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Malaiische Märchen

Paul Hambruch: Malaiische Märchen - Kapitel 45
Quellenangabe
typefairy
authoranonymus
booktitleDie Märchen der Weltliteratur
titleMalaiische Märchen
publisherEugen Diedrichs, Jena
seriesDie Märchen der Weltliteratur
editorPaul Hambruch, Friedrich von der Leyen und Paul Zaunert
year1922
firstpub1922
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060807
projectidfd754ed7
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43. Die Geschichte vom blinden König, der in den Westlanden wohnte

Einst lebte in den Westlanden ein König, der hieß Kai-ou; der hatte zwei Söhne; die waren Zwillinge; der eine hieß Nalu-fai, der andere Loa-ledo. Der König war schon alt und betagt und wußte nicht, wer von seinen Söhnen nach ihm König werden sollte. Er wurde immer älter, wurde taub, sein Haar weiß; die Zähne fielen ihm aus, und er sah und hörte nichts mehr. So versammelten sich denn eines Tages die Großen des Reiches im Palaste, um zu beraten, was sie wohl zu tun vermöchten, damit der König wieder sehen könnte. Es dauerte nicht lange, da erhob sich ein alter Mann und sagte: »Ich habe einmal gehört, daß unser König wieder sehen würde, wenn er einen bestimmten Vogel singen hörte.« Als der Fürst das vernahm, sprach er: »So befehle ich denn, jeder, er sei wer er sei, der mir den Vogel bringt und singen läßt, daß meine Augen ihre Sehkraft wieder erhalten, der soll meinen Thron bekommen, und alle meine Reichtümer will ich ihm dann überantworten.« Da besprachen sich die beiden Söhne des Königs miteinander und sagten: »Überlegen wir es uns: wenn wir nicht ausziehen, den Vogel zu suchen, wird keiner von uns König, gelingt es aber einem Fremden, den Vogel zu finden und hierher zu bringen, dann wird er König und über uns herrschen. Laßt uns den Vogel suchen, wir sind ja Königssöhne; und vielleicht erbarmt sich Gott unser und bestimmt, wer von uns den Vogel finden soll, damit das Zepter nicht in andere Hände kommt.«

Sie baten ihre Eltern, ihnen die Reise zu rüsten. Und als der Tag des Aufbruchs da war, nahmen sie die Wegzehrung, Geld und Kleider in Empfang und begaben sich auf die Suche nach dem Vogel. Bald gelangten sie an einen Kreuzweg; sie holten ihre Zehrung hervor, aßen und tranken, nahmen voneinander Urlaub, küßten sich und sagten einander Lebewohl. Nalu-fai ging zur Rechten nach Süden, Loa-ledo zur Linken nach Norden. Nalu-fai zog hurtig weiter und kam in ein Dorf, wo die Leute die Trommeln rührten und Schnaps in großen Mengen tranken. Er schloß sich ihnen an und trank mit, bis alle Leute betrunken waren. So ging es weiter, bis sein Geld aufgezehrt war und er alle seine Kleider verkauft hatte.

Loa-ledo folgte dem andern Weg und kam nach einem Dorfe, das seinem Vater noch untertan war. Als der Prinz ins Dorf kam, begab er sich nach dem Hause einer Witwe. Er sagte zu ihr: »Mütterchen, habt mit mir Mitleid, gebt mir, was Euch beliebt, gebt mir Wasser zu trinken, denn ich bin so durstig.« Die Witwe schöpfte Wasser und brachte ihm in einem Krug davon zu trinken, aber sie wußte nicht, daß der Jüngling der Sohn des Königs war. Der Prinz schaute nach der Ruhebank und sah dort einen Mann liegen. Der schlief jedoch nicht, sondern war schon lange gestorben; aber etlichen Leuten im Dorfe war er viel Geld und Gut schuldig geblieben, und so wollte niemand ihn begraben. Die Witwe erzählte dies alles dem Prinzen, und der befahl nun alle Leute zu sich: »Damit ich die Schulden des Toten bezahlen kann.« Die Witwe ging mit den Waisen hinaus und rief schnell alle die verschiedenen Leute herbei. Und der Prinz zahlte ihnen aus, bis sein Geld alle war. Dann holte er seine Kleiderschätze herbei, um damit weiter zu bezahlen. Als nun die Leute an den Gewändern die Abzeichen des Königs erkannten, dachten sie bei sich: »Sollte er nicht vielleicht ein Sohn unseres Königs sein?« Als sie den Prinzen richtig erkannt hatten, sagten sie zu ihm: »Wir wollen nicht, daß du uns bezahlst, wir wollen aber den Toten begraben.« Darnach machten sich die Leute auf, hoben ein Grab aus, fertigten einen Sarg an und begruben dann den Toten. Als er begraben war, zog der Prinz weiter in ein anderes Land, um den Vogel zu suchen.

