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Malaiische Märchen

Paul Hambruch: Malaiische Märchen - Kapitel 54
Quellenangabe
typefairy
authoranonymus
booktitleDie Märchen der Weltliteratur
titleMalaiische Märchen
publisherEugen Diedrichs, Jena
seriesDie Märchen der Weltliteratur
editorPaul Hambruch, Friedrich von der Leyen und Paul Zaunert
year1922
firstpub1922
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060807
projectidfd754ed7
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52. Die faule Frau mit dem Korbe

Es war einmal eine Frau, die war sehr faul. Sie wollte nicht arbeiten, ja, sich kaum baden; nur einmal wusch sie sich in zehn Tagen.

Eines Tages ging sie nach dem Badeplatz. Da rief eine Nipapalme nach ihr, die auf der anderen Seite des Ufers wuchs. Die Palme rief und rief, aber die Frau war viel zu faul, um zu antworten oder über den Fluß zu fahren und zu fragen, was sie wollte. Schließlich sagte die Nipapalme: »Warum bist du denn so faul, daß du nicht mal über den Fluß fahren willst? Auf deiner Seite ist doch ein Kahn; steig' ein, rudere herüber und hole dir meine jungen Blattsprossen.« Ganz langsam und bedächtig trottete die faule Frau nach dem Kahn, ganz langsam und bedächtig fuhr sie über das Wasser und holte sich dann die Blattsprossen. Darauf sagte die Nipapalme: »Ich rief dich, weil du so faul bist. Nimm nun diese Sprossen mit, trockne sie ein wenig in der Sonne und mach' dir daraus einen Korb.« Die faule Frau hätte beinahe geweint, als sie hörte, daß sie einen Korb machen sollte; sie nahm jedoch die Sprossen mit nach Hause und flocht auch richtig den Korb.

Als er fertig war, sagte er zu der Frau: »So, nun bringe mich an den Weg, wo die Leute zu Markte ziehen, setze mich dort hin, wo alle vorüber müssen, und dann geh' nach Hause.« Die Frau nahm den Korb und tat, wie ihr geheißen war. Viele Menschen zogen vorüber, niemand bemerkte ihn, bis schließlich ein reicher Mann des Weges kam. Als der ihn sah, sagte er: »Den Korb will ich nach dem Markte mitnehmen, da will ich meine Einkäufe hineinpacken, und treffe ich den Eigentümer auf dem Markte, dann kann ich ihn ihm wiedergeben.« Darauf ging der reiche Mann auf den Markt und fragte jeden, ob er einen Korb vermisse, aber niemand meldete sich. »Schön,« sagte der reiche Mann, »dann gehört er mir, ich werde meine Einkäufe hineinpacken und ihn mit nach Hause nehmen; wenn ihn jemand beansprucht, mag der zu mir kommen und ihn sich holen.« Und der reiche Mann packte alle seine Einkäufe hinein: Betelnüsse, Kalk, Kuchen, Fische, Reis und Bananen, bis der Korb voll war; wie nun der Mann sich noch ein Weilchen mit seinen Freunden unterhielt, verschwand der Korb und begab sich nach dem Hause der faulen Frau. Als er noch ein Stückchen vom Hause ab war, rief er die faule Frau. »Nun komm' her, komm' her und hilf mir, ich kann das Gewicht nicht allein schleppen.« Da ging die Frau zum Korbe hinaus, obschon sie dem Weinen nahe war, daß sie dies tun mußte, und holte ihn heim. Als sie sah, was für schöne Sachen darin lagen, meinte sie: »Das ist ja ein herrlicher Korb, aber vielleicht will er seinen Lohn dafür haben. Jedenfalls kann ich, wenn das immer so geht, ein recht gemütliches Leben führen. Ich brauch' den Korb doch nur an den Weg nach dem Markte zu setzen.« So setzte die Frau denn an den Markttagen den Korb immer an den Weg hin, und stets kehrte er gefüllt nach Hause zurück.

Sechs Leute betrog er auf diese Weise um ihr Eigentum. Nun machte es sich, daß die Sechse, die so ihre Habe eingebüßt hatten, den Korb wieder trafen, als sie zum siebenten Male zu Markte zogen. Sie erkannten den Betrüger sogleich wieder. Und diesmal sammelten sie Kuhfladen zusammen und füllten den Korb damit bis oben hin an. »Denn,« sagten sie, »dieser Korb ist ja ein abgefeimter Schurke.« Der volle Korb wanderte nicht auf den Markt, sondern begab sich nach Hause. Als die faule Frau ihn kommen sah, eilte sie zum Hause heraus. Als sie aber sah, daß er voller Kuhfladen war, schrie sie laut auf: »O, nun werde ich sterben müssen, denn der Korb bringt mir ja nichts mehr zu essen.« Und wirklich, fortan brachte der Korb nichts mehr vom Markte heim.

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