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Malaiische Märchen

Paul Hambruch: Malaiische Märchen - Kapitel 59
Quellenangabe
typefairy
authoranonymus
booktitleDie Märchen der Weltliteratur
titleMalaiische Märchen
publisherEugen Diedrichs, Jena
seriesDie Märchen der Weltliteratur
editorPaul Hambruch, Friedrich von der Leyen und Paul Zaunert
year1922
firstpub1922
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060807
projectidfd754ed7
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57. Das Wasser »Lebensmutter«

Einstmals schenkte der Geisterfürst dem Propheten Allahs, Salomo (Friede sei mit ihm!), ein Gefäß, in dem das Wasser Mutter des Lebens aufbewahrt war. Allahs Prophet, Salomo, fragte nun einen ehrwürdigen Minister, namens Assaf: »Sagt an, mein Minister, was dünkt Euch? Ist es rätlich, die Mutter des Lebens zu trinken oder nicht?«

Antwortete der Minister Assaf: »Es ist besser, Ew. Majestät trinke, auf daß sie stets lebe bis zum Tage der Auferstehung.« Nun fragte der Prophet Salomo den ehrwürdigen Minister der Geister, namens Demarbath: »Sagt an, mein Minister, was dünkt Euch? Soll ich von diesem Wasser Mutter des Lebens trinken oder nicht?«

Antwortete der Minister Demarbath: »Trinkt, Herr, von dem Wasser, damit alle Krankheiten, die in Ew. Majestät Leib sich bergen, sich samt und sonders verlieren.«

Nun fragte der König den ehrwürdigen Minister der Vögel, den Adler: »Sagt an, mein Minister, was ratet Ihr mir? Soll ich trinken oder nicht?«

Antwortete der Minister Adler: »Majestät, trinket, auf daß Ihr wieder jung werdet!«

Darauf fragte der König auch den Minister der vierfüßigen Tiere, den Löwen: »Sagt an, mein Minister, was dünkt Euch? Soll ich dies Wasser trinken oder nicht?«

Antwortete der Minister Löwe: »Es ist schon besser, Ew. Majestät trinke, damit Ew. Antlitz an Schönheit erstrahle. Das weitaus verständigste und klügste Tier unter uns ist jedoch das Stachelschwein. Ew. Majestät befrage das Stachelschwein.«

Nun fragte der König Salomo: »Wo weilt denn das Stachelschwein?«

Minister Löwe antwortete: »Herr, das Stachelschwein ist noch in seinem Loche.«

Da befahl König Salomo seinem Reitpferde: »Geh' schnell und hole mir das Stachelschwein!«

Das Pferd lief eilends davon. Als es vor dem Loche des Stachelschweins angekommen war, rief es laut: »Heda, Stachelschwein, komm heraus! König Salomo läßt dich rufen, beeile dich und trete vor ihn!«

Das Stachelschwein erwiderte: »Bitte, entschuldige mich vorerst beim Könige.«

Das Pferd kehrte zum Könige Salomo zurück. Der ergrimmte ob des Verhaltens vom Stachelschwein; er wandte sich an den Hund: »Lauf', hole das Stachelschwein! Kommt es nicht gutwillig, dann bringe es mit Gewalt hierher!«

Der Hund ging schnell fort. Als er vor dem Loche des Stachelschweins angekommen war, rief er laut: »Heda, Stachelschwein, komm heraus! König Salomo, der Prophet Allahs, läßt dich rufen. Tritt vor ihn! Und bist du nicht willig, dann schaffe ich dich mit Gewalt vor das Antlitz Seiner Majestät.« Beim Ton der Stimme des Hundes fuhr das Stachelschwein zusammen und erschrak gar sehr. Schnell lief es zum König Salomo, es verneigte sich und warf sich vor ihm nieder.

Salomo sprach: »Sagt an, Herr Löwe, erzähltest du mir nicht, daß das Stachelschwein das verständigste von allen Tieren ist? Ich ließ es durch mein Reitpferd, das erhabenste Tier, zu mir entbieten; es kam nicht. Nun, wo ich den gemeinen Hund sandte, kam es sogleich.«

Der Minister Löwe teilte dem Stachelschwein die Meinung des Königs mit. Es erwiderte: »Ei, Hochweiser Herr, die Majestät sprach recht. Begreifst du denn meine Beweggründe nicht? Das Pferd ist ein erhabenes Tier, es wollte mich nicht verleumden. Was ich sagte, berichtete es der Majestät. Der Hund ist aber ein gemeines Tier. Hätte ich auch nichts Böses gesagt, es würde mich doch bei der Majestät verleumdet haben. Deshalb kam ich schnell herbei, ich fürchtete, ich würde als Aufrührer bei Seiner Majestät angeschwärzt werden.«

Als König Salomo die Worte des Stachelschweins vernommen hatte, sagte er: »Wohlan, Stachelschwein, ich will dich etwas fragen. Der König der Geister schenkte mir das Wasser Mutter des Lebens. Was meinst du, soll ich davon trinken oder nicht? Antworte mir aufrichtig!«

Das Stachelschwein vernahm die Worte des Königs und dachte lange nach. Endlich fragte Salomo: »Nun, Stachelschwein, weshalb stehst du so gesenkten Hauptes da und antwortest nicht?«

Da schüttelte das Stachelschwein den Kopf und antwortete: »Großmächtigste Majestät, gnädigster Herr! Genießt Ihr dies Wasser, so ist es sehr gut. Das Leben Ew. Majestät wird verlängert; auch die Krankheiten heilen im Leibe Ew. Majestät. Aber ein Übel ist auch mit dem Genuß verbunden.«

König Salomo fragte: »Ei, Stachelschwein, was für ein Übel ist es denn?«

Antwortete das Stachelschwein: »Trinkt Ew. Majestät vom Wasser, so werdet Ihr nicht sterben, sondern leben bis zum jüngsten Tag. Doch die Frau, welche Ew. Majestät liebt, muß vorher sterben, ebenso die Kinder, an denen Ew. Majestät hängt; auch alle Minister, die sich Ew. Majestät Wertschätzung erfreuen, sinken vorher ins Grab. Was nützt es also, auf solche Art zu leben?«

Sprach der König Salomo: »Stachelschwein, du redest wahre und lebendige Worte! Ein solches Leben zählt nicht.« Damit warf er das Gefäß mit dem Wasser des Lebens zu Boden, daß es in tausend Scherben zerschellte und sein Inhalt sich weithin im Saale ergoß.

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