So kam er auch zu einem Feigenbaum; hier wollte er ausruhen und etliche Früchte genießen. Als er ein Weilchen geruht hatte, pflückte er die reifen Früchte und aß davon. Und als er eine Feige gegessen hatte, schöpfte er tief Atem, seufzte und tat dies neunmal. Nun kamen aber viele Vögel herbei, die auch von den Feigen essen wollten; und ein schwarzer Vogel, der hoch oben im Wipfel des Baumes saß und sah, daß den Prinzen schwere Sorgen drückten, der fragte ihn: »Sagt an, Herr Prinz, weshalb seid Ihr so bekümmert?« Dann erzählte ihm der Prinz von Anfang an seine Geschichte und wie es geschehen war, daß er nun unter dem Feigenbaum ausruhte. Der Vogel antwortete: »Seid unbesorgt, Ihr werdet den Vogel schon finden. Geht durch diesen Wald, bis Ihr an jene Lichtung dort gelangt. Da trefft Ihr auf eine steinerne Ummauerung, und dort wohnt eine geflügelte Frau, die den Vogel hütet. Ich mache Euch darauf aufmerksam, daß Ihr auf dem Wege dahin zwei roten Schlangen begegnen werdet, die das Tor bewachen. Und wenn Ihr seht, daß ihre Augen geöffnet sind, dann geht geradeaus, aber wenn ihre Augen geschlossen sind, geht nicht, denn dann sind die Schlangen wach. Die beiden Schlangen bewachen die Frau und den Vogel sehr scharf. Wenn Ihr nun die Frau und den Vogel gefunden habt und wieder in Eure Heimat zurückgekehrt seid, wenn Ihr anstelle Eures Vaters König seid, dann denkt an mich, damit wir Eure Reichtümer teilen können.« Der Prinz antwortete: »Schön, das ist gut.« Er zog munter durch den Wald weiter, kam auf die Lichtung, und als er die Ummauerung erblickte, ging er auf das Tor zu. Als er nahebei war, sah er, daß die Augen der Schlangen geöffnet waren; so sagte er zu sich: »Aha, die Schlangen wachen nicht, sie sind in tiefem Schlafe.« Er marschierte dann geradeaus durch die Ummauerung in den Hof. Als er an das Palasttor kam, verspürte die geflügelte Frau einen ungewohnten Geruch; sie schob schnell den Riegel zurück, der das Tor verschloß, und erblickte nun Loa-ledo. Der war ob der wunderbaren Schönheit der Frau so betroffen, daß er zu Boden stürzte und das Bewußtsein verlor. Die Frau hob ihn geschwind auf, trug ihn ins Haus und behandelte ihn mit allerlei Zauberwässern, so daß er wieder zu sich kam. Dann fragte sie ihn: »Woher kommt Ihr denn? Wie seid Ihr hierher gelangt?« Er erzählte nun von Anfang an, wie es gekommen war. Als sie seine Geschichte vernommen hatte, war sie sehr vergnügt; sie schnitt ihm die Nägel und stutzte ihm die Haare. Darnach legte sie ihm prächtige Gewänder an. Der singende Vogel war auch da, und als er verstanden hatte, worüber sie gesprochen hatten, freute er sich; einmal flog er zur geflügelten Frau, zum andern Mal zum Fürstensohn, und so hin und her. Als drei Jahre vergangen waren, warteten sie auf einen günstigen Augenblick, um zu entfliehen. Und eines Tages bemerkte die Frau, daß die beiden Schlangen die Augen geöffnet hatten; da klinkte sie die Tür auf, begab sich mit dem Prinzen und dem Vogel nach draußen, und alle drei machten, daß sie fortkamen. Nachdem sie eine gute Strecke Weges hinter sich gebracht hatten, schenkte die geflügelte Frau dem Prinzen einen Ring. Und dann zogen sie weiter, bis sie an den Kreuzweg kamen, wo die beiden Prinzen gerastet, gegessen und getrunken hatten. Da sprach Loa-ledo zur Frau: »Hier haben mein Bruder und ich uns Lebewohl gesagt, und wir haben einander versprochen, daß einer auf den andern warten will.« Die Frau war damit einverstanden, und so warteten sie.

