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Malaiische Märchen

Paul Hambruch: Malaiische Märchen - Kapitel 51
Quellenangabe
typefairy
authoranonymus
booktitleDie Märchen der Weltliteratur
titleMalaiische Märchen
publisherEugen Diedrichs, Jena
seriesDie Märchen der Weltliteratur
editorPaul Hambruch, Friedrich von der Leyen und Paul Zaunert
year1922
firstpub1922
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060807
projectidfd754ed7
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49. Die Geschichte vom ringwurmkranken Kerisen

Ein Jüngling verliebte sich in die Tochter eines Königs. Der Jüngling bekam vom Könige jedoch nicht die Erlaubnis, die Prinzessin zu heiraten. Und so verabredeten die beiden, da dies doch nun der Wille des Königs war, zu flüchten. Die Prinzessin sagte zum Jüngling: »So wollen wir es machen: wenn der Spottvogel ruft, dann halte die Pferde von Vater bereit, auf denen wir reiten können. Hast du alles fertig, dann komm' und wecke mich mit einem Stock, den du durch ein kleines Loch steckst und fang' mich am Fenster auf.« Der Jüngling erwiderte: »Gut, das wollen wir machen.« Nachdem sie ihren Plan gemacht hatten, begab sich der Jüngling wieder nach Hause. Nun traf es sich, daß Kerisen, der ringwurmkrank war, gerade beim Könige Wache hielt. Der hatte alles gehört, was die Prinzessin und der Jüngling miteinander abgemacht hatten. Bevor der Spottvogel gerufen hatte, stellte er die Pferde bereit, denn er wollte die Prinzessin entführen. Als die Pferde gestellt waren, weckte er die Prinzessin und fing sie am Fenster auf; er verfuhr genau so, wie der Jüngling es mit der Prinzessin verabredet hatte. Als er der Prinzessin in den Sattel geholfen hatte, stieg er auch auf, dann flohen sie so weit, daß der König sie nicht mehr erreichen konnte. Solange es noch dunkel war, hatte die Prinzessin es nicht merken können, daß Kerisen sie entführt hatte. Sie waren schon ein gut Stück geritten und bereits in den großen Wald gelangt, da überraschte sie das Tageslicht. Und als es heller Tag geworden war, da sah die Prinzessin, daß der Kerisen sie entführt hatte. Sie sagte: »O Kerisen, wie hast du mich betrogen! Ich glaubte, es wäre mein Verlobter.« Kerisen antwortete: »Nun, was wollt Ihr, umkehren oder mir folgen? Ich werde weiterziehen.« Die Prinzessin antwortete: »Was soll ich nur machen? Dir nicht folgen? Aber ich fürchte mich ja so vor der Heimkehr.«

Sie zogen also weiter und kamen an die See. Und als sie am Strande entlang ritten, sahen sie einen Fisch, den fing Kerisen. Da sagte der Fisch: »O Kerisen, iß mich nicht auf.« Kerisen erwiderte: »O nein, aber ich muß dich doch essen!« Der Fisch sprach: »Iß mich nicht auf, sondern tu folgendes: nimm drei von meinen Barthaaren, und wenn du einmal in Schwierigkeiten gerätst, dann nimm eins, verbrenn' ein bißchen davon, und sogleich werde ich zur Stelle sein.« Da nahm Kerisen die drei Barthaare und ließ den Fisch los.

Kerisen und die Prinzessin entfernten sich und ritten wieder in den Wald. Und als sie so weiterzogen, schauten sie einen Bach, darin trieb eine Limone. Sie sagten sich: »O, dann muß hier in der Nähe ein Dorf sein, denn dort treibt ja schon eine Limone.« Und so ritten sie bachaufwärts und gelangten nach der Hütte einer Witwe. Als sie da ankamen, sagten sie zu der Witwe: »Großmütterchen, wir möchten, daß du unsere Mutter wirst.« Die Witwe erwiderte: »Ach, wollt ihr mich arme Frau zur Mutter haben? Seht doch her, von mir könnt ihr nichts erben.« Kerisen und die Prinzessin entgegneten: »Wie dem auch sei, wir möchten gern, daß du unsere Mutter bist.« Die Witwe versetzte: »Gut, so sei es denn!« So blieben Kerisen und die Prinzessin im Hause ihrer neuen Mutter.

