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Malaiische Märchen

Paul Hambruch: Malaiische Märchen - Kapitel 63
Quellenangabe
typefairy
authoranonymus
booktitleDie Märchen der Weltliteratur
titleMalaiische Märchen
publisherEugen Diedrichs, Jena
seriesDie Märchen der Weltliteratur
editorPaul Hambruch, Friedrich von der Leyen und Paul Zaunert
year1922
firstpub1922
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060807
projectidfd754ed7
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61. Treue Liebe findet ihren Lohn

1. Hört jetzt den Sang, der fertig gerade wurde, am Pon dem Tage der fünftägigen Woche, dem Freitag der siebentägigen Woche Kowantil, am siebenten Tage des abnehmenden Mondes.

Es handelt das Gedicht davon, wie der Mensch sich benehmen soll, der das heilige Band der Ehe knüpfte.

Und was die Schriften euch sagen, das müßt ihr befolgen; vergeßt die Erzählung nicht, die euch zur Belehrung geschenkt wurde.

2. Merkt auf, ihr beiden, Mann und Frau! Auf daß ihr erfahret die Pflichten des Ehestandes. Laßt nicht verloren gehen den an Lehren reichen Inhalt des Gedichtes.

Die Frau, die vom Mann geliebt wird, sie erweise ihm ihre Verehrung; auch schaue sie auf sein Gesicht und zeige ihm ein freundliches Antlitz. Soll alles gut gehen, soll dienen sie ihrem Manne, in Demut sich ihm unterwerfen.

3. Höflich und ehrerbietig, so seien ihre Worte. Verehrt sie den Ehegemahl, nennt Herr sie ihn und Meister. Nicht geziemt's sich der Gattin, dem Manne sich widerspenstig zu erweisen.

Unsagbar schwer trifft das Urteil die widerspenstige Frau: Im Jenseits wird sie gepeinigt.

4. Die Frau, die heute in allem ihre Pflicht tut, sie kümmere sich nicht um das Morgen; sie achte des Sterbens nicht. Furcht sei ihr fremd und unbeschwert ihr Herz.

Wohl reden andere: »Lebe nur heute! was sollen dir die Schriften? Wer kennt das Morgen, wer weiß vom Übermorgen? Dem Gatten, den das Heute dir bescherte, wohlan, ihm suche zu gefallen, viel oder wenig, ganz wie dir es behagt!«

5. Dergleichen entspringt nur dem Kopfe einer, die um nichts und um niemand sich kümmert, die da spricht: »Laßt's gehen wie es will, schaut nicht auf das Ende!«

O, daß ihr doch niemals dergleichen möchtet befolgen!

6. Die vortreffliche Gattin, die nehmt zum Vorbild! Innig, wirklich und herzlich, so sei ihre Verehrung. Solch' einer Frau geziemt ein freundlich' Gesicht, wenn sie dient dem Ehegemahl. Freude wird ihr widerfahren, nicht allein im gegenwärtigen Heute, nein, auch in einem spätern Geschlecht wiederum soll sie sein dann die geliebte, begehrte Frau!

7. Im Guten, im Bösen, in Liebe und Leid was der Gatte immer dir antut, laß sehen es nicht auf deinem Antlitz! Ob Geliebte du bist oder neben den anderen Frauen die Verschmähte, sei immer die gleiche. Standhaft bleibe und fest in der Sorge um den Gatten, Wohlbehagen zu verbreiten. Gut und Böse; dir sei es gleich. Bist du die Mindergeliebte, darum trag' keine Sorge! Halte dich doch der am meisten geliebten gleichwert! Der Treue, die deinem Gatten du schuldest, geschehe deshalb niemals Abbruch.

8. Sei getreu in der Liebe und Verehrung zum Gatten; niemals schenke Gehör bösen, lästernden Einflüsterungen, keine Antwort habe für das leere Geschwätz der Nachbarn und Freunde, die gegen den Gatten dich hetzen, dich ihm entfremden wollen; nie werde zornig, nie sei betrübt. Halte den Gatten in Ehren! Bedenke alles: das Ende trägt am schwersten die Last.

Und nun vernehmt die Geschichte des Mannes, der zwei Frauen nannte sein eigen.

9. Der Mann hieß Hi Djatiraga; klug war er und weise, alle Tugenden zu üben war er bestrebt, und in allem suchte er das Gute. Doch und darin war er zu tadeln zugut war er für seine zweite Frau, die eingebildet war, stolz und auffährig; wennschon er ihr alles verzieh ob ihrer großen Schönheit.