Es währte auch gar nicht lange, da kam Nalu-fai aus dem Dorfe, doch brachte er nichts mit; und so suchte er denn nach einem Mittel, um sich seines Bruders zu entledigen. Als er erschien, sagte er: »Ich bin durstig, laß die Frau mit dem Vogel nur hier, wir wollen uns Trinkwasser suchen.« Loa-ledo glaubte, was ihm sein Bruder sagte; so gingen sie auf die Suche nach dem Trinkwasser. Und wirklich fanden sie auch einen Brunnen, der war fünfundzwanzig Faden tief. Nalu-fai knotete etliche Lianen aneinander, band an das eine Ende einen Eimer und hieß seinen Bruder schöpfen. Während der sich zum Schöpfen vornüberbeugte, schlich sein Bruder sich hinter ihn und stieß ihn in den Brunnen. Er sollte sterben. Selbst machte er sich mit der geflügelten Frau und dem singenden Vogel auf und zog in die Heimat. Als er das Haus seines Vaters, König Kai-ous, betrat, sagte er: »Ich habe deinen Vogel gefunden.« Aber der Vogel wollte nicht singen, damit der König wieder sehen konnte. Der Vogel blieb stumm, und die Frau war ganz verstört; sie wohnte mit dem Vogel in den Zimmern von Loa-ledo, und die Tür zu den Gemächern blieb stets verschlossen.

