Furien erfüllt. Ich knirschte
Mit meinen Zähnen nachts bis an den Morgen,
Verfluchte dann mich bis zum Abend, bat
Um Wahnsinn wie um Segen –'s ist versagt mir.
Ich hab' den Tod gereizt – allein im Krieg
Der Elemente wich die Flut von mir,
Unschädlich ward, was tötet; unerbittlich
Hielt eines Dämons Eishand mich zurück,
Zurück an einem Haar – das doch nicht riß.
Ich senkte tief in Fantasie und Wahnwitz
Den ganzen Überfluß von meiner Seele,
Der einst ein Krösus in der Schöpfung war;
Doch wie zur Ebbe ließ es mich zurück
Im Golf des unermeßlichen Gedankens.
Ich stürzte unter Menschen, sucht' in allem
Vergessenheit, nur da nicht, wo sie ist.
Und das hab'ich zu lernen noch. Mein Wissen,
Die lang verfolgte, überird'sche Kunst,
Ist sterblich hier. Ich wohn' in der Verzweiflung –
Und leb' – und lebe immerdar.

Fee: Vielleicht,
Daß ich dir helfen kann.

Manfred: Um dies zu tun,
Weck' Tote, oder leg' mich tief zu ihnen!
O tu's! – auf jede Art – zu jeder Zeit –
Mit jeder Qual – wenn's nur die letzte ist.

Fee: Das ist in meiner Macht nicht. Doch wenn du
Gehorsam meinem Willen schwörst und tust,
Was ich befehl' – so helf'ich zum Gewünschten.

Manfred: Ich schwöre nicht. Gehorchen? wem? den Geistern,
Die ich zu mir entbiete – Sklave sein,
Von euch, die mir gedient. – Nie!

Fee: Ist das alles?
Hast du nicht sanft're Antwort? Denke nach
Halt' ein, eh' du verwirfst!

Manfred: Ich hab's gesagt.

Fee: Genug. So kann ich weichen? – Sprich!

Manfred: Entweich'!

(Die Fee verschwindet)

Manfred: (allein)
Wir sind genarrt durch Zeit und Schrecken. Zu uns
Und von uns schleichen Tage; doch wir leben
Des Atmens satt, und stets zu sterben fürchtend.
In all' den Tagen des verhaßten Jahr's,
Der Lebenslast auf angestrengtem Herzen,
Das sinkt im Gram und heftig schlägt im Schmerz
Und Lust, die Bangen endet oder Mattheit –
In all' den Tagen, hin schon oder kommend,
Denn Gegenwart besteht nicht – läßt sich's zählen,
Wie wenig, weniger als wenig sind,
Wo man vor Tod nicht bebt, und doch zurückweicht
Wie von dem Strom im Winter, sei das Frösteln
Auch augenblicklich nur. – Noch bleibt mir Auskunft
In meiner Kunst; ich kann die Toten fragen,
Was es denn ist, das wir zu werden fürchten.
Die schlimmste Antwort kann das Grab nur sein,
Und das ist nichts. – Doch wenn sie Antwort weigern?
Gab der begrabene Prophet sie doch
Der Hexe Endors, und dem Sparter-König,
Vom ruhelosen Geist der Mald aus Byzanz
Ward Antwort kund und Schicksal. Er erschlug
Nicht wissend wen, die er geliebt, und starb
Unausgesöhnt, obwohl er Beistand bat
Vom Phyr'schen Zeus, und in Phigalia
Arkadische Beschwörer rief, zu zwingen
Das zürnende Gespenst zur Grimmentsagung,
Wo nicht – ein Ziel zu setzen ihrer Rache:
Unklar war ihre Antwort – doch erfüllt.
O hätt' ich nie gelebt! Sie, die ich liebe,
Sie lebte noch. – O hätt' ich nie geliebt!
Sie, die ich liebte, wäre schön noch immer,
Beglückt noch und beglückend. – Was ist sie?
Was ist sie jetzt? Für meine Sünden duldend
Ein Ding – nicht denken darf ich's – oder nichts.
In wenig Stunden frag' ich nicht umsonst;
Doch diese Stunde schreckt mich mein Erkühnen.
Bis diese Stunde bebt ich nie vor Geistern
Gut oder bös; jetzt zitt're ich, und fühle
Auf meinem Herzen seltsam kalten Tau.
Doch ich kann tun, was mir am meisten widert,
Und trotzen ird'schen Schrecken! – Nacht beginnt.