10. Anders dagegen die erste Frau Tan Porat, die Mindergeliebte! Ergeben war sie dem Gatten; wenn auch verschmäht, benahm sie sich so, als sei sie die schönste, die geliebteste unter den Frauen. Eingedenk war sie der Schriften, gedenkend des Gatten; stets lebt' er in ihrem Herzen. War auf der Reise er, umringten ihn etwelche Gefahren, seiner gedachte sie nur in ihren Gebeten.

11. Und sie betete im Hause: »O, du allmächtiger Gott! Flehentlich bitte ich dich, laß meinem Mann auf dem Wege nichts übles begegnen. O, allmächtiger Herr, gewähre ihm jedwedes Glück!«

War nach Hause er gekommen, sie eilte, die Füße ihm zu waschen, sie mit ihren Haaren zu trocknen und sagte: »Gestern, heute und morgen, also sei dies stets meine Huldigung!«

12. Dann aber setzte sich Dreman, die andere Frau, auf die Ruhebank. (Und doch wäre gerade ihr Platz zu Füßen des Mannes gewesen.) Unverschämt, wie ihre Art, Zorn vortäuschend, versuchte sie den Gatten nun gegen die Mitfrau zu hetzen, klagend, daß sie während der Abwesenheit des Mannes die meiste und schwerste Arbeit geschafft hätte, derweilen Tan Porat es meisterlich hätte verstanden, sich alles so gemächlich wie möglich zu machen.

13. Und doch, worauf es ankam, war gerade Tan Porat, sie, die schwächste, es gewesen, die ohne Verdruß täglich die schwerste Arbeit getan hatte. Trotz allen Zwist's war sie still ihrer Pflicht nachgegangen, das Benehmen der andern nur innig betrauernd.

14. Solch' ein Betragen einer Frau ist schlechthin sehr zu verwerfen. Aber was sollen wir noch mehr dazu sagen? Also ist unsere Meinung, daß die Frau in diesem Leben nur eins muß ernstlich erwägen: Wahr soll sie sein und getreu ihrem Manne, nie von der Seite ihm weichen.

Dann nur – ja, dann alleine – mag eine Frau man rechtens sie nennen. Bilde doch nie sie sich ein, daß mächtig sie ist, wenn den Mann sie will beherrschen.

15. Die Frau herrsche nicht! Sie teile alles Gute mit der Madu. Doch dessen seid gewiß! Die nur zu herrschen begehrt und aufhetzt den Mann gegen die andere wahrlich, sie wird es bereuen...

16. Doch gleich Hi Dreman frech zu sein gegen den Gatten und auf die Straße zu laufen das läßt große Verdorbenheit schauen.

Soviel schöne Kleider sie bekam, nie war sie zufrieden, immer beliebt es ihr nur, hochfahrende Reden zu führen.

17. Nun, nachdem beide gemeinsam dem Gatten vermählt waren, war Tan Porat gar bald die Untergeordnete geworden. Den alten Satzungen treu, verharrte sie in Demut, verehrte den Ehegemahl, dieselbe stets bleibend, ob im Hause er war oder abwesend; ging er auf Reisen, flehte des Himmels Segen sie ja auf ihn herab. Bei seiner Heimkehr alsdann eilte sie ihm entgegen, hockte nieder bei ihm und erwies ihm ihre Verehrung.

18. Darauf hastete sie, die Füße ihm reinlich zu baden, und sie trocknete sie ihm mit ihrem Slendung; d'rauf grüßte sie ihn zum Abschied, um an die Arbeit wiederum sich zu begeben. In Liebe und Leid blieb in allem sie treu, auch in der Verehrung.

Dreman verlor jedoch dann fürwahr die Besinnung, sei es vor Zorn, Ärger und Neid, gewiß doch! hochtrabender wurd' ihre Rede, nicht genug wußte sie sich zu rühmen.

19. Alles, was ihr Mann nur gewann, ihr konnte es nie genug sein. Hi Dreman räumte schon auf mit seinem Reichtum, in schönen Kleidern und leckeren Speisen alles verprassend. Zuletzt hatte sie den Mann völlig unter der Fuchtel, daß Furcht er bekam und nicht mehr wußte, wo nun aus, wo ein.

Also war es schon lange Zeit gewesen, als Hi Dreman erkrankte. Sie konnte nichts essen.