Der Vogel, der im Wipfel des Feigenbaums wohnte, verwandelte sich nun in einen Menschen. Er ging an den Rand des Brunnens und ließ dem Loa-ledo etliche aneinandergeknotete Lianen herab; doch der meinte: »Ich glaube, die Lianen reißen, dann falle ich und muß sterben.« Der Mensch antwortete: »Halte dich nur tüchtig fest!« So hielt er sich denn an den Lianen fest, und der Mensch zog ihn empor. Darnach sagte er zu ihm: »Reise in die Heimat, und wenn du vor einem Teller Reis sitzst, dann gedenke meiner, und da ich dir geholfen habe, König zu werden, wollen wir uns später alle deine Reichtümer brüderlich teilen.« Loa-ledo antwortete: »Einverstanden.« Er begab sich jedoch nicht gleich nach seinem Hause, sondern ging auf den Markt der Stadt und tat sich nach Arbeit um. Er schaute nicht gerade wie ein Prinz aus, das Wasser hatte ihn durch und durch durchweicht, er sah garstig aus, und seine Haut war voller Runzeln. Als er nach dem Markte kam, erblickte er die Köchin seines Vaters und sagte zu ihr: »Mütterchen, ich will mit Euch gehen, Ihr dürft mir befehlen, was Ihr wollt, ich will alles tun, auch Töpfe reinigen, und mit allem, was Ihr mir zu essen gebt, will ich zufrieden sein, selbst mit angebranntem Reis.« – Die Alte antwortete: »Schön, das will ich tun, kommt nur mit.« Er ging hinter ihr her, und wenn er etwas verkehrt machte, prügelte sie ihn durch. So ging es manchen Tag. Die geflügelte Frau, die sich noch immer in den Gemächern befand, merkte, daß er heimgekehrt war, und deshalb bat sie die Köchin, ihr Reisbrei zu bereiten. Die Köchin befahl nun dem Loa-ledo, einen Topf zu säubern und Reisbrei zu kochen. Als der Brei fertig war, sagte sie ihm, er solle ihn auf einen Teller füllen und umrühren, damit er abkühle. Loa-ledo zog dabei den Ring ab, den die geflügelte Frau ihm geschenkt hatte und tat ihn in den Reis. Die Köchin trug darauf den Brei zur geflügelten Frau. Als die in dem Reis herumrührte, sah sie den Ring und sagte: »Also ist Loa-ledo wirklich wieder da.« Und des Nachts öffnete sie die Haustür, trug Loa-ledo herein, badete ihn und kleidete ihn von Kopf bis zu Fuß neu ein. Als die Köchin dann am folgenden Tage den Prinzen erblickte, erkannte sie ihn und sagte: »Herr Prinz, seid mir nicht böse, weil ich Euch allezeit die Töpfe reinigen ließ, ich wußte ja nicht, daß Ihr der Prinz wart.« Der Prinz erwiderte: »Nein, ich bin nicht bös.« Der singende Vogel stimmte voll Freude ein Lied an und konnte kein Ende finden. Der Prinz aber ging zu seinem Vater und sagte: »Ich bin wieder heimgekehrt und habe dir den singenden Vogel mitgebracht.« Als der Vater da die Stimme des Vogels vernahm, wurden seine Augen klar, und er konnte wieder sehen. Alle die Vornehmen erschienen nun und setzten Loa-ledo auf den Thron seines Vaters, den Schurken Nalu-fai, der seinen Bruder hatte umbringen wollen, wollten sie in einen Brunnen werfen, der dreißig Faden tief war; wenn er schuldlos wäre, würde er mit dem Leben davonkommen, wäre er schuldig, müßte er sterben. Als sie am Brunnen angekommen waren, warfen sie ihn hinein. Eines Tages erschien auch der Mann, der Loa-ledo aus dem Brunnen geholfen hatte und wollte mit ihm das Land und die Reichtümer teilen. Loa-ledo erinnerte sich nicht mehr an ihn; erst als der Mann ihm alles eingehend erzählt hatte, kam ihm die Erinnerung wieder, und nun teilten sie, wie sie es ausgemacht hatten. Als alles verteilt war, blieb nur noch die geflügelte Frau übrig. Da zog Loa-ledo sein Schwert und wollte sie in zwei Stücke hauen. Doch der Mann sprach: »Laß das; ich kam hierher, um dich auf die Probe zu stellen, ob du mich lieb hast. Ich sehe jetzt, daß du mich lieb hast, denn du willst ja sogar die Frau in zwei Teile hauen. Nun schenke ich dir alles.« Als er die Worte gesprochen hatte, verschwand er. Loa-ledo und die Frau vermählten sich, und es dauerte nicht lange, da wurde sie schwanger und bekam einen Sohn, den sie Tou-Loa nannten. Als das Kind groß geworden war, wollte es nicht auf die Worte der Eltern hören, sondern liebte es, überall in den Landen herumzustreifen. Als er eines Tages wieder einmal von einem Streifzuge in einem weit abgelegenen Lande heimkehrte, waren seine Eltern gestorben. Ein anderer war statt seiner König geworden, und so konnte er den Thron seines Vaters nicht mehr einnehmen. Er brachte nun alles, was seine Eltern ihm hinterlassen hatten, durch; und als er nichts mehr sein eigen nannte, verdingte er sich um Lohn auf einem Segler. Aber er machte mit dem Reeder aus: »Wenn meine Zeit um ist, müßt Ihr mich freigeben, gleichgültig, ob wir uns auf See oder am Lande befinden.« Als der Tag herannahte, wo seine Zeit um war, schaukelte das Schiff noch auf hoher See. Die Zeit war um. Er ließ die ganze Mannschaft zusammenkommen, sprach mit ihnen, verabschiedete sich und sagte: »Ich muß nun von Bord gehen, denn beim Antritt meines Dienstes habe ich ausgemacht, daß ich an dem Tage, wo meine Zeit um ist, das Schiff zu verlassen habe.«

