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Malaiische Märchen

Paul Hambruch: Malaiische Märchen - Kapitel 50
Quellenangabe
typefairy
authoranonymus
booktitleDie Märchen der Weltliteratur
titleMalaiische Märchen
publisherEugen Diedrichs, Jena
seriesDie Märchen der Weltliteratur
editorPaul Hambruch, Friedrich von der Leyen und Paul Zaunert
year1922
firstpub1922
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060807
projectidfd754ed7
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48. Der Prinz und die Prinzessin

Eines guten Tages machte einmal ein Prinz eine Lustfahrt auf dem Wasser. Mit dem Kahn ging es nach der Mündung eines Flusses und von dort in See. Und der Prinz hatte seine Angelrute mitgenommen, um im Meere zu fischen. Als sie auf hoher See waren, warf er die Angel aus. An der Quelle des Flusses wohnte eine Prinzessin, die war es gewohnt, im Flusse ihr Haar zu waschen. Nun war das Haar so lang, daß es über den Fluß bis ins Meer reichte. Und so kam es von ungefähr, daß das Haar der Prinzessin sich in der Angel des Prinzen verfing. Er befahl daher, umzukehren und den Fluß hinaufzufahren, um das Haar der Prinzessin zu entwirren.

Der Kahn fuhr stracks den Fluß hinauf, bis er an die Quelle kam. Hier bemächtigten sie sich der Prinzessin und einer Dienerin. Die meisten andern Dienerinnen entkamen und liefen schnell zum König und erzählten ihm, daß ihre jugendliche Prinzessin entführt worden wäre.

Als der König hörte, daß man seine Tochter gefangengenommen hatte, ließ er Gongs und Trommeln schlagen, um seine Untertanen zusammenzurufen, die nun die Prinzessin suchen sollten.

Viele Leute folgten der Fährte der Königstochter und sahen noch gerade, wie das Schiff in See ging. Die Leute kehrten darauf wieder zum Könige um und sagten ihm, daß das Schiff wieder in See gegangen wäre. »Und daher, Herr König, konnten Eure Sklaven die Verfolgung nicht weiter fortsetzen.«

Der Prinz nahm aber die Prinzessin mit sich, und sie wurde seine Frau. Doch fuhr das Schiff nicht ans Land zurück, sondern blieb noch auf dem Meere.

Eines Tages, es war vielleicht eben vor Sonnenuntergang, sagte die Prinzessin zu ihrer Dienerin, sie wollten noch beide einen Blick übers Meer tun. Dabei stieß die Dienerin die Prinzessin ins Wasser. Aber sie sank nicht auf den Grund hinab, sondern konnte sich noch am Kiel des Schiffes festhalten. Da kam jedoch ein großer Fisch geschwommen und schluckte der Prinzessin beide Augen über. Und die Dienerin ging in das Gemach der Prinzessin, zog ihre Gewänder an und legte sich dann auf dem Bette der Prinzessin zum Schlafen hin.

Als es Abend geworden und die Essenszeit gekommen war, befahl der Prinz, der Prinzessin die Speisen zu bringen. Man trug also das Essen hinein und setzte es auf dem Tische hin. Die falsche Prinzessin befahl darauf den Dienern, hinauszugehen; sie möchte essen; aber sie wollte dies nicht im Beisein so vieler Leute tun, denn sie befürchtete, dabei ihr Gesicht zu enthüllen, und ihr Antlitz war ganz schwarz. So ging es Tag für Tag, bis das Schiff in der Heimat des Prinzen wieder eingetroffen war.

Kaum war das Schiff vor Anker gegangen, da ließ man ein kleines Boot ins Wasser, um die Prinzessin ans Land zu bringen. Doch war es ja beileibe nicht die Prinzessin, sondern nur ihre Dienerin.

Aber die Leute meinten, daß es wirklich die Prinzessin war. D'rum begleiteten sie die Dienerin, geleiteten sie nach dem Palaste des Fürsten und führten sie in ein prächtiges Gemach. Dort blieb sie nun Tag und Nacht und bekam stets das schönste Essen.

Doch lebte die jugendliche Prinzessin noch, die ins Wasser gestoßen worden war; aber ihre Augen waren blind. Sie ließ den Kiel des Schiffes nicht los. Und als sie hörte, daß das Schiff über den Sand schurrte, dachte sie, es wäre auf Grund geraten. So tastete sie mit den Füßen nach dem Sand. Dabei stieß sie an einen großen Stein. Sie kletterte auf den Stein, stieg an der andern Seite wieder hinunter und tastete sich auf dem Sande weiter. Einmal auf dem Trocknen, fühlte sie sich weiter und kam an eine Stelle am Flusse, wo das Gras sehr dicht stand. Sie ging in das Gras hinein, und weil sie großen Hunger hatte, griff sie nach den Blättern und Halmen und aß, was sie zu fassen bekam.

Als sie ins Meer gestoßen wurde, war sie bereits schwanger. Und so geschah es, daß sie nach ihrer Rettung im Grase einen Sohn zur Welt brachte, der hatte einen Stern auf der Stirn. Sie zog das Kind nur mit Grashalmen auf; und es wuchs und gedieh und wurde zum großen Jungen.

