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Malaiische Märchen

Paul Hambruch: Malaiische Märchen - Kapitel 52
Quellenangabe
typefairy
authoranonymus
booktitleDie Märchen der Weltliteratur
titleMalaiische Märchen
publisherEugen Diedrichs, Jena
seriesDie Märchen der Weltliteratur
editorPaul Hambruch, Friedrich von der Leyen und Paul Zaunert
year1922
firstpub1922
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060807
projectidfd754ed7
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50. Kaduan

Es war einmal ein Mann, der hieß Kaduan. Der hatte eine Frau und sieben Töchter. Die litten alle an einer bösen Hautkrankheit und waren so verhungert, daß es nicht mehr lange dauern konnte, dann mußten sie die Asche vom Herde verzehren.

Eines Tages sagte Kaduan zu seinen Töchtern: »So kann es nicht mehr weitergehen. Ich werde euch Ehemänner suchen.« Die Töchter trugen Gewänder aus Baumrinde. Deshalb sagten sie zu ihm: »Vater, weshalb willst du für uns Gatten suchen? Es ist unnötig. Wir sind Frauen, die an ihrer Krankheit eingehen, wir haben nicht einmal etwas zu essen, weil wir so arm sind; unser Haus ist eine zusammengefallene Hütte; der Firstbalken ist schon heruntergebrochen und ruht mit dem einen Ende auf der Erde.«

Trotzdem machte Kaduan sich am nächsten Morgen auf und kam schließlich an einen Badeplatz im Flusse, dessen Sand und Geröll aus Goldperlen bestand, wo statt der Früchte an den Bäumen Gongs und Glocken hingen; und die Gongs und Glocken erdröhnten, wenn der Wind sie bewegte.

Kaduan badete und begab sich dann über den Fluß nach dem Hause eines Mannes, namens Galunghan. Vor dem Hause liefen viele Hühner hin und her, denn Galunghan war sehr reich. Kaduan stieg die Treppe zum Hause empor, wo Galunghan ihn begrüßte und fragte, wohin er wollte. »Ich sehe mich nach Gatten für meine Töchter um,« antwortete Kaduan, »wenn sich das schließlich auch nicht gehört, aber deine Jungen sind ebensoviel wert wie meine Kinder, einerlei, ob wir da ihr Aussehen oder ihren Reichtum in Betracht ziehen. Sieben Monate lang bin ich in den Dschungeln gewesen. Daher sind meine Kleider so vertragen. Als ich von Hause fortging, strotzten sie auch von Gold wie deine.«

»Du mußt aber gehörigen Hunger haben,« versetzte Galunghan, »wenn du sieben Monate lang in den Dschungeln herumgelaufen bist. Ich werde für dich Essen bereiten lassen.« Darauf entgegnete Kaduan: »Wenn du für mich kochen läßt, dann laß aber nicht für drei bis vier Leute anrichten, sondern für fünf bis sechs; ich habe einen mordsmäßigen Hunger.« Da hieß Galunghan einige mächtige Töpfe Reis kochen und ließ dazu drei Hühner reichen. Als Kaduan das verzehrt hatte, meinte der Nachbar von Galunghan: »Der Mann muß einen mächtig großen Magen haben; der muß so groß wie ein Korb sein.« Kaduan schaute von den Tellern auf und um sich herum; und als er wieder hinsah, waren auf den Tellern neue Berge von Reis und Fisch aufgetürmt; niemand hatte sie vor ihn hingestellt, sie waren von selber erschienen. »Es wird schon wahr sein,« meinte Galunghan, »daß der Fremde wirklich große Besitztümer im Hause hat; er hat ja alle Speisen vertilgt, und wenn er sich umschaut, dann füllen sich die Teller und Schüsseln, von denen er gegessen hat, ganz von selbst mit neuen Sachen.«

Kaduan aß nochmals und sagte dann zu Galunghan: »Frage doch deine Söhne, ob sie meine Töchter heiraten wollen. Ich mag nicht länger suchen, denn ich kann in diesem Lande niemand finden, der ihrer Schönheit würdig wäre, und auch niemand, der es im Reichtum mit ihnen aufnehmen könnte.«

Da befragte Galunghan seine sieben Söhne, und der Älteste antwortete: »Vater, ich habe keine Lust, ich kenne diesen Kaduan gar nicht und weiß nicht, ob er ein übler oder braver Geselle ist.« Doch der Jüngste meinte: »Was mein Vater befiehlt, werde ich tun.« »Vielleicht glaubt ihr, daß er ein armer Schlucker ist,« sagte Galunghan, »seine Kleider sind nur verschlissen, weil er so lange in den Dschungeln war.« Doch der Älteste weigerte sich trotzdem, zu heiraten; als er aber sah, daß die andern einwilligten, sagte er: »Schön, ich will nicht zurückbleiben, ich werde also auch gehen.«