(Ab)

Dritte Szene

Der Gipfel der Jungfrau

(Die Erste Schicksalschwester erscheint)

Erste Schicksalschwester:
Der Mond erhebt sich breit und rund und hell,
Und hier auf Schnee, den nie ein Fuß betrat
Gemeiner Menschen, nächtlich treten wir,
Und lassen keine Spur auf wilder See,
Dem Spiegelozean des Alpeneises
Streifen auf rauher Brandung wir, die haftend
Das Ausseh'n hat von sturmgewälztem Schaum,
Im Nu erfroren – toten Strudels Bild.
Und diese steilste, wunderlichste Zinne,
Erhab'ne Arbeit, die ein Erdstoß schuf,
Wo Wolken im Vorüberziehen ruh'n,
Ist eingeweiht zu unsern Nachtgelagen.
Hier harr' ich meiner Schwestern auf der Fahrt
Zu Arimanes Halle; denn heut'nacht
Ist große Festlichkeit. Daß sie nicht kommen!

(Eine Stimme von außen singend)

Der Kronenräuber wohnte
Vergessen allein;
Der Gefang'ne, Entthronte
Schlief tatenlos ein.
Da durchbrach ich sein Schlafen,
Nahm die Ketten ihm dann,
Gab ihm Heere und Waffen
Er ist wieder Tyrann!
Und das Blut von Millionen soll die Sorgfalt mir lohnen,
Eines Volkes Ruin – sein Verzweifeln und Flieh'n.

(Zweite Stimme von außen)

Es segelt' das Schiff, es segelt mit Hast,
Doch ich ließ ihm kein Segel, und ließ keinen Mast;
Von Verdeck und Gerippe kein Brett mehr erscheint,
Und kein Elender blieb, der die Trümmer beweint.
Nur Einen noch hielt ich im Schwimmen beim Haar,
Nur Einen, der würdig der Sorge wohl war:
Ein Verräter zu Land und ein Räuber zu Meer
Ich erhielt ihn nur, daß er mir raube noch mehr.

(Erste Schicksalschwester antwortend)

Die Stadt liegt in Schlummer –
Der Morgen soll tagen
Mit Tränen und Kummer.
Finster beschlichen
Hat Pest sie mit Plagen;
Schon Tausend erblichen –
Zehntausend verderben..
Wer lebt soll entweichen,
Nicht pflegen, die sterben;
Nichts tilge die Plage,
Durch die sie erbleichen.
Trauer und Klage,
Und übel und Not
Ein Volk nun umgrauen –
Beglückt! wen der Tod
Um den Anblick gebracht,
Die Zerstörung zu schauen,
Das Werk einer Nacht,
Das Wrack eines Reichs – die Tat, die ich tue,
Die seit Altern getan, zu erneu'n ich nicht ruhe.

(Die Zweite und Dritte Schicksalschwester erscheinen)

Alle drei: In uns'rer Hand sind Menschenleben,
Ihr Grab gräbt unser Tritt;
Nur, um ihn einst zu nehmen, geben
Wir Geist den Sklaven mit.

Die erste: Gegrüßt! Und Nemesis?

Die zweite: Vollzieht was Großes,
Ich weiß nicht was; ich hatte volle Hände.

Die dritte: Doch seht! da kommt sie.

(Nemesis erscheint)

Die erste: Sprich! wo warst du?
Du und die Schwestern sind bei Nacht so träge.

Nemesis: Ausbessern mußte ich zerbroch'ne Throne,
Narren vermählen, Dynastien hellen;
Die Menschen rächen erst an ihren Feinden,
Und dann die Rache sie bereuen lassen;
Zum Wahnsinn Weise stacheln; aus den Toren
Orakel zieh'n zur Weltregierung, frische
Denn schon entwachsen waren sie der Zeit,
Und Menschen sollten für sich selber sinnen,
Und wägen ihre Könige, und schwatzen
Von Freiheit, der verbot'nen Frucht. Doch fort!
Wir hielten Zeit nicht ein. – Besteigt die Wolken!

(Sie verschwinden)

Vierte Szene

Die Halle des Arimanes

(Arimanes auf seinem Throne, einer Feuerkugel, von Geistern umgeben)

Hymne der Geister:
Heil uns'rem Meister! Fürst von Luft und Land!
Auf Wolken geht und Wassern er einher,
Der Elemente Zepter in der Hand,
Der sie zum Chaos wirrt, gebietet er!
Er haucht – und Sturm zerschlägt die Meeresflut,
Er spricht – und Wolken donnern Antwort rund,
Er blickt – und gäh' verlischt der Sonne Glut,
Er kommt – und bebend platzt der Erde Grund;
Wohin er tritt, erhebt sich ein Vulkan,
Sein Schatten ist die Pest, vor seinem Pfad
Läuft der Komet und knarrt der Himmelsplan;
Gestirn wird Asche, wenn er zürnend naht.
Vom Krieg sind täglich Opfer ihm geweiht;
Ihm zahlt der Tod Tribut; der Lebenshauch
Mit aller seiner Schmerzunendlichkeit,
Und jeder Geist ist sein, wo immer auch.