Nun lag ihre Wohnstätte nicht weit vom Palaste des Königs. Der Sohn der Prinzessin spielte täglich beim Palaste. Und als er einmal ein Stück wertloses Eisen sah, nahm er es auf und steckte es ein. Er schmiedete es und machte sich daraus eine Fischangel. Und als die Fischangel fertig war, suchte er sich etliche Enden Tau, steckte sie in die Tasche und zu Hause knüpfte er sie aneinander und machte sich daraus eine Fischleine.

Darauf nahm er die Fischleine und band sie an den Angelhaken. Und als ihm das gelungen war, ging er los, um zu angeln und Fische zu fangen. Die brachte er seiner Mutter. Einen Teil ließ er da, den andern verkaufte er, um ein Feuerzeug zu kaufen. Denn bis dahin hatten sie sich noch kein Feuer machen können. Auch kaufte er einen Kochtopf, um das Essen bereiten zu können. Als er mit dem Einkauf fertig war, ging er wieder zu seiner Mutter in die Wildnis.

Er ließ alle die verschiedenen Sachen bei ihr und ging darauf wieder fort, um nach einer Felshöhle zu suchen, wo sie zusammen wohnen konnten. Bei seinen Zügen entdeckte er denn auch eine große Felsgrotte. Er richtete sie schön und wohnlich her und begab sich wieder zu seiner Mutter, nahm den Kochtopf und die Fische mit, trug sie in die Grotte und ließ sie dort. Dann kehrte er wieder zu seiner Mutter zurück, geleitete sie nach der Grotte; und als sie die Fische gekocht hatten, aßen sie zusammen.

Am folgenden Morgen ging er von neuem nach der See, um zu angeln; er kam mit vielen Fischen heim. Einen Teil ließ er dort und den andern verkaufte er an die Reichen. Für den Erlös kaufte er schöne Stoffe und Nadeln und Faden. Das brachte er alles seiner Mutter in die Grotte. Doch konnte sie ja nicht nähen, denn ihre Augen waren noch immer blind. Der Junge meinte, vielleicht befinden sich die Augen noch im Bauche von dem Fische. Und er sagte zu seiner Mutter: »Ich will mir doch einen großen Fischhaken und eine lange Leine kaufen und versuchen, den großen Fisch zu fangen. Mich dünkt, er hat deine Augen noch im Bauche.«

Wohnhaus in den Padangschen Bovenlanden

Als er das gesagt hatte, suchte er sich einen dicken Baum. Den höhlte er aus und machte sich daraus ein Boot. Darauf kochte er sich eine große Menge Essen, Reis und Fisch, die wollte er auf die Fahrt mitnehmen, wenn er auszog, um den großen Fisch zu suchen, der die Augen seiner Mutter verschluckt hatte. Als alles bereit war, schleppte er das Boot nach der See und ruderte nach der Stelle, wo das Wasser am tiefsten und schwärzesten war. Sechs Tage vergingen, ehe er den Fisch fing, der die Augen der Mutter verschluckt hatte. Der große Fisch verbiß sich an dem Haken und schleppte ihn noch eine Weile mit, bis er müde wurde. Dann schlug der Junge ihn tot.

Nun überlegte er, wie er es anfangen sollte, um mit dem Fisch zur Mutter heimzukehren. Er dachte eine Weile nach, wie er den Fisch hinter sich herziehen könnte; darauf band er ihn am Ausleger fest. Und so ruderte er ans Land zurück. Als er am Strande angelangt war, trug er den Fisch hinauf und brachte ihn zu seiner Mutter in die Grotte. Dort schnitt er dem Fisch den Bauch auf und fand darin auch richtig noch die Augen seiner Mutter, die noch gut erhalten waren.

Er nahm sie in die Hand und sagte zu seiner Mutter: »Mutter! Hier sind deine Augen!«

Die Mutter erwiderte: »Kindchen, ich weiß, du sorgst und kümmerst dich redlich um mich, und darum gingst du auch auf die Suche nach meinen Augen.«

Der Jüngling entgegnete: »Lieb' Mütterchen, nimm denn nun deine Augen in Verwahrung; ich werde noch Medizin kaufen, um sie sauber zu machen.« Und die Mutter antwortete: »Schön, mein Junge.« So wollte er also die Medizin kaufen. Er traf einen Mann und fragte: »He, Freund, habt Ihr eine Medizin, um kranke Augen wieder klar zu machen?«

Der Mann sagte: »Solche Medizin gibt es eine ganze Menge, aber die Flasche kostet einen halben Taler.« Da fragte der junge Prinz: »Doch eine große Flasche?« Der Mann erwiderte: »Ja, eine große Flasche.« Nun antwortete der Prinz: »Fein, dann wollen wir uns die Medizin holen.« Und die beiden gingen weiter.