»Dann gilt es als abgemacht,« erwiderte Kaduan, »ich werde also über sieben Tage nach Hause reisen, dann komme ich wieder, um deine Söhne zur Hochzeit abzuholen. Es wäre nicht schicklich, wenn meine Töchter hierher kämen, denn ich habe ja die Gatten für sie ausgesucht.«

Kaduan ging nach Hause, und als er dort ankam, sah er, wie seine Töchter die Herdasche verzehrten. Er sagte zu ihnen: »Ich habe für euch Gatten gefunden, die Söhne von Galunghan, und in sieben Tagen sollt ihr heiraten.« »Du bringst uns nur Schande,« erwiderten seine Töchter, »denn wir haben eine böse Hautkrankheit und außerdem nichts zu essen.« »Warum tut ihr nicht, was ich euch sage?« versetzte Kaduan, »Galunghans Söhne tun, was ihr Vater ihnen befiehlt.«

Als die Zeit um war, brach Kaduan wieder auf und zog seine Kleider aus Baumrinde an. Er begab sich zu Galunghan, stieg die Stufen zum Hause empor, rief nach Galunghan und sagte: »Ich komme in meinen alten Kleidern wieder. Jeder weiß ja, wie reich ich bin, und ich fürchtete, daß man mich ausrauben und totschlagen möchte, wenn ich meine goldenen Gewänder angelegt hätte. Mein Haus hat sieben Türen, im Dache sind sieben Fenster, sieben Schlafmatten liegen in meinem Hause, die sind eine Spanne hoch und dick. Ich habe sieben Krüge voll Arrak und bei meinen Mahlzeiten stehen fünf Schüsseln mit Reis vor mir, die esse ich in eins auf.« Darauf meinte jemand: »Wer soviel ißt, muß auch einen dicken Bauch haben,« als alle dann nach seinem Bauche hinsahen, wunderten sie sich, denn der sah gar nicht darnach aus, sondern wie der Bauch jemands, der selten etwas zu essen hat. »Gut,« sagte Kaduan, »das Fest ist in meinem Hause hergerichtet. Galunghan, komm' nur mit deinen Söhnen. Ich habe eine ganze Reihe Büffel geschlachtet, auch Reis in Mengen gekocht. Doch habe ich kein einziges Huhn.«

Am andern Tage machten sie sich auf nach Kaduans Hause, Kaduan, Galunghan und seine sieben Söhne. Kaduan ging in fliegender Eile, so daß er alle Augenblicke stillstehen und auf Galunghan und seine sieben Söhne warten mußte.

Kaduan kam zuerst im Hause an und befahl seiner Frau und den Töchtern, hinauszulaufen und sich zu verstecken. Sie wälzten sich aus dem Hause in die Dschungeln, denn infolge ihrer Krankheit vermochten sie nicht zu gehen. Als Galunghan mit seinen sieben Söhnen ankam, hofften sie ein prächtiges Haus finden zu sollen. Aber alles was sie sahen, war eine zusammengefallene Hütte, auf die ein schmaler Pfad hinführte, den ein einzelner Mann ausgetreten haben mußte – Kaduan war auch in die Dschungeln geflüchtet.

Nach einer Weile kam Kaduan wieder zum Vorschein und sagte: »Galunghan, jetzt magst du mich töten.« Er bat einen nach dem andern, aber keiner war dazu bereit. Da rief Galunghans Jüngster: »Vater, ich will ihn erschlagen.« Er griff nach seinem Schwerte und hieb Kaduan in den Arm, bis auf den Knochen. Viel Blut floß aus der Wunde.

Als Galunghans Sohn losschrie und Kaduan in die Nähe des Hauses trieb, verwandelte sich das Blut, das aus Kaduans Wunde rann, in Büffel, Rindvieh und Hühner. Auch das Haus wurde wieder neu und schön, man hörte das Dröhnen der Gongs da drinnen. Da wunderte sich Galunghan und sagte: »Der Mann ist ja noch reicher als ich.«

Kaduan holte jedoch seine Kinder aus dem Versteck heraus. Sie waren wieder gesund und wunderschön geworden, trugen prächtige Gewänder, auch Kaduans abgetragene Kleider hatten sich in goldene verwandelt.

Kaduan schlachtete nun sieben Ochsen und sieben Kühe, brachte auch sieben Krüge Arrak heraus und gab dem Galunghan ein großes Fest. Als das Schmausen und Saufen vorüber waren, kehrte Galunghan heim. Seine Söhne blieben aber bei Kaduan.

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