Nun suchten ihn alle auf dem Schiff zurückzuhalten, auch der Reeder, und sprachen: »Wir sind doch auf hoher See, geh' nicht fort, du brauchst nichts zu tun, du kannst essen und trinken soviel du magst, und wenn der Monat zu Ende ist, sollst du deinen vollen Lohn erhalten.« Er wollte nicht hören. Er nahm sein Bündel, sprang ins Meer und schwamm nun darin herum. Der Reeder bekam Mitleid und winkte ihm zu, er solle doch zurückkommen. Als er dann kam, erhielt er ein Beiboot; darin sollte er allein fahren. Dazu bekam er sieben Kanonen. Darauf fuhr er nach der einen, das große Schiff nach der andern Seite hin ab.

Tou-loa landete an einer Insel. Doch fand er dort keine Menschen. Als er in eine Flußmündung einlief, legte er das Boot vor Anker und ließ alle Kanonen darauf. Bei seinen Streifzügen kam er auch an die Nordküste der Insel, und hier erblickte er nun in der Ferne ein mit Blättern gedecktes Haus. Dorthin begab er sich. In dem Hause wohnten sieben Teufel; als Tou-loa kam, waren sie glücklicherweise abwesend; sie waren zum Stehlen in ein fernes Land gegangen. Er trat ins Haus und traf dort eine Witwe. Die sagte zu ihm: »Bursche, du hast es unglücklich getroffen, denn wenn die Teufel heimkommen, werden sie dich auffressen.« Doch mochte die Frau ihn gern leiden. Und als die Teufel zurückkamen, tat sie ihn in eine Kiste, außerdem waren noch acht andere Kisten da, und schloß sie mit einem Schlüssel gut zu. Dann kamen die Teufel nach Haus und merkten an dem Geruch, daß etwas Fremdes im Hause war. Die Frau verneinte es und sagte, sie irrten sich. Der Menschengeruch wurde immer stärker. Tou-loa schwitzte tüchtig in seinem Verließ, so daß auch die Hunde, als sie den Geruch witterten, mit aller Gewalt die Kisten zerbeißen wollten. Die Teufel fragten die Frau wieder, und schließlich antwortete sie ihnen: »Ja, es ist wahr.« Sie suchte nun die Teufel dafür zu gewinnen, daß sie Tou-loa nicht umbrachten: »Seht, ich bin alt, wer soll denn für euch kochen, wenn ihr Sieben von euren Fahrten heimkommt?« Der älteste Teufel sagte: »Wo ist der Mensch? Bring ihn her, ich will ihn fressen.« Der Jüngste erwiderte: »Bruder, tu es nicht, denk' doch einmal nach, die Frau ist schon alt.« Und schließlich sagten alle sieben Teufel: »Das ist wahr.« Da ging die Frau hin, schloß die Truhe auf und Tou-loa stieg heraus und aß und trank mit ihnen. Als die bestimmte Zeit wieder um war, gingen die Teufel wieder aufs Stehlen aus und kehrten erst nach sieben Tagen zurück. Tou-loa und die Witwe blieben im Hause, um einzuhüten. Doch hatten die Teufel sie gewarnt, ja nicht die Kammern im Hause zu öffnen. Anfangs befolgten sie auch den Befehl; da aber die Frau immer älter und unachtsamer wurde, nahm er bald die Gelegenheit wahr und öffnete eine Kammer, in der befand sich lauter Kupfergeld; er öffnete noch eine Kammer, die war voll Silber. Da jedoch die Rückkehr der Teufel jeden Augenblick zu erwarten war, schloß er die Kammern wieder ab. Er ließ sie gehörig essen und trinken; und als sie wieder fort waren, durchforschte er die Kammern von neuem; in einer befanden sich nur Goldmünzen. Und als er in das letzte Versteck eindrang, erblickte er darin eine Prinzessin. Die Teufel hatten nämlich einem König aus dem Reich des Ostens die Tochter geraubt, sie in die Kammer gebracht, sie mit den Haaren an den Dachsparren gefesselt und an die Füße schwere Eisen befestigt. Als Tou-loa das Mädchen sah, untersuchte er erst mal genau, wie die Teufel es gebunden hatten, dann löste er die Fesseln. Da aber die Teufel wieder jeden Augenblick heimkommen konnten, legte er sie ihm darauf wieder an. Als sie fort waren, machte er sie wieder los. Und eines Tages, als es wieder zu Kräften gekommen war, öffneten die beiden die Kammer, worin das Gold lag, und trugen all' die Goldstücke in ein Boot. Dann schoben sie das Boot ins Wasser und fuhren los. Tou-loa setzte schnell alle Segel und lud auch zur Vorsicht sämtliche Kanonen. Die Teufel, die wieder auf einen Raubzug gegangen waren, hatten gerade die Hälfte des Weges hinter sich, als ihnen eine Ahnung kam, daß Tou-loa nichts Gutes in ihrem Hause vorhatte; daher kehrten sie schleunigst um. Zu Hause sahen sie nun, daß die Kammern geöffnet, Tou-loa und die Prinzessin entflohen waren, während die alte Frau auf dem Bette lag und sich nicht mehr rührte. Die sieben Teufel sattelten jetzt ihre Windpferde und ritten hinter den Flüchtlingen her. Sie lenkten die Pferde über das Meer. Als Tou-loa sie herankommen sah, feuerte er die erste Kanone ab, und der älteste Teufel fiel tot herunter. Und so schoß er die sieben Teufel der Reihe nach tot.