Nun hatte die Prinzessin bei ihrer Flucht das Zaubergerät ihres Vaters mitgenommen; und nachdem sie einige Tage bei ihrer neuen Mutter gewohnt hatten; zauberten sie ein Haus, das war prächtig verziert und mit allem ausgestattet, was in ein Haus hineingehört. Als der König dies schöne Haus von Kerisen und der Prinzessin gesehen hatte, da wunderte er sich und wünschte ihm ein Unglück, damit er das Haus mitsamt der Prinzessin bekäme. Das böse Geschick, was der König dem Kerisen zudachte, war, daß er ihn nach Osten, wo die Sonne aufging, sandte. Denn wer je dahin gezogen war, kehrte für gewöhnlich nie wieder zurück, da er von den Leuten dort totgeschlagen wurde. Der König rief daher Kerisen zu sich und sagte: »Kerisen, du mußt eine Kalabasse nehmen und mir darin Wasser aus dem Lande des Ostens, wo die Sonne aufgeht, holen.« Als der König das gesagt hatte, machte Kerisen sich auf den Weg. Er war voll Kummer, denn er wußte sehr wohl, daß er nicht wieder zurückkommen würde, sondern im Lande des Ostens sterben mußte. Unterwegs erinnerte er sich an den Fisch und dachte: »Ich habe ja die Barthaare des Fisches bei mir.« D'rauf verbrannte er ein wenig von einem Haar, und sogleich erschien der Fisch und fragte: »Was beschwert dich? Warum läßt du mich rufen?« Kerisen erwiderte: »Der König sandte mich, um Wasser aus dem Lande des Ostens, wo die Sonne aufgeht, zu holen. Wer nun nach Osten wandert, kommt selten von dort zurück, für gewöhnlich wird man in jenem Lande umgebracht.« Der Fisch antwortete: »Du mußt folgendes tun: Setz' dich auf mich, ich bringe dich ins Land des Ostens, aber eins sage ich dir, von hier ab bis ins Land des Ostens darfst du kein Wort sprechen, was auch geschehen mag, du darfst keinen Laut von dir geben, sonst mußt du sterben.«

Nachdem der Fisch dies zu Kerisen gesagt hatte, brachen sie auf. Als sie ins Land des Ostens gekommen waren und bei dem Brunnen anlangten, wo die Sonne aufging, sprach der Fisch zu Kerisen: »So, hier schöpfe Wasser!« Da schöpfte er das Wasser und sah nun, wie viele Prinzessinnen dort am Brunnen aufpaßten. Kerisen hatte gerade begonnen, Wasser zu holen, da kam auch schon eine Prinzessin und sagte: »Du Dieb! Weshalb stiehlst du das Wasser, das wir bewachen?« Kerisen gab keinen Laut von sich, so daß er unbehindert sein Wasser holen konnte. Als er fertig war, stieg er wieder auf den Fisch, und sie kehrten nach Westen heim. Als sie aufbrechen wollten, sagte die Prinzessin: »Ich will lieber mit euch gehen, ich fürchte mich, hier zu bleiben, denn ihr habt vom Wasser genommen und darum wird der Herr, dem das Wasser gehört, mir sehr zürnen.« So folgte denn die Prinzessin dem Kerisen. Als sie wieder im Westen angekommen waren, an der Stätte, wo Kerisen den Fisch gerufen hatte, schieden sie voneinander. Der Fisch begab sich heim, und Kerisen samt der Prinzessin zogen weiter westwärts nach dem Hause von Kerisen. Als sie da anlangten, ließ Kerisen die Prinzessin und das Wasser dort. Dann begab er sich zum König und sagte: »Ich bin wieder da!« Der König überzeugte sich, daß er es wirklich war, und war darüber baß erstaunt. Doch sprach er zu ihm: »Es ist gut, daß du wiedergekommen bist.« Darauf schickte der König Kerisen wieder aus, diesmal nach Westen, wo die Sonne unterging, denn er war ja schon im Osten, wo die Sonne aufging, gewesen. So begab sich Kerisen also mit demselben Auftrage wie vordem nach Westen, wo die Sonne unterging, und wie aus dem Lande des Ostens brachte er auch diesmal eine Prinzessin aus dem Lande des Westens mit. Als er wieder zu Hause war, ließ er die Prinzessin und das Wasser zurück. Er ging zum Könige und sagte: »Ich bin wieder da.« Als der König den Kerisen wieder vor sich sah, war er sehr erstaunt, aber er sprach: »Nun, es ist gut, daß du wieder da bist.«