Der Prinz kaufte nun eine große Flasche davon und kehrte damit zu seiner Mutter heim. Er wusch und reinigte dann mit der Medizin die Augen der Mutter und setzte sie ihr wieder ein. Sprach die Mutter: »Wasch' sie noch ein bißchen, sie sind noch ein wenig trübe.« Der Jüngling nahm sie wieder heraus, wusch sie, machte sie schön sauber und gab sie seiner Mutter wieder: »Nicht wahr, Mütterchen, nun sind sie klar?« Und die Mutter antwortete: »Ja, nun sind sie schön sauber,« und sie saßen wieder fest wie bei andern Menschen.

Und sie konnte jetzt ihre Jacken nähen und ein Paar Hosen, die der Jüngling tragen sollte.

Eines guten Tages veranstalteten die Leute einen Hahnenkampf. Der König ging auch hin, um sich die Menge anzusehen, die beim Hahnenkampf versammelt war. Es waren sehr viele Leute. Auch der kleine Prinz begab sich dorthin. Und damit die Leute nicht sehen konnten, daß er einen Stern auf der Stirn hatte, umwand er sie mit einem Tuche. D'rauf nahm er einen kleinen Hahn und ließ ihn gegen den großen Hahn eines andern kämpfen. Zuvor sprach der Prinz zu dem Manne: »Setze nur einen kleinen Preis aus, denn mein Einsatz ist auch nur gering.« Und der Mann sagte: »Gut.« Nun ließen sie die Hähne gegeneinander los. Der des Prinzen gewann. Vor Freude darüber tanzte er. Und beim Tanze löste sich das Tuch, das er um die Stirn gewickelt hatte, so daß der König sehen konnte, daß der Jüngling einen Stern auf der Stirn hatte. Der König rief ihn heran und sagte: »Morgen kommt in meinen Palast, ich will ein Fest geben.«

Der Prinz entgegnete: »Ja, Herr König! Aber Euer Diener fürchtet sich, Euer Haus zu betreten.« Der König erwiderte: »Morgen müßt Ihr mit Eurer Mutter nach jenem schwarzen Hause kommen.« Und darauf antwortete der Prinz: »Gut, Herr König, morgen vormittag werden Eure Diener vor Euch erscheinen.« Und der König sagte: »Gut.«

Am folgenden Morgen sprach der Prinz zu seiner Mutter: »Wenn wir nun nach dem Palaste des Königs gehen, dann schweige und öffne deinen Mund nicht, ich will mit dem König reden.« Darauf machten die beiden sich auf den Weg. Als sie vor'm Palaste ankamen, ging der König ihnen entgegen und lud sie ein, hereinzukommen. Der König bat sie, Platz zu nehmen und befahl einem Sklaven, schleunigst die Speisen aufzutragen: »Denn ich will mit den beiden essen.« Die Sklaven brachten also die Speisen herein. Und wie sie zur Hälfte mit dem Essen fertig waren, redete der Prinz mit dem König über vergangene Zeiten. Der König sagte: »Gut«, und der Prinz fuhr fort:

»Es war einmal eine Prinzessin, die wohnte in einem andern Land und wusch ihr Haar in einem Flusse. Ein Prinz nahm sie mitsamt einer Dienerin gefangen und brachte sie auf sein Schiff. Die Prinzessin wurde sein Ehegemahl. Eines Abends vor Sonnenuntergang verließ die Prinzessin mit der Dienerin das Gemach, um noch einen Blick über das Meer zu tun. Doch die Dienerin war tückisch und stieß das Ehegemahl des Prinzen über Bord. Darauf ging die Dienerin in das Gemach der Prinzessin, legte die Gewänder der Prinzessin an und sich auf das Bett. Die Prinzessin war jedoch nicht in die Tiefe gesunken, sondern hielt sich am Kiel fest, um so ins Land des Prinzen zu gelangen. Sie ließ das Schiff nicht los. Als sie Grund fühlte, tastete sie sich auf dem Sande aufs Trockene. Und wie sie dahin gekommen war, gebar sie einen Sohn, der hatte einen Stern auf der Stirn.«

Der König erinnerte sich sehr wohl all' dieser Geschehnisse und sagte: »Dann sind es wohl meine Frau und mein Sohn.« Und sogleich schritt er auf sie zu, umarmte sein Ehegemahl und seinen Sohn, und alle drei weinten.

Als sie sich ausgeweint hatten, befahl der König den Dienern, seine Würdenträger und Untertanen zusammenzurufen, um über die Dienerin Gericht zu halten.

Als die Würdenträger alle beisammen waren, erhielten etliche den Auftrag, in den Palast zu gehen und die Dienerin herauszuholen. Wie die Leute bei ihr erschienen, schrie sie: »Nehmt mich nicht gefangen, meine Augen können das Licht nicht vertragen!« Doch die Leute antworteten: »Schön, ob deine Augen das Licht vertragen können oder nicht, wir nehmen dich doch gefangen.« Schreiend schoben sie sie nach der Tür.

Als man darauf ihr Gesicht entschleierte, sahen die Leute, daß ihr Antlitz schwarz und ihr Haupt kahl war.

Und der König befahl, sie mit ausgereckten Gliedmaßen an dem Tor des Büffelstalls festzubinden. Wie dann die Leute die Wasserbüffel in den Stall trieben, geschah es, daß die Stiere gegen sie anliefen und in viele Stücke zerrissen.

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