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Malaiische Märchen

Paul Hambruch: Malaiische Märchen - Kapitel 55
Quellenangabe
typefairy
authoranonymus
booktitleDie Märchen der Weltliteratur
titleMalaiische Märchen
publisherEugen Diedrichs, Jena
seriesDie Märchen der Weltliteratur
editorPaul Hambruch, Friedrich von der Leyen und Paul Zaunert
year1922
firstpub1922
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060807
projectidfd754ed7
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53. Ein Toter tötet zwei, und zwei Tote töten vierzig

In uralten Zeiten lebte einmal in den Bergen eine schöne, reiche Prinzessin, die war geschickt im Aufgeben und gewandt im Lösen von Rätseln. Weil sie nun gar so schön und dazu so reich war, bewarben sich viele Prinzen um ihre Hand; doch wollte niemand ihr gefallen. Und da der Bewerber trotzdem nicht weniger wurden, so ließ sie überallhin verbreiten, daß sie sich niemals verheiraten würde, es sei denn, es melde sich einer, der besser als sie Rätsel aufgeben und lösen könne. Sie machte zur Bedingung, daß der, dessen Rätsel sie lösen, oder der das von ihr aufgegebene Rätsel nicht zu lösen vermöchte, gehängt werden sollte; den Sieger wollte sie aber zum Gemahl nehmen.

Manch' ein Prinz meldete sich; doch löste keiner die Aufgabe; und alle mußten eines schmählichen Todes sterben.

Nun lebte weit, weit vom Palaste der Prinzessin entfernt, ein König; dem hatte seine Gemahlin einen Sohn geschenkt, der Salmon genannt wurde. Er war der einzige Sohn. Und damit er nicht allein wäre, gesellten die Eltern ihm einen Spielkameraden. Er hieß Luis und war so alt wie der Königssohn. Beide wurden in strengster Abgeschlossenheit erzogen, denn der König wollte nicht, daß der Prinz einmal von der schönen Prinzessin und ihren Bedingungen etwas vernahm. Sie waren stets in einem Hause eingeschlossen und glaubten daher, daß die Welt nicht größer wäre als ihr Königreich.

Zuweilen blickten sie einmal in die blaue Ferne, und wenn sie dort gelegentlich Rauch aufsteigen sahen, dann wandelte sie ein ängstliches Staunen an. Sie bekamen Lust, einmal über die so weit entfernten Berge zu steigen und nachzusehen, was es wohl jenseits derselben gäbe. Der Weg war aber zu lang, daß man ihn hätte zu Fuß machen können. Und ein Pferd konnten sie nicht bekommen, weil der König sie sorgsam vor ihnen verborgen hielt.

Eines Tages sandte der König aber den Luis, der gerade nach dem Felde wollte, in den Wald, um sein Pferd zu holen. Der Diener gehorchte. Als er das Pferd brachte, war der König gerade im Palaste. Und so nutzten Salmon und Luis die Gelegenheit, um auf dem Pferde über die Berge zu reiten.

Dabei betraf sie die Mutter und fragte: »Wohin wollt ihr denn?«

»Wir wollen mal sehen,« antwortete der Sohn, »wie es jenseits der Berge ausschaut.«

Die Mutter wollte sie zurückhalten; aber soviel sie auch weinte, drohte, bat und flehte; es half doch nichts. »Du und Vater habt uns lange genug eingesperrt. Nun halten wir es nicht mehr aus und fügen uns dem nicht mehr,« sagte Salmon.

»Da ist es besser, wenn mein Sohn gleich stirbt,« dachte die verzweifelte Mutter. Und sogleich versuchte sie, die beiden Jünglinge mit einem schnellwirkenden Gifte zu bestreuen. Die saßen jedoch schon zu Pferde und waren davongeritten. Und das Gift war nur an das Hinterteil des Pferdes geraten. Trotzdem tat es seine Wirkung. Schon auf der ersten Rast starb das Pferd.

Die beiden Jünglinge warteten ab, was wohl mit dem Pferde geschehen würde. Es dauerte auch gar nicht lange, da war es voller Maden. Zwei gefräßige Krähen machten sich schnell darüber her und fielen sogleich tot um. Salmon und Luis hoben die toten Vögel auf, schnitten sie in Stücke, räucherten sie ein wenig an und wickelten sie in Blätter ein.

D'rauf setzten sie ihre Reise fort, stiegen über den letzten Berg und trafen dort auf einige Hütten, in denen sie freundlich aufgenommen wurden.

Dem klugen Luis gefiel jedoch das Äußere der Leute gar nicht. Er sagte daher zu Salmon: »Die Leute werden uns während des Schlafes sicherlich bestehlen, vielleicht sogar ermorden. Wir müssen daher auf unserer Hut sein und abwechselnd schlafen und wachen.«

Der Prinz konnte nicht recht wachen; der Schlaf übermannte ihn; und als sie beide schliefen, stahl man ihnen alle Sachen. Auch die zwei geräucherten Krähen hatten die Diebe gestohlen und verzehrt.