Als der König einsah, daß er sich auf diese Weise des Kerisen nicht entledigen konnte, schickte er seine Leute aus, die mußten viel Holz zu einem Scheiterhaufen zusammenschleppen, worauf Kerisen geworfen werden sollte. Als der Holzstoß hell aufloderte, wurde Kerisen hineingestoßen, damit er verbrannte. Und als er tot war, sagte der König: »Nun ist er endlich tot.« Als die Prinzessin, die Kerisen aus dem Westen, wo die Sonne unterging, und die Prinzessin, die Kerisen aus dem Osten, wo die Sonne aufging, geholt hatte, dies vernahmen, sprachen sie: »Wir wären ja keine Frauen, wenn wir nicht verstünden, ihn wieder lebendig zu machen.« Darauf flehten sie um Regen, der löschte den Scheiterhaufen aus, so daß die Gebeine von Kerisen nicht ganz zerfielen. Als das Feuer aus war, sammelten sie die Gebeine und fügten sie wieder aneinander. Und wie sie das getan hatten, holten sie auch die Asche zusammen und streuten sie über die Gebeine. Darauf begossen sie die Reste mit dem Wasser, das Kerisen aus dem Lande des Ostens und aus dem Lande des Westens geholt hatte. Als sie alles mit dem Wasser besprengt hatten, stand Kerisen wieder lebendig vor ihnen, ein Mensch wie vordem.

Nun sann Kerisen auf ein Mittel, wie er sich am Könige rächen könnte. Er fragte seine Mutter: »Mutter, sag' mal, was für ein Gewand trug der alte König bei seinem Tode?« Die Mutter erwiderte: »Ja, das weiß ich noch, denn ich habe es ja selber genäht.« Darauf sprach Kerisen: »Sei so lieb und nähe mir solch ein Gewand, wie er damals trug, ich möchte inzwischen etwas anderes machen.« Die Mutter nähte ihm ein solches Gewand. Und als es fertig war, legte Kerisen es an und stattete darin mit den Prinzessinnen dem König einen Besuch ab. Als der König Kerisen erblickte, erschrak er und fragte: »Irr' ich mich nicht? Bist du wirklich der Kerisen, der verbrannt wurde?« Er erwiderte: »Ja, das bin ich!« Und er erzählte: »Wie es kam, daß ich wieder da bin? Nun, kurz nachdem ich auf den Scheiterhaufen gelegt worden war, versank die Stätte, wo ich lag, in die Erde, und ich kam in eine wunderschöne, prächtige Stadt. Wie ich da die Große Straße entlang ging, nach Norden, wurde ich plötzlich von einem vornehmen Mann angesprochen, den ich nicht kannte. Er sagte: Woher kommt Ihr? Ich erwiderte: Von der Oberwelt. D'rauf redete er weiter: Ich bin hier der König des Reiches unter der Erde und der Vater des Königs vom Reiche in der Oberwelt. Wie geht es denn dem Könige in der Oberwelt? Ich antwortete: O, ihm geht es gut, er ist ganz gesund. Dann sagte er: Begib dich wieder nach oben und bestelle dem Könige, daß er mit seiner Frau und der gesamten Obrigkeit hierherkommen soll; nur die Prinzessinnen sollen oben bleiben und auf den Palast passen.« Der König fragte: »Ist das auch wirklich wahr? Hältst du uns auch nicht zum Narren?« Kerisen entgegnete: »Damit der König nicht behaupte, ich möchte ihn narren, zeige ich Euch hier das Gewand des Königs von der Unterwelt; er hat es mir mitgegeben, damit Ihr nicht an meinen Worten zweifelt.« Wie der König das Gewand sah, erkannte er es als dasjenige, womit sein Vater nach seinem Tode bekleidet worden war. Da wurde der König guter Laune und fragte Kerisen: »Welchen Weg müssen wir denn einschlagen?« Kerisen erwiderte: »Nun, ihr müßt euch auf einen Scheiterhaufen legen, wie Ihr es mit mir machtet. Da ihr aber recht zahlreich seid, müßt ihr einen sehr großen Holzstoß herrichten.« Damit schickte der König viele Leute aus, die mußten Holz schlagen. Als das Holz aufgeschichtet war, wurde es in Brand gesetzt. Und wie es hell aufloderte, sagte Kerisen: »So, nun stürzt euch alle hinein!« Da warfen sich der König, seine Frau und die ganze Obrigkeit in die Flammen. Und wie sie drinnen waren, sprach Kerisen: »Nun bin ich hier König.«

So wurde Kerisen König, denn der rechte König war mit seinem ganzen Gefolge umgekommen. Das ist die Geschichte vom Kerisen.

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