(Die Schicksalschwestern und Nemesis erschien)

Erste Schicksalschwester:
Ruhm, Arimanes, dir! Auf Erden mehrt
Sich deine Macht – die Schwestern taten dein
Geheiß – auch ich versäumte nicht die Pflicht.

Zweite Schicksalschwester:
Ruhm, Arimanes, dir! Wir, die den Nacken
Der Menschen beugen, beugen uns. vor dir.

Dritte Schicksalschwester:
Ruhm, Arimanes, dir! Wir harren auf Dein Winken.

Nemesis: Herr der Herren! Wir sind dein,
Und unser ist, was lebt, mehr oder minder,
Die meisten Dinge ganz. Stets zu vermehren
In unsrer deine Macht, gebeut die Pflicht,
Und wir sind wachsam. Deinen letzten Auftrag
Erfüllten wir aufs beste.

(Manfred kommt)

Ein Geist: Wer ist da?
Ein Mensch – Voreiligster, unsel'ger Wicht!
Knie nieder und bet' an!

Zweiter Geist: Ich kenn'den Mann;
Ein Zaub'rer ist's von furchtbar großer Macht.

Dritter Geist: Knie nieder, Sklav'! bet'an! Wie? du erkennst
Nicht dein und unsern Herrn? Beb'und gehorch!

Alle Geister: Wirf nieder dich und den verfluchten Staub!
Befürcht' das Ärgste sonst.

Manfred: Ich kenn' es und
Ihr seht mich doch nicht knien.

Vierter Geist: Man wird's dir lehren.

Manfred: Mir ist's gelehrt schon. Manche Nacht auf Erden
Auf nackten Grund warf ich mein Antlitz hin,
Und streute Asche mir aufs Haupt; erkannt
Hab'ich die Fülle der Demütigung:
Ich sank vor eigener Verzweiflung, kniete
Vor eig'nern Elend hin.

Fünfter Geist: Und wagst zu weigern
Vor Arimanes Thron, was alle Welt
Gewährt – die Schrecken seiner Herrlichkeit
Nicht in Beachtung ziehend? Bück' dich! sag' ich.

Manfred: Lass' ihn sich erst vor seinem Höhern beugen,
Dem unbeschränkten Oberherrn, dem Schöpfer,
Der zur Verehrung ihn nicht schuf. Er knie –
Wir knien dann vereint.

Die Geister: Zermalmt den Wurm!
Reißt ihn in Stücke!

Erste Schicksalschwester: Fort! fort! Er ist mein.
Fürst unsichtbarer Kräfte! Dieser Mann
Ist nicht gemeiner Art, wie seine Haltung,
Wie seine Gegenwart beweist. Sein Dulden
War einer ewigen Natur, wie uns'res;
Sein Wissen, seine Kräfte und sein Wollen –
So weit als es mit Staub verträglich ist,
Der das Atherische belastet – waren
Wie's selten Staub ertrug; sein Sehen drang
Weit über das der Erdbewohner vor,
Und hat ihn nur gelehrt, was uns bewußt
Daß Wissen Glück nicht ist, und Wissenschaft
Nur Wechsel von Unwissenheit mit dem,
Was and're Art von Unwissenheit.
Dies ist nicht alles: Leidenschaften, heimisch
Im Himmel wie auf Erden, denen nichts
Entrinnt vom Wurm an, weder Kraft'
Noch Hauch – durchbohrten ihm sein Herz und machten
Zum Ding ihn, welches ich, die nie bedauert,
Doch zu bedauern gern verzeihe. – Er
Ist mein und dein vielleicht; doch wenn auch nicht
Kein and'rer Geist in diesem Reich hat Seele
Wie er, noch über seine Seele Macht.

Nemesis: Was will er dann?

Erste Schicksalschwester: Laß ihn die Antwort geben.

Manfred: Ihr wißt, was ich gewußt, und ohne Macht
Wie könnt'ich unter euch sein? Doch es gibt
Noch tief're Mächte jenseits, die ich suche,
Daß sie mir Rede stehn auf meine Frage.

Nemesis: Was möchtest du?

Manfred: Du kannst nicht Antwort geben.
Ruf' Tote auf! mein Fragen geht an sie.

Nemesis: Gewährt dein Wille, großer Arimanes,
Den Wunsch des Sterblichen?

Arimanes: Ja!

Nemesis: Wen willst du
Entgruftet?

Manfred: Eine ohne Gruft. Ruf' auf
Astarte!

Nemesis:
Ob Schatten, ob Geist,
Was immer du sei'st,
Das teilweis noch itzt
Oder gänzlich besitzt
Angebor'ne Gestalt,
Die aus Erde geballt,
In der Erde schon lag
Rückerscheine zu Tag!
Nimm wieder, o Weib!
Den Geist und den Leib,
Und die Mienen für jetzt,
Von den Würmern ersetzt!
Erschein'! erschein'! erschein'!
Der dich verbannt, begehret dein!

(Astartens Schatten erhebt sich und steht in der Mitte)

Manfred: Kann dies der Tod sein? Ihre Wangen blühen! –
Doch nein! es ist nicht mehr des Lebens Farbe
Ein seltsam hektisch, unnatürlich Rot,
Wie's auf verwelktes Laub der Herbst gepflanzt.
Sie ist es selbst! – O Gott! daß mich's erschreckt,
Sie selbst zu seh'n. – Astarte! – Nein! ich kann
Zu ihr nicht sprechen – doch, lass' du sie sprechen
Verzeihe oder fluche mir!

Nemesis:
Bei der Macht, die erbrochen
Das Grab, das versteckt dich,
Sprich zu ihm, der gesprochen,
Oder ihr, die erweckt dich!

Manfred: Sie schweigt –
Und mehr als Antwort ist mir dieses Schweigen.

Nemesis: Mir reicht die Kraft nicht weiter. Fürst der Luft!
Bei dir nur steht's – gebiete ihrer Stimme!

Arimanes: Gehorche diesem Zepter, Geist!

Nemesis: Noch schweigend
Sie ist nicht von den Unsern, sie gehört
Den andern Mächten. Mensch, du fragst umsonst; –
Auch uns ist's fehlgeschlagen.

Manfred: Hör'mich! hör'mich!
Astarte! – Sprich, Geliebte! sprich zu mir!
So viel erlitt ich! – ach, so viel erlitt ich!
Sieh' her! du bist nicht mehr durchs Grab verwandelt,
Als ich um dich. Du liebtest mich zu sehr,
So wie ich dich, wir waren nicht gemacht,
Uns so zu martern, wär's die tödlichste
Der Sünden auch zu lieben, wie wir liebten.
Sag', daß ich dir nicht wid're – daß für beide
Ich diese Strafe trage – daß du,eine
Der Sel'gen sein willst – daß ich sterben soll!
Bis jetzt verschwor sich alles Hassenswerte,
Ans Dasein mich zu fesseln, an ein Leben,
Das schaudern mich vor ew'ger Zukunft läßt,
Die dem Vergang'nen gleicht. Ich kann nicht ruh'n;
Ich weiß nicht, was ich will und was ich suche;
Ich fühl' nur, was du bist, und was ich bin,
Und möchte einmal vor dem Tod nur hören
Die Stimme, die Musik mir war. 0 sprich!
Ich rief nach dir ja nur in stiller Nacht,
Und schreckte Vögel aus dem Schlaf im Busch,
Und weckte Wölfe des Gebirgs, und ließ
Vergebens deinen Namen Klüfte nennen,
Die Antwort gaben – Antwort gaben viele –
Geister und Menschen - du nur warst ganz stumm.
O sprich! ich habe Sterne überwacht,
Umsonst dich suchend himmelan geblickt
Sprich! sprich zu mir! Ich hab'die Welt durchwandert –
Nie fand ich deines Gleichen. – Sprich zu mir!
Sieh'! rings die Teufel fühlen selbst für mich;
Ich fürcht' sie nicht, ich fühle nur für dich.
O sprich zu mir! sei's auch im Zorne, sprich!
Sei's, was es sei – nur lass' dich einmal hören,
Nur einmal! einmal!

Astarte: Manfred!

Manfred: Weiter! weiter!
Ich lebe nur im Ton –'s ist deine Stimme.

Astarte: Manfred! dein Erdenleiden endet morgen.
Leb' wohl!

Manfred: Ein Wort nur noch! Ist mir vergeben?

Astarte: Leb' wohl!

Manfred: Sprich! treffen wir uns noch?

Astarte: Leb' wohl!

Manfred: Ein Wort noch des Erbarmens! Sprich, du liebst mich.

Astarte: Manfred!

(Astartens Geist verschwindet)

Nemesis: Sie ging, und ist nicht rückzurufen.
Ihr Wort erfüllt sich. –Geh' zurück zur Erde!

Ein Geist: Er ist erschüttert. So ist's, sterblich sein –
Und Dinge suchen jenseits Sterblichkeit!

Ein anderer Geist:

Doch sieh' auch! Er bemeistert sich, und macht
Die Marter seinem Willen untertan.
Wär's einer von den Unsern – fürchterlich
Wär' er gewesen.

Nemesis: Hast du mehr zu fragen
Den großen Herrscher oder seine Knechte?

Manfred: Nein!

Nemesis: Dann für eine Zeit – leb' wohl!

Manfred: So treffen wir uns dann? Und wo? – Auf Erden?
Wo dir's beliebt! – Für die gewährte Gunst
Scheid' ich nunmehr als Schuldner. Lebet wohl!

(Ab)

(Der Vorhang fällt)

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