20. Hi Djatiraga wurde nun innig betrübt; hatte doch alles den Anschein, wie wenn das Sterben nahte. Auch die gute Tan Porat, sie gönnte sich keine Ruhe, überall lief sie herum, Heilmittel zu holen, damit ihre Madu genas. Also war ihr Wunsch: »O, möchte die jüngere Schwester doch jetzt noch am Leben bleiben! Ach, hätt' ich doch Glück und fände ein nützliches Heilmittel!«

21. Im Hause eilte sie d'rauf, die Heilmittel auf die Haut ihr zu blasen; sie haucht' ihr ins Ohr, die Lebensgeister zu wecken, mit würzigen Kräutern rieb sie ihr die Beine und flehte: »Du allmächtiger Gott, erhalte meiner Madu das Leben! erhalte sie, die alle Mühen mit mir teilt und mit mir unserm Ehegemahl dient. O Gott, sei uns gnädig!«

22. Die Krankheit wurde immer heftiger; die Leidende wälzte sich auf ihrem Lager hin und her; ihr Körper glühte im Fieber, sie rückte und pflückte an allem herum, denn die Sinne waren ihr geschwunden. Sie raste, sie tastete umher, als wollte sie wissen, wo eigentlich sie sich befand.

Dann nahte das Ende; sie lebte nicht mehr, sie war noch nicht tot, immer mehr nahm die Fieberhitze zu, bis sie zum Schlusse völlig das Bewußtsein verlor.

23. Es wird erzählt, wie sie starb; starr lag sie da, steif, langausgestreckt und leblos. Es wehklagte und weinte ihr Mann, und also murrten seine Lippen: »Großer Gott! Nun hast du mir meine Augenweide genommen; meine jüngere Schwester ist mir entrissen, gleich einer Blume, welche die herrlichsten Düfte spendet, vom Stengel gebrochen wird.«

24. Tan Porat weinte und laut klagte sie ihr Leid; Liebe, die sie für die Madu hegte, schaffte in Klagen sich Luft: »O Dewa ratu, du großer Gott! Nun bist du, meine jüngere Schwester, doch vor mir hinweggestorben, o, warum ging nicht ich dir voraus! Entrissen wurdest du uns gleich einer noch nicht erschlossenen Blume.«

25. Fürs erste ist nicht mehr die Rede von der Betrübnis des Ehegatten und der Mitfrau. Jetzt wird erzählt, wie es der Seele Hi Dremans im Jenseits erging, wie sie zitterte, bebte in Erwartung des Loses, das ihr nun bestimmt war.

Jetzt kommt der Gott Sang Djogor Manik, in den Händen die Keule. Auf Hi Dreman tritt er zu und zerspaltet mit einem fürchterlichen Schlage der Seele den Schädel; das Gehirn trat heraus und verspritzte weithin. Ihm folgte Sang Tjikra Bala. Der suchte die Teile und Teilchen zusammen und fügte sie fein säuberlich aneinander, daß zum Leben erwachte nochmals die Seele. Sie mußte sogleich die furchtbaren Strafen leiden, denn ohne Haupt, wie hätten alsdann die anderen an ihr vollbracht werden können?

26. Andere Höllengeister kamen, Diener des Jama, Gottes des Urteils und der strafenden Gerechtigkeit. Sie packten die Seele und schleiften sie stoßend und ziehend in die Hölle; mit starken Seilen wurd' sie gebunden. Und über dem großen, lodernden Feuer hing man sie an Kepuh-rangdu, den furchtbaren Baum der Hölle. Da wurde die Seele gefoltert, hin und her zog man sie, jetzt in die Höhe, dann hinab in die entsetzlichen flammenden Gluten.

27. Bald war sie völlig versengt, pechschwarz am Leibe. Ist es ein Wunder, daß sie aufschrie voll Schmerz. Ja, nun kam die Reue, und sie beweinte ihren selbstüberheblichen Stolz dem Gatten in der Oberwelt gegenüber.

Doch so geht's allemal. Zu spät kommt die Reue, und das ist das Schicksal der Seele, die im Leben bestrebt, sich über sich selbst zu erheben.

28. Doch schweigen wir jetzt von der Seele, die über dem Höllenfeuer hangend dort furchtbare Pein erleidet. Reden wir von dem Mann. Bald erkrankte auch er, starb, und die Qualen begannen. Sang Tjikra Bala erschien und schleuderte ihn in die Hölle.