Die Krähen waren jedoch vergiftet; und so hatten die Diebe sich daran den Tod gegessen.

Am andern Tage reisten die beiden weiter und kamen in die Stadt der klugen Prinzessin, die sie gastlich aufnahm. Und schon am ersten Abend wollte die Prinzessin ihnen mit Aufgeben und Lösen von Rätseln aufwarten. Doch der Prinz machte Ausflüchte und sagte, daß er davon nichts verstünde. Luis flüsterte ihm aber zu, er möchte die Prinzessin bitten, ihnen zu erlauben, sich einige Augenblicke zurückzuziehen. D'rauf sagte der Diener zum Prinzen: »Gib du zuerst ein Rätsel auf und zwar folgendes: Ein Toter tötet zwei, und zwei Tote töten vierzig. Deute aber auch nicht das allergeringste an, sonst löst sie gewiß dein Rätsel.«

Sie kehrten dann in das Gemach der Prinzessin zurück. Der Prinz bat, daß er das erste Rätsel aufgeben dürfte. Die Prinzessin erlaubte es. Und er sagte: »Ein Toter tötet zwei, und zwei Tote töten vierzig. Was ist das?«

Die Prinzessin gab sich nun die größte Mühe, das Rätsel zu lösen. Aber es gelang ihr nicht. Sie bat daher um einige Bedenkzeit.

Luis verstand sehr wohl, was die Prinzessin wollte und sagte zu seinem Herrn: »Heute nacht schickt die Prinzessin jemanden, der mich aushorchen soll. Bleibe also wach, und sobald du mich husten hörst, mußt du herauskommen und zornig fragen, wer da solch' Getöse verursacht.« Was Luis geahnt hatte, trat ein.

Kaum glaubte man, der Prinz wäre eingeschlafen, da pochte auch schon die Frau eines Häuptlings leise an die Tür. Sie bot Luis einen Sack voll Geld, wenn er ihr die Lösung verraten würde.

»Ach,« antwortete der, »Geld brauche ich nicht, mein Herr ist sehr reich.«

»Nun,« sagte sie, »dann gewähre ich dir alles, was du sonst noch begehrst.« Darnach bestand sie dringend auf die Erfüllung seines Versprechens und bat ihn, doch das Rätsel zu lösen. Da hüstelte Luis, und Salmon trat aus dem Gemache heraus. Voll Schrecken und Scham flüchtete die Frau; Geld und Gewand, das Luis festhielt, ließ sie zurück. Das wiederholte sich vier Nächte hintereinander. Jedesmal kam eine andere Häuptlingsfrau.

Am fünften Tage sagte Luis zum Prinzen: »Heut' nacht kommt die Prinzessin selber. D'rum mußt du statt meiner vor dem Gemache schlafen.« Und die Prinzessin kam. Aber auch sie mußte flüchten, das Geld und ihr Gewand zurücklassen, als Luis aus dem Gemache trat. Doch hatte sie soviel aus dem Prinzen herausbekommen, daß er mit seinem Diener zu Pferde von Hause fortgeritten war. Das genügte der klugen Prinzessin, um das Rätsel zu lösen.

Am andern Morgen antwortete sie: »Ein vergiftetes Pferd tötet zwei Krähen, und zwei vergiftete Krähen töten vierzig Menschen.«

So hatte der Prinz sein Leben verwirkt und sollte gehängt werden.

Als er unterm Galgen stand, bat er darum, seinem Diener noch einen letzten Gruß und Auftrag für seine Eltern mitgeben zu dürfen. Der Wunsch wurde ihm gewährt. Und der Prinz sagte: »Wir fingen eine Hindin mit einem kupfernen und einem silbernen Horn. Luis, weise einmal die Hörner vor.«

Der Diener zeigte die beiden ersten Gewänder und Säcke mit Geld.

»Wir fingen noch eine Hindin,« fuhr Salmon fort, »mit einem silbernen und einem goldenen Horn. Luis, weise einmal die Hörner her.«

Der Diener zeigte die beiden andern Gewänder und Säcke mit Geld.

Voll Scham flüchteten die vier Häuptlingsfrauen; denn ihre Gatten waren zugegen und hatten die Gewänder erkannt.

Und wieder sprach der Prinz: »Wir fingen auch einen weiblichen Tiger, der hatte ein goldenes und ein diamantenes Horn. Luis, weise auch diese Hörner her!« »Laß es schon bleiben,« rief die Prinzessin, »ich sehe ein, du bist der mir bestimmte Gemahl.«

Frohlockend trat der Prinz unterm Galgen hervor und wurde nun der Gemahl der klugen, reichen und schönen Prinzessin.

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