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Malaiische Märchen

Paul Hambruch: Malaiische Märchen - Kapitel 61
Quellenangabe
typefairy
authoranonymus
booktitleDie Märchen der Weltliteratur
titleMalaiische Märchen
publisherEugen Diedrichs, Jena
seriesDie Märchen der Weltliteratur
editorPaul Hambruch, Friedrich von der Leyen und Paul Zaunert
year1922
firstpub1922
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060807
projectidfd754ed7
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59. Wie Boro Budur entstand

Als Buddha allein verehrt wurde, herrschte eben in dieser Djaman-budo, der buddhistischen Zeit, im mittleren Teile Javas ein mächtiger Fürst. Dewa Kusuma wurde er genannt und war der Sohn eines hohen Priesters. Einstmals hatte er einen Höfling schwer gekränkt. Der wußte vor Zorn nicht aus, nicht ein, und fast berstend vor Wut und Ingrimm sann er nur noch nach Mitteln, um furchtbare Rache zu nehmen und den Beleidiger aufs empfindlichste zu treffen. Nun hatte Dewa Kusuma ein einziges Kind, ein Mägdlein. Schön und hold, war es des Vaters Augapfel, das Glück seines Lebens.

Eines Tages war das Kind verschwunden. Überall wurde es gesucht. Tausende von Dienern mußten sich aufmachen, um es zu suchen, nach ihm zu fragen und es wieder zum Vater zu bringen. Das ganze Reich wurde in eine gewaltige Erregung versetzt; jeder bemühte sich, den Dienern zu helfen, um dem armen Vater sein Töchterlein wieder herbeizuschaffen doch alle Mühen, aller Eifer waren vergebens. Nirgendwo entdeckte man auch nur die winzigste Spur des verlorenen Kindes.

So etwas war noch nicht erlebt worden; noch niemals war ein Kind so geheimnisvoll verschwunden. Tiefes Dunkel lagerte darüber, und ein so eigenartiger, gespensterhafter Schleier wundersamen Verborgenseins war darüber ausgebreitet, daß auch die kühnsten und tapfersten Leute zu zagen begannen, wenn sie davon reden hörten; und die Mütter schlossen ihre Kinder ängstlich im Hause ein und getrauten sich nicht mehr, sie draußen spielen zu lassen.

Der arme Vater war untröstlich; niemand vermochte ihm Hoffnungen zu erwecken. So verließ er denn seinen Palast, sein Reich und durchstreifte das ganze Land, ganz Java, um sein Kind zu suchen. Er wollte nicht eher ruhen, nicht eher wieder rasten, nicht mit Weinen, nicht mit Klagen einhalten, bis er die Tochter wiedergefunden, sie wieder an sein Herz gedrückt hätte.

Jahre vergingen.

Eines Tages begegnete der Einsame auf seinen Irrfahrten einem blühenden, jungen Mädchen von überirdischer, reizender, vollendeter Schönheit. Es war sein verlorenes Kind! Doch der Vater erkannte die Tochter, die Tochter den Vater nicht wieder.

Leidenschaft und Begierde überkamen und überwältigten den Einsamen. Er konnte die Schöne nicht vergessen, und so bewarb er sich um ihre Hand. Sie nahm seinen Antrag entgegen, und sie wurden Mann und Weib.

Sie wußten nicht voneinander, und aus der blutschänderischen Ehe wurde ein Kind geboren.

Da war die Rachgier des Beleidigten vollends befriedigt, und voll Freude darüber eilte er zum König und offenbarte das furchtbare Geheimnis, enthüllte er die unselige Tat.

Dewa Kusuma war wie vom Donner gerührt. Voll Angst beschied er die Priester zu sich und fragte sie, wie er dem Zorn und der Rache der Götter entgehen, wie er sie versöhnen könnte. Die Priester erklärten, daß es für ein solches Verbrechen, auch wo es in Unschuld begangen wäre, keine Verzeihung gäbe. Zur Strafe müßte der König samt Mutter und Kind zwischen vier Mauern eingeschlossen werden, um den Rest ihres Lebens in Buße, Reue und Gebet hinzubringen.

»Gibt es denn nichts, was die Strafe zu mildern, was sie aufzuheben vermag?«

»Ja, eine Rettung, ein Mittel ist noch möglich. Falls Ihr zu Ehren Buddhas innerhalb zehn Tagen einen Tempel erbaut, dessen Entwurf wir Euch vorlegen werden, und ihn mit all' den Bildnissen Buddhas, den Wandelgängen, den Glocken und vielem andern mehr erbaut, dann kann Euch Verzeihung, kann Euch die Strafe erlassen werden. Doch muß alles vollkommen sein, nicht das Geringste darf fehlen, sonst ist alle Mühe vergebens gewesen.«

Mit allen Künstlern und Arbeitern ging Dewa Kusuma sogleich ans Werk. Wäre einem Fürsten Javas etwas unmöglich gewesen? Boro-Budur wurde in zehn Tagen erbaut.

Die Frist war noch nicht abgelaufen, da prangte hoch oben auf dem Hügel der neue Tempel zu Ehren Buddhas mit seinen vielen Standbildern, Bildplatten, Dagoben und Glocken. Dewa Kusuma war sehr zufrieden. Stolz auf die geleistete Riesenarbeit und voller Freude ob der winkenden Verzeihung führte er die Priester und Würdenträger durch die Wandelgänge.

Aber was ist das? Warum erblaßt der König, weshalb erbeben ihm die Glieder, warum weichen alle vor Entsetzen vor ihm zurück?

Es fehlt ein Bild!

Wie ist dies nur möglich? Sein unversöhnlicher Feind, der Kinderräuber, hatte auch dies offenbar beiseite geschafft.

Nun kann nichts mehr den unglücklichen Fürsten retten. Wohl ist Boro-Budur vollendet, jedem Beschauer ist das Bauwerk eine Augenweide aber das eine Bild fehlt und somit war der Befehl der Priester nicht erfüllt worden.

Im prächtigen Tempel von Mendut, der unweit Boro-Budur gelegen ist, wurde Dewa Kusuma mit Weib und Kind eingemauert.

In den drei gewaltigen, acht Fuß hohen Bildnissen will der Volksglaube ihre versteinerten Ebenbilder erkennen.

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