Sie gelangten nach einem großen Reiche, auf dessen Reede viele Schiffe vor Anker lagen. Sie gingen ebenfalls vor Anker und Tou-loa an Land, um die Stadt zu besehen. Zwar steckte er viele Goldmünzen zu sich, doch wollte er keine schönen Sachen kaufen, die er nachher doch tragen mußte. Als er an Land ging, tat er sich die Taschen voll Geld, um Sagoschnaps zu kaufen, von dem er dann mit seinen Gefährten trank, bis sie trunken waren; was an Geld übrig blieb, verstreute er unter die Leute und schenkte es ihnen. Als er eines Tages wieder einmal am Lande herumging, sah er einen toten Mann; den hatte man quer über den Weg gelegt, damit jeder, der dort vorüberging, auf ihn treten mußte; und wenn jemand das nicht tat, dann griff ihn die Wache von neun Mann und brachte ihn ins Gefängnis. Tou-loa wollte nun nicht auf den Toten treten und fragte die Wächter: »Weshalb soll ich auf den Toten treten?« Die Wächter antworteten: »Der König hat es befohlen! Der Mann ist achttausend Dukaten schuldig geblieben, deshalb muß er hier auf dem Wege liegen; wer vorbeigeht, muß auf ihn treten; tut er es nicht, dann muß er die achttausend Dukaten bezahlen; und will er dies auch nicht, dann müssen wir ihn binden und ins Gefängnis bringen.« Tou-loa hörte es an und sagte: »Geht, sagt dem König, ich will die Schulden bezahlen, damit der Tote begraben werden kann.« Sie berichteten dies dem König und der befahl seinen Dienern, Tou-loa nach dem Schiff zu folgen, wo er ihnen neun Börsen mit Gold gab. Er nahm darauf auch noch Geld heraus, um Leute zu mieten, welche den Toten begraben sollten.