Mädchen aus Bali

29. An den Füßen gefesselt, so warf man die Seele in den furchtbaren Kessel; Feuer wurde entzündet, geschürt und das Wasser, es kochte gewaltig. Und in peinvollem Schmerz laut auf schrie jetzt seine Seele. Mann und Frau, sie fanden in der Pein den gerechten Lohn ihrer Sünde.

30. Doch schweigen wir wieder von den Seelen der Frau und des Gatten; einerlei Los wurde beiden.

Tan Porat war über die Maßen betrübt. Jetzt wollt' auch sie sterben; was sollte das Leben ihr, der Verlassenen, bieten? Leid nur brachte es ihr, nutzlos war ihre Liebe, denn wo weilte der Mann, der ihrer Liebe wert war?

31. Unsägliches Leid erfüllte das Herz ihr. »Wer liebt mich jetzt noch?« So fragte sie im innersten Herzen. »O Gott! Wann werd' ich den Gatten schauen, wiederum sehen den Geliebten, dem meine Seele zugetan ist! Wohlan, so nimm mich hinweg, mach' vollends mich unglücklich, was nützt mir dies Leben?«

32. Lange noch trauerte sie, kein Trost konnte helfen – bis endlich auch sie aus diesem Leben schied. Leise nahte der Tod; sanft, ohne Schmerzen verschied sie.

Als ihre freie Seele hinauf in die andere Welt kam, standen viel' schöne überirdische Wesen zu ihrem Empfange bereit; in all' ihrer Schönheit, anmutig lächelnd hielt sie ihren Einzug unter den sie umringenden Engeln.

33. Ja, nun stieg ein Wesen hernieder, schön wie die Göttin des Mondes, in den Händen einen Krug, wie man zum Empfang ihn bereit hält. Weiter wird nichts von Tan Porats Auffahrt berichtet, als daß ins herrliche Götterreich einzog, sie, Tan Porat, die den rechten Tod gestorben in Verehrung für ihren Gatten.

Da erschienen der Nymphen vierzig an Zahl; sie hatten den Auftrag erhalten, ihr entgegenzugehen und feierlich sie zu empfangen.

34. Die eine hielt den Krug aus blitzendem Golde, der war mit Wasser gefüllt, Wasser, dessen Geschmack, und nahm man nur einen Schluck, länger als ein Jahr anhielt. Eine andere trug einen chinesischen Fächer. Sie alle waren fröhlich, lachten und scherzten und so schwebten sie fort, in zierlichen, anmutigen Bewegungen, Tan Porat einzuholen.

35. Und in großer Zahl erschienen die Götter, drängten einander, um sich dem festlichen Zug anzureihen. Als sie Tan Porat trafen, erhob sich ein Wettstreit unter den Engeln, wer zuerst wohl vermöchte, der Tan Porat die Füße zu umfassen. Alle grüßten sie da mit ehrerbietigen, schmeichelnden Worten: »O Dewa Ratu! Heil unserer Königin! Wir heißen dich willkommen, dich, du erhabene Seele!«

36. Hier umfaßt sie die eine, die andere hebt sie empor, um auf den Händen sie zu tragen. Die den Wasserkrug trug, sie bot ihr das köstliche, klare Wasser zu kosten; die den Fächer hielt, sie wehte ihr Kühlung zu. Alle lachten vor Freude und drängten sich zu den Diensten, sie der schönen Seele zu leisten, die in reiner Verehrung vollendete.

37. Doch die Seele, sie hatte für alles dies kein rechtes Empfinden; Trauer erfüllte sie noch, Trauer um den geliebten Gatten. Daher sprachen freundlich die Engel: »Göttliche Gusti! Warum bist du so traurig? Will's dir denn nicht gefallen, mit uns weiter zu zieh'n? Du gehst ja ein zum Himmel, zum herrlichen, seligen Himmel; was wirst du missen? Und so will es der höchste Gott, wir sollen ein wenig uns üben, damit recht bald mit uns die himmlischen Freuden du teilest.«

38. Es antwortete die Seele Tan Poras: »Was wird es mir nützen, wo ich doch allein nun sein werde? Traurig werde ich sein, traurig auch bleiben... denn, wo ist er, mein Mann? Soll ich mein Ehegemahl nie wieder treffen, soll alleine ich bleiben, wahrlich, in der Einsamkeit wird kein Glanz, keine Herrlichkeit je mich entzücken!«

39. Darauf ergriffen die Götter das Wort und sprachen: »O, erhabene Gusti! Wir haben deinen Gatten gesehen. In der Hölle weilt er, gefesselt, zuckend, zappelnd, sich krümmend, siedend im großen furchtbaren Kessel.«

Wie Tan Porat die Worte vernahm, schrie laut auf sie, rufend: »Schnell dann! Voran nur! Vorwärts! Eiligst begleitet mich dorthin, denn das ist mein Wille!«

40. »O, niemals dorthin, erhabenste unserer Fürstinnen! Schone dich nur, das ist kein Ort, würdig, daß du ihn betrittst!«

Tan Porat gab jedoch zur Antwort: »Merkt auf! Kehrt alle zurück und meldet dem höchsten Wesen, daß vereint mit meinem Mann ich will sein. Ist er verdammt, will die Verdammnis ich jetzt mit ihm teilen.«

41. Was hat er denn vordem getan? War ich nicht seine Geliebte, als er am Leben noch war?« Mit eins eilte sie fort; es folgten ihr Engel und Götter; vor ihr, zu ihrer Seite, dahinter, überall drängten sie sich, erfüllt von der Liebe für die verklärte Seele.

42. So kam sie zur Seele ihres Gatten. O, wie war er ermattet, erschöpft von den vielen Leiden. Herzzerreißend war sein Geschrei in dem furchtbaren, entsetzlichen Schmerze; Hände und Füße gefesselt, so wurd' er im Kessel gesiedet. Als die verklärte Seele ihn aber erblickte, da rief sie aus, und die Tränen rannen ihr aus den Augen: »Ach, mein geliebtester Freund! So muß es jetzt dir nun ergehen!«

43. »Nie habe ich je dir die Treue verleugnet; d'rum komme ich zu dir, will mit dir die Schmerzen ertragen, ich folge dir jetzt in den siedenden Kessel.«

Hinunter wollte sie springen, auf den Kessel zulaufen, doch die Götter stürzten herbei, zurück sie zu halten, damit ins Verderben sie sich nicht brächte.

44. »Wie könntest du dahin nur deinem Manne nun folgen? Laß ihn dort bleiben, dort ist sein Platz, dort büßt er seine Sünde. O, folge ihm nicht in den schrecklichen, furchtbaren Kessel. Denn das ist der Wille Hida Hijang Tuduhs, des Herrn des Schicksals: Für eine getreue Seele ist eine andere Stätte bereitet.«

45. »So wünscht es der allgewaltige Schicksalsbeherrscher.« Doch die Seele, ihrem Manne getreu, sie antwortete: »Ihr braucht nicht viele Worte zu verschwenden; trotz allem wird die Hölle mich aufnehmen, denn mit dem Mann, der auf Erden mein war, will ich auch weiter vereint sein; ich liebe ihn bis zu den Schmerzen des Kessels.«

46. Flehend und klagend sprachen darauf die Nymphen: »O Gusti! Tu es doch nicht, sei selber dir gnädig, dir ziemt nicht ein derartiges Los!« Tan Porats Ohren blieben taub gegenüber den sanften, verweisenden Bitten.

47. Wie die Seele nun stark blieb und sich anschickte, in die Hölle sich zu werfen, ließen die Bagawan Panjarikan, die Götter, dies nimmermehr zu; soviel sie auch flehte, auch versuchte, sich loszureißen, die gesamten Bagawan Panjarikan, sie gaben sie nicht frei.

48. Da trat aus dem Unsichtbaren hervor Tanana Hijang Tuduh, der große Schicksalslenker. Er sprach: »Wohlan, du Frau, dem Ehegemahl treue Seele! Wahrlich, du bist der getreuesten eine. Und doch, laß ihn dort bleiben, sein Los folgt seinem Leben. Dein Weg aber führe hinauf in den Himmel.«

49. Schnell gefaßt, doch voll Ehrerbietung, antwortete d'rauf die erhabene Seele mit herzbewegenden Worten: »O, du erhabener Gott, doch bitte ich um die Gnade, laß jetzt vereint mich werden mit dem Mann in dem siedenden Kessel.«

Der Gewaltige verschwand; doch den Göttern befahl er, niederzusteigen, um mit der erhabenen Seele das weitere nun zu bereden.

50. Die Götter kehrten zurück und nun fragte der Allmächtige: »Also, wie steht es jetzt um die getreue Seele, die mit rechter, ehrlicher Liebe ihrem Manne vergelten will?« Die gaben zur Antwort: »Sie bleibt dabei, im Kessel mit ihrem Manne gesiedet zu werden, zu anderm ist sie nicht zu bewegen.«

51. Der Allmächtige sprach: »Nun, der Fall ist schon schwierig! Soll sie dem Verderben anheimfallen? Da sie jedoch der vollkommenen Verehrung getreu blieb, darin verharrte, das Gute zu wollen, es zu tun, ist es notwendig, daß sie auch selig nun werde; eingehen soll sie in den Himmel, der himmlischen Seligkeit teilhaftig werden.«

52. Darauf erwiderte die Gesamtheit der Götter: »So bitten wir dich, das folgende jetzt zu erwägen: Die getreue Seele will nicht in Liebe, im Leide, im Himmel, in der Hölle je von dem Manne getrennt sein.«

53. »Könnte nun nicht der Mann erlöst, sie beide in den Himmel jetzt einziehen?«

Der allmächtige Gott stimmte dem Vorschlage zu.

Er sprach: »Ja, dieser Rat ist gut! Wohlan, eilt und erlöset den Ehegemahl!« Die Seele Djatiragas wurd' befreit und aus dem Kessel gezogen.

54. Hi Djatiraga erlebte jetzt seine Verwandlung – o, wie war er verändert! Wahrlich, nun glich er dem Liebesgott gar in Gestalt.

Und wie erging es der unseligen Dreman? Sie schrie und begehrte desgleichen erlöst und begnadigt zu werden. Sie rief nach dem Ehegemahl und sprach mit süßer, schmeichelnder Stimme: »Ach, mein geliebtester Herr! Ich beschwöre dich, errette mich aus der Bedrängnis!«

55. »O, ich leide solch' Pein, man hat mich hier aufgehangen und schon seit so langer Zeit. Was soll ich beginnen, um mir mein grausiges Los zu erleichtern? Eingedenk bin ich voll Reue all' meiner früheren Sünden o, diese Pein, sie ist nicht mehr zu ertragen: brennen, hängen muß ich, versengt werden in der glühenden Hitze.«

56. »Meine Augen, sie schwanden, mein Hirn, meine Eingeweide. O, mein Freund! Gedenkst du denn nicht mehr der Liebe, die du mir erwiest, als wir noch lebten?«

Doch der Mann vermocht' es nicht mehr, die Bitten ihr zu erfüllen; wohl liebt' er sie noch im Innersten seines Herzens; er mußte sich von ihr wenden, sich den Verweis des Allmächtigen zu ersparen. Denn nicht dulden könnt' er, daß weiterhin er um sie sich bekümmerte.

57. Von der Seele Hi Dremans wird fortan nichts weiter berichtet. Wie der Höllengeister einer, so schrie und so rief sie, doch immer vergeblich.

Doch von der getreuen Seele, die mit ihrem Gemahl nun vereinigt, hören wir weiter.

Beide dankten sie Gott mit ehrerbietigen Worten, in tiefster Anbetung. Wasser wurd' ihnen gereicht aus goldenem Kruge.

58. Ihr Erstaunen wuchs ob des Geschmackes vom Wasser; Honig konnte damit nicht sich vergleichen. Zuerst trank der Mann, darauf die Frau. Und kaum hatten sie gespürt die Süße dieses Geschmacks, als das Wasser den Mund ihnen berührte, die Zähne umspülte, da wurd' ihnen das ganze Gemüt voll Dankes.

59. Als sie das Trinken beendet, sprachen die Nymphen: »Erhabene Geister! Nun ziehet weiter, wie es euch immer behagt, der Allmächtige, Hijang Tuduh, er wartet eurer; er ging euch voran.«

Freudig gestimmt gingen die Seelen nun weiter. Voller Ehrerbietung, wie von früher zu reden sie es gewohnt war, sprach Tan Porat zum Gatten: »Geh' du voran, du, mein Freund!«

60. »Ich werde dir unmittelbar folgen.«

Der Mann erfüllte ihr dies Verlangen, und so wandelten sie fort, die eine hinter dem andern. Mann und Frau, sie glichen zwei prächtigen Blumen; einem Gott, einem Dewa, einer Göttin, einer Dewi, gleich, so traten sie vor den Allmächtigen.

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