Eines Tages kam ein Schiff aus dem Osten und brachte die Nachricht, daß der König des Ostlandes einhundertundein Schiffe ausgesandt hätte, die seine Tochter suchen sollten. Der König hatte bekannt geben lassen: »Wer meine Tochter findet, der soll sie zur Frau haben.« Die Prinzessin, welche sich beim Tou-loa befand, war nun die Tochter des Königs des Ostlandes. Sogleich holte sie eine Blume, befestigte sie oben an der Spitze eines Bambusrohrs und sandte sie zusammen mit einem Briefe durch einen Jungen nach dem fremden Schiff. In dem Briefe stand, daß der Überbringer fünfhundert Dukaten erhalten sollte. Der Junge gab den Brief ab, erhielt das Geld und war sehr vergnügt. Als die Zeit zur Abfahrt da war, schickte der Befehlshaber des Schiffes einen Brief an Tou-loa und die Prinzessin, daß sie zu ihm an Bord kommen möchten. Das geschah, und die Anker wurden gelichtet. Nun sah der Befehlshaber, wie wunderschön doch die Prinzessin war, und er überlegte sich im stillen, wie er den Tou-loa beiseite schaffen könnte. Und so gab er den Schiffsleuten den Auftrag: »Paßt diesem jungen Burschen gut auf, dem Tou-loa, und wenn er an der Reeling steht, werft ihn über Bord ins Meer!« Die Schiffsleute stießen ihn bei einer sich bietenden Gelegenheit ins Wasser, und nun konnte der Befehlshaber, wenn sie nach Ostland kamen, die Hand der Prinzessin erhalten.

Die Seele des Toten war zu einem großen Fisch geworden, und seit dem Tage, wo das Schiff nach der Heimat fuhr, folgte er stets dem Fahrzeug; als dann die Schiffsleute den Tou-loa über Bord warfen, verschlang er ihn. Und schnell schwamm er mit ihm nach Ostland, spie ihn in der Nähe einer Flußmündung am Strande aus und suchte ihm darauf zu essen und zu trinken.

Erst drei Tage später traf das Schiff ein und gab einen Kanonenschuß ab, damit der König wußte, daß seine Tochter wieder da war. Auch der König ließ eine Kanone abfeuern, damit sie an Bord wußten, daß er den Gruß verstanden hätte. Vergebens bemühte sich der Befehlshaber, die Prinzessin umzustimmen, daß sie des Tou-loa vergaß. Auch wollte es das Schicksal, daß man dem König mitteilte, daß seine Tochter nicht an Land kommen wollte; erst als der König selber erschien und sie herzlich bat, mit ihm zu kommen, willigte sie ein. Und in seiner Freude gab der König von Ostland ein Fest, das währte sieben Tage. Nachdem es vorbei war, begab sich der Befehlshaber zum König und hielt um die Hand seiner Tochter an. Da erließ der König an alle seine Untertanen folgende Bekanntmachung: »Kommt alle zu mir! Wir wollen ein Fest feiern, denn in kurzem will ich die Prinzessin mit dem Befehlshaber trauen lassen.« Die Menschen strömten herbei, und ein prächtiges, großes Fest wurde ausgerichtet. An dem Tage, wo die Hochzeit stattfinden sollte, wollte sich Tou-loa auch das Schauspiel ansehen; bald hatte die Prinzessin ihn erspäht und eilte auf ihn zu. Den Befehlshaber ließ sie stehen und führte Tou-loa zu ihrem Vater: »Schau her, dies ist der Mann, der mich befreit hat; als wir auf hoher See waren, hat der Befehlshaber ihn von den Schiffsleuten ins Meer werfen lassen.« Darauf erzählte sie ihrem Vater, wie die sieben Teufel sie entführt hatten, wie Tou-loa gekommen war und sie befreit hatte. Als der König das vernommen hatte, ließ er den Reichsrat kommen, der nun mit ihm beschließen mußte. Er fällte das Urteil, daß der Befehlshaber bestraft werden sollte, weil er ein Schurke war. Und so befahl denn der König, ihn an einem Baum mit dem Kopf nach unten aufzuknüpfen. Tou-loa aber heiratete die Prinzessin, und als er in seine Heimat ziehen wollte, gab der König von Ostland es nicht zu. Tou-loa sollte bei ihm bleiben. So blieb er denn bei seinem Schwiegervater. Der König schenkte ihm alle seine Schätze, und Tou-loa und seiner jungen Frau gebrach es nun an nichts